A  /  B  /  C  /  D  /  E  /   F  /  G  /  H  /  I  /  J  /   K  /  L  /  M  /  N  /  O   P  /  R  /  S  /  T  /  U  /  V  /  W  /  X  /  Y  /  Z

Nachtstuecke by E.T.A. Hoffmann

E >> E.T.A. Hoffmann >> Nachtstuecke

Pages:
1 | 2 | 3 | 4 | 5 | 6 | 7 | 8 | 9 | 10 | 11 | 12 | 13 | 14 | 15 | 16 | 17 | 18 | 19 | 20 | 21 | 22 | 23 | 24 | 25 | 26


Nachtstuecke



Erzaehlungen von E.T.A. Hoffmann



Erster Teil
Der Sandmann
Ignaz Denner
Die Jesuitenkirche in G.
Das Sanctus

Zweiter Teil
Das oede Haus
Das Majorat
Das Geluebde
Das steinerne Herz



Erster Teil



Der Sandmann

Nathanael an Lothar

Gewiss seid Ihr alle voll Unruhe, dass ich so lange - lange nicht
geschrieben. Mutter zuernt wohl, und Clara mag glauben, ich lebe hier
in Saus und Braus und vergesse mein holdes Engelsbild, so tief mir
in Herz und Sinn eingepraegt, ganz und gar. - Dem ist aber nicht
so; taeglich und stuendlich gedenke ich Eurer aller und in suessen
Traeumen geht meines holden Claerchens freundliche Gestalt vorueber
und laechelt mich mit ihren hellen Augen so anmutig an, wie sie wohl
pflegte, wenn ich zu Euch hineintrat. - Ach wie vermochte ich denn
Euch zu schreiben, in der zerrissenen Stimmung des Geistes, die mir
bisher alle Gedanken verstoerte! - Etwas Entsetzliches ist in mein
Leben getreten! - Dunkle Ahnungen eines graesslichen mir drohenden
Geschicks breiten sich wie schwarze Wolkenschatten ueber mich aus,
undurchdringlich jedem freundlichen Sonnenstrahl. - Nun soll ich Dir
sagen, was mir widerfuhr. Ich muss es, das sehe ich ein, aber nur
es denkend, lacht es wie toll aus mir heraus. - Ach mein herzlieber
Lothar! wie fange ich es denn an, Dich nur einigermassen empfinden zu
lassen, dass das, was mir vor einigen Tagen geschah, denn wirklich
mein Leben so feindlich zerstoeren konnte! Waerst Du nur hier, so
koenntest Du selbst schauen; aber jetzt haeltst Du mich gewiss fuer
einen aberwitzigen Geisterseher. - Kurz und gut, das Entsetzliche,
was mir geschah, dessen toedlichen Eindruck zu vermeiden ich
mich vergebens bemuehe, besteht in nichts anderm, als dass vor
einigen Tagen, naemlich am 30. Oktober mittags um 12 Uhr, ein
Wetterglashaendler in meine Stube trat und mir seine Ware anbot. Ich
kaufte nichts und drohte, ihn die Treppe herabzuwerfen, worauf er aber
von selbst fortging.

Du ahnest, dass nur ganz eigne, tief in mein Leben eingreifende
Beziehungen diesem Vorfall Bedeutung geben koennen, ja, dass wohl die
Person jenes unglueckseligen Kraemers gar feindlich auf mich wirken
muss. So ist es in der Tat. Mit aller Kraft fasse ich mich zusammen,
um ruhig und geduldig Dir aus meiner fruehern Jugendzeit so viel
zu erzaehlen, dass Deinem regen Sinn alles klar und deutlich in
leuchtenden Bildern aufgehen wird. Indem ich anfangen will, hoere ich
Dich lachen und Clara sagen: "Das sind ja rechte Kindereien!" - Lacht,
ich bitte Euch, lacht mich recht herzlich aus! - ich bitt Euch sehr!
- Aber Gott im Himmel! die Haare straeuben sich mir und es ist, als
flehe ich Euch an, mich auszulachen, in wahnsinniger Verzweiflung, wie
Franz Moor den Daniel. - Nun fort zur Sache!

