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Der Nachsommer by Adalbert Stifter

A >> Adalbert Stifter >> Der Nachsommer

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Was zuletzt den unvorhergesehenen und ploetzlichen Raupenfrass anlangt,
den der Mensch zu spaet entdeckt, so kann er sich nicht einstellen, da
die Voegel ueberall nachsehen und bei Zeiten abhelfen."

"Wie sehr diese Tiere fuer das Ungeziefer geschaffen sind", sagte er
nach einer Weile, "zeigt sich aus der Beobachtung, dass sie die Arbeit
unter sich teilen. Die Blaumeise und die Tannenmeise entdeckt die Brut
der Ringelraupe und anderer Raupengattungen an den aeussersten Spitzen
der Zweige, wo sie unter der Rinde verborgen ist, indem sie, sich
an die Zweige haengend, dieselben absucht, die Kohlmeise durchsucht
fleissig das Innere der Baumkrone, die Spechtmeise klettert Stamm auf
Stamm ab und holt die versteckten Eier hervor, der Finke, der gerne in
den Nadelbaeumen nistet, weshalb auch solche Baeume in dem Garten sind,
geht gleichwohl gerne von ihnen herab und laeuft den Gaengen der Kaefer
und der gleichen nach, und ihn unterstuetzen oder uebertreffen vielmehr
die Ammerlinge, die Grasmuecken, die Rotkehlchen, die auf der Erde
unter Kohlpflanzen und in Hecken ihre Nahrung suchen und finden. Sie
beirren sich wechselseitig nicht und lassen in ihrer unglaublichen
Taetigkeit nicht nach, ja sie scheinen sich eher darin einander
anzueifern. Ich habe nicht eigens Beobachtungen angestellt; aber wenn
man mehrere Jahre unter den Tieren lebt, so gibt sich die Betrachtung
von selber."

"Auch einen eigentuemlichen Gedanken", fuhr er fort, "hat das Walten
dieser Tiere in mir erweckt oder vielmehr bestaerkt; denn ich hatte
ihn schon laengst. Allen Tatsachen, die wichtig sind, hat Gott
ausser unserem Bewusstsein ihres Wertes auch noch einen Reiz fuer uns
beigesellt, der sie annehmlich in unser Wesen gehen laesst.

