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Der Nachsommer by Adalbert Stifter

A >> Adalbert Stifter >> Der Nachsommer

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"Es ist die erhebendste Nahrung, die uns der Himmel gegeben hat",
antwortete ich. "Das weiss ich, wenn ich auf einem hohen Berge stehe
und die Luft in ihrer Weite wie ein unausmessbares Meer um mich herum
ist. Aber nicht bloss die Luft des Sommers ist erquickend, auch die des
Winters ist es, jede ist es, welche rein ist und in welcher sich nicht
Teile finden, die unserm Wesen widerstreben."

"Ich gehe oft mit der Mutter an stillen Wintertagen gerade diesen Weg,
auf dem wir jetzt wandeln. Er ist wohl und breit ausgefahren, weil die
Bewohner von Erltal und die der umliegenden Haeuser im Winter von ihrem
tief gelegenen Fahrwege eine kleine Abbeugung ueber die Felder machen
und dann unseren Spazierweg seiner ganzen Laenge nach befahren. Da ist
es oft recht schoen, wenn die Zweige der Baeume voll von Kristallen
haengen oder wenn sie bereift sind und ein feines Gitterwerk ueber ihren
Staemmen und Aesten tragen.

Oft ist es sogar, als wenn sich der Reif in der Luft befaende und sie
mit ihm erfuellt waere. Ein feiner Duft schwebt in ihr, dass man die
naechsten Dinge nur wie in einen Rauch gehuellt sehen kann. Ein anderes
Mal ist der Himmel wieder so klar, dass man alles deutlich erblickt. Er
spannt sich dunkelblau ueber die Gefilde, die in der Sonne glaenzen, und
wenn wir auf die Hoehe der Felder kommen, koennen wir von ihr den ganzen
Zug der Gebirge sehen. Im Winter ist die Landschaft sehr still, weil
die Menschen sich in ihren Haeusern halten, so viel sie koennen, weil
die Singvoegel Abschied genommen haben, weil das Wild in die tieferen
Waelder zurueck gegangen ist, und weil selbst ein Gespann nicht den
toenenden Rufschlag und das Rollen der Raeder hoeren laesst, sondern nur
der einfache Klang der Pferdeglocke, die man hier hat, anzeigt, dass
irgend wo jemand durch die Stille des Winters faehrt. Wir gehen auf der
klaren Bahn dahin, die Mutter leitet die Gespraeche auf verschiedene
Dinge, und das Ziel unserer Wanderung ist gewoehnlich die Stelle, wo
der Weg in das Tal hinabzugehen anfaengt. In der Stadt habt ihr die
schoenen Winterspaziergaenge nicht, welche uns das Land gewaehrt."

"Nein, Natalie, die haben wir nicht. Wir haben von der dem Winter als
Winter eigentuemlichen Wesenheit nichts als die Kaelte; denn der Schnee
wird auch aus der Stadt fortgeschafft", erwiderte ich, "und nicht bloss
im Winter, auch im Sommer hat die Stadt nichts, was sich nur entfernt
mit der Freiheit und Weite des offenen Landes vergleichen liesse.
Eine erweiterte Pflege der Kunst und der Wissenschaft, eine erhoehte
Geselligkeit und die Regierung des menschlichen Geschlechts sind in
der Stadt, und diese Dinge begreifen auch das, was man in der Stadt
sucht. Einen Teil von Wissenschaft und Kunst aber kann man wohl auch
auf dem Lande hegen, und ob groessere Zweige der allgemeinen Leitung der
Menschen auch auf das Land gelegt werden koennten, als jetzt geschieht,
weiss ich nicht, da ich hierin zu wenig Kenntnisse habe. Ich trage
schon lange den Gedanken in mir, einmal auch im Winter in das
Hochgebirge zu gehen und dort eine Zeit zuzubringen, um Erfahrungen zu
sammeln. Es ist seltsam und reizt zur Nachahmung, was uns die Buecher
melden, die von Leuten verfasst wurden, welche im Winter hochgelegene
Gegenden besucht oder gar die Spitzen bedeutender Berge erstiegen
haben."