Ausser dem Mittagsessen sahen wir, ich und mein Geschwister, tagueber
den Vater wenig. Er mochte mit seinem Dienst viel beschaeftigt sein.
Nach dem Abendessen, das alter Sitte gemaess schon um sieben Uhr
aufgetragen wurde, gingen wir alle, die Mutter mit uns, in des Vaters
Arbeitszimmer und setzten uns um einen runden Tisch. Der Vater rauchte
Tabak und trank ein grosses Glas Bier dazu. Oft erzaehlte er uns viele
wunderbare Geschichten und geriet darueber so in Eifer, dass ihm die
Pfeife immer ausging, die ich, ihm brennend Papier hinhaltend, wieder
anzuenden musste, welches mir denn ein Hauptspass war. Oft gab er
uns aber Bilderbuecher in die Haende, sass stumm und starr in seinem
Lehnstuhl und blies starke Dampfwolken von sich, dass wir alle wie im
Nebel schwammen. An solchen Abenden war die Mutter sehr traurig und
kaum schlug die Uhr neun, so sprach sie: "Nun Kinder! - zu Bette!
zu Bette! der Sandmann kommt, ich merk es schon." Wirklich hoerte
ich dann jedesmal etwas schweren langsamen Tritts die Treppe
heraufpoltern; das musste der Sandmann sein. Einmal war mir jenes
dumpfe Treten und Poltern besonders graulich; ich frug die Mutter,
indem sie uns fortfuehrte: "Ei Mama! wer ist denn der boese Sandmann,
der uns immer von Papa forttreibt? - wie sieht er denn aus?" - "Es
gibt keinen Sandmann, mein liebes Kind", erwiderte die Mutter: "wenn
ich sage, der Sandmann kommt, so will das nur heissen, ihr seid
schlaefrig und koennt die Augen nicht offen behalten, als haette man
euch Sand hineingestreut." - Der Mutter Antwort befriedigte mich
nicht, ja in meinem kindischen Gemuet entfaltete sich deutlich der
Gedanke, dass die Mutter den Sandmann nur verleugne, damit wir uns
vor ihm nicht fuerchten sollten, ich hoerte ihn ja immer die Treppe
heraufkommen. Voll Neugierde, Naeheres von diesem Sandmann und seiner
Beziehung auf uns Kinder zu erfahren, frug ich endlich die alte Frau,
die meine juengste Schwester wartete: was denn das fuer ein Mann sei,
der Sandmann? "Ei Thanelchen", erwiderte diese, "weisst du das noch
nicht? Das ist ein boeser Mann, der kommt zu den Kindern, wenn sie
nicht zu Bett gehen wollen und wirft ihnen Haendevoll Sand in die
Augen, dass sie blutig zum Kopf herausspringen, die wirft er dann
in den Sack und traegt sie in den Halbmond zur Atzung fuer seine
Kinderchen; die sitzen dort im Nest und haben krumme Schnaebel, wie
die Eulen, damit picken sie der unartigen Menschenkindlein Augen auf."
- Graesslich malte sich nun im Innern mir das Bild des grausamen
Sandmanns aus; sowie es abends die Treppe heraufpolterte, zitterte ich
vor Angst und Entsetzen. Nichts als den unter Traenen hergestotterten
Ruf. "Der Sandmann! der Sandmann! " konnte die Mutter aus mir
herausbringen. Ich lief darauf in das Schlafzimmer, und wohl die ganze
Nacht ueber quaelte mich die fuerchterliche Erscheinung des Sandmanns.
- Schon alt genug war ich geworden, um einzusehen, dass das mit
dem Sandmann und seinem Kindernest im Halbmonde, so wie es mir die
Wartefrau erzaehlt hatte, wohl nicht ganz seine Richtigkeit haben
koenne; indessen blieb mir der Sandmann ein fuerchterliches Gespenst,
und Grauen - Entsetzen ergriff mich, wenn ich ihn nicht allein die
Treppe heraufkommen, sondern auch meines Vaters Stubentuer heftig
aufreissen und hineintreten hoerte. Manchmal blieb er lange weg,
dann kam er oefter hintereinander. Jahrelang dauerte das, und nicht
gewoehnen konnte ich mich an den unheimlichen Spuk, nicht bleicher
wurde in mir das Bild des grausigen Sandmanns. Sein Umgang mit dem
Vater fing an meine Fantasie immer mehr und mehr zu beschaeftigen:
den Vater darum zu befragen hielt mich eine unueberwindliche Scheu
zurueck, aber selbst - selbst das Geheimnis zu erforschen, den
fabelhaften Sandmann zu sehen, dazu keimte mit den Jahren immer mehr
die Lust in mir empor. Der Sandmann hatte mich auf die Bahn des
Wunderbaren, Abenteuerlichen gebracht, das so schon leicht im
kindlichen Gemuet sich einnistet. Nichts war mir lieber, als
schauerliche Geschichten von Kobolten, Hexen, Daeumlingen usw. zu
hoeren oder zu lesen; aber obenan stand immer der Sandmann, den ich
in den seltsamsten, abscheulichsten Gestalten ueberall auf Tische,
Schraenke und Waende mit Kreide, Kohle, hinzeichnete. Als ich zehn
Jahre alt geworden, wies mich die Mutter aus der Kinderstube in ein
Kaemmerchen, das auf dem Korridor unfern von meines Vaters Zimmer lag.
Noch immer mussten wir uns, wenn auf den Schlag neun Uhr sich jener
Unbekannte im Hause hoeren liess, schnell entfernen. In meinem
Kaemmerchen vernahm ich, wie er bei dem Vater hineintrat und bald
darauf war es mir dann, als verbreite sich im Hause ein feiner seltsam
riechender Dampf. Immer hoeher mit der Neugierde wuchs der Mut, auf
irgend eine Weise des Sandmanns Bekanntschaft zu machen. Oft schlich
ich schnell aus dem Kaemmerchen auf den Korridor, wenn die Mutter
voruebergegangen, aber nichts konnte ich erlauschen, denn immer war
der Sandmann schon zur Tuere hinein, wenn ich den Platz erreicht
hatte, wo er mir sichtbar werden musste. Endlich von unwiderstehlichem
Drange getrieben, beschloss ich, im Zimmer des Vaters selbst mich zu
verbergen und den Sandmann zu erwarten.

