Der Nachsommer by Adalbert Stifter
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Adalbert Stifter >> Der Nachsommer
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Oft, wenn ich von dem Arbeiten ermuedet war oder wenn ich glaubte,
in dem Einsammeln meiner Gegenstaende genug getan zu haben, sass
ich auf der Spitze eines Felsens und schaute sehnsuechtig in die
Landschaftsgebilde, welche mich umgaben, oder blickte in einen der
Seen nieder, wie sie unser Gebirge mehrere hat, oder betrachtete die
dunkle Tiefe einer Schlucht, oder suchte mir in den Moraenen eines
Gletschers einen Steinblock aus und sass in der Einsamkeit und schaute
auf die blau oder gruene oder schillernde Farbe des Eises. Wenn
ich wieder talwaerts kam und unter meinen Leuten war, die sich
zusammenfanden, war es mir, als sei mir alles wieder klarer und
natuerlicher.
Von einem Jaegersmanne, welcher aber mehr ein Herumstreicher war, als
dass er an einem Platze durch lange Zeit als ein mit dem Bezirke und
mit dem Wildstande vertrauter Jaeger gedient haette, liess ich mir eine
Zither ueber die Gebirge herueber bringen. Er kannte, eben weil er
nirgends lange blieb und an allen Orten schon gedient hatte, das ganze
Gebirge genau und wusste, wo die besten und schoensten Zithern gemacht
wuerden. Er konnte dies darum auch am besten beurteilen, weil er
der fertigste und beruehmteste Zitherspieler war, den es im Gebirge
gab. Er brachte mir eine sehr schoene Zither, deren Griffbrett von
rabenschwarzem Holze war, in welchem sich aus Perlenmutter und
Elfenbein eingelegte Verzierungen befanden, und auf welchem die Stege
von reinem glaenzenden Silber gemacht waren. Die Bretter, sagte mein
Bote, koennten von keiner singreicheren Tanne sein; sie ist von dem
Meister gesucht und in guten Zeichen und Jahren eingebracht worden.
Die Fuesslein der Zither waren elfenbeinerne Kugeln. Und in der Tat,
wenn der Jaegersmann auf ihr spielte, so meinte ich, nie einen suesseren
Ton auf einem menschlichen Geraete gehoert zu haben. Selbst was Mathilde
und Natalie in dem Rosenhause gespielt hatten, war nicht so gewesen;
ich hatte weit und breit nichts gehoert, was an die Handhabung der
Zither durch diesen Jaegersmann erinnerte. Ich liess ihn gerne in meiner
Gegenwart auf meiner Zither spielen, weil ihm keine so klang wie diese
und weil er sagte, sie muesse eingespielt werden.
Er wurde mein Lehrer im Zitherspiele, und ich nahm mir vor, da ich
sah, dass er meine Zither allen anderen vorzog, ihm, wenn ich Ursache
haette, mit unseren Lehrstunden zufrieden zu sein, eine gleiche zu
kaufen.
Er hatte nehmlich erzaehlt, dass der Meister mehrere aus dem gleichen
Holze wie die meinige und in gleicher Art gefertigt habe. Da sie
nun ziemlich teuer gewesen war, so schloss ich, dass der Meister die
gleichen nicht so schnell werde verkaufen koennen und dass noch eine
werde uebrig sein, wenn ich meinem Lehrer zu dem gewoehnlichen Lohne,
den ich ihm in Geld zugedacht habe, noch dieses Geschenk wuerde
hinzufuegen wollen.
