Rueckblicke by Dr. rer. pol. Walter Gruenfeld
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27 Copyright (C) 1998 by Frank Dekker
Rueckblicke
Dr. rer. pol. Walter Gruenfeld
Inhaltsverzeichnis
Kapitel 1 Fruehes Panorama und Vorgeschichte
Kapitel 2 Die Familie und Kattowitz
Kapitel 3 Kindheit und fruehe Jugend
Kapitel 4 Kattowitz kommt zu Polen
Kapitel 5 Als Student in der Weimarer Republik
A) Berlin
a) Leben und Studium
b) ... und politische Betaetigung
B) Muenchen
C) Zwischen Breslau und zu Hause
Kapitel 6 Nach dem Ende von Weimar
Kapitel 7 Emigration nach Hause, in Polen
Kapitel 8 Der 2. Weltkrieg bricht aus
Kapitel 9 Kriegsfluechtling
Anmerkungen
Literatur
Kapitel 1
Fruehes Panorama und Vorgeschichte
Wenn man von einem Nachmittagsausflug nach dem Franziskanerkloster
Panewnik durch einen damals reichen, gruenen Laubwald zurueckwanderte
und aus dem Wald trat, da hatte man, von leichter Anhoehe, ein gutes
Panorama von Kattowitz vor sich, mit dem benachbarten Zalenze und
einigen noch weiter westlich und oestlich gelegenen Industriegemeinden,
aber man erschrak auch, denn man sah, wie alle diese bewohnten
Gegenden in dichte Wolken von Dunst und Rauch getaucht waren. Und
dort lebten wir also. Musste man also jetzt dorthin zuruecklaufen?
Das war aber nur eines von recht wenigen Malen, dass ich das als Kind
gefragt habe. Fuer mich war diese Silhouette der Kohlengruben, Eisen-
und Zinkhuetten, die sich da wie eine Kette von Ost nach West inmitten
der Ortschaften hinzogen, eine Faszination, es war die Heimat, in der
und mit der man lebte. Ja, es gab dort oft so einen Geruch und
Geschmack nach Rauch, er war wuerzig, man kannte ihn. Aber die Natur
reichte an die Stadt heran; um die Stadt war viel unbebautes Feld,
teils angebaut mit Roggen, Hafer, viel Kartoffeln, Kohl und Rueben,
teils ganz leer, hart und steinig, holprig, die sogenannten
Bruchfelder, die besonders stark von einer Grube unterbaut waren.
Dann weiter im Sueden begann der Wald, das waren die Auslaeufer der
grossen Waelder des Fuerstentums Pless, die etwa dreissig Kilometer bis
Pless sich ausstreckten. Man konnte zum Nachmittagskaffee durch den
Wald nach "Emanuelssegen", Murcki, laufen. Da war nicht nur eine
Gartenwirtschaft, sondern auch eine grosse Kohlengrube, die eigentlich
in einer sehr grossen Lichtung im Wald lag. Weiter suedlich lag dann
in den Plesser Waeldern der Paprozaner See. Dort gab es nicht nur das
Jagdschloesschen Promnitz. Da war auch einmal ein "Eisenhammer". Man
konnte die Ueberreste noch sehen. Es wurde viel Holz und Holzkohle
dafuer gebraucht, aber jetzt war die Eisenverhuettung zu den
Kohlenfloezen gezogen, wo sie zu enormen Unternehmungen wurde, das
oberschlesische Industrierevier. Es entstand aus alten Dorfgemeinden
die Kette von Industrieortschaften. Vor allem an den
Hauptverkehrsadern gingen sie ineinander ueber. Dazwischen waren
groessere und alte Staedte wie Beuthen und die viel juengere, erst im 19.
Jahrhundert entstandene Stadt Kattowitz. Die Orte hatten eine oder
mehrere Kohlengruben als wirtschaftliche Basis und einige hatten
Eisenhuetten und Stahlwerke oder Zinkerzgruben und -huetten.
