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Klein Zaches, genannt Zinnober by E. T. A. Hoffmann

E >> E. T. A. Hoffmann >> Klein Zaches, genannt Zinnober

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Klein Zaches
genannt Zinnober

Ein Maerchen

E.T.A. Hoffmann







Erstes Kapitel: Der kleine Wechselbalg. - Dringende Gefahr einer
Pfarrersnase. - Wie Fuerst Paphnutius in seinem Lande die
Aufklaerung einfuehrte und die Fee Rosabelverde in ein
Fraeuleinstift kam.

Zweites Kapitel: Von der unbekannten Voelkerschaft, die der Gelehrte
Ptolomaeus Philadelphus auf seinen Reisen entdeckte. - Die
Universitaet Kerepes. - Wie dem Studenten Fabian ein Paar
Reitstiefel um den Kopf flogen und der Professor Mosch Terpin den
Studenten Balthasar zum Tee einlud.

Drittes Kapitel: Wie Fabian nicht wusste, was er sagen sollte. -
Candida und Jungfrauen, die nicht Fische essen duerfen. - Mosch
Terpins literarischer Tee. - Der junge Prinz.

Viertes Kapitel: Wie der italienische Geiger Sbiocca den Herrn
Zinnober in den Kontrabass zu werfen drohte, und der Referendarius
Pulcher nicht zu auswaertigen Angelegenheiten gelangen konnte. -
Von Maut-Offizianten und zurueckbehaltenen Wundern fuers Haus. -
Balthasars Bezauberung durch einen Stockknopf.

Fuenftes Kapitel: Wie Fuerst Barsanuph Leipziger Lerchen und Danziger
Goldwasser fruehstueckte, einen Butterfleck auf die Kasimirhose
bekam und den Geheimen Sekretaer Zinnober zum Geheimen Spezialrat
erhob. - Die Bilderbuecher des Doktors Prosper Alpanus. - Wie
ein Portier den Studenten Fabian in den Finger biss, dieser ein
Schleppkleid trug und deshalb verhoehnt wurde. - Balthasars
Flucht.

Sechstes Kapitel: Wie der Geheime Spezialrat Zinnober in seinem
Garten frisiert wurde und im Grase ein Taubad nahm. - Der
Orden des gruengefleckten Tigers. - Gluecklicher Einfall eines
Theaterschneiders. - Wie das Fraeulein von Rosenschoen sich
mit Kaffee begoss und Prosper Alpanus ihr seine Freundschaft
versicherte.

Siebentes Kapitel: Wie der Professor Mosch Terpin im fuerstlichen
Weinkeller die Natur erforschte. - Mycetes Belzebub. -
Verzweiflung des Studenten Balthasar. - Vorteilhafter Einfluss
eines wohleingerichteten Landhauses auf das haeusliche Glueck.
- Wie Prosper Alpanus dem Balthasar eine schildkroetene Dose
ueberreichte und davonritt.

Achtes Kapitel: Wie Fabian seiner langen Rockschoesse halber fuer
einen Sektierer und Tumultuanten gehalten wurde. - Wie Fuerst
Barsanuph hinter den Kaminschirm trat und den Generaldirektor der
natuerlichen Angelegenheiten kassierte. - Zinnobers Flucht aus
Mosch Terpins Hause. - Wie Mosch Terpin auf einem Sommervogel
ausreiten und Kaiser werden wollte, dann aber zu Bette ging.

Neuntes Kapitel: Verlegenheit eines treuen Kammerdieners. - Wie die
alte Liese eine Rebellion anzettelte und der Minister Zinnober
auf der Flucht ausglitschte. - Auf welche merkwuerdige Weise der
Leibarzt des Fuersten Zinnobers jaehen Tod erklaerte. - Wie Fuerst
Barsanuph sich betruebte, Zwiebeln ass, und wie Zinnobers Verlust
unersetzlich blieb.

Letztes Kapitel: Wehmuetige Bitten des Autors. - Wie der Professor
Mosch Terpin sich beruhigte und Candida niemals verdriesslich
werden konnte. - Wie ein Goldkaefer dem Doktor Prosper Alpanus
etwas ins Ohr summte, dieser Abschied nahm und Balthasar eine
glueckliche Ehe fuehrte.