An des Vaters Schweigen, an der Mutter Traurigkeit merkte ich eines
Abends, dass der Sandmann kommen werde; ich schuetzte daher grosse
Muedigkeit vor, verliess schon vor neun Uhr das Zimmer und verbarg
mich dicht neben der Tuere in einen Schlupfwinkel. Die Haustuer
knarrte, durch den Flur ging es, langsamen, schweren, droehnenden
Schrittes nach der Treppe. Die Mutter eilte mit dem Geschwister mir
vorueber. Leise - leise oeffnete ich des Vaters Stubentuer. Er sass,
wie gewoehnlich, stumm und starr den Ruecken der Tuere zugekehrt, er
bemerkte mich nicht, schnell war ich hinein und hinter der Gardine,
die einem gleich neben der Tuere stehenden offnen Schrank, worin
meines Vaters Kleider hingen, vorgezogen war. - Naeher - immer naeher
droehnten die Tritte - es hustete und scharrte und brummte seltsam
draussen. Das Herz bebte mir vor Angst und Erwartung. - Dicht, dicht
vor der Tuere ein scharfer Tritt - ein heftiger Schlag auf die Klinke,
die Tuer springt rasselnd auf! - Mit Gewalt mich ermannend gucke ich
behutsam hervor. Der Sandmann steht mitten in der Stube vor meinem
Vater, der helle Schein der Lichter brennt ihm ins Gesicht! - Der
Sandmann, der fuerchterliche Sandmann ist der alte Advokat Coppelius,
der manchmal bei uns zu Mittage isst!

