Der Nachsommer by Adalbert Stifter
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Adalbert Stifter >> Der Nachsommer
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Eines Tages entdeckte ich in den Schreinen der Natursammlung eine
Zusammenstellung aller inlaendischen Hoelzer. Sie waren in lauter
Wuerfeln aufgestellt, von denen zwei Flaechen quer gegen die Fasern,
die uebrigen vier nach den Fasern geschnitten waren. Von diesen vier
Flaechen war eine rauh, die zweite glatt, die dritte poliert und die
vierte hatte die Rinde. Im Innern der Wuerfel, welche hohl waren und
geoeffnet werden konnten, befanden sich die getrockneten Blueten, die
Fruchtteile, die Blaetter und andere merkwuerdige Zugehoere der Pflanze,
zum Beispiel gar die Moose, die auf gewissen Orten gewoehnlich wachsen.
Eustach sagte mir, der alte Herr - so nannten alle Bewohner des Hauses
meinen Gastfreund, nur Gustav nannte ihn Ziehvater - habe diese
Sammlung angelegt und die Anordnung so ausgedacht. Sie soll nach dem
Willen des alten Herrn noch einmal gemacht und der Gewerbschule zum
Geschenke gegeben werden.
Seine seltsame Kleidung und seine Gewohnheit, immer barhaeuptig zu
gehen, welch beides mir Anfangs sehr aufgefallen war, beirrte mich
endlich gar nicht mehr, ja es stimmte eigentlich zu der Umgebung
sowohl seiner Zimmer als der um ihn herum wohnenden Bevoelkerung, von
der er sich nicht als etwas Vornehmes abhob, der er vielmehr gleich
war und von der er sich doch wieder als etwas Selbststaendiges
unterschied. Mir fiel im Gegenteile ein, dass manches nicht
geschmackvoll sei, was wir so heissen, am wenigstens der Stadtrock und
der Stadthut der Maenner.
In die Zimmer, welche nach Frauenart eingerichtet waren, wurde
ich einmal auf meine Bitte gefuehrt. Sie gefielen mir wieder sehr,
besonders das letzte, kleine, welchem ich jetzt den Namen "die Rose"
gab. Man konnte in ihm sitzen, sinnen und durch das liebliche Fenster
auf die Landschaft blicken. Dass ich nicht um den Gebrauch dieser
Zimmer fragte, begreift sich.
Ich erzaehlte meinem Gastfreunde oft von meinem Vater, von der Mutter
und von der Schwester. Ich erzaehlte ihm von allen unsern haeuslichen
Verhaeltnissen und beschrieb ihm mehrfach, so genau ich es konnte, die
Dinge, die mein Vater in seinen Zimmern hatte und auf welche er einen
Wert legte. Meinen Namen nannte ich hiebei nicht, und er fragte auch
nicht darnach.
Ebenso wusste ich, obwohl ich nun laenger in seinem Hause gewesen war,
noch immer seinen Namen nicht. Zufaellig ist er nicht genannt worden,
und da er ihn nicht selber sagte, so wollte ich aus Grundsatz
niemanden darum fragen. Von Gustav oder Eustach waere er am leichtesten
zu erfahren gewesen; aber diese zwei mochte ich am wenigsten fragen,
am allerwenigsten Gustav, wenn er unzaehlige Male unbefangen den
Namen Ziehvater aussprach. Der Mann war sehr gut, sehr lieb und sehr
freundlich gegen mich, er nannte seinen Namen nicht, ich konnte auch
nicht mit Gewissheit voraussetzen, dass er meine, ich kenne denselben;
daher beschloss ich, gar nicht, selbst nicht in der groessten Entfernung
von diesem Orte, um den Namen des Besitzers des Rosenhauses zu fragen.
Nach und nach aenderte sich die Zeit immer mehr und immer gewaltiger.