Erstes Kapitel

Der kleine Wechselbalg. - Dringende Gefahr einer Pfarrersnase. - Wie
Fuerst Paphnutius in seinem Lande die Aufklaerung einfuehrte und die
Fee Rosabelverde in ein Fraeuleinstift kam.

Unfern eines anmutigen Dorfes, hart am Wege, lag auf dem von der
Sonnenglut erhitzten Boden hingestreckt ein armes zerlumptes
Bauerweib. Vom Hunger gequaelt, vor Durst lechzend, ganz
verschmachtet, war die Unglueckliche unter der Last des im Korbe hoch
aufgetuermten duerren Holzes, das sie im Walde unter den Baeumen und
Straeuchern muehsam aufgelesen, niedergesunken, und da sie kaum zu
atmen vermochte, glaubte sie nicht anders, als dass sie nun wohl
sterben, so sich aber ihr trostloses Elend auf einmal enden werde.
Doch gewann sie bald so viel Kraft, die Stricke, womit sie den
Holzkorb auf ihrem Ruecken befestigt, loszunesteln und sich langsam
heraufzuschieben auf einen Grasfleck, der gerade in der Naehe stand.
Da brach sie nun aus in laute Klagen: "Muss," jammerte sie, "muss mich
und meinen armen Mann allein denn alle Not und alles Elend treffen?
Sind wir denn nicht im ganzen Dorfe die einzigen, die aller Arbeit,
alles sauer vergessenen Schweisses ungeachtet in steter Armut bleiben
und kaum so viel erwerben, um unsern Hunger zu stillen? - Vor drei
Jahren, als mein Mann beim Umgraben unseres Gartens die Goldstuecke in
der Erde fand, ja, da glaubten wir, das Glueck sei endlich eingekehrt
bei uns und nun kaemen die guten Tage; aber was geschah! - Diebe
stahlen das Geld, Haus und Scheune brannten uns ueber dem Kopfe weg,
das Getreide auf dem Acker zerschlug der Hagel, und um das Mass
unseres Herzeleids vollzumachen bis ueber den Rand, strafte uns der
Himmel noch mit diesem kleinen Wechselbalg, den ich zu Schand' und
Spott des ganzen Dorfs gebar. - Zu St.-Laurenztag ist nun der Junge
drittehalb Jahre gewesen und kann auf seinen Spinnenbeinchen nicht
stehen, nicht gehen und knurrt und miaut, statt zu reden, wie eine
Katze. Und dabei frisst die unselige Missgeburt wie der staerkste
Knabe von wenigstens acht Jahren, ohne dass es ihm im mindesten was
anschlaegt. Gott erbarme sich ueber ihn und ueber uns, dass wir den
Jungen grossfuettern muessen uns selbst zur Qual und groesserer Not;
denn essen und trinken immer mehr und mehr wird der kleine Daeumling
wohl, aber arbeiten sein Lebetage nicht! Nein, nein, das ist mehr
als ein Mensch aushalten kann auf dieser Erde! - Ach koennt' ich nur
sterben - nur sterben!" Und damit fing die Arme an zu weinen und zu
schluchzen, bis sie endlich, vom Schmerz uebermannt, ganz entkraeftet
einschlief. -

Mit Recht konnte das Weib ueber den abscheulichen Wechselbalg klagen,
den sie vor drittehalb Jahren geboren. Das, was man auf den ersten
Blick sehr gut fuer ein seltsam verknorpeltes Stueckchen Holz
haette ansehen koennen, war naemlich ein kaum zwei Spannen hoher,
missgestalteter Junge, der von dem Korbe, wo er querueber gelegen,
heruntergekrochen, sich jetzt knurrend im Grase waelzte. Der Kopf stak
dem Dinge tief zwischen den Schultern, die Stelle des Rueckens vertrat
ein kuerbisaehnlicher Auswuchs, und gleich unter der Brust hingen
die haselgertduennen Beinchen herab, dass der Junge aussah wie ein
gespalteter Rettich. Vom Gesicht konnte ein stumpfes Auge nicht viel
entdecken, schaerfer hinblickend, wurde man aber wohl die lange spitze
Nase, die aus schwarzen struppigen Haaren hervorstarrte, und ein
Paar kleine, schwarz funkelnde Aeuglein gewahr, die, zumal bei den
uebrigens ganz alten, eingefurchten Zuegen des Gesichts, ein klein
Alraeunchen kundzutun schienen. -

