Papa Hamlet by Arno Holz and Johannes Schlaf
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Arno Holz and Johannes Schlaf >> Papa Hamlet
IV
Seit die schone Frau Kanalinspektor, sorgsam in Sackleinwand genaht,
endlich abgegangen war und weitere Promenaden am Hafendamm sich
nicht wieder ergiebig erwiesen hatten, war jetzt auch nebenan bei
dem kleinen Ole Nissen nichts mehr zu holen. Erneute Bohrversuche
bei dem famosen, noblen Putthuhn hatten auch nichts gefruchtet. Seine
"Alte" schien ihm nicht sonderlich imponiert zu haben. Wenigstens
hatte ihr kleiner "Tintoretto" sie bei seiner letzten offiziellen
Visite draussen vergeblich an den neuen, schontapezierten Wanden
gesucht. Ubrigens waren die Herrschaften gerade ausgegangen. Man
schien eben nicht bloss in Christiania allein undankbar zu sein.
Keine Hummern bei Hiddersen mehr, keine Agypter mehr, keine "Mieze"
mehr! Das letzte schmerzte den armen, kleinen Ole naturlich am
meisten. Aber man konnte es der Kleinen wirklich unmoglich verdenken.
Von aufgeweichten Brotkrusten liess sich nicht satt werden.
Der alten, lieben, guten Frau Wachtel aber war damit ein sehr grosser
Stein vom Herzen gefallen. Sie hatte namlich die niedliche kleine
Mieze einmal dabei ertappt, als sie dem abscheulichen Ole grade
Modell stand, und da sie hierfur wirklich auch nicht das mindeste
Verstandnis besass, ein gewisses, kleines Vorurteil gegen sie
gefasst.
Ihr gutes Herz zu betatigen hatte sie in letzter Zeit leider nur zu
wenig Gelegenheit gehabt. Am unzufriedensten aber war sie jedenfalls
mit den dummen Thienwiebels. Was bei der alten Schlamperei dort
schliesslich rauskommen musste, konnte man sich ja an den Fingern
abzahlen.
Der alte, alberne Kerl flozte sich den ganzen Tag auf dem Sofa
rum und trieb Faxen, das faule, schwindsuchtige Frauenzimmer hatte
nicht einmal Zeit, seinem Schreisack das bisschen blaue Milch zu
geben, zu fressen hatten sie alle drei nichts, und die Miete--ach,
du lieber Gott! Wenn man nicht wenigstens noch die paar Sparkreeten
gehabt hatte...
--Ja! Es war Wermut! Sein Verstand war krank! Es fehlte ihm
an Beforderung! Im Schoss des Gluckes? Oh, sehr war! Sie ist eine
Metze! Was gibt es Neues? Als Roscius noch ein Schauspieler in Rom
war...Geharnischt, sagt Ihr? Sehr glaublich!--Ein Mann, der Stoss'
und Gaben mit gleichem Dank genommen, der zur Pfeife nicht Fortunen
diente, den Ton zu spielen, den ihr Finger griff, den Bettler, wie
er...Nichts mehr davon!! Sprich weiter, komm auf Hekuba!
In der Tat, es liess sich nicht mehr leugnen: er war jetzt wirklich
zu bedauern, der grosse Thienwiebel!
Oh, welch ein Schurk' und niedrer Sklav' er war!! War's nicht
erstaunlich? War's zu glauben? War's moglich? War's nur durch
Angewohnheit, die den Schein gefall'ger Sitten uberrostet, war's
Ubermass in seines Blutes Mischung: kurz und gut, aber er kam jetzt
immer wieder auf sie zuruck: auf nichts, auf Hekuba!
Wozu sollten Gesellen wie er zwischen Himmel und Erde herumkriechen?
Dem Staub gepaart, dem er verwandt, so rings umstrickt mit
Bubereien...nicht doch, mein Furst!! Die Mausefalle? Und wie das?
Metaphorisch! Ich bitte, spotte meiner nicht, mein Schulfreund; Du
kamst gewiss zu meiner Mutter Hochzeit!