Das war ein frueher Eindruck meiner Kindheit. Wir lebten in Kattowitz,
ein Teil der Familie in Beuthen, und wir besuchten sie dort oft.
Das waren etwa eineinhalbstuendige Wagenreisen, spaeter nach 1918 nur
noch halbstuendige Autofahrten durch diesen Teil des Industriereviers,
etwa fuenfzehn Kilometer. Ich kannte bald die Namen der Orte, Gruben
und Werke, an denen wir vorbeifuhren, alle mit Halden, besonders
russig und rauchig.
Meine ersten Kindheitserinnerungen an die Menschen in Oberschlesien
zeigen kaum Spuren von den grossen Konflikten spaeterer Jahre und wie
man von Heute darauf zurueckblickt. Ich war 1908 in Kattowitz geboren.
Dazwischen liegen zwei Weltkriege, der Zerfall von drei
Kaiserreichen, die so tragisch vergeblichen Existenzkaempfe der
Weimarer Republik und des unabhaengigen Polens und dann die
Nazikatastrophe, die Deutschland, Europa und die ganze Welt, und noch
so besonders unbeschreiblich uns Juden betroffen hat.
Ueber den oberschlesischen Menschen ist oft geschrieben worden. Die
Sprache hatte in breiten Schichten der deutschsprechenden
Oberschlesier einen Akzent, der die Nachbarschaft mit den polnisch
sprechenden Oberschlesiern durchscheinen liess, und durchsetzt war mit
manchen heimischen polnischen Kraftausdruecken. Es war eine recht
hart klingende, aber eine gemuetliche Sprache. Bei uns zu Hause, in
der Schule und im Bekanntenkreis wurde Hochdeutsch gesprochen, die
Kraftausdruecke und der Akzent waren verpoent, aber das oberschlesische
Deutsch war doch um einen herum, man lebte damit. Auch das Polnisch
hoerte man. In der Stadt wurde ganz vorwiegend Deutsch gesprochen,
aber polnisch hoerte man als Kind zum Beispiel im Kontakt mit Bauern
und Baeuerinnen der Umgebung, die man bei den taeglichen Spaziergaengen
traf, oder wenn man auf den Markt mitging.
Aber mir fehlte als Kind das Gefuehl fuer eine starke Spannung zwischen
deutsch und polnisch sprechenden Menschen in Oberschlesien, und ich
glaube, nicht nur wegen meiner Kindheit, sondern auch, dass diese
Spannung vor 1918 nicht so entwickelt war. Es ist richtig,
Oberschlesien war bereits im Reichstag durch den polnischen
Abgeordneten Korfanty vertreten, es gab polnische Vereine und
Zeitungen, Wahlkaempfe, aber es gingen alle in den Krieg 1914.
Wenn man ueber die Jahrhunderte zurueckblickt, dann war Schlesien, und
besonders Oberschlesien so stark und haeufig ein Gebiet der Uebergaenge,
mit wechselnden Siedlungseinfluessen und politischen Oberhoheiten.
Die Bevoelkerung, die die Umwelt meiner Kindheit war, trug noch die
Zeichen davon. Es war auch ein Dialekt des Polnischen, bei uns
Wasserpolnisch genannt, im heutigen Polen "gwara", der in
Oberschlesien gesprochen wurde. Es hatte ja lange getrennt vom
polnischen Hauptland und zeitweise unter boehmischen (tschechischen)
und deutschen Einfluessen gelebt, die zu dieser Dialektbildung
beigetragen hatten. Die Suedostecke Oberschlesiens, wo Kattowitz lag,
war so ganz besonders ein Grenzland. Wenn man an klaren Tagen nach
Sueden sah, oder gar suedlich auf dem Wege nach Pless fuhr, dann sah man
die Gebirgskette der Beskiden, des noerdlichen Teils der Karpaten, das
war in Oesterreich. Es war das oestereichische Schlesien, das der
preussische Koenig Friedrich der Grosse am Ende seiner Schlesischen
Kriege der Kaiserin Maria Theresia noch belassen musste. Wenn man auf
einem groesseren Ausflug nach Bielitz am Rande der Beskiden fuhr, dann
ging man ins Kaffee Bauer, und das war, so wurde uns Kindern gesagt,
wie ein richtiges Wiener Kaffeehaus, die Leute in der Stadt sprachen
deutsch mit einem oesterreichischen Akzent. Sie waren in
oesterreichische Schulen gegangen, bei uns in Kattowitz waren es
preussische. Im Osten von Kattowitz aber war die russische Grenze.
