Der Nachsommer by Adalbert Stifter
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Adalbert Stifter >> Der Nachsommer
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Ich fragte ihn einmal, woher er denn die Bilder erhalten habe.
"Sie sind recht nach und nach in das Haus gekommen, wie es der
Sammelfleiss und mitunter auch der Zufall gefuegt hat", antwortete er.
"Ich habe von einem Oheime mehrere geerbt; sie waren aber nicht die
besten, wie ich sie jetzt habe, ich verkaufte einen Teil davon, um
mir andere, wenn auch wenigere, aber bessere zu kaufen. Ich habe euch
schon einmal gesagt, dass ich in Italien gewesen bin. Ich habe drei
Reisen in dieses Land gemacht. Da hat sich Manches gefunden. Ich habe
stets nach Bildern gesucht, habe Manches gekauft, Manches wieder
verkauft, Neues gekauft, und so war ein fortlaufender Wechsel, bis
es so wurde, wie es jetzt ist. Nun aber verkaufe oder vertausche ich
nichts mehr, selbst wenn mir etwas Ausserordentliches vorkaeme, das ich
nicht ohne Weggabe eines Frueheren erkaufen koennte. Mit dem Alter wird
man so anhaenglich an das Gewohnte, dass man es nicht missen kann, wenn
es auch verbraucht zu werden beginnt und verschossen und verschollen
ist. Ich lege alte Kleider nicht gerne ab, und wenn ich eines der
Bilder, die mich nun so lange umgeben, aus dem Hause lassen muesste, so
wuerde ich einem grossen Schmerze nicht entgehen. Sie moegen nun bleiben,
wie sie sind und wo sie sind, bis ich scheide. Selbst der Gedanke, dass
ein Nachfolger die Bilder so lasse und sie ehre, wie sie hier sind,
hat fuer mich etwas sehr Angenehmes, obwohl er toericht ist und ich ihm
aus dem Wege gehe; denn darin besteht das Leben der Welt, dass ein
Streben und Erringen und darum ein Wandel ist, welcher Wandel auch
hier eintreten wird. Ich habe auch laengere Zeit schon nichts mehr
gekauft, ausser einer recht lieben kleinen Landschaft von Ruysdael, die
neben der Tuer im Bilderzimmer haengt und die ihr so gerne anschaut. Ich
wuerde nur etwas sehr Wertvolles kaufen, in so ferne es meine Kraefte
zuliessen. Ich habe oft Jahre lang auf ein Bild warten muessen, das mir
sehr gefiel und das ich zu haben wuenschte, entweder, weil der Besitzer
eigensinnig war und, obwohl er das Bild weggeben wollte, doch
Bedingungen an die Hingabe knuepfte, die nicht zu erfuellen waren,
oder weil er sich von dem Bilde nicht trennen wollte, obgleich er es
misshandelte und zu Grunde gehen liess. Zuweilen musste ich schlechtere
Bilder kaufen, die durch Farbenreiz oder andere Eigenschaften das Auge
ansprachen, um einen Vorrat zum Tausche zu haben. Es gibt nehmlich
Leute, welche Freude an Bildern haben, welche aeltere bedeutende Bilder
nicht weggeben, wenn sie solche besitzen, sie aber doch nicht erkennen
und sie durch schlechte Behandlung Schaden leiden lassen. Sie ziehen
ein Gemaelde vor, welches sie besser verstehen, welches ihnen mehr
gefaellt, wenn es auch im Werte minder ist, und sind zu einem Tausche
bereit. Dieser macht ihnen Freude, und wenn ich ihnen darlegte, dass
ihr Gemaelde einen hoeheren Wert habe als das meinige, und wenn ich
diesen Wert nach genauer Schaetzung durch Geld ausglich, so war das
Vergnuegen noch groesser; denn sie zweifelten doch immer, ob ich Recht
habe und das alte Bild nicht aus Vorliebe ueberschaetze, da ihnen ja
ihre Augen sagten, dass der Unterschied nicht so gross sei. Auf diese
Weise bekam ich manches Angenehme, ohne meinem Billigkeitsgefuehle nahe
treten zu muessen, was bei Bildergeschaeften so leicht der Fall wird.