Armer Yorick! Denn wenn die Sonne Maden aus einem toten Hunde
ausbrutet, eine Gottheit, die Aas kusst...Armer Yorick!
Sein Wahnsinn war des armen Hamlet Feind.--
Amalie, die endlich ihre Drohung wahrgemacht und in der Tat seit
einiger Zeit etwas zu tun angefangen hatte, was sie Trikottaillen
nahen nannte, liess alles getrost uber sich ergehen. Es hatte ja
keinen Zweck! Es war ja alles egal! So oder so.
Der gute, kleine Ole Nissen war unendlich zarter besaitet. Da
Frau Wachtel so freundlich gewesen war und ihm nach so vielen
andern geliebten Gegenstanden kurzlich auch noch seine schonen
leberwurstfarbenen Pantalons ins Leihhaus getragen hatte, war er
jetzt dazu verdammt, die ganzen Tage uber in seinem Bett zu liegen
und durch die dunnen Bretterwande durch die ganze Wirtschaft mit
anzuhoren.
"Ha! Buberei! Auf, lasst die Turen schliessen! Verrat! Sucht, wo
er steckt! Du betest schlecht! Ich bitt dich! Lass die Hand von
meiner Gurgel! Kennst du diese Mucke?!"
Armer, kleiner Ole! War es Angst oder nur Langeweile? Aber der
Schweiss brach ihm oft tropfenweis durch die Stirn.
Der grosse Thienwiebel schien es ordentlich auf ihn abgesehn zu
haben! Alle Nachmittag Punkt funf Uhr versaumte er es jetzt nie, sogar
seine "Bude" zu inspizieren. Diese war freilich noch erbarmlicher
als seine eigene, aber sie besass dafur den Vorzug, dass man aus ihrem
Fenster bequem unten auf das breite, platte, geteerte Nachbardach
klettern konnte, von dem man dann eine erfreuliche Aussicht auf die
verschwiegenen Brandmauern mehrerer Hinterhauser genoss. Ein kleines
anspruchsloses Pflaumenbaumchen, dessen verkruppelte Astchen von
Raupen und Spatzen nur so wimmelten, vervollstandigte das Idyll.
Der arme kleine Ole spurte die verhangnisvolle Zeit schon immer
eine ganze Weile vorher in seinen Knochen. Der grosse Thienwiebel
beliebte es dann namlich immer, gewisse Unterhaltungen mit ihm
anzuknupfen, die so geistvoll, ideentief und farbenreich waren,
dass dem kleinen Ole, den seine ewigen Brotkrusten schon ohnehin
arg mitgenommen hatten, nur so der Kopf danach brummte.
"Ich will hier im Saale auf und ab gehn, wenn es Seiner Majestat
gefallt; es wird jetzt bei mir die Stunde, frische Luft zu schopfen.
Lasst die Rapiere bringen."
Die "Rapiere" waren zwei Leiterstucken, die man zusammenlegen und
von draussen her in das Fensterkreuz einhaken konnte.
Wenn sie "gebracht" worden waren, endete die Geschichte naturlich
stets damit, dass man sie auch richtig einhakte und an ihnen
hinabkletterte.
"Hic et ubique! Andern wir die Stelle!"
Dann war man in "Helsingor" und promenierte auf der "Terrasse".
Der grosse Thienwiebel in Fez und Schlafrock, der kleine Ole in
Havelock und Unterpantalons.
Ich will die Lieb' Euch lohnen, lebt denn wohl, Horatio! Auf der
Terrasse zwischen elf und zwolf besuch ich Euch ... Nicht wahr?
Ihre...seid ein--Fischhandler?!"
Scham, wo war dein Erroten!
Der arme, kleine Ole wusste zuletzt selbst nicht mehr: war eigentlich
er verruckt, oder Nielchen.
Aber er hatte sich nicht so zu harmen brauchen. Der grosse Thienwiebel
wusste nur zu gut, was er tat. Er war nur "toll aus Methode". Er
war nur toll bei Nordnordwest; wenn der Wind sudlich war, konnte
er sehr wohl einen Kirchturm von einem Leuchtenpfahl unterscheiden.