Nur etwa zehn Kilometer weg bei Myslowitz war die Dreikaiserecke, wo
das deutsche, oesterreichische und russische Kaiserreich
zusammenstiessen. Fuer uns als Kinder war diese Idee natuerlich
faszinierend. Aber die russische Grenze lief noch naeher bei
Kattowitz vorbei, in wenigen Autominuten war man in Czeladz und
Sosnowitz, wie es damals bei uns genannt wurde, aber es war natuerlich
die polnische Stadt Sosnowiec, die damals unter Herrschaft des
russichen Zaren stand.
Mein Grossvater und Vater waren Bauunternehmer in Kattowitz. In
Sosnowitz selbst hatten sich im l9. Jahrhundert mehrere saechsische
Textilindustrielle niedergelassen. Mein Grossvater und Vater hatten
die Bauten ausgefuehrt, und waren mit der Familie Dietel befreundet.
Ich erinnere mich an Besuche bei ihnen. Ihr Wagen mir Pferden wurde
bei uns im Hof abgestellt, wenn jemand von der Familie nach Kattowitz
zum Einkaufen kam. Dann sprachen wir mit dem Kutscher, der aus
Russland kam. Aber das sind Erinnerungen an das eher Fernere und
Fremde aus der Welt meiner Kindheit und frueheren Jugend. Es waren
Dinge am Rande der Umwelt, denn die Umwelt war eben "Oberschlesien",
so wie es sich in etwa 160 Jahren als ein Regierungsbezirk der
preussischen Provinz Schlesien entwickelt hatte, und uns in unserer
Jugend erschien. Man versteht Vieles besser, wenn man versucht, von
dem Heute aus einen neuen, unbefangenen Blick auf die Geschichte zu
werfen. Bereits fuer die vorgeschichtliche Zeit gibt es erhebliche
Meinungsverschiedenheiten zwischen deutschen und polnischen
Historikern.
Schriftliche Ueberlieferung beginnt spaet, aber archaeologische
Forschung hat, verglichen mit meiner Schulzeit, das Bild der
Fruehgeschichte des oestlichen Mitteleuropas sehr erweitert, bis weit
vor der Voelkerwanderung. Vor den Kelten und nachwandernden Germanen
weiss man heute ueber die vorherige Bevoelkerung und ihre Kulturen,
sieht frueheste Einfluesse ueber das Donaugebiet von Sueden(1), mit
eigenen Handwerkszentren und Metallverarbeitung in Schlesien. Nach
polnischen Auffassungen (2) waren Traeger dieser fruehen Kulturen
bereits indogermanische, naemlich slawische Staemme, so die bekannte
Lausitzer Kultur, und die spaeter erscheinenden Kelten und Germanen
nur durchwandernde Voelker, die voruebergehende Herrschaft ueber
bestehende Urbevoelkerung ausuebten, aehnlich wie man es von Awaren oder
Hunnen weiss. Andere bleiben bei frueherer Auffassung, dass slawische
Staemme erst den nach Westen weiterziehenden Germanen nachgerueckt sind.
Als fruehe slawische Staatsbildung erscheint im 9. Jahrhundert n.Chr
ein Grossmaehrisches Reich, bald ueberholt vom Boehmischen Reich der
Przemysliden Dynastie, das, durch Mission von benachbarten bayrischen
Bistuemern her zum roemischen Christentum bekehrt, seinen Eintritt in
die abendlaendische Welt findet und in diese auch Schlesien einbezieht,
von wo 950 n.Chr. ein Missionar nach Posen geht.
