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Der Nachsommer by Adalbert Stifter

A >> Adalbert Stifter >> Der Nachsommer

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Beim Grauen des Lichtes machten wir uns auf den Weg und stiegen mit
unseren sehr hohen Stiefeln, die ich eigens zu diesem Zwecke hatte
machen lassen, in den tiefen Schnee der Wege, die zu den Hoehen, auf
die wir wollten, fuehrten, die aber nur im Sommer betreten wurden, die
jetzt keine Spur zeigten und die wir nur fanden, weil wir der Gegend
sehr kundig waren. Wir gingen mehrere Stunden in diesem tiefen Schnee,
dann kamen Waelder, in denen er niederer lag und durch welche das
Fortkommen leichter war. Viele Geroelle und schiefliegende Waende, die
nun folgten, zeigten ebenfalls weniger Schnee als die Tiefe, und
es war ueber sie im Winter leichter zu gehen, als ich es im Sommer
gefunden hatte, da die Unebenheiten und die kleinen scharfen Riffe
und Steine mit einer Schneedecke ueberhuellt waren. Als wir die ersten
Vorberge ueberwunden hatten und auf die Hochebene der Echern gekommen
waren, von der man wieder den blauen See recht tief und dunkel in der
weissen Umgebung unten liegen sah, machten wir ein wenig Halt. Die
Oberflaeche der Echern oder die Hochebene, wie man sie auch gerne
nennt, ist aber nichts weniger als eine Ebene, sie ist es nur im
Vergleiche mit den steilen Abhaengen, welche ihre Seitenwaende gegen
den See bilden. Sie besteht aus einer grossen Anzahl von Gipfeln, die
hinter und neben einander stehen, verschieden an Groesse und Gestalt
sind, tiefe Rinnen zwischen sich haben und bald in einer Spitze sich
erheben, bald breitgedehnte Flaechen darstellen. Diese sind mit kurzem
Grase und hie und da mit Kniefoehren bedeckt, und unzaehlige Felsbloecke
ragen aus ihnen empor. Es ist hier am schwersten durchzukommen. Selbst
im Sommer ist es schwierig, die rechte Richtung zu behalten, weil
die Gestaltungen einander so aehnlich sind und ein ausgetretener Pfad
begreiflicher Weise nicht da ist: wie viel mehr im Winter, in welchem
die Gestalten durch Schneeverhuellungen ueberdeckt und entstellt sind,
und selbst da, wo sie hervorragen, ein ungewohntes und fremdartiges
Ansehen haben. Es sind mehrere Alpenhuetten in diesem Gebiete
zerstreut, und es befinden sich im Sommer Herden hier oben, die aber,
wie zahlreich sie auch sind, in der grossen Ausdehnung verschwinden und
sich gegenseitig oft Monate lang nicht sehen. Wir wuenschten noch beim
Lichte des Tages ueber diese Erdbildungen hinueber zu kommen und hatten
vor, zur Einhaltung der Richtung uns gegenseitig in unserer Kenntnis
der Riffe und der Huegelgestaltungen zu unterstuetzen und uns die
entscheidenden Bildungen wechselseitig zu nennen und zu beschreiben.
Am oberen Ende der Hochebene, wo wieder die groesseren Felsenbildungen
beginnen und das Verirren weit weniger moeglich ist, steht im Bereiche
grosser Kalksteinbloecke eine Sennhuette, die Ziegenalpe genannt, welche
das Ziel unserer heutigen Wanderung war. Am Rande der Bergansteigung
und dem Anfange der Hochebene, wo wir jetzt waren, setzten wir uns
nieder. Es liegt da ein grosser Stein, der beinahe ganz schwarz ist.
Er ist nicht nur dieser Farbe willen an sich merkwuerdig, sondern
besonders darum, weil er durch eben diese Farbe, dann durch seine
Groesse und seine seltsame Gestalt von Weitem gesehen werden kann und
denen, die von der Ziegenalpe durch die Hochebene abwaerts kommen,
zum Zeichen, und wenn sie bei ihm angelangt sind, zur Beruhigung des
richtig zurueckgelegten Weges dient. Weil Vielen, die auf der Hochebene
sind, Sennen, Alpenwanderern, Jaegern, der Stein ein Versammlungsort
ist, so findet sich von ihm ab schon ein merkbar ausgetretener
Pfad und man kann die Richtung zu dem See hinab nicht mehr leicht
verfehlen. Auch ist die gegen Sonnenaufgang ueberhaengende Gestalt des
Felsens geeignet, vor Regen und heftigen Westwinden zu schuetzen. Als
wir bei ihm angelangt waren, sahen wir freilich keine Spur eines
Menschen rings um ihn; denn unberuehrter Schnee lag bis zu seinen
Waenden hinzu, und er stand noch einmal so schwarz aus dieser Umgebung
hervor. Wir fanden aber auf kleineren Steinen, die unter seinem
Ueberdache lagen, und auf die der Schnee nicht hereingefallen war, Raum
zum Sitzen und folgten dieser Einladung willig, da sich schon Ermuedung
eingestellt hatte. Kaspar schnallte die Umhuellungen der Decken
auseinander und holte zwei leichte, aber waermende Pelze und andere
Pelzsachen hervor, die ich dazu bestimmt hatte, unsere Koerper und
Fuesse, die im Wandern sich sehr erwaermt hatten, in der Ruhe vor
Verkuehlung zu schuetzen. Als wir diese Pelzdinge umgetan hatten,
schritten wir dazu, uns durch Speise und Trank zu erquicken. Etwas
Wein und Brod reichte zu dem Zwecke hin. Ich betrachtete, nachdem
unser Mahl vollendet war, den Waermemesser, welchen ich gleich
nach unserer Ankunft an einer freien Stelle auf meinen Alpenstock
aufgehaengt hatte, und zeigte meinem Begleiter Kaspar, dass die Waerme
hier oben groesser sei, als wir sie gestern zu gleicher Tageszeit unten
in der Ebene des Sees gehabt hatten. Die Sonne schien sehr kraeftig auf
den Schnee, es wehte kein Lueftchen, an dem gruenlich blaulichen Himmel
lagerten nur ein paar sehr duenne weissliche Streifen. Auch konnte man
von dem Steinvorsprunge, von dem aus der See zu erblicken war, fast
deutlich wahrnehmen, dass unten nicht nur die dichtere, sondern auch
kaeltere Luft liege. Denn so deutlich und klar der See zu erblicken
war, so zog sich doch an den weissen oder weissgesprenkelten Waenden
desselben ein feiner blaulich schillernder Dunst hin zum Zeichen, dass
dort unsere obere, waermere Luft mit der unteren, schon seit laengerer
Zeit ueber dem See stehenden kaelteren zusammengrenze und sich
da ein sanfter Beschlag bilde. Ich schaute nur noch auf den
Feuchtigkeitsmesser und den des Luftdruckes, dann packte Kaspar unsere
Decken und Pelze, ich meine Geraete ein, und wir gingen unsers Weges
weiter.