Als nun, wie gesagt, das Weib ueber ihren Gram in tiefen Schlaf
gesunken war und ihr Soehnlein sich dicht an sie herangewaelzt
hatte, begab es sich, dass das Fraeulein von Rosenschoen, Dame des
nahegelegenen Stifts, von einem Spaziergange heimkehrend, des Weges
daherwandelte. Sie blieb stehen und wurde, da sie von Natur fromm
und mitleidig, bei dem Anblick des Elends, der sich ihr darbot, sehr
geruehrt. "O du gerechter Himmel," fing sie an, "wieviel Jammer und
Not gibt es doch auf dieser Erde! - Das unglueckliche Weib! - Ich
weiss, dass sie kaum das liebe Leben hat, da arbeitet sie ueber ihre
Kraefte und ist vor Hunger und Kummer hingesunken! - Wie fuehle ich
jetzt erst recht empfindlich meine Armut und Ohnmacht! Ach, koennt'
ich doch nur helfen, wie ich wollte! - Doch das, was mir noch uebrig
blieb, die wenigen Gaben, die das feindselige Verhaengnis mir nicht zu
rauben, nicht zu zerstoeren vermochte, die mir noch zu Gebote stehen,
die will ich kraeftig und getreu nuetzen, um dem Leidwesen zu steuern.
Geld, haette ich auch darueber zu gebieten, wuerde dir gar nichts
helfen, arme Frau, sondern deinen Zustand vielleicht noch gar
verschlimmern. Dir und deinem Mann, euch beiden ist nun einmal
Reichtum nicht beschert, und wem Reichtum nicht beschert ist, dem
verschwinden die Goldstuecke aus der Tasche, er weiss selbst nicht
wie, er hat davon nichts als grossen Verdruss und wird, je mehr Geld
ihm zustroemt, nur desto aermer. Aber ich weiss es, mehr als alle
Armut, als alle Not, nagt an deinem Herzen, dass du jenes kleine
Untierchen gebarst, das sich wie eine boese unheimliche Last an dich
haengt, die du durch das Leben tragen musst. - Gross - schoen - stark
- verstaendig, ja, das alles kann der Junge nun einmal nicht werden,
aber es ist ihm vielleicht noch auf andere Weise zu helfen." - Damit
setzte sich das Fraeulein nieder ins Gras und nahm den Kleinen auf den
Schoss. Das boese Alraeunchen straeubte und spreizte sich, knurrte und
wollte das Fraeulein in den Finger beissen, _die_ sprach aber: "Ruhig,
ruhig, kleiner Maikaefer!" und strich leise und linde mit der flachen
Hand ihm ueber den Kopf von der Stirn herueber bis in den Nacken.
Allmaehlich glaettete sich waehrend des Streichelns das struppige Haar
des Kleinen aus, bis es gescheitelt, an der Stirne fest anliegend, in
huebschen weichen Locken hinabwallte auf die hohen Schultern und den
Kuerbisruecken. Der Kleine war immer ruhiger geworden und endlich fest
eingeschlafen. Da legte ihn das Fraeulein Rosenschoen behutsam dicht
neben der Mutter hin ins Gras, besprengte diese mit einem geistigen
Wasser aus dem Riechflaeschchen, das sie aus der Tasche gezogen, und
entfernte sich dann schnellen Schrittes.