Dort hatte sich inzwischen der Kern eines polnischen Reiches unter
dem Piasten Mieszko I. entwickelt. Unter dem Einfluss sowohl von
Boehmen wie von Sachsen auch zum Katholizismus bekehrt, ueberragte es
bald das aeltere Boehmen und eroberte Schlesien, das fuer Jahrhunderte
nun Gebiet wechselnder Einfluesse und oft erneuerten Streits zwischen
Boehmen und Polen bleibt.
Die polnischen Piasten teilten sich in verschiedene Linien, eine war
in Schlesien, teilte sich weiter in mehrere schlesische Herzogtuemer.
Die kirchliche Oberhoheit blieb bei dem polnischen Bistum Gnesen und
im suedlichsten Oberschlesien bei Krakau, aber staatliche Oberhoheit
wechselte und fiel schliesslich durch Vertrag 1335 an die boehmische
Krone, damals, nach Aussterben der tschechischen Przemysliden, in der
Hand der Luxemburger, die auch mehrere deutsche Kaiser stellten.
Die Mongoleneinfaelle des 13. Jahrhunderts waren in Schlesien zum
Benefit fuer ganz Europa gemeinsam von schlesischen, polnischen und
deutschen Kraeften aufgehalten worden, aber grosse Verwuestungen blieben.
Vielleicht waren diese Anlass fuer verstaerkte Siedlung von
Deutschland her, auf Einladung schlesischer Piasten und von Kloestern,
bestehend aus baeuerlicher und staedtischer Siedlung, beide unter aus
deutschen Gebieten mitgebrachten Rechtsordnungen, von denen dann auch
ueber Schlesien hinaus in polnischen Gebieten Gebrauch gemacht wurde.
Die Welle deutscher Siedlung dauerte bis ins 14. Jahrhundert,
hinterliess unterschiedliche Spuren in der Bevoelkerung, das Bild
veraendert sich im Laufe der Jahre wieder, mancherorts sieht man
fortschreitende Assimilation von Siedlern an die polnisch sprechende
Umgebung. Deutsche Siedlung, ebenso wie zunehmende Verschwaegerung
schlesischer Piastenherzoege mit deutschen Fuerstenfamilien koennten mit
ein Antrieb gewesen sein fuer die Entscheidung schlesischer Piasten
fuer boehmische statt polnischer Oberhoheit. Man muss aber wohl
vorsichtig sein bei der Interpretation mittelalterlicher dynastischer
Entscheidungen. Schlesien blieb nun bei der boehmischen Krone fuer 400
Jahre, hatte aber durchaus nicht so langen Frieden, es wurde in deren
Konflikte einbezogen, so die Hussitenkriege mit tschechischen,
ungarischen und dann polnisch-jagiellonischen Interregnen zwischen
Luxemburgern und schliesslich den Habsburger Herrschern, die alles
1526 ererbten.
Die Reformation drang frueh in Schlesien ein. Die Struktur der
Herrschaft hatte sich geaendert. Die schlesischen Piastenherzogtuemer
fielen bei Aussterben der Linien als Standesherrschaften an
auswaertige Fuersten, darunter auch Hohen- zollern, oder wurden durch
Prag an Neuankoemmlinge vergeben. Die schlesischen "Staende" wurden
somit eine immer komplexere Versammlung.