"Wenn es fuer Leben und Gesundheit keine Gefahr hat, solltet ihr es
tun", antwortete sie. "Es ist wohl ein Vorrecht der Maenner, das
Groessere wagen und erfahren zu koennen. Wenn wir zuweilen im Winter
in grossen Staedten gewesen sind und dort das Leben der verschiedenen
Menschen gesehen haben, dann sind wir gerne in den Sternenhof
zurueckgegangen. Wir haben hier in manchen groesseren Zeitraeumen alle
Jahreszeiten genossen und haben jeden Wechsel derselben im Freien
kennen gelernt. Wir sind mit Freunden verbunden, deren Umgang uns
veredelt, erhebt, und zu denen wir kleine Reisen machen. Wir haben
einige Ergebnisse der Kunst und in einem gewissen Masse auch der
Wissenschaft, so weit es sich fuer Frauen ziemt, in unsere Einsamkeit
gezogen."

"Der Sternenhof ist ein edler und ein wuerdevoller Sitz", entgegnete
ich, "er hat sich ein schoenes Teil des Menschlichen gesammelt und muss
nicht das Widerwaertige desselben hinnehmen. Aber es mussten auch viele
Umstaende zusammentreffen, da es somit werden konnte, wie es ward."

"Das sagt die Mutter auch", erwiderte sie, "und sie sagt, sie muesse
der Vorsehung sehr danken, dass sie ihre Bestrebungen so unterstuetzt
und geleitet habe, weil wohl sonst das Wenigste zu Stande gekommen
waere."

Wir hatten in der Zeit dieses Gespraeches nach und nach die hoechste
Stelle des Weges erreicht. Vor uns ging es wieder abwaerts. Wir blieben
eine Weile stehen.

"Sagt mir doch", begann Natalie wieder, "wo liegt denn das Kargrat, in
welchem ihr euch in diesem Teile des Sommers aufgehalten habt? Man muss
es ja von hier aus sehen koennen."

"Freilich kann man es sehen", antwortete ich, "es liegt fast im
aeussersten Westen des Teiles der Kette, der von hier aus sichtbar ist.
Wenn ihr von jenen Schneefeldern, die rechts von der sanftblauen
Kuppe, welche gerade ueber der Grenzeiche eures Weizenfeldes sichtbar
ist, liegen, und die fast wie zwei gleiche, mit der Spitze nach
aufwaerts gerichtete Dreiecke aussehen, wieder nach rechts geht, so
werdet ihr lichte, fast wagrecht gehende Stellen in dem greulichen
Daemmer des Gebirges sehen, das sind die Eisfelder des Kargrats."

"Ich sehe sie sehr deutlich", erwiderte sie, "ich sehe auch die
Spitzen, die ueber das Eis empor ragen. Und auf diesem Eise seid ihr
gewesen?"

"An seinen Grenzen, die es in allen Richtungen umgeben", antwortete
ich, "und auf ihm selber".

"Da muesst ihr ja auch deutlich hieher gesehen haben", sagte sie.

"Die Berggestaltungen des Kargrates, die wir hier sehen", erwiderte
ich, "sind so gross, dass wir seine Teile wohl von hier aus
unterscheiden koennen; aber die Abteilungen der hiesigen Gegend sind
so klein, dass ihre Gliederungen von dort aus nicht erblickt werden
koennen. Das Land liegt wie eine mit Duft ueberschwebte einfache Flaeche
unten. Mit dem Fernrohre konnte ich mir einzelne bekannte Stellen
suchen, und ich habe mir die Bildungen der Huegel und Waelder des
Sternenhofes gesucht."

"Ach nennt mir doch einige von den Spitzen, die wir von hier aus sehen
koennen", sagte sie.

"Das ist die Kargratspitze, die ihr ueber dem Eise als hoechste seht",
erwiderte ich, "und rechts ist die Glommspitze und dann der Ethern und
das Krummhorn. Links sind nur zwei, der Aschkogel und die Sente."

"Ich sehe sie", sagte sie, "ich sehe sie."

"Und dann sind noch geringere Erhoehungen", fuhr ich fort, "die sich
gegen die weiteren Berghaenge senken, die keinen Namen haben und die
man hier nicht sieht."

Da wir noch eine Weile gestanden waren, die Berge betrachtet und
gesprochen hatten, wendeten wir uns um und wandelten dem Schlosse zu.

"Es ist doch sonderbar", sagte Natalie, "dass diese Berge keinen weissen
Marmor hervorbringen, da sie doch so viel verschiedenfarbigen haben."

"Da tut ihr unseren Bergen ein kleines Unrecht", antwortete ich, "sie
haben schon Lager von weissem Marmor, aus denen man bereits Stuecke
zu mannigfaltigen Zwecken bricht, und gewiss werden sie in ihren
Verzweigungen noch Stellen bergen, wo vielleicht der feinste und
ungetruebteste weisse Marmor ist."

