Der Nachsommer by Adalbert Stifter
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Adalbert Stifter >> Der Nachsommer
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Ich sah sehr gut ein, was sie sagten, und wusste auch, woher die Fehler
kaemen, von denen sie redeten. Ich hatte bisher alle Gegenstaende in
Hinblick auf meine Wissenschaft gezeichnet, und in dieser waren
Merkmale die Hauptsache. Diese mussten in der Zeichnung ausgedrueckt
sein und gerade die am schaerfsten, durch welche sich die Gegenstaende
von verwandten unterschieden. Selbst bei meinem Zeichnen von
Angesichtern hatte ich deren Linien, ihr Koerperliches, ihre Licht- und
Schattenverteilung unmittelbar vor mir.
Daher war mein Auge geuebt, selbst bei fernen Gegenstaenden das, was sie
wirklich an sich hatten, zu sehen, wenn es auch noch so undeutlich
war, und dafuer auf das, was ihnen durch Luft, Licht und Duenste
gegeben wurde, weniger zu achten, ja diese Dinge als Hindernisse der
Beobachtung eher weg zu denken als zum Gegenstande der Aufmerksamkeit
zu machen. Durch das Urteil meiner Freunde wurde mir der Verstand
ploetzlich geoeffnet, dass ich das, was mir bisher immer als wesenlos
erschienen war, betrachten und kennen lernen muesse. Durch Luft,
Licht, Duenste, Wolken, durch nahe stehende andere Koerper gewinnen die
Gegenstaende ein anderes Aussehen, dieses muesse ich ergruenden, und die
veranlassenden Dinge muesse ich, wenn es mir moeglich waere, so sehr zum
Gegenstande meiner Wissenschaft machen, wie ich frueher die unmittelbar
in die Augen springenden Merkmale gemacht hatte. Auf diese Weise
duerfte es zu erreichen sein, dass die Darstellung von Koerpern gelaenge,
die in einem Mittel und in einer Umgebung von anderen Koerpern
schwimmen. Ich sagte das meinen Freunden, und sie billigten meinen
Entschluss. Wenn der Nebel oder ueberhaupt die truebe Jahreszeit einen
Blick in die Ferne gestattete, wurde das, was mit Worten gesagt wurde,
auch an wirklichen Beispielen eroertert, und wir sprachen ueber die Art
und Weise, wie sich die entfernten Gebirge oder Teile von ihnen oder
naeher gehende von der Hauptkette sich abloesende Gruende darstellten.
Es ist unglaublich, wie sehr ich in jenem kurzen Herbstaufenthalte
unterrichtet wurde.
Ich sprach mit meinem Gastfreunde auch von den Dichtern, welche ich
las, und erzaehlte ihm von dem grossen Eindrucke, welchen ihre Worte auf
mich machten. Wir gingen bei Gelegenheit einmal in sein Buecherzimmer,
er fuehrte mich vor die Schreine, in welchen die Dichter standen, und
zeigte mir, was er in dieser Hinsicht besass. Er sagte auch, ich moechte
waehrend des Aufenthaltes in seinem Hause von den Buechern Gebrauch
machen, wie ich wollte; ich koennte sie im Lesezimmer benuetzen oder
auch in meine Wohnung mit hinuebernehmen. Es waren Werke in den
aeltesten Sprachen da, von Indien bis nach Griechenland und Italien,
es waren Werke der neueren Zeiten da und auch der neuesten. Am
zahlreichsten waren natuerlich die der Deutschen.