Ich begann in demselben Sommer auch, mir eine Sammlung von Marmoren
anzulegen. Die Stuecke, die ich gelegentlich fand oder die ich mir
erwarb, wurden zu kleinen Koerpern geschliffen, gleichsam dicken
Tafeln, die auf ihren Flaechen die Art des Marmors zeigten. Wenn ich
groessere Stuecke fand, so bestimmte ich sie ausser dem, dass ich die
gleiche Art in Tafeln in die Sammlung tat, zu allerlei Gegenstaenden,
zu kleinen Dingen des Gebrauches auf Schreibtischen, Schreinen,
Waschtischen oder zu Teilen von Geraeten oder zu Geraeten selbst. Ich
hoffte, meinem Vater und meiner Mutter eine grosse Freude zu machen,
wenn ich nach und nach als Nebengewinn meiner Arbeiten eine Zierde in
ihr Haus oder gar in den Garten braechte; denn ich sann auch darauf,
aus einem Blocke, wenn ich einen faende, der gross genug waere, ein
Wasserbecken machen zu lassen.
Im Lauterthale fand ich einmal Roland, den Bruder Eustachs. Er hatte
in einer alten Kirche gezeichnet und war jetzt damit beschaeftigt, im
Gasthause des Lauterthales diese Zeichnungen und einige andere, welche
er in der Naehe entworfen hatte, mehr in das Reine zu bringen. Es
befand sich nehmlich nicht weit von Lauterthal ein einsamer Hof
oder eigentlich mehr ein festes, steinernes, schlossartiges Haus,
welches einmal einer Familie gehoert hatte, die durch Handel mit
Gebirgserzeugnissen und durch immer ausgedehnteren Verkehr in viele
Gegenden der Erde wohlhabend und durch Entartung ihrer Nachkommen,
durch den Leichtsinn derselben und durch Verschwendung wieder arm
geworden war. Einer dieses Geschlechtes hatte das grosse steinerne Haus
gebaut. Er gehoerte jetzt einem fremden Herrn aus der Stadt, welcher
es seiner Lage und seiner Seltenheiten willen gekauft hatte und
es zuweilen besuchte. In dem Hause waren schoene Bauwerke, schoene
Steinarbeiten und schoene Arbeiten aus Holz, teils in Zimmerdecken,
Tueren und Fussboeden, teils in Geraeten. Die Holzarbeit musste einmal im
Gebirge viel bluehender gewesen sein als jetzt. Von diesen Gegenstaenden
durfte nichts aus dem Hause gebracht werden, auch wurde von ihnen
nichts verkauft. Roland hatte die Erlaubnis erhalten, zu zeichnen, was
ihm als zeichnungswuerdig erscheinen wuerde. Dieses Zweckes halber hielt
er sich im Lanterthalwirtshause auf. Ich besuchte mit ihm oefter das
Haus, und wir gerieten in mannigfache Gespraeche, namentlich, wenn
wir abends, nachdem wir beide unser Tagewerk getan hatten, an dem
Wirtstische in der grossen Stube zusammen kamen. Ich fand in ihm einen
sehr feurigen Mann von starken Entschluessen und von heftigem Begehren,
sei es, dass ein Gegenstand der Kunst sein Herz erfuellte oder dass er
sonst etwas in den Bereich seines Wesens zu ziehen strebte. Er verliess
diese Staette frueher als ich.
Ehe mich meine Geschaefte aus der Gegend fuehrten, fand ich noch etwas,
das mich meines Vaters willen sehr freute. Kaspar hatte oefters meinen
und Rolands Gespraechen zugehoert und mitunter sogar in die Zeichnungen
geblickt. Einmal sagte er mir, dass, wenn ich an alten Dingen so ein
Vergnuegen haette, er mir etwas zeigen koenne, das sehr alt und sehr
merkwuerdig waere.