"Ich wuerde es lieben, mir Dinge aus solchem Marmor machen zu lassen",
sagte sie.

"Das koennt ihr ja tun", erwiderte ich, "kein Stoff ist geeigneter
dazu."

"Ich koennte aber nach meinen Kraeften nur kleine Gegenstaende anfertigen
lassen, Verzierungen und dergleichen", sagte sie, "wenn ich die
rechten Stuecke bekommen koennte, und wenn meine Freunde mir mit ihrem
Rate beistanden."

"Ihr koennt sie bekommen", antwortete ich, "und ich selber koennte euch
hierin helfen, wenn ihr es wuenscht."

"Es wird mir sehr lieb sein", erwiderte sie, "unser Freund hat edle
Werke aus farbigem Marmor in seinem Hause ausfuehren lassen, und ihr
habt ja auch schoene Dinge aus solchem fuer eure Eltern veranlasst."

"Ja, und ich suche noch immer schoene Stuecke Marmor zu erwerben, um sie
gelegentlich zu kuenftigen Werken zu verwenden", antwortete ich.

"Meine Vorliebe fuer den weissen Marmor habe ich wohl aus den reichen,
schoenen und grossartigen Dingen gezogen", entgegnete sie, "die ich in
Italien aus ihm ausgefuehrt gesehen habe. Besonders wird mir Florenz
und Rom unvergesslich sein. Das sind Dinge, die unsere hoechste
Bewunderung erregen, und doch, habe ich immer gedacht, ist es
menschlicher Sinn und menschlicher Geist, der sie entworfen und
ausgefuehrt hat. Euch werden auch Gegenstaende bei eurem Aufenthalte im
Freien erschienen sein, die das Gemuet maechtig in Anspruch nehmen."

"Die Kunstgebilde leiten die Augen auf sich, und mit Recht",
antwortete ich, "sie erfuellen mit Bewunderung und Liebe. Die
natuerlichen Dinge sind das Werk einer anderen Hand, und wenn sie
auf dem rechten Wege betrachtet werden, regen sie auch das hoechste
Erstaunen an."

"So habe ich wohl immer gefuehlt", sagte sie.

"Ich habe auf meinem Lebenswege durch viele Jahre Werke der Schoepfung
betrachtet", erwiderte ich, "und dann auch, so weit es mir moeglich
war, Werke der Kunst kennen gelernt, und beide entzueckten meine
Seele."

Mit diesen Gespraechen waren wir allmaehlich dem Schlosse naeher gekommen
und waren jetzt bei dem Pfoertchen.

An demselben blieb Natalie stehen und sagte die Worte: "Ich habe
gestern sehr lange mit der Mutter gesprochen, sie hat von ihrer Seite
eine Einwendung gegen unseren Bund nicht zu machen."

Ihre feinen Zuege ueberzog ein sanftes Rot, als sie diese Worte zu mir
sprach. Sie wollte nun sogleich durch das Pfoertchen hinein gehen, ich
hielt sie aber zurueck und sagte: "Fraeulein, ich hielte es nicht fuer
Recht, wenn ich euch etwas verhehlte. Ich habe euch heute schon einmal
gesehen, ehe wir zusammentrafen. Als ich am Morgen ueber den Gang
hinter euren Zimmern ins Freie gehen wollte, standen die Tueren in
einen Vorsaal und in ein Zimmer offen, und ich sah euch in diesem
letztern an einem mit einem altertuemlichen Teppiche behaengten
Tischchen, die Hand auf ein Buch gestuetzt, stehen."

"Ich dachte an mein neues Schicksal", sagte sie.

"Ich wusste es, ich wusste es", antwortete ich, "und moegen die
himmlischen Maechte es so guenstig gestalten, als es der Wille derer
ist, die euch wohlwollen."

Ich reichte ihr beide Haende, sie fasste sie, und wir drueckten uns
dieselben.

Darauf ging sie in das Pfoertchen ein und ueber die Treppe empor.

Ich wartete noch ein wenig.

Da sie oben war und die Tuer hinter sich geschlossen hatte, stieg ich
auch die Treppe empor.


Das ganze Wesen Nataliens schien mir an diesem Morgen glaenzender, als
es die ganze Zeit her gewesen war, und ich ging mit einem tief, tief
geschwellten Herzen in mein Zimmer.

