Der Nachsommer by Adalbert Stifter
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Adalbert Stifter >> Der Nachsommer
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In unserem Hause war waehrend meiner Abwesenheit eine Veraenderung
eingetreten. Meine Schwester Klotilde, welche bisher immer ein Kind
gewesen war, war in diesem Sommer ploetzlich ein erwachsenes Maedchen
geworden. Ich selber hatte mich bei meiner Rueckkehr sehr darueber
verwundert, und sie kam mir beinahe ein wenig fremd vor.
Diese Veraenderung brachte fuer den kommenden Winter auch eine
Veraenderung in unser Haus. Unser Leben war fuer die Hauptstadt eines
grossen Reiches bisher ein sehr einfaches und beinah laendliches
gewesen. Der Kreis der Familien, mit denen wir verkehrten, hatte keine
grosse Ausdehnung gehabt, und auch da hatten sich die Zusammenkuenfte
mehr auf gelegentliche Besuche oder auf Spiele der Kinder im Garten
beschraenkt. Jetzt wurde es anders. Zu Klotilden kamen Freundinnen,
mit deren Eltern wir in Verbindung gewesen waren, diese hatten wieder
Verwandte und Bekannte, mit denen wir nach und nach in Beziehungen
gerieten. Es kamen Leute zu uns, es wurde Musik gemacht, vorgelesen,
wir kamen auch zu anderen Leuten, wo man sich ebenfalls mit Musik und
aehnlichen Dingen unterhielt. Diese Verhaeltnisse uebten aber auf unser
Haus keinen so wesentlichen Einfluss aus, dass sie dasselbe umgestaltet
haetten. Ich lernte ausser den Freunden, die ich schon hatte und an
deren Art und Weise ich gewoehnt war, noch neue kennen. Sie hatten
meistens ganz andere Bestrebungen als ich und schienen mir in den
meisten Dingen ueberlegen zu sein. Sie hielten mich auch fuer besonders,
und zwar zuerst darum, weil die Art der Erziehung in unserem Hause
eine andere gewesen war als in anderen Haeusern, und dann, weil ich
mich mit anderen Dingen beschaeftigte als auf die sie ihre Wuensche
und Begierden richteten. Ich vermutete, dass sie mich wegen meiner
Sonderlichkeit geringer achteten als sich unter einander selbst.
Sie erwiesen meiner Schwester grosse Aufmerksamkeiten und suchten ihr
zu gefallen. Die jungen Leute, welche in unser Haus kommen durften,
waren nur lauter solche, deren Eltern zu uns eingeladen waren, die wir
auch besuchten und an deren Sitten sich kein Bedenken erhob. Meine
Schwester wusste nicht, dass ihr die Maenner gefallen sollten, und sie
achtete nicht darauf. Ich aber kam in jenen Tagen, wenn mir einfiel,
dass meine Schwester einmal einen Gatten haben werde, immer auf den
nehmlichen Gedanken, dass dies kein anderer Mann sein koenne als der so
waere wie der Vater.
Auch mich zogen diese jungen Maenner und andere, die nicht eben der
Schwester willen in das Haus kamen, oefter in ihre Gespraeche; sie
erzaehlten mir von ihren Ansichten, Bestrebungen, Unterhaltungen und
manche vertrauten mir Dinge, welche sie in ihrem geheimen Inneren
dachten. So sagte mir einmal einer namens Preborn, welcher der Sohn
eines alten Mannes war, der ein hohes Amt am Hofe bekleidete und oefter
in unser Haus kam, die junge Tarona sei die groesste Schoenheit der
Stadt, sie habe einen Wuchs, wie ihn niemand von der halben Million
der Einwohner der Stadt habe, wie ihn nie irgend jemand gehabt habe,
und wie ihn keine Kuenstler alter und neuer Zeit darstellen koennten.
Augen habe sie, welche Kiesel in Wachs verwandeln und Diamanten
schmelzen koennten. Er liebe sie mit solcher Heftigkeit, dass er manche
Nacht ohne Schlaf auf seinem Lager liege oder in seiner Stube herum
wandle. Sie lebe nicht hier, komme aber oefter in die Stadt, er werde
sie mir zeigen, und ich muesse ihm als Freund in seiner Lage beistehen.