Als die Frau bald darauf erwachte, fuehlte sie sich auf wunderbare
Weise erquickt und gestaerkt. Es war ihr, als habe sie eine tuechtige
Mahlzeit gehalten und einen guten Schluck Wein getrunken. "Ei," rief
sie aus, "wie ist mir doch in dem bisschen Schlaf so viel Trost,
so viel Munterkeit gekommen! - Aber die Sonne ist schon bald herab
hinter den Bergen, nun fort nach Hause!" - Damit wollte sie den Korb
aufpacken, vermisste aber, als sie hineinsah, den Kleinen, der in
demselben Augenblick sich aus dem Grase aufrichtete und weinerlich
quaekte. Als nun die Mutter sich nach ihm umschaute, schlug sie vor
Erstaunen die Haende zusammen und rief - "Zaches - Klein Zaches, wer
hat dir denn unterdessen die Haare so schoen gekaemmt! - Zaches -
Klein Zaches, wie huebsch wuerden dir die Locken kleiden, wenn du
nicht solch ein abscheulich garstiger Junge waerst! - Nun, komm nur,
komm! - hinein in den Korb!" Sie wollte ihn fassen und quer ueber das
Holz legen, da strampelte aber Klein Zaches mit den Beinen, grinste
die Mutter an und miaute sehr vernehmlich: "Ich mag nicht!" - "Zaches!
- Klein Zaches!" schrie die Frau ganz ausser sich, "wer hat dich denn
unterdessen reden gelehrt? Nun! wenn du solch schoen gekaemmte Haare
hast, wenn du so artig redest, so wirst du auch wohl laufen koennen."
Die Frau huckte den Korb auf den Ruecken, Klein Zaches hing sich an
ihre Schuerze, und so ging es fort nach dem Dorfe.

Sie mussten bei dem Pfarrhause vorueber, da begab es sich, dass der
Pfarrer mit seinem juengsten Knaben, einem bildschoenen goldlockigen
Jungen von drei Jahren, in seiner Haustuere stand. Als der nun die
Frau mit dem schweren Holzkorbe und mit Klein Zaches, der an ihrer
Schuerze baumelte, daherkommen sah, rief er ihr entgegen: "Guten
Abend, Frau Liese, wie geht es Euch - Ihr habt ja eine gar zu schwere
Buerde geladen, Ihr koennt ja kaum mehr fort, kommt her, ruht Euch ein
wenig aus auf dieser Bank vor meiner Tuere, meine Magd soll Euch einen
frischen Trunk reichen!" - Frau Liese liess sich das nicht zweimal
sagen, sie setzte ihren Korb ab und wollte eben den Mund oeffnen, um
dem ehrwuerdigen Herrn all ihren Jammer, ihre Not zu klagen, als Klein
Zaches bei der raschen Wendung der Mutter das Gleichgewicht verlor und
dem Pfarrer vor die Fuesse flog. Der bueckte sich rasch nieder und hob
den Kleinen auf, indem er sprach: "Ei, Frau Liese, Frau Liese, was
habt Ihr da fuer einen bildschoenen allerliebsten Knaben! Das ist ja
ein wahrer Segen des Himmels, ein solch wunderbar schoenes Kind zu
besitzen." Und damit nahm er den Kleinen in die Arme und liebkoste ihn
und schien es gar nicht zu bemerken, dass der unartige Daeumling gar
haesslich knurrte und mauzte und den ehrwuerdigen Herrn sogar in die
Nase beissen wollte. Aber Frau Liese stand ganz verbluefft vor dem
Geistlichen und schaute ihn an mit aufgerissenen starren Augen und
wusste gar nicht, was sie denken sollte. "Ach, lieber Herr Pfarrer,"
begann sie endlich mit weinerlicher Stimme, "ein Mann Gottes, wie Sie,
treibt doch wohl nicht seinen Spott mit einem armen ungluecklichen
Weibe, das der Himmel, mag er selbst wissen warum, mit diesem
abscheulichen Wechselbalge gestraft hat!" "Was spricht," erwiderte der
Geistliche sehr ernst, "was spricht Sie da fuer tolles Zeug, liebe
Frau! von Spott - Wechselbalg - Strafe des Himmels - ich verstehe Sie
gar nicht und weiss nur, dass Sie ganz verblendet sein muss, wenn Sie
Ihren huebschen Knaben nicht recht herzlich liebt. - Kuesse mich,
artiger kleiner Mann!" - Der Pfarrer herzte den Kleinen, aber Zaches
knurrte: "Ich mag nicht!" und schnappte aufs neue nach des Geistlichen
Nase. - "Seht die arge Bestie!" rief Liese erschrocken; aber in dem
Augenblick sprach der Knabe des Pfarrers: "Ach, lieber Vater, du bist
so gut, du tust so schoen mit den Kindern, die muessen wohl alle dich
recht herzlich lieb haben!" "O hoert doch nur," rief der Pfarrer,
indem ihm die Augen vor Freude glaenzten, "O hoert doch nur, Frau
Liese, den huebschen verstaendigen Knaben, Euren lieben Zaches, dem
Ihr so uebelwollt. Ich merk' es schon, Ihr werdet Euch nimmermehr was
aus dem Knaben machen, sei er auch noch so huebsch und verstaendig.
Hoert, Frau Liese, ueberlasst mir Euer hoffnungsvolles Kind zur Pflege
und Erziehung. Bei Eurer drueckenden Armut ist Euch der Knabe nur
eine Last, und mir macht es Freude, ihn zu erziehen wie meinen eignen
Sohn!" -