Dort kleidete ich mich insoweit um, als es noetig war, die Spuren des
Morgenspazierganges zu beseitigen und anstaendig zu erscheinen, dann
ging ich, da die Stunde des Fruehmahles schon heran nahte, in das
Speisezimmer.

Ich war in demselben allein. Der Tisch war schon gedeckt und Alles zum
Morgenmahle in Bereitschaft gesetzt. Nachdem ich eine Weile gewartet
hatte, kam Mathilde mit Natalie zugleich in das Zimmer. Natalie hatte
sich umgekleidet, sie hatte jetzt ein festlicheres Kleid an als sie
beim Morgenspaziergange getragen hatte, weil sie gleich Mathilden bei
Tische einen Gast durch ein besseres Kleid ehrte. Mit der gewoehnlichen
Ruhe und Heiterkeit, aber mit einer fast noch groesseren Freundlichkeit
als sonst begruesste mich Mathilde und wies mir meinen Platz an. Wir
setzten uns. Wir waren nun bei dem Fruehmahle, wie wir es die mehreren
Tage her gewohnt waren. Dieselben Gegenstaende befanden sich auf dem
Tische und derselbe Vorgang wurde befolgt wie immer. Obgleich nur ein
Dienstmaedchen ab und zu ging und wir in den Zwischenzeiten allein
waren, indem Mathilde nach ihrer Gepflogenheit manche Handlungen,
die bei einem solchen Fruehmahle noetig sind, an dem Tische selbst
verrichtete, so wurde doch ueber unsere besonderen Angelegenheiten
auch jetzt nicht gesprochen. Gewoehnliche Dinge, wie sie sich an
gewoehnlichen Tagen darbieten, bildeten den Inhalt der Gespraeche. Teils
Kunst, teils die schoenen Tage der Jahreszeit, die eben war, und teils
ein Abschnitt des Aufenthaltes waehrend der Rosenzeit im Asperhofe
wurden abgehandelt. Dann standen wir auf und trennten uns.

Und so wurde auch am ganzen Tage von dem Verhaeltnisse, in welches ich
zu Natalien getreten war, nichts gesprochen.

Wir fanden uns noch im Laufe des Vormittags im Garten zusammen.
Mathilde zeigte mir einige Veraenderungen, welche sie vorgenommen
hatte. Mehrere zu sehr in geraden Linien gezogene geschorne Hecken,
die sich noch in einem abgelegenen Teile des Gartens befunden hatten,
waren beseitigt worden und hatten einer leichteren und gefaelligeren
Anlage Platz gemacht. Blumenbeete waren gezogen worden und mehrere
Pflanzen, welche man erst kennen gelernt hatte, welche mein Gastfreund
sehr liebte und unter denen sich ausserordentlich schoene befanden,
waren in eine Gruppe gestellt worden. Mathilde nannte ihre Namen,
Natalie hoerte aufmerksam zu. Am Nachmittage wurde ein Spaziergang
gemacht. Zuerst besuchten wir die Arbeiter, welche mit der
Hinwegschaffung der Tuenche von der Steinbekleidung des Hauses
beschaeftigt waren, und sahen eine Zeit hindurch zu. Mathilde tat
mehrere Fragen und liess sich in Eroerterungen ueber Dinge ein, die diese
Angelegenheit betrafen. Dann gingen wir in einem grossen Bogen laengs
des Rueckens der Anhoehen herum, die zu einem Teile das Tal beherrschen,
in dem das Schloss liegt. Wir kamen an dem Saume eines Waeldchens
vorueber, von dem man das Schloss, den Garten und die Wirtschaftsgebaeude
sehen konnte, und gingen endlich durch den noerdlichen Arm desselben
Spazierweges in das Schloss zurueck, in dessen suedlichem Teile ich heute
Morgens mit Natalien gewandelt war.

Gegen Abend kam der Wagen mit den Wanderern an.

Mein Gastfreund stieg zuerst heraus, dann folgten fast gleichzeitig
die uebrigen, juengeren Maenner. Ich wurde von allen gegruesst und von
allen getadelt, dass ich so spaet gekommen sei. Man begab sich in das
gemeinschaftliche Gesellschaftszimmer und besprach sich dort eine
Weile, ehe man sich in die Gemaecher verfuegen wollte, die fuer einen
jeden bestimmt waren.