Ich dachte, dass vieles in diesen Worten nicht Ernst sein koenne. Wenn
er das Maedchen so sehr liebe, so haette er es mir oder einem andern gar
nicht sagen sollen, auch wenn wir Freunde gewesen waeren. Freunde waren
wir aber nicht, wenn man das Wort in der eigentlichen Bedeutung nimmt,
wir waren es nur, wie man es in der Stadt mit einer Redeweise von
Leuten nennt, die einander sehr bekannt sind und mit einander oefter
umgehen. Und endlich konnte er ja keinen Beistand von mir erwarten,
der ich in der Art mit Menschen umzugehen nicht sehr bewandert war und
in dieser Hinsicht weit unter ihm selber stand.
Ich besuchte zuweilen auch den einen oder den anderen dieser jungen
Leute ausser der Zeit, in der wir in Begleitung unserer Eltern
zusammenkamen, und da war ebenfalls oefter von Maedchen die Rede. Sie
sagten, wie sie diese oder jene lieben, sich vergeblich nach ihr
sehnen oder von ihr Zeichen der Gegenneigung erhalten haetten. Ich
dachte, das sollten sie nicht sagen; und wenn sie eine mutwillige
Bemerkung ueber die Gestalt oder das Benehmen eines Maedchens
ausdrueckten, so erroetete ich, und es war mir, als waere meine Schwester
beleidigt worden.
Ich ging nun oefter in die Stadt und betrachtete aufmerksamer den alten
Bau unseres Erzdomes. Seit ich die Zeichnungen von Bauwerken in dem
Rosenhause so genau und in solcher Menge angesehen hatte, waren mir
die Bauwerke nicht mehr so fremd wie frueher. Ich sah sie gerne an, ob
sie irgend etwas Aehnliches mit den Gegenstaenden haetten, die ich in den
Zeichnungen gesehen hatte. Auf meiner Reise von dem Rosenhause in das
Gebirgstal, in welchem ich mich spaeter aufgehalten hatte, und von
diesem Gebirgstale bis zu dem Schiffe, das mich zur Heimreise
aufnehmen sollte, war mir nichts besonders Betrachtenswertes
vorgekommen. Nur einige Wegsaeulen sehr alter Art erinnerten an die
reinen und anspruchlosen Gestalten, wie ich sie bei dem Meister auf
dem reinen Papier mit reinen Linien gesehen hatte. Aber in der Nische
der einen Wegsaeule war statt des Standbildes, das einst darinnen
gewesen war und auf welches der Sockel noch hinwies, ein neues Gemaelde
mit bunten Farben getan worden, in der anderen fehlte jede Gestalt.
Auf meiner Stromesfahrt kam ich wohl an Kirchen und Burgen vorueber,
die der Beachtung wert sein mochten, aber mein Zweck fuehrte mich in
dem Schiffe weiter. An dem Erzdome sah ich beinahe alle Gestalten von
Verzierungen, Simsen, Boegen, Saeulen und groesseren Teilwerken, wie ich
sie auf dem Papier im Rosenhause gesehen hatte. Es ergoetzte mich, in
meiner Erinnerung diese Gestalten mit den gesehenen zu vergleichen und
sie gegenseitig abzuschaetzen.
Auch in Beziehung der Edelsteine fiel mir das ein, was der alte Mann
in dem Rosenhause ueber die Fassung derselben gesagt hatte. Es gab
Gelegenheit genug, gefasste Edelsteine zu sehen. In unzaehligen
Schaufenstern der Stadt liegen Schmuckwerke zur Ansicht und zur
Verlockung zum Kaufe aus. Ich betrachtete sie ueberall, wo sie mir auf
meinem Wege aufstiessen, und ich musste denken, dass der alte Mann recht
habe. Wenn ich mir die Zeichnungen von Kreuzen, Rosen, Sternen,
Nischen und dergleichen Dingen an mittelalterlichen Baugegenstaenden,
wie ich sie im Rosenhause gesehen hatte, vergegenwaertigte, so waren
sie viel leichter, zarter und, ich moechte den Ausdruck gebrauchen,
inniger als diese Sachen hier, und waren doch nur Teile von Bauwerken,
waehrend diese Schmuck sein sollten. Mir kam wirklich vor, dass sie, wie
er gesagt hatte, unbeholfen in Gold und unbeholfen in den Edelsteinen
seien. Nur bei einigen Vorkaufsorten, die als die vorzueglichsten
galten, fand ich eine Ausnahme. Ich sah, dass dort die Fassungen sehr
einfach waren, ja dass man, wenn die Edelsteine einmal eine groessere
Gestalt und einen hoeheren Wert annahmen, schier gar keine Fassung
mehr machte, sondern nur so viel von Gold oder kleinen Diamanten
anwendete, als unumgaenglich noetig schien, die Dinge nehmen und an dem
menschlichen Koerper befestigen zu koennen. Mir schien dieses schon
besser, weil hier die Edelsteine allein den Wert und die Schoenheit
darstellen sollten. Ich dachte aber in meinem Herzen, dass die
Edelsteine, wie schoen sie auch seien, doch nur Stoffe waeren, und dass
es viel vorzueglicher sein muesste, wenn man sie, ohne dass ihre Schoenheit
einen Eintrag erhielte, doch auch mit einer Gestalt umgaebe, welche
ausser der Lieblichkeit des Stoffes auch den Geist des Menschen sehen
liesse, der hier taetig war und an dem man Freude haben koennte. Ich nahm
mir vor, wenn ich wieder zu meinem alten Gastfreunde kaeme, mit ihm
ueber die Sache zu reden. Ich sah, dass ich in dem Rosenhause etwas
Erspriessliches gelernt hatte.
