Papa Hamlet by Arno Holz and Johannes Schlaf
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Arno Holz and Johannes Schlaf >> Papa Hamlet
I
Was? Das war Niels Thienwiebel? Niels Thienwiebel, der grosse,
unubertroffene Hamlet aus Trondhjem? Ich esse Luft und werde mit
Versprechungen gestopft? Man kann Kapaunen nicht besser masten?...
"He! Horatio!"
"Gleich! Gleich, Nielchen! Wo brennt's denn? Soll ich auch die
Skatkarten mitbringen?"
"N...nein! Das heisst..."
--"Donnerwetter noch mal! Das, das ist ja eine, eine--Badewanne!"
Der arme kleine Ole Nissen ware in einem Haar uber sie gestolpert.
Er hatte eben die Kuche passiert und suchte jetzt auf allen vieren
nach seinem blauen Pincenez herum, das ihm wieder in der Eile von
der Nase gefallen war.
"Ha? Was? Was sagste nu?!"
"Was denn, Nielchen? Was denn?
"Schafskopp!"
"Aber Thiiienwiebel!"
"Amalie?! Ich..."
"Ai! Kieke da! Also doss!"
"Ha?! Was?! Famoser Schlingel! Mein Schlingel! Mein Schlingel,
Amalie! Ha! Was?"
Amalie lachelte. Etwas abgespannt.
"Ein Prachtkerl!"
"Ein Teufelsbraten! Mein Teufelsbraten! Mein Teufelsbraten! Ha!
Was, Amalie? Mein Teufelsbraten!"
Amalie nickte. Etwas mude.
"Ja doch, Herr Thienwiebel! Ja doch!"
Aber Frau Wachtel muhte sich vergeblich ab. Herr Thienwiebel,
der grosse, unubertroffene Hamlet aus Trondhjem, wollte seinen
Teufelsbraten nicht wieder loslassen.
"Ha, oller junge? Ha?"
"In der Tat, Nielchen! In der Tat, ein... ein... Prachtinstitut!
Ein Prachtinstitut!"
"Hoo, hoo, hoo, hopp!! Hoo, hoo, hoo, hopp Bumm!!!"
Der grosse Thienwiebel schwelgte vor Wonne. Er hatte sich jetzt
sogar auf ein Bein gestellt. Hinten aus seinem karierten Schlafrock
klunkerten die Wattenstucken.
"Aber Thiiienwiebel!"--
II
"Sein oder Nichtsein, das ist hier die Frage: Ob's edler im
Gemut, die Pfeil' und Schleudern Des wutenden Geschicks erdulden,
oder...oder?... Scheusslich! Der grosse Thienwiebel hielt wieder
inne.
"Nicht zum Aushalten das! Nicht zum Aushalten!!"
Die funf kleinen gelben Lappen hinter dem Ofen die dort an einer
Waschleine zum Trocknen aufgehangt waren, hatten ihn wieder total
aus dem Konzept gebracht,
"Ekelhaft!"
Er hatte sich jetzt, die Hande in seinen Schlafrocktaschen vergraben,
erbittert vor das Fenster aufgepflanzt.
Der Himmel druben uber den Dachern war tiefblau; in den nassen
Dachrinnen, von denen noch gerade der letzte Schnee tropfte, zankten
sich bereits die Spatzen; es war ein prachtvolles Wetter zum Ausgehn.
"Armer Yorick!"
Noch um eine Nuance verdusterter hatte sich jetzt der grosse
Thienwiebel wieder rucklings uber das kleine, niedrige, mit blauem
Kattun uberspannte Sofa geworfen und starrte nun uber die Spitzen
seiner grunen, ausgetretenen Pantoffeln weg melancholisch zu Amalien
hinuber.
Ihre dunnen lehmfarbenen Haare waren noch nicht gemacht, ihre Nachtjacke
schien heute schmutziger als sonst und stand vorn naturlich wieder
offen; der kleine rote Spiessburger, den sie, auf ihr Fussbankchen
gekauert, nachlassig aus einem Gummischlauch saugte, sah auf einmal
hasslich aus wie ein kleiner Frosch.
