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Der Nachsommer by Adalbert Stifter

A >> Adalbert Stifter >> Der Nachsommer

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"Das kann ich mir denken", antwortete er, "das kann ich mir denken."

Hierauf musste ich ihm alle Hoelzer nennen, die hier mit Farben
angegeben waren und aus denen die abgebildeten Gegenstaende bestanden.
Die meisten kannte er ohnehin, was mich freute, weil es der Beweis
war, dass ich die Farben nicht unsachgemaess angewendet habe. Die er
nicht kannte, nannte ich ihm. Ich wusste sie fast alle ganz genau
anzugeben.

Er verwunderte sich wieder und immer aufs Neue und suchte sich die
Gegenstaende recht lebhaft vorzustellen.

Die Mutter und Schwester fragten mich, ob ich recht lange zu dieser
Arbeit gebraucht haette und ob ich nicht dabei beklommen gewesen waere.

Ich antwortete, dass ich des Zweckes willen sehr fleissig gewesen sei,
dass es anfaenglich langsam gegangen sei, dass ich aber nach und nach
Uebung erlangt haette und dass ich dann weit schneller vorwaertsgekommen
sei, als ich selber geahnt habe. Und was die Beklemmung anbelangt, so
haette ich sie freilich im Anfange gehabt; aber da die Dinge einmal auf
mich gewirkt haetten, da ich in Eifer geraten waere, da sich hie und
da ein Gelingen eingestellt haette, namentlich da mir durch die
Entschiedenheit der Erscheinung mancher Holzgattung die Farbe
gleichsam von selber in die Hand gegeben worden waere, so haette sich
bald die Unbefangenheit eingefunden und nach und nach sich die Lust
hinzu gesellt.

Nach diesen Worten zeigte mir der Vater auch manchen Fehler, den ich
in den Arbeiten gemacht haette, und setzte mir auseinander, wie ich
selbe, falls ich wieder aehnliche Dinge entwerfen sollte, vermeiden
koennte. Da er Gemaelde hatte, da er sich seit Jahren mit denselben
beschaeftigt hatte, so durfte ihm wohl ein Urteil in dieser Hinsicht
zugewachsen sein, und ich erkannte das, was er sagte, als vollkommen
richtig an und glaubte mich aber auch befaehigt zu fuehlen, es in
Zukunft besser zu machen.

Nach den Fehlern ging der Vater auch auf die Vorzuege der Arbeit ueber
und sagte, dass er nach den Zeichnungen von Koepfen, die ich vor einiger
Zeit gemacht haette, zu schliessen, von mir nicht erwartet haette, dass
ich etwas so Sachgemaesses in Oelfarben wuerde ausfuehren koennen.

Dieser Sonntagsnachmittag war eine sehr liebe, angenehme Zeit.

Die Freundlichkeit der Schwester, die sie besonders an diesem
Nachmittage an den Tag legte, war mir ein schoenerer Lohn, als wenn ein
Kenner gesagt haette, dass meine Blaetter ausgezeichnet seien, das Lob
der Mutter, dass ich auf den Vater und das vaeterliche Haus gedacht habe
und aus Liebe zu beiden, um Freude zu bereiten, eine beschwerliche
Arbeit unternommen habe, erregte mir die angenehmsten Gefuehle, und da
auch der Vater mit einigen gewaehlten Worten seinen Dank aussprach und
sagte, dass er dieses Zartgefuehl nicht vergessen werde, konnte ich nur
mit grosser Gewalt die Traenen bemeistern.

Ich gab ihm alle Blaetter als Eigentum, und er reihte sie seiner
Sammlung von Merkwuerdigkeiten ein.

Am naechsten Tage packte ich die Zithern aus, legte beide der Schwester
vor und liess ihr die Wahl, ob sie die meinige oder die neuangekaufte
als fuer sie gehoerig annehmen wolle. Sie waehlte die neue und freute
sich darueber sehr. Ich zeigte ihr auch die Stuecke, welche ich mir nach
dem Spiele meines Gebirgslehrmeisters geschrieben hatte, und liess sie
ihr in ihrem Zimmer, dass sie sie abschreiben lassen koenne und dass sie
ihre Uebungen darnach begoenne. Ich versprach ihr, in diesem Winter ihr
Lehrer in dieser Kunst zu sein.