Diesen Tierchen nun, die so nuetzlich sind, hat er, ich moechte sagen,
die goldene Stimme mitgegeben, gegen die der verhaertetste Mensch nicht
verhaertet genug ist. Ich habe in unserem Garten mehr Vergnuegen gehabt
als manchmal in Saelen, in denen die kunstreichste Musik aufgefuehrt
wurde, die selten zu hoeren ist. Zwar singt ein Vogel in einem Kaefige
auch; denn der Vogel ist leichtsinnig, er erschrickt zwar heftig, er
fuerchtet sich; aber bald ist der Schrecken und die Furcht vergessen,
er huepft auf einen Halt fuer seine Fuesse und traellert dort das Lied, das
er gelernt hat und das er immer wiederholt. Wenn er jung und sogar
auch alt gefangen wird, vergisst er sich und sein Leid, wird ein Hin-
und Widerhuepfer in kleinem Raume, da er sonst einen grossen brauchte,
und singt seine Weise; aber dieser Gesang ist ein Gesang der
Gewohnheit, nicht der Lust. Wir haben an unserm Garten einen
ungeheueren Kaefig ohne Draht, Stangen und Vogeltuerchen, in welchem der
Vogel vor ausserordentlicher Freude, der er sich so leicht hingibt,
singt, in welchem wir das Zusammentoenen vieler Stimmen hoeren koennen,
das in einem Zimmer beisammen nur ein Geschrei waere, und in welchem
wir endlich die haeusliche Wirtschaft der Voegel und ihre Gebaerden
sehen koennen, die so verschieden sind und oft dem tiefsten Ernste ein
Laecheln abgewinnen koennen. Man hat uns in diesem Hegen von Voegeln in
einem Garten nicht nachgeahmt. Die Leute sind nicht verhaertet gegen
die Schoenheit des Vogels und gegen seinen Gesang, ja diese beiden
Eigenschaften sind das Unglueck des Vogels. Sie wollen dieselben
geniessen, sie wollen sie recht nahe geniessen, und da sie keinen Kaefig
mit unsichtbaren Draehten und Stangen machen koennen wie wir, in dem sie
das eigentliche Wesen des Vogels wahrnehmen koennten, so machen sie
einen mit sichtbaren, in welchem der Vogel eingesperrt ist und
seinem zu fruehen Tode entgegen singt. Sie sind auf diese Weise nicht
unfuehlsam fuer die Stimme des Vogels, aber sie sind unfuehlsam fuer
sein Leiden. Dazu kommt noch, dass es der Schwaeche und Eitelkeit des
Menschen, besonders der Kinder, angenehm ist, eines Vogels, der durch
seine Schwingen und seine Schnelligkeit gleichsam aus dem Bereiche
menschlicher Kraft gezogen ist, Herr zu werden und ihn durch Witz und
Geschicklichkeit in seine Gewalt zu bringen. Darum ist seit alten
Zeiten der Vogelfang ein Vergnuegen gewesen, besonders fuer junge Leute;
aber wir muessen sagen, dass es ein sehr rohes Vergnuegen ist, das man
eigentlich verachten sollte. Freilich ist es noch schlechter und
muss ohne weiteres verabscheut werden, wenn man Singvoegel nicht des
Gesanges wegen faengt, sondern sie faengt und toetet, um sie zu essen.
Die unschuldigsten und mitunter schoensten Tiere, die durch ihren
einschmeichelnden Gesang und ihr liebliches Benehmen ohnehin unser
Vergnuegen sind, die uns nichts anders tun als lauter Wohltaten, werden
wie Verbrecher verfolgt, werden meistens, wenn sie ihrem Triebe
der Geselligkeit folgen, erschossen, oder, wenn sie ihren nagenden
Hunger stillen wollen, erhaengt. Und dies geschieht nicht, um ein
unabweisliches Beduerfnis zu erfuellen, sondern einer Lust und Laune
willen. Es waere unglaublich, wenn man nicht wuesste, dass es aus Mangel
an Nachdenken oder aus Gewohnheit so geschieht. Aber das zeigt eben,
wie weit wir noch von wahrer Gesittung entfernt sind. Darum haben
weise Menschen bei wilden Voelkern und bei solchen, die ihre Gierde
nicht zu zaehmen wussten oder einen hoeheren Gebrauch von ihren Kraeften
noch nicht machen konnten, den Aberglauben aufgeregt, um einen Vogel
seiner Schoenheit oder Nuetzlichkeit willen zu retten. So ist die
Schwalbe ein heiliger Vogel geworden, der dem Hause Segen bringt,
das er besucht, und den zu toeten Suende ist. Und selten duerfte es ein
Vogel mehr verdienen als die Schwalbe, die so wunderschoen ist und so
unberechenbaren Nutzen bringt. So ist der Storch unter goettlichen
Schutz gestellt, und den Staren haengen wir hoelzerne Haeuser in unsere
Baeume. Ich hoffe, dass, wenn unseren Nachbarn die Augen ueber den Erfolg
und den Nutzen des Hegens von Singvoegeln aufgehen, sie vielleicht auch
dazu schreiten werden, uns nachzuahmen; denn fuer Erfolg und Nutzen
sind sie am empfaenglichsten. Ich glaube aber auch, dass unsere
Obrigkeiten das Ding nicht gering achten sollten, dass ein strenges
Gesetz gegen das Fangen und Toeten der Singvoegel zu geben waere und
dass das Gesetz auch mit Umsicht und Strenge aufrecht erhalten werden
sollte. Dann wuerde dem menschlichen Geschlechte ein heiligendes
Vergnuegen aufbewahrt bleiben, wir wuerden durch die Laender wie durch
schoene Gaerten gehen, und die wirklichen Gaerten wuerden erquickend
dastehen, in keinem Jahre leiden und in besonders ungluecklichen nicht
den Anblick der gaenzlichen Kahlheit und der traurigen Veroedung zeigen.
Wollt ihr nicht auch ein wenig unsere gefiederten Freunde ansehen?"

"Sehr gerne", sagte ich.


Wir standen von dem Sitze auf und gingen mehr in die Tiefe den Gartens
zurueck.