"Armer Yorick!"
Herr Thienwiebel hatte sich seufzend erhoben und setzte jetzt seine
Wanderung von vorhin wieder fort.
"...oder? oder... Sich waffend gegen eine See von Plagen, Durch
Widerstand sie enden. --Sterben--schlafen--Nichts weiter!--"
Vor dem Fenster konnte er sich jetzt wieder nicht versagen, eine
kleine Pause zu machen.
Die Sonne draussen ging gerade unter. Die Dacher sahen fuchsrot
aus. Aber ein Blick auf seinen alten, abgenutzten Schlafrock unten
liess ihn sich wieder zusammennehmen und seinen Monolog von neuem
beginnen.
"Sein oder Nichtsein, das ist hier die Frage: Ob's edler im Gemut
Ae, Quatsch!!"
Mit einem Ruck war jetzt der Shakespeare, den er sich eben aus
seiner Schlafrocktasche gerissen, auf den Tisch geflogen, wo er
die Gesellschaft einer Spirituskochmaschine, eines braunirdenen
Milchtopfs ohne Henkel, eines alten, berussten Handtuchs,
einer Glaslampe und einer Photographie des grossen Thienwiebel in
Morarahrnen vorfand.
"He! Horatio! Horatio!!... Nicht zu Hause! Nicht zu Hause..."
Total vernichtet hatte er sich jetzt wieder auf das Sofa
zuruckgeschleudert und vertiefte sich nun in den tragischen Anblick
eines schmutzigen Kinderhemdchens, das neben einer geplatzten
Schachtel schwedischer Zundholzchen vor ihm unten auf dem Fussboden
lag.
"Verwunscht! Wenn man wenigstens mal ausgehn konnte, Amalie! Aber
ich furchte...ich furchte...die Welt ist nicht vorurteilsfrei genug,
um einen Niels Thienwiebel im Schlafrock und Zylinder unbehelligt
seines Weges dahingehn zu lassen!"
Aber Amalie antwortete nicht einmal. Der kleine Krebsrote nahm
ihre ganze Aufmerksamkeit in Anspruch. Sein Lutschen zog jetzt den
ganzen Schlauch zusammen.
"Ja! Es ist so! Es ist so, Amalie! Aber sie schreiben mir noch
immer nicht! Sie haben da Leute, Leute--Leute? Pah! Stump'rr! 0
Schmach, die Unwert schweigendem Verdienst erweist!"
jetzt hatte Amalie, die dies Thema bereits kannte, etwas aufgesehn.
"Ja...es ware am Ende doch gut, wenn du einmal ..."
Ihre Stimme klang heiser, belegt.
"Ja, so wird es kommen! Vielleicht...bei meiner Schwachheit und
Melancholie..."
Der kleine Krebsrote schmatzte! Seine Flasche war jetzt so gut wie
leer.
"Ich werde selbst hingehn mussen und furliebnehmen mit dem, was
man mir anzubieten wagt! Das Leben ist brutal, Amalie! Verflucht!
Wenn man wenigstens einen Rock zum Ausgehen hatte!"
Sein Tenor war jetzt ubergeschnappt, er hatte sich wieder lang uber
das Sofa zuruckgeeselt.
Grosse Pause...
Die Dacher draussen hatten sich allmahlich braun gefarbt. Die Sonne
an dem grossen runden Schornstein druben war verblichen.
Frau Thienwiebel fing jetzt hinten in ihrer Ecke zu husten an.
"Herr Gott, Niels! Ich muss ja inhalieren! Da, nimm doch mal das
Kind!"
"Naturlich! Auch noch Kinderfrau! Oh, Ich reisse Possen wie kein
andrer! Was kann ein Mensch auch andres tun als lustig sein? Still,
Krabbe!! " Der kleine Krebsrote schwieg wieder. Er war noch nie so
verblufft gewesen.
"Da! Nimm's! Kau's! Friss! Verschluck's!"
Der grosse Thienwiebel hatte es jetzt sogar uber sich gewonnen,
seinem ungeratnen Sprossling auch den Schnuller in den Mund zu
stopfen. Mehr war unmoglich zu verlangen!
