Papa Hamlet by Arno Holz and Johannes Schlaf
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Arno Holz and Johannes Schlaf >> Papa Hamlet
Er hatte sich jetzt in seiner roten Bettdecke ergrimmt vor den Korb
gestellt und brullte nun wutend auf das arme, kleine Bundelchen
ein.
"Willst du still sein, du--Lausbub!?"
Aber der "Lausbub" war's nicht. Er wollte auch mal va banque spielen.
Er schrie jetzt, als wenn er seine kleinen Lungen auseinandersprengen
wollte.
"Aber...Das ist doch wirklich unerhort!...Na, warte! Du...Du--Lindwurm,
du! Warte!"
Er prugelte ihn jetzt, dass es nur so klitschte. Als aber auch das
nichts half, riss er das Kopfkissen unter ihm vor und presste es
ihm auf das Gesicht. Der kleine Fortinbras war jetzt auf einen
Augenblick vollstandig verstummt. Sein Geschrei war wie abgeschnitten.
Aber der grosse Thienwiebel hatte noch nicht genug.
"Nichtsnutziger Patron!"
Er hatte ihm jetzt das Kissen noch fester aufgedruckt.
Der kleine Ole hatte die kleine Mieze, die noch ganz rot vor Arger
war, wieder losgelassen. Er war jetzt ordentlich angstlich geworden.
"Um Gottes willen, Nielchen! Er erstickt ja!"
"Ach, Unsinn! So schnell geht das nicht!"
Nein! So schnell ging das auch nicht! Denn als der grosse Thienwiebel
nach einiger Zeit das Kissen fortnahm, schnappte zwar der kleine
Fortinbras ein paar Augenblicke verzweifelt nach Luft, fing dann
aber sofort wieder von neuem an.
"Ole!"
Emport war die kleine Mieze jetzt aufgesprungen. Das schreckliche
Kopfkissen hatte den Kleinen von neuem zugedeckt.
"Ole! Das leidst du?"
"Ach was! Er weiss es ganz gut, der Lummel! Er soll nicht schreien!
Es ist die reine Bosheit, Man bekommt das wirklich satt!"
"Pfui! Ole, komm! Lass den alten"--Pavian.
"Pa...Pa...Pa..."
Der kleine Ole hatte jetzt verlegen nach seiner Uhr gesehn.
"... Pavian?!!!"
Endlich war der grosse Thienwiebel wieder zu sich gekommen!
"Hinaus, sag ich!! Hinaus!!"
Aber sie waren es bereits. Einen Augenblick lang noch horte er sie
draussen durch die Kuche tappen; dann, endlich, war nebenan bei
ihnen die Tur zugefallen.
Er stand da! Um seine Schultern die rote Bettdecke, in seiner Rechten
das kleine blaugewurfelte Kopfkissen. Druben, in der Ofenecke,
die reizende Ophelia.
"Da! Nymphe!!"
Er hatte ihr das Kissen ins Gesicht geschleudert.
VI
Seit ihr zweiter, unliebenswurdiger Gatte ihr vor ungefahr funf
Jahren auf der "Dicken Selma" treulos nach Kanada ausgeruckt war,
hatte die liebe, gute, alte Frau Wachtel keinen solchen Arger mehr
auszustehn gehabt.
Nicht bloss, dass seine Stiefelabsatze noch uberall auf dem Sofa
deutlich zu sehn waren, nicht bloss, dass das Fensterkreuz von den
damlichen Leiterstucken, die jetzt naturlich zerbrochen unten auf
deim Pappdach lagen, total ruiniert war, bewahre: auch die ganze
Tapete von oben bis unten mit Olfarben bekleckst! Der vermaledeite
knirpsige Schmierpeter schien sich die ganze Zeit dran seine
schweinschen Pinsel ausgequetscht zu haben. Pfui Deibel ja!