"Ich habe diese Buecher gesammelt", sagte er, "nicht als ob ich sie
alle verstaende; denn von manchen ist mir die Sprache vollkommen fremd;
aber ich habe im Verlaufe meines Lebens gelernt, dass die Dichter, wenn
sie es im rechten Sinne sind, zu den groessten Wohltaetern der Menschheit
zu rechnen sind. Sie sind die Priester des Schoenen und vermitteln
als solche bei dem steten Wechsel der Ansichten ueber Welt, ueber
Menschenbestimmung, ueber Menschenschicksal und selbst ueber goettliche
Dinge das ewig Dauernde in uns und das allzeit Beglueckende. Sie geben
es uns im Gewande des Reizes, der nicht altert, der sich einfach
hinstellt und nicht richten und verurteilen will. Und wenn auch alle
Kuenste dieses Goettliche in der holden Gestalt bringen, so sind sie
an einen Stoff gebunden, der diese Gestalt vermitteln muss: die Musik
an den Ton und Klang, die Malerei an die Linien und die Farbe, die
Bildnerkunst an den Stein, das Metall und dergleichen, die Baukunst an
die grossen Massen irdischer Bestandteile, sie muessen mehr oder minder
mit diesem Stoffe ringen; nur die Dichtkunst hat beinahe gar keinen
Stoff mehr, ihr Stoff ist der Gedanke in seiner weitesten Bedeutung,
das Wort ist nicht der Stoff, es ist nur der Traeger des Gedankens, wie
etwa die Luft den Klang an unser Ohr fuehrt. Die Dichtkunst ist daher
die reinste und hoechste unter den Kuensten. Da ich nun meine, dass
es so ist, wie ich sage, so habe ich die Maenner, welche die Stimme
der Zeiten als grosse in der Kunst des Dichtens bezeichnete, hier
zusammengestellt. Ich habe Dichter in fremden Sprachen, die ich nicht
verstand, dazu getan, wenn ich nur wusste, dass sie in der Geschichte
ihres Volkes vorzueglich genannt werden, und wenn ich von einem
Fachmanne das Zeugnis hatte, dass ich in dem Buche den Dichter besitze,
den ich meine. Sie moegen unverstanden hier stehen oder es man wohl
einer oder der andere in diesen Saal kommen, der manchen versteht
und liest. Ich habe wohl auch solche Buecher hieher gestellt, die
mir gefallen, das Urteil der Zeit mag anders lauten oder erst
festzustellen sein. In diesen Buechern habe ich viel Glueck gefunden und
in dem Alter fast noch mehr als in der Jugend. Wenn auch die Jugend
die Worte aus einem goldenen Munde mit einem Sturme und mit Entzuecken
aufnimmt, wenn sie auch dieselben mit einer Art Schwaermerei und mit
Sehnsucht in dem Busen traegt, so ist es doch fast stets mehr die
Waerme des eigenen Gefuehles, die sie empfindet, als dass sie die fremde
Weisheit und Groesse in ein besonnenes, betrachtendes, abwaegendes Herz
aufnehmen koennte. Ihr seid selber jung, und die Tiefe und Innigkeit
der Dichtung mag euch foerdern und euer Herz jedem kuenftigen Grossen
oeffnen, wie die reine Dichtkunst das immer an der Jugend tut; aber
ihr werdet selber einmal sehen, um wie viel milder und klarer die
vergluehende Sonne des Alters in die Groesse eines fremden Geistes
leuchtet als die feurige Morgensonne der Jugend, die alles mit ihrem
Glanze faerbt, so wie es eine Tatsache ist, dass die innige, wahre und
treue Liebe der alternden Gattin fester und dauernder beglueckt als
die lodernde Leidenschaft der jungen, schoenen, schimmernden Braut.
Die Jugend sieht in der Dichtung die eigene Unbegrenztheit und
Unendlichkeit der Zukunft, diese verhuellt die Maengel und ersetzt das
Abgaengige. Sie dichtet in das Kunstwerk, was im eignen Herzen lebt.