Mein Gastfreund fragte mich, wo ich mich heuer aufgehalten und welche
Teile des Gebirges ich durchstreift habe. Ich antwortete ihm, dass ich
ihm schon im Allgemeinen gesagt habe, dass ich an den Simmigletscher
gehen werde, dass ich aber meinen besonderen Wohnort im Kargrat
aufgeschlagen habe, in dem mit dem Gebirgsstocke gleichnamigen kleinen
Doerflein. Von da aus habe ich meine Streifereien gemacht. Ich nannte
ihm die einzelnen Richtungen, weil er besonders in der Gegend der
Simmen sehr bekannt war. Eustach sprach ueber die schoenen Naturbilder,
die in jenen Gestaltungen vorkommen. Roland sagte, ich moechte doch
auch einmal die Klamkirche, in der sie gewesen seien, besuchen;
die Zeichnungen werde mir Eustach schon zeigen, damit ich einen
vorlaeufigen Ueberblick davon zu erlangen vermoege. Gustav gruesste mich
einfach mit seiner Liebe und Freundschaft, wie er es immer getan
hatte. Auf die gelegentliche Frage meines Gastfreundes, ob ich nun
lange in der Gesellschaft meiner Freunde zu bleiben gesonnen sei,
antwortete ich, dass mich eine wichtige Angelegenheit vielleicht schon
in sehr kurzer Zeit fortfuehren koennte.

Nach diesen allgemeinen Gespraechen begaben sich die Reisenden in
ihre Zimmer, um die Spuren der Reise zu beseitigen, staubige Kleider
abzulegen, sich sonst zu erfrischen oder Mitgebrachtes in eine Ordnung
zu richten.

Wir sahen uns erst bei dem Abendessen wieder.

Dasselbe war so heiter und freundlich, wie es immer gewesen war.

Am anderen Morgen nach dem Fruehmahle ging mein Gastfreund eine Zeit
mit Mathilden im Garten spazieren, dann kam er in mein Zimmer und
sagte zu mir: "Ihr habt Recht, und es ist sehr gut von euch, dass ihr
das, was euren hiesigen Freunden lieb und angenehm ist, euren Eltern
und euren Angehoerigen sagen wollt."

Ich erwiderte nichts, erroetete und verneigte mich sehr ehrerbietig.

Ich erklaerte im Laufe des Vormittages, dass ich, sobald es nur immer
moeglich waere, abreisen muesste. Man stellte mir Pferde bis zur naechsten
Post zur Verfuegung, und nachdem ich mein kleines Gepaeck geordnet
hatte, beschloss ich, noch vor dem Mittage die Reise anzutreten. Man
liess es zu. Ich nahm Abschied. Die klaren, heiteren Augen meines
Gastfreundes begleiteten mich, als ich von ihm hinwegging. Mathilde
war sanft und guetig, Natalie stand in der Vertiefung eines Fensters,
ich ging zu ihr hin und sagte leise: "Liebe, liebe Natalie, lebet
wohl."

"Mein lieber, teurer Freund, lebet wohl", antwortete sie ebenfalls
leise, und wir reichten uns die Haende.

Nach einem Augenblicke verabschiedete ich mich auch von den anderen,
die, da sie wussten, dass ich abreisen werde, in das Gesellschaftszimmer
gekommen waren. Ich schuettelte Eustach und Roland die Haende und
empfing Gustavs Kuss, welche innigere Art des Bewillkommens und
Scheidens schon seit laengerer Zeit zwischen uns ueblich geworden war
und welche mir heute so besonders wichtig wurde.

Hierauf ging ich die Treppe hinab und bestieg den Wagen.