Das vielstimmige Vogelgezwitscher durch den Garten und das helle
Singen in unserer Naehe, welches mir gestern nachmittags da ich es in
das Zimmer hinein gehoert hatte, seltsam gewesen war, erschien mir nun
sehr lieblich, ja ehrwuerdig, und wenn ich einen Vogel durch einen Baum
huschen sah oder ueber einen Sandweg laufen, so erfuellte es mich mit
einer Gattung Freude. Mein Begleiter fuehrte mich zu einer Hecke, wies
mit dem Finger hinein und sagte: "Seht!"

Ich antwortete, dass ich nichts saehe.

"Schaut nur genauer", sagte er, indem er mit dem Finger neuerdings die
Richtung wies.

Ich sah nun unter einem aeusserst dichten Dornengeflechte, welches
in die Hecke gemacht worden war, ein Nest. In dem Neste sass ein
Rotkehlchen, wenigstens dem Ruecken nach zu urteilen. Es flog nicht
auf, sondern wendete nur ein wenig den Kopf gegen uns und sah mit
den schwarzen, glaenzenden Augen unerschrocken und vertraulich zu uns
herauf.

"Dieses Rotkehlchen sitzt auf seinen Eiern", sagte mein Begleiter,
"es ist eine Spaetehe, wie sie oefter vorkommen. Ich besuche es schon
mehrere Tage und lege ihm die Larve des Mehlkaefers in die Naehe. Das
weiss der Schelm, darum fraegt er mich schon darnach und fuerchtet den
Fremden nicht, der bei mir ist."

In der Tat, das Tierchen blieb ruhig in seinem Neste und liess sich
durch unser Reden und durch unsere Augen nicht beirren.

"Man muss eigentlich ehrlich gegen sie sein", sagte mein Gastfreund;
"aber ich habe keine Larve in der Hand, darum bitte ich dich, Gustav,
gehe in das Haus und hole mir eine."

Der Juengling wendete sich schnell um und eilte in das Haus.

Indessen fuehrte mich mein Begleiter eine Strecke vorwaerts und zeigte
mir neuerdings in einer Hecke unter Dornen ein Nest, in welchem eine
Ammer sass.

"Diese sitzt auf ihren Jungen, die noch kaum die ersten Haerchen haben,
und erwaermt sie", sagte mein Begleiter. "Sie kann nicht viel von ihnen
weg, darum bringt den meisten Teil der Nahrung der Vater herbei. Nach
einigen Tagen aber werden sie schon so stark, dass sie der Mutter
ueberall hervor sehen, wenn sie sich auch zeitweilig auf sie setzt."

Auch die Ammer flog bei unserer Annaeherung nicht auf, sondern sah uns
ruhig an.

So zeigte mir mein Begleiter noch ein paar Nester, in denen Junge
waren, die, wenn sie sich allein befanden, auf das Geraeusch unserer
Annaeherung die gelben Schnaebel aufsperrten und Nahrung erwarteten. In
zwei anderen waren Muetter, die bei unserem Herannahen nicht aufflogen.
Da wir im Vorbeigehen noch eins trafen, bei welchem die Eltern aetzten,
liessen sich diese nicht von ihrem Geschaefte abhalten, flogen herzu und
naehrten in unserer Gegenwart die Kinder.

"Ich habe euch jetzt Nester gezeigt, die noch bevoelkert sind", sagte
mein Gastfreund, "die meisten sind schon leer, die Jugend flattert
bereits in dem Garten herum und uebt sich zur Herbstreise. Die Nester
sind zahlreicher als man vermutet, wir besuchen nur die, die uns bei
der Hand sind."

Indessen war Gustav mit der verlangten Larve gekommen und gab sie dem
alten Manne in die Hand. Dieser ging zu der Hecke, in welcher das Nest
des Rotkehlchens war, und legte die Larve auf den Weg daneben. Kaum
hatte er sich entfernt und war zu uns getreten, die wir in der Naehe
standen, so schluepfte das Rotkehlchen unter den untersten Aesten der
Hecke heraus, rannte zu der Larve, nahm sie und lief wieder in die
Hecke zurueck.

Ich weiss nicht, welche tiefe Ruehrung mich bei diesem Vorfalle ueberkam.
Mein Gastfreund erschien mir wie ein weiser Mann, der sich zu einem
niedreren Geschoepfe herablaesst.