Daher koemmt die Erscheinung, dass Werke von bedeutend verschiedener
Geltung die Jugend auf gleiche Art entzuecken koennen, und dass
Erzeugnisse hoechster Groesse, wenn sie keine Wiederspieglung der
Jugendbluete sind, nicht erfasst werden koennen. In dem Alter werden
selbst solche Glanzstellen der Jugend, die schon sehr ferne liegen,
wie etwa die Sehnsucht der ersten Liebe mit ihrer Dunkelheit und
Grenzenlosigkeit, oder wie die holde und berauschende Seligkeit der
Gegenliebe, oder die Traeume kuenftiger Taten und kuenftiger Groesse, der
Blick in ein unendliches, erst kommendes Leben, oder wie das erste
Stammeln in irgend einer Kunst, von dem Greise in dem sanften Spiegel
seiner Erinnerung beglueckender aufgefasst als von dem Juenglinge, der
sie in dem Brausen seines Lebens ueberhoert, und an der grauen Wimper
mag manche beseligendere und mitunter schmerzlichere Traene haengen als
der feurige Funke, der in ueberwaeltigender Empfindung aus dem Auge des
Juenglings springt und keine Spur hinterlaesst. Ich lese jetzt selten
mehr die groessten Geister im Zusammenhange - mit kleineren tue ich es
wohl, weil sie in einzelnen Stellen minder bedeutend sind -, aber
ich lese immer in ihnen und werde wohl bis zu meinem Lebensende in
ihnen lesen. Sie begleiten mich mit ihren Gedanken wie mit grossen
Erquickungen durch den Rest meines Lebens und werden mir wohl, wie ich
ahne, an der dunkeln Pforte Kraenze aufhaengen, als waeren sie von meinen
eigenen Rosen geflochten. Deshalb gebe ich auch kein Buch aus dem
Hause, weil ich nicht weiss, ob ich es nicht in naechster Zeit selber
brauchen werde. Im Hause stehen sie jedem, der davon Gebrauch machen
will, zu Gebote. Nur fuer Gustav wird eine Auswahl getroffen, weil er
noch zu jung ist und nicht alles sondern kann. Er wuerde hier zwar
nichts gaenzlich Schlechtes finden; aber nicht alles Gute wuerde er
verstehen, und dann waere die daran gewendete Zeit verloren; oder er
koennte es missverstehen, und dann waere der Erfolg ein unrichtiger. Das
Schlechte, das sich Dichtkunst nennt, ist der Jugend sehr gefaehrlich.
In der Wissenschaft zeigt es sich viel leichter auf. In der Mathematik
liegt es in der Darstellung, da solche Werke wohl kaum vorkommen
duerften, in denen sogar der Stoff fehlerhaft waere, in der
Naturwissenschaft liegt es in der Darstellung wie im Stoffe, in welch
letzterem es sich in der Gestalt gewagter Behauptungen ausspricht; nur
in der sogenannten Weisheitslehre kann es verborgener sein gleichwie
in der Dichtkunst, weil manche Weisheitslehre wie Dichtkunst zusammen
gestellt ist und wirkt: aber in den Werken der eigentlichen Dichtkunst
versteckt es sieh vor dem bluehenden Gemuete des Juenglings, dieser
breitet seine Blueten und seine Begierden darueber und saugt das Gift in
sich. Ein klarer Verstand, der sich von Kindheit an eben zur Klarheit
hingeuebt hat, und ein gutes, reines Herz sind Schutzwehren vor
Schlechtigkeit und Sittenlosigkeit von Dichtungen, weil der klare
Verstand den hohlen Schwulst von sich abweist und das reine Herz
die Unsittlichkeit ablehnt. Aber Beides geschieht nur gegen die
Entschiedenheit des Schlechten. Wo es in Reize verhuellt ist und mit
Reinem gemischt, dort ist es am bedenklichsten, und da muessen Ratgeber
und vaeterliche Freunde zu Hilfe stehen, dass sie teils aufklaeren,
teils von vornherein die Annaeherung des Uebels aufhalten. Gegen die
Schlechtigkeit in der Darstellung oder gegen die lange Weile braucht
man kein Mittel als sie selber. Ihr seid zwar noch jung; aber ihr
seid nicht so jung zu dem Lesen von Dichtern gekommen wie die meisten
unserer Juenglinge, und ihr habt so viel in Wissenschaften gelernt, dass
ich glaube, dass man euch alle Dichter in die Haende geben kann, ohne
Gefahr zu befuerchten, selbst bei solchen, die in ihrem Amte sehr
zweifelhaft sind. Euer Geist wird sich wohl heraus finden und gerade
dadurch noch mehr klaeren. Da ich von der Weisheitslehre sprach, welche
man in unserem deutschen Lande noch immer als Weisheitsliebe mit dem
griechischen Worte Philosophie bezeichnet, muss ich euch sagen, was ihr
wohl vielleicht schon aus anderen Reden von mir gemerkt haben moegt,
dass ich nicht gar sehr viel auf sie halte, wenn sie in ihrem eigenen
und eigentuemlichen Gewande auftritt. Ich habe alte und neue Werke
derselben mit gutem Willen durchgenommen; aber ich habe mich zu viel
mit der Natur abgegeben, als dass ich auf ledigliche Abhandlungen ohne
gegebener Grundlage viel Gewicht legen koennte, ja sie sind mir sogar
widerwaertig. Vielleicht reden wir noch ein anderes Mal von dem
Gegenstande. Wenn ich je einige Weisheit gelernt habe, so habe ich sie
nicht aus den eigentlichsten Weisheitsbuechern, am wenigsten aus den
neuen - jetzt lese ich gar keine mehr - gelernt, sondern ich habe sie
aus Dichtern genommen oder aus der Geschichte, die mir am Ende wie die
gegenstaendlichste Dichtung vorkoemmt."