Die heilige Maria mit dem Kinde, welche euch so wohl gefaellt und
welche ich beinahe eine Zierde meiner Sammlung nennen moechte, hat
mir Roland auf dem Dachboden eines Hauses gefunden. Er war dorthin
mit dem Eigentuemer gestiegen, um altes Eisenwerk, darunter sich
mittelalterliche Sporen und eine Klinge befanden, zu kaufen. Das Bild
war ohne Blindrahmen und war nicht etwa zusammengerollt, sondern wie
ein Tuch zusammengelegt und lag im Staube. Roland konnte nicht genau
erkennen, ob es einen Wert habe, und kaufte es dem Manne um ein
Geringes ab. Ein Soldat hatte es einmal aus Italien geschickt. Er
hatte es als blosse Packleinwand benuetzt und hatte Waesche und alte
Kleider in dasselbe getan, die ihm zu Hause ausgebessert werden
sollten. Darum hatte das Bild Brueche, wo nehmlich die Leinwand
zusammengelegt gewesen war, an welchen Bruechen sich keine Farbe
zeigte, da sie durch die Gewalt des Umbiegens weggesprungen war. Auch
hatte man, da wahrscheinlich die Flaeche zum Zwecke einer Umhuellung
zu gross gewesen war, Streifen von ihr weggeschnitten. Man sah die
Schnitte noch ganz deutlich, waehrend die anderen Raender sehr alt waren
und noch die Spuren von den Naegeln zeigten, mit denen sie einst an den
Blindrahmen befestigt gewesen waren. Auch war, durch die Misshandlungen
der Zeiten herbeigefuehrt, an andern Stellen als an denen der Brueche
die Farbe verschwunden, so dass man nicht nur den Grund des Gemaeldes,
sondern hie und da auch die lediglichen nackten Faden der alten
Leinwand sehen konnte. So kam das Bild auf dem Asperhofe an. Wir
breiteten es zuerst auseinander, wuschen es mit reinem Wasser und
mussten dann, um es als Flaeche zu erhalten und es betrachten zu koennen,
Gewichte auf seine vier Ecken legen. So lag es auf dem Fussboden des
Zimmers vor uns. Wir erkannten, dass es das Werk eines italienischen
Malers sei, wir erkannten auch, dass es aus aelterer Zeit stamme; aber
von welchem Kuenstler es herruehre oder auch nur aus welcher Zeit es
sei, war nach dem Zustande, in welchem die Malerei sich befand,
durchaus nicht zu bestimmen. Teile, welche ganz waren, liessen indessen
ahnen, dass das Gemaelde einen nicht zu geringen Wert haben duerfte.