Aber die graesslichste Gestalt haette mir nicht tieferes Entsetzen
erregen koennen, als eben dieser Coppelius. - Denke Dir einen grossen
breitschultrigen Mann mit einem unfoermlich dicken Kopf, erdgelbem
Gesicht, buschigten grauen Augenbrauen, unter denen ein Paar
gruenliche Katzenaugen stechend hervorfunkeln, grosser, starker ueber
die Oberlippe gezogener Nase. Das schiefe Maul verzieht sich oft zum
haemischen Lachen; dann werden auf den Backen ein paar dunkelrote
Flecke sichtbar und ein seltsam zischender Ton faehrt durch die
zusammengekniffenen Zaehne. Coppelius erschien immer in einem
altmodisch zugeschnittenen aschgrauen Rocke, eben solcher Weste und
gleichen Beinkleidern, aber dazu schwarze Struempfe und Schuhe mit
kleinen Steinschnallen. Die kleine Peruecke reichte kaum bis ueber den
Kopfwirbel heraus, die Kleblocken standen hoch ueber den grossen roten
Ohren und ein breiter verschlossener Haarbeutel starrte von dem Nacken
weg, so dass man die silberne Schnalle sah, die die gefaeltelte
Halsbinde schloss. Die ganze Figur war ueberhaupt widrig und
abscheulich; aber vor allem waren uns Kindern seine grossen knotigten,
haarigten Faeuste zuwider, so dass wir, was er damit beruehrte, nicht
mehr mochten. Das hatte er bemerkt und nun war es seine Freude, irgend
ein Stueckchen Kuchen, oder eine suesse Frucht, die uns die gute
Mutter heimlich auf den Teller gelegt, unter diesem, oder jenem
Vorwande zu beruehren, dass wir, helle Traenen in den Augen, die
Naescherei, der wir uns erfreuen sollten, nicht mehr geniessen mochten
vor Ekel und Abscheu. Ebenso machte er es, wenn uns an Feiertagen der
Vater ein klein Glaeschen suessen Weins eingeschenkt hatte. Dann fuhr
er schnell mit der Faust herueber, oder brachte wohl gar das Glas an
die blauen Lippen und lachte recht teuflisch, wenn wir unsern Aerger
nur leise schluchzend aeussern durften. Er pflegte uns nur immer die
kleinen Bestien zu nennen; wir durften, war er zugegen, keinen Laut
von uns geben und verwuenschten den haesslichen, feindlichen Mann, der
uns recht mit Bedacht und Absicht auch die kleinste Freude verdarb.
Die Mutter schien ebenso, wie wir, den widerwaertigen Coppelius zu
hassen; denn so wie er sich zeigte, war ihr Frohsinn, ihr heiteres
unbefangenes Wesen umgewandelt in traurigen, duestern Ernst. Der Vater
betrug sich gegen ihn, als sei er ein hoeheres Wesen, dessen Unarten
man dulden und das man auf jede Weise bei guter Laune erhalten muesse.
Er durfte nur leise andeuten und Lieblingsgerichte wurden gekocht und
seltene Weine kredenzt.

Als ich nun diesen Coppelius sah, ging es grausig und entsetzlich in
meiner Seele auf, dass ja niemand anders, als er, der Sandmann sein
koenne, aber der Sandmann war mir nicht mehr jener Popanz aus dem
Ammenmaerchen, der dem Eulennest im Halbmonde Kinderaugen zur Atzung
holt - nein! - ein haesslicher gespenstischer Unhold, der ueberall, wo
er einschreitet, Jammer - Not - zeitliches, ewiges Verderben bringt.

Ich war fest gezaubert. Auf die Gefahr entdeckt, und, wie ich deutlich
dachte, hart gestraft zu werden, blieb ich stehen, den Kopf lauschend
durch die Gardine hervorgestreckt. Mein Vater empfing den Coppelius
feierlich. "Auf! - zum Werk", rief dieser mit heiserer, schnurrender
Stimme und warf den Rock ab. Der Vater zog still und finster seinen
Schlafrock aus und beide kleideten sich in lange schwarze Kittel.
Wo sie die hernahmen, hatte ich uebersehen. Der Vater oeffnete die
Fluegeltuer eines Wandschranks; aber ich sah, dass das, was ich
solange dafuer gehalten, kein Wandschrank, sondern vielmehr eine
schwarze Hoehlung war, in der ein kleiner Herd stand. Coppelius trat
hinzu und eine blaue Flamme knisterte auf dem Herde empor. Allerlei
seltsames Geraete stand umher. Ach Gott! - wie sich nun mein alter
Vater zum Feuer herabbueckte, da sah er ganz anders aus. Ein
graesslicher krampfhafter Schmerz schien seine sanften ehrlichen Zuege
zum haesslichen widerwaertigen Teufelsbilde verzogen zu haben. Er sah
dem Coppelius aehnlich. Dieser schwang die glutrote Zange und holte
damit hellblinkende Massen aus dem dicken Qualm, die er dann emsig
haemmerte. Mir war es als wuerden Menschengesichter ringsumher
sichtbar, aber ohne Augen - scheussliche, tiefe schwarze Hoehlen statt
ihrer. "Augen her, Augen her!" rief Coppelius mit dumpfer droehnender
Stimme. Ich kreischte auf von wildem Entsetzen gewaltig erfasst
und stuerzte aus meinem Versteck heraus auf den Boden. Da ergriff
mich Coppelius, "kleine Bestie! - kleine Bestie!" meckerte er
zaehnfletschend! - riss mich auf und warf mich auf den Herd, dass die
Flamme mein Haar zu sengen begann: "Nun haben wir Augen - Augen - ein
schoen Paar Kinderaugen." So fluesterte Coppelius, und griff mit den
Faeusten glutrote Koerner aus der Flamme, die er mir in die Augen
streuen wollte. Da hob mein Vater flehend die Haende empor und rief.
"Meister! Meister! lass meinem Nathanael die Augen - lass sie ihm!"
Coppelius lachte gellend auf und rief. "Mag denn der Junge die Augen
behalten und sein Pensum flennen in der Welt; aber nun wollen wir doch
den Mechanismus der Haende und der Fuesse recht observieren." Und
damit fasste er mich gewaltig, dass die Gelenke knackten, und schrob
mir die Haende ab und die Fuesse und setzte sie bald hier, bald dort
wieder ein. "'s steht doch ueberall nicht recht! 's gut so wie es
war! - Der Alte hat's verstanden!" So zischte und lispelte Coppelius;
aber alles um mich her wurde schwarz und finster, ein jaeher Krampf
durchzuckte Nerv und Gebein - ich fuehlte nichts mehr. Ein sanfter
warmer Hauch glitt ueber mein Gesicht, ich erwachte wie aus dem
Todesschlaf, die Mutter hatte sich ueber mich hingebeugt. "Ist der
Sandmann noch da?" stammelte ich. "Nein, mein liebes Kind, der ist
lange, lange fort, der tut dir keinen Schaden!" - So sprach die Mutter
und kuesste und herzte den wiedergewonnenen Liebling.