Die adligen Staende Boehmens und Maehrens hatten waehrend der Wirren um
die boehmische Krone sehr an Macht gewonnen. Das trug dazu bei, dass
die Reformation in Boehmen und Maehren besonders grosse Fortschritte
machte; auch in Schlesien breitete sie sich aus unter Einfluessen aus
verschiedenen Richtungen. In Polen machte die Reformation zunaechst
auch Eindruck und findet Anhaenger auch unter polnischen Adligen und
Gemeinden in Oberschlesien. Es war nicht so, dass mit dem Uebergang
der Hoheit an Boehmen der wirtschaftliche und kulturelle Kontakt mit
den angrenzenden polnischen Gebieten aufgehoert haette. Es bestand
weiter die kirchliche Verflechtung der meisten oberschlesischen
Dekanate mit dem Bistum Krakau. Auch zum Universitaetstudium gehen
Oberschlesier nach Krakau, aber man liest auch von einem polnischen
protestantischen Geistlichen im zur Standesherrschaft Pless gehoerigen
Dorf Woschczytz, der zum Studium nach Wittenberg gegangen war (4).
Die Erwaehnung von Woschczytz interessierte mich, weil sich dann dort
spaeter die ersten Spuren unserer Familie Gruenfeld in Oberschlesien
finden. Die Gegenreformation, mit aeusserster Strenge von den
Habsburger Kaisern in Schlesien durchgefuehrt, reduzierte hier den
Protestantismus bald, aber in Boehmen blieben die Beziehungen der
Staende mit dem habsburgischen Kaiser so gespannt, dass von dort der
dreissigjaehrige Krieg ausbrach, der das benachbarte Schlesien
furchtbar in Mitleidenschaft ziehen sollte. Wallensteins und
Mansfelds Heere zogen durch und kampierten, es dauerte lange, bis der
Rueckschlag im Wohlstand Schlesiens ueberwunden war.
Eine notwendige Anmerkung
Nach dem Rueckblick auf geschichtliche Entwicklungen in Oberschlesien,
der uns schon auf das engere Gebiet gebracht hat, in dem ich meine
Familie dann im fruehen l9. Jahrhundert anfinde, ist es Zeit, sich zu
erinnern, dass dies eine juedische Familie war, und das Schicksal der
Juden in Oberschlesien, wie in Europa ueberhaupt, noch eine besondere
Betrachtung erfordert. Einer muendlichen Tradition nach soll unsere
Familie aus Maehren nach Oberschlesien gekommen sein und urspruenglich
aus Iglau stammen. Wenn ich mir vorzustellen versuche, wie es meinen
juedischen Vorfahren in der Zeit ergangen sein koennte, von der wir
gesprochen haben, denke ich vorerst an die Geschichte der Juden in
Maehren. Frueheste beurkundete Besuche von Juden als "beglaubigte
Kaufleute" in Maehren gibt es von 903 AD., aber Beginn ihrer
Ansiedlung wird erst fuer das 12. Jahrhundert angenommen (5).
Man bemerkt sie als staedtische Siedlung, wie in den deutschen Staedten
Speyer und Worms gibt es Rechtsschutz fuer Juden als Minderheit. In
Prag wird er in einem Statut von ca. 1174 gemeinsam fuer deutsche,
flaemische und juedische Kaufleute geregelt, und in Maehren zuerst im
Stadtrecht von Iglau, einer schnell gewachsenen Stadt, die bald eine
der groessten juedischen Gemeinden Maehrens hatte, aber 1426 wurden die
Juden aus der Stadt vertrieben, weil sie die Hussiten unterstuetzt
haetten. Bald folgte Vertreibung aus den anderen selbststaendigen
Staedten, wegen des mehr gebraeuchlichen Vorwurfs des Wuchers. Gewiss
hatte sich auch schon in Iglau wirtschaftlicher Neid der Staedter mit
religioesem Eifer neuer Herrscher gepaart. Die maehrischen Juden
fanden Refugium in kleineren, adligen Grundherren untertaenigen
Staedten, konnten dort und auch den angrenzenden Doerfern, die oft
demselben Adligen gehoerten, Handel treiben (6).