Die Tage waren viel laenger geworden, die Sonne schien schon sehr warm,
die Fristen, in denen der Himmel sich klar und wolkenlos zeigte,
wurden bereits laenger als die, in denen er umwoelkt oder neblich war;
die Erde sprosste, die Baeume knospten, an den Rosenbaeumchen vor dem
Hause wurde sehr fleissig gearbeitet, alles war heiter, und der
Fruehling war in seine ganze Fuelle eingetreten. Diese Zeit war schon
lange als diejenige bestimmt gewesen, in welcher ich abreisen wuerde.
Ich sagte dieses noch einmal meinem Gastfreunde, und da ich Anstalten
getroffen hatte, meinen Koffer fort zu senden, wurde der Tag der
Abreise festgesetzt.
Wir hatten frueher noch die Verabredung getroffen, dass ich meine
Arbeiten so einrichten wolle, dass ich zur Zeit der Rosenbluete
wiederkommen und wieder laengere Zeit in dem Hause verbleiben koenne. Da
ich sah, dass ich gerne aufgenommen werde und dass ich in Hinsicht der
aeusseren Mittel keine Last in dem Hause sei, und da mein Gemuet sich
auch diesem Orte zugeneigt fuehlte, so war mir diese Verabredung ganz
nach meinem Sinne. Nur, meinte mein Gastfreund, muesste ich dann in den
Gebirgstaelern schon zur Herreise aufbrechen, wenn dort kaum die Rosen
voellige Knospen haetten, weil sie hier der bessern Erde und der bessern
Pflege willen frueher bluehten als an allen Teilen des Landes. Ich sagte
es zu, und so war alles in Ordnung.
Am Tage vor meiner Abreise kam Eustachs Bruder zurueck. Er mochte
zwanzig und einige Jahre alt sein, war schoen gewachsen, hatte braune
Wangen und dunkle Locken und ein klein wenig aufgeworfene Lippen.
Mir war, als waere ich dem Manne schon einige Male auf meinen Reisen
begegnet. Er brachte in seinem Buche viele und darunter schoene
Zeichnungen mit, welche mit Anteil betrachtet wurden. Sie sollten nun
auf groesserem Papiere und in kuenstlerischer Richtung ausgefuehrt werden.
Als ich am Abende vor der Abreise noch im Meierhofe gewesen war, als
ich am Morgen derselben zu Eustach und den Gaertnersleuten gegangen
war, als ich den Hausbewohnern Lebewohl gesagt und von meinem
Gastfreunde und von Gustav vor dem Hause Abschied genommen hatte, ging
ich den Huegel hinunter, und ich hoerte schon von dem Garten und von den
Hecken und aus den Saaten den kraeftigen Fruehlingsgesang der Voegel.
Die Begegnung
Auf der Reise nach dem Orte meiner Bestimmung zeichnete ich ein
schoenes Standbild, welches ich in der Nische einer Mauertruemmer fand.
Ich hatte dazu mein Zeichnungsbuch aus dem Raenzlein genommen, in
welchem ich es jetzt immer trug. Dies war die einzige Unterbrechung
und der einzige Aufenthalt auf dieser Reise gewesen.