Amalie hatte unterdessen die Ofenrohre aufgemacht und entnahm ihr
jetzt einen kleinen, grunglasierten Kochtopf. Ein nach Salbei
duftender Brodem entstieg ihm. Nachdem sie dann noch das kleine
Geschirr neben den Ofen auf einen Stuhl und sich selbst auf die
Fussbank davor gesetzt hatte, machte sie jetzt ihren Mund auf und
atmete das heisse Zeug langsam ein.
Der grosse Thienwiebel, der sich unterdes mit seinem impertinenten
kleinen Krebsroten auf die Tischkante placiert hatte, sah ihr
nachdenklich zu.
"Hm! Weisst du, Amalie?
"Hm??"
"Weisst du? Wir haben eigentlich eine ganz falsche Methode, das
Kind zu nahren, Amalie!"
"Ach was!"
"Ich sage, eine Methode! Eine verkehrte Methode, Amalie!"
"Aber..."
"Verlass dich drauf! Eine unnaturliche, Amalie!"
"Ja, du lieber Gott..."
"Eine unnaturliche...Wir sollten das Kind nicht mit der Flasche
tranken!"
"Nich? Na, womit denn sonst?"
"Du selbst solltest es eben tranken!"
"Ich?"
"Gewiss, Amalie!"
"Ach lieber Gott! Ich! Selbst!".
"Nun! Warum nicht?"
"Ich?? Bei meiner schwachen, kranken Brust jetzt?"
"Ach was! Das bildest du dir ja nur ein, Amalie! Ich sage die, du
bist vollig gesund. Du bist vollig gesund, sag ich!...Ubrigens:
Ein Kind kann ein fur allemal nur dann gedeihen, wenn es die Mutter
selbst saugt!"
Herr Thienwiebel war jetzt ganz eifrig geworden. Seine Langeweile
von vorhin schien er vollig vergessen zu haben. Er schien es sogar
nicht bemerkt zu haben, dass dem kleinen zappelnden Wurm auf seinen
Knien der Schnuller wieder heruntergekullert war.
"Verlass dich drauf, Amalie! Ich sage, die naturlichste Methode
ist immer die beste! Denk doch mal: was sollten denn sonst die
Negerweiber anfangen! Sie haben keine Flaschen! Sie nahren ihre
Kinder selbst, siehst du...und,und--nun ja! Und sie gedeihen dabei!
Gedeihen! Na?"
"Ja, Niels, aber ich bin doch kein Negerweib!"
Der grosse Thienwiebel lachelte uberlegen.
"Ja nun, du musst...hehe! Du musst mich eben verstehn, Amalie! He!"
Amalie hatte sich wieder tief uber ihren Salbeitopf gebuckt.
"Ich wollte dir damit eben nur durch ein...ein...nun sagen
wir durch ein Beispiel, andeuten, dass das Naturlichste immer das
Vernunftigste ist. Ich sehe eben durchaus nicht ein, warum die
Negerweiber etwas vor uns voraushaben sollten!"
"Aber sie sind gesund!"
"Ach was! Das bildest du dir ja nur ein, Amalie, dass du krank
bist!"
"Ich?"
"Allerdings, Amalie! Ich behaupte..."
Amalie war jetzt ein wenig ungeduldig geworden.
"Ach was! Lass lieber das Kind nicht so schrein!"
"Auch das ist wieder nur so ein Vorurteil von dir, Amalie! Was schadet
das! Ich habe gelesen, es ist nichts gesunder! Die Lungen weiten
sich dabei! Aber -- e...wie gesagt! Du solltest das Kind selbst
tranken! Die heutige Kultur freilich, die Kultur der europaischen
Welt..."
Die Kultur uberging Amalie. Sie hielt sich nur an die Ermahnungen,
die sie nun schon so oft zu horen bekommen hatte.
"So! So! Jawoll doch! Gewiss! Bei unserm Leben! Den ganzen Tag lebt
man von Kaffee und Butterbrot! Ich mochte wissen, wie das arme Wurm
dabei gedeihen sollte!"