Aber, das war ihr ganz recht! Warum hatte sie das ganze Pack
nicht schon langst an die Luft gesetzt! Wenn's wenigstens noch die
verruckten Thienwiebels gewesen waren. Aber die holte ja der Satan
nicht! Die hakten fest wie Kletten an ihr!
Die alte, liebe, gute Frau Wachtel war ganz ausser sich. Aber sie
hatte wirklich Pech mit ihren Mannsleuten. Der kleine Ole hatte
sich in der Tat nicht entblodet, ihr mit Hinterlassung einiger alter
"Schinken", deren Darstellungsobjekte es unmoglich zuliessen, dass
man sie sich ubers Sofa hing, auszukneifen.
"Solch eine Tat, die alle Huld der Sittsamkeit entstellt, die
Tugend Heuchler schilt, die Rosen wegnimmt von unschuldvoller Liebe
schoner Stirn und Beulen hinsetzt ... Ha!"
Aber der grosse Thienwiebel suchte sich jetzt vergeblich beliebt
zu machen. Seine "Schmeichelsalb" zog nicht mehr. Frau Rosine
Wachtel verlangte jetzt energisch ihre Miete.
Heut war der Siebente: wenn ihr bis zum Vierzehnten nicht alles
bezahlt war:--raus!!
Ja!...Sterben--schlafen--nichts weiter! Und zu wissen, dass ein
Schlaf das Herzweh und die tausend Stosse endet, die unsres Fleisches
Erbteil--'s ist ein Ziel, aufs innigste zu wunschen'...Ja! dies
war ehedem paradox! Paradox! ... Doch nun--bestatigte es die Zeit!
Armer Yorick! ...
Der grosse Thienwiebel fuhlte, dass es jetzt zu Ende war mit seiner
Kraft. Er wollte nun arbeiten, Freund! Arbeiten! Er wollte seine
ganze Kraft aufbieten. Er--er...er wollte ihn "suchen" gehn! "Lasst
mich! Er ist ermordet, Amalie! Er ist ermordet!" ...
Er hatte sich jetzt wieder seinen alten, olivengrunen Leibrock
zurechtgeflickt und trieb sich nun ganze Tage lang im Hafenviertel
umher.--"Ha! Tot?! Fur 'nen Dukaten, tot?!"
...Er hatte wieder eine prachtvolle Ausrede. Ein BBubenstuck!
Er brauchte jetzt kaum mehr die Nachte nach Hause zu kommen. Er
schnurrte sich herum, so gut es ging. Da gab es noch--e: Kollegen!
Leute! Leute? Pah, Stump'rr! Aber--e...sie--e...Nun ja! Sie
sorgten fur die Bewirtung der Schauspieler! Wetter! Es lag darin
etwas Ubernaturliches! Wenn die Philosophie es nur hatte ausfindig
machen konnen! ...
Aber die Philosophie machte es nicht ausfindig. Der grosse Thienwiebel
kam nie dahinter.
Er hatte sich jetzt nach und nach bis unten in die Hafenspelunken
verirrt. Mehrere Sacktrager waren bereits seine Duzbruder geworden.
Bevor nicht "der Hahn, der als Trompete dient dem Morgen", bereits
mehrere Male nachdrucklich gekraht hatte, kam er jetzt selten mehr
die Treppen in die Hohe gestolpert.
Amalie nahte noch immer die Trikottaillen. Der Stumpfsinn hatte
sie nach und nach zur reinen Maschine gemacht. Die reizende Ophelia
in ihr war jetzt endgultig begraben. Fur alle Zeiten!...Ihre Brust
war noch schwacher geworden ...
Dem kleinen Fortinbras ging es noch jammerlicher. Sein ganzes
Gesichtchen war jetzt dicht mit roten Pusteln betupft. Ein
Schachtelchen Zinksalbe, zu dem sich die Familie im Anfang denn doch
noch aufgeschwungen hatte, lag jetzt zusammengequetscht, verstaubt
hinterm Ofen. Es war nicht mehr erneuert worden.