Nach einiger Zeit brachte ich auch meine Malereien von
Gebirgslandschaften zum Vorscheine. Ich hatte bis dahin immer nicht
den Mut dazu gehabt; aber endlich machte mir mein Gewissen zu bittere
Vorwuerfe, dass ich gegen meine Angehoerigen Heimlichkeiten habe. Ich
zeigte meinem Vater die Blaetter auch an einem Sonntagsnachmittage. Ich
blickte ihm erstaunt in das Angesicht, als er dieselben gesehen hatte
und das Nehmliche sagte, was mein Gastfreund im Rosenhause und was
Eustach gesagt hatten. Bei diesen letzten beiden hatte es mich nicht
gewundert, da ich sie fuer Kenner hielt und da sie Gebirgsbewohner
waren. Der Vater aber, der zwar Bilder besass, war ein Kaufherr und
war nie lange in dem Gebirge gewesen. Es erhoehte dies meine Ehrfurcht
gegen ihn noch mehr. Er zeigte mir, wo ich unwahr gewesen war,
und setzte mir auseinander, wie es haette sein sollen, was ich
augenblicklich begriff. Das was er lobte und richtig fand, gefiel mir
selber nachher doppelt so wohl.

Klotilden musste ich die Blaetter noch einmal und allein in ihrem Zimmer
zeigen. Sie verlangte, dass ich ihr beinahe alles erklaere. Sie war nie
in hoeherem oder im Urgebirge gewesen, sie wollte sehen, wie diese
Dinge beschaffen seien, und sie reizten ihre Aufmerksamkeit sehr.
Obgleich meine Malereien keine Kunstwerke waren, wie ich jetzt immer
mehr einsah, so hatten sie doch einen Vorzug, den ich erst spaeter
recht erkannte und der darin bestand, dass ich nicht wie ein Kuenstler
nach Abrundung noch zusammenstimmender Wirkung oder Anwendung von
Schulregeln rang, sondern mich ohne vorgefasster Einuebung den Dingen
hingab und sie so darzustellen suchte, wie ich sie sah. Dadurch
gewannen sie, was sie auch an Schmelz und Einheit verloren, an
Naturwahrheit in einzelnen Stuecken und gaben dem Nichtkenner und dem,
der nie die Gebirge gesehen hatte, eine bessere Vorstellung als schoene
und kuenstlerisch vollendete Gemaelde, wenn sie nicht die vollendetsten
waren, die dann freilich auch die Wahrheit im hoechsten Masse trugen.
Aus diesem Grunde sagte mir Klotilde durch eine Art unbewusster Ahnung,
sie wisse jetzt, wie die Berge aussehen, was sie aus vielen und guten
Bildern nicht gewusst haette. Sie aeusserte auch den Wunsch, einmal die
hohen Berge selber sehen zu koennen, und meinte, wenn der Vater die
Reise in das Rosenhaus und in den Sternenhof mache und bei dieser
Gelegenheit auch die Gebirge besuche, werde sie ihn bitten, sie
mitreisen zu lassen. Ich erzaehlte ihr nun recht viel von den Bergen,
beschrieb ihr ihre Herrlichkeit und Groesse, machte sie mit manchen
Eigentuemlichkeiten derselben bekannt und setzte ihr meine
verschiedenen Reisen in denselben und meine Bestrebungen ausfuehrlicher
als sonst auseinander. Ich hatte nie so viel von den Gebirgen mit
ihr geredet. Nach diesen Worten verlangte sie auch, dass ich sie
unterrichte, ebensolche Abbildungen verfertigen zu koennen, wie sie
hier vor ihr liegen. Sie wolle sich Farben und alle andere dazu
notwendigen Geraetschaften verschaffen. Da sie ohnehin ziemlich gut
zeichnen konnte, so war die Sache nicht so schwierig als sie beim
ersten Anscheine ausgesehen hatte. Ich versprach ihr meinen Beistand,
wenn die Eltern einwilligen wuerden.

Wir fragten nach einiger Zeit die Eltern. Sie hatten im Ganzen
nichts dagegen, nur die Mutter verlangte ausdruecklich, dass diese
Arbeiten nur Nebendinge sein sollen, Dinge zum Vergnuegen, nicht
Hauptbeschaeftigungen; denn die Hauptpflicht des Weibes sei ihr Haus,
diese Dinge koennen zwar auch recht wohl in das Haus gehoeren; aber
einseitig oder gar mit Leidenschaft betrieben, untergraben sie eher
das Haus, als sie es bauen helfen. Klotilde aber sei schon so alt, dass
sie sich ihrem kuenftigen Berufe zuwenden muesse.