Es gehoere einem Holzknechte, der ein Haus, einen Garten und
ein kleines Feldwesen habe, das von seinem Weibe und seinen
heranwachsenden Kindern besorgt werde. Wir gingen einmal auf meine
Anregung in das Haus hinauf, das jenseits eines Waldarmes mitten in
einer trockenen Wiese nicht weit von kleinen Feldern und hart an einem
grossen, vereinzelten Steinblocke lag, wie sie sich losgerissen oft im
Innern von fruchtbaren Gruenden befinden. Das alte Werk, welches ich
hier traf, war die Vertaefelung von zwei Fensterpfeilern, ungefaehr
halbmanneshoch. Es war offenbar der Rest einer viel groesseren
Vertaefelung, welche in der angegebenen Hoehe auf dem Fussboden laengs der
ganzen Waende eines Zimmers herum gelaufen war. Hier bestanden nur mehr
die Verkleidungen von zwei Fensterpfeilern; aber sie waren vollkommen
ganz. Halberhabne Gestalten von Engeln und Knaben, mit Laubwerk
umgeben, standen auf einem Sockel und trugen zarte Simse. Der Besitzer
des Haeuschens hatte die zwei Verkleidungen in seiner Prunkstube so
aufgestellt, dass sie mit der unverzierten Hoehlung gegen die Stube
schauten. In diese Hoehlung hatte er geschnitzte und bemalte
Heiligenbilder aus neuerer Zeit gestellt. Vermutlich war das Werk
einmal in dem steinernen Hause gewesen und war dort weggekommen, da
etwa Nachfolger Veraenderungen machten und Gegenstaende verschleuderten.
Der Besitzer des Wiesenhauses sagte uns, dass sein Grossvater die
Dinge in einer Versteigerung der Hagermuehle gekauft habe, die wegen
Verschwendung des Muellers war eingeleitet worden. Meine Nachfragen um
die Ergaenzungen zu diesen Verkleidungen waren vergeblich, und durch
Vermittlung Kaspars erkaufte ich von dem Besitzer die uebergebliebenen
Reste. Ich liess Kisten machen, legte die gefugten Teile auseinander,
packte sie selber ein und sendete sie unterdessen in das Ahornhaus zu
meinen anderen Dingen.
Ich blieb wirklich in jenem Herbste sehr lange im Gebirge. Es lag
nicht nur der Schnee schon auf den Bergen, sondern er deckte auch
bereits das ganze Land, und man fuhr schon in Schlitten statt in
Waegen, als ich von dem Ahornhause Abschied nahm. Ich hatte alle meine
Sachen gepackt und hatte sie voraus gesendet, weil ich im kuenftigen
Jahre nicht mehr in diesem freundlichen Hause, sondern irgend wo
anders meinen Aufenthalt wuerde aufschlagen muessen. Ich sagte allen
meinen Leuten Lebewohl und ging auf der glattgefrorenen Bahn neben dem
rauschenden Flusse, der schon Stuecke Ufereis ansetzte, in die ebneren
Laender hinaus. Mein Weg fuehrte mich in seinem Verlaufe auf Anhoehen
dahin, von welchen ich im Norden die Gegend des Rosenhauses und im
Sueden die des Sternenhofes erblicken konnte. In dem weissen Gewande,
welches sich ueber die Gefilde breitete und welches von den
dunkeln Baendern der Waelder geschnitten war, konnte ich kaum die
Huegelgestaltungen erkennen, innerhalb welcher das Haus meines Freundes
liegen musste, noch weniger konnte ich die Umgebungen des Sternenhofes
unterscheiden, da ich nie im Winter in dieser Gegend gewesen war. Das
aber wusste ich mit Gewissheit, in welcher Richtung das Haus liegen
muesse, an dem im vergangenen Sommer so viele Rosen geblueht haben und
in welcher das Schloss, hinter dem die alten Linden standen und die
Quelle floss, an der die weibliche Gestalt aus weissem Marmor Wache
hielt. Die wohltuenden Faeden, die mich nach beiden Richtungen zogen,
wurden von dem staerkeren Bande aufgehoben, das mich zu den lieben,
teuren Meinigen fuehrte.