Der grosse Thienwiebel hatte nicht so ganz unrecht: Die ganze
Wirtschaft bei ihm zu Hause war der Spiegel und die abgekurzte
Chronik des Zeitalters.
VII
Zwolf! ...
Erschopft hatte sie sich wieder auf ihrem Fussbankchen zurucksinken
lassen. Der Ofen hinter ihr war eiskalt. Durch ihre Nachtjacke
durch fuhlte sie deutlich seine Kacheln Sie frostelte!
Die letzten Tone draussen brummten und zitterten noch, das kleine
Talglicht, das in eine leere, grune Bierflasche gesteckt dicht vor
ihr auf dem umgekippten Kistchen mitten zwischen dem Nahzeug stand,
knitterte in der Kalte.
Frau Wachtel nebenan schnarchte, der kleine Fortinbras hatte sich
druben in seinem Korb wieder unruhig auf die andere Seite gewalzt.
Sein Atem ging rasselnd, stossweis, als ob etwas in ihm zerbrochen
war.
Draussen auf das Fensterblech war eben wieder ein Eiszapfen
geprasselt. Dicht davor, unterm Bett, jetzt deutlich das scharfe
Nagen einer Maus.
Zwolf!
Sie hatte ihr Nahzeug wieder fallen lassen. Ihre Finger waren krumm
zusammengezogen, sie konnte sie kaum noch aufkriegen. Um die Nagel
herum waren sie blau angelaufen. Sie hauchte jetzt in sie hinein. Ihr
Atem brodelte sich staubgrau um das kleine, zitternde Flammchen.
Eine verspatete Fliege, die dicht neben dem schwarzen Docht
in den kleinen, runden Talgkessel drunter gefallen war, verkohlte
langsam. Ab und zu knisterte es
"Halt ihn! Halt ihn! Hilfe!! Hilfe!!"
Erschreckt war sie zusammengefahren.
Sie sah jetzt auf. Ihr schlaffes, weisses Gesicht war noch stupider
geworden.
"Hierher! Hierher! Hilfe!!"
Der gelbe Lichtklecks vor ihr liess jetzt das Zimmer dahinter noch
dunkler erscheinen. Nur vom Fenster her durch das eckige Loch in
der Bettdecke, von draussen, das matte Schneelicht.
"Hilfe! Hilfe!!"
Sie war aufgesprungen und ans Fenster gesturzt. Das kleine Talglicht
hinter ihr war erloschen. Es war umgekippt und lag jetzt unter dem
Nahzeug.
"Wachter!! Wachter!! Halt ihn!! Jonas! Jonas!!"
An allen Gliedern bebend hatte sie jetzt die alte Bettdecke in
die Hohe gerafft und suchte nun durch die wirbelnden Schneeflocken
draussen unten auf die Strasse zu sehn. Ihre Zahne klapperten vor
Frost, die Schere, die sie noch fest in der Hand hielt, klirrte im
Takt gegen die Scheibe.
Ein paar Dachgiebel hoben sich blaugrau druben aus der Dunkelheit
ab. Irgendwo in einem Fenster flimmerte noch ein Licht.
"Hurra! Papa Svendsen! Moi'n, oller junge! Prost Neujahr!!"
Sie atmete auf. Es hatte laut gelacht. Jetzt: eine barsche Stimme,
ein Stock, der schnell noch eine Jalousie herunterrasselte, die
ganze Gesellschaft war wieder um die Ecke.
Eine kleine Weile noch horchte sie.
Ab und zu von den Dachern, polternd, der Schnee, in der Ferne,
leise, ein Schlittenglockchen.
Sie hatte die Decke wieder fallen lassen.--
Einen Augenblick lang stand sie da! Das ganze Zimmer war jetzt
schwarz. Nur hinter ihr, matt durch die Decke, das Schneelicht.
Sie tappte sich auf den Tisch zu.