"Ha! Zu leben im Schweiss und Brodem eines eklen Betts, gebruht in
Faulnis, buhlend und sich paarend uber dem garst'gen Nest! Nicht
wahr? Du willst damit sagen, dass ich an unsrer Lage schuld bin,
Amalie!"
"Na! Etwa ich?"
"Weib!!"
"Moi'n!"
Die Tur, an der es schon eine ganze Weile vergeblich geklopft
hatte, wurde in diesem Augenblick weit aufgestossen, und herein,
in seinem ewigen Havelock, der vor Zeiten wahrscheinlich einmal
hechtgrau gewesen war, den ungeheuren schwarzen Schlapphut tief
in das kleine fidele, blasse Gesichtchen gedruckt, tanzelte jetzt
der kleine Ole Nissen.
"Moi'n! Also lasst euch nicht storen, Kinder! Bitte, bitte! Keine
Umstande, Nielchen! Keine Umstande! Weiss schon! Probiert 'ne neue
Szene ein! Also, wie gesagt ... Donnerwetter! Ist das Biest hart!"
Er hatte sich eben mitten auf das kleine Kattun'ne plumpsen lassen
und dabei wieder in einem Haar seine Agypter verloren, die er schief
zwischen die Zahne geklemmt hielt.
"Also, wie gesagt! Laufe da eben ganz trubselig den Hafendamm
runter. Ha? Und wer begegnet mir da? Der Kanalinspektor! Na, wer
denn sonst? Der Kanalinspektor naturlich! Nobel verheiratet, Villa
in Bratsberg, no! etc. pp. Konnt euch ja denken! Schleift mich
also naturlich sofort zu Hiddersen und lasst vorfahren... Na, oller
Junge? Wie geht's?... Faul! sag ich also naturlich. Faul!...Hm!
Weisste was? KKonntest eigentlich meine Alte portratieren!...Hm!
Mit Jenuss, Kind! Mit Jenuss! Aber--e...Farben, siehst du--he,
Leinwand, Rahmen also...Ha! Was? Nobles Putthuhn!!"
Ole Nissen liess jetzt die schonen, noblen Kronen in seinen Taschen
nur so klimpern.
"Frau Wach-tel! Frau Wachtell!! Frau Wach-tellll!!!"
Das Haus Thienwiebel schwamm wieder in Wonne. Sein Krach war wieder
auf eine Weile verschoben.
"Ha! Und dies? Ist das Butter? Und dies? Ha? Ist das Schinken? Ha?
Und dies? Ha? Platz fur das Silberzeug! Silentium!!"
Der kleine Ole war heute wieder ganz aus dem Hauschen...
Nachdem das "Silberzeug" dann endlich abgeraumt und die Punschbowle
zu zwei Dritteln bereits geleert war, musste Frau Wachtel sogar
noch die Skatkarten "ranschleifen". Es war einfach herrlich! Der
grosse Thienwiebel hatte seinen turkischen Fez auf, Ole Nissen bot
seine Agypter sogar galant der alten Madame Wachtel an, die sich
aber emport von ihnen wieder in ihre Kuche zuruckfluchtete, Amalie
rauchte tapfer mit. Ihre alten Opheliajahre waren wieder lebendig
in ihr geworden.
"Ach, Thienwiebel! Niels!! Geliebter!!!"
Der grosse Thienwiebel stand da und weinte.
"Bin ich 'ne Memm'?--Ha! Rauft mir den Bart und werft ihn mir ins
Antlitz! Nein, reizende Ophelial Nein! Weine nicht! Mein Schicksal
ruft und macht die kleinste Ader meines Leibes so fest als Sehnen
des Nemeerlowen!... Was, alter Jephta?...Nein, glaube nicht,
dassich dir schmeichle! Was fur Befordrung hoff ich wohl von dir,
der keine Rent' als seinen muntren Geist, um sich zu nahren und zu
kleiden hat!"