Mit grosser Vorsicht suchten wir die Richtung, die uns nottat, zu
bestimmen. Auf jeder Stelle, die eine groessere Umsicht gewaehrte,
hielten wir etwas an und suchten uns die Gestalt der Umgebung
zu vergegenwaertigen und uns des Raumes, auf dem wir standen, zu
vergewissern. Ich zog zum Ueberflusse auch noch die Magnetnadel zu
Rate. In den Niederungen und Mulden zwischen einzelnen Hoehen mussten
wir uns der Schneereife bedienen. Gegen den spaeten Nachmittag stiegen
uns die hoeheren und dunkleren Zacken der Echern aus dem Schnee
entgegen. Als die Sonne fast nur mehr um ihre eigene Breite von dem
Rande des Gesichtskreises entfernt war, kamen wir in der Ziegenalpe
an. Hier hatten wir einen eigentuemlichen Anblick. Es ist da eine
Stelle, von welcher aus man nicht mehr zu dem See oder zu seiner
Umgebung zuruecksehen kann, dafuer oeffnet sich gegen Sonnenuntergang ein
weiter Blick in die Lichtung des Lauterthales, besonders aber in das
Echertal, in welchem der Mann wohnt, welcher meine und Klotildens
Zither gemacht hatte. In diese Ferne wollte ich noch einen Blick tun,
ehe wir in die Huette gingen. Aber ich konnte die Taeler nicht sehen.
Die Wirkung, welche sich aus dem Aneinandergrenzen der oberen,
waermeren Luft und der unteren, kaelteren, wie ich schon am schwarzen
Steine bemerkt hatte, ergab, war noch staerker geworden, und ein
einfaches, wagrechtes, weisslichgraues Nebelmeer war zu meinen Fuessen
ausgespannt. Es schien riesig gross zu sein und ich ueber ihm in der
Luft zu schweben.