Als ich an meinem Bestimmungsorte angelangt war, war das erste, was
ich tat, dass ich meine Zeit besser zu Rate hielt als frueher. Ich
musste mir bekennen, dass die Art, wie in dem Rosenhause das Tagewerk
betrieben wurde, auf mich von grossem Einflusse sein solle. Da dort der
Wert der Zeit sehr hoch angeschlagen und dieses Gut sehr sorgfaeltig
angewendet wurde, so fing ich, wenn ich mir auch bisher einen grossen
Vorwurf nicht hatte machen koennen, dennoch an, mit viel mehr Ordnung
als bisher nach einem einzigen Ziele waehrend einer bestimmten Zeit
hinzuarbeiten, waehrend ich frueher, durch augenblickliche Eindruecke
bestimmt, mit den Zielen oefter wechselte und, obwohl ich eifrig
strebte, doch eine dem Streben entsprechende Wirkung nicht jederzeit
erreichte. Ich machte mir nun zur Aufgabe, eine bestimmte Strecke zu
durchforschen und im Verlaufe ueberhaupt nichts liegen zu lassen, was
von Wesenheit waere, aber auch nichts auf eine gelegenere Zukunft zu
verschieben, so dass, sollte ich bis zur Rosenzeit mit der vorgesetzten
Strecke nicht fertig werden, wenigstens der Teil, den ich vollendete,
wirklich fertig waere und ich auf genau umschriebene Ergebnisse zu
deuten im Stande waere. Das sah ich nach dem Beginne der Arbeiten sehr
bald, dass ich mir den Raum zu gross ausgesteckt hatte; aber auch das
sah ich sehr bald, dass der kleinere Raum, den ich ueberwinden wuerde,
mir mehr an Erfolg sicherte, als wenn ich wie in meiner Vergangenheit
durch geraume Zeit den Blick so ziemlich auf Alles gespannt haette.
Hiezu kam auch eine gewisse Zufriedenheit, die ich fuehlte, wenn ich
sah, dass sich Glied an Glied zu einer Ordnung aneinander reihte,
waehrend frueher mehr ein ansprechender Stoff durcheinander lag, als dass
eine aus dem Stoffe hervorgehende Gestaltung sich entwickelt haette.
Meine Kisten fuellten sich und stellten sich an einander.
Meine Fuehrer und meine Traeger gewannen auch einen Halt in der neuen
Ordnung und es wuchs ihnen ein Zutrauen zu mir. Ich bekam eine Neigung
zu ihnen, die sie erwiderten, so dass sich ein froehliches Zusammenleben
immer mehr gestaltete und die Arbeit heiter und darum auch zweckmaessig
wurde. Oft, wenn wir abends in der Wirtsstube um den grossen
viereckigen Ahorntisch oder, da die Tage endlich heisser wurden, statt
an den toten Brettern des Tisches draussen unter den lebenden und
rauschenden Ahornen sassen, um welche ein fichtener Tisch zusammen
gezimmert war und auf welche das vielfenstrige Gasthaus heraus sah,
rechneten sie sich vor, was heute, was seit vierzehn Tagen geschehen
sei, wie viel wir, wie sie sich ausdrueckten, abgetan haben, und wie
viel Gebirge zusammen gestellt worden sei. Sie fingen auch bald an,
die Sache nach ihrer Art zu begreifen, ueber Vorkommnisse in den
Gebirgszuegen zu reden und zu streiten und mir zuzumuten, dass, wenn ich
mir merken koennte, woher alle die gesammelten Stuecke seien, und wenn
ich die Hoehe und die Maechtigkeit der Gebirge zu messen im Stande
waere, ich das Gebirge im Kleinen auf einer Wiese oder auf einem Felde
aufstellen koennte. Ich sagte ihnen, dass das ein Teil meines Zweckes
sei, und wenn gleich das Gebirge nicht auf einer Wiese oder auf
einem Felde zusammengestellt werde, so werde es doch auf dem Papiere
gezeichnet und werde mit solchen Farben bemalt, dass jeder, der sich
auf diese Dinge verstaende, das Gebirge mit allem, woraus es bestehe,
vor Augen habe. Deshalb merke ich mir nicht nur, woher die Stuecke
seien und unter welchen Verhaeltnissen sie in den Bergen bestehen,
sondern schreibe es auch auf, damit es nicht vergessen werde, und
beklebe auch die Stuecke mit Zetteln, auf denen alles Notwendige stehe.
Diese Stuecke, in ihrer Ordnung aufgestellt, seien dann der Beweis
dessen, was auf dem Papiere oder der Karte, wie man das Ding nenne,
aufgemalt sei. Sie meinten, dass dieses sehr klug getan sei, um, wenn
einer einen Stein oder sonst etwas zu einem Baue oder dergleichen
beduerfe, gleich aus der Karte heraus lesen zu koennen, wo er zu finden
sei. Ich sagte ihnen, dass ein anderer Zweck auch darin bestehe, aus
dem, was man in den Gebirgen finde, schliessen zu koennen, wie sie
entstanden seien.