Sie konnten auch an den regelmaessigen Maerkten in den groesseren
Staedten, aus denen sie vertrieben waren, teilnehmen gegen Zahlung von
Besuchergebuehren. Die schon erwaehnte unabhaengige Eigenwilligkeit des
Adels in Maehren zeigte sich nicht nur im starken Anteil von
Protestanten, sondern auch im zaehen Widerstand gegen Beschraenkung
ihrer Moeglichkeiten, von wirtschaftlicher Taetigkeit von Juden
Gebrauch zu machen. Juden betrieben nicht nur Handel, sie wurden
Paechter oder Verleger fuer neue gewerbliche Betriebe adliger Gueter,
wie Gerbereien oder Branntweinbrennereien (7). Der Refugiumcharakter
Maehrens dehnte sich auch auf die Maehren benachbarten Gebiete der
einstigen oberschlesischen Herzogtuemer Ratibor und Oppeln aus (8).
Maehren wurde auch Refugium fuer andere Juden, so bei
Judenvertreibungen aus Wien, waehrend der Wirren des dreissigjaehrigen
Krieges und auch der blutigen Verfolgungen im oestlichen Polen
(Ukraine) 1648. In Schlesien hatte sich die vom gegenreformatorischen
Eifer gegen alles "Akatholische" inspirierte und mit der
wirtschaftlichen Gegnerschaft der Staedte gegen die Juden gepaarte
antijuedische Politik der Habsburger Kaiser bis ins 17. Jahrhundert
soweit durchgesetzt, dass es Juden mit Aufenthaltsrechten nur noch in
den beiden Staedten Glogau und Zuelz gab, aber sich im suedlichen
Oberschlesien eine kleine juedische Bevoelkerung auf dem Land erhalten
konnte. Wirtschaftliche Beduerfnisse aber sprachen fuer
Aufrechterhaltung juedischer Teilnahme, vor allem aus Polen, an den
staedtischen Maerkten, und es kam zu kleinen Ansiedlungen (9).
Zu Beginn des 18. Jahrhunderts versuchte Maria Theresia wie schon ihr
Vater, die Beschraenkungen gegen juedische Residenz auch in Boehmen und
Maehren wieder zu verstaerken, und 1744 verfuegte sie die Ausweisung
aller Juden aus ihrem "Erbkoenigreich Boeheimb" wegen vermeintlicher
preussenfreundlicher Haltung der Juden waehrend des Schlesischen Kriegs
(10). Das betraf auch Maehren. Die Fristen wurden oertlich
verschieden verlaengert. Es scheint also, dass Zuwanderung von
maehrischen Juden in das nahe, unterdess zu Preussen gehoerige suedliche
Oberschlesien gerade fuer diese Zeit gut erklaerlich ist.
Kapitel 2
Die Familie in Kattowitz
Diese fuehrt uns zu den Anfaengen juedischer Emanzipation, etwas vom
Leben in einer der oberschlesischen, kleineren Staedte wie Sohrau,
dann der Entwicklung im oberschlesischen Industriegebiet und der
Entstehung der Stadt Kattowitz. Die deutsch-polnische Problematik
stellt sich vornehmlich in den durch die Teilungen Polens an Preussen
gefallenen Provinzen Posen und Westpreussen, aber spielt auch eine
Rolle im stark polnisch-sprechenden Oberschlesien. Wir denken an
kulturelle und kommunale Entwicklung in der jungen Stadt Kattowitz,
in der ich dann 1908 geboren wurde.
Meinen Urgrossvater Hirschel Gruenfeld findet man in der Liste der
durch die Hardenberg'schen Reformen 1812 zu preussischen Staatsbuergern
werdenden schlesischen Juden (1). 1817 zieht er mit seiner Frau und
drei ihrer Kinder von Woschczytz nach der Stadt Sohrau. Nach dem Tod
seiner Frau 1818 (3) heiratet er 1820 Lewine (spaeter Louise)
Huldschinsky (4). Diese neue Familie Gruenfeld hat dann drei Soehne
und fuenf Toechter bis Hirschel Gruenfeld 1840 in Sohrau stirbt.