Als ich meinen Gastfreund so reden hoerte, erinnerte ich mich, dass ich
ihn in der Tat viel lesen gesehen habe. Oft war er mit einem Buche
unter einem schattigen Baume gesessen oder in rauherer Jahreszeit auf
einer sonnigen Bank, oft hatte er sich mit einem auf einen Spaziergang
begeben, er ist sehr haeufig in dem Lesezimmer gewesen, und er trug
Buecher in seine Arbeitsstube. Als wir die letzte Fahrt in den
Sternenhof gemacht hatten, hatte er Buecher mitgenommen, und ich glaube
von Gustav gehoert zu haben, dass er auf jede Reise Buecher einpacke.
Ich ging bei meinem jetzigen Aufenthalte in dem Rosenhause sehr oft in
das Buecherzimmer, und wie ich frueher vor den Schraenken gestanden war,
die die Werke der Naturwissenschaften enthielten, und wie ich damals
manches Buch in das Lesezimmer mitgenommen hatte, so stand ich jetzt
vor den Schreinen mit den Dichtern, sah viele einzelne der vorhandenen
Buecher an, trug manches in das Lesezimmer oder mit Bewilligung meines
Gastfreundes in meine Stube und schrieb mir die Aufschrift von manchem
in mein Gedenkbuch, um es mir, wenn ich nach Hause gekommen waere, zu
kaufen.
Gegen das Ende meines Aufenthaltes, da noch einige sonnige Tage kamen,
zeichnete und malte ich auch mehrere Stuecke der schoenen getaefelten
Fussboeden, die in diesem Hause anzutreffen waren. Ich tat dies, um
dem Vater von allen Dingen, welche ich gesehen hatte, einiger Massen
Abbildungen bringen zu koennen.
Als es schon bald zu meiner Abreise kam, sagte mein Gastfreund, er
haette noch etwas mit mir zu reden, und er sprach: "Weil euch euere
Natur selber zum Teile aus dem Kreise herausgezogen hat, den ihr um
euch gesteckt habt, weil ihr zu euren frueheren Bestrebungen noch
den Einblick in die Dichtungen gesellt habt, so wie ja schon das
Landschaftsmalen als ein Uebergang in das Kunstfach ein Schritt aus
eurem Kreise war, so erlaubet mir, dass ich als Freund, der euch wohl
will, ein Wort zu euch rede. Ihr solltet zu eurem Wesen eine breitere
Grundlage legen. Wenn die Kraefte des allgemeinen Lebens zugleich in
allen oder vielen Richtungen taetig sind, so wird der Mensch, eben weil
alle Kraefte wirksam sind, weit eher befriedigt und erfuellt, als wenn
eine Kraft nach einer einzigen Richtung hinzielt. Das Wesen wird
dann im Ganzen leichter gerundet und gefestet. Das Streben in
einer Richtung legt dem Geiste eine Binde an, verhindert ihn, das
Nebenliegende zu sehen und fuehrt ihn in das Abenteuerliche. Spaeter,
wenn der Grund gelegt ist, muss der Mann sich wieder dem Einzigen
zuwenden, wenn er irgendwie etwas Bedeutendes leisten soll. Er wird
dann nicht mehr in das Einseitige verfallen. In der Jugend muss man
sich allseitig ueben, um als Mann gerade dann fuer das Einzelne tauglich
zu sein. Ich sage nicht, dass man sich in das Tiefste des Lebens
in allen Richtungen versenken muesse, wie zum Beispiele in allen
Wissenschaften, wie ihr ja selber einmal angefangen habt, das waere
ueberwaeltigend oder toetend, ohne dabei moeglich zu sein; sondern dass
man das Leben, wie es uns ueberall umgibt, aufsuche, dass man seine
Erscheinungen auf sich wirken lasse, damit sie Spuren einpraegen,
unmerklich und unbewusst, ohne dass man diese Erscheinungen der
Wissenschaft unterwerfe. Darin, meine ich, besteht das natuerliche
Wissen des Geistes, zum Unterschiede von der absichtlichen Pflege
desselben. Er wird nach und nach gerecht fuer die Vorkommnisse des
Lebens. Ihr habt, scheint es mir, zu jung einen einzelnen Zug erfasst,
unterbrecht ihn ein wenig, ihr werdet ihn dann freier und grossartiger
wieder aufnehmen. Schaut auch die unbedeutenden, ja nichtigen
Erscheinungen des Lebens an. Geht in die Stadt, sucht euch deren
Vorkommnisse zurecht zu legen, kommt dann zu uns auf das Land,
lebt einmal eine Weile muessig bei uns, das heisst tut, was euch der
Augenblick und die Neigung eingibt, wir wollen dieses Haus und den
Garten geniessen, wollen den Nachbar Ingheim besuchen, wollen auch
zu anderen entfernteren Nachbarn gehen und die Dinge an uns vorueber
fliessen lassen, wie sie fliessen."