Wir begriffen das alles und versprachen, nichts ins Uebermass gehen
lassen zu wollen.

Es wurden alle Erfordernisse angeschafft, und wir begannen in
gegoennten Zeiten die Arbeit.

Auch spanisch wollte die Schwester von mir lernen. Ich betrieb es
fort, und da ich ihr voraus war, wurde ich auch hierin ihr Lehrer,
was die Mutter mit derselben Einschraenkung wie das Landschaftsmalen
gelten liess. Es waren also in unserem Hause fuer dieses Jahr mehr
Beschaeftigungen fuer mich vorhanden als in anderen Zeiten.

Es war mir in jenem Herbste besonders wunderbar, dass weder Vater noch
Mutter genauer nach meinem Gastfreunde fragten. Sie mussten entweder
nach meinen Erzaehlungen ein entschiedenes Vertrauen in ihn setzen
oder sie wollten durch zu vieles Einmischen die Unbefangenheit meiner
Handlungen nicht stoeren.


Bei allen haeuslichen Bestrebungen fing ich bei dem herannahenden
Winter doch ein etwas anderes Leben an, als ich es bisher gefuehrt
hatte, und zwar ein etwas mannigfaltigeres. Ich hatte in vergangener
Zeit nur solche Stadtkreise besucht, in welche meine Eltern geladen
worden waren oder in welche ich durch Freunde, die ich gewann, gezogen
wurde. Diese Kreise bestanden groesstenteils aus Leuten von aehnlichem
Stande mit dem meines Vaters. Ich spuerte Neigung in mir, nun auch
Sitten und Gebraeuche so wie Ansichten und Meinungen solcher Menschen
kennen zu lernen, die sich auf glaenzenderen Lebenswegen befanden. Der
Zufall gab bald hier, bald da Gelegenheit dazu, und teils suchte ich
auch Gelegenheiten. Es geschah, dass ich Bekanntschaften machte und
mitunter auch fortsetzen konnte. Ich lernte Leute von hoeherem Adel
kennen, lernte sehen, wie sie sich bewegen, wie sie sich gegenseitig
behandeln und wie sie sich gegen solche, die nicht ihres Standes sind,
benehmen.