Die Gebirge seien gar nicht entstanden, meinte einer, sondern seien
seit Erschaffung der Welt schon dagewesen.
"Sie wachsen auch", sagte ein anderer, "jeder Stein waechst, jeder
Berg waechst wie die anderen Geschoepfe. Nur", setzte er hinzu, weil er
gerne ein wenig schalkhaft war, "wachsen sie nicht so schnell wie die
Schwaemme."
So stritten sie laenger und oefter ueber diesen Gegenstand, und so
besprachen wir uns ueber unsere Arbeiten. Sie lernten durch den blossen
Umgang mit den Dingen des Gebirges und durch das oeftere Anschauen
derselben nach und nach ein Weiteres und Richtigeres, und laechelten
oft ueber eine irrige Ansicht und Meinung, die sie frueher gehabt
hatten.
Mein Tagebuch der Aufzeichnungen zur Festhaltung der Ordnung dehnte
sich aus, die Blaetter mehrten sich und gaben Aussicht zu einer
umfassenden und regelmaessigen Zusammenstellung des Stoffes, wenn die
Wintertage oder sonst Tage der Musse gekommen sein wuerden.
An Sonntagen oder zu anderen Zeiten, wo die Arbeit minder draengte, gab
es noch Gelegenheit zu manchen angenehmen Freuden und zu staerkender
Erholung.
Eines Tages fanden wir ein Stueck Marmor, von dem ich dachte, dass ihn
mein Gastfreund in seinem Rosenhause noch gar nicht habe. Er war von
dem reinsten Weiss, Rosenrot und Strohgelb in kleiner und lieblicher
Mischung. Seine Art ist eine der seltensten, und hier war sie in einem
so grossen Stuecke vorhanden, wie ich sie noch nie gesehen hatte. Ich
beschloss, diesen Marmor meinem Gastfreunde zum Geschenke zu machen.
Ich versuchte, mir ein Eigentumsrecht darueber zu erwerben, und als
mir dieses gelungen war, ging ich daran, das Stueck, soweit seine
Festigkeit ununterbrochen war, heraus nehmen und in eine Gestalt
schneiden zu lassen, deren es faehig war. Es zeigte sich, dass eine
schoene Tischplatte aus diesem Stoffe zu verfertigen waere. Von den
losen Schuttstuecken nahm ich mehrere der besseren mit, um allerlei
Dinge der Erinnerung daraus machen zu lassen. Eines liess ich zu
einer Tafel schleifen und dieselbe glaetten, dass mein Gastfreund die
Zeichnung und die Farbe des Marmors auf das beste sehen koenne.
So war eine Strecke abgetan, als in den Taelern sich die kleinen
Knospen der Rosen zu zeigen anfingen und selbst an dem Hagedorn, der
in Feldgehegen oder an Gebirgssteinen wuchs, die Baellchen zu der
schoenen, aber einfachen Blume sich entwickelten, die die Ahnfrau
unserer Rosen ist. Ich beschloss daher, meine Reise in das Rosenhaus
anzutreten. Ich habe mich kaum mit groesserem Vergnuegen nach einem
langen Sommer zur Heimreise vorbereitet, als ich mich jetzt nach einer
wohlgeordneten Arbeit zu dem Besuche im Rosenhause anschickte, um dort
eine Weile einen angenehmen Landaufenthalt zu geniessen.
Eines Nachmittages stieg ich zu dem Hause empor und fand die Rosen
zwar nicht bluehend, aber so ueberfuellt mit Knospen, dass in nicht mehr
fernen Tagen eine reiche Bluete zu erwarten war.