Liese konnte vor Erstaunen gar nicht zu sich selbst kommen, ein
Mal ueber das andere rief sie: "Aber, lieber Herr Pfarrer - lieber
Herr Pfarrer, ist denn das wirklich Ihr Ernst, dass Sie die kleine
Ungestalt zu sich nehmen und erziehen und mich von der Not befreien
wollen, die ich mit dem Wechselbalg habe?" - Doch, je mehr die
Frau die abscheuliche Haesslichkeit ihres Alraeunchens dem Pfarrer
vorhielt, desto eifriger behauptete dieser, dass sie in ihrer tollen
Verblendung gar nicht verdiene, vom Himmel mit dem herrlichen Geschenk
eines solchen Wunderknaben gesegnet zu sein, bis er zuletzt ganz
zornig mit Klein Zaches auf dem Arm hineinlief in das Haus und die
Tuere von innen verriegelte.

Da stand nun Frau Liese wie versteinert vor des Pfarrers Haustuere
und wusste gar nicht, was sie von dem allem denken sollte. "Was um
aller Welt willen," sprach sie zu sich selbst, "ist denn mit unserm
wuerdigen Herrn Pfarrer geschehen, dass er in meinen Klein Zaches
so ganz und gar vernarrt ist und den einfaeltigen Knirps fuer einen
huebschen, verstaendigen Knaben haelt? - Nun! helfe Gott dem lieben
Herrn, er hat mir die Last von den Schultern genommen und sie sich
selbst aufgeladen, mag er nun zusehen, wie er sie traegt! - Hei! wie
leicht geworden ist nun der Holzkorb, da Klein Zaches nicht mehr
darauf sitzt und mit ihm die schwerste Sorge!" -

Damit schritt Frau Liese, den Holzkorb auf dem Ruecken, lustig und
guter Dinge fort ihres Weges! - -

Wollte ich auch zurzeit noch gaenzlich darueber schweigen, du
wuerdest, guenstiger Leser, dennoch wohl ahnen, dass es mit dem
Stiftsfraeulein von Rosenschoen, oder wie sie sich sonst nannte,
Rosengruenschoen, eine ganz besondere Bewandtnis haben muesse. Denn
nichts anders war es wohl, als die geheimnisvolle Wirkung ihres
Kopfstreichelns und Haarausglaettens, dass Klein Zaches von dem
gutmuetigen Pfarrer fuer ein schoenes und kluges Kind angesehn und
gleich wie sein eignes aufgenommen wurde. Du koenntest, lieber Leser,
aber doch, trotz deines vortrefflichen Scharfsinns, in falsche
Vermutungen geraten oder gar zum grossen Nachteil der Geschichte
viele Blaetter ueberschlagen, um nur gleich mehr von dem mystischen
Stiftsfraeulein zu erfahren; besser ist es daher wohl, ich erzaehle
dir gleich alles, was ich selbst von der wuerdigen Dame weiss.