Die ewige Aktsteherei unten in der alten, dummen Akademie war ihm
eben nachgerade langweilig geworden, und da er der alten, lieben,
guten Frau Wachtel doch unmoglich zutrauen durfte, dass sie ihn noch
langer gratis beherbergte, wenn er sich jetzt die "Quelle kostlicher
Dukaten" so sans facon wieder zustopfte, war er eben eines schonen
Tages auf die grossartige Idee verfallen, sich hier in dieser herben
Welt voll Muh' nach und nach fur wirklich ubergeschnappt auszugeben.
"Ha! Heisa Junge! Komm, Vogelchen! Komm! Ich Muss nach England; wisst
Ihr's? Himmel und Erde! Es ist nur eine Torheit, aber es ist eine
Art von schlimmer Vorbedeutung, die vielleicht ein Weib angstigen
wurde.
Was? Eine Ratte? Die Spitze auch vergiftet! Nein! Nein, schone
Dame! Nicht nur mein dustrer Mantel, gute Mutter, noch die gewohnte
Tracht von ernstem Schwarz, noch sturmisches Geseufz beklemmten
Odems: nein: auch die Schmeichelsalb'! Ich hab's geschworen!
Wegloschen von der Tafel der Erinnerung will ich all jene torichten
Geschichten! Nie beuge sich dieses Knies gelenke Angel, wo Kriecherei
Gewinnn bringt! Ich trotze allen Vorbedeutungen: es waltet eine
besondere Vorsehung uber dem Fall des Sperlings. In Bereitschaft
sein ist alles. Wetter! Dankt ihr, dass ich leichter zu spielen
bin als ein Flote? Nennt mich, was fur ein Instrument ihr wollt!
Ihr konnt mich zwar verstimmen, aber nicht auf mir spielen..."
Ha! Was? Ein konigliches Bubenstuck!
Dem kleinen Fortinbras schien dieses konigliche Bubenstuck am
wenigsten zu imponieren. Ja, aus gewissen Anzeichen glaubte sein
grosser Papa manchmal sogar schliessen zu durfen, dass er noch
nicht einmal recht Notiz von ihm genommen hatte.
Am auffalligsten zeigte sich dies aber regelmassig dann, wenn es
sich um die "ersten Elemente der Gesangskunst" handelte. Denn der
"arme Yorick" war durchaus nicht gewillt, seinem schrecklichem
Wahnsinn zuliebe auch die seltnen Talente seines zu so grossen
Hoffnungen berechtigenden Sohnchens verkummern zu lassen.
Es war ausgemacht! Es war ausgemacht, o reizende Ophelia! Ja!
Sagen wir Ophelia! Teufel! Warum sollten wir nicht Ophelia sagen?
Kurz und gut: es war ausgemacht. Es sollte ihn und seine Sache den
Unbefriedigten erklaren...Den Unbefriedigten!...
Sobald er daher nur irgendwie merkte, dass der kleine Ole nebenan
wieder einmal eingeschlafen und die gute Frau Wachtel wieder mal
ausgegangen war und so "die beiden, denen er wie Nattern traute,"
eine Zeitlang wieder "unschadlich" gemacht waren, ging der Tanz
los.
Seines Kummers "Kleid und Zier" war dann plotzlich wie abgefallen
von dem grossen Thienwiebel.
Seine "Einbildungen, schwarz wie Schmiedezeug Vulkans", hatten den
armen Yorick verlassen, er war wieder "zahmer Herr!"
"Hohrt doch! Ich bin wieder zahm, Herr! Sprecht! Ich bin wieder
zahm!"
Aber der kleine, verstockte Fortinbras wollte nicht. Er hatte sich
wieder nur in Ermangelung eines Gummipfropfens, dem ihm die reizende
Ophelia verbummelt hatte, seinen grossen Zeh in den Mund gestopft
und sog nun, dass es ihm aus dem kleinen, mattrosa Mundwinkelchen
nur so tropfte. Die ersten Elemente der Gesangskunst liessen ihn
heute augenscheinlich noch kalter als sonst.
Emport hatte sich jetzt der grosse Thienwiebel wieder in die Hohe
geruckt. Die beiden roten Troddeln hinten an seinem Schlafrock
zuzubinden hatte er naturlich wieder vegesssen.
