Der Nachsommer by Adalbert Stifter
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Adalbert Stifter >> Der Nachsommer
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Eines Tages kam auch der Pfarrer von Rohrberg, den ich bei meinem
vorjaehrigen Besuche in dem Rosenhause getroffen hatte. Er zeichnete
sich einige Rosen in ein Buch, das er mitgebracht hatte, und wendete
sogar Wasserfarben an, um die Farben der Blumen so getreu, als nur
immer moeglich ist, nachzuahmen. Die Zeichnung aber sollte keine
Kunstabbildung von Blumen sein, sondern er wollte sich nur solche
Blumen anmerken und von ihnen den Eindruck aufbewahren, deren Art er
in seinen Garten zu verpflanzen wuenschte. Es bestand nehmlich schon
seit lange her zwischen meinem Gastfreunde und dem Pfarrer das
Verhaeltnis, dass mein Gastfreund dem Pfarrer Pflanzen gab, womit
dieser seinen Garten zieren wollte, den er teils neu um das Pfarrhaus
angelegt, teils erweitert hatte.
Unter allen aber schien Mathilde die Rosen am meisten zu lieben. Sie
musste ueberhaupt die Blumen sehr lieben; denn auf den Blumentischen in
ihren Zimmern standen stets die schoensten und frischesten des Gartens,
auch wurde gerne auf dem Tische, an welchem wir speisten, eine Gruppe
von Gartentoepfen mit ihren Blumen zusammengestellt. Abgebrochen oder
abgeschnitten und in Glaeser mit Wasser gestellt durften in diesem
Hause keine Blumen werden, ausser sie waren welk, so dass man sie
entfernen musste. Den Rosen aber wendete sie ihr meistes Augenmerk zu.
Nicht nur ging sie zu denen, welche im Garten in Straeuchen, Baeumchen
und Gruppen standen, und bekuemmerte sich um ihre Hegung und Pflege,
sondern sie besuchte auch ganz allein, wie ich schon frueher bemerkt
hatte, die, welche an der Wand des Hauses bluehten. Oft stand sie lange
davor und betrachtete sie. Zuweilen holte sie sich einen Schemel,
stieg auf ihn und ordnete in den Zweigen. Sie nahm entweder ein welkes
Laubblatt ab, das den Blicken der andern entgangen war, oder bog eine
Blume heraus, die am vollkommenen Aufbluehen gehindert war, oder las
ein Kaeferchen ab oder lueftete die Zweige, wo sie sich zu dicht und zu
buschig gedraengt hatten. Zuweilen blieb sie auf dem Schemel stehen,
liess die Hand sinken und betrachtete wie im Sinnen die vor ihr
ausgebreiteten Gewaechse.
Wirklich war der Tag, den man als den schoensten der Rosenbluete
bezeichnet hatte, auch der schoenste gewesen. Von ihm an begann sie
abzunehmen, und die Blumen fingen an zu welken, so dass man oefter die
Leiter und die Schere zur Hand nehmen musste, um Verunzierungen zu
beseitigen.
Auch zwei fremde Reisende waren in das Rosenhaus gekommen, welche
sich eine Nacht und einen Teil des darauf folgenden Vormittages in
demselben aufgehalten hatten. Sie hatten den Garten, die Felder und
den Meierhof besehen. In seine Zimmer und in die Schreinerei hatte sie
mein Gastfreund nicht gefuehrt, woraus ich die mir angenehme Bemerkung
zog, dass er mir bei meiner ersten Ankunft in seinem Hause eine
Bevorzugung gab, die nicht jedem zu Teil wurde, dass ich also eine Art
Zuneigung bei ihm gefunden haben musste.
Gegen das Ende der Rosenbluete kam Eustachs Bruder Roland in das Haus.
Da er sich mehrere Tage in demselben aufhielt, fand ich Gelegenheit,
ihn genauer zu beobachten. Er hatte noch nicht die Bildung seines
Bruders, auch nicht dessen Biegsamkeit; aber er schien mehr Kraft zu
besitzen, die seinen Beschaeftigungen einen wirksamen Erfolg versprach.