Fraeulein von Rosenschoen war von grosser Gestalt, edlem
majestaetischen Wuchs und etwas stolzem, gebietendem Wesen. Ihr
Gesicht, musste man es gleich vollendet schoen nennen, machte, zumal
wenn sie wie gewoehnlich in starrem Ernst vor sich hinschaute, einen
seltsamen, beinahe unheimlichen Eindruck, was vorzueglich einem ganz
besondern fremden Zuge zwischen den Augenbrauen zuzuschreiben, von dem
man durchaus nicht recht wusste, ob ein Stiftsfraeulein dergleichen
wirklich auf der Stirne tragen koenne. Dabei lag aber auch oft,
vorzueglich zur Rosenzeit bei heiterm schoenen Wetter, so viel
Huld und Anmut in ihrem Blick, dass jeder sich von suessem
unwiderstehlichen Zauber befangen fuehlte. Als ich die Gnaedige zum
ersten- und letztenmal zu schauen das Vergnuegen hatte, war sie dem
Ansehen nach eine Frau in der hoechsten, vollendetsten Bluete ihrer
Jahre, auf der hoechsten Spitze des Wendepunktes, und ich meinte, dass
mir grosses Glueck beschieden, die Dame noch eben auf dieser Spitze
zu erblicken und ueber ihre wunderbare Schoenheit gewissermassen zu
erschrecken, welches sich dann sehr bald nicht mehr wuerde zutragen
koennen. Ich war im Irrtum. Die aeltesten Leute im Dorf versicherten,
dass sie das gnaedige Fraeulein gekannt haetten schon so lange als
sie daechten, und dass die Dame niemals anders ausgesehen habe, nicht
aelter, nicht juenger, nicht haesslicher, nicht huebscher als eben
jetzt. Die Zeit schien also keine Macht zu haben ueber sie, und schon
dieses konnte manchem verwunderlich vorkommen. Aber noch manches
andere trat hinzu, worueber sich jeder, ueberlegte er es recht
ernstlich, ebensosehr wundern, ja zuletzt aus der Verwunderung, in die
er verstrickt, gar nicht herauskommen musste. Fuers erste offenbarte
sich ganz deutlich bei dem Fraeulein die Verwandtschaft mit den
Blumen, deren Namen sie trug. Denn nicht allein, dass kein Mensch auf
Erden solche herrliche tausendblaettrige Rosen zu ziehen vermochte,
als sie, so spriessten auch aus dem schlechtesten duerresten Dorn,
den sie in die Erde steckte, jene Blumen in der hoechsten Fuelle
und Pracht hervor. Dann war es gewiss, dass sie auf einsamen
Spaziergaengen im Walde laute Gespraeche fuehrte mit wunderbaren
Stimmen, die aus den Baeumen, aus den Bueschen, aus den Quellen und
Baechen zu toenen schienen. Ja, ein junger Jaegersmann hatte sie
belauscht, wie sie einmal mitten im dicksten Gehoelz stand und
seltsame Voegel mit buntem glaenzenden Gefieder, die gar nicht im
Lande heimisch, sie umflatterten und liebkosten und in lustigem Singen
und Zwitschern ihr allerlei froehliche Dinge zu erzaehlen schienen,
worueber sie lachte und sich freute. Daher kam es denn auch, dass
Fraeulein von Rosenschoen zu jener Zeit, als sie in das Stift
gekommen, bald die Aufmerksamkeit aller Leute in der Gegend anregte.
Ihre Aufnahme in das Fraeuleinstift hatte der Fuerst befohlen; der
Baron Praetextatus von Mondschein, Besitzer des Gutes, in dessen Naehe
jenes Stift lag, dem er als Verweser vorstand, konnte daher nichts
dagegen einwenden, ungeachtet ihn die entsetzlichsten Zweifel
quaelten. Vergebens war naemlich sein Muehen geblieben, in Rixners
Turnierbuch und andern Chroniken die Familie Rosengruenschoen