"Amalie! Ich bemerke soeben zu meinem grossten Erstaunen, Fortinbras
ist storrisch!"
Amalie, die jetzt ihre kleine, mollige Fussbank der Trikottaillien
wegen zu ihrem grossen Leidwesen vom Ofen ans Fenster hatte
verlegen mussen, war gerade dabei, sich ihre erste Nadel fur heute
einzufadeln. Sie hatte wieder so lange inhalieren mussen...
"Storrisch?"
"Wie ich dir sage, Amalie! Storrisch!"
"Ach, nich doch!"
"Amalie? Ich sage dir noch einmal- storrisch! Fortinbras ist
storrisch. Stor-risch!!"
"Ach, red doch nich! Wie soll er denn storrisch sein!"
"Amalie?!"
Amalie sah sich nicht einmal um. Sie zuckte kaum mit den Achseln.
"So! So! Also glaubst du mir nicht mehr, wenn ich dir etwas sage!
Du misstraust mir! In der Tat! In der Tat! Ich hatte mir das denken
konnen! Sag's doch lieber gleich! Wozu die Umstande! Du bedauerst,
dass ich mich nicht noch schneller aufreibe!"
Amalie nieste. Sie wollte ihren Schnupfen gar nicht mehr loswerden.
Mitten im Sommer.
"Naturlich! Wie sollte man auch nicht! Man vertreibt sich die
Zeit mit--Niesen! Man trinkt Kaffee und vertreibt sich die Zeit
mit--Niesen! In der Tat! In der Tat! Andre Leute mogen unterdes
zusehn, wie sie fertig werden!...Aber, ich werde es dir beweisen,
Amalie! Horst du? Ich werde es dir beweisen, dass Fortinbras
storrisch ist!--Du! Sag a...a...Nun? Wird's bald?...Na?...A!...Du
Schlingel! A!...A!!...Ha! Siehst du?! Wie ich dir sagte, wie
ich dir sagte, Amalie! Der Lummel brullt, als wenn ihm der Kopf
abgeschnitten wird! Er ist storrisch! Habe ich recht gehabt?!--Willst
du still sein, du Zebra?! Gleich bist du still!"
Jetzt endlich war Amalie an ihrem Fenster plotzlich etwas aufmerksamer
geworden.
"Du willst ihn doch nicht etwa--schlagen?"
"Gewiss will ich das, Amalie! Ein Kind darf nicht eigenwillig sein!
Ein Kind bedarf der Erziehung, Amalie! Eine leichte Zuchtigung..."
"Niels!?"
"Ach was! Aus dem Weg! Aus dem Weg, sage ich! ... Da, du in-famer
Schlingel! Da, du in...Amaaalie!"
"Gewiss, du alter Esel! Du glaubst wohl, du kannst hier am Ende
tun, was du Lust hast? Du gehorst ja in die Verrucktenanstalt! Wie
kann man denn 'n Kind von 'nem halben Jahr so maltratieren?! Wie
kann man es schlagen !"
"Amaaalie!!"
War's moglich?! War es zu glauben?! War das seine Backe?!
"Amaaalie!!!..."
V
"Wirtschaft, Horatio! Wirtschaft! Das Gebackne vom Leichenschmaus
gab kalte Hochzeitsschusseln. E--doch, um auf der ebenen Heerstrasse
der Freundschaft zu bleiben: was macht Ihr auf Helsingor?"
Der grosse Thienwiebel hatte wieder gut auf der ebenen Heerstrasse
der Freundschaft zu bleiben; was sollte der kleine Ole gross machen
auf Helsingor? Was er nun schon seit Wochen machte: Firmenschilder
pinseln! Das rentierte sich. namlich famos, weisst du!
Abel Grondal: Materialwarenhandlung, auch Heringe-Lars Brodersen:
Canariensieen und Hanfsamen--Jacob Lorrensen: Alle Sorten Rauch-,
Schnupf- und Kautabak-etc. pp. Ha? Was? Noble Putthuhner!!