Wir gingen nun daran, ein Brett zu verfertigen, auf welches das Bild
geklebt werden koennte. Wir bereiten solche Bretter gewoehnlich aus
Eichenholz, das aus zwei uebereinander liegenden Stuecken, deren Fasern
auf einander senkrecht sind, und einem Roste besteht, damit dem
sogenannten Werfen oder Verbiegen des Holzes vorgebeugt werde. Als das
Brett fertig und die Verkittung an demselben vollkommen ausgetrocknet
war, wurde das Gemaelde auf dasselbe aufgezogen. Wir hatten dort, wo
die Raender des Bildes weggeschnitten waren, die Holzflaeche groesser
gemacht und die neu entstandenen Stellen mit passender Leinwand gut
ausgeklebt, um dem Gemaelde annaehernd wieder eine Gestalt geben zu
koennen, die es urspruenglich gehabt haben mochte und in der es sich
den Augen wohlgefaellig zeigte. Hierauf wurde daran gegangen, das Bild
von dem alten, hie und da noch vorfindlichen Firnisse und von dem
Schmutze, den es hatte, zu reinigen. Der Firniss war durch die
gewoehnlichen Mittel leicht wegzubringen, nicht so leicht aber der
durch Jahrhunderte veraltete Schmutz, ohne dass man in Gefahr kam, auch
die Farben zu beschaedigen. Das gereinigte, auf der Staffelei stehende
Gemaelde wies uns nun eine viel groessere Schoenheit, als es uns nach der
ersten oberflaechlichen Waschung gezeigt hatte; aber es war durch die
vielen Spruenge, Risse und nackten Stellen noch so verunstaltet, dass
eine genaue Wuerdigung auch jetzt nicht moeglich war, selbst wenn wir
bedeutend groessere Erfahrungen gehabt haetten als wir hatten. Roland und
Eustach schritten zur Ausbesserung. Kein Ding kann schwieriger sein,
und durch keins sind Gemaelde so sehr entstellt und entwertet worden.
Ich glaube, wir haben einen nicht unrichtigen Weg eingeschlagen.
Eine urspruengliche Farbe durfte gar nicht bedeckt werden. Zum Gluecke
hatte das Bild gar nie eine Ausbesserung oder sogenannte Uebermalung
erhalten, so dass entweder nur die urspruengliche Farbe vorhanden war
oder gar keine. In die farbentbloessten Stellen wurde die Farbe, welche
die umgrenzenden Raender zeigten, gleichsam wie ein Stift eingesetzt,
bis die Grube erfuellt war. Wir nahmen die Farben so trocken als
moeglich und so dicht gerieben, als es der Laufer auf dem Steine, ohne
stecken zu bleiben zuwege bringen konnte. Wenn sich aber doch wieder
nach dem Trocknen eine Vertiefung zeigte, wurde dieselbe neuerdings
mit der nehmlichen Farbe ausgefuellt und so fortgefahren, bis eine
Hoehlung nicht mehr entstand. Erhoehungen, die blieben, wurden mit einem
feinen Messer gleichgeschliffen. Auch ueber unausrottbaren Schmutz
wurde die Farbe seiner Umgebung gelegt. Wenn die Farbe nach laengerer
Zeit durch das Oel, das sie enthielt, und durch andere Ursachen, die
vielleicht noch mitwirken, nachgedunkelt war und sich in dem Gemaelde
als Fleck zeigte, wurde mit aeusserst trockener Farbe und mit der Spitze
eines feinen Pinsels die Stelle so lange gleichsam ausgepunktet, bis
sie sich von der Umgebung durchaus nicht mehr unterschied. Dieses
Verfahren wurde zuweilen mehrere Male wiederholt. Zuletzt konnte man
mit freien Augen die Plaetze, an welchen sich neue Farben befanden,
gar nicht mehr erkennen. Nur das Vergroesserungsglas zeigte noch die
Ausbesserungen. Wir brachten Jahre mit diesem Verfahren zu, besonders
da Zwischenzeiten waren, die mit andern Arbeiten ausgefuellt werden
mussten und da unser Vorgehen selber Zwischenzeiten bedingte, in denen
die Farben auszutrocknen hatten oder in denen man ihnen Zeit geben
musste, die Veraenderungen zu zeigen, die notwendig bei ihnen eintreten
muessen. Dafuer aber war an dem vollendeten Gemaelde nicht zu merken, dass
es nicht in allen Teilen ein altes sei, es hatte die feinen Spruenge
alter Bilder und hatte alle die Reinheit und Klarheit des Pinsels,
der es urspruenglich geschaffen hatte. Wenn man alte Bilder bei
Ausbesserungen uebermalt und dadurch stimmt, so ist nicht selten
ein Ueberzug ueber die feinen Linien, welche die Zeit in alte Bilder
sprengt, und dieser Ueberzug zeigt nicht nur, dass das Bild ausgebessert
worden ist, sondern er stellt auch einen feinen Schleier dar, der ueber
die Farben gebreitet ist und sie trueb und undurchsichtig macht. Solche
Bilder geben oft einen duestern, unerfreulichen und schwerlastenden
Eindruck. Es werden Viele unser Tun in Herstellung alter Bilder
unbedeutend und unerheblich nennen, besonders da es so viele Zeit und
so viele Anstalten erforderte; uns aber machte es eine grosse und eine
innige Freude. Ihr werdet es gewiss nicht tadeln, da ihr einen so
grossen Anteil an den Hervorbringungen der Kunst zu nehmen beginnt.