Was mir auffiel, war, dass er mehrere Male seine dunkeln Augen laenger
auf Natalien heftete, als mir schicklich erscheinen wollte. Er hatte
eine Reihe von Zeichnungen gebracht und wollte noch einen entfernteren
Teil des Landes besuchen, ehe er wiederkehrte, um den Stoff vollkommen
zu ordnen.
Ehe Mathilde und Natalie das Rosenhaus verliessen, musste noch der
versprochene Besuch auf dem Gute des Nachbars, welches Ingheim hiess
und von dem Volke nicht selten der Inghof genannt wurde, gemacht
werden. Es wurde hingeschickt und ein Tag genannt, an dem man kommen
wollte, welcher auch angenommen wurde. Am Morgen dieses Tages wurden
die braunen Pferde, mit denen Mathilde gekommen war und die sie die
Zeit ueber in dem Meierhofe gelassen hatte, vor den Wagen gespannt,
der die Frauen gebracht hatte, und Mathilde und Natalie setzten sich
hinein. Mein Gastfreund, Gustav und ich, der ich eigens in die Bitte
des Gegenbesuchs eingeschlossen worden war, stiegen in einen anderen
Wagen, der mit zwei sehr schoenen Grauschimmeln meines Gastfreundes
bespannt war. Eine rasche Fahrt von einer Stunde brachte uns an den
Ort unserer Bestimmung. Ingheim ist ein Schloss, oder eigentlich sind
zwei Schloesser da, welche noch von mehreren anderen Gebaeuden umgeben
sind. Das alte Schloss war einmal befestigt. Die grauen, aus grossen
viereckigen Steinen erbauten runden Tuerme stehen noch, ebenso die
graue aus gleichen Steinen erbaute Mauer zwischen den Tuermen.
Beide Teile beginnen aber oben zu verfallen. Hinter den Tuermen und
Mauern steht das alte, unbewohnte, ebenfalls graue Haus, scheinbar
unversehrt; aber von den mit Brettern verschlagenen Fenstern schaut
die Unbewohntheit und Ungastlichkeit herab. Vor diesen Werken des
Altertums steht das neue weisse Haus, welches mit seinen gruenen
Fensterlaeden und dem roten Ziegeldache sehr einladend aussieht. Wenn
man von der Ferne koemmt, meint man, es sei unmittelbar an das alte
Schloss angebaut, welches hinter ihm emporragt. Wenn man aber in dem
Hause selber ist und hinter dasselbe geht, so sieht man, dass das alte
Gemaeuer noch ziemlich weit zurueck ist, dass es auf einem Felsen steht
und dass es durch einen breiten, mit einem Obstbaumwald bedeckten
Graben von dem neuen Hause getrennt ist. Auch kann man in der Ferne
wegen der ungewoehnlichen Groesse des alten Schlosses die Geraeumigkeit
des neuen Hauses nicht ermessen. Sobald man sich aber in demselben
befindet, so erkennt man, dass es eine bedeutende Raeumlichkeit habe und
nicht bloss fuer das Unterkommen der Familie gesorgt ist, sondern auch
eine ziemliche Zahl von Gaesten noch keine Ungelegenheit bereitet. Ich
hatte wohl den Namen des Schlosses oefter gehoert, dasselbe aber nie
gesehen. Es liegt so abseits von den gewoehnlichen Wegen und ist durch
einen grossen Huegel so gedeckt, dass es von Reisenden, welche durch
diese Gegend gewoehnlich den Gebirgen zugehen, nicht gesehen werden
kann. Als wir uns naeherten, entwickelten sich die mehreren Bauwerke.