Die schonen Leberwurstfarbenen waren wieder zu Ehren gekommen, die
prachtvollen Agypter wurden wieder nur so pfundweis verpafft, die
verteufelte kleine Mieze liess die arme, liebe, alte, gute Frau
Wachtel kaum mehr vom Schlusselloch wegkommen.
Es war aber auch wirklich schrecklich, was es jetzt alles dort drinnen
zu sehn gab. Die vielen weissen Salbentopfe, in die die Farben
nur so wie Butter reingequetscht waren, die merkwurdig grossen
Maurerpinsel, die der geschaftige' kleine Ole kaum zu dirigieren
vermochte, die schonen, dicken, mannslangen Bretter, auf denen man
jetzt die wunderbarsten Sachen zu lesen bekam, und vor allen Dingen
auch jener grosse, geheimnisvolle, grune Wandschirm dicht neben dem
Ofen, hinter dem sich immer die schandliche, kleine Mieze versteckt
hielt, das alles interessierte die alte, liebe, gute Frau Wachtel
auf das lebhafteste. Noch nie hatte sie sich mit ihrer Stellung
als Zimmervermieterin so zufrieden gefuhlt. Die druckendsten alten
Ruckstande waren wieder ausgeglichen, fur die dosigen Thienwiebels
brauchte ihr jetzt auch nicht mehr so bange zu sein, ja, ja! Der
liebe Herrgott!
Die reizende Ophelia war wieder in ihren alten Stumpfsinn
zuruckverfallen. Sie bereute ihre Untat aufs tiefste. Das einzige,
was ihr so schliesslich noch vom Leben ubriggeblieben war, war ihr
Salbeitopf.
Ihr grosser Gatte verachtete sie nur noch...Geschrieben--e...hatte
man ihm zwar unterdessen bereits, aber--e...wie kam's dass sie
umherstreiften? Ein fester Aufenthalt war vorteilhafter fur ihren
Ruf als ihre Einnahme! Kurz und gut, es war eben nur eine umherziehende
Truppe gewesen, und der grosse Thienwiebel hatte sich zu degradieren
gefurchtet. Solange noch der kleine Ole da nebenan da war...kurz
und gut: er tat, was Ihm Beruf und Neigung hiess! Denn...e...jeder
Mensch hat Neigung und Beruf!
Am schlimmsten erging es jedoch entschieden dem kleinen Fortinbras.
Seine Zahnchen hatten ihm seinen schonen Gummipfropfen ganz verleidet.
Er hatte an nichts mehr Freude; nicht einmal am Schreien mehr.
Er war ein vollendeter Pessimist geworden. An seinem kunftigen
Beruf, seinen grossen Vater den Unbefriedigten zu erklaren, schien
ihm nur noch. wenig zu liegen. Sein kleines Zungchen war dick
belegt, seine Handchen sahen weiss wie Kuchenteig aus, er schlief
jetzt oft ganze Tage lang.
Nur heute abend war er auffallend munter.
Die beiden hellen Lampen auf dem Tische, die vielen Leute, der Skandal,
der merkwurdig grosse Zuckerkringel, den man ihm so unerwartet in
die Hand gesteckt hatte: er begriff das alles nicht. Nu bloss noch'n
bisschen Streupulver!
Die Damen hatten auf dem Sofa Platz genommen, die kleine Mieze, die
sich zu den Mannsleuten rechnete, sass dem kleinen Ole vis-a-vis,
der grosse Thienwiebel prasidierte. Die grossartige Gans mitten
auf dem Tisch in deren knusprigen Prachtrucken er eben energisch
seine blitzende Bratengabel gestossen hatte, roch durch das ganze
kleine Zimmer. Die beiden Lampen rechts und links brannten durch
ihren Dampf wie durch einen Nebel. Frau Wachtel, die sich in ihrer
Sofaecke wie auf einem Prasentierteller vorkam, atmete schwer. Sie
hatte heute ihr "Seidnes". an.
"Willkommen, all ihr Herrn! Wir wollen frisch daran, wie franzosische
Falkoniere, auf alles losfliegen, was uns vorkommt! Beim Himmel!
Den mach ich zum Gespenst, der mich zuruckhalt!...Ha! Seid Ihr
tugendhaft, schone Dame?"