Gegen die Kante stiess sie. Ein Flaschchen war umgeklirrt, es roch
nach Spiritus. Das Zundholzschachtelchen hatte jetzt geraschelt,
es flackerte auf! Sie leuchtete uber den Tisch hin. Der schmale
Goldrand um die kleine Photographie glitzerte. Die Nachtlampe stand
auf dem alten, aufgeklappten Buch mitten zwischen dem Geschirr.
Jetzt ein leises Spruhn und Knistern, der Docht hatte gefangen.
Uber ihr, gross an der Decke, ihr Schatten.
Frau Wachtel nebenan schnarchte, der kleine Fortinbras stohnte.
Sie hatte sich jetzt auf den Bettrand gesetzt. Die beiden Zipfel
des Kopfkissens, das sie um ihre Schultern gepackt hatte, druckte
sie vorn mit ihrem Kinn fest gegen ihre Brust zusammen. Ihre Arme
hatten sich gegen ihren Leib gekrampft, ihre hochgezogenen Knie
waren eng aneinandergepresst. Sie zitterte uber den ganzen Korper!
Ihr Gesicht hatte sich verzerrt, stumpf stierte sie vor sich hin.
Die Schere, die ihr vorhin vom Tisch runtergekippt war, lag unten
vor ihr auf den grauen Dielen. Sie flinkerte.
Das Lampchen auf dem Tisch hatte jetzt leise zu zittern angefangen,
die hellen, langgezogenen Kringel, die sein Wasser oben quer uber
die Decke und ein Stuck Tapete weg gelegt hatte, schaukelten. Das
Geschirr um das Glas hob sich schwarz aus ihnen ab. Die Kaffeekanne
reichte bis uber die Decke.
"Brrr...Ae!"
Ihre Pantoffeln waren jetzt unter den Tisch geflogen, sie hatte
sich hastig unter das Deckbett gekuschelt.
Die weissen Lichtringe fluteten und fluteten, das Ol auf dem Tisch
knatterte leise, ein kleines Funkchen war eben von seinem Docht
abgespritzt und schwamm nun schwarz in der dicken, goldgelben Masse.
Unter dem Deckbett druben lag es jetzt wie ein Klumpen. An einer
Stelle sah noch ihr Unterrock vor ...
"Still, Hund!...Ae!"
Er hatte sich jetzt seinen alten Zylinder, auf dem noch der dicke
Schnee lag, vom Kopf gerissen und feuerte ihn nun wutend druben
in die dunkle, schreiende Ecke, wo der Korb stand. Die Tur hinter
ihm war drohnend ins Schloss gekracht.
"Niels!!"
Das Deckbett, das jetzt quer auf den Dielen lag, hatte zur Halfte
den Stuhl mitgerissen. Sie kniete aufrecht mitten im Bett. Ihre
Nachtjacke vorn hatte sich ihr bis oben unter die Arme verschoben,
ihr Haar hing in Strahnen um ihr Gesicht.
"Halt's Maul! Fang nicht auch noch an!"
Er hatte sich jetzt auch seinen alten, abgeschabten Rock
runtergezerrt. Das kleine Spiegelchen uber der Kommode, gegen das
er ihn geschleudert hatte, war runtergeschurrt und lag nun zersplittert
auf dem blinkernden Wachstuch.
"Na, wird's bald?!"
Der kleine Fortinbras jappte nur noch.
"Na?!...Dein Gluck, Kanaille!..."
Seine Stiefeln waren jetzt dumpf gegen die kleine Kiste neben dem
Ofen gebullert. Der aufgeschlammte Schnee dran war nass gegen die
Kacheln geplatscht. Er suchte jetzt nach den Pantoffeln.
"Ach was! Halt dein Maul, sag ich!...Die Ohren vollplarren...Konnte
mir noch grade passen!...Sind die Sachen gepackt?!"
Das Schnarchen nebenan hatte aufgehort. Es schubberte jetzt deutlich
gegen die Tur.
"Ob du gepackt hast?!"