Mathildens Pferde brachten mich auf die naechste Post. Dort sendete
ich sie zurueck und nahm andere in der Richtung nach dem Kargrat. Ich
goennte mir wenig Ruhe. Als ich dort angekommen war, erklaerte ich
meinen Leuten, dass Umstaende eingetreten waeren, welche die Fortsetzung
der heurigen Arbeiten nicht erlaubten. Ich entliess sie also, haendigte
ihnen aber den Lohn ein, den sie bekommen haetten, wenn sie mir in
der ganzen vertragsmaessigen Zeit gedient haetten. Sie waren hierueber
zufrieden. Der Jaeger und Zitherspieler war frueher, ehe ich gekommen
war, fortgegangen. Wohin er sich begeben habe, wussten die Leute
selber nicht. Das Verhaeltnis mit meinen Arbeitern zu ordnen, war mir
das Wichtigste auf meinem Arbeitsplatze gewesen; deshalb war ich
hingereist. Ich hatte ihnen vor meinem Besuche im Asperhofe gesagt,
dass ich bald wieder kommen werde, hatte ihnen waehrend meiner
Abwesenheit Arbeit aufgetragen und hatte ihnen Arbeit nach meiner
Wiederkunft in Aussicht gestellt. Dieses musste nun umgeaendert werden.
Da es geschehen war, gab ich meine Sachen im Kargrat so in Verwahrung,
dass sie gesichert waren, und reiste sogleich wieder ab. Ich hatte
die Pferde, die ich von dem letzten groesseren Orte in das Kargrat
mitgenommen hatte, bei mir behalten und fuhr jetzt mit ihnen wieder
fort. Auf dem ersten Postamte verlangte ich eigene Postpferde und
schlug die Richtung zu meinen Eltern ein.

Als ich dort angekommen war, machte mein unvermutetes Erscheinen
beinahe den Eindruck des Erstaunens. Alle Ereignisse waren so schnell
gekommen, dass, da einmal meine Abreise zu meinen Eltern festgesetzt
war, ein Brief, der sie von meiner Ankunft benachrichtigt haette,
wahrscheinlich nicht frueher zu ihnen gekommen waere als ich selbst.
Sie konnten sich daher nicht erklaeren, warum ich ohne vorhergegangene
Benachrichtigung nun im Sommer statt im Herbste komme. Ich sagte ihnen
auf ihre Frage, dass allerdings ein Grund zu meiner jetzigen Heimreise
vorhanden sei, aber keineswegs ein unangenehmer, dass ich in Ungeduld
so schnell abgereist sei und dass ich ihnen eine fruehere Nachricht von
meiner Ankunft nicht habe zugeben lassen koennen. Hierauf waren sie
beruhigt und, wie es ihre Art war, fragten sie mich nun nicht nach
meinem Grunde.


Am andern Morgen, ehe der Vater in die Stadt ging, begab ich mich
zu ihm in das Buecherzimmer und sagte ihm, dass ich zu Natalien, der
Tochter der Freundin meines Gastfreundes, schon seit langer Zeit
her eine Zuneigung gefasst habe, dass diese Neigung in mir verborgen
geblieben und dass es mein Vorsatz gewesen sei, sie, wenn sie ohne
Aussicht waere, zu unterdruecken, ohne dass ich je zu irgend jemandem
ein Wort darueber sagte. Nun habe aber Natalie auch mich ihres Anteils
nicht fuer unwert gehalten, ich habe davon nichts gewusst, bis ein
Zufall, da wir von anderen, weit entlegenen Dingen sprachen, die
gegenseitig unbekannte Stimmung zu Tage brachte. Da haben wir nun
einen Bund geschlossen, dass wir uns unsere Neigung bewahren wollen, so
lange wir leben, und dass wir sie in dieser Art nie einem anderen Wesen
schenken wuerden. Natalie habe verlangt, und mein Sinn stimmte diesem
Verlangen vollkommen bei, dass wir unseren Angehoerigen diese Tatsache
mitteilen sollten, damit wir uns unseres Gutes durch ihre Zustimmung
erfreuen oder, wenn von einem Teile die Billigung versagt wuerde,
die Neigung zwar unveraendert erhalten, aber den persoenlichen Umgang
aufheben. Da nun Nataliens Angehoerige nichts eingewendet haben, so sei
ich hier, um die Sache meinen Eltern zu sagen, und ihm sage ich sie
zuerst, der Mutter wuerde ich sie spaeter mitteilen.