Ich wurde bei jener Gelegenheit zufaellig mit dem Sohne eines
Schmuckhaendlers bekannt, welcher als der vorzueglichste in der Stadt
galt. Er zeigte mir oefter die wertvolleren Gegenstaende, die sie in dem
Verkaufsgewoelbe hatten, die aber nie in einem Schaufenster lagen, er
erklaerte mir dieselben und machte mich auf die Merkmale aufmerksam, an
denen man die Schoenheit der Edelsteine erkennen koenne. Ich getraute
mir nie, meine Ansichten ueber die Fassung derselben darzulegen. Er
versprach mir, mich naeher in die Kenntnis der Edelsteine einfuehren,
und ich nahm es recht gerne an.
Weil ich durch meine Gebirgswanderungen an viele Bewegung gewoehnt war,
so ging ich alle Tage entweder durch Teile der Stadt herum, oder ich
machte einen Weg in den Umgebungen derselben. Das Zutraegliche der
starken Gebirgsluft ersetzte nur hier die Herbstluft, die immer rauher
wurde, und ich ging ihr sehr gerne entgegen, wenn sie mit Nebeln
gefuellt oder hart von den Bergen her wehte, die gegen Westen die
Umgebungen unserer Stadt saeumten.
Ich fing auch in jener Zeit an, das Theater zuweilen zu besuchen.
Der Vater hatte, so lange wir Kinder waren, nie erlaubt, dass wir
ein Schauspiel zu sehen bekaemen. Er sagte, es wuerde dadurch die
Einbildungskraft der Kinder ueberreizt und ueberstuerzt, sie behingen
sich mit allerlei willkuerlichen Gefuehlen und gerieten dann in
Begierden oder gar Leidenschaften. Da wir mehr herangewachsen waren,
was bei mir schon seit laengerer Zeit, bei der Schwester aber kaum
seit einem Jahre der Fall war, durften wir zu seltenen Zeiten das
Hoftheater besuchen. Der Vater waehlte zu diesen Besuchen jene Stuecke
aus, von denen er glaubte, dass sie uns angemessen waeren und unser
Wesen foerderten. In die Oper oder gar in das Ballet durften wir
nie gehen, eben so wenig durften wir ein Vorstadttheater besuchen.
Wir sahen auch die Auffuehrung eines Schauspiels nie anders als in
Gesellschaft unserer Eltern. Seit ich selbststaendig gestellt war,
hatte ich auch die Freiheit, nach eigener Wahl die Schauspielhaeuser
zu besuchen. Da ich mich aber mit wissenschaftlichen Arbeiten
beschaeftigte, hatte ich nach dieser Richtung hin keinen maechtigen Zug.
Aus Gewohnheit ging ich manchmal in eines von den nehmlichen Stuecken,
die ich schon mit den Eltern gesehen hatte. In diesem Herbste wurde es
anders. Ich waehlte zuweilen selber ein Stueck aus, dessen Auffuehrung im
Hoftheater ich sehen wollte.