Zuerst kamen wir zu den Wirtschaftsgebaeuden oder der sogenannten
Meierei. Dieselben standen, wie es bei vielen Besitzungen in unserem
Lande der Brauch ist, ziemlich weit entfernt von dem Wohnhause und
bildeten eine eigene Abteilung. Von da fuehrte der Weg durch eine Allee
uralter grosser Linden eine Strecke gegen das neue Haus. Die Allee ist
ein Bruchstueck von derjenigen, die einmal gegen die Zugbruecke des
alten Schlosses hinauf gefuehrt hatte; sie brach daher ab, und wir
fuhren die uebrige Strecke durch schoenen gruenen Rasen, der mit
einzelnen Blumenhuegeln geschmueckt war, dem Hause zu. Dasselbe war von
weisslich grauer Farbe und hatte saeulenartige Streifen und Friese. Alle
Fenster, soweit die geoeffneten Laeden eine Einsicht zuliessen, zeigten
von Innen schwere Vorhaenge. Als der Wagen der Frauen unter dem
Ueberdache der Vorfahrt hielt, stand schon der Herr von Ingheim
sammt seiner Gattin und seinen Toechtern am Ende der Treppe zur
Bewillkommnung. Sie waren alle mit Geschmack gekleidet, sowie die
Dienerschaft, die hinter ihnen stand, in Festkleidern war. Der
Herr half den Frauen aus dem Wagen, und da wir mittlerweile auch
ausgestiegen und herzugekommen waren, wurden wir von der ganzen
Familie begruesst und die Treppe hinauf geleitet.
Man fuehrte uns in ein grosses Empfangszimmer und wies uns Plaetze an.
Mathilde und Natalie hatten zwar festlichere Kleider an, als sie im
Rosenhause trugen, aber dieselben, so edel der Stoff war, zeigten doch
keine uebermaessige Verzierung oder gar Ueberladung. Mein Gastfreund,
Gustav und ich waren gekleidet, wie man es zu laendlichen Besuchen zu
sein pflegt. So liessen wir uns in die prachtvollen Polster, die hier
ueberall ausgelegt waren, nieder. Auf einem Tische, ueber den ein
schoener Teppich gebreitet war, standen Erfrischungen verschiedener
Art. Andere Tische, die noch in dem Zimmer standen, waren unbedeckt.
Die Geraete waren von Mahagoniholz und schienen aus der ersten
Werkstaette der Stadt zu stammen. Ebenso waren die Spiegel, die
Kronleuchter und andere Dinge des Zimmers. Eine Ecke an einem Fenster
nahm ein sehr schoenes Clavier ein. Die ersten Gespraeche betrafen die
gewoehnlichen Dinge ueber Wohlbefinden, ueber Wetter, ueber Gedeihen
der Feld- und Gartengewaechse. Die Maenner nannten sich wechselweise
Nachbar, die Frauen benannten sich gar nicht.
Als man etwas Weniges von den dastehenden Speisen genommen hatte,
erhob man sich, und wir gingen durch die Zimmer. Es war eine Reihe,
deren Fenster groesstenteils gegen Mittag auf die Landschaft hinaus
gingen. Alle waren sehr schoen nach neuer Art eingerichtet, besonders
reich waren die Palisandergeraete im Empfangszimmer der Frau, in
welchem, so wie in dem Arbeitszimmer der Maedchen, wieder Claviere
standen. Der Herr des Hauses fuehrte besonders mich in den Raeumen
herum, dem sie noch fremd waren. Die uebrige Gesellschaft folgte uns
gelegentlich in das eine oder andere Gemach.
Aus den Zimmern ging man in den Garten. Derselbe war wie viele
wohlgehaltene und schoene Gaerten in der Naehe der Stadt. Schoene
Sandgaenge, gruene ausgeschnittene Rasenplaetze mit Blumenstuecken,
Gruppen von Zier- und Waldgebueschen, ein Gewaechshaus mit
Camellien, Rhododendren, Azaleen, Eriken, Calceolarien und vielen
neuhollaendischen Pflanzen, endlich Ruhebaenke und Tische an geeigneten
schattigen Stellen. Der Obstgarten als Nuetzlichkeitsstueck war nicht
bei dem Wohnhause, sondern hinter dem Meierhofe.