Seine Stimme brach ab, die Hand, die er ihm auf die Schulter gelegt
hatte, zitterte.--
Zuletzt, als die alte Glaslampe nur noch wie eine kleine Olfunzel
brannte und die prachtvollen Agypter um ihre grune Glocke einen
schonen, silbergrauen, fingerdicken Nebelring gelegt hatten, wurde
auch der kleine Ole Nissen geruhrt.
Er hatte sich nach und nach zu der reizenden Ophelia auf das
kleine, blaue Kattunuberzogene gedrangt und titulierte sie nur
noch "Miezchen". Jetzt hatte er endlich auch ihre Hande zu fassen
bekommen und bedeckte sie nun mit seinen Kussen.
Der grosse Thienwiebel erhob keine Einsprache. Er hatte segnend seine
Hande uber sie gebreitet und konnte sein Herz nur noch stammelnd
ausschutten.
"Der Kreis hier weiss, ihr hortet's auch gewiss, wie ich mit schwerem
Trubsinn bin geplagt!"
Der kleine Krebsrote hinten in seiner Ecke hatte unterdessen seine
Not mit sich gehabt. Schon verschiedene Male hatte er sich in den
Schlaf geweint. Jetzt aber war er wieder aufgewacht und konnte
absolut nicht mehr seinen Gummipfropfen finden. Die reizende Ophelia
horte ihn nicht. Sie war langst in ihrer Sofaecke eingeschlafen.
Er schrie jetzt, als ob er am Spiesse stak.
Der grosse Thienwiebel hatte naturlich erst recht keine Zeit fur
den Schurken. Er hatte den kleinen Ole Nissen, der jetzt kaum noch
seine kleinen, wasserblauen Augen aufhalten konnte, vorn an seinem
Rockkragen zu packen bekommen und deklamierte nur wieder:
"Er ist eine Elster, Horatio! Eine Elster! Aber, wie ich dir sagte,
mit weitlaufigen Besitzungen von--Kot gesegnet!"
III
Es war nicht anders! Aber er hegte Taubenmut, der grosse Thienwiebel,
ihm fehlte es an Galle...
Er hatte seit kurzem--er wusste nicht wodurch?--all seine Munterkeit
eingebusst, seine gewohnten Ubungen aufgegeben, und es stand in der
Tat so ubel um seine Gemutslage, dass die Erde, dieser treffliche
Bau, ihm nur ein kahles Vorgebirge schien. Dieser herrliche Baldachin,
die Luft, dieses majestatische Dach mit goldnem Feuer ausgelegt:
kam es ihm doch nicht anders vor als ein fauler, verpesteter Haufe
von Dunsten. Welch ein Meisterwerk war der Mensch! Wie edel durch
Vernunft! Wie unbegrenzt an Fahigkeiten! In Gestalt und Bewegung
wie bedeutend und wunderwurdig im Handeln, wie ahnlich einem Engel;
im Begreifen, wie ahnlich einem Gotte; die Zierde der Welt! Das
Vorbild der Lebendigen! Und doch: was war ihm diese Quintessenz
vom Staube? Er hatte keine Lust am Manne--und am Weibe auch nicht.
Die Zeit war aus den Fugen! War es zu glauben? Aber-e-man hatte
ihm noch immer nicht geschrieben. Man war undankbar in Christiania.
Armer Yorick!
Sterben, schlafen...vielleicht auch traumen?
Einstweilen jedoch hatte es allen Anschein, als ob gewisse
Rucksichten das Elend des armen Yorick noch zu hohen Jahren kommen
lassen wollten. Jedenfalls wenigstens durften jetzt die naseweisen
Aktschuler unten in der Akademie den grossen unubertrefflichen
Hamlet aus Trondhjem schon seit vollen vierzehn Tagen in den schonen,
langen Vormittagsstunden als sterbenden Krieger kopieren. Das war
freilich eine Entwurdigung, aber sie brachte Geld ein. Nur genugte
es leider noch nicht.