Was soll ich Dich ermueden, mein herzlieber Lothar! was soll ich
so weitlaeufig einzelnes hererzaehlen, da noch so vieles zu sagen
uebrig bleibt? Genug! - ich war bei der Lauscherei entdeckt, und von
Coppelius gemisshandelt worden. Angst und Schrecken hatten mir ein
hitziges Fieber zugezogen, an dem ich mehrere Wochen krank lag.
"Ist der Sandmann noch da?" - Das war mein erstes gesundes Wort
und das Zeichen meiner Genesung, meiner Rettung. - Nur noch den
schrecklichsten Moment meiner Jugendjahre darf ich Dir erzaehlen;
dann wirst Du ueberzeugt sein, dass es nicht meiner Augen Bloedigkeit
ist, wenn mir nun alles farblos erscheint, sondern, dass ein dunkles
Verhaengnis wirklich einen trueben Wolkenschleier ueber mein Leben
gehaengt hat, den ich vielleicht nur sterbend zerreisse.

Coppelius liess sich nicht mehr sehen, es hiess, er habe die Stadt
verlassen.

Ein Jahr mochte vergangen sein, als wir der alten unveraenderten Sitte
gemaess abends an dem runden Tische sassen. Der Vater war sehr heiter
und erzaehlte viel Ergoetzliches von den Reisen, die er in seiner
Jugend gemacht. Da hoerten wir, als es neune schlug, ploetzlich die
Haustuer in den Angeln knarren und langsame eisenschwere Schritte
droehnten durch den Hausflur die Treppe herauf. "Das ist Coppelius",
sagte meine Mutter erblassend. "Ja! - es ist Coppelius", wiederholte
der Vater mit matter gebrochener Stimme. Die Traenen stuerzten der
Mutter aus den Augen. "Aber Vater, Vater!" rief sie, "muss es denn so
sein?" - "Zum letzten Male!" erwiderte dieser, "zum letzten Male kommt
er zu mir, ich verspreche es dir. Geh nur, geh mit den Kindern! - Geht
- geht zu Bette! Gute Nacht!"

Mir war es, als sei ich in schweren kalten Stein eingepresst - mein
Atem stockte! - Die Mutter ergriff mich beim Arm als ich unbeweglich
stehen blieb: "Komm Nathanael, komme nur!" Ich liess mich fortfuehren,
ich trat in meine Kammer. "Sei ruhig, sei ruhig, lege dich ins
Bette! - schlafe - schlafe", rief mir die Mutter nach; aber von
unbeschreiblicher innerer Angst und Unruhe gequaelt, konnte ich kein
Auge zutun. Der verhasste abscheuliche Coppelius stand vor mir mit
funkelnden Augen und lachte mich haemisch an, vergebens trachtete ich
sein Bild los zu werden. Es mochte wohl schon Mitternacht sein, als
ein entsetzlicher Schlag geschah, wie wenn ein Geschuetz losgefeuert
wuerde. Das ganze Haus erdroehnte, es rasselte und rauschte bei meiner
Tuere vorueber, die Haustuere wurde klirrend zugeworfen. "Das ist
Coppelius!" rief ich entsetzt und sprang aus dem Bette. Da kreischte
es auf in schneidendem trostlosen Jammer, fort stuerzte ich nach des
Vaters Zimmer, die Tuere stand offen, erstickender Dampf quoll mir
entgegen, das Dienstmaedchen schrie: "Ach, der Herr! - der Herr!" -
Vor dem dampfenden Herde auf dem Boden lag mein Vater tot mit schwarz
verbranntem graesslich verzerrtem Gesicht, um ihn herum heulten
und winselten die Schwestern - die Mutter ohnmaechtig daneben! -
"Coppelius, verruchter Satan, du hast den Vater erschlagen!" - So
schrie ich auf, mir vergingen die Sinne. Als man zwei Tage darauf
meinen Vater in den Sarg legte, waren seine Gesichtszuege wieder mild
und sanft geworden, wie sie im Leben waren. Troestend ging es in
meiner Seele auf, dass sein Bund mit dem teuflischen Coppelius ihn
nicht ins ewige Verderben gestuerzt haben koenne.