Es lebte eine alte, edle, verwittwete Fuerstin in unserer Stadt, deren
zu frueh verstorbener Gemahl den Oberbefehl in den letzten grossen
Kriegen gefuehrt hatte. Sie war haeufig mit ihm im Felde gewesen und
hatte da die Verhaeltnisse von Kriegsheeren und ihren Bewegungen kennen
gelernt, sie war in den groessten Staedten Europas gewesen und hatte
die Bekanntschaft von Menschen gemacht, in deren Haenden die ganzen
Zustaende des Weltteiles lagen, sie hatte das gelesen, was die
hervorragendsten Maenner und Frauen in Dichtungen, in betrachtenden
Werken und zum Teile in Wissenschaften, die ihr zugaenglich waren,
geschrieben haben, und sie hatte alles Schoene genossen, was die Kuenste
hervorbringen. Einstens war sie in den hoeheren Kreisen eine der
ausserordentlichsten Schoenheiten gewesen, und noch jetzt konnte man
sich kaum etwas Lieblicheres denken als die freundlichen, klugen und
innigen Zuege dieses Angesichtes. Ein Mann, der sich viel mit Gemaelden
und ihrer Beurteilung abgab und oft in die Naehe der Fuerstin kam, sagte
einmal, dass nur Rembrandt im Stande gewesen waere, die feinen Toene und
die kunstgemaessen Uebergaenge ihres Angesichtes zu malen. Sie hatte jetzt
eine Wohnung an der Ostgrenze der innern Stadt, damit die Morgensonne
ihre Zimmer fuellte und damit sie den freien Blick ueber das frische
Gruen und auf die entfernten Vorstaedte haette. Bluehende Soehne in hohen
kriegerischen Wuerden besuchten die alte, ehrwuerdige Mutter hier, so
oft ihr Dienst ihre Anwesenheit in der Stadt gestattete und so oft
waehrend dieser Anwesenheit ein Augenblick es erlaubte. Schoene Enkel
und Enkelinnen gingen bei ihr aus und ein, und eine zahlreiche
Verwandtschaft wurde bald in diesen, bald in jenen Mitgliedern in
ihren Zimmern gesehen. Aber geistige Erholung oder Anstrengung -
wie man den Ausdruck nehmen will - war ihr ein Beduerfnis geblieben.
Sie wollte nicht bloss das wissen, was jetzt noch auf den geistigen
Gebieten hervor gebracht wurde, und in dieser Beziehung, wenn irgend
ein Werk Ruhm erlangte und Aufsehen machte, suchte sie auch an dessen
Pforte zu klopfen und zu sehen, ob sie eintreten koennte; sondern sie
nahm oft auch ein Buch von solchen Personen in die Hand, die in ihre
Jugendzeit gefallen und dort bedeutsam gewesen waren, sie ging das
Werk durch und forschte, ob sie auch jetzt noch die zahlreichen, mit
Rotstift gemachten Zeichen und Anmerkungen wieder in derselben Art
machen oder ob sie andere an ihre Stelle setzen wuerde; ja sie nahm
Werke der aeltesten Vergangenheit vor, die jetzt die Leute, ausser sie
waeren Gelehrte, nur in dem Munde fuehren, nicht lesen; sie wollte doch
sehen, was sie enthielten, und wenn sie ihr gefielen, wurden sie
nach manchen Zwischenzeiten wieder hervorgeholt. Von dem, was in den
Verhaeltnissen der Staaten und Voelker vorging, wollte sie bestaendig
unterrichtet sein. Sie empfing daher von manchen ihrer Verwandten und
Bekannten Briefe, und die vorzueglichsten Zeitungsblaetter mussten auf
ihren Tisch kommen. Weil aber, obwohl ihre Augen noch nicht so schwach
waren, das viele Lesen, das sie sich hatte auflegen muessen, bei
ihrem Alter doch haette beschwerlich werden koennen, hatte sie eine
Vorleserin, welche einen Teil, und zwar den groessten, des Lesestoffes
auf sich nahm und ihr vortrug. Diese Vorleserin war aber keine blosse
Vorleserin, sondern vielmehr eine Gesellschafterin der Fuerstin, die
mit ihr ueber das Gelesene sprach und die eine solche Bildung besass,
dass sie dem Geiste der alten Frau Nahrung zu geben vermochte, so
wie sie von diesem Geiste auch Nahrung empfing. Nach dem Urteile
von Maennern, die ueber solche Dinge sprechen koennen, war die
Gesellschafterin von ausserordentlicher Begabung, sie war im Stande,
jedes Grosse in sich aufzunehmen und wiederzugeben, so wie ihre eigenen
Hervorbringungen, zu denen sie sich zuweilen verleiten liess, zu den
beachtenswertesten der Zeit gehoerten. Sie blieb immer um die Fuerstin,
auch wenn diese im Sommer auf ein Landgut, das in einem entfernten
Teile des Reiches lag und ihr Lieblingsaufenthalt war, ging, oder wenn
sie sich auf Reisen befand oder eine Zeit an einer schoenen Stelle
unsers Gebirges weilte, wie sie gerne tat. An manchen Abenden zu der
Zeit, da sie in der Stadt war, sammelte die Fuerstin einen kleinen
Kreis um sich, in welchem entweder etwas vorgelesen wurde oder in
welchem man ueber wissenschaftliche oder gesellige oder Staatsdinge
oder Dinge der Kunst sprach. Die Kreise waren regelmaessig an gleichen
Tagen der Woche, sie waren in der Stadt bekannt, wurden sehr hoch
geachtet oder verspottet, wie eben der Beurteilende war, wurden
gesucht und bestanden zuweilen aus sehr bedeutenden Personen. In diese
Kreise hatte ich Zutritt erlangt. Die Fuerstin hatte mich einige Male
getroffen, es war einmal von meiner Wissenschaft die Rede gewesen, sie
war sehr neugierig, was man denn von der Geschichte der Erdbildung
wisse und aus welchen Umstaenden man seine Schluesse ziehe, und sie
hatte mich in ihre Naehe gezogen. Ich hoerte aufmerksam zu, wenn ich an
den bestimmten Abenden in ihrem Gesellschaftszimmer war, sprach selber
wenig und meistens nur, wenn ich dazu aufgefordert wurde. Die Fuerstin
sass in schwarzem oder aschgrauem Seidenkleide - lichtere trug sie nie
- in ihrem Polsterstuhle und hatte einen Schemel unter ihren Fuessen.
Die Lampe trug gegen ihre Seite hin einen gruenen Schirm und goss ihr
Licht in die Gegend der Vorleserin oder des Vorlesers, wenn eben
gelesen wurde. Die Andern sassen nach ihrer Bequemlichkeit herum.
Meistens bildete sich von selber eine Art Kreis. Man hoerte in tiefer
Stille dem Vorlesen zu und nahm an den Gespraechen, die nach dem Lesen
folgten oder die, wenn gar keine Vorlesung war, den ganzen Abend
erfuellten, den eifrigsten Anteil. Die Fuerstin konnte ihnen den
lebhaftesten und tiefsten Fortgang geben. Es schien, dass das, was die
vorzueglichsten Maenner in ihrer Gegenwart sprachen, von ihr angeregt
wurde und dass ihre groesste Gabe darin bestand, das, was in Anderen war,
hervor zu rufen. Sie sass dabei mit ihrer aeusserst zierlichen Gestalt
auf die anmutigste Weise in ihrem Stuhle und bewegte noch als
hochbetagte Frau die Gesellschaft mit ihrer herrlichen Schoenheit.
Zuweilen, wenn sich ihr Inneres erregte, stand sie auf, hielt sich
an ihrem Stuhle und erklaerte und sprach zu den Anwesenden mit ihrer
klaren, zarten, wohllautenden Stimme.