Als ich das flache Land erreicht hatte und an dem Orte eingetroffen
war, in welchem mich meine Kisten erwarten sollten, uebergab ich
dieselben, die ich unverletzt vorfand, meinem Fraechter zur Befoerderung
an den Strom und empfahl sie ihm, besonders die mit den Altertuemern,
auf das Angelegentlichste. Am anderen Tage reiste ich in einem Wagen
nach. Am Strome liess ich die Kisten sorgfaeltig in ein Schiff bringen
und fuhr am naechsten Morgen mit dem nehmlichen Schiffe meiner
Vaterstadt zu.
Ich langte gluecklich dort an, liess meine Habseligkeiten in unser Haus
schaffen, packte zuerst die Kiste mit den Altertuemern aus und war
beruhigt, als die Holzschnitzereien unversehrt daraus hervor gingen.
Die Freude meines Vaters war ausserordentlich, die Mutter freute sich
des Vaters willen, und die Schwester, deren glaenzende Augen bald auf
mich, bald auf den Vater schauten, zeigte, dass sie mit mir zufrieden
sei. Dieses liess mir manches vergessen, das beinahe wie eine Sorge in
meinem Herzen war. Ich befand mich wieder bei meinen Angehoerigen, die
mit allen Kraeften ihrer Seele an meinem Wohle Anteil nahmen, und dies
erfuellte mich mit Ruhe und einer suessen Empfindung, die mir in der
letzten Zeit beinahe fremd geworden war.
Ich sah am anderen Tage, als ich in das Speisezimmer ging, den Vater,
wie er vor den Verkleidungen stand und sie betrachtete. Bald neigte er
sich naeher zu ihnen, bald kniete er nieder und befuehlte manches mit
der Hand oder untersuchte es genauer mit den Augen.
Mir klopfte das Herz vor Freude, und die weissen Haare, welche unter
den dunkeln immer haeufiger auf seinem Haupte zum Vorschein kamen,
erschienen mir doppelt ehrwuerdig, und die leichte Falte der Sorge
auf seiner Stirne, die in der Arbeit fuer uns auf diesem Sitze seiner
Gedanken entstanden war, waehrend ich meiner Freude nachgehen und die
Welt und die Menschen geniessen konnte, und waehrend meine Schwester wie
eine prachtvolle Rose erbluehen durfte, erfuellte mich beinahe mit einer
Andacht. Die Mutter kam dazu, er zeigte ihr manches, er erklaerte ihr
die Stellungen der Gestalten, die Fuehrung und die Schwingung der
Stengel und der Blaetter und die Einteilung des Ganzen. Die Mutter
verstand diese Dinge durch die langjaehrige Uebung viel besser als ich,
und ich sah jetzt, dass ich dem Vater etwas weit Schoeneres gebracht
habe, als ich wusste. Ich nahm mir vor, im naechsten Fruehlinge viel
genauer nach den zu diesen Verkleidungen noch gehoerenden Teilen zu
forschen; ich hatte frueher nur im allgemeinen gefragt, jetzt wollte
ich aber auf das Sorgfaeltigste in der ganzen Gegend suchen. Nachdem
wir noch eine Weile ueber das Werk geredet hatten, fuehrte mich die
Mutter durch alle meine Zimmer und zeigte mir, was man waehrend meiner
Abwesenheit getan habe, um mir den Winteraufenthalt recht angenehm zu
machen. Die Schwester kam dazu, und da die Mutter fortgegangen war,
schlang sie beide Arme um meinen Hals, kuesste mich und sagte, dass ich
so gut sei und dass sie mich nach Vater und Mutter unter allen Dingen,
die auf der Welt sein koennen, am meisten und am ausserordentlichsten
liebe. Mir waeren bei dieser Rede bald die Traenen in die Augen
getreten.
Als ich spaeter in meinem Zimmer allein auf und ab ging, wollte mir
mein Herz immer sagen: "Jetzt ist alles gut, jetzt ist alles gut."