"Wie hat sich alles veraendert", sagte ich zu dem Besitzer, nachdem ich
ihn begruesst hatte, "da ich im Fruehlinge von hier fortging, war noch
alles oede, und nun blaettert, blueht und duftet alles hier beinahe in
solcher Fuelle wie im vorigen Jahre zu der Zeit, da ich zum ersten Male
in dieses Haus heraufkam."
"Ja", erwiderte er, "wir sind wie der reiche Mann, der seine Schaetze
nicht zaehlen kann. Im Fruehlinge kennt man jedes Graeschen persoenlich,
das sich unter den ersten aus dem Boden hervor wagt, und beachtet
sorgsam sein Gedeihen, bis ihrer so viele sind, dass man nicht mehr
nach ihnen sieht, dass man nicht mehr daran denkt, wie muehevoll sie
hervor gekommen sind, ja dass man Heu aus ihnen macht und gar nicht
darauf achtet, dass sie in diesem Jahre erst geworden sind, sondern
tut, als staenden sie von jeher auf dem Platze."
Man hatte mir eine eigene Wohnung machen lassen und fuehrte mich
in dieselbe ein. Es waren zwei Zimmer am Anfange des Ganges der
Gastzimmer, welche man durch eine neugebrochene Tuer zu einer einzigen
Wohnung gemacht hatte. Das eine war bedeutend gross und hatte
urspruenglich die Bestimmung gehabt, mehrere Personen zugleich zu
beherbergen. Es war jetzt ausgeleert, an seinen Waenden standen Tische
und Gestelle herum, sowie in seiner Mitte ein langer Tisch angebracht
war, damit ich meine Sachen, die ich etwa von dem Gebirge braechte,
ausbreiten koennte. Das zweite Zimmer war kleiner und war zu meinem
Schlaf- und Wohngemache hergerichtet. Der alte Mann reichte mir die
Schluessel zu dieser Wohnung. Auch zeigte man mir in der leichten
gemauerten Huette, die nicht weit hinter der Schreinerei an der
westlichen Grenze des Gartens lag und in frueheren Zeiten zu den
Steinarbeiten benutzt worden war, einen Raum, den man ausgeleert hatte
und in welchen ich Gegenstaende, die ich gesammelt haette, bis auf
weitere Verfuegung niederlegen koennte. Sollte ich mehr brauchen, so
koenne noch mehr geraeumt werden, da jetzt die Arbeiten mit den Steinen
fast beendigt seien und selten etwas gesaegt, geschliffen oder
geglaettet werde. Ich war ueber diese Aufmerksamkeiten so geruehrt, dass
ich fast keinen Dank dafuer zu sagen vermochte. Ich begriff nicht, was
ich mir denn fuer Verdienste um den Mann oder seine Umgebung erworben
habe, dass man solche Anstalten mache. Das Eine gereichte zu meiner
Beruhigung, dass ich aus diesen Vorrichtungen sah, dass ich in dem Hause
nicht unwillkommen sei, denn sonst waere man nicht auf den Gedanken
derselben geraten. Dieses Bewusstsein versprach meinen Bewegungen in
den hiesigen Verhaeltnissen viel mehr Freiheit zu geben. Ich stattete
endlich doch meinen Dank ab und man nahm ihn mit Vergnuegen auf.
Da ich in meiner Wohnung meine Wandersachen abgelegt hatte und
die ersten allgemeinen Gespraeche vorueber waren, wollte ich einen
uebersichtlichen Gang durch den Garten machen. Ich ging bei der
Seitentuer des Hauses hinaus, und da ich auf den kleinen Raum kam, der
hier eingefasst ist, kam der grosse Hofhund auf mich zu und wedelte.
Als ich sah, dass der alte Hilan mich erkenne und begruesse, war ich so
kindisch, mich darueber zu freuen, weil es mir war, als sei ich kein
Fremder, sondern gehoere gewissermassen zur Familie.