Ich dankte ihm fuer seine Bemerkungen, sagte, dass ich selber so etwas
Aehnliches in mir empfinde, dass ich wohl etwas unbeholfen gegen das
Leben sei, dass meine Eltern und wohlmeinenden Freunde wohl Nachsicht
mit mir haben muessen und dass ich fuer jeden Wink dankbar sei. Besonders
freue mich die Einladung in sein Haus, und ich werde ihr mit vieler
Freude Folge leisten.
Als die Zeit meiner Abreise herangekommen war, packte ich die
Zeichnungen und alles, was ich in dem Rosenhause hatte, ein, nahm den
herzlichsten Abschied von dem alten Manne, Gustav, Eustach, Roland,
der gekommen war, verabschiedete mich von allen Bewohnern des Hauses,
Gartens und Meierhofes und reisete zu meinen Angehoerigen in die
Hauptstadt zurueck.
Das Erste, was ich dort nach dem innigsten und aufrichtigsten
Bewillkommen sah, war, dass mein Vater das teils glaeserne, teils
hoelzerne Haeuschen, in welchem die alten Waffen hingen, um welches
sich der Epheu rankte und welches im Grunde den aeussersten Ansatz oder
gleichsam einen Erker des rechten Fluegels des Hauses gegen den Garten
bildete, in dem vergangenen Sommer hatte umbauen lassen. Er hatte es
bedeutend vergroessert, aber die Leisten, Spangen und Rahmen, in denen
das Glas befestigt war, hatte er in der frueheren Art gelassen, nur
waren sie dem Stoffe nach neu gemacht und mit schoenen Verzierungen
und Schnitzereien versehen. Die Simse des Daches waren nach
mittelalterlicher Weise verfertigt, schoen geschnitzt und verziert.
Der Epheu war wieder an Leisten empor geleitet worden und blickte an
manchen Stellen durch das Glas herein. Die Fenster waren nicht mehr
nach Aussen und Innen zu oeffnen wie frueher, sondern zum Verschieben.
Die groesste Veraenderung aber war die, dass der Vater zwei Saeulen hatte
auffuehren lassen, waehrend frueher die beiden Waende, welche nach Aussen
geschaut hatten, aus Glas verfertigt gewesen waren. Diese zwei Pfeiler
hatten genau die Abmessungen, dass die zwei Verkleidungen, welche ich
ihm in dem vorigen Herbste gebracht hatte, auf dieselben passten. Die
Verkleidungen waren aber noch nicht auf ihnen, weil das Mauerwerk
zuerst austrocknen musste, dass das Holz an demselben keinen Schaden
nehmen konnte. Der Vater hatte mir nur den ganzen Plan und die
Vorrichtungen zu seiner Ausfuehrung gesagt. So wie es mich einerseits
freute, dass der Vater das Holzkunstwerk so schaetzte, dass er eigens zu
dem Zwecke, es anbringen zu koennen, das Haeuschen hatte umbauen lassen,
so war es mir andererseits erst recht schmerzlich, dass ich die
Ergaenzungen zu den Verkleidungen nicht aufzufinden im Stande gewesen
war. Ich sagte dem Vater von meinen Bemuehungen und von meinem
Leidwesen wegen des schlechten Erfolges. Er und die Mutter troesteten
mich und sagten, es sei alles auch in der vorhandenen Gestalt recht
schoen, was verschwunden ist und nicht mehr erlangt werden kann,
muesse man nicht eigensinnig anstreben, sondern sich an dem, was eine
gute Gunst uns noch erhalten habe, freuen. Das Haeuschen werde eine
Erinnerung sein, und so oft man sich in demselben, wenn es vollkommen
in den Stand gesetzt sein werde, befinden werde, werde einem die Zeit
vorschweben, in welcher das Holzwerk gemacht worden sei, und die,
in welcher ein lieber Sohn es zur Freude des Vaters ans dem Gebirge
gebracht habe.