Auch der Juengling Gustav war sehr heiter und zeigte Freude, wenn er
in die Buesche blickte, in denen eine Wohnung war. Es war mir dies ein
Beweis, dass das Zerstoeren der Vogelnester durch Wegnahme der Eier
oder der Jungen und das Fangen der Voegel ueberhaupt den Kindern nicht
angeboren ist, sondern dass dieser Zerstoerungstrieb, wenn er da ist,
von Eltern oder Erziehern hervorgerufen und in diese Bahn geleitet
wurde, und dass er durch eine bessere Erziehung sein Gegenteil wird.

Wir schritten weiter. In einer kleinen Fichte, die am Rande des
Gartens stand, zeigten sie mir noch eine Finkenwohnung, die an dem
Stamme in das Geflechte teils hervorgewachsener, teils kuenstlich
eingefugter Aeste und Zweige gebaut war. An anderen Baeumen sahen wir
auch in die aufgehaengten Behaelter Voegel aus- und einschluepfen. Mein
Begleiter sagte, dass, wenn ich nur laenger hier waere, mir selbst die
Sitten der Voegel verstaendlicher werden wuerden.

Ich erwiderte, dass ich schon Mehreres aus meinen Reisen im Gebirge und
aus meinen frueheren Beschaeftigungen in den Naturwissenschaften kenne.

"Das ist doch immer weniger", sagte mein Gastfreund, "als was man
durch das lebendige Beisammenleben inne wird."

Es wurden einige Behaelter, die mit aus Ruten geflochtenen Seilen an
Baeumen befestigt waren und von denen man wusste, dass sie nicht mehr
bewohnt seien, herabgenommen und auseinander gelegt, damit ich ihre
Einrichtung saehe. Es war nur eine einfache Hoehlung, die aus zwei
halbhohlen Stuecken bestand, die man mittelst Ringen, die enger zu
schrauben waren, aneinanderpressen konnte.

"Kein Singvogel", sagte mein Begleiter, "geht in ein fertiges Nest,
es mag nun dasselbe in einer frueheren Zeit von ihm selber oder einem
anderen Vogel gebaut worden sein, sondern er verfertigt sich sein
Nest in jedem Fruehlinge neu. Deshalb haben wir die Behaelter aus zwei
Teilen machen lassen, dass wir sie leicht auseinander nehmen und die
veralteten Nester heraustun koennen. Auch zum Reinigen der Behaelter ist
diese Einrichtung sehr tauglich; denn wenn sie unbewohnt sind, nimmt
allerlei Ungeziefer seine Zuflucht zu diesen Hoehlungen, und der Vogel
scheut Unrat und verdorbene Luft und wuerde eine unreine Hoehlung nicht
besuchen. Im letzten Teile des Winters, wenn der Fruehling schon in
Aussicht steht, werden alle diese Behaelter herabgenommen, auf das
Sorgfaeltigste gescheuert und in Stand gesetzt. Im Winter sind sie
darum auf den Baeumen, weil doch mancher Vogel, der nicht abreist,
Schutz in ihnen sucht. Die alten Nester werden zerfasert und gegen
den Fruehling ihre Bestandteile mit neuen vermehrt in dem Garten
ausgestreut, damit die Familien Stoff fuer ihre Haeuser finden."

Ich sah im Voruebergehen auch die Kletterstaebchen in den Wassertonnen,
und im Gebuesche fanden wir das kleine rieselnde Waesserlein.