Es lebte damals an der Hofbuehne ein Kuenstler, von dem der Ruf sagte,
dass er in der Darstellung des Koenigs Lear von Shakespeare das Hoechste
leiste, was ein Mensch in diesem Kunstzweige zu leisten im Stande
sei. Die Hofbuehne stand auch in dem Rufe der Musteranstalt fuer ganz
Deutschland. Es wurde daher behauptet, dass es in deutscher Sprache auf
keiner deutschen Buehne etwas gaebe, was jener Darstellung gleich kaeme,
und ein grosser Kenner von Schauspieldarstellungen sagte in seinem
Buche ueber diese Dinge von dem Darsteller des Koenigs Lear auf unserer
Hofbuehne, dass es unmoeglich waere, dass er diese Handlung so darstellen
koennte, wie er sie darstellte, wenn nicht ein Strahl jenes wunderbaren
Lichtes in ihm lebte, wodurch dieses Meisterwerk erschaffen und mit
unuebertrefflicher Weisheit ausgestattet worden ist.
Ich beschloss daher, da ich diese Umstaende erfahren hatte, der naechsten
Vorstellung des Koenig Lear auf unserer Hofbuehne beizuwohnen.
Eines Tages war in den Zeitungen, die taeglich zu dem Fruehmahle
des Vaters kamen, fuer die Hofbuehne die Auffuehrung des Koenig Lear
angekuendigt und als Darsteller des Lear der Mann genannt, von dem ich
gesprochen habe und der jetzt schon dem Greisenalter entgegen geht.
Die Jahreszeit war bereits in den Winter hinein vorgerueckt. Ich
richtete meine Geschaefte so ein, dass ich in der Abendzeit den Weg
zu dem Hoftheater einschlagen konnte. Da ich gerne das Treiben der
Stadt ansehen wollte, wie ich auf meinen Reisen die Dinge im Gebirge
untersuchte, ging ich frueher fort, um langsam den Weg zwischen der
Vorstadt und der Stadt zurueck zu legen. Ich hatte einen einfachen
Anzug angelegt, wie ich ihn gerne auf Spaziergaengen hatte, und eine
Kappe genommen, die ich bei meinen Reisen trug. Es fiel ein feiner
Regen nieder, obwohl es in der unteren Luft ziemlich kalt war. Der
Regen war mir nicht unangenehm, sondern eher willkommen, wenn er mir
auch auf meinen Anzug fiel, an dem nicht viel zu verderben war. Ich
schritt seinem Rieseln mit Gemessenheit entgegen. Der Weg zwischen den
Baeumen auf dem freien Raume vor der Stadt war durch das Eis, welches
sich bildete, gleichsam mit Glas ueberzogen, und die Leute, welche vor
und neben mir gingen, glitten haeufig aus. Ich war an schwierige Wege
gewoehnt und ging auf der Mitte der Eisbahn ohne Beschwerde fort.
Die Zweige der Baeume glaenzten in der Nachbarschaft der brennenden
Laternen, sonst war es ueberall finstere Nacht, und der ganze Raum und
die Mauern der Stadt waren in ihrer Dunkelheit verborgen. Als ich von
dem Gehwege in die Fahrstrasse einbog, rasselten viele Waegen an mir
vorueber, und die Pferde zerstampften und die Raeder zerschnitten die
sich bildende Eisdecke. Die meisten von ihnen, wenn auch nicht alle,
fuhren in das Theater. Mir kam es beinahe sonderbar vor, dass sie und
ich selber in diesem unfreundlichen Wetter einem Raume zustrebten, in
welchem eine erlogene Geschichte vorgespiegelt wird. So kam ich in die
erleuchtete Ueberwoelbung, in der die Waegen hielten, ich wendete mich
von ihr in den Eingang, kaufte meine Karte, steckte meine Kappe in die
Tasche meines Ueberrocks, gab diesen in das Kleiderzimmer und trat in
den hellen ebenerdigen Raum des Darstellungssaales. - Ich hatte von
meinem Vater die Gewohnheit angenommen, nie von oben herab oder
von grosser Entfernung die Darstellung eines Schauspieles zu sehen,
weil man den Menschen, welche die Handlung darstellen, in ihrer
gewoehnlichen Stellung nicht auf die obere Flaeche ihres Kopfes oder
ihrer Schultern sehen soll und weil man ihre Mienen und Geberden
soll betrachten koennen. Ich blieb daher ungefaehr am Ende des ersten
Drittteiles der Laenge des Raumes stehen und wartete, bis sich der Saal
fuellen wuerde und die Glocke zum Beginne des Stueckes toente.