aufzufinden. Mit Recht zweifelte er aus diesem Grunde an der
Stiftsfaehigkeit des Fraeuleins, die keinen Stammbaum mit
zweiunddreissig Ahnen aufzuweisen hatte, und bat sie zuletzt ganz
zerknirscht, die hellen Traenen in den Augen, doch sich um des Himmels
willen wenigstens nicht Rosengruenschoen, sondern Rosenschoen zu
nennen, denn in diesem Namen sei doch noch einiger Verstand und
ein Ahnherr moeglich. - Sie tat ihm das zu Gefallen. - Vielleicht
aeusserte sich des gekraenkten Praetextatus Groll gegen das ahnenlose
Fraeulein auf diese - jene Weise und gab zuerst Anlass zu der boesen
Nachrede, die sich immer mehr und mehr im Dorfe verbreitete. Zu jenen
zauberhaften Unterhaltungen im Walde, die indessen sonst nichts auf
sich hatten, kamen naemlich allerlei bedenkliche Umstaende, die von
Mund zu Mund gingen und des Fraeuleins eigentliches Wesen in gar
zweideutiges Licht stellten. Mutter Anne, des Schulzen Frau,
behauptete keck, dass, wenn das Fraeulein stark zum Fenster heraus
niese, allemal die Milch im ganzen Dorfe sauer wuerde. Kaum hatte sich
dies aber bestaetigt, als sich das Schreckliche begab. Schulmeisters
Michel hatte in der Stiftskueche gebratene Kartoffeln genascht und war
von dem Fraeulein darueber betroffen worden, die ihm laechelnd mit
dem Finger drohte. Da war dem Jungen das Maul offen stehen geblieben,
gerade als haett' er eine gebratene brennende Kartoffel darin sitzen
immerdar, und er musste fortan einen Hut mit vorstehender breiter
Krempe tragen, weil es sonst dem Armen ins Maul geregnet haette.
Bald schien es gewiss zu sein, dass das Fraeulein sich darauf
verstand, Feuer und Wasser zu besprechen, Sturm und Hagelwolken
zusammenzutreiben, Weichselzoepfe zu flechten etc., und niemand
zweifelte an der Aussage des Schafhirten, der zur Mitternachtsstunde
mit Schauer und Entsetzen gesehen haben wollte, wie das Fraeulein
auf einem Besen brausend durch die Luefte fuhr, vor ihr her ein
ungeheurer Hirschkaefer, zwischen dessen Hoernern blaue Flammen hoch
aufleuchteten! - Nun kam alles in Aufruhr, man wollte der Hexe zu
Leibe, und die Dorfgerichte beschlossen nichts Geringeres, als das
Fraeulein aus dem Stift zu holen und sie ins Wasser zu werfen, damit
sie die gewoehnliche Hexenprobe bestehe. Der Baron Praetextatus liess
alles geschehen und sprach laechelnd zu sich selbst: "So geht es
simplen Leuten ohne Ahnen, die nicht von solch altem guten Herkommen
sind, wie der Mondschein." Das Fraeulein, unterrichtet von dem
bedrohlichen Unwesen, fluechtete nach der Residenz, und bald darauf
erhielt der Baron Praetextatus einen Kabinettsbefehl vom Fuersten
des Landes, mittelst dessen ihm bekannt gemacht, dass es keine Hexen
gaebe, und befohlen wurde, die Dorfgerichte fuer die naseweise Gier,
Schwimmkuenste eines Stiftsfraeuleins zu schauen, in den Turm werfen,
den uebrigen Bauern und ihren Weibern aber andeuten zu lassen, bei
empfindlicher Leibesstrafe von dem Fraeulein Rosenschoen nicht
schlecht zu denken. Sie gingen in sich, fuerchteten sich vor der
angedrohten Strafe und dachten fortan gut von dem Fraeulein, welches
fuer beide, fuer das Dorf und fuer die Dame Rosenschoen, die
erspriesslichsten Folgen hatte.