Die Explosion hatte die Nachbarn geweckt, der Vorfall wurde ruchtbar
und kam vor die Obrigkeit, welche den Coppelius zur Verantwortung
vorfordern wollte. Der war aber spurlos vom Orte verschwunden.

Wenn ich Dir nun sage, mein herzlieber Freund! dass jener
Wetterglashaendler eben der verruchte Coppelius war, so wirst Du mir
es nicht verargen, dass ich die feindliche Erscheinung als schweres
Unheil bringend deute. Er war anders gekleidet, aber Coppelius' Figur
und Gesichtszuege sind zu tief in mein Innerstes eingepraegt, als dass
hier ein Irrtum moeglich sein sollte. Zudem hat Coppelius nicht einmal
seinen Namen geaendert. Er gibt sich hier, wie ich hoere, fuer einen
piemontesischen Mechanikus aus, und nennt sich Giuseppe Coppola.

Ich bin entschlossen es mit ihm aufzunehmen und des Vaters Tod zu
raechen, mag es denn nun gehen wie es will.

Der Mutter erzaehle nichts von dem Erscheinen des graesslichen Unholds
- Gruesse meine liebe holde Clara, ich schreibe ihr in ruhigerer
Gemuetsstimmung. Lebe wohl etc. etc.


Clara an Nathanael

Wahr ist es, dass Du recht lange mir nicht geschrieben hast, aber
dennoch glaube ich, dass Du mich in Sinn und Gedanken traegst. Denn
meiner gedachtest Du wohl recht lebhaft, als Du Deinen letzten Brief
an Bruder Lothar absenden wolltest und die Aufschrift, statt an ihn an
mich richtetest. Freudig erbrach ich den Brief und wurde den Irrtum
erst bei den Worten inne: "Ach mein herzlieber Lothar!" - Nun haette
ich nicht weiter lesen, sondern den Brief dem Bruder geben sollen.
Aber, hast Du mir auch sonst manchmal in kindischer Neckerei
vorgeworfen, ich haette solch ruhiges, weiblich besonnenes Gemuet,
dass ich wie jene Frau, drohe das Haus den Einsturz, noch vor
schneller Flucht ganz geschwinde einen falschen Kniff in der
Fenstergardine glattstreichen wuerde, so darf ich doch wohl kaum
versichern, dass Deines Briefes Anfang mich tief erschuetterte.
Ich konnte kaum atmen, es flimmerte mir vor den Augen. - Ach, mein
herzgeliebter Nathanael! was konnte so Entsetzliches in Dein Leben
getreten sein! Trennung von Dir, Dich niemals wiedersehen, der Gedanke
durchfuhr meine Brust wie ein gluehender Dolchstich. - Ich las
und las! - Deine Schilderung des widerwaertigen Coppelius ist
graesslich. Erst jetzt vernahm ich, wie Dein guter alter Vater solch
entsetzlichen, gewaltsamen Todes starb. Bruder Lothar, dem ich sein
Eigentum zustellte, suchte mich zu beruhigen, aber es gelang ihm
schlecht. Der fatale Wetterglashaendler Giuseppe Coppola verfolgte
mich auf Schritt und Tritt und beinahe schaeme ich mich, es zu
gestehen, dass er selbst meinen gesunden, sonst so ruhigen Schlaf in
allerlei wunderlichen Traumgebilden zerstoeren konnte. Doch bald,
schon den andern Tag, hatte sich alles anders in mir gestaltet. Sei
mir nur nicht boese, mein Inniggeliebter, wenn Lothar Dir etwa sagen
moechte, dass ich trotz Deiner seltsamen Ahnung, Coppelius werde Dir
etwas Boeses antun, ganz heitern unbefangenen Sinnes bin, wie immer.