Sowohl die gewoehnlichen Sitze als auch die Logen fuellten sich sehr
stark mit geputzten Leuten, wie es Sitte war, und wahrscheinlich von
dem Rufe des Stueckes und des Schauspielers angezogen stroemte heute
eine weit groessere und gemischtere Menge, wie man bei dem ersten Blicke
erkennen konnte, in diese Raeume. Maenner, die neben mir standen,
sprachen dieses aus, und in der Tat war in der Versammlung manche
Gestalt zu sehen, die von den entferntesten Teilen der Vorstaedte
gekommen sein musste. Die meisten, da endlich gleichsam Haupt an Haupt
war, blickten neugierig nach dem Vorhange der Buehne.
Es war damals nicht meine Gewohnheit, und ist es jetzt auch noch
nicht, in ueberfuellten Raeumen die Menge der Menschen, die Kleider, den
Putz, die Lichter, die Angesichter und dergleichen zu betrachten.
Ich stand also ruhig, bis die Musik begann und endete, bis sich der
Vorhang hob und das Stueck den Anfang nahm.
Der Koenig trat ein und war, wie er spaeter von sich sagte, jeder Zoll
ein Koenig. Aber er war auch ein uebereilender und bedaurungswuerdiger
Tor. Regan, Goneril und Cordelia redeten, wie sie nach ihrem Gemuete
reden mussten, auch Kent redete so, wie er nicht anders konnte. Der
Koenig empfing die Reden, wie er nach seinem heftigen, leichtsinnigen
und doch liebenswuerdigen Gemuete ebenfalls musste. Er verbannte die
einfache Cordelia, die ihre Antwort nicht schmuecken konnte, der er
desto heftiger zuernte, da sie frueher sein Liebling gewesen war, und
gab sein Reich den beiden anderen Toechtern, Regan und Goneril, die
ihm auf seine Frage, wer ihn am meisten liebe, mit uebertriebenen
Ausdruecken schmeichelten und ihm dadurch, wenn er der Betrachtung
faehig gewesen waere, schon die Unechtheit ihrer Liebe dartaten, was
auch die edle Cordelia mit solchem Abscheu erfuellte, dass sie auf die
Frage, wie _sie_ den Vater liebe, weniger zu antworten wusste, als sie
vielleicht zu einer anderen Zeit, wo das Herz sich freiwillig oeffnete,
gesagt haette. Gegen Kent, der Cordelia verteidigen wollte, wuetete er
und verbannte ihn ebenfalls, und so sieht man bei dieser heftigen und
kindischen Gemuetsart des Koenigs ueblen Dingen entgegen.
Ich kannte dieses Schauspiel nicht und war bald von dem Gange der
Handlung eingenommen.
Der Koenig wohnt nun mit seinen hundert Rittern im ersten Monate bei
der einen Tochter, um im zweiten dann bei der anderen zu sein und
so abwechselnd fortzufahren, wie es bedungen war. Die Folgen dieser
schwachen Massregel zeigten sich auch im Lande. In dem hohen Hause
Glosters empoert sich ein unehelicher Sohn gegen den Vater und den
rechtmaessigen Bruder und ruft unnatuerliche Dinge in die Welt, da auch
in des Koenigs Hause unnatuerliche und unzweckmaessige Dinge geschahen. In
dem Hofhalte der Tochter und in der in diesen Hofhalt eingepflanzten
zweiten Hofhaltung des Koenigs und seiner hundert Ritter entstehen
Anstaende und Widrigkeiten, und die Entgegnungen der Tochter gegen das
Tun des Koenigs und seines Gefolges sind sehr begreiflich, aber fast
unheimlich. Beinahe herzzerreissend ist nun die treuherzige, fast bloede
Zuversicht des Koenigs, womit er die eine Tochter, die mit schnoeden
Worten seinen Handlungen entgegen getreten war, verlaesst, um zu der
anderen, sanfteren zu gehen, die ihn mit noch haerterem Urteile
abweist. Sein Diener ist hier in den Stock geschlagen, er selber
findet keine Aufnahme, weil man nicht vorbereitet ist, weil man die
andere Schwester erwartet, die man aufnehmen muss, man raet dem Koenig,
zu der verlassenen Tochter zurueckzukehren und sich ihren Massregeln zu
fuegen. Bei dem Koenige war vorher blindes Vertrauen in die Toechter,
Uebereilung im Urteile gegen Cordelia, Leichtsinn in Vergebung der
Wuerden: jetzt entsteht Reue, Scham, Wut und Raserei. Er will nicht
zu der Tochter zurueckkehren, eher geht er in den Sturm und in das
Ungewitter auf die Haide hinaus, die gegen ihn wueten duerfen, denen er
ja nichts geschenkt hat. Er tritt in die Wueste bei Nacht, Sturm und
Ungewitter, der Greis gibt die weissen Haare den Winden preis, da
er auf der Haide vorschreitet, von niemandem begleitet als von dem
Narren, er wirft den Mantel in die Luft, und da er sich in Ausdruecken
erschoepft hat, weiss er nichts mehr als die Worte - Lear! Lear! Lear!