Wenn der "arme Yorick" jetzt mittags nach Hause kam und sich
mit einem Appetit, als hatte er eben vierundzwanzig Stunden lang
ohne aufzusehn Eichenkloben zerkleinert, uber die grosse Schussel
hersturzte, die ihm die reizende Ophelia schon vorsorglich verdeckt,
der Photographie des grossen Thienwiebel grade gegenuber, auf den
Tisch gestellt hatte, fand sich meist nur eine etwas grun angelaufene,
dunne Kartoffelsuppe drin vor, in der hochstens hie und da noch ein
paar kleine, kohlschwarze Speckstuckchen schwammen. Armer Yorick!...
Amalie schien schon seit undenklichen Zeiten ihre Nachtjacke nicht
mehr in die Waschwanne gesteckt zu haben. Wozu auch grosse Toilette
machen? Man war ja zu Hause.
"Nicht wahr, Thienwiebel?"
Der grosse Thienwiebel hielt es fur unter seiner Wurde zu antworten.
Er hatte sich eben wieder in seinen alten, bequemen Schlafrock
geworfen, aus dem die Watte freilich, ihrer nur noch geringen
Quantitat halber, nicht mehr recht klunkern konnte.
Seinen William aufgeklappt, hatte er sich jetzt wieder tiefsinnig
rucklings uber das kleine Blaukattunene geworfen.
"Oh, schmolze doch dies allzu feste Fleisch,
Zerging' und lost' in einen Tau sich auf!
Oder hatte nicht der Ew'ge sein Gebot
Gerichtet gegen Selbstmord! 0 Gott! o Gott! Wie
ekel, schal und flach und unerspriesslich Scheint
mir das ganze Treiben dieser Welt!
Pfui! Pfui daruber!"
Amalie, die sich wieder auf ihre kleine, mollige Fussbank neben
den Ofen gesetzt und eben ihre Schmalzstulle in den Kaffee gestippt
hatte, sah jetzt etwas verwundert in die Hohe. Als aber der "arme
Yorick" dann nicht mehr weiterlas und, seinen William zugeklappt,
sich jetzt sogar, ganz wider seine sonstige Gewohnheit, mit dem
Kopfe gegen die Wand gedreht hatte, wurde ihr denn doch ein wenig
unbehaglich zumut.
Eine Weile noch uberlegte sie; dann aber, endlich, hatte sie sich
entschieden. Ihre Stimme klang noch klaglicher als sonst.
"Ich will nahen gehn, Niels."
"Nein, Amalie! Niemals! Niemals! Das werde ich nie dulden! Das ware
eine unverzeihliche Vernachlassigung deiner heiligsten Mutterpflichten!"
Er war wieder emport aufgesprungen.
"Nein, Amalie! Nie! Niemals!...Solang Gedachtnis haust in
dem...zerstorten Ball hier!"
Er hatte sich melodramatisch vor die Stirn gestossen. Amalie fuhlte
sich wieder beruhigt und biss jetzt herzhaft in ihre Schmalzstulle...
"Herein?"
Es war Frau Wachtel. Sie brachte wieder die Milch fur den Kleinen.
Der grosse Thienwiebel hatte es sich nicht versagen konnen, ihn
auf den Namen Fortinbras taufen zu lassen.
"Na, Dickerchen? Langweilste dich? Oh, mein Mauseken! Oh!"
Sie fand namlich, dass Amalie ihren heiligsten Mutterpflichten etwas
nachlassig oblag, und gestattete sich ofters eine kleine Kontrolle.
Frau Rosine Wachtel war namlich im Besitze eines guten Herzens. Und
das musste wahr sein, denn sie sagte es selbst und vergoss jedesmal
Tranen dabei. Indessen war ihr dieser Besitz noch nicht allzu
gefahrlich geworden. Denn es war ihr noch niemand durchgebrannt,
und sie war noch immer zu ihrem Geld gekommen; und das war oft
ein Stuck Arbeit gewesen. Frau Rosine Wachtel konnte das jeden
versichern...
"Ach, du Wurmeken! Ach, mein Puttekent Hab'n se dir so in'n Korb
jestochen!"
Die gute Frau Wachtel war ganz geruhrt. Aber plotzlich, aus irgendeinem
Grunde, wahrscheinlich weil draussen auf dem Flur eben jemand die
Treppe heraufzukommen schien, hielt sie es jetzt doch fur besser,
sich schnell noch mal nach ihrer Kuche umzusehn...