Geradeheraus will ich es Dir nur gestehen, dass, wie ich meine, alles
Entsetzliche und Schreckliche, wovon Du sprichst, nur in Deinem
Innern vorging, die wahre wirkliche Aussenwelt aber daran wohl wenig
teilhatte. Widerwaertig genug mag der alte Coppelius gewesen sein,
aber dass er Kinder hasste, das brachte in Euch Kindern wahren Abscheu
gegen ihn hervor.

Natuerlich verknuepfte sich nun in Deinem kindischen Gemuet der
schreckliche Sandmann aus dem Ammenmaerchen mit dem alten Coppelius,
der Dir, glaubtest Du auch nicht an den Sandmann, ein gespenstischer,
Kindern vorzueglich gefaehrlicher, Unhold blieb. Das unheimliche
Treiben mit Deinem Vater zur Nachtzeit war wohl nichts anders, als
dass beide insgeheim alchymistische Versuche machten, womit die Mutter
nicht zufrieden sein konnte, da gewiss viel Geld unnuetz verschleudert
und obendrein, wie es immer mit solchen Laboranten der Fall sein
soll, des Vaters Gemuet ganz von dem truegerischen Drange nach hoher
Weisheit erfuellt, der Familie abwendig gemacht wurde. Der Vater hat
wohl gewiss durch eigne Unvorsichtigkeit seinen Tod herbeigefuehrt,
und Coppelius ist nicht schuld daran: Glaubst Du, dass ich den
erfahrnen Nachbar Apotheker gestern frug, ob wohl bei chemischen
Versuchen eine solche augenblicklich toetende Explosion moeglich sei?
Der sagte: "Ei allerdings" und beschrieb mir nach seiner Art gar
weitlaeufig und umstaendlich, wie das zugehen koenne, und nannte dabei
so viel sonderbar klingende Namen, die ich gar nicht zu behalten
vermochte. - Nun wirst Du wohl unwillig werden ueber Deine Clara,
Du wirst sagen: "In dies kalte Gemuet dringt kein Strahl des
Geheimnisvollen, das den Menschen oft mit unsichtbaren Armen umfasst;
sie erschaut nur die bunte Oberflaeche der Welt und freut sich, wie
das kindische Kind ueber die goldgleissende Frucht, in deren Innern
toedliches Gift verborgen."

Ach mein herzgeliebter Nathanael! glaubst Du denn nicht, dass auch in
heitern - unbefangenen - sorglosen Gemuetern die Ahnung wohnen koenne
von einer dunklen Macht, die feindlich uns in unserm eignen Selbst zu
verderben strebt? - Aber verzeih es mir, wenn ich einfaeltig Maedchen
mich unterfange, auf irgend eine Weise Dir anzudeuten, was ich
eigentlich von solchem Kampfe im Innern glaube. - Ich finde wohl gar
am Ende nicht die rechten Worte und Du lachst mich aus, nicht, weil
ich was Dummes meine, sondern weil ich mich so ungeschickt anstelle,
es zu sagen.