Einzelne schwarze Knollen von Felsen ragten ueber dasselbe empor, dann
dehnte es sich weithin, ein truebblauer Strich entfernter Gebirge zog
an seinem Rande, und dann war der gesaettigte, goldgelbe, ganz reine
Himmel, an dem eine grelle, fast strahlenlose Sonne stand, zu ihrem
Untergange bereitet. Das Bild war von unbeschreiblicher Groesse. Kaspar,
welcher neben mir stand, sagte: "Verehrter Herr, der Winter ist doch
auch recht schoen."

"Ja, Kaspar", sagte ich, "er ist schoen, er ist sehr schoen."

Wir blieben stehen, bis die Sonne untergegangen war. Die Farbe des
Himmels wurde fuer einen Augenblick noch hoeher und flammender, dann
begann alles nach und nach zu erbleichen und schmolz zuletzt in ein
farbloses Ganzes zusammen. Nur die gewaltigen Erhebungen, die gegen
Sueden standen und die das Eis, das wir besuchen wollten, enthielten,
glommen noch von einem unsichern Lichte, waehrend mancher Stern ueber
ihnen erschien. Wir gingen nun in dem beinahe finster gewordenen
und ziemlich unwegsamen Raume zur Huette, um in derselben unsere
Vorbereitungen zum Uebernachten zu treffen. Die Huette war, wie es im
Winter immer ist, wo sie leer steht, nicht gesperrt. Ein Holzriegel,
der sehr leicht zu beseitigen war, schloss die Tuer. Wir traten ein,
steckten eine Kerze in unsern Handleuchter und machten Licht. Wir
suchten das Gemach der Sennerinnen und liessen uns dort nieder. In den
Schlafstellen war etwas Heu, ein grober Brettertisch stand in der
Mitte des Gemaches, eine Bank lief an der Wand hin und eine bewegliche
stand an dem Tische. Wir hatten vor, hier erst unser eigentliches
warmes Tagesmahl zu bereiten. Aber, worauf wir kaum gefasst waren, es
zeigte sich nirgends auch nicht der geringste Vorrat von Holz. Ich
hatte fuer den Fall Weingeist bei mir, um einige Schnitten Braten in
einer flachen Pfanne roesten zu koennen; aber wir zogen es vorzueglich
wegen der Erwaermung des Koerpers vor, ein Stueck Bank zu verbrennen und
dem Eigentuemer Ersatz zu leisten. Kaspar machte sich mit der Axt an
die Arbeit, und bald loderte ein lustiges Feuer auf dem Herde. Ein
Abendessen wurde bereitet, wie wir es oft bei unsern Gebirgsarbeiten
bereitet hatten, aus dem Heu der Schlafstellen, den Decken und den
Pelzen wurden Betten zurecht gemacht, und nachdem ich noch meine
Messwerkzeuge, die im Freien vor der Huette aufgehaengt waren, betrachtet
hatte, begaben wir uns zur Ruhe. Auch jetzt am spaeten Abende war bei
ganz heiterem, sternenvollem Himmel eine viel mindere Kaelte in dieser
Hoehe als ich vermutet hatte.