Ich habe kaum Anhaltspunkte, mir ein Bild von ihm zu machen,
hoechstens von der Umgebung, in der er gelebt hat. Das Dorf
Woschczytz, schon von mir erwaehnt, ist 1836 ausgewiesen mit einer
Wasser- und Saegemuehle und einem Frischfeuer, 57 Haeusern und 352
Einwohnern (5). Im Verlauf der wieder zunehmenden Ansiedlung von
Juden in Oberschlesien wird es fuer 1693 erwaehnt (6), aber bereits fuer
1678 erscheint ein juedischer Messegast in Leipzig aus Woschczytz(7).
Die Naehe der Stadt Sohrau hat vermutlich auch juedische Kaufleute nach
dem benachbarten Woschczytz gezogen, da Ansiedlung fuer sie in Sohrau
begrenzt war. Wirtschaftlich wurde Sohrau stark durch seine Woll-
und spaeter Leinwandweberei, und dazu kam schon im 16. Jahrhundert ein
bedeutendes Schuhmachergewerbe(8), mit zeitweise 32 Meistern.
Hirschel Gruenfelds Beruf "Lederhandel" kann damit zu tun gehabt haben.
Ueber Umfang und Erfolg seines Geschaefts haben sich in der
Familie keine Informationen erhalten. Er starb mit etwa 60 Jahren,
seine Frau war wesentlich juenger, das juengste der acht Kinder wurde
erst im selben Jahr geboren. Eine Schwester der Frau hatte den
Gastwirt Hirschel Loebinger in Sohrau geheiratet. Mein Vater hat oft
betont, dass die Familien eng zusammenlebten, auch dass die Familie
Loebinger ebenso wie die Gruenfelds von Maehren nach Oberschlesien
gekommen waren.
Die beiden aelteren Soehne Hirschel Gruenfelds verliessen Sohrau bald
nach seinem Tode, also noch sehr jung, naemlich Abraham, geboren 1823
und Isaak, spaeter Ignatz genannt, geboren 1826, mein Grossvater. Er
wird spaeter ein Maurerlehrling und hat dann verschiedene Stellungen
als Geselle und Polier, bis er sich 1855 in der Dorf- und
Industriegemeinde Kattowitz als Meister niederlaesst. Einen Abraham
Gruenfeld aber finden wir in Sohrau wieder, meist als Lehrer
bezeichnet, manchmal als Kaufmann. Auch meine Urgrossmutter hat noch
bis um 1870 in Sohrau gelebt, es blieb auch fuer meinen Vater eine Art
Begriff eines Herkunftsorts der Familie, ich konnte mir auch heute
nachtraeglich ein gewisses Bild vom Leben dort machen, denn es gibt
eine sehr ausfuehrliche Stadtgeschichte (9). Meine Heimatstadt
Kattowitz gab es ja noch gar nicht als Stadt in der 1.Haelfte des 19.
Jahrhunderts, aber Sohrau war eine alte Stadt mit althergebrachtem
buergerlichem und Zunftleben, ueberwiegend katholisch geblieben. Ich
fand es interessant zu sehen, wie zur Zeit meiner Urgrosseltern das
Leben sich da veraenderte, mit zunehmender Gewerbefreiheit, und was
man ueber die Emanzipation der Juden und ihre Probleme dabei sehen
kann. Juden waren mit dem Wirtschaftsleben von Sohrau wohl lange
verbunden. Schon fuer 1511 werden "Judenacker" neben der Stadt
erwaehnt (10). Die Staedte liessen Juden zu ihren Maerkten zu, auch wenn
sie sich lange Zeit nicht ansiedeln durften. Erst fuer das 18.