Von dem Garten gingen wir, wie es bei laendlichen Besuchen zu geschehen
pflegt, in die Meierei. Wir gingen durch die Reihen der glatten
Rinder, die meistens weiss gestirnt waren, wir besahen die Schafe, die
Pferde, das Gefluegel, die Milchkammer, die Kaesebereitung, die Brauerei
und aehnliche Dinge. Hinter den Scheuern trafen wir den Gemuesegarten
und den sehr weitlaeufigen Obstgarten an. Von diesen gingen wir in die
wohlbestellten Felder und in die Wiesen. Der Wald, welcher zu der
Besitzung gehoert, wurde mir in der Ferne gezeigt.
Nachdem wir unsern ziemlich bedeutenden Spaziergang beendigt hatten,
wurden wir in eine ebenerdige grosse Speisehalle gefuehrt, in welcher
der Mittagtisch gedeckt war. Ein einfaches, aber ausgesuchtes Mahl
wurde aufgetragen, wobei die Dienerschaft hinter unseren Stuehlen
stehend bediente. Hatte sich die Familie Ingheim schon bei dem Besuche
auf dem Rosenhause als unter die gebildeten gehoerig gezeigt, so war
dies bei unserem Empfange in ihrem eigenen Hause wieder der Fall.
Sowohl bei Vater und Mutter als auch bei den Maedchen war Einfachheit,
Ruhe und Bescheidenheit. Die Gespraeche bewegten sich um mehrere
Gegenstaende, sie rissen sich nicht einseitig nach einer gewissen
Richtung hin, sondern schmiegten sich mit Mass der Gesellschaft an.
Einen Teil der Zeit nach dem Mittagessen brachten wir in den Zimmern
des ersten Stockwerkes zu. Es wurde Musik gemacht, und zwar Clavier
und Gesang. Zuerst spielte die Mutter etwas, dann beide Maedchen
allein, dann zusammen. Jedes der Maedchen sang auch ein Lied. Natalie
sass in den seidenen Polstern und hoerte aufmerksam zu. Als man sie aber
aufforderte, auch zu spielen, verweigerte sie es.
Gegen Abend fuhren wir wieder in das Rosenhaus zurueck.
Als Gustav aus unserem Wagen gesprungen war, als mein Gastfreund und
ich denselben verlassen hatten, und ich die edle, schlanke Gestalt
Nataliens gegen die Marmortreppe hinzu gehen sah, blieb ich ein
Weilchen stehen und begab mich dann auch in meine Zimmer, wo ich bis
zum Abendessen blieb.
Dieses war wie gewoehnlich, man machte aber nach demselben an diesem
Tage keinen Spaziergang mehr.
Ich ging in mein Schlafzimmer, oeffnete die Fenster, die man trotz des
warmen Tages, weil ich abwesend gewesen war, geschlossen gehalten
hatte, und lehnte mich hinaus. Die Sterne begannen sachte zu glaenzen,
die Luft war mild und ruhig und die Rosenduefte zogen zu mir herauf.
Ich geriet in tiefes Sinnen. Es war mir wie im Traume, die Stille der
Nacht und die Duefte der Rosen mahnten an Vergangenes; aber es war doch
heute ganz anders.
Nach diesem Besuche auf dem Inghofe folgten mehrere Regentage, und
als diese beendigt waren und wieder dem Sonnenscheine Platz machten,
war auch die Zeit heran genaht, in welcher Mathilde und Natalie das
Rosenhaus verlassen sollten. Es war schon Mehreres gepackt worden, und
darunter sah ich auch die beiden Zithern, die man in sammtene Faecher
tat, welche ihrerseits wieder in lederne Behaeltnisse gesteckt wurden.
Endlich war der Tag der Abreise festgesetzt worden.