Ehe der Tag graute, standen wir auf, machten Licht, kleideten uns
vollstaendig an, richteten all unsere Dinge zurecht, bereiteten ein
Fruehmahl, verzehrten es und traten unsern Weg an. Die Echernspitze
stand fast schwarz im Sueden, wir konnten sie deutlich in die blasse
Luft ueber dem Haustein, der uns noch unsere Eisfelder deckte, empor
ragen sehen. Der Tag war wieder ganz heiter. Obgleich es noch nicht
licht war, durften wir eine Verirrung nicht fuerchten, denn wir mussten
geraume Zeit zwischen Felsen empor gehen, die unsere Richtung von
beiden Seiten begrenzten und uns nicht abweichen liessen. Wir legten,
weil der Schnee in diesen Rinnen sich angehaeuft hatte, unsere
Schneereife an und gingen in der ungewissen Daemmerung vorwaerts. Nach
etwas mehr als einer Stunde Wanderung kamen wir auf die Hoehe hinaus,
wo die Gegend sich wieder oeffnet und gegen Osten weite Felder
hinziehen. Diese biegen, nachdem sie sich ziemlich hoch erhoben, gegen
Sueden um einen Fels herum und lassen dann den Eisstock erblicken, zu
dem wir wollten. Dieser drueckt mit grosser Macht von Sueden gegen Norden
herab und hat zu seiner suedlichen Begrenzung die Echernspitze. Auf den
erklommenen Feldern war es schon ganz licht; allein die Berge, welche
wir am oestlichen Rande derselben unter uns und weit draussen erblicken
sollten, waren nicht zu sehen, sondern am Rande der mit Schnee
bedeckten Felder setzte sich eine Farbe, die nur ein klein wenig von
der Schneefarbe verschieden war, fast ins Unermessliche fort, die
des Nebels. Er hatte seit gestern noch mehr ueberhand genommen und
begrenzte unsere Hoehe als Insel. Kaspar wollte erschrecken. Ich aber
machte ihn aufmerksam, dass der Himmel ueber uns ganz heiter sei, dass
dieser Nebel von jenem sehr verschieden sei, der bei dem Beginne des
Regen- oder Schneewetters zuerst die Spitzen der Berge in Gestalt von
Wolken einhuellt, sich dann immer tiefer, oft bis zur Haelfte der Berge,
hinabzieht und den Wanderern so fuerchterlich ist; unser Nebel sei kein
Hochnebel, sondern ein Tiefnebel, der die Bergspitzen, auf denen das
Verirren so schrecklich sei, freilasse und der beim Hoehersteigen der
Sonne verschwinden werde. Im schlimmsten Falle, wenn er auch bliebe,
sei er nur eine wagrechte Schichte, die nicht hoeher stehe, als wo
der schwarze Stein liegt. Von dort hinab aber ist uns der Weg sehr
bekannt, wir muessen unsere eigenen Fussstapfen finden und koennen an
ihnen abwaerts gehen.

Kaspar, welcher mit dem Gebirgsleben sehr vertraut war, sah meine
Gruende ein und war beruhigt.

Waehrend wir standen und sprachen, fing sich an einer Stelle der Nebel
im Osten zu lichten an, die Schneefelder verfaerbten sich zu einer
schoeneren und anmutigeren Farbe, als das Bleigrau war, mit dem sie
bisher bedeckt gewesen waren, und in der lichten Stelle des Nebels
begann ein Punkt zu gluehen, der immer groesser wurde und endlich in
der Groesse eines Tellers schweben blieb, zwar truebrot, aber so innig
glimmend wie der feurigste Rubin. Die Sonne war es, die die niederen
Berge ueberwunden hatte und den Nebel durchbrannte. Immer roetlicher
wurde der Schnee, immer deutlicher, fast gruenlich seine Schatten, die
hohen Felsen zu unserer Rechten, die im Westen standen, spuerten auch
die sich naehernde Leuchte und roeteten sich. Sonst war nichts zu sehen
als der ungeheure, dunkle, ganz heitere Himmel ueber uns, und in der
einfachen grossen Flaeche, die die Natur hieher gelegt hatte, standen
nur die zwei Menschen, die da winzig genug sein mussten. Der Nebel fing
endlich an seiner aeussersten Grenze zu leuchten an wie geschmolzenes
Metall, der Himmel lichtete sich und die Sonne quoll wie blitzendes
Erz aus ihrer Umhuellung empor. Die Lichter schossen ploetzlich ueber den
Schnee zu unsern Fuessen und fingen sich an den Felsen. Der freudige Tag
war da.

Wir banden uns die Stricke um den Leib und liessen ein ziemlich langes
Stueck von der Leibbinde des einen zu der des andern gehen, damit, wenn
einer, da wir jetzt ueber eine sehr schiefe Flaeche zu gehen hatten,
gleiten sollte, er durch den andern gehalten wuerde. Im Sommer war
diese Flaeche mit vielen kleinen und scharfen Steinen bedeckt, daher
der Uebergang ueber sie viel leichter. Im Winter kannte man den Boden
nicht, und der Schnee konnte ins Gleiten geraten. Ohne Hilfe der
Schneereife, die hier, weil sie unbehilflich machten, nur gefaehrlich
werden konnten, gelangten wir mit angewandter Vorsicht gluecklich
hinueber, loesten die Stricke, bogen nach einer darauf erfolgten
mehrstuendigen Wanderung um die Felsen und standen an dem Gletscher und
auf dem ewigen Schnee.