"Nein, Niels...ich.."
Sie stotterte!
Man hat ja mal wieder zur Abwechslung die Schwindsuchtl...Bitte,
genieren Sie sich nicht, Frau Wachtel! Treten Sie naher! Heute
geht's ja woll noch!"
Sein Schatten, der bis dahin kreuz und quer uber die weisse Decke
geschossen war, war jetzt verschwunden. Er hatte sich unter den
Tisch gebuckt.
Vom Bett her hatte es eben laut zu husten angefangen.
"Ach, du mein lieber Gott'...Ach Gott! Ach Gott! Die arme Frau!"
Sie hatte jetzt ihr Gesicht in das Kissen gepresst und weinte.
"Nu ja! Nu ja! Nu heul doch noch'n bisschen! Das ist ja deine Force!
Weiter kannste ja woll nischt!"
Er war eben in die Pantoffeln gefahren und suchte nun auf dem Tisch
herum. Ein Messer klapperte gegen die Kochmaschine, eine Tasse war
umgekippt.
"Naturlich! Keen Fippschen mehr! Fur deine Schwind sucht hast du
ja noch'n janz juten Appetit! ... Herrlich Das tut immer, als ob
es Poten saugt, uund frisst ein'm die Haare vom Kopp runter!"
Er hatte sich seine Fauste in die Hosentaschen gestopft und schnaubte
nun im Zimmer auf und ab.
"So'ne Zucht! So eine--Zucht!!"
Er hatte mit dem Fuss in die kleine, hohle Kiste mit dem Nahzeug
gestossen. Die Flasche war auf den Boden geschlagen, das Licht bis
unters Bett gekullert.
"Lacherlich!"
Er hatte jetzt auch noch die Flasche druntergestossen.
"Lacherlich!!...Wirst du still sein?!!"
Der kleine Fortinbras hatte wieder laut zu schreien angefangen.
"Bestie!"
Mit einem Satz war er auf den Korb zu.
"Bestie!!"
Das Geschrei war wieder wie abgeschnitten.
"Alberne Komodie!"
Er hatte sich jetzt wieder nach dem Bett zu gedreht. Seine Fauste
waren geballt. Unter den Kissen hervor hatte es deutlich geschluchzt.
"Alte Heulsuse!"
Die beiden dicken Falten um seine Nase waren jetzt noch tiefer
geworden, zwischen seinen verzerrten Lippen blitzten seine breiten
Zahne auf.
"Ae!!"
Uber seinen Rucken war ein Frosteln gelaufen.
"So'ne Kalte!"
Er ruckte sich jetzt gerauschvoll den Stuhl zurecht.
"So'ne Kalte!! Nich mal'n paar lump'je Kohlen hat das! So'ne
Wirtschaft!"
Seine Socken hatte er jetzt runtergestreift, der eine war mitten
auf den Tisch unter das Geschirr geflogen.
"Na?! WiIlste so gut sein?!"
Sie druckte sich noch weiter gegen die Wand.
"Na! Endlich!"
Er war jetzt zu ihr unter die Decke gekrochen, die Unterhosen hatte
er anbehalten.
"Nicht mal Platz genug zum Schlafen hat man!"
Er reckte und dehnte sich.
"So'n Hundeleben! Nicht mal schlafen kann man!"
Er hatte sich wieder auf die andre Seite gewalzt. Die Decke von
ihrer Schulter hatte er mit sich gedreht, sie lag jetzt fast bloss
da.
Das Nachtlampchen auf dem Tisch hatte jetzt zu zittern aufgehort.
Die beschlagene, blaue Karaffe davor war von unzahligen Lichtpunktchen
wie ubersat. Eine Seite aus dem Buch hatte sich schrag gegen das Glas
aufgeblattert. Mitten auf dem vergilbten Papier hob sich deutlich
die fette Schrift ab: "Ein Sommernachtstraum". Hinten auf der Wand,
ubers Sofa weg, warf die kleine, glitzernde Photographie ihren
schwarzen, rechteckigen Schatten.