Ich kaufte mir am andern Tage eine spanische Sprachlehre, welche mir
ein Freund, der sich seit mehreren Jahren mit diesen Dingen abgegeben
hatte, anriet. Ich begann neben meinen anderen Arbeiten vorerst fuer
mich in diesem Buche zu lernen, mir vorbehaltend, spaeter, wenn ich es
fuer noetig halten sollte, auch einen Lehrer im Spanischen zu nehmen.
Auch fuhr ich nicht nur fort, in den Schauspielen Shakespeares zu
lesen, sondern ich wendete die Zeit, die mir von meinen Arbeiten uebrig
blieb, auch der Lesung anderer dichterischer Werke zu. Ich suchte die
Schriften der alten Griechen und Roemer wieder hervor, von denen ich
schon Bruchstuecke waehrend meiner Studienjahre als Pflichterfuellung
hatte lesen muessen. Damals waren mir die Gestaltungen dieser Voelker,
die ich mit ruhigen und kuehlen Kraeften hatte erfassen koennen, sehr
angenehm gewesen, deshalb nahm ich jetzt die Buecher dieser Art wieder
vor.
Meine Zither gereichte der Schwester zur Freude. Ich spielte ihr die
Dinge vor, die ich bereits auf diesen Saiten hervorzubringen im Stande
war, ich zeigte ihr die Anfangsgruende, und als fuer uns beide in dieser
Uebung auch ein Meister aus der Stadt in das Haus kam, lieh ich ihr die
Zither und versprach ihr, eine eben so schoene und gute oder eine noch
schoenere und bessere fuer sie aus dem Gebirge zu schicken, wenn sie zu
bekommen waere. Ich erzaehlte ihr, dass der Mann, der mir in dem Gebirge
Unterricht im Zitherspiele gebe, bei weitem schoener, wenn auch nicht
so gekuenstelt spiele als der Meister in der Stadt. Ich sagte, ich
wolle in dem Gebirge sehr fleissig lernen und ihr, wenn ich wieder
komme, Unterricht in dem erteilen, was ich unterdessen in mein
Eigentum verwandelt haette.
Unter diesen Beschaeftigungen und unter andern Dingen, welche schon
fruehere Winter eingeleitet hatten, ging die kaeltere Jahreszeit dahin.
Als die Fruehlingsluefte wehten und die Erde abzutrocknen begann, trat
ich meine Sommerwanderung wieder an. Ich waehlte doch abermals das
Ahornhaus zu meinem Aufenthalte, wenn ich auch wusste, dass ich oft weit
von ihm weggehen und lange von ihm wuerde entfernt bleiben muessen.
Es war nur schon zur Gewohnheit geworden, und es war mir lieb und
angenehm in ihm.
Das erste, was ich vernahm, war, dass ich Botschaft nach meinem
Zitherspieljaegersmanne aussandte. Da er ueberall zu finden ist,
kam er sehr bald, und wir verabredeten, wie wir unsere Uebungen
im Zitherspiele fortsetzen wuerden. Gleichzeitig begann ich die
Forschungen nach jenen Teilen der Wandverkleidungen, welche zu den
meinem Vater ueberbrachten Pfeilerverkleidungen als Ergaenzung gehoerten.
Ich forschte in dem Hause nach, in welchem Roland im vergangenen
Sommer gezeichnet hatte, ich forschte bei dem Holzknechte, von welchem
mir die Pfeilerverkleidungen waren verkauft worden, ich dehnte meine
Forschungen in alle Teile der umliegenden Gegend aus, gab besonders
Maennern Auftraege, welche oft in die abgelegensten Winkel von Haeusern
und anderen Gebaeuden kommen, wie zum Beispiele Zimmerleuten, Maurern,
dass sie mir sogleich Nachricht gaeben, wenn sie etwas aus Holz
Geschnitztes entdeckten, ich reiste selber an manche Stellen, um
nachzusehen: allein es fand sich nichts mehr vor. Als beinahe
nicht zu bezweifeln stellte sich heraus, dass die von mir gekauften
Verkleidungen einmal zu dem steinernen Hause der ausgestorbenen
Gebirgskaufherren gehoert haben, in welchem sie die Unterwand eines
ganzen Saales umgeben haben mochten. Bei einer einmal vorgenommenen
sogenannten Verschoenerung spaeterer, verschwenderisch gewordener
Nachkommen hat man sie wahrscheinlich weg getan und sie fremden Haenden
ueberlassen, die sie in abwechselnden Besitz brachten.