Auf dem Eise, da wir nach uns sehr bekannten Richtungen auf demselben
vorschritten, zeigte sich beinahe mit Ruecksicht auf den Sommer gar
keine Veraenderung. Da auch im Sommer fast jeder Regen des Tales die
Hoehen entweder gar nicht trifft oder auf ihnen Schnee ist, so war es
jetzt auf dem Gletscher wie im Sommer, und wir schritten auf bekannten
Gebieten vorwaerts. Wo die Eismengen geborsten und zertruemmert
waren, hatte sie an ihren Oberflaechen der Schnee bedeckt, mit den
Seitenflaechen sahen sie gruenlich oder blaulich schillernd aus dem
allgemeinen Weiss hervor, weiter aufwaerts, wo die Gletscherwoelbung rein
dalag, war sie mit Schnee bedeckt. Der einzige Unterschied bestand,
dass jetzt keine einzige breite oder lange Eisstelle blossgelegt
in ihrer gruenlichen Farbe da stand, was doch zuweilen im Sommer
geschieht. Wir verweilten einige Zeit auf dem Eise und nahmen auf
demselben auch unser Mittagmahl, in Wein und Brod bestehend, ein.

Unter uns hatte sich aber indessen eine Veraenderung vorbereitet. Der
Nebel war nach und nach geschwunden, ein Teil der fernen oder der
naeheren Berge war nach dem andern sichtbar geworden, verschwunden,
wieder sichtbar geworden, und endlich stand Alles im Sonnenglanze ohne
ein Floeckchen Nebel, der wie ausgetilgt war, in sanfter Blaeue oder
wie in goldigem Schimmer oder wie im fernen, matten Silberglanze, in
tiefem Schweigen und unbeweglich da. Die Sonne strahlte einsam ohne
einer geselligen Wolke an dem Himmel. Die Kaelte war auch hier nicht
gross, geringer als ich sie im Tale beobachtet hatte, und nicht viel
groesser als sie auch zu Sommerszeiten auf diesen Hoehen ist.

Nachdem wir uns eine geraume Weile auf dem Eise aufgehalten hatten,
traten wir den Rueckweg an. Wir gelangten leicht an den gewoehnlichen
Ausgang des Gletschers, von wo aus man das Hinabgehen ueber die Berge
einleitet. Wir fanden unsere Fussstapfen, die in der ungetruebten
Oberflaeche des Schnees, da hierauf selten auch Tiere kommen, sehr
deutlich erkennbar waren, und gingen nach ihnen fort. Wir kamen
gluecklich ueber die schiefe Flaeche und langten gegen Abend in der
Ziegenalpe an. Es war hier schon zu dunkel, um noch etwas von der
Umgebung sehen zu koennen. Wir hielten in der Huette wieder unser warm
zubereitetes Abendmahl, waermten uns am Reste der Bank und erquickten
uns durch Schlaf. Der naechste Morgen war abermals klar, in den Taelern
lag wieder der Nebel. Da auch die Nacht vollkommen windstill gewesen
war, so hatten wir uns jetzt in Hinsicht unsers Rueckweges ueber die
Hochebene nicht zu sorgen. Unsere Fussstapfen standen vollkommen
unverwischt da, und ihnen konnten wir uns anvertrauen. Selbst da, wo
wir ratend gestanden waren und etwa den Alpenstock seitwaerts unseres
Standortes in den Schnee gestossen hatten, war die Spur noch voellig
sichtbar. Wir kamen frueher als wir gedacht hatten an dem schwarzen
Steine an. Dort hielten wir wieder unser Mittagmahl und gingen dann
unter dem sich immer mehr und mehr lichtenden Nebel, der uns aber hier
kein wesentliches Hindernis mehr machte, die steile Senkung der Berge
hinunter. Der an ihrem Fusse beobachtete Waermemesser zeigte wirklich
eine groessere Kaelte, als wir auf den Bergen gehabt hatten.

Am Nachmittage waren wir wieder in dem Seewirtshause.