Der kleine Fortinbras rochelte, nebenan hatte es wieder zu schnarchen
angefangen.
"So'n Leben! So'n Leben!"
Er hatte sich wieder zu ihr gedreht. Seine Stimme klang jetzt weich,
weinerlich.
"Du sagst ja gar nichts!"
"Sie schluchzte nur wieder.
"Ach Gott, ja! So'n...Ae!! ..."
Er hatte sich jetzt noch mehr auf die Kante zu geruckt.
"Is ja noch Platz da! Was druckste dich denn so an die Wand! Hast
du ja gar nicht notig!"
Sie schuttelte sich. Ein fader Schnapsgeruch hatte sich allmahlich
uber das ganze Bett hin verbreitet.
"So ein Leben! Man hat's wirklich weit gebracht! ... Nu sich noch
von so'ner alten Hexe rausschmeissen lassen! Reizend!! Na, was
macht man nu? Liegt man mor gen auf der Strasse!...Nu sag doch?"
Sie hatte sich jetzt noch fester gegen die Wand gedruckt. Ihr
Schluchzen hatte aufgehort, sie drehte ihn den Rucken zu.
"Ich weiss ja! Du bist ja am Ende auch nicht schuld dran! Nu sag
doch!"
Er war jetzt wieder auf kann zugeruckt.
"Nu sag doch!...Man kann doch nicht so--verhungern?!"
Er lag Jetzt dicht hinter ihr.
"Ich kann Ja auch nicht dafur!...Ich bin ja gar nicht so! Is auch
wahr! Man wird ganz zum Vieh bei solchem Leben! ... Du schlafst
doch nicht schon?"
Sie hustete.
"Ach Gott, ja! Und nu bist du auch noch so krank! Und das Kind!
Dies viele Nahen...Aber du schonst dich ja auch gar nicht...ich
sag's ja!"
Sie hatte wieder zu schluchzen angefangen.
"Du--hattest--doch lieber,--Niels.."
"Ja...ja! Ich seh's ja jetzt ein ! Ich hatt's annehmen sollen! Ich
hatt' ja spater immer noch...ich seh's ja ein! Es war unuberlegt!
ich hatte zugreifen sollen! Aber--nu sag doch!!"
"Hast du ihn--denn nicht...denn nicht--wenigstens zu--Haus getroffen?"
"Ach Gott, ja, aber...aber, du weisst ja! Er hat ja auch nichts!
Was macht man nu bloss? Man kann sich doch nicht das Leben nehmen?!"
Er hatte jetzt ebenfalls zu weinen angefangen.
"Ach Gott! Ach Gott!."
Sein Gesicht lag jetzt mitten auf ihrer Brust., Sie zuckte!
"Ach Gott! Ach Gott!!"
Der dunkle Rand des Glases oben quer uber der Decke hatte wieder
unruhig zu zittern begonnen, die Schatten, die das Geschirr warf,
schwankten, dazwischen glitzerten die Wasserstreifen.
"Ach, nich doch Niels! Nich doch! Das Kind--ist ja schon wieder
auf! Das--Kind schreit ja! Das--Kind, Niels!...Geh doch mal hin!
Um Gottes willen!!" Ihre Ellbogen hinten hatte sie jetzt fest in
die Kissen gestemmt, ihre Nachtjacke vorn stand weit auf.
Durch das dumpfe Gegurgel druben war es jetzt wie ein dunnes,
heisres Gebell gebrochen. Aus den Lappen her wuhlte es, der ganze
Korb war in ein Knacken geraten.
"Sieh doch mal nach!!"
"Naturlich! Das hat auch grade noch gefehlt! Wenn das Balg doch
der Deuwel holte! ..."
Er war jetzt wieder in die Pantoffeln gefahren.
"Nicht mal die Nacht mehr hat man Ruhe! Nicht mal die Nacht mehr!!"