Ich lernte verschiedene Menschen in den Zimmern der Fuerstin
kennen. Zuweilen war es ein hervorragender Kuenstler, den man dort
sprechen hoerte, zuweilen ein Staatsmann, der mit den wichtigsten
Angelegenheiten unseres Landes betraut war, oder es war sonst eine
bedeutende Persoenlichkeit der Gesellschaft, oder es waren die Saeulen
und die Fuehrer unseres tapferen Heeres. Ich hoerte bei der Fuerstin
Aussprueche, die ich mir merken wollte, die ich mir aufschrieb und die
mir ein unveraeusserliches Eigentum bleiben sollten. Ich gestehe es,
dass ich nie ohne eine gewisse Beklemmung in das Zimmer mit den
blaubemalten Waenden und den dunkelblauen Geraeten und den einigen
Bildern, worunter mich besonders das anzog, welches ihren Landsitz
darstellte, trat, und ich gestehe es, dass ich nie das Zimmer ohne Ruhe
und Befriedigung verliess. Ich empfand, dass jene Abende fuer mich von
grosser Bedeutung, dass sie eine Zukunft seien.

Ausser den besonders hervorragenden Menschen lernte ich bei der Fuerstin
auch noch andere Personen, des hoeheren Adels unseres Reiches, kennen,
kam manches Mal mit den Kreisen desselben in Beruehrung und sah seine
Art, seine Lebensweise und seine Sitten.


Neben diesen Abteilungen der menschlichen Gesellschaft kam ich auch
mit anderen zusammen. Es war in der Stadt ein oeffentlicher Ort,
welcher hauptsaechlich von Kuenstlern aller Art besucht wurde, welche
sich dort besprachen, Erfrischungen zu sich nahmen, Zeitungen lasen
oder sich mit koerperlichen Spielen ergoetzten. Diesen Ort besuchte ich
gerne. Da war der eine oder der andere Schauspieler von der Hofbuehne
oder von der Oper, da war ein Maler, dessen Namen damals hoch
gepriesen wurde, da waren Tonkuenstler, sowohl ausuebende als dichtende,
da waren Bildhauer und Baumeister, vorzueglich aber waren es
Schriftsteller und Dichter, und es befanden sich darunter auch
Vorstaende und Mitarbeiter an Zeitungsanstalten.

Von anderen Personen waren hoehere Staatsdiener, Buerger, Kaufleute und
ueberhaupt solche vorhanden, die einen Anteil an Kunst und Wissenschaft
und an einem dahin abzielenden Umgange nahmen. Wenn auch eigentlich
nur eine ungezwungene Heiterkeit herrschte, wenn auch nur Spiele zu
koerperlicher Bewegung und daneben das Schachspiel vorzuherrschen
schienen, so waren doch auch Gespraeche und, wie es bei solchen Maennern
zu erwarten war, Gespraeche sehr lebhafter Natur im Gange, und waren
doch im Grunde die Hauptsache. Da konnte man in leichten Worten den
tiefen Geist des Einen sehen oder den ruhigen, der alles zersetzt
und in seine Bestandteile aufloest, oder den lebhaften, der darueber
weggeht, oder den leichtfertigen, der alles verlacht, oder den, dessen
Sitten selbst ein wenig bedenklich waren. Oft war es nur ein Wort, ein
Witz, der den Grund geben konnte, um Schluesse zu bauen. Trotz meiner
Schuechternheit, die mich ferne hielt, geriet ich doch in Gespraeche
und lernte den einen und andern Mann von denen kennen, die sich hier
einfanden. Selbst das aeussere Benehmen und Gebaren von Maennern, die
sonst solche Geltung haben, schien mir nicht gleichgiltig.