Am andern Tage gingen wir in das Ahornhaus im Lauterthale. Alles
umringte uns und wollte unsere Erlebnisse wissen. Sie wunderten sich,
dass die Unternehmung so einfach gewesen sei, besonders aber, dass die
Kaelte, die schon im Sommer gegen die Waerme der Taeler so abstehe, im
Winter nicht ganz fuerchterlich soll gewesen sein. Kaspar war ein
wichtiger Mann geworden.

Ich aber war von dem, was ich oben gesehen und gefunden hatte,
vollkommen erfuellt. Die tiefe Empfindung, welche jetzt immer in meinem
Herzen war und welche mich angetrieben hatte, im Winter die Hoehen der
Berge zu suchen, hatte mich nicht getaeuscht. Ein erhabenes Gefuehl war
in meine Seele gekommen, fast so erhaben wie meine Liebe zu Natalien.
Ja, diese Liebe wurde durch das Gefuehl noch gehoben und veredelt, und
mit Andacht gegen Gott, den Herrn, der so viel Schoenes geschaffen
und uns so gluecklich gemacht hat, entschlief ich, als ich wieder zum
ersten Male in meinem Bette in der wohnlichen Stube des Ahornhauses
ruhte.

Es hat mich nicht gereut, dass ich noch die Weihe dieser Unternehmung
auf mich genommen hatte, ehe ich zu meinem Gastfreunde ging, um ihm
meinen Winterbesuch zu machen.

Ich hielt mich nur noch so lange in dem Lauterthale auf, um noch die
bedeutendsten Stellen desselben im Winterschmucke zu sehen und um die
Einleitung zu treffen, dass dem Eigentuemer der Ziegenalpe die Bank, die
wir verbrannt hatten, ersetzt wuerde. Dann fuhr ich in einem Schlitten
in der Richtung nach dem Asperhofe hinaus. Kaspar hatte recht herzlich
von mir Abschied genommen, er war mir durch diese Unternehmung noch
mehr befreundet geworden, als er es frueher gewesen war.

Die groessere Waerme in den oberen Teilen der Luft, welche nur ein
Verbote des beginnenden Suedwindes gewesen war, hatte sich nun voellig
geltend gemacht, der Suedwind war in den Hoehen eingetreten, obwohl es
in der Tiefe noch kalt war, Wolken hatten die Berge umhuellt, zogen
ueber die Laender hinaus und schuettelten Regen herab, der in Gestalt von
Eiskoernern unten ankam und mir um das Haupt und die Wangen prasselte,
als ich in dem Asperhofe eintraf.

Die Pferde und der Schlitten wurden in den Meierhof gebracht, ich ging
zu meinem Gastfreunde. Er sass in seinem Arbeitszimmer und ordnete
Pergamentblaetter, von denen er einen grossen Stoss vor sich hatte. Ich
begruesste ihn, und er empfing mich wie immer gleich freundlich.

Ich sagte ihm, dass ich seit meiner letzten Anwesenheit im Asperhofe
fast immer gereist sei. Erst haette ich noch das Kargrat besucht,
weil ich dort zu ordnen gehabt haette, dann sei ich zu meinen Eltern
gegangen, hierauf habe ich mit meinem Vater einen Besuch in seiner
Heimat gemacht, dann sei ich mit meiner Schwester auf eine Zeit,
um ihr ein Vergnuegen zu bereiten, in das Hochgebirge gefahren, als
hierauf der Winter gekommen sei, habe ich die Echerngletscher besucht,
und nun sei ich hier.

"Ihr seid wie immer herzlich willkommen", sagte er, "bleibt bei uns,
so lange es euch gefaellt, und seht unser Haus wie das eurer Eltern
an."

"Ich danke euch, ich danke euch sehr", erwiderte ich.

Er zog an der Klingel zu seinen Fuessen, und die alte Katharina kam
herauf. Er befahl ihr, meine Zimmer zu heizen, dass ich sie sehr bald
benutzen koenne.

"Es ist schon geschehen", antwortete sie. "Als wir den jungen Herrn
hereinfahren sahen, liess ich durch Ludmilla gleich heizen, es brennt
schon; aber ein wenig gelueftet muss noch werden, neue Ueberzuege muessen
kommen, der Staub muss abgewischt werden, ihr muesst euch schon ein wenig
gedulden."

"Es ist gut und recht", sagte mein Gastfreund, "sorge nur, dass alles
wohnlich sei."

"Es wird schon werden", antwortete Katharina und verliess das Zimmer.