Am Abende vorher war schon das Hauptsaechlichste, was mitgenommen
werden sollte, in den Wagen geschafft, und die Frauen hatten
am Nachmittage in mehreren Stellen Abschied genommen: bei den
Gaertnerleuten, in der Schreinerei und im Meierhofe.
Am andern Morgen erschienen sie bei dem Fruehmahle in Reisekleidern,
waehrend noch Arabella, das Dienstmaedchen Mathildens, diejenigen
Sachen, die bis zu dem letzten Augenblicke im Gebrauch gewesen waren,
in den Wagen packte.
Nach dem Fruehmahle, als die Frauen schon die Reisehuete aufhalten,
sagte Mathilde zu meinem Gastfreunde:
"Ich danke dir, Gustav, lebe wohl, und komme bald in den Sternenhof."
"Lebe wohl, Mathilde", sagte mein Gastfreund.
Die zwei alten Leute kuessten sich wieder auf die Lippen, wie sie es bei
der Ankunft Mathildens getan hatten.
"Lebe wohl, Natalie", sagte er dann zu dem Maedchen.
Dasselbe erwiderte nur leise die Worte: "Dank fuer alle Guete."
Mathilde sagte zu dem Knaben: "Sei folgsam und nimm dir deinen
Ziehvater zum Vorbilde."
Der Knabe kuesste ihr die Hand.
Dann, zu mir gewendet, sprach sie: "Habet Dank fuer die freundlichen
Stunden, die ihr uns in diesem Hause gewidmet habt. Der Besitzer wird
euch fuer euren Besuch wohl schon danken. Bleibt meinem Knaben gut, wie
ihr es bisher gewesen seid, und lasst euch seine Anhaenglichkeit nicht
leid tun. Wenn es eure schoene Wissenschaft zulaesst, so seid unter
denen, die von diesem Hause aus den Sternenhof besuchen werden. Eure
Ankunft wird dort sehr willkommen sein."
"Den Dank muss wohl ich zurueckgeben fuer alle die Guete, welche mir
von euch und von dem Besitzer dieses Hauses zu Teil geworden ist",
erwiderte ich. "Wenn Gustav einige Zuneigung zu mir hat, so ist
wohl die Guete seines Herzens die Ursache, und wenn ihr mich von
dem Sternenhofe nicht zurueck weiset, so werde ich gewiss unter den
Besuchenden sein."
Ich empfand, dass ich mich auch von Natalien verabschieden sollte; ich
vermochte aber nicht, etwas zu sagen, und verbeugte mich nur stumm.
Sie erwiderte diese Verbeugung ebenfalls stumm.
Hierauf verliess man das Haus und ging auf den Sandplatz hinaus.
Die braunen Pferde standen mit dem Wagen schon vor dem Gitter. Die
Hausdienerschaft war herbei gekommen, Eustach mit seinen Arbeitern
stand da, der Gaertner mit seinen Leuten und seiner Frau und der Meier
mit dem Grossknechte aus dem Meierhofe waren ebenfalls gekommen.
"Ich danke euch recht schoen, lieben Leute", sagte Mathilde, "ich danke
euch fuer eure Freundschaft und Guete, seid fuer euren Herrn treu und
gut. Du, Katharina, sehe auf ihn und Gustav, dass keinem ein Ungemach
zustoesst."
"Ich weiss, ich weiss" fuhr sie fort, als sie sah, dass Katharina reden
wollte, "du tust Alles, was in deinen Kraeften ist, und noch mehr, als
in deinen Kraeften ist; aber es liegt schon so in dem Menschen, dass er
um Erfuellung seiner Herzenswuensche bittet, wenn er auch weiss, dass sie
ohnehin erfuellt werden, ja dass sie schon erfuellt worden sind."
"Kommt recht gut nach Hause", sagte Katharina, indem sie Mathilden die
Hand kuesste und sich mit dem Zipfel ihrer Schuerze die Augen trocknete.
Alle draengten sich herzu und nahmen Abschied. Mathilde hatte fuer
ein jedes liebe Worte. Auch von Natalien beurlaubte man sich, die
gleichfalls freundlich dankte.