Der grosse Thienwiebel, der etwas ungeduldig gewartet hatte, bis
ihr runder, trivialer Rucken endlich hinter der Tur verschwunden
war, weil er wieder etwas wie einen Monolog in sich verspurte, war
jetzt tragisch auf das kleine runde Spiegelchen uber der Kommode
zugetreten, aus dem ihm nun sein schoner, edelgeformter Apollokopf
melancholisch zunickte.
"Armer Freund! Wie ist dein Gesicht betroddelt, seit ich dich
zuletzt sah!"
Amalie bekummerte sich nicht mehr um ihn. Sie kannte ihren grossen
Gatten.
"Armer Freund!"
War das sein Haar? Sein schones, beruhmtes, blauschwarzes Haar? Eine
grausame Natur der Dinge hatte ihm nun schon seit Wochen verwehrt,
es sich brennen zu lassen. In die Stirn, in diese erhabene Wolbung
majestatischer Gedanken, fiel es ihm nun in Strahnen, dick und
feist, wie sie selber, diese schale, engbrustige Zeit.
"Armer Freund!"
Nachdem er sich so zu der erhabenen Mission, die ihm vorschwebte,
genugend prapariert zu haben glaubte, drehte er sich jetzt gemessen
nach dem kleinen, gelben Korb um, der dicht neben dem Bett quer
uber zwei Stuhle gestellt war.
"Armes kleines Menschenkind! Welch boser Stern verdammte dich in
dieses Elend!"
Das arme kleine Menschenkind zappelte ihn an und lachte.
"Aber still! Still! Ich will alles einsetzen! Ich will meine ganze
Kraft einsetzen! Ich werde arbeiten, Freund! Ich werde arbeiten!
Ich werde dem Schicksal die Stirn bieten; ich werde ihm ab trotzen,
dass du in dieser herben Welt dereinst jene Stellung einnimmst,
die deinen Talenten gebuhrt...ja! So macht Gewissen Feige aus uns
allen. Der angebornen Farbe der Entschliessung wird des Gedankens
Blasse angekrankelt; und Unternehmungen voll Mark und Nachdruck,
durch diese Rucksicht aus der Bahn gelenkt, verlieren so der Handlung
Namen!"
Seine Stimme bebte, seine Schlafrocktroddeln hinter ihm, die er
sich zuzubinden vergessen hatte, zitterten.
Amalie hatte jetzt ihr Schmalzbrot wieder beiseite gelegt.
"Niels, ich will doch lieber nahen gehn!"
"Nie! Nie! Sprich nicht davon, Amalia! Bei meinem Zorn! Sprich
nicht davon!"
Amalie war wieder beruhigter denn je.
Ihr schones Schmalzbrot war, Gottseidank, noch nicht ganz alle. Der
grosse Thienwiebel, der einigermassen aus seinem Konzept gekommen
war, hatte jetzt einige Muhe, wieder hineinzukommen. Den Shakespeare,
den er wieder von der Erde aufgelesen hatte, hinten in seinen
Wattenklunkern, die Finger krampfhaft um seinen roten Saffianrucken,
nickte er jetzt wieder schmerzlich auf das kleine, verwunderte
Bundelchen hinab. Es hatte die ganze Zeit uber kaum zu mucksen
gewagt.
"Ich weiss... ich werde sterben, Freund! Ich werde sterben!--Das
starke Gift bewaltigt meinen Geist! Ich kann von England nicht
die Zeitung horen; doch prophezei ich, die Erwahlung fallt auf
Fortinbras... Du lebst; erklare mich und meine Sache den Unbefriedigten!"
Der kleine Fortinbras war jetzt ganz ernsthaft geworden. Er hatte
seinen grossen Papa noch nie so menschlich mit ihm reden horen.