Jahrhundert hoeren wir dann von juedischen Einwohnern. 1791 leben aber
an Juden erst 34 Personen in der Stadt, 103 in den "Vorstaedten". 1856
waren es dann schon 471, nach der Emanzipation hatte Sohrau starken
Zuzug juedischer Familien vor allem aus den Doerfern der Kreise Rybnik
und Pless erhalten. Anfang des 19. Jahrhunderts wird eine Synagoge
gebaut, ein Friedhof eingerichtet, ein Rabbiner engagiert, und es gab
juedische Lehrer. Die Schulung der Kinder ist gerade auch nach der
Emanzipation ein gewisses Problem in kleinen Gemeinden.
Unter den schlesischen Landjuden, wo ja oft nur wenige, oft nur
einzelne juedische Familien in einem Dorf lebten, gab es die
Einrichtung der Hauslehrer, und Privatlehrer gab es dann auch
zunaechst in Sohrau. Die oeffentlichen beaufsichtigten Schulen, die
eingerichtet wurden, waren konfessionell, auch der juedischen Gemeinde
oblag nach Emanzipation, fuer die vorschriftsmaessige Schulung ihrer
Kinder zu sorgen. Fuer kleinere Gemeinden war es finanziell nicht
einfach, den neuen behoerdlichen Verpflichtungen fuer die Erziehung
ihrer Kinder nachzukommen. Ein System, junge juedische Leute als
Hauslehrer aufzunehmen, hatte wohl gutsituierten Landjuden geholfen.
Um der Schulpflicht nach der Emanzipation zu genuegen, wurden aber an
dazu befugte Lehrer ganz andere Anforderungen gestellt, und die
juedische Gemeinde hatte einen dauernden Kampf, fuer die von ihr
angestellten Lehrer behoerdliche Genehmigung zu bekommen.
Viele konnten die nachtraeglich abzulegenden Examen nicht bestehen.
So gab es einen haeufigen Wechsel. Zeitweise konnte die Gemeinde eine
juedische Volksschule oder sogar einige Klassen einer
fortgeschrittenen Schule unterhalten. Wenn in katholischen
Volksschulen Platz war, konnten juedische Kinder auch aufgenommen
werden, schon in den 1820er Jahren scheinen manche juedischen Familien
das sogar bevorzugt und sich fuer die Aufrechterhaltung juedischer
Schulen gar nicht mehr so interessiert zu haben. Aber noch 1858 muss
eine juedische Schule wieder errichtet werden, da in der katholischen
kein Platz ist. Dazwischen gab es auch einen christlichen
Privatlehrer, der eine Schule fuer die protestantischen und juedischen
Kinder unterhielt. Wenn Kinder in nichtjuedische Schulen gingen,
musste die Gemeinde fuer ihren Religionsunterricht durch einen
hinreichend qualifizierten Lehrer sorgen. Als solcher wird
fortlaufend A. Gruenfeld erwaehnt (11), auch noch fuer 1858. Als
Religionslehrer taetig, blieb er also wohl der juedischen Tradition
verhaftet.
In der juedischen Bevoelkerung sehen wir das bekannte Bild
fortschreitender Emanzipation und Assimilation. Schon in der 1.
Haelfte des 19. Jahrhunderts finden wir zwei in der Stadt allgemein
angesehene juedische Aerzte (Wachsmann und Karfunkel), mehrere
Fabrikbesitzer, aus der Muehlenbesitzer Familie Stern kommt der
spaetere Nobelpreistraeger fuer Physik Otto Stern (1943 geboren in
Sohrau). Auch in den Gremien der Stadtverwaltung finden wir frueh
juedische Namen, und ebenso in verschiedenen staedtischen Vereinen, z.B.
Frauenverein und Freiwillige Feuerwehr. Im 18. Jahrhundert gab es
noch die alten Strukturen in der Stadt Sohrau. Industrie ist ein
handwerkliches Gewerbe, und die Zuenfte kennzeichnen die Organisation
des staedtischen Lebens. Im 19. Jahrhundert aendert sich das Bild.
Auch unter den in die Stadt ziehenden oder dort aufwachsenden Juden
gibt es manche Handwerker, recht spezifisch fuer Oberschlesien.
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