Das Geschirr auf dem Tisch hatte wieder zu klirren begonnen, die
Schatten oben uber die Wand hin schaukelten.
"Na? Du!! Was gibt's denn nu schon wieder? Na?...Wo ist er denn?...Ae,
Schweinerei!"
Er hatte den Lutschpfropfen gefunden und wischte ihn sich nun an
den Unterhosen ab.
"So'ne Kalte! Na? Wird's nu bald? Na? Nimm's doch, Kamel! Nimm's
doch! Na?!"
Der kleine Fortinbras jappte!
Sein Kopfchen hatte sich ihm hinten ins Genick gekrampft, er bohrte
es jetzt verzweifelt nach allen Seiten.
"Na? Willst du nu, oder nich?!--- Bestie!!"
"Aber--Niels! Um Gottes willen! Er hat ja wieder den--Anfall!"
"Ach was! Anfall!--- Da! Friss!!"
"Herrgott, Niels..."
"Friss!!!"
"Niels!"
"Na? Bist du--nu still? Na?--Bist du--nu still? Na?! Na?! "
"Ach Gott! Ach Gott, Niels, was, was--machst du denn bloss?! Er,
er--schreit ja gar nicht mehr! Er...Niels!!"
Sie war unwillkurlich zuruckgeprallt. Seine ganze Gestalt war
vornuber geduckt, seine knackenden Finger hatten sich krumm in den
Korbrand gekrallt. Er stierte sie an. Sein Gesicht war aschfahl.
"Die... L-ampe! Die...L-ampe! Die...L-ampe!"
"Niels!!!"
Sie war rucklings vor ihm gegen die Wand getaumelt.
"Still! Still!! K--lopft da nicht wer?"
Ihre beiden Hande hinten hatten sich platt uber die Tapete gespreizt,
ihre Knie schlotterten.
"K--lopft da nicht wer?"
Er hatte sich jetzt noch tiefer geduckt. Sein Schatten uber ihm
pendelte, seine Augen sahen jetzt plotzlich weiss aus.
Eine Diele knackte, das Ol knisterte, draussen auf die Dachrinne
tropfte das Tauwetter.
Tipp...............................................
...............Tipp .....................................
... Tipp .............................................
................. Tipp..................................
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Acht Tage spater balancierte der kleine, buckelige Backerjunge
Tille Topperholt seinen Semmelkorb pfeifend durch das dunkle,
dichtverschneite Severingasschen nach dem Hafen runter. Die Witterung
hatte wieder umgeschlagen, seine kleine Stupsnase sah zum Erbarmen
blau aus.
"Heil dir, Svea! Mutter fur uns alle!"
Es hatte gerade funf geschlagen. Vor dem neuen, grossen Schnapsladen
an der Ecke der Petrikirche stolperte er. Jesus! Seine Semmeln
waren ihm in den Rinnstein geflogen, er war mitten in den Schnee
geschlagen, Aber er nahm sich nicht einmal die Zeit, sie wieder
aufzulesen. Er kam erst wieder zur Besinnung, als er sich bereits
druben am Jakobiplatz mit beiden Handen an die grosse, dick
beeiste Glocke gehangt hatte, die denn auch sofort oben die ganze
Polizeiwache alarmierte. Jesus! Jesus!!
Als der dicke Sieversen dann endlich angestapft kam, konstatierte
er, dass der Mann erfroren war. "Erfroren durch Suff!" Seinen
zerbeulten Zylinder hatte ihm der kleine, buckelige Tille vorhin
grade gegen die Laterne gequetscht. Aus seinen zerlumpten, apfelgrunen
Frackschossen sah noch die Flasche.
Wohlan, eine pathetische Rede!
Es war der grosse Thienwiebel.
Und seine Seele? Seine Seele, die ein unsterblich Ding war?
Lirumn, Larum! Das Leben ist brutal, Amalie! Verlass dich
drauf! Aber--es war ja alles egal! So oder so!