"Eustach, vergesst den Sternenhof nicht ganz", sagte Mathilde zu diesem
gewendet, "besucht uns mit den anderen. Ich will nicht sagen, dass euch
auch die Dinge dort notwendig haben koennten, ihr sollt unsertwegen
kommen."
"Ich werde kommen, hochverehrte Frau", erwiderte Eustach.
Nun sprach sie noch einige Worte zu dem Gaertner und seiner Frau und zu
dem Meier, worauf die Leute ein wenig zurueck traten.
"Sei gut, mein Kind", sagte sie zu Gustav, indem sie ihm ein Kreuz
mit Daumen und Zeigefinger auf die Stirne machte und ihn auf dieselbe
kuesste. Der Knabe hielt ihre Hand fest umschlungen und kuesste sie. Ich
sah in seinen grossen schwarzen Augen, die in Traenen schwammen, dass er
sich gerne an ihren Hals wuerfe; aber die Scham, die einen Bestandteil
seines Wesens machte, mochte ihn zurueck halten.
"Bleibe lieb, Natalie", sagte mein Gastfreund.
Das Maedchen haette bald die dargereichte Hand gekuesst, wenn er es
zugelassen haette.
"Teurer Gustav, habe noch einmal Dank", sagte Mathilde zu meinem
Gastfreunde. Sie hatte noch mehr sagen wollen; aber es brachen Traenen
aus ihren Augen. Sie nahm ein feines, weisses Tuch und drueckte es fest
gegen diese Augen, aus denen sie heftig weinte.
Mein Gastfreund stand da und hielt die Augen ruhig; aber es fielen
Traenen aus denselben herab.
"Reise recht gluecklich, Mathilde", sagte er endlich, "und wenn bei
deinem Aufenthalte bei uns etwas gefehlt hat, so rechne es nicht
unserer Schuld an."
Sie tat das Tuch von den Augen, die noch fortweinten, deutete auf
Gustav und sagte: "Meine groesste Schuld steht da, eine Schuld, welche
ich wohl nie werde tilgen koennen."
"Sie ist nicht auf Tilgung entstanden", erwiderte mein Gastfreund.
"Rede nicht davon, Mathilde, wenn etwas Gutes geschieht, so geschieht
es recht gerne."
Sie hielten sich noch einen Augenblick bei den Haenden, waehrend ein
leichtes Morgenlueftchen einige Blaetter der abgebluehten Rosen zu ihren
Fuessen wehte.
Dann fuehrte er sie zu dem Wagen, sie stieg ein, und Natalie folgte
ihr.
Es war nach den mehreren Regentagen ein sehr klarer, nicht zu warmer
Tag gefolgt. Der Wagen war offen und zurueck gelegt. Mathilde liess den
Schleier von dem nehmlichen Hute, den sie bei ihrer Herfahrt gehabt
hatte, ueber ihr Angesicht herabfallen; Natalie aber legte den ihrigen
zurueck und gab ihre Augen den Morgenlueften. Nachdem auch noch Arabella
in den Wagen gestiegen war, zogen die Pferde an, die Raeder furchten
den Sand und der Wagen ging auf dem Wege hinab der Hauptstrasse zu.
Wir begaben uns wieder in das Haus zurueck.
Jeder ging in sein Zimmer und zu seinen Geschaeften.
Nachdem ich eine Weile in meiner Wohnung gewesen war, suchte ich den
Garten auf. Ich ging zu mehreren Blumen, die in einer fuer Blumen schon
so weit vorgerueckten Jahreszeit noch bluehten, ich ging zu den Gemuesen,
zu dem Zwergobste und endlich zu dem grossen Kirschbaume hinauf. Von
demselben ging ich in das Gewaechshaus. Ich traf dort den Gaertner,
welcher an seinen Pflanzen arbeitete. Als er mich eintreten sah,
kam er mir entgegen und sagte: "Es ist gut, dass ich allein mit euch
sprechen kann, habt ihr ihn gesehen?"