Ich besuchte in jenem Winter auch gerne Orte, an welchen sich
viele Menschen zu ihren Vergnuegungen versammeln, um die Art ihrer
Erscheinung, ihr Wesen und ihr Verhalten als eines Ganzen sehen zu
koennen. Vorzueglich ging ich dahin, wo das eigentliche Volk, wie man es
jetzt haeufig zum Gegensatze der sogenannten Gebildeten nennt, zusammen
koemmt. Die man gebildet nennt, sind fast ueberall gleich; das Volk
aber ist urspruenglich, wie ich es bei meinen Wanderungen schon kennen
lernte, und hat seine zugearteten Braeuche und Sitten.

Ich ging in die guten Darstellungen von Musikstuecken, ich fuhr im
Besuche des Hoftheaters fort, ging jetzt auch in die Oper und besuchte
manche oeffentliche wissenschaftliche Vortraege, dann Kunst- und
Buechersammlungen, hauptsaechlich aber zur Vervollkommnung meiner
eigenen kuenftigen Arbeiten die Sammlungen von Gemaelden.

Den Umgang mit meinem neuen Freunde, dem Sohne des Juwelenhaendlers,
setzte ich fort. Wir begannen endlich in der Tat einen eigenen
Unterrichtsgang ueber Edelsteine und Perlen. Zwei Tage in der Woche
waren festgesetzt, an denen ich zu einer bestimmten, fuer ihn
verfuegbaren Stunde kam und so lange blieb, als es eben seine Zeit
gestattete. Er fuehrte mich zuerst in die Kenntnis aller jener
Mineralien ein, welche man Edelsteine nennt und vorzueglich zu Schmuck
benuetzt. Ebenso zeigte er mir alle Gattungen von Perlen. Hierauf
unterrichtete er mich in dem Verfahren, die Juwelen zu erkennen und
von falschen zu unterscheiden. Spaeter erst ging er auf die Merkmale
der schoenen und der minder schoenen ueber. Bei diesem Unterrichte kamen
mir meine Kenntnisse in den Naturwissenschaften sehr zu statten, ja
ich war sogar im Stande, durch Angaben aus meinem Fache die Kenntnisse
meines Freundes zu erweitern, besonders was das Verhalten der
Edelsteine zum Lichtdurchgang, zur doppelten Brechung und zu der
sogenannten Polarisation des Lichtes anbelangt. Ich hatte aber noch
immer nicht den Mut, ueber die gebraeuchliche Fassung der Edelsteine mit
ihm zu sprechen und meine Gedanken hierueber ihm mitzuteilen.

Unter diesen Dingen ging neben meinen eigentlichen Arbeiten der
Unterricht, den ich meiner Schwester gab, regelmaessig fort. In der
Malerei hatte sie noch viel groessere Schwierigkeiten als ich, weil sie
einesteils weniger geuebt war und weil sie andernteils die Urbilder
nicht gesehen, sondern nur fehlerhafte Abbilder vor sich hatte. Im
Zitherspiel ging es weit besser. Ich wurde heuer ein wirksamerer
Lehrer, als ich es in dem vergangenen Jahre gewesen war, und konnte
nach dem, was ich gelernt hatte, ueberhaupt ein besserer Lehrer fuer
sie sein, als einer in der Stadt zu finden gewesen waere, obwohl diese
Schwierigkeiten ueberwanden, deren Besiegung mir und Klotilden eine
Unmoeglichkeit gewesen waere. Nach meinen Ansichten, die ich in den
Bergen gelernt hatte, kam es aber darauf nicht an. Wir lernten
endlich wechselweise von einander und brachten manche freudige und
empfindungsreiche Stunde an der Zither zu.

Ich musste zuletzt Klotilden auch im Spanischen unterrichten. Da ich
immer einige Schritte von ihr voraus war, so konnte ich allerdings
einen Lehrer fuer sie wenigstens in den Anfangsgruenden vorstellen. Wie
es im weiteren Verlaufe zu machen waere, wuerde sich zeigen. Wir lebten
uns in ein wechselseitiges Taetigkeitsleben hinein.