Wenn nach und nach die Gestalt eines alten Meisters vor uns aufstand,
so war es nicht bloss das Gefuehl eines Erschaffens, das uns beseelte,
sondern das noch viel hoehere eines Wiederbelebens eines Dinges, das
sonst verloren gewesen waere und das wir selber nicht haetten erschaffen
koennen. Als schon bereits einige Teile des Bildes fertig waren, zeigte
es sich, dass die Farben reiner und glaenzender seien, als wir gedacht
hatten, und dass das Bild einen vorzueglicheren Wert habe, als Anfangs
unsere Vermutung war. So lange die vielen Spruenge und farblosen
Stellen und so lange die unreinen Flecke, die wir nicht hatten
beseitigen koennen, auf dem Gemaelde waren, uebten sie auch auf das
Nichtzerstoerte und sogar auf das sehr wohl Erhaltene einen Einfluss aus
und liessen es im Ganzen missfaerbiger erscheinen, als es war. Nachdem
aber in einer ziemlich grossen Flaeche die widerstreitenden Stellen mit
den entsprechenden Farben zugedeckt waren und die neue Farbe die alte,
statt ihr zu widersprechen, unterstuetzte, so kam eine Reinheit, ein
Schmelz, eine Durchsichtigkeit und sogar ein Feuer zu Stande, dass wir
in Erstaunen gerieten; denn bei starkbeschaedigten Bildern kann man die
Folgerichtigkeit der Uebergaenge nicht beurteilen, bis man sie nicht
vollendet vor sich hat. Freilich mochte der besondere Farbenfluss sich
noch hoeher darstellen, da er von den unverbesserten und widerwaertigen
Stellen umgeben und gehoben wurde; aber das war schon vorauszusehen,
dass, wenn das ganze Bild fertig sein wuerde, seine Stimmung einen
entschieden kuenstlerischen Eindruck machen muesse. Ich hatte waehrend
der Arbeit viele Muehe darauf verwendet, die ganze Geschichte und
die Herkunft des Bildes zu erforschen; allein ich kam zu keinem
Ergebnisse. Der Soldat, der die Leinwand aus Italien geschickt hatte,
war laengst gestorben, und es lebte ueberhaupt niemand mehr, der in
naeherer Beziehung zu dem Ereignisse gestanden waere; denn dasselbe
hatte sich weit frueher zugetragen, als ich gedacht hatte. Der
Grossvater des letzten Besitzers des Bildes hatte oefter erzaehlt, dass
er sagen gehoert habe, dass ein aus dem Hause gebuertiger Soldat einmal
seine Struempfe und Hemden in ein Muttergottesbild eingewickelt aus
Welschland nach Hause geschickt habe. Die Wahrheit der Erzaehlung
bestaetigte sich dadurch, dass man noch das alte zerstoerte Marienbild
auf dem Dachboden des Hauses fand. Ich konnte auch nicht ergruenden,
welche Gelegenheit es gewesen sei, die jenen deutschen Soldaten nach
Welschland gefuehrt hatte. Von dem, herauszufinden, aus welcher Gegend
Italiens das Bild gekommen sei, konnte nun vollends gar keine Rede
mehr sein. Als nach langer Zeit, nach vieler Muehe und mancher
Unterbrechung das Gemaelde in einem schoenen, altertuemlich gearbeiteten
Goldrahmen fertig vor uns stand, war es eine Art Fest fuer uns. Roland
war herbei gerufen worden, da er gegen den Schluss des Werkes eine
Reise angetreten und die Vollendung seinem Bruder ueberlassen hatte.