"Wen?" fragte ich.
"Nun, ihr waret ja auf dem Inghofe", antwortete er, "da werdet ihr
wohl den Cereus peruvianus angeschaut haben."
"Nein, den habe ich nicht angeschaut", erwiderte ich, indem ich mich
wohl des Gespraeches erinnerte, in welchem er mir erzaehlt hatte, dass
sich eine so grosse Pflanze dieser Art in dem Inghofe finde, "ich habe
auf ihn vergessen."
"Nun, wenn ihr ihn vergessen habt, so wird ihn wohl der Herr
angeschaut haben", sagte er.
"Ich glaube, dass uns niemand auf diese Pflanze aufmerksam gemacht hat,
als wir in dem Gewaechshause waren", erwiderte ich; "denn wenn jemand
anderer sich eigens zu dieser Pflanze gestellt haette, so haette ich es
gewiss bemerkt und haette sie auch angesehen."
"Das ist sehr sonderbar und sehr merkwuerdig", sagte er; "nun, wenn ihr
vergessen habt, den Cereus peruvianus anzusehen, so muesst ihr einmal
mit mir hinuebergehen; wir brauchen nicht zwei Stunden, und es ist ein
angenehmer Weg. So etwas seht ihr nicht leicht anders wo. Sie bringen
ihn nie zur Bluete. Wenn ich ihn hier haette, so wuerde er bald so weiss
wie meine Haare bluehen, natuerlich viel weisser. Die unseren sind noch
viel zu klein zum Bluehen."
Ich sagte ihm zu, dass ich einmal mit ihm in den Inghof hinuebergehen
werde, ja sogar, wenn es nicht eine Unschicklichkeit sei und nicht zu
grosse Hindernisse im Wege stehen, dass ich auch versuchen werde, dahin
zu wirken, dass diese Pflanze zu ihm herueberkomme.
Er war sehr erfreut darueber und sagte, die Hindernisse seien gar
nicht gross, sie achten den Cereus nicht, sonst haetten sie ja die
Gesellschaft zu ihm hingefuehrt, und der Herr wolle sich vielleicht
keine Verbindlichkeit gegen den Nachbar auflegen. Wenn ich aber eine
Fuersprache mache, so wuerde der Cereus gewiss herueber kommen.
Wie doch der Mensch ueberall seine eigenen Angelegenheiten mit sich
herum fuehrt, dachte ich, und wie er sie in die ganze uebrige Welt
hineintraegt. Dieser Mann beschaeftigt sich mit seinen Pflanzen und
meint, alle Leute muessten ihnen ihre Aufmerksamkeit schenken, waehrend
ich doch ganz andere Gedanken in dem Haupte habe, waehrend mein
Gastfreund seine eigenen Bestrebungen hat und Gustav seiner Ausbildung
obliegt. Das eine Gute hatte aber die Ansprache des Gaertners fuer mich,
dass sie mich von meinen wehmuetigen und schmerzlichen Gefuehlen ein
wenig abzog und mir die Ueberzeugung brachte, wie wenig Berechtigung
sie haben und wie wenig sie sich fuer das Einzige und Wichtigste in der
Welt halten duerfen.
Ich blieb noch laenger in dem Gewaechshause und liess mir Mehreres von
dem Gaertner zeigen und erklaeren. Dann ging ich wieder in meine Wohnung
und setzte mich zu meiner Arbeit.
Wir kamen bei dem Mittagessen zusammen, wir machten am Nachmittage
einen Spaziergang, und die Gespraeche waren wie gewoehnlich.
Die Zeit auf dem Rosenhause floss nach dem Besuche der Frauen wieder so
hin, wie sie vor demselben hingeflossen war.