"Thienwiebelchen?"
Der kleine Ole , der sich eben uber seinen pomposen Flugel hergemacht
hatte, blinzelte vor Entzucken. Die kleine Mieze war heute mal
wieder ordentlich zum Anknabbern!
"Thienwiebelchen?!"
Das reizende Grubchen in ihrem rosa Fingerchen kam jetzt so recht
zur Geltung.
"Thienwiebelchen? Es gibt was!"
Aber der grosse Thienwiebel, der sich jetzt auch die Serviette unter
sein blaues Doppelkinn gestopft hatte, fuhlte sich wieder durchaus
auf der Hohe der Situation.
"Meint Ihr, ich hatte erbauliche Dinge im Sinn? Ein schoner Gedanke,
zwischen den..."
"Nielchen!!"
Der kleine Ole hat es fur die hochste Zeit gehalten.
Er hatte sich jetzt auch seinen prachtvollen Porter eingeschenkt
und schwenkte ihn nun fidel gegen die neue Lampe.
"Putthuhn Nro. 25!"
Sein schones Jubilaum sollte nicht so ohne weiteres zu Wasser
werden.
"Putthuhn Nro. 25!"
Die kleine Mieze war jetzt ganz rot vor Vergnugen. Die beiden kleinen,
silbernen Ringe in ihren Ohrlappchen blitzten, ihr Stumpfnaschen
sah wie aus Marzipan aus.
"Bravo, Dickchen! Es soll leben! Putthuhn Nro. 25!" Sie hatte
ausgelassen mit ihm angestossen.
Frau Wachtel rausperte sich jetzt. Ihr Seidnes hatte sich eben
etwas geklemmt.
"Etwas--etwas Sosse gefallig, Frau Thienwiebel?"
Amalie nickte. Ihr Teller schwamm zwar schon, aber: es war ja alles
egal. So oder so.
Ihr grosser Gatte druben suchte eben wieder einzulenken.
"Nun, nun, schone Dame! Denn--e--wenn die Sonne Maden aus einem
toten Hund ausbrutet, eine Gottheit, die ... Ha! Wilde Holle! Wer
ist, des Gram so voll Emphase tont?!"
Es war der kleine Fortinbras. Sein Zuckerkringel, war ihm eben uber
den Korbrand weg auf die Stuhlkante gefallen, dort entzweigeschlagen
und lag nun in kleine Stucke zerbrockelt unten auf den schmutzigen
Dielen.
Ha, mordrischer, blutschandrischer, verruchter Dane! Trink diesen
Trank aus! Ich will den Wanst ins nachste Zimmer schleppen!"
Aber die besorgte kleine Mieze hatte ihre Gabel schon schnell wieder
auf ihren Teller klappen lassen.
"Ach! Nicht doch, Thienwiebelchen! Nicht doch!"
Sie war aufgesprungen und buckte sich jetzt zierlich uber den
plumpen Korbrand.
"0 mein Zuckerpuppchen! Mein Schatz! So ein niedliches kleines
Kerlchen! Nicht wahr, du willst auch was haben? Ach, mein Liebchen!!"
Sie hatte sich jetzt den kleinen Fortinbras auf den Schossgesetzt
und kusste ihn nur so.
"Auch was haben, Dickerchen?" Kuss!--"Auch was haben, Dickerchen?"
Kuss! Kuss, Kuss, Kuss, Kuss!!
Der kleine Fortinbras juchzte. Er hatte noch nie so etwas erlebt.
Er zappelte jetzt, dass es nur so eine Art hatte. Er lachte aus
vollem Halse! "Grrr...grrr...grrr...ah! Grrr...ah!"
Der grosse Thienwiebel sass da. Die Weste unten aufgeknopft, die
Augenbrauen tragisch in die Hohe gezogen.
"Wie keck der--e--Bursch ist!...Wahrhaftig, Horatio! Ich habe
seit diesen drei Jahren darauf geachtet. Das Zeitalter wird so
spitzfindig, dass der Bauer dem Hofmann auf die Fersen tritt!"