Mehrere Nachbaren waren geladen worden, ja ein Freund und Kenner alter
Kunst, dem ich die Sache gemeldet hatte, war sogar von ziemlich weiter
Entfernung herzugekommen, um die Wiederherstellung zu sehen, und
Andere, wenn sie auch nicht geladen waren, hatten sich eingefunden,
da sie durch Zufall Kenntnis von der Begebenheit erhalten hatten, und
wussten, dass sie auf dem Asperhofe nicht unwillkommen sein wuerden. Es
ist nicht wahr, was man oefter sagt, dass eine schoene Frau ohne Schmuck
schoener sei als in demselben; und eben so ist es nicht wahr, dass
ein Gemaelde zu seiner Geltung nicht des Rahmens beduerfe. Ich
hatte zu unserem Marienbilde einen Rahmen nach Zeichnungen aus
mittelalterlichen Gegenstaenden bestellt und hatte dessen Ausfuehrung
gelegentlich, wenn mich ein Geschaeft oder mein Wille in die Stadt
brachte, ueberwacht. Er war weit eher auf dem Asperhofe angekommen, als
das Bild fertig war, und musste die Zeit ueber in seiner Kiste verpackt
harren. Wir versuchten auch nicht ein einziges Mal das Bild in ihn
zu fuegen, ehe es fertig war, um den Eindruck nicht zu schwaechen.
Bei neuen Bildern zeigt freilich der Rahmen erst, dass noch Manches
hinzuzufuegen und zu aendern ist, und Vieles muss an solchen Bildern erst
gemacht werden, wenn man sie bereits in einem Rahmen gesehen hat.
Bei alten Bildern, die wiederhergestellt werden, ist das anders,
besonders, wenn sie auf unsere Weise hergestellt worden. Da gibt das
Vorhandene den Weg der Herstellung an, man kann nicht anders malen,
als man malt, und die Tiefe, das Feuer und der Glanz der Farben ist
daher durch das bereits auf der Leinwand Befindliche bedingt. Wie dann
das Bild in einem Rahmen aussehen werde, liegt nicht in der Willkuer
des Wiederherstellers, und wenn es in dem Rahmen trefflich oder minder
gut steht, so ist das Sache des urspruenglichen Meisters, dessen Werk
man nicht aendern darf. Als unsere Maria, welche noch nicht einmal
einen Firniss erhalten hatte, aus den altertuemlichen Gestalten des
Rahmens, die sehr passten, heraussah, so war es ein wunderbarer
Anblick, und erst jetzt sahen wir, welche Lieblichkeit und Kraft
der alte Meister in seinem Bilde dargelegt hatte. Obwohl der Rahmen
erhabene Arbeit in Blumen, Verzierungen und sogar in Teilen der
menschlichen Gestalt enthielt und auf demselben Glanzlichter von
starker Wirkung angebracht waren, so erschien das Bild doch nicht
unruhig, ja es beherrschte den Rahmen und machte seinen Reichtum zu
einer anmutigen Mannigfaltigkeit, waehrend es selber durch seine Gewalt
sich geltend machte und in den erhebenden Farben von wuerdigem Schmucke
umgeben thronte. Ein leiser Ruf entschluepfte den Lippen aller
Anwesenden, und ich freute mich, dass ich mich nicht getaeuscht hatte,
als ich auf die Macht des Bildes rechnend einen so reichen Rahmen fuer
dasselbe bestellt hatte. Wir standen lange davor und betrachteten die
Schoenheit der Farbengebung an den entbloessten Teilen so wie die der
Gewandung und der Gruende, was im Vereine mit der Einfachheit und
Hoheit der Linienfuehrung und mit der massvollen Anordnung der Flaechen
ein so wuerdevolles und heiliges Ganzes bildete, dass man sich eines
tiefen Ernstes nicht erwehren konnte, der wie wahrhaftige Andacht war.