Die Pfeilerverkleidungen, welche gleichsam Nischen bildeten, in die
man Heiligenbilder tun konnte, sind uebrig geblieben, die anderen
geraden Teile sind verkommen oder sogar mutwillig zerschlagen oder
verbrannt worden.
Gleich in den ersten Tagen meines Aufenthaltes ging ich auch mit
meinem Jaegersmanne von dem Ahornhause ueber das Echergebirge in das
Echertal, wo der Meister wohnte, von dem der Jaeger die Zither fuer mich
gekauft hatte und von dem ich auch eine fuer meine Schwester kaufen
wollte. Dieser Mann verfertigte Zithern fuer das ganze umliegende
Gebirge und zur Versendung. Er hatte noch zwei mit der meinigen ganz
gleiche. Ich waehlte eine davon, da in der Arbeit und in dem Tone gar
keine Verschiedenheit wahrgenommen werden konnte. Der Meister sagte,
er habe lange keine so guten Zithern gemacht und werde lange keine
solchen mehr machen. Sie seien alle drei von gleichem Holze, er habe
es mit vieler Muehe gesucht und mit vielen Schwierigkeiten gefunden. Er
werde vielleicht auch nie mehr ein solches finden. Auch werde er kaum
mehr so kostbare Zithern machen, da seine entfernten Abnehmer nur
oberflaechliche Ware verlangten und auch die Gebirgsleute, die wohl die
Guete verstehen, doch nicht gerne teure Zithern kauften.
Von dem Zitherspiele, welches mein Jaeger mit mir uebte, schrieb ich mir
so viel auf, als ich konnte, um es der Schwester zum Einlernen und zum
Spielen zu bringen.
Gegen die Zeit der Rosenbluete ging ich in den Asperhof und fand die
zwei Zimmer schon fuer mich hergerichtet, welche ich im vorigen Sommer
bewohnt hatte.
Am ersten Tage erzaehlte mir schon der Gaertner Simon, der von seinem
Gewaechshause zu mir herueber gekommen war, dass der Cereus peruvianus in
dem Asperhofe sei. Der Herr habe ihn von dem Inghofe gekauft, und da
ich gewiss Ursache dieser Erwerbung sei, so muesse er mir seinen Dank
dafuer abstatten. Ich hatte allerdings mit meinem Gastfreunde ueber den
Cereus geredet, wie ich es dem Gaertner versprochen hatte; aber ich
wusste nicht, wie viel Anteil ich an dem Kaufe haette, und sagte daher,
dass ich den Dank nur mit Zurueckhaltung annehmen koenne. Ich musste dem
Gaertner in das Cactushaus folgen, um den Cereus anzusehen. Die Pflanze
war in freien Grund gestellt, man hatte fuer sie einen eigenen Aufbau,
gleichsam ein Tuermchen von doppeltem Glas, auf dem Cactushause
errichtet und hatte durch Stuetzen oder durch Lenkung der
Sonnenstrahlen auf gewisse Stellen des Gewaechses Anstalten getroffen,
dass der Cereus, der sich an der Decke des Gewaechshauses im Inghofe
hatte kruemmen muessen, wieder gerade wachsen koenne. Ich haette nicht
gedacht, dass diese Pflanze so gross sei und dass sie sich so schoen
darstellen wuerde.