Aber der kleine Ole beachtete ihn kaum. Die kleine Mieze war ihm
jetzt weit interessanter. Sie sah jetzt ordentlich wie eine kleine
Hausmutter aus.
"Na, Dickerchen?"
Auch Frau Wachtel machte jetzt grosse Augen. Amalie pappte.
"Ja, mein Junge! Sie essen alle, und mein Dickerchen soll gar nichts
haben! Wie?--Aber das lasst er sich nicht gefallen! Wie?--Ach,
bitte, Frau Thienwiebel! Reichen Sie mir doch das bisschen Biskuit
da von der Kommode her. Auch die Milch, bitte!"
Frau Thienwiebel erhob sich schwerfallig und brachte das Verlangte.
Die kleine Mieze hatte den Biskuit jetzt auf geweicht und fing
nun an, den kleinen Fortinbras damit zu futtern. Von ihrem Teller,
auf dem neben den drei gebratenen Apfeln nur noch ein paar kleine
fettriefende Hautstuckchen lagen, naschte sie kaum.
Der kleine Fortinbras stohnte vor Behagen.
"He? Willst du noch mehr, Dickerchen? Noch mehr?"
Der kleine Ole hatte sich jetzt neugierig uber den Tischrand gebogen.
Sein Schnurrbartchen duftete nach chinesischer Tusche.
"Nein! Nein! Nu sieh doch bloss, Dickerchen! Wie es dem Balg
schmeckt!--Was?! Noch mehr?!--No! No! Nur nicht gleich schreien!--So!"
Frau Wachtel war jetzt ordentlich bis zu Tranen geruhrt. Und wenn
sie bis zu Tranen geruhrt war, vergass sie es auch nie, von ihrer
verstorbenen Pflegetochter zu erzahlen. Und das kam ziemlich oft
vor.
"Ja, sehn Sie! Sie war ein Engel, Frau Thienwiebel! Ein Engel!"
Frau Thienwiebel kaute.
Frau Wachtel beschrieb jetzt ausfuhrlich die Krankheit des Engels,
und wie er dann gestorben war. Er hatte Malchen geheissen und war
dabei so himmlisch geduldig gewesen.
"Ja, sehn Sie, Herr Nissen! Sie war mein Einz'ges! Sie trostete
mich noch, als schon der Tod kam. Sie war ein Engel!"
Sie hatte sich jetzt auch auf ihr Taschentuch besonnen und druckte
es sich nun abwechselnd in die Augen.
"Ach, wein doch nicht, Mutterchen! Wein doch nicht! Nun komm ich
ja zum lieben Gott!"
Sie weinte jetzt, dass ihr die Tranen nur so auf ihr Seidnes
kullerten!
Der kleine Ole war bereits eine ganze Zeit lang verlegen auf seinem
Stuhl hin und her gerutscht. Er hatte es unten auf das kleine,
niedliche Fusschen unterm Tisch abgesehn gehabt und war dabei eben
auf die alten, phlegmatischen Filzpantoffeln der reizenden Ophelia
gestossen.
Er war ordentlich rot daruber geworden.
"Ja! Sehn Sie! Sie war mein Einziges!"
Der kleine Fortinbras plantschte vor Wonne.
"Grrr...grrr...grrr..."
Dieses freundliche, frische Gesicht mit den hellen Augen und
den blonden Lockchen uber ihm--er kam gar nicht mehr raus aus dem
Lachen! Sogar sein Streupulver hatte er vergessen!
"Grrr...grrr...grrr...Aeh!"
Seine Handchen hatten jetzt in die Hohe gegrapscht, die kleine
Mieze liess von ihm ihre Stirnlockchen zausen.
"Nein, Dickchen! Nu sieh doch bloss! Nu sieh doch bloss!"
Der kleine Ole schneuzte sich. Er war wie mit Blut ubergossen.
"Ja! Das glaub ich! Das hast du wohl noch nicht so gut gehabt,
Dickerchen! Wie?"
Jetzt hatte sich endlich auch Frau Wachtel uber ihn gebuckt. Ihr
Taschentuch lag wieder sauber ausgefaltelt auf ihrem Schoss, sie
kitzelte ihn wohlwollend unterm Kinn.