Erst spaeter fingen wir zu sprechen an, beredeten dieses und jenes und
kamen, wie es natuerlich war, dahin, Vermutungen ueber den Meister zu
wagen. Es wurde Guido Reni genannt, es wurde Tizian genannt, es wurde
die Rafaelische Schule genannt. Fuer alles hatte man Gruende, und der
Schluss war, wie er es auch noch heute ist, dass man nicht wusste, von
wem das Bild sei. Roland war ausserordentlich vergnuegt, dass er die
Sache in ihrer Entstehung schon geahnt und durch den Kauf eine
so zweckmaessige Handlung ausgefuehrt habe. Damals war er noch
ausserordentlich jung, er war bei Weitem nicht so eingeuebt wie jetzt
und war daher seiner Handlung nicht ganz sicher. Eustach sah man es
an, dass ihm, wie der Volksausdruck sagt, das Herz vor Freude lache.
Eine freundliche Bewirtung meiner Gaeste war damals das Ende des Tages.
Wir suchten in der folgenden Zeit eine Stelle, an welcher das Bild
am vorteilhaftesten aufgehaengt werden koennte. Roland erhielt eine
Belohnung in einem Werke, das er sich schon lange gewuenscht hatte, und
Eustach, das sah ich wohl, fand seine schoenste Befriedigung darin, dass
er naeher in unsere Kunstkreise gezogen wurde. Dem Manne, von welchem
das Bild in seinem verstuemmelten Zustande gekauft worden war, gab ich
noch eine Summe, mit welcher er weit ueber seine Erwartung abgefunden
war; denn das Bild haette er doch nie herstellen lassen koennen, er
waere auch auf den Gedanken nicht gekommen, und ohne Roland waere das
Bild nicht verkauft worden, bis es immer mehr verfallen und einmal
vernichtet worden waere. Oft stand ich in spaeteren Zeiten noch davor
und hatte manche Freude in Betrachtung des Werkes. Ich sah das
Angesicht und die Haende der Mutter an und sah das teils nackte, teils
durch schoene Tuecher schicklich verhuellte Kind. Ein dem Lande Italien
so haeufig zukommendes Zeichen ist es, dass das Kind nicht in den Armen
der Mutter gehalten wird, sondern dass es mit schoenem Hinneigen zu
derselben und von ihr leicht und sanft umfasst auf einem erhoehten
Gegenstande vor ihr steht. Der Kuenstler hat dadurch nicht nur
Gelegenheit gefunden, den Koerper des Kindes in einer weit schoeneren
Stellung zu malen, als wenn er von der Mutter an ihren Busen gehalten
gewesen waere, sondern er hat noch den weit hoeheren Vorteil erreicht,
das goettliche Kind in seiner Kraft und in seiner Freiheit zu zeigen,
was die Wirkung hat, als ehrten wir gleichsam schon die Macht, mit
welcher es einstens handeln wird. Dass suedliche Voelker den Heiland als
Kind in so grosser sinnlicher Schoenheit malen, hat mich immer entzueckt,
und wenn auf meinem Bilde das heilige Kind eher wie ein kraeftiger,
wunderschoener Leib des Suedens aussieht, so beirrt mich das nicht,
sehen doch die Jesuskinder und die Johanneskinder des herrlichen
Rafael auch so aus, und die Wirkung ist doch eine so gewaltige. Dass
die Mutter, deren Mund so schoen ist, die Augen gegen Himmel wendet,
sagt mir nicht ganz zu. Die Wirkung, scheint mir, ist hierin ein
wenig ueberboten, und der Kuenstler legt in eine Handlung, die er seine
Gestalt vor uns vornehmen laesst, eine Bedeutung, von der er nicht
machen kann, dass wir sie in der blossen Gestalt sehen. Wer durch
einfachere Mittel wirkt, wirkt besser. Wenn er die Heiligkeit und
Hoheit statt in die erhobenen Augen in die blosse Gestalt haette legen