Als wir uns auf dem Rueckwege zum Hause befanden, sagte mein Begleiter:
"Ich habe noch eine Art Gaeste, die ich fuettere, nicht dass sie mir
nuetzen, sondern dass sie mir nicht schaden. Gleich in der ersten Zeit
meines Hierseins, da ich eine sogenannte Baumschule anlegte, nehmlich
ein Gaertchen, in welchem die zur Veredlung tauglichen Staemmchen
gezogen wurden, habe ich die Bemerkung gemacht, dass mir im Winter
die Rinde an Staemmchen abgefressen wurde, und gerade die beste und
zarteste Rinde an den besten Staemmchen. Die Uebeltaeter wiesen sich
teils durch ihre Spuren im Schnee, teils, weil sie auch auf frischer
Tat ertappt wurden, als Hasen aus. Das Verjagen half nicht, weil sie
wieder kamen und doch nicht Tag und Nacht jemand in der Baumschule
Wache stehen konnte. Da dachte ich: die armen Diebe fressen die Rinde
nur, weil sie nichts Besseres haben, haetten sie es, so liessen sie die
Rinde stehen. Ich sammelte nun alle Abfaelle von Kohl und aehnlichen
Pflanzen, die im Garten und auf den Feldern uebrig blieben, bewahrte
sie im Keller auf und legte sie bei Frost und hohem Schnee teilweise
auf die Felder ausserhalb des Gartens. Meine Absicht wurde belohnt:
die Hasen frassen von den Dingen und liessen unsere Baumschule in
Ruhe. Endlich wurde die Zahl der Gaeste immer mehr, da sie die
wohleingerichtete Tafel entdeckten; aber weil sie mit dem
Schlechtesten, selbst mit den dicken Struenken des Kohles, zufrieden
waren und ich mir solche von unseren Feldern und von Nachbarn leicht
erwerben konnte, so fragte ich nichts darnach und fuetterte. Ich
sah ihnen oft aus dem Dachfenster mit dem Fernrohre zu. Es ist
possierlich, wenn sie von der Ferne herzulaufen, dem bequem
daliegenden Frasse misstrauen, Maennchen machen, huepfen, dann aber sich
doch nicht helfen koennen, herzustuerzen und von dem Zeuge hastig
fressen, das sie im Sommer nicht anschauen wuerden. Manche Leute legten
Schlingen, da sie wussten, dass hier Hasen zusammenkamen. Aber da wir
sehr sorgfaeltig nachspuerten und die Schlingen wegnehmen liessen, da
ich auch verbot, ueber unsere Felder zu gehen, und die Betroffenen
zur Verantwortung zog, verlor sich die Sache wieder. Auch den Voegeln
legten Buben in unserer Naehe Schlingen; aber das half sehr wenig, da
die Voegel in unserem Garten sehr gute Kost hatten und nach der fremden
Lockspeise nicht ausgingen. Die Beute an Voegeln war daher nie gross,
und mit einiger Aufsicht und Wachsamkeit, die wir in den ersten Jahren
einleiteten, geschah es, dass dieser Unfug auch bald wieder aufhoerte."

Der alte Mann lud mich ein, in das Haus zu gehen und die
Fuetterungskammer anzusehen.

Auf dem Wege dahin sagte er: "Unter die Feinde der Saenger gehoeren auch
die Katzen, Hunde, Iltisse, Wiesel, Raubvoegel. Gegen letzte schuetzen
die Dornen und die Nestbehaelter, und Hunde und Katzen werden in unserm
Hause so erzogen, dass sie nicht in den Garten gehen, oder sie werden
ganz von dem Hause entfernt."


Wir waren indessen in das Haus gekommen und gingen in das Eckzimmer,
in welchem ich die vielen Faecher gesehen hatte. Mein Begleiter zeigte
mir die Vorraete, indem er die Faecher herauszog und mir die Saemereien
wies. Die Speisen, welche eben nicht in Saemereien bestehen, wie Eier,
Brot, Speck, werden beim Bedarfe aus der Speisekammer des Hauses
genommen.

"Meine Nachbaren aeusserten schon", sagte mein Begleiter, "dass ausser der
Muehe, die das Erhalten der Singvoegel macht, auch die Kosten zu ihrer
Ernaehrung in keinem Verhaeltnisse zu ihrem Nutzen stehen. Aber das ist
unrichtig. Die Muehe ist ein Vergnuegen, das wird der, welcher einmal
anfaengt, bald inne werden; so wie der Blumenfreund keine Muehe, sondern
nur Pflege kennt, welche zudem bei den Blumen viel mehr Taetigkeit in
Anspruch nimmt als das Ziehen der Gesangvoegel im Freien; die Kosten
aber sind in der Tat nicht ganz unbedeutend; allein wenn ich die
edlen Fruechte eines einzigen Pflaumenbaumes, welchen mir die Raupen
der Voegel wegen nicht abgefressen haben, verkaufe, so deckt der
Kaufschilling die Nahrungskosten der Saenger ganz und gar. Freilich ist
der Nutzen desto groesser, je edler das Obst ist, welches in dem Garten
gezogen wird, und dazu, dass sie edles Obst in dieser Gegend ziehen,
sind sie schwer zu bewegen, weil sie meinen, es gehe nicht. Wir muessen
ihnen aber zeigen, dass es geht, indem wir ihnen die Fruechte weisen und
zu kosten geben, und wir muessen ihnen zeigen, dass es nuetzt, indem wir
ihnen Briefe unserer Handelsfreunde weisen, die uns das Obst abgekauft
haben. Von den Staemmchen, die in unserer Obstschule wachsen, geben wir
ihnen ab und unterrichten sie, wie und auf welchen Platz sie gesetzt
werden sollen."