"Ihr koennt, wenn ihr wollt", sagte er dann zu mir, "indessen, bis eure
Wohnung in Ordnung ist, mit mir zu Eustach hinueber gehen und sehen,
was eben gearbeitet wird. Wir koennen hiebei auch bei Gustav anklopfen
und ihm sagen, dass ihr gekommen seid."


Ich nahm den Vorschlag an. Er zog eine Art Ueberrock ueber seine
Kleider, die beinahe wie im Sommer waren, an, und wir gingen aus dem
Zimmer. Wir begaben uns zuerst zu Gustav, und ich begruesste ihn. Er
flog an mein Herz, und sein Ziehvater sagte ihm, er duerfe uns in
das Schreinerhaus begleiten. Er nahm gar kein Ueberkleid, sondern
verwechselte nur seinen Zimmerrock mit einem etwas waermeren und war
bereit, uns zu folgen. Wir gingen ueber die gemeinschaftliche Treppe
hinab, und als wir unten angekommen waren, sah ich, dass mein
Gastfreund auch heute an dem unfreundlichen Wintertage barhaeuptig
ging. Gustav hatte eine ganz leichte Kappe auf dem Haupte. Wir gingen
ueber den Sandplatz dem Gebuesche zu. Die Eiskoerner, welche eine
bereifte, weisse und rauhe Gestalt hatten, mischten sich mit den weissen
Haaren meines Freundes und sprangen auf seinem zwar nicht leichten,
aber noch nicht fuer eine strenge Winterkaelte eingerichteten Ueberrocke.
Die Baeume des Gartens, die uns nahe standen, seufzten in dem Winde,
der von den Hoehen immer mehr gegen die Niederungen herab kam und
an Heftigkeit mit jeder Stunde wuchs. So gelangten wir gegen das
Schreinerhaus. Wie bei meiner ersten Annaeherung stieg auch heute ein
leichter Rauch aus demselben empor, aber er ging nicht wie damals in
einer geraden luftigen Saeule in die Hoehe, sondern wie er die Mauern
des Schornsteins verliess, wurde er von dem Winde genommen, in
Flatterzeug verwandelt und nach verschiedenen Richtungen gerissen.
Auch waren nicht die gruenen Wipfel da, an denen er damals empor
gestiegen war, sondern die nackten Aeste mit den feinen Ruten der
Zweige standen empor und neigten sich im Winde ueber das Haus herueber.
Auf dem Dache desselben lag der Schnee. Von Toenen konnten wir bei
dieser Annaeherung aus dem Innern nichts hoeren, weil aussen das Sausen
des Windes um uns war.

Da wir eingetreten waren, kam uns Eustach entgegen, und er gruesste mich
noch freundlicher und herzlicher, als er es sonst immer getan hatte.
Ich bemerkte, dass um zwei Arbeiter mehr als gewoehnlich in dem Hause
beschaeftigt waren. Es musste also viele oder dringende Arbeit geben.
Die Waerme gegen den Wind draussen empfing uns angenehm und wohnlich
im Hause. Eustach geleitete uns durch die Werkstube in sein Gemach.
Ich sagte ihm, dass ich gekommen sei, um auch einen kleinen Teil des
Winters in dem Asperhofe zu bleiben, den ich in demselben nie gesehen
und den ich nur meistens in der Stadt verlebt habe, wo seine Wesenheit
durch die vielen Haeuser und durch die vielen Anstalten gegen ihn
gebrochen werde.

"Bei uns koennt ihr ihn in seiner voelligen Gestalt sehen", sagte
Eustach, "und er ist immer schoen, selbst dann noch, wann er seine Art
so weit verleugnet, dass er mit warmen Winden, blaugeballten Wolken und
Regenguessen ueber die schneelose Gegend daher faehrt. So weit vergisst er
sich bei uns nie, dass er in ein Afterbild des Sommers, wie zuweilen in
suedlichen Laendern, verfaellt und warme Sommertage und allerlei Gruen zum
Vorschein bringt. Dann waere er freilich nicht auszuhalten."

Ich erzaehlte ihm von meinem Besuche auf dem Echerngletscher und sagte,
dass ich doch auch schon manchen schoenen und stuermischen Wintertag im
Freien und ferne von der grossen Stadt zugebracht habe.