koennen, wobei die Augen einfach vor sich hinblickten, so haette er
besser getan. Rafael laesst seine Madonnen ruhig und ernst blicken, und
sie werden Himmelskoeniginnen, waehrend so manche andere nur betende
Maedchen sind. Aus diesem moechte ich auch schliessen, dass das Bild nicht
aus der Rafaelschen Schule ist, so sehr die herrliche Gestalt des
Kindes daran erinnert. Das Bild haengt nicht mehr dort, wo es Anfangs
war. Wir haben alle Bilder mehrere Male umgehaengt, und es gewaehrt eine
eigene Freude, zu versuchen, ob in einer andern Anordnung die Wirkung
des Ganzen nicht eine bessere sei. Auch darueber haben wir ernste
Beratungen und vielerlei Versuche angestellt, welche Farbe wir den
Waenden geben sollen, dass sich die Bilder am besten von ihnen abheben.
Wir blieben dann bei dem roetlichen Braun stehen, das ihr jetzt noch
in dem Gemaeldezimmer findet. Ich lasse nun nichts mehr aendern. Die
jetzige Lage der Bilder ist mir zu einer Gewohnheit und ist mir lieb
geworden, und ich moechte ohne uebeln Eindruck die Sache nicht anders
sehen. Sie ist mir eine Freude und eine Blume meines Alters geworden.
Die Erwerbung der Bilder, die, wie ihr schon aus meinen frueheren
Worten schliessen koennt, nicht immer so leicht war wie die der heiligen
Maria, stellt eine eigene Linie in dem Gange meines Lebens dar, und
diese Linie ist mit Vielem versehen, was mir teils einen freudigen,
teils einen trueben Rueckblick gewaehrt. Wir sind in manche Verhaeltnisse
geraten, haben manche Menschen kennen gelernt und haben manche Zeit
mit Wiederherstellung der Bilder, mit Verwindung von Taeuschungen,
mit Hineinleben in Schoenheiten zugebracht, wir haben auch manche zu
Zeichnungen und Entwuerfen von Rahmen verwendet; denn alle Gemaelde
haben wir nach und nach in neue, von uns entworfene Rahmen getan,
und so stehen nun die Werke um mich wie alte, hochverehrungswuerdige
Freunde, die es taeglich mehr werden und die eine Annehmlichkeit und
eine Wonne fuer meine noch uebrigen Tage sind."
Dass ich durch die Erzaehlung meines Gastfreundes der Sammlung seiner
Bilder noch mehr zugewendet wurde, begreift sich.
Ich lenkte meine Aufmerksamkeit nun auch auf die Kupferstiche meines
Gastfreundes. Da dieselben nicht unter Glas und Rahmen waren, sondern
sich in grossen Laden des Tisches im Lesezimmer befanden, so konnte man
sie weit bequemer betrachten als die Gemaelde. Ich nahm mir zuerst die
Mappen nach einander heraus und sah alle Kupferstiche der Reihe nach
an. Dann aber ging ich an eine mehr geordnete Betrachtung. So wie mein
Gastfreund nicht Buecher aus dem Hause gab, wohl aber einem Gaste in
sein Zimmer die verlangten bringen liess, so tat er es auch mit den
Kupferstichen, nur gab er immer gleich eine ganze Mappe in ein Zimmer,
nicht aber leicht einzelne Blaetter. Er tat dies der Erhaltung und
Schonung willen. Weil ich nun nicht viele Stunden im Lesezimmer
ununterbrochen mit Ansehen von Kupferstichen zubringen mochte, so
liess mir mein Gastfreund die einzelnen Mappen nach und nach in meine
Wohnung bringen, und ich konnte die in ihnen enthaltenen Werke mit
Musse betrachten, konnte diese Beschaeftigung auch durch Anderes
unterbrechen und konnte, wenn ich die Mappe durch eine beliebige Zeit
in meiner Wohnung gehabt hatte, dieselbe durch eine andere ersetzen.