"Mein Sohn", antwortete er, "du bist muendig, du hast das Recht,
Vertraege abzuschliessen und hast einen sehr wichtigen abgeschlossen. Da
ich dich genau kenne, da ich dich seit einiger Zeit noch viel genauer
kennen zu lernen Gelegenheit hatte als ich dich frueher kannte, so weiss
ich, dass deine Wahl einen Gegenstand getroffen hat, der, wenn ihm
auch gewiss wie allen Menschen Fehler eigen sind, an Wert und Guete
entsprechen wird. Wahrscheinlich hat er beide Dinge in einem hoeheren
Masse als die Menschen, wie sie in groesserer Menge jetzt ueberall sind.
In dieser Meinung bestaerken mich noch mehrere Umstaende. Eure Neigung
ist nicht schnell entstanden, sondern hat sich vorbereitet, du hast
sie ueberwinden wollen, du hast nichts gesagt, du hast uns von Natalien
wenig erzaehlt, also ist es kein hastiges, fortreissendes Verlangen,
welches dich erfasst hat, sondern eine auf dem Grunde der Hochachtung
beruhende Zuneigung. Bei Natalien ist es wahrscheinlich auch so,
weil, wie du gesagt hast, ihre Gegenneigung vorhanden war, ehe du sie
erkennen konntest. Ferner hat bei deinem Gastfreunde die Gesammtheit
deines Wesens eine so entschiedene Foerderung erhalten, du hast
nach manchem Besuche bei ihm auch so hervorragende Einzelheiten
zurueckgebracht, dass ihm eine grosse Guete und Bildung eigen sein muss,
die auf seine Umgebung uebergeht. Ich habe nichts einzuwenden."

Obgleich ich mir vorgestellt hatte, dass mein Vater dem geschlossenen
Bunde kein Hindernis entgegenstellen werde, so war ich doch bei dieser
Unterredung beklommen und ernst gewesen, so wie in der Haltung meines
Vaters eine tiefe Ergriffenheit nicht zu verkennen gewesen war. Jetzt,
da er geredet hatte, kam in mein Herz eine Freudigkeit, die sich auch
in meinen Augen und in meinen Mienen ausgedrueckt haben musste. Mein
Vater blickte mich guetig und freundlich an und sagte: "Du wirst mit
der Mutter von diesem Gegenstande nicht so leicht sprechen, ich werde
deine Stelle vertreten und ihr von dem geschlossenen Bunde erzaehlen,
dass du schneller ueber die Mitteilung hinwegkoemmst. Lasse den Vormittag
vergehen, nach dem Mittagessen werde ich die Mutter in dieses Zimmer
bitten. Klotilde wird dann gelegentlich auch Kenntnis von deinem
Schritte erhalten."

Wir verliessen nun das Buecherzimmer. Mein Vater ruestete sich, in
seine Geschaeftsstube in die Stadt zu gehen, wie er sich jeden Morgen
geruestet hatte. Als er fertig war, nahm er von der Mutter Abschied und
ging fort. Der Vormittag verfloss, wie gewoehnlich die Zeit nach meiner
Ankunft verflossen war. Die Mutter und Klotilde fragten nicht nach dem
Grunde meines ungewoehnlichen Zurueckkommens und gingen ihren Geschaeften
nach. Als das Mittagmahl vorueber war, nahm der Vater die Mutter in das
Buecherzimmer und blieb eine Weile mit ihr dort. Als sie wieder zu mir
und Klotilden herauskamen, blickte sie mich freundlich an, sagte aber
nichts.

Sie setzten sich wieder zu uns, und wir blieben noch eine Zeit an dem
Tische sitzen.

Als wir aufgestanden waren, gingen wir in den Garten, welchen ich
jetzt durch eine Reihe von Jahren nicht im Sommer gesehen hatte. Die
Rosen, welche hie und da zerstreut waren, glichen nicht denen meines
Gastfreundes, waren aber auch nicht schlechter als die, welche sich in
dem Sternenhofe befanden. Der Garten, welcher mir in meiner Kindheit
immer so lieb und traulich gewesen war, erschien mir jetzt klein und
unbedeutend, obwohl seine Blumen, die gerade in dieser Sommerzeit noch
bluehten, seine Obstbaeume, seine Gemuese, Weinreben und Pfirsichgitter
nicht zu den geringsten der Stadt gehoerten. Es zeigte sich nur eben
der Unterschied eines Stadtgartens und des Gartens eines reichen
Landbesitzers. Man wies mir alles, was man fuer wichtig erachtete,
und machte mich auf alle Veraenderungen aufmerksam. Man schien sich
gleichsam zu freuen, dass man mich doch einmal zu Anfang der heisseren
Jahreszeit hier habe, waehrend ich sonst nur immer am Beginne der
kaelteren gekommen war, wenn die Blaetter abfielen und der Garten sich
seines Schmuckes entaeusserte. Gegen den Abend ging der Vater wieder in
die Stadt. Wir blieben in dem Garten. Da sich in einem Augenblicke die
Schwester mit dem Aufbinden eines Rebenzweiges beschaeftigte und ich
mit der Mutter allein an dem Marmorbrunnen der Einbeere stand, in
welchen das koestliche helle Wasser nieder rieselte, sagte sie zu mir:
"Ich wuensche, dass jedes Glueck und jeder Segen vom Himmel dich auf dem
sehr wichtigen Schritte begleiten moege, den du getan hast, mein Sohn.
Wenn du auch sorgsam gewaehlt hast, und wenn auch alle Bedingungen zum
Gedeihen vorhanden sind, so bleibt der Schritt doch ein schwerer und
wichtiger, noch steht das Zusammenfinden und das Einleben in einander
bevor."