Am naechsten Tage nach meiner Ankunft erschien der Wagen mit meinem
Gepaecke und mit der Marmorplatte. Ich liess abladen und uebergab die
Platte meinem Gastfreunde mit dem Bedeuten, dass ich ihm in derselben
eine Erinnerung aus dem Gebirge bringe. Zugleich haendigte ich ihm
das kleinere geschliffene Stueck zur genaueren Einsicht in die Natur
des Marmors ein. Er besah das Stueck und dann auch die Platte sehr
sorgfaeltig. Hierauf sagte er: "Dieser Marmor ist ausserordentlich
schoen, ich habe ihn noch gar nicht in meiner Sammlung, auch scheint
die Platte dicht und ohne Unterbrechung zu sein, so dass ein reiner
Schliff auf ihr moeglich sein wird, ich bin sehr erfreut, in dem
Besitze dieses Stueckes zu sein und danke euch sehr dafuer. Allein in
meinem Hause kann er als Bestandteil desselben nicht verwendet werden,
weil dort nur solche Stuecke angebracht sind, welche ich selber
gesammelt habe, und weil ich an dieser Art der Sammlung und an der
Verbuchung darueber eine solche Freude habe, dass ich auch in der
Zukunft nicht von diesem Grundsatze abgehe. Es wird aber ganz gewiss
aus diesem Marmor etwas gemacht werden, das seiner nicht unwert ist,
ich hege die Hoffnung, dass es euch gefallen wird, und ich wuensche, dass
die Gelegenheit seiner Verwendung euch und mir zur Freude gereiche."
Ich hatte ohnehin ungefaehr so etwas erwartet und war beruhigt.
Der Marmor wurde in die Steinhuette gebracht, um dort zu liegen, bis
man ueber ihn verfuegen wuerde. Meine uebrigen Dinge aber liess ich in
meine Wohnung bringen.
Ich ging im Sommer immer sehr leicht gekleidet, entweder in
ungebleichtem oder gestreiftem Linnen. Den Kopf bedeckte meistens ein
leichter Strohhut. Um nun hier nicht aufzufallen und um weniger von
der einfachen Kleidung der Hausbewohner abzustechen, nahm ich ein paar
solcher Anzuege sammt einem Strohhute aus dem Koffer, kleidete mich in
einen und legte dafuer meinen Reiseanzug fuer eine kuenftige Wanderung
zurueck,
Mein Gastfreund hatte auf seiner Besitzung eine etwas eigentuemliche
Tracht teils eingefuehrt, teils nahmen sie die Leute selber an. Die
Dienerinnen des Hauses waren in die Landestracht gekleidet, nur dort,
wo diese, wie namentlich in unserem Gebirge, ungefaellig war oder in
das Haessliche ging, wurde sie durch den Einfluss des Hausbesitzers
gemildert und mit kleinen Zutaten versehen, die mir schoen erschienen.
Diese Zutaten fanden im Anfange Widerstand, aber da sie von dem alten
Herrn geschenkt wurden und man ihn nicht kraenken wollte, wurden sie
angenommen und spaeter von den Umwohnerinnen nicht nur beneidet,
sondern auch nachgeahmt. Die Maenner, welche in dem Hause dienten oder
in dem Meierhofe arbeiteten oder in dem Garten beschaeftigt waren,
trugen gefaerbtes Linnen, nur war dasselbe nicht so dunkel, als es
bei uns im Gebirge gebraeuchlich ist. Eine Jacke oder eine andere Art
Ueberrock hatten sie im Sommer nicht, sondern sie gingen in lediglichen
Hemdaermeln, und um den Hals hatten sie ein loses Tuch geschlungen. Auf
dem Haupte trugen einige wie der Hausherr nichts, andere hatten den
gewoehnlichen Strohhut. Eustach schien in seiner Kleidung niemanden
nachzuahmen, sondern sie selbst zu waehlen. Er ging auch in gestreiftem
Linnen, meistens rostbraun mit grau oder weiss; aber die Streifen waren
fast handbreit, oder es hatte der ganze Stoff nur zwei Farben, die
Haelfte des Laengenblattes braun, die Haelfte weiss. Oft hatte er einen
Strohhut, oft gar nichts auf dem Haupte. Seine Arbeiter hatten
aehnliche Anzuege, auf denen selten ein Schmutzfleck zu sehen war; denn
bei der Arbeit hatten sie grosse gruene Schuerzen um. Unter allen diesen
Leuten hoben sich der Gaertner und die Gaertnerin heraus, welche bloss
schneeweiss gingen.