aber in diesem einzigen Worte liegt seine ganze vergangene Geschichte
und liegen seine ganzen gegenwaertigen Gefuehle. Er wirft sich spaeter
dem Narren an die Brust und ruft mit Angst: Narr, Narr! ich werde
rasend - ich moechte nicht rasend werden - nur nicht toll! Da er die
drei letzten Worte milder sagte, gleichsam bittend, so flossen mir
die Traenen ueber die Wangen herab, ich vergass die Menschen herum und
glaubte die Handlung als eben geschehend. Ich stand und sah unverwandt
auf die Buehne. Der Koenig wird nun wirklich toll, er kraenzt sich in den
Tagen nach jener Sturmnacht mit Blumen, schwaermt auf den Huegeln und
Haiden und haelt mit Bettlern einen hohen Gerichtshof. Es ist indessen
schon Botschaft an seine Tochter Cordelia getan worden, dass Regan
und Goneril den Vater schnoed behandeln. Diese war mit Heeresmacht
gekommen, um ihn zu retten. Man hatte ihn auf der Haide gefunden, und
er liegt nun im Zelte Cordelias und schlaeft. Waehrend der letzten Zeit
ist er in sich zusammengesunken, er ist, waehrend wir ihn so vor uns
sahen, immer aelter, ja gleichsam kleiner geworden. Er hatte lange
geschlafen, der Arzt glaubt, dass der Zustand der Geisteszerruettung nur
in der uebermannenden Heftigkeit der Gefuehle gelegen war und dass sich
sein Geist durch die lange Ruhe und den erquickenden Schlaf wieder
stimmen werde. Der Koenig erwacht endlich, blickt die Frau an, hat
nicht den Mut, die vor ihm stehende Cordelia als solche zu erkennen,
und sagt im Misstrauen auf seinen Geist mit Verschaemtheit, er halte
diese fremde Frau fuer sein Kind Cordelia. Da man ihn sanft von der
Wahrheit seiner Vorstellung ueberzeugt, gleitet er ohne Worte von dem
Bette herab und bittet knieend und haendefaltend sein eigenes Kind
stumm um Vergebung. Mein Herz war in dem Augenblicke gleichsam
zermalmt, ich wusste mich vor Schmerz kaum mehr zu fassen. Das hatte
ich nicht geahnt, von einem Schauspiele war schon laengst keine Rede
mehr, das war die wirklichste Wirklichkeit vor mir. Der guenstige
Ausgang, welchen man den Auffuehrungen dieses Stueckes in jener Zeit
gab, um die fuerchterlichen Gefuehle, die diese Begebenheit erregt, zu
mildern, tat auf mich keine Wirkung mehr, mein Herz sagte, dass das
nicht moeglich sei, und ich wusste beinahe nicht mehr, was vor mir und
um mich vorging. Als ich mich ein wenig erholt hatte, tat ich fast
scheu einen Blick auf meine Umgebung, gleichsam um mich zu ueberzeugen,
ob man mich beobachtet habe. Ich sah, dass alle Angesichter auf die
Buehne blickten und dass sie in starker Erregung gleichsam auf den
Schauplatz hingeheftet seien. Nur in einer ebenerdigen Loge sehr nahe
bei mir sass ein Maedchen, welches nicht auf die Darstellung merkte,
sie war schneebleich, und die Ihrigen waren um sie beschaeftigt. Sie
kam mir unbeschreiblich schoen vor. Das Angesicht war von Traenen
uebergossen, und ich richtete meinen Blick unverwandt auf sie. Da die
bei ihr Anwesenden sich um und vor sie stellten, gleichsam um sie vor
der Betrachtung zu decken, empfand ich mein Unrecht und wendete die
Augen weg.