So verging der Winter, und ich blieb damals bis ziemlich tief in das
Fruehjahr hinein bei den Meinigen in der Stadt.



Die Annaeherung

Obwohl fast den ganzen Winter hindurch davon die Rede gewesen war,
dass mich der Vater in dem naechsten Fruehlinge in das Gebirge begleiten
werde und dass er bei dieser Gelegenheit den Mann im Rosenhause
besuchen wolle, um dessen Seltenheiten und Kostbarkeiten zu sehen, so
hatte er doch, als der Fruehling gekommen war, nicht Zeit, sich von
seinen Geschaeften zu trennen, und ich musste wie in allen frueheren
Jahren meine Reise allein antreten.

Als ich zu meinem Gastfreunde gekommen war, war das Erste, dass ich
ihm von den Wandverkleidungen erzaehlte. Ich hatte frueher ihrer nicht
erwaehnt, weil ich sie doch nicht fuer so wichtig gehalten hatte. Ich
erzaehlte ihm, dass ich sie in dem Lauterthale gefunden und gekauft
habe und dass sie aus Schnitzarbeit von Gestalten und Verzierungen
bestanden. Der Vater, dem ich sie gebracht, habe eine grosse Freude
darueber gehabt, habe sie nicht nur mit grossem Vergnuegen empfangen,
sondern habe auch einen Teil eines Nebenbaues unseres Hauses umgebaut,
um die Verkleidungen geschickt anbringen zu koennen. Dieses letztere
habe mir erst gezeigt, wie wert der Vater diese Dinge halte, und
dies habe mich bestimmt, noch genauer nachzuforschen, ob ich denn
die Ergaenzungen zu dem Getaefel nicht aufzufinden vermoege; denn
das, was der Vater habe, seien nur Bruchstuecke, und zwar zwei
Pfeilerverkleidungen, das uebrige fehle. Ich habe wohl schon
Nachforschungen in der besten Art, wie ich glaube, angestellt; aber
ich wolle sie doch noch fortsetzen und versuchen, ob ich nicht noch
neue Mittel und Wege auffinden koenne, zu meinem Ziele, wenn es noch
vorhanden sei, zu gelangen oder die groesstmoegliche Gewissheit zu
erhalten, dass das Gesuchte nicht mehr bestehe.

Ich beschrieb meinem Gastfreunde, so gut ich es aus der Erinnerung
konnte, die Vertaeflungen und machte ihn mit dem Fundorte und den
Nebenumstaenden bekannt. Ich verhehlte ihm nicht, dass ich das darum
tue, dass er mir einen Rat geben moege, wie ich etwa weiter vorzugehen
habe. Es handle sich um einen Gegenstand, der meinem Vater nahe gehe.
Nicht vorzueglich, weil diese Dinge schoen seien, obwohl dies auch ein
Antrieb fuer sich sein koennte, sondern hauptsaechlich darum suche ich
darnach zu forschen, weil sie dem Vater Freude machen. Je aelter er
werde, desto mehr schliesse er sich in einem engen Raume ab, sein
Geschaeftszimmer und sein Haus werden nach und nach seine ganze Welt,
und da seien es vorzueglich Werke der bildenden Kunst und die Buecher,
mit denen er sich beschaeftige und die Wirkung, welche diese Dinge auf
ihn machen, wachse mit den Jahren. Er habe sich von dem Schnitzwerke
in den ersten Tagen kaum trennen koennen, er habe es in allen Teilen
genau betrachtet und sei zuletzt so mit demselben bekannt geworden,
als waere er bei dessen Verfertigung zugegen gewesen. Darum wolle ich
so vorgehen, dass ich mich nicht in die Lage setze, mir einen Vorwurf
machen zu muessen, dass ich in meinen Nachforschungen etwas versaeumt
habe. Bisher seien sie freilich fruchtlos gewesen.