Spaeter, da ich alle Mappen genau durchsucht hatte, wobei ich mir
diejenigen Werke aufzeichnete, die mir ganz besonders gefielen oder
die von meinem Gastfreunde und Eustach als vorzueglich bezeichnet
waren, schlug ich mir bei Gelegenheit nur die eine oder andere auf, um
das eine oder andere mir sehr liebe Werk des Grabstichels zu besehen.
Ich merkte mir in meinem Gedenkbuche auch diejenigen an, welche ich
mir gleichfalls kaufen wollte, wenn es solche waren, die man noch im
Handel bekommen konnte. Ich lernte bei diesen Untersuchungen die Art
und Weise des Vortrags verschiedener Meister und verschiedener Zeiten
kennen und endlich auch wuerdigen, und ich fand wieder, wie es bei den
Gemaelden der Fall ist, dass mit geringen Ausnahmen auch diese Kunst
eine schoenere Vergangenheit gehabt habe, als sie eine Gegenwart habe,
ja bei den Kupferstichen konnte ich dies noch genauer kennen lernen
als bei Gemaelden, da mein Freund alte und neue Kupferstiche hatte,
waehrend in seinem Bilderzimmer nur sehr wenige neue Bilder hingen, die
Vergleichung also schwieriger war, und ich mich auf die neuen Bilder
weniger erinnerte, welche ich in der Stadt gesehen hatte und welche
ich auch mit anderen Augen mochte angeschaut haben. Ich lernte
die Feinheiten, die Grossartigkeit, die Schoenheit, die Ruhe in der
Behandlung immer mehr kennen und wuerdigen und beschloss, da mir
Kupferstiche weit leichter zu erwerben waren als Gemaelde, vorlaeufig
damit zu beginnen, mir Blaetter, die ich fuer trefflich hielt, zu kaufen
und eine Sammlung anzubahnen. Es war eine ziemliche Zeit hingegangen,
die ich mit Betrachtung und Einpraegung der Kupferstiche und Gemaelde
verbrachte. Eustach war haeufig bei mir, wir sprachen ueber die Dinge,
und ich lernte taeglich hoeher von diesem Manne denken.
Ich kam waehrend dieser Zeit auch oefter in das Schreinerhaus und andere
Werkstaetten und sah zu, was da verfertiget werde.
Bei diesen Veranlassungen fiel es mir auf, dass mein Gastfreund noch
nicht begonnen hatte, aus dem in Wahrheit gewiss ausserordentlich
schoenen Marmor, den ich ihm gebracht hatte, dessen Schoenheit ich ganz
gewiss zu beurteilen verstand und der ihm selber viele Freude gemacht
zu haben schien, etwas verfertigen zu lassen. Ich konnte auch
den Marmor in dem Rosenhause gar nicht auffinden. Er war in dem
Vorratshause gelegen, wo sich auch oefter Steine von mir befunden
hatten. Jetzt war er nicht mehr dort. War er, um nicht Verletzungen zu
erfahren, in einen anderen, sichereren Ort gebracht worden oder hatte
man ihn doch irgendwohin gesendet, wo an ihm gearbeitet wurde? Das
Letzte war nicht denkbar, da mein Gastfreund alle Dinge aus Holz
und Stein in seinem Hause arbeiten liess, wozu auch nicht nur die
Vorrichtungen und Werkzeuge vorhanden waren, sondern wohin auch zu
jeder Zeit die etwa noch mangelnden Arbeitskraefte gezogen werden
koennen.
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