"Wenn wieder einmal ein Jahr kommen sollte wie das, welches wir vor
fuenf Jahren hatten", fuhr er fort, "es war ein schlimmes Jahr, heiss
mit wenig Regen und ungeheurem Raupenfrass. Die Baeume in Rohrberg, in
Regau, in Landegg und Pludern standen wie Fegebesen in die Hoehe, und
die grauen Fahnen der Raupennester hingen von den entwuerdigten Aesten
herab. Unser Garten war unverletzt und dunkelgruen, sogar jedes Blatt
hatte seine natuerliche Raenderung und Ausspitzung. Wenn noch einmal
ein solches Jahr kaeme, was Gott verhuete, so wuerden sie wieder ein
Stueckchen Erfahrung machen, das sie das erste Mal nicht gemacht
haben."

Ich sah unterdessen die Saemereien und die Anstalten an, fragte manches
und liess mir manches erklaeren.

Wir verliessen hierauf das Zimmer, und da wir auf dem Gange waren und
gegen Gustavs Zimmer gingen, sagte er: "Dass auch unnuetze Glieder
herbeikommen, Muessiggaenger, Stoerefriede, das begreift sich. Ein grosser
Haendelmacher ist der Sperling. Er geht in fremde Wohnungen, balgt
sich mit Freund und Feind, ist zudringlich zu unsern Saemereien und
Kirschen. Wenn die Gesellschaft nicht gross ist, lasse ich sie gelten
und streue ihnen sogar Getreide. Sollten sie hier aber doch zu viel
werden, so hilft die Windbuechse, und sie werden in den Meierhof
hinabgescheucht. Als einen boesen Feind zeigte sich der Rotschwanz.
Er flog zu dem Bienenhause und schnappte die Tierchen weg. Da half
nichts, als ihn ohne Gnade mit der Windbuechse zu toeten. Wir liessen
beinahe in Ordnung Wache halten und die Verfolgung fortsetzen, bis
dieses Geschlecht ausblieb. Sie waren so klug, zu wissen, wo Gefahr
ist, und gingen in die Scheunen, in die Holzhuette des Meierhofes und
die Ziegelhuette, wo die grossen Wespennester unter dem Dache sind. Wir
lassen auch darum im Meierhofe und anderen entfernteren Orten die
grauen Kugeln solcher Nester, die sich unter den Latten und Sparren
der Daecher oder Dachvorspruenge ansiedeln, nicht zerstoeren, damit sie
diese Voegel hinziehen."


Waehrend dieses Gespraeches waren wir in dem Gange der Gastzimmer zu der
Tuer gekommen, die in Gustavs Wohnung fuehrte. Mein Gastfreund fragte,
ob ich diese Wohnung nicht jetzt besehen wollte, und wir traten ein,

Die Wohnung bestand aus zwei Zimmern, einem Arbeitszimmer und einem
Schlafzimmer. Beide waren, wie es bei solchen Zimmern selten der Fall
ist, sehr in Ordnung. Sonst war ihr Geraete sehr einfach. Buecherkaesten,
Schreib- und Zeichnungsgeraete, ein Tisch, Schreine fuer die Kleider,
Stuehle und das Bett. Der Juengling stand fast erroetend da, da ein
Fremder in seiner Wohnung war. Wir entfernten uns bald, und der
Bewohner machte uns die leichte, feine Verbeugung, die ich gestern
schon an ihm bemerkt hatte, weil er uns nicht mehr begleiten, sondern
in den Zimmern zurueckbleiben wollte, in welchen er noch Arbeit zu
verrichten hatte.

"Ihr koennt nun auch die Gastzimmer besuchen", sagte mein Begleiter,
"dann habt ihr alle Raeume unseres Hauses gesehen."

Ich willigte ein. Er nahm ein kleines silbernes Gloecklein aus seiner
Tasche und laeutete.

Es erschien in kurzem eine Magd, von welcher er die Schluessel der
Zimmer verlangte. Sie holte dieselben und brachte sie an einem Ringe,
von welchem einzelne los zu loesen waren. Jeder trug die Zahl seines
Zimmers auf sich eingegraben. Nachdem mein Beberberger die Magd
verabschiedet hatte, schloss er mir die einzelnen Zimmer auf. Sie waren
einander vollkommen gleich. Sie waren gleich gross, jedes hatte zwei
Fenster, und jedes hatte aehnliche Geraete wie das meine.