Das Stueck war indessen aus geworden, und um mich entstand die Unruhe,
die immer mit dem Fortgehen aus einem Schauspielhause verbunden ist.
Ich nahm mein Taschentuch heraus, wischte mir die Stirne und die Augen
ab und richtete mich zum Fortgehen. Ich ging in das Kleiderzimmer,
holte mir meinen Ueberrock und zog ihn an. Als ich in den Vorsaal kam,
war dort ein sehr starres Gedraenge, und da er mehrere Ausgaenge hatte,
wogten die Menschen vielfach hin und her. Ich gab mich einem groesseren
Zuge hin, der langsam bei dem Hauptausgange ausmuendete. Ploetzlich war
es mir, als ob sich meinen Blicken, die auf den Ausgang gerichtet
waren, ganz nahe etwas zur Betrachtung aufdraengte. Ich zog sie zurueck,
und in der Tat hatte ich zwei grosse, schoene Augen den meinigen
gegenueber, und das Angesicht des Maedchens aus der ebenerdigen Loge war
ganz nahe an dem meinigen. Ich blickte sie fest an, und es war mir,
als ob sie mich freundlich ansaehe und mir lieblich zulaechelte. Aber in
dem Augenblicke war sie vorueber. Sie war mit einem Menschenstrome aus
dem Logengange gekommen, dieser Strom hatte unseren Zug gekreuzt und
strebte bei einem Seitenausgange hinaus. Ich sah sie nur noch von
rueckwaerts und sah, dass sie in einen schwarzseidenen Mantel gehuellt
war. Ich war endlich auch bei dem Hauptausgange hinaus, kommen. Dort
zog ich erst meine Kappe aus der Tasche des Ueberrockes, setzte sie auf
und blieb noch einen Augenblick stehen und sah den abfahrenden Waegen
nach, die ihre roten Laternenlichter in die truebe Nacht hinaustrugen.
Es regnete noch viel dichter als bei meinem Hereingehen. Ich schlug
den Weg nach Hause ein. Ich gelangte aus den fahrenden Waegen,
ich gelangte aus dem groesseren Strome der Menschen und bog in den
vereinsamteren Weg ein, der im Freien durch die Reihen der Baeume der
Vorstadt zufuehrte. Ich schritt neben den duesteren Laternen vorbei, kam
wieder in die Gassen der Vorstadt, durchging sie und war endlich in
dem Hause meiner Eltern.
Es war beinahe Mitternacht geworden. Die Mutter, welche es sich bei
solchen Gelegenheiten nicht nehmen laesst, besonders auf die Gesundheit
der Ihrigen bedacht zu sein, war noch angekleidet und wartete meiner
im Speisezimmer. Die Magd, welche mir die Wohnung geoeffnet hatte,
sagte mir dieses und wies mich dahin. Die Mutter hatte noch ein
Abendessen fuer mich in Bereitschaft und wollte, dass ich es einnehme.
Ich sagte ihr aber, dass ich noch zu sehr mit dem Schauspiele
beschaeftigt sei und nichts essen koenne. Sie wurde besorgt und sprach
von Arznei. Ich erwiderte ihr, dass ich sehr wohl sei und dass mir gar
nichts als Ruhe not tue.
"Nun, wenn dir Ruhe not tut, so ruhe", sagte sie, "ich will dich nicht
zwingen, ich habe es gut gemeint."
"Gut gemeint wie immer, teure Mutter", antwortete ich, "darum danke
ich auch."
Ich ergriff ihre Hand und kuesste sie. Wir wuenschten uns gegenseitig
eine gute Nacht, nahmen Lichter und begaben uns auf unsere Zimmer.
Ich entkleidete mich, legte mich auf mein Bett, loeschte die Lichter
aus und liess mein heftiges Herz nach und nach in Ruhe kommen. Es war
schon beinahe gegen Morgen, als ich einschlief.
Das erste, was ich am andern Tage tat, war, dass ich den Vater um die
Werke Shakespeares aus seiner Buechersammlung bat und sie, da ich sie
hatte, in meinem Zimmer zur Lesung fuer diesen Winter zurecht legte.
Ich uebte mich wieder im Englischen, damit ich sie nicht in einer
Uebersetzung lesen muesse.
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