Hierauf zeigte er mir Zeichnungen, welche zu den frueheren neu hinzu
gekommen waren, und zeigte mir Grund- und Aufrisse und andere Plaene
zu den Werken, an denen eben gearbeitet werde. Unter den Zeichnungen
befanden sich schon einige, die nach Gegenstaenden in der Kirche von
Klam genommen worden waren, und unter den Plaenen befanden sich viele,
die zu den Ausbesserungen gehoerten, die mein Gastfreund in der Kirche
vornehmen liess, welche ich mit ihm besucht hatte.

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Perfumes: the Guide – a portal to a whole new art

Michelle Magorian scooped the 2008 Costa Children's Book Award with Just Henry, a huge 700-page book that made me cry. Not many authors can do that but Magorian handles dangerously emotional stuff and pulls it off without slipping into mawkish sentimentality. Hence tears.

The same quality marked out Goodnight Mister Tom, her first novel, which won the 1980 Guardian children's book prize and has been read by every child in year 6 and many others both younger and older – rightly so – ever since. Goodnight Mister Tom is avowedly weepy. Only the hardest heart could remain unmoved. I once met a child who'd sticky-taped three pages together because they made her cry too much – I'm sure everyone who's read the book will know which three.

In Goodnight Mister Tom, Magorian had the external drama of the second world war as an emotional backdrop: put simply, there was a lot to weep over. In Just Henry, however, the setting is 1949 and there should be – and is – a feeling of optimism and hope. It is a period that's rarely used in fiction but Just Henry reveals it to be one that's worth exploring. The effect of the war is still being felt in the social changes it brought about. Life didn't just "slip back": few families were lucky enough to remain unaffected. Fathers were lost or altered; mothers found themselves raising families alone, or having to return abruptly to a subordinate role; children were forced to make adjustments either way.

In her big, bold novel, knitted together with more mysteries and coincidences than are credible, Magorian wonderfully captures that uncertainty and shows children's ability to move forward and embrace change far faster than their parents or grandparents. Lest this realism and the solving of the mysteries is too mundane, Michelle adds an extra layer of emotion by weaving in the stories of film stars from the movies of the day. For once, the current fashion of long, long, long books is justified. Just Henry is a wallowing great read. Just don't forget your hanky.

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Charlotte Higgins: The Diary's favourite holiday-season pastime was smelling perfumes

Leona Lewis will soon join the ranks of Winston Churchill, Helen Keller and Gandhi by writing an autobiography. The chart-topping singer has signed a contract with publishers Hodder & Stoughton, with the aim to release the book in October.

Since winning the 2006 season of The X Factor, Lewis has broken sales records, serenaded Mandela and performed at the Beijing Olympics with Jimmy Page. The book will include over 100 new photographs, suggesting that pictures – and not meticulous prose - will be the means by which Lewis tells her tale.

"The last two years have been an unbelievable experience for me," she said in a statement. "So to have it documented in pictures and to be able to tell people in my own words how it feels means a lot to me." Dean Freeman, who worked on David Beckham's autobiography, has been hired to take new photographs of the 23-year-old – of Lewis hunched over a typewriter perhaps, or thumbing through the Oxford English Dictionary.

"This will be the first time Leona tells her story of how the X Factor launched her from waitressing in Pizza Hut in Hackney to stardom on both sides of the Atlantic," raved Fenella Bates, Lewis's editor at Hodder & Stoughton. "It is a real-life fairytale and every girl's dream."

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Charlotte Higgins: Bennett, Burnham and the Booker

The Diary's favourite holiday-season pastime was smelling perfumes, inspired by its favourite holiday-season book: the virtuosic Perfumes: the Guide, by Luca Turin and Tania Sanchez, which offers a critical analysis of 1,500 fragrances. Do not scoff: this is a branch of aesthetics as worthy as any other, and Turin and Sanchez's prose is a delight, with scents related to the orchestration of Ravel or to Bruckner symphonies.

In its haunting of London's perfumery halls, the Diary ran across novelist Philip Hensher, buying Margaret Thatcher's favourite scent Mitsouko, and Sandy Nairne, director of the National Portrait Gallery, who wears Creed's Bois du Portugal. Mitsouko is Turin's favourite perfume. However, he is scathing of Bois du Portugal: "Close in intent but not in richness or quality to de Nicolaï's divine New York, which is at once cheaper and vastly better."

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