"Ihr seht", sagte er, "dass wir in unserem Hause nicht so ungesellig
sind und bei dessen Anlegung schon auf Gaeste gerechnet haben. Es
koennen im aeussersten Notfalle noch mehr untergebracht werden als die
Zimmer anzeigen, wenn wir zwei in ein Gemach tun und noch andere
Zimmer, namentlich die im Erdgeschosse, in Anspruch nehmen. Es ist
aber in der Zeit, seit welcher dieses Haus besteht, der Notfall noch
nicht eingetreten."

Als wir an die oestliche Seite des Hauses gekommen waren, an die Seite,
die seiner Wohnung gerade entgegengesetzt lag, oeffnete er eine Tuer,
und wir traten nicht in ein Zimmer wie bisher, sondern in drei, welche
sehr schoen eingerichtet waren und zu lieblichem Wohnen einluden. Das
erste war ein Zimmer fuer einen Diener oder eigentlich eine Dienerin;
denn es sah ganz aus wie das Zimmer, in welchem die Maedchen meiner
Mutter wohnten. Es standen grosse Kleiderkaesten da, mit gruenem Zitz
verhaengte Betten, und es lagen Dinge herum wie in dem Maedchenzimmer
meiner Mutter. Die zwei anderen Gemaecher zeigten zwar nicht solche
Dinge, im Gegenteile, sie waren in der musterhaftesten Ordnung; aber
sie wiesen doch eine solche Gestalt, dass man schliessen musste, dass sie
zu Wohnungen fuer Frauen bestimmt sind. Die Geraete des ersten waren
von Mahagoniholz, die des zweiten von Cedern. Ueberall standen
weichgepolsterte Sitze und schoene Tische herum. Auf dem Fussboden lagen
weiche Teppiche, die Pfeiler hatten hohe Spiegel, ausserdem stand in
jedem Zimmer noch ein beweglicher Ankleidespiegel, an den Fenstern
waren Arbeitstischchen, und in der Ecke jedes Zimmers stand, von
weissen Vorhaengen dicht und undurchdringlich umgeben, ein Bett. Jedes
Gemach hatte ein Blumentischchen, und an den Waenden hingen einige
Gemaelde.

Als ich diese Zimmer eine Weile betrachtet hatte, oeffnete mein
Begleiter im dritten Zimmer mittelst eines Drueckers eine Tapetentuer,
die sich den Blicken nicht gezeigt hatte, und fuehrte mich noch in ein
viertes, kleines Zimmer mit einem einzigen Fenster. Das Zimmerchen war
sehr schoen. Es war ganz in sanft rosenfarbener Seide ausgeschlagen,
welche Zeichnungen in derselben, nur etwas dunkleren Farbe hatte. An
dieser schwach rosenroten Seide lief eine Polsterbank von lichtgrauer
Seide hin, die mit mattgruenen Baendern geraendert war. Sessel von
gleicher Art standen herum. Die Seide, grau in Grau gezeichnet, hob
sich licht und lieblich von dem Rot der Waende ab, es machte fast einen
Eindruck, wie wenn weisse Rosen neben roten sind. Die gruenen Streifen
erinnerten an das gruene Laubblatt der Rosen. In einer der hinteren
Ecken des Zimmers war ein Kamin von ebenfalls grauer, nur dunklerer
Farbe mit gruenen Streifen in den Simsen und sehr schmalen Goldleisten.
Vor der Polsterbank und den Sesseln stand ein Tisch, dessen Platte
grauer Marmor von derselben Farbe wie der Kamin war. Die Fuesse des
Tisches und der Sessel so wie die Fassungen an der Polsterbank und den
anderen Dingen waren von dem schoenen veilchenblauen Amarantholze; aber
so leicht gearbeitet, dass dieses Holz nirgends herrschte. An dem mit
grauen Seidenvorhaengen gesaeumten Fenster, welches zwischen gruenen
Baumwoelbungen auf die Landschaft und das Gebirge hinaussah, stand ein
Tischchen von demselben Holze und ein reichgepolsterter Sessel und
Schemel, wie wenn hier der Platz fuer eine Frau zum Ruhen waere. An
den Waenden hingen nur vier kleine, an Groesse und Rahmen vollkommen
gleiche Oelgemaelde. Der Fussboden war mit einem feinen gruenen Teppiche
ueberspannt, dessen einfache Farbe sich nur ein wenig von dem Gruen der
Baender abhob. Es war gleichsam der Rasenteppich, ueber dem die Farben
der Rosen schwebten. Die Schuerzange und die anderen Geraete an dem
Kamine hatten vergoldete Griffe, auf dem Tische stand ein goldenes
Gloecklein.