"Ach, mein Putteken! Ach, mein Mauseken! Hab'n se dir so lange
hungern lassen!"
Ihre Stimme zitterte, sie sah noch ganz verweint aus.
Amalie tunkte gerade ihre Sosse auf.
Der grosse Thienwiebel aber hatte sich nunmehr rucklings in seinen
Stuhl zuruckgelehnt und starrte jetzt, die Hande in den Hosentaschen,
erhaben oben in die beiden gelben Lichtkleckse, die die Lampen
zitternd an die Decke malten.
Denn, was ein armer Mann wie Hamlet ist... Nichts mehr davon!
Der Rest war Schweigen ...
Endlich war alles wieder abgeraumt. Frau Wachtel, die nicht Skat
spielte, hatte sich mit ihrem Seidnen, ihrem Taschentuch und ihrer
zweiten Lampe wieder hinten in ihre Kuche zuruckgerettet, Amalie
kauerte wieder auf ihrem Fussbankchen neben dem Ofen. Sie hatte
sich noch nachtraglich eine kleine Bratenschmalzstulle geschmiert.
Es war ziemlich kalt im Zimmer. Das Feuer war ausgegangen, und
man hatte nichts mehr nachzulegen. Der grosse Thienwiebel, dessen
Schlafrock mit der Zeit aufgehort hatte, skatfahig zu sein, hatte
sich statt dessen in die rote Bettdecke eingewickelt.
"Die Luft geht scharf; es ist entsetzlich kalt! Tourner, Horatio!"
"Passez, Nielchen!"
"Dito, Tienchen!"
"Was denn, Schafchen?"
"Na, wird's bald?"
"Ah so!--Da, Schafchen!"
"Na, endlich!"
Sie hatte die Zigarette, die ihr der kleine, eifrige Ole gereicht
hatte, mit spitzen Fingern angefasst und zog jetzt ein Gesicht, als
ob ihr der Rauch lastig g ware. Sie wusste, dass ihr das liess! Es
hatte auch sofort den Erfolg, dass ihr Dickchen einen Kuss mauste.
"Nein doch! So eine Unverschamtheit!"
Sie hatte ihn unterm Tisch mit dem Knie gestossen.
"Pique As! Nicht wahr, Wiebelchen?"
"Sehr wohl, schone Dame! Sehr wohl! Vortrefflich, meiner Treu! Was
ware da zu furchten? Ich--e selbst bin--e--hm!--leidlich tugendhaft."
Der kleine Fortinbras war jetzt vollstandig vergessen. "Voll Speis'
und Trank in seiner Sunden Maienblute" lag er jetzt wieder "sicher
beigepackt" hinten in seiner dunklen Korbecke und starrte nun
trubselig druben in den Zigarrenqualm, der in dicken Schichten um
die grune Glocke wogte. Seit seiner Geburt war er nicht ubermassig
oft aus seinem Winkel hervorgeholt worden. Das unerwartete Gluck
heute hatte ihn ganz sehnsuchtig nach dem Lichte dort gemacht. Der
Schoss, der Zuckerkringel, die Lockchen...er hatte wieder zu quaken
angefangen.
Amalie ruhrte sich nicht. Der Bengel wollte bloss immer genommen
sein. Sie hatte schon an einmal genug.
"Coeur Trumpf, Nielchen!"
"Ihr sagtet?"
"lch sagte: CoeurTrumpf, Nielchen! Coeur Trumpf!"
"Ha, blut'ger kupplerischer Bube! Unmoglich, bei diesem verwunschten
Geschrei ein Wort zu verstehn! Wenn du nicht gleich still bist, du
infames Balg, dann schlag ich dich blitzblau wie eine Heidelbeere!"
"Nicht doch! Das kneift ja, Ole! Au!"
"Ach was, Schafchen! Lass doch!"
Das Sofa hatte in diesem Augenblick genug mit sich selbst zu tun.
Amalie, die auf ihrer kleinen Fussbank schon wieder halb eingenickt
war, blinzelte kaum. Der grosse Thienwiebel war vor einer zweiten
Ohrfeige sicher.