Weil mein Vater an altertuemlichen Dingen eine so grosse Freude hatte,
weil ihn die Verkleidungen so sehr erfreut hatten, welche ich ihm im
vergangenen Herbste gebracht hatte, so tat ich an meinen Gastfreund,
da ich eine Weile in seinem Hause gewesen war, eine Bitte. Ich hatte
die Bitte schon laenger auf dem Herzen gehabt, tat sie aber erst jetzt,
da man gar so gut und freundlich mit mir in dem Rosenhause war. Ich
ersuchte nehmlich meinen Gastfreund, dass er erlaube, dass ich einige
seiner alten Geraete zeichnen und malen duerfe, um meinem Vater die
Abbilder zu bringen, die ihm eine deutlichere Vorstellung geben
wuerden, als es meine Beschreibungen zu tun im Stande waeren.
Er gab die Einwilligung sehr gerne und sagte: "Wenn ihr eurem Vater
ein Vergnuegen bereiten wollet, so zeichnet und malet, wie ihr wollt,
ich habe nicht nur nichts dagegen, sondern werde auch Sorge tragen,
dass in den Zimmern, die ihr benuetzen wollt, gleich alles zu eurer
Bequemlichkeit hergerichtet werde. Sollte euch Eustach an die Hand
gehen koennen, so wird er es gewiss sehr gerne tun."
Am folgenden Tage war in dem Zimmer, in welchem sich der grosse
Kleiderschrein befand. mit dem ich anfangen wollte, eine Staffelei
aufgestellt und neben ihr ein Zeichnungstisch, ob ich mich des einen
oder des andern bedienen wollte. Der Schrein war von seiner Stelle weg
in ein besseres Licht gerueckt, und alle Fenster bis auf eines waren
mit ihren Vorhaengen bedeckt, damit eine einheitliche Beleuchtung auf
den Gegenstand geleitet wurde, der gezeichnet werden sollte. Eustach
hatte alle seine Farbstoffe zu meiner Verfuegung gestellt, wenn etwa
die von mir mitgebrachten irgendwo eine Luecke haben sollten. Das
zeigte sich sogleich klar, dass die Zeichnungen jedenfalls mit Farben
gemacht werden muessten, weil sonst gar keine Vorstellung von den
Gegenstaenden haette erzeugt werden koennen, die aus verschiedenfarbigem
Holze zusammengestellt waren.
Ich ging sogleich an die Arbeit. Mein Gastfreund hatte auch fuer meine
Ruhe gesorgt. So oft ich zeichnete, durfte niemand in das Zimmer
kommen, in dem ich war, und so lange sich ueberhaupt meine
Geraetschaften in demselben befanden, durfte es zu keinem andern
Gebrauche verwendet werden. Um desto mehr glaubte ich meine Arbeit
beschleunigen zu muessen.
Es waren indessen Mathilde und Natalie in dem Asperhofe angekommen,
und sie lebten dort, wie sie im vorigen Jahre gelebt hatten.
Ich zeichnete fleissig fort. Niemand stellte das Verlangen, meine
Arbeit zu sehen. Eustach hatte ich gebeten, dass ich ihn zuweilen um
Rat fragen duerfe, was er bereitwillig zugestanden hatte. Ich fuehrte
ihn daher zu Zeiten in das Zimmer, und er gab mir mit vieler
Sachkenntnis an, was hie und da zu verbessern waere. Nur Gustav liess
Neugierde nach der Zeichnung blicken; nicht dass ihm geradezu eine
Aeusserung in dieser Hinsicht entfallen waere; aber da er sich so an mich
angeschlossen hatte und da sein Wesen sehr offen und klar war, so
erschien es nicht schwer, den Wunsch, den er hegte, zu erkennen. Ich
lud ihn daher ein, mich in dem Zimmer zu besuchen, wenn ich zeichnete,
und ich richtete es so ein, dass meine Zeichnungszeit in seine freien
Stunden fiel. Er kam fleissig, sah mir zu, fragte um allerlei und
geriet endlich darauf, auch ein solches Gemaelde versuchen zu wollen.