Gibt es eine dunkle Macht, die so recht feindlich und verraeterisch
einen Faden in unser Inneres legt, woran sie uns dann festpackt und
fortzieht auf einem gefahrvollen verderblichen Wege, den wir sonst
nicht betreten haben wuerden - gibt es eine solche Macht, so muss sie
in uns sich, wie wir selbst gestalten, ja unser Selbst werden; denn
nur _so_ glauben wir an sie und raeumen ihr den Platz ein, dessen sie
bedarf, um jenes geheime Werk zu vollbringen. Haben wir festen, durch
das heitre Leben gestaerkten, Sinn genug, um fremdes feindliches
Einwirken als solches stets zu erkennen und den Weg, in den uns
Neigung und Beruf geschoben, ruhigen Schrittes zu verfolgen, so geht
wohl jene unheimliche Macht unter in dem vergeblichen Ringen nach der
Gestaltung, die unser eignes Spiegelbild sein sollte. Es ist auch
gewiss, fuegt Lothar hinzu, dass die dunkle psychische Macht, haben
wir uns durch uns selbst ihr hingegeben, oft fremde Gestalten, die die
Aussenwelt uns in den Weg wirft, in unser Inneres hineinzieht, so,
dass wir selbst nur den Geist entzuenden, der, wie wir in wunderlicher
Taeuschung glauben, aus jener Gestalt spricht. Es ist das Phantom
unseres eigenen Ichs, dessen innige Verwandtschaft und dessen tiefe
Einwirkung auf unser Gemuet uns in die Hoelle wirft, oder in den
Himmel verzueckt. - Du merkst, mein herzlieber Nathanael! dass wir,
ich und Bruder Lothar uns recht ueber die Materie von dunklen Maechten
und Gewalten ausgesprochen haben, die mir nun, nachdem ich nicht ohne
Muehe das Hauptsaechlichste aufgeschrieben, ordentlich tiefsinnig
vorkommt. Lothars letzte Worte verstehe ich nicht ganz, ich ahne
nur, was er meint, und doch ist es mir, als sei alles sehr wahr. Ich
bitte Dich, schlage Dir den haesslichen Advokaten Coppelius und den
Wetterglasmann Giuseppe Coppola ganz aus dem Sinn. Sei ueberzeugt,
dass diese fremden Gestalten nichts ueber Dich vermoegen; nur der
Glaube an ihre feindliche Gewalt kann sie Dir in der Tat feindlich
machen. Spraeche nicht aus jeder Zeile Deines Briefes die tiefste
Aufregung Deines Gemuets, schmerzte mich nicht Dein Zustand recht in
innerster Seele, wahrhaftig, ich koennte ueber den Advokaten Sandmann
und den Wetterglashaendler Coppelius scherzen. Sei heiter - heiter! -
Ich habe mir vorgenommen, bei Dir zu erscheinen, wie Dein Schutzgeist,
und den haesslichen Coppola, sollte er es sich etwa beikommen lassen,
Dir im Traum beschwerlich zu fallen, mit lautem Lachen fortzubannen.
Ganz und gar nicht fuerchte ich mich vor ihm und vor seinen garstigen
Faeusten, er soll mir weder als Advokat eine Naescherei, noch als
Sandmann die Augen verderben.

Pages:
1 | 2 | 3 | 4 | 5 | 6 | 7 | 8 | 9 | 10 | 11 | 12 | 13 | 14 | 15 | 16 | 17 | 18 | 19 | 20 | 21 | 22 | 23 | 24 | 25 | 26

Alex Ross: Winner of the Guardian first book award
Stuart Evers: They made a real difference to Britain's literary culture, and it would be a terrible shame if they got forgotten in the age of Amazon

Congratulations to Alex Ross, winner of the Guardian first book award
One of only seven copies of The Tales of Beedle the Bard handwritten by JK Rowling is unveiled at the New York Public Library as the mass market edition goes on sale around the world

The arcane first book that's also a bestseller

Congratulations to Alex Ross, the deserving winner of the 2008 Guardian first book award. There's been a massed chorus of appreciation for this work already, so I shan't add much, except to say that what I particular enjoy about it is the connections it makes between musics and musicians. I'm the sort of person who goes to a lot of concerts, plays the violin, has some kind of grasp of how the history of music works – but frankly, it's all a bit fragmented and vague, since I have never studied the history of music properly and I can't really do the textbook musicological stuff. As I was reading Ross's book, it dawned on me that most of my knowledge of 20th-century music was based on reading the occasional Grove essay – and mostly, reading programme notes. What Ross's book does brilliantly is knit all these odd and isolated bits of knowledge together, so that everything starts to synthesise rather wonderfully, and you get to know what Sibelius thought of Stravinsky, say (not much – "stillborn affectations" was the phrase employed); or that Alban Berg was lionised by George Gershwin; or that David Bowie referenced Philip Glass and vice versa. That, and then the material is set against its historical and political background, such that this is a book for history-lovers as much as music-lovers.

By the way, there's a pungent criticism of the new-music scene by Hans Eisler in 1928, as quoted by Ross. How much have things changed, I wonder?

"The big music festivals have become downright stock exchanges, where the value of the works is assessed and contracts for the coming season are settled. Yet all this noise is carried out in the vacuum of a bell glass, so to speak, so that not a sound can be heard outside. An empty officiousness celebrates orgies of inbreeding, while there is a complete lack of interest or participation of a public of any kind."

guardian.co.uk © Guardian News & Media Limited 2008 | Use of this content is subject to our Terms & Conditions | More Feeds

Copyright (c) 2007. booksboost.com. All rights reserved.