Ich musste mich wohl, obgleich ungern, beruhigen. Es erschien mir
jetzt erst recht schoen, wenn die Verkleidungen am ganzen Innern des
Haeuschens herum liefen und ueber ihnen einerseits die Pfeiler und
andererseits die Fenster schimmerten.
Nach einigen Tagen, in welchen die ersten Besprechungen gefuehrt
wurden, die nach einer Reise eines Familiengliedes im Schosse
einer Familie immer vorfallen, wenn auch die Reise eine jaehrlich
wiederkommende ist, legte ich dem Vater, da unterdessen auch meine
Koffer und Kisten angekommen waren, die Abbildungen vor, welche ich
von den Geraeten und Fussboeden im Rosenhause und im Sternenhofe gemacht
hatte. Ich war auf die Wirkung sehr neugierig. Ich hatte einen Sonntag
abgewartet, an welchem er Zeit hatte und an welchem er gerne nach dem
Mittagessen eine geraume Weile in dem Kreise seiner Familie zubrachte.
Ich legte die Blaetter vor ihm auf einem Tische auseinander. Er schien
mir bei ihrem Anblick - ich kann sagen - betroffen. Er sah die Blaetter
genau au, nahm jedes mehrere Male in die Hand und sagte laengere Zeit
kein Wort. Endlich ging seine Empfindung in eine unverhohlene Freude
ueber. Er sagte, ich wisse gar nicht, was ich gemacht haette, ich wisse
gar nicht, welchen Wert diese Dinge haetten, ich haette in frueherer Zeit
die Schoenheit und Zusammenstimmigkeit dieser Dinge mit Worten gar
nicht so in das rechte Licht gestellt, wie es sich jetzt in Farbe und
Zeichnung, wenn auch beides mangelhaft waere, beurkunde. Im ersten
Augenblicke hielt der Vater die Geraete, welche ich in dem Sternenhofe
abgebildet hatte, fuer wirklich alte; als ich ihn aber auf die
tatsaechlichen Verhaeltnisse derselben aufmerksam machte, sagte er, das
muesse ein ausserordentlicher Mensch sein, der diese Entwuerfe gemacht
habe, er muesse nicht nur mit der alten Bauart und Zusammenstellung der
Geraete sehr vertraut sein, sondern er muesse auch ein ungewoehnliches
Schoenheitsgefuehl haben, um aus der Menge der ueberlieferten Gestalten
das zu waehlen, was er gewaehlt habe. Und die Zusammenreihung der Geraete
sei so aus einem Gusse, als waeren sie einstens zu einem Zweck und
in einer Zeit verfertigt worden. Auch die wirklich alten Geraete im
Rosenhause seien von einer Schoenheit, wie er sie nie gesehen habe,
obgleich ihm die vorzueglichsten und beruehmtesten Sammlungen der Stadt
und mancher Schloesser bekannt waeren. Zwei so auserlesene Stuecke wie
den grossen Kleiderschrein und den Schreibschrein mit den Delphinen
duerfte man kaum irgendwo finden. Sie waeren wert, in einem kaiserlichen
Gemache zu stehen.
Ich erzaehlte ihm, um den Mann, der die Entwuerfe fuer den Sternenhof
gemacht hatte, naeher zu bezeichnen, dass ich viele Bauzeichnungen und
Zeichnungen von anderen Dingen in dem Rosenhause gesehen habe, welche
weit hoehere Gegenstaende darstellen und auch mit einer ungleich
groesseren Vollendung ausgefuehrt seien, als ich bei meinen Abbildungen
anzubringen im Stande gewesen waere. Diese Arbeiten seien bei dem Manne
Vorbildungen gewesen, damit er die Entwuerfe haette machen koennen, die
er gemacht habe.
Er schien auf meine Worte nicht zu achten, sondern legte irgend ein
Blatt hin, nahm ein anderes auf und betrachtete es.