Ich zeigte meinem Gastfreunde und Eustach die Zeichnung, welche ich
von dem Standbilde in der Mauernische gemacht hatte. Sie freuten sich,
dass ich auf derlei Dinge aufmerksam sei, und sagten, dass sie dasselbe
Bild auch unter ihren Zeichnungen haetten, nur dass es jetzt mit
mehreren anderen Blaettern ausser Hause sei.
Ich betrachtete nun alles, was mir in dem Garten und auf dem Felde
im vorigen Jahre in derselben Jahreszeit merkwuerdig gewesen war.
Die Blaetter der Baeume, die Blaetter des Kohles und die von anderen
Gewaechsen waren vom Raupenfrasse frei, und nicht nur die im Garten,
sondern auch die in der naechsten und in der in ziemliche Ferne
reichenden Umgebung. Ich hatte bei meiner Herreise eigens auf diesen
Umstand mein Augenmerk gerichtet. Dennoch entbehrte der Garten nicht
des schoenen Schmuckes der Faltern; denn einerseits konnten die Voegel
doch nicht alle und jede Raupen verzehren und andererseits wehte
der Wind diese schoenen lebendigen Blumen in unsern Garten oder sie
kamen auf ihren Wanderungen, die sie manchmal in grosse Entfernungen
antreten, selber hieher. Der Gesang der Voegel war mir wieder wie im
vorigen Jahre eigentuemlich, und er war mir wieder ganz besonders
schmelzend.
Dadurch, dass sie in verschiedenen Fernen sind, die Laute also
mit ungleicher Staerke an das Ohr schlagen, dadurch, dass sie sich
gelegenheitlich unterbrechen, da sie inzwischen allerlei zu tun haben,
eine Speise zu haschen, auf ein Junges zu merken, wird ein reizender
Schmelz veranlasst wie in einem Walde, waehrend die besten Singvoegel in
vielen Kaefigen nahe bei einander nur ein Geschrei machen, und dadurch,
dass sie in dem Garten sich doch wieder naeher sind als im Walde, wird
der Schmelz kraeftiger, waehrend er im Walde zuweilen duenn und einsam
ist. Ich sah die Nester, besuchte sie und lernte die Gebraeuche dieser
Tiere kennen.
In meinen Zimmern richtete ich mich ein, ich tat die Buecher und
Papiere, die ich mitgebracht hatte, heraus, um zu lesen, einzuzeichnen
und zu ordnen. Ich legte auch auf den grossen Tisch und auf die
Gestelle an den Waenden kleinere Gegenstaende, die ich mitgebracht
hatte, besonders Versteinerungen oder andere deutlichere Ueberreste, um
sie zu benutzen.
Gustav kam haeufig zu mir, er nahm Anteil an diesen Dingen, ich
erklaerte ihm manches, und mein Gastfreund sah es nicht ungern, wenn
ich mit ihm, entweder ein Buch in der Hand unter den schattigen Linden
des Gartens oder ohne Buch auf grossen Spaziergaengen - denn der alte
Mann liebte die Bewegung noch sehr - von meiner Wissenschaft sprach.
Er erzaehlte mir dagegen von der seinigen, und ich hoerte ihm freundlich
zu, wenn er auch Dinge brachte, die mir schon besser bekannt waren.
Zeiten, in denen ich ohne Beschaeftigung und allein war, brachte ich
auf Gaengen in den Feldern oder auf einem Besuche in dem Schreinerhause
oder in dem Gewaechshause oder bei den Cactus zu.