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Perfumes: the Guide – a portal to a whole new art

Michelle Magorian scooped the 2008 Costa Children's Book Award with Just Henry, a huge 700-page book that made me cry. Not many authors can do that but Magorian handles dangerously emotional stuff and pulls it off without slipping into mawkish sentimentality. Hence tears.

The same quality marked out Goodnight Mister Tom, her first novel, which won the 1980 Guardian children's book prize and has been read by every child in year 6 and many others both younger and older – rightly so – ever since. Goodnight Mister Tom is avowedly weepy. Only the hardest heart could remain unmoved. I once met a child who'd sticky-taped three pages together because they made her cry too much – I'm sure everyone who's read the book will know which three.

In Goodnight Mister Tom, Magorian had the external drama of the second world war as an emotional backdrop: put simply, there was a lot to weep over. In Just Henry, however, the setting is 1949 and there should be – and is – a feeling of optimism and hope. It is a period that's rarely used in fiction but Just Henry reveals it to be one that's worth exploring. The effect of the war is still being felt in the social changes it brought about. Life didn't just "slip back": few families were lucky enough to remain unaffected. Fathers were lost or altered; mothers found themselves raising families alone, or having to return abruptly to a subordinate role; children were forced to make adjustments either way.

In her big, bold novel, knitted together with more mysteries and coincidences than are credible, Magorian wonderfully captures that uncertainty and shows children's ability to move forward and embrace change far faster than their parents or grandparents. Lest this realism and the solving of the mysteries is too mundane, Michelle adds an extra layer of emotion by weaving in the stories of film stars from the movies of the day. For once, the current fashion of long, long, long books is justified. Just Henry is a wallowing great read. Just don't forget your hanky.

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Charlotte Higgins: The Diary's favourite holiday-season pastime was smelling perfumes

Leona Lewis will soon join the ranks of Winston Churchill, Helen Keller and Gandhi by writing an autobiography. The chart-topping singer has signed a contract with publishers Hodder & Stoughton, with the aim to release the book in October.

Since winning the 2006 season of The X Factor, Lewis has broken sales records, serenaded Mandela and performed at the Beijing Olympics with Jimmy Page. The book will include over 100 new photographs, suggesting that pictures – and not meticulous prose - will be the means by which Lewis tells her tale.

"The last two years have been an unbelievable experience for me," she said in a statement. "So to have it documented in pictures and to be able to tell people in my own words how it feels means a lot to me." Dean Freeman, who worked on David Beckham's autobiography, has been hired to take new photographs of the 23-year-old – of Lewis hunched over a typewriter perhaps, or thumbing through the Oxford English Dictionary.

"This will be the first time Leona tells her story of how the X Factor launched her from waitressing in Pizza Hut in Hackney to stardom on both sides of the Atlantic," raved Fenella Bates, Lewis's editor at Hodder & Stoughton. "It is a real-life fairytale and every girl's dream."

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Charlotte Higgins: Bennett, Burnham and the Booker

The Diary's favourite holiday-season pastime was smelling perfumes, inspired by its favourite holiday-season book: the virtuosic Perfumes: the Guide, by Luca Turin and Tania Sanchez, which offers a critical analysis of 1,500 fragrances. Do not scoff: this is a branch of aesthetics as worthy as any other, and Turin and Sanchez's prose is a delight, with scents related to the orchestration of Ravel or to Bruckner symphonies.

In its haunting of London's perfumery halls, the Diary ran across novelist Philip Hensher, buying Margaret Thatcher's favourite scent Mitsouko, and Sandy Nairne, director of the National Portrait Gallery, who wears Creed's Bois du Portugal. Mitsouko is Turin's favourite perfume. However, he is scathing of Bois du Portugal: "Close in intent but not in richness or quality to de Nicolaï's divine New York, which is at once cheaper and vastly better."

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