"So weit ich aus den Abbildungen urteilen kann", sagte er, "sind die
altertuemlichen Gegenstaende, welche du mir da veranschaulicht hast,
nicht nur an sich sehr vortrefflich, sondern sie sind auch hoechst
wahrscheinlich, wie Farbe und Zeichnung dartut, sehr zweckmaessig wieder
hergestellt. Meine Habseligkeiten sinken dagegen zu Unbedeutenheiten
herab, und ich sehe aus diesen Blaettern, wie man die Sache anfassen
muss, wenn man die Zeit, die Kenntnisse und die Mittel dazu hat."
Mich freute es jetzt recht sehr, dass ich auf den Gedanken gekommen
war, dem Vater diese Dinge nachzubilden, um ihm eine Vorstellung von
ihnen zu geben; mich freute sein Anteil, den er an ihnen nahm, und die
Freude, die er darueber hatte.
"Es sind nun zwei Wege, die zu gehen sind", meinte die Mutter,
"entweder kannst du dir nach diesen Gemaelden die Dinge, die sie
darstellen, machen lassen, um dich immerwaehrend daran zu ergoetzen,
oder du kannst in den Asperhof und Sternenhof reisen und sie in
Wirklichkeit sehen, um eine Freude zu haben, so lange du sie siehst,
und in der Erinnerung dich zu laben, wenn du wieder weggereist bist."
Der Vater antwortete: "Die Geraete, die hier gezeichnet sind,
nachmachen zu lassen, ist eine Unzukoemmlichkeit; denn erstens muesste
hiezu die Einwilligung des Eigentuemers erlangt werden, und wenn sie
auch erlangt worden waere, so haetten zweitens die nachgebildeten
Gegenstaende in meinen Augen nicht den Wert, den sie haben sollten,
weil sie doch nur, wie die Maler sagen, Copien waeren. Es boete sich
auch noch der Gedanke, mit Einwilligung des Eigentuemers nach diesen
Abbildungen neue Zusammenstellungen entwerfen und in Wirklichkeit
ausfuehren zu lassen; allein das verlangt eine so grosse
Geschicklichkeit, welche ich nicht nur mir nicht zutraue, sondern
welche ich auch an den Arbeitern in aehnlichen Dingen, die ich in
unserer Stadt kenne, nicht aufzufinden hoffe. Und zuletzt waeren die
verfertigten Gegenstaende doch noch immer nichts mehr als halbe Copien.
Das Verfertigen geht also nicht. Was deinen zweiten Weg anbelangt,
Mutter, so werde ich ihn gewiss gehen. Ich habe mir schon frueher bei
den Erzaehlungen von diesen Dingen vorgenommen, die Reise zu ihnen zu
machen; jetzt aber, da ich die Abbildungen sehe, werde ich die Reise
nicht nur um so gewisser, sondern auch in viel naeherer Zeit machen,
als es wohl sonst haette geschehen koennen."
"Das wird recht schoen sein", riefen wir fast alle aus einem Munde.
Die Mutter sagte: "Du solltest gleich die Zeit bestimmen und solltest
gleich mit deinem Sohne verabreden, dass er dich in derselben zu dem
alten Manne in das Rosenhaus fuehre, welcher dich schon auch in den
Sternenhof geleiten wuerde."
"Nun, so draenget nur nicht", erwiderte er, "es wird geschehen, das
ist genug; binden, wisst ihr, kann sich ein Mann nicht, der von seinem
Geschaefte abhaengt und nicht wissen kann, welche Umstaende einzutreten
vermoegen, die von ihm Zeit und Handlungen fordern."
Die Mutter kannte ihn zu gut, um weiter in ihn zu dringen, er wuerde
bei seinem ausgesprochenen Satze geblieben sein. Sie beruhigte sich
mit dem Erlangten.
Sowohl sie als die Schwester dankten mir, dass ich dem Vater die Bilder
gebracht hatte, die ihm ein solches Vergnuegen bereiteten.
"Die Fussboeden muessen auch vortrefflich sein", rief er aus.
"Sie sind viel schoener als die ungefaehre Malerei andeuten kann",
erwiderte ich, "mein Pinsel kann noch immer nicht den Glanz und die
Zartheit und das Seidenartige der Holzfasern ausdruecken, was man alles
dort so liebt, dass nur mit Filzschuhen auf diesen Boeden gegangen
werden darf."
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