Ich hatte die Musse, welche ich mir von meinen Arbeiten im Gebirge
zu einem Aufenthalte bei meinem Gastfreunde abgedungen hatte,
beinahe schon erschoepft. Das, was ich mir in dem Rosenhause als
Ergaenzungsarbeit zu tun auferlegt hatte, rueckte auch seiner Vollendung
entgegen. Ich liess mir aber dessohngeachtet einen Aufschub gefallen,
weil man verabredet hatte, einen Besuch auf dem Sternenhofe zu machen,
was, wie ich einsah, Mathildens Wohnsitz war, und weil ich bei diesem
Besuche zugegen sein wollte. Auch war es im Plane, dass wir eine Kirche
besuchen wollten, die in dem Hochlande lag und in welcher sich ein
sehr schoener Altar aus dem Mittelalter befand. Ich nahm mir vor,
das, was mir an Zeit entginge, durch ein laenger in den Herbst hinein
fortgesetztes Verweilen im Gebirge wieder einzubringen.
Mein Gastfreund hatte in dem Meierhofe wieder Bauarbeiten beginnen
lassen und beschaeftigte dort mehrere Leute. Er ging alle Tage hin, um
bei den Arbeiten nachzusehen. Wir begleiteten ihn sehr oft. Es war
eben die letzte Einfuhr des Heues aus den hoeheren, in dem Alizwalde
gelegenen Wiesen, deren Ertrag spaeter als in der Ebene gemaeht wurde,
im Gange. Wir erfreuten uns an dieser duftenden, wuerzigen Nahrung der
Tiere, welche aus den Waldwiesen viel besser war als aus den fetten
Wiesen der Taeler; denn auf den Bergwiesen wachsen sehr mannigfaltige
Kraeuter, die aus den sehr verschiedenartigen Gesteingrundlagen die
Stoffe ihres Gedeihens ziehen, waehrend die gleichartigere Gartenerde
der tiefen Gruende wenigere, wenngleich wasserreichere Arten hervor
bringt. Mein Gastfreund widmete diesem Zweige eine sehr grosse
Aufmerksamkeit, weil er die erste Bedingung des Gedeihens der
Haustiere, dieser geselligen Mitarbeiter der Menschen ist. Alles,
was die Wuerze, den Wohlgeruch und, wie er sich ausdrueckte, die
Nahrungslieblichkeit beeintraechtigen konnte, musste strenge
hintan gehalten werden, und wo durch Versehen oder Ungunst der
Zeitverhaeltnisse doch dergleichen eintrat, musste das minder Taugliche
ganz beseitigt oder zu andern Wirtschaftszwecken verwendet werden.
Darum konnte man aber auch keine schoeneres, glatteren, glaenzenderen
und froehlicheren Tiere sehen als auf dem Asperhofe. Der
Wirtschaftsvorteil lag ausserdem noch als Zugabe bei; denn da das
Schlechtere gar nicht verwendet werden durfte, wurde bei der
Behandlung und Einbringung die groesste Sorgfalt von den Leuten
beobachtet, abgesehen davon, dass mein Gastfreund bei seiner Kenntnis
der Witterungsverhaeltnisse weniger Schaden durch Regen oder
dergleichen erlitt als die meisten Landwirte, die sich um diese
Kenntnis gar nicht bekuemmerten. Und der Nachteil der Nichtanwendung
des Schlechteren wurde weit durch den Vorteil des besseren Gedeihens
der Tiere aufgewogen. In dem Asperhofe konnte man immer mit einer
geringeren Anzahl Tiere groessere Arbeiten ausfuehren als in anderen
Gehoeften. Hiezu kam noch eine gewisse Froehlichkeit und Heiterkeit
der untergeordneten Leute, die bei jeder sachgemaessen Fuehrung eines
Geschaeftes, bei dem sie beteiligt sind, und bei einer wenn auch
strengen, doch stets freundlichen Behandlung nicht ausbleibt. Ich
hoerte bei meiner jetzigen Anwesenheit oefter von benachbarten Leuten
die Aeusserung, das haette man dem alten Asperhofe nicht angesehen, dass
das noch heraus kommen koennte.
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