Da mein Gastfreund nichts dawider hatte, so ueberliess ich ihm meine
Farben zur Benuetzung, und er begann auf einem Tische neben mir sein
Geschaeft, indem er den nehmlichen Schrein abbildete wie ich. Im
Zeichnen war er sehr unterrichtet, Eustach war sein Lehrmeister;
dieser hatte aber bisher noch immer nicht zugegeben, dass sein Zoegling
den Gebrauch der Farben anfange, weil er von dem Grundsatze ausging,
dass zuvor eine sehr sichere und behende Zeichnung vorhanden sein
muesse. Die Spielerei aber mit dem Schreine - denn es war nichts weiter
als eine Spielerei - liess er als eine Ausnahme geschehen.
Ich wurde in Kurzem mit der ersten Arbeit fertig. Das Bild sah in den
genau und gewissenhaft nachgeahmten Farben fast noch lieblicher und
reizender aus als der Gegenstand selber, da alles ins Kleinere und
Feinere zusammengerueckt war.
Da ich die Zeichnung vollendet hatte, legte ich sie meinem Gastfreunde
und Mathilde vor. Sie billigten dieselbe und schlugen einige kleine
Aenderungen vor. Da ich die Notwendigkeit derselben einsah, nahm ich
sie sogleich vor. Hierauf wurde von ihnen so wie von Eustach die
Abbildung fuer fertig erklaert.
Nach dem Kleiderschreine nahm ich den Schreibtisch mit den Delphinen
vor.
Weil ich durch die erste Zeichnung schon einige Fertigkeit erlangt
hatte, so ging es bei der zweiten schneller, und alles geriet mit mehr
Leichtigkeit und Schwung. Ich war fertig geworden und legte auch diese
Abbildung Mathilden, meinem Gastfreunde und Eustach vor. Gustav hatte
in der Zeit auch seine Zeichnung des grossen Schreines vollendet und
brachte sie herbei. Er wurde ein wenig ausgelacht, und andererseits
wurden ihm auch Dinge angegeben, die er noch zu veraendern und hinein
zu machen haette. Auch bei mir wurden Verbesserungen vorgeschlagen. Als
wir beide mit unsern Ausfeilungen fertig waren, wurden in dem Zimmer,
in welchem wir gezeichnet hatten, die Geraete wieder an den Platz
gerueckt, und die Staffelei und unsere Malergeraetschaften wurden daraus
entfernt. Ich hatte mir in diesem Zimmer nur die zwei Gegenstaende
abzubilden vorgenommen.
Hierauf versuchte ich noch einige kleinere Gegenstaende.
Unterdessen waren manche Leute zum Besuche in das Rosenhaus gekommen,
wir selber hatten auch einige Nachbarn aufgesucht, hatten Spaziergaenge
gemacht, und an mehreren Abenden sassen wir im Garten oder vor den
Rosen oder unter dem grossen Kirschbaume und es wurde von verschiedenen
Dingen gesprochen.
Eustach sagte mir einmal, da ich von den Geraeten in dem Sternenhofe
redete und die Aeusserung machte, dass meinen Vater Abbildungen von ihnen
sehr freuen wuerden, es koenne keinen Schwierigkeiten unterliegen, dass
ich in dem Sternenhofe ebenso zeichnen duerfe wie in dem Asperhause.
Ich ging auf die Sache nicht ein, da ich nicht den Mut hatte, mit
Mathilde darueber zu sprechen. Am andern Tage zeigte mir Eustach die
Einwilligung an, und Mathilde lud mich auf das Freundlichste ein und
sagte, dass mir in ihrem Hause jede Bequemlichkeit zu Gebote stehen
wuerde. Ich dankte sehr freundlich fuer die Guete, und nach mehreren
Tagen fuhr ich mit den Pferden meines Gastfreundes in den Sternenhof,
waehrend Mathilde und Natalie noch in dem Rosenhause blieben.
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