Die wogenden Felder, die ich im vorigen Jahre um dieses Anwesen
getroffen hatte, waren auch heuer wogende und wurden mit jedem Tage
schoener, dichter und segensreicher, der Garten huellte sich in die
Menge seiner Blaetter und der nach und nach schwellenden Fruechte, der
Gesang der Voegel wurde mir immer noch lieblicher und schien die Zweige
immer mehr zu erfuellen, die scheuen Tiere lernten mich kennen, nahmen
von mir Futter und fuerchteten mich nicht mehr. Ich lernte nach und
nach alle Dienstleute kennen und nennen, sie waren freundlich mit
mir, und ich glaube, sie wurden mir gut, weil sie den Herrn mich mit
Wohlwollen behandeln sahen. Die Rosen gediehen sehr, Tausende harrten
des Augenblicks, in dem sie aufbrechen wuerden. Ich half oft an den
Beschaeftigungen, die diesen Blumen gewidmet wurden, und war dabei,
wenn die Rosenarbeiten besichtigt wurden und ausgemittelt ward, ob
alles an ihnen in gutem Stande sei. Ebenso ging ich gerne zum Besehen
anderer Dinge mit, wenn auf Wiesen oder im Walde gearbeitet wurde, in
welch letzterem man jetzt daran war, das im Winter geschlagene Holz zu
verkleinern oder zum Baue oder zu Schreinerarbeiten herzurichten. Ich
trug oft meinen Strohhut, wenn der alte Mann und Gustav neben mir
barhaeuptig gingen, in der Hand, und ich musste bekennen, dass die Luft
viel angenehmer durch die Haare strich, als wenn sie durch einen Hut
auf dem Haupte zurueck gehalten wurde, und dass die Hitze durch die
Locken so gut wie durch einen Hut von dem blossen Haupte abgehalten
wurde.
Eines Tages, da ich in meinem Zimmer sass, hoerte ich einen Wagen zu dem
Hause herzufahren. Ich weiss nicht, weshalb ich hinabging, den Wagen
ankommen zu sehen. Da ich an das Gitter gelangte, stand er schon
ausserhalb desselben. Er war von zwei braunen Pferden herbeigezogen
worden, der Kutscher sass noch auf dem Bocke und musste eben angehalten
haben. Vor der Wagentuer, mit dem Ruecken gegen mich gekehrt, stand
mein Gastfreund, neben ihm Gustav und neben diesem Katharina und zwei
Maegde. Der Wagen war noch gar nicht geoeffnet, er war ein geschlossener
Glaeserwagen und hatte an der innern Seite seiner Fenster gruene
zugezogene Seidenvorhaenge. Einen Augenblick nach meiner Ankunft
oeffnete mein Gastfreund die Wagentuer. Er geleitete an seiner Hand eine
Frauengestalt aus dem Wagen. Sie hatte einen Schleier auf dem Hute,
hatte aber den Schleier zurueckgeschlagen und zeigte uns ihr Angesicht.
Sie war eine alte Frau.
Augenblicklich, da ich sie sah, fiel mir das Bild ein, welches mein
Gastfreund einmal ueber manche alternde Frauen von verbluehenden Rosen
hergenommen hatte. "Sie gleichen diesen verwelkenden Rosen. Wenn sie
schon Falten in ihrem Angesichte haben, so ist doch noch zwischen den
Falten eine sehr schoene, liebe Farbe", hatte er gesagt, und so war es
bei dieser Frau. Ueber die vielen feinen Faeltchen war ein so sanftes
und zartes Rot, dass man sie lieben musste und dass sie wie eine Rose
dieses Hauses war, die im Verbluehen noch schoener sind als andere Rosen
in ihrer vollen Bluete. Sie hatte unter der Stirne zwei sehr grosse
schwarze Augen, unter dem Hute sahen zwei sehr schmale Silberstreifen
des Haares hervor, und der Mund war sehr lieb und schoen. Sie stieg von
dem Wagentritte herab und sagte die Worte: "Gott gruesse dich, Gustav!"
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