"Den Unbefriedigten"
Der Regen draussen, der die braunen Dacher druben schon seit
fruhmorgens wie mit Glanzlack uberzogen hatte, platscherte, aus
dem Fensterblech, unter das die reizende Ophelia naturlich wieder
den Wasserkasten zu hangen vergessen hatte, war er jetzt allmahlich
sogar die graue Tapete hinab bis mitten unter das kleine Blaukattunene
gekrochen. Auf seinem kleinen Teich drunter konnten die beiden
angebrannten Schwefelholzchen bereits in aller Gemachlichkeit
rundherum Gondel fahren.
Plotzlich schien den grossen Thienwiebel wieder mal irgend etwas
unversehens gestochen zu haben.
"Amalie! Amalie!"
"Was denn schon wieder, Thienwiebel!"
Sie hatte sich nicht einmal umgesehn.
"Amalie, es ist nicht zu leugnen: das Kind hat ganz aussergewohnliche
Fahigkeiten! Es hat mich soeben angelacht. Es unterhalt sich
ordentlich mit mir!"
Amalie grunzte nur verdriesslich.
"Ich wette, man kann ihm schon die Anfangsgrunde des Sprechens
beibringen, Amalie!"
"Hm? du! Sag mal: a! Na?! a-a-a..."
Der kleine, gute Fortinbras wusste sich jetzt vor lauter Verdutztheit
gar nicht mehr zu lassen. Er hatte seine beiden dicken Handchen
rechts und links in den Korbrand gekrallt und ahte nun, seinen Kopf
nach hinten zuruckgelegt, seinen grossen Papa ganz vergnugt an.
"Nicht a, mein Junge! Sag a! A sollst du sagen! Also? Na? Aaaa!... "
"Ach, lass doch! Das kann er ja noch nich!"
Amalie hatte es endlich doch fur angezeigt gehalten, sich ins Mittel
zu legen.
"Was?! Das kann er nicht?! Sage das nicht, Amalie! Sage das nicht!
Dafur ist er mein Junge! Ha? Bist du mein Junge? Ha?"
"Aber er ist ja erst kaum ein Vierteljahr alt!"
"So? So? Nun, hm...Ich will nicht mit dir rechten, Amalie! Allein
du wirst doch vorhin bemerkt haben, dass er durchaus verstand, was
ich meinte!"
Amalie gahnte. Sie gab es auf. Es hatte ja keinen Zweck! Es war ja
alles egal! So oder so!
Der grosse Thienwiebel aber war damit noch nicht zufrieden. Er
konnte seine Idee noch nicht so leicht wieder fallenlassen.
Nein, gewiss, Amalie! Der Junge berechtigt zu den besten Hoffnungen!"
Ach...
"Nun! Was ist denn da so Ungewohnliches dabei, Amalie? Du weisst:
es gibt mehr. Ding' im Himmel und auf Erden, als unsere Schulweisheit
sich traumt, Amalie!"
Amalie gahnte nur wieder.
"...und nun, ihr Lieben,
Wofern ihr Freunde seid, Mitschuler, Krieger,
Gewahrt ein Kleines mir!"
Sie gewahrten es ihm.
Es war wirklich zu schon von dem grossen Thienwiebel! Aber er
hatte sich jetzt tief uber seinen kleinen, sussen Fortinbras, der
zu so grossen Hoffnungen berechtigte, gebeugt und wollte ihn nun--oh,
zum ersten Mal, zum ersten Mal, seit langer, langer Zeit, Horatio!
wieder auf die kleine bleiche Stirn kussen.
Aber es sollte nicht dazu kommen. Er war bereits wieder zuruckgetaumelt,
noch ehe er seine schone Tat zum Austrag gebracht hatte.
"Ha!"
Seine Augen rollten, seine Fauste hatten sich geballt, die beiden
roten Troddeln hinten an seinem Schlafrock schlotterten vor
Entrustung.
"Ha!"
Das Ratsel von der alten, lieben, guten, geschaftigen Frau Wachtel
von vorhin hatte sich glanzend gelost.
Sei's Farbe der Natur, sei's Fleck des Zufalls, kurz und gut, aber
der kleine Prinz von Norwegen lag wieder seelenvergnugt mitten in
seinen weitlaufigen Besitzungen da.