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Perfumes: the Guide – a portal to a whole new art

Michelle Magorian scooped the 2008 Costa Children's Book Award with Just Henry, a huge 700-page book that made me cry. Not many authors can do that but Magorian handles dangerously emotional stuff and pulls it off without slipping into mawkish sentimentality. Hence tears.

The same quality marked out Goodnight Mister Tom, her first novel, which won the 1980 Guardian children's book prize and has been read by every child in year 6 and many others both younger and older – rightly so – ever since. Goodnight Mister Tom is avowedly weepy. Only the hardest heart could remain unmoved. I once met a child who'd sticky-taped three pages together because they made her cry too much – I'm sure everyone who's read the book will know which three.

In Goodnight Mister Tom, Magorian had the external drama of the second world war as an emotional backdrop: put simply, there was a lot to weep over. In Just Henry, however, the setting is 1949 and there should be – and is – a feeling of optimism and hope. It is a period that's rarely used in fiction but Just Henry reveals it to be one that's worth exploring. The effect of the war is still being felt in the social changes it brought about. Life didn't just "slip back": few families were lucky enough to remain unaffected. Fathers were lost or altered; mothers found themselves raising families alone, or having to return abruptly to a subordinate role; children were forced to make adjustments either way.

In her big, bold novel, knitted together with more mysteries and coincidences than are credible, Magorian wonderfully captures that uncertainty and shows children's ability to move forward and embrace change far faster than their parents or grandparents. Lest this realism and the solving of the mysteries is too mundane, Michelle adds an extra layer of emotion by weaving in the stories of film stars from the movies of the day. For once, the current fashion of long, long, long books is justified. Just Henry is a wallowing great read. Just don't forget your hanky.

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Charlotte Higgins: The Diary's favourite holiday-season pastime was smelling perfumes

Leona Lewis will soon join the ranks of Winston Churchill, Helen Keller and Gandhi by writing an autobiography. The chart-topping singer has signed a contract with publishers Hodder & Stoughton, with the aim to release the book in October.

Since winning the 2006 season of The X Factor, Lewis has broken sales records, serenaded Mandela and performed at the Beijing Olympics with Jimmy Page. The book will include over 100 new photographs, suggesting that pictures – and not meticulous prose - will be the means by which Lewis tells her tale.

"The last two years have been an unbelievable experience for me," she said in a statement. "So to have it documented in pictures and to be able to tell people in my own words how it feels means a lot to me." Dean Freeman, who worked on David Beckham's autobiography, has been hired to take new photographs of the 23-year-old – of Lewis hunched over a typewriter perhaps, or thumbing through the Oxford English Dictionary.

"This will be the first time Leona tells her story of how the X Factor launched her from waitressing in Pizza Hut in Hackney to stardom on both sides of the Atlantic," raved Fenella Bates, Lewis's editor at Hodder & Stoughton. "It is a real-life fairytale and every girl's dream."

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Charlotte Higgins: Bennett, Burnham and the Booker

The Diary's favourite holiday-season pastime was smelling perfumes, inspired by its favourite holiday-season book: the virtuosic Perfumes: the Guide, by Luca Turin and Tania Sanchez, which offers a critical analysis of 1,500 fragrances. Do not scoff: this is a branch of aesthetics as worthy as any other, and Turin and Sanchez's prose is a delight, with scents related to the orchestration of Ravel or to Bruckner symphonies.

In its haunting of London's perfumery halls, the Diary ran across novelist Philip Hensher, buying Margaret Thatcher's favourite scent Mitsouko, and Sandy Nairne, director of the National Portrait Gallery, who wears Creed's Bois du Portugal. Mitsouko is Turin's favourite perfume. However, he is scathing of Bois du Portugal: "Close in intent but not in richness or quality to de Nicolaï's divine New York, which is at once cheaper and vastly better."

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