Mein Gastfreund fragte mich noch um einige Teile des Werkes und seines
Auffindens, die ich ihm nicht dargestellt hatte oder die ihm dunkel
geblieben waren, und liess sich die Oertlichkeiten des Auffindens noch
einmal auf das Umstaendlichste beschreiben. Hierauf sagte er mir, ich
moege an meinen Vater ungesaeumt einen Brief senden und ihn bitten, die
genauen Ausmasse des Schnitzwerkes nach Aussen und nach Innen zu nehmen
und mir zu schicken. Ich begriff augenblicklich die Zweckmaessigkeit der
Massregel und schaemte mich, dass sie mir selber nicht frueher eingefallen
war. Er selber wolle vorlaeufig an Roland schreiben und ihm dann,
wenn sie eingelangt waeren, die Ausmasse schicken. Auch wolle er seine
Geschaeftsfuehrer in jener Gegend beauftragen, sich um die Sache zu
bemuehen. Wenn das Gesuchte zu finden ist, so duerfte Roland der
geeignetste Mithelfer sein, und die anderen Maenner, die er noch
auffordern werde, haetten sich schon in den verschiedensten
Gelegenheiten sehr erprobt.

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Perfumes: the Guide – a portal to a whole new art

Michelle Magorian scooped the 2008 Costa Children's Book Award with Just Henry, a huge 700-page book that made me cry. Not many authors can do that but Magorian handles dangerously emotional stuff and pulls it off without slipping into mawkish sentimentality. Hence tears.

The same quality marked out Goodnight Mister Tom, her first novel, which won the 1980 Guardian children's book prize and has been read by every child in year 6 and many others both younger and older – rightly so – ever since. Goodnight Mister Tom is avowedly weepy. Only the hardest heart could remain unmoved. I once met a child who'd sticky-taped three pages together because they made her cry too much – I'm sure everyone who's read the book will know which three.

In Goodnight Mister Tom, Magorian had the external drama of the second world war as an emotional backdrop: put simply, there was a lot to weep over. In Just Henry, however, the setting is 1949 and there should be – and is – a feeling of optimism and hope. It is a period that's rarely used in fiction but Just Henry reveals it to be one that's worth exploring. The effect of the war is still being felt in the social changes it brought about. Life didn't just "slip back": few families were lucky enough to remain unaffected. Fathers were lost or altered; mothers found themselves raising families alone, or having to return abruptly to a subordinate role; children were forced to make adjustments either way.

In her big, bold novel, knitted together with more mysteries and coincidences than are credible, Magorian wonderfully captures that uncertainty and shows children's ability to move forward and embrace change far faster than their parents or grandparents. Lest this realism and the solving of the mysteries is too mundane, Michelle adds an extra layer of emotion by weaving in the stories of film stars from the movies of the day. For once, the current fashion of long, long, long books is justified. Just Henry is a wallowing great read. Just don't forget your hanky.

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Charlotte Higgins: The Diary's favourite holiday-season pastime was smelling perfumes

Leona Lewis will soon join the ranks of Winston Churchill, Helen Keller and Gandhi by writing an autobiography. The chart-topping singer has signed a contract with publishers Hodder & Stoughton, with the aim to release the book in October.

Since winning the 2006 season of The X Factor, Lewis has broken sales records, serenaded Mandela and performed at the Beijing Olympics with Jimmy Page. The book will include over 100 new photographs, suggesting that pictures – and not meticulous prose - will be the means by which Lewis tells her tale.

"The last two years have been an unbelievable experience for me," she said in a statement. "So to have it documented in pictures and to be able to tell people in my own words how it feels means a lot to me." Dean Freeman, who worked on David Beckham's autobiography, has been hired to take new photographs of the 23-year-old – of Lewis hunched over a typewriter perhaps, or thumbing through the Oxford English Dictionary.

"This will be the first time Leona tells her story of how the X Factor launched her from waitressing in Pizza Hut in Hackney to stardom on both sides of the Atlantic," raved Fenella Bates, Lewis's editor at Hodder & Stoughton. "It is a real-life fairytale and every girl's dream."

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Charlotte Higgins: Bennett, Burnham and the Booker

The Diary's favourite holiday-season pastime was smelling perfumes, inspired by its favourite holiday-season book: the virtuosic Perfumes: the Guide, by Luca Turin and Tania Sanchez, which offers a critical analysis of 1,500 fragrances. Do not scoff: this is a branch of aesthetics as worthy as any other, and Turin and Sanchez's prose is a delight, with scents related to the orchestration of Ravel or to Bruckner symphonies.

In its haunting of London's perfumery halls, the Diary ran across novelist Philip Hensher, buying Margaret Thatcher's favourite scent Mitsouko, and Sandy Nairne, director of the National Portrait Gallery, who wears Creed's Bois du Portugal. Mitsouko is Turin's favourite perfume. However, he is scathing of Bois du Portugal: "Close in intent but not in richness or quality to de Nicolaï's divine New York, which is at once cheaper and vastly better."

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