In dem Kabinett des Fuersten wusste man recht gut, dass das Fraeulein
von Rosenschoen niemand anders war, als die sonst beruehmte
weltbekannte Fee Rosabelverde. Es hatte mit der Sache folgende
Bewandtnis:

Auf der ganzen weiten Erde war wohl sonst kaum ein anmutigeres Land
zu finden, als das kleine Fuerstentum, worin das Gut des Baron
Praetextatus von Mondschein lag, worin das Fraeulein von Rosenschoen
hauste, kurz, worin sich das alles begab, was ich dir, geliebter
Leser, des breiteren zu erzaehlen eben im Begriff stehe.

Von einem hohen Gebirge umschlossen, glich das Laendchen mit seinen
gruenen, duftenden Waeldern, mit seinen blumigen Auen, mit seinen
rauschenden Stroemen und lustig plaetschernden Springquellen, zumal
da es gar keine Staedte, sondern nur freundliche Doerfer und hin und
wieder einzeln stehende Palaeste darin gab, einem wunderbar herrlichen
Garten, in dem die Bewohner wie zu ihrer Lust wandelten, frei von
jeder drueckenden Buerde des Lebens. Jeder wusste, dass Fuerst
Demetrius das Land beherrsche; niemand merkte indessen das mindeste
von der Regierung, und alle waren damit gar wohl zufrieden. Personen,
die die volle Freiheit in all ihrem Beginnen, eine schoene Gegend,
ein mildes Klima liebten, konnten ihren Aufenthalt gar nicht besser
waehlen als in dem Fuerstentum, und so geschah es denn, dass unter
andern auch verschiedene vortreffliche Feen von der guten Art,
denen Waerme und Freiheit bekanntlich ueber alles geht, sich dort
angesiedelt hatten. Ihnen mocht' es zuzuschreiben sein, dass sich
beinahe in jedem Dorfe, vorzueglich aber in den Waeldern sehr oft die
angenehmsten Wunder begaben und dass jeder, von dem Entzuecken, von
der Wonne dieser Wunder ganz umflossen, voellig an das Wunderbare
glaubte und, ohne es selbst zu wissen, eben deshalb ein froher, mithin
guter Staatsbuerger blieb. Die guten Feen, die sich in freier Willkuer
ganz dschinnistanisch eingerichtet, haetten dem vortrefflichen
Demetrius gern ein ewiges Leben bereitet. Das stand indessen nicht in
ihrer Macht. Demetrius starb, und ihm folgte der junge Paphnutius in
der Regierung. Paphnutius hatte schon zu Lebzeiten seines Herrn Vaters
einen stillen innerlichen Gram darueber genaehrt, dass Volk und
Staat nach seiner Meinung auf die heilloseste Weise vernachlaessigt,
verwahrlost wurde. Er beschloss zu regieren und ernannte sofort seinen
Kammerdiener Andres, der ihm einmal, als er im Wirtshause hinter den
Bergen seine Boerse liegen lassen, sechs Dukaten geborgt und dadurch
aus grosser Not gerissen hatte, zum ersten Minister des Reichs. "Ich
will regieren, mein Guter!" rief ihm Paphnutius zu. Andres las in den
Blicken seines Herrn, was in ihm vorging, warf sich ihm zu Fuessen und
sprach feierlich: "Sire! die grosse Stunde hat geschlagen! - durch Sie
steigt schimmernd ein Reich aus maechtigem Chaos empor! - Sire! hier
fleht der treueste Vasall, tausend Stimmen des armen ungluecklichen
Volks in Brust und Kehle! - Sire! - fuehren Sie die Aufklaerung
ein!" - Paphnutius fuehlte sich durch und durch erschuettert von
dem erhabenen Gedanken seines Ministers. Er hob ihn auf, riss ihn
stuermisch an seine Brust und sprach schluchzend: "Minister - Andres
- ich bin dir sechs Dukaten schuldig - noch mehr - mein Glueck - mein
Reich! - o treuer, gescheuter Diener!" -

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Alex Ross: Winner of the Guardian first book award
Stuart Evers: They made a real difference to Britain's literary culture, and it would be a terrible shame if they got forgotten in the age of Amazon

Congratulations to Alex Ross, winner of the Guardian first book award
One of only seven copies of The Tales of Beedle the Bard handwritten by JK Rowling is unveiled at the New York Public Library as the mass market edition goes on sale around the world

The arcane first book that's also a bestseller

Congratulations to Alex Ross, the deserving winner of the 2008 Guardian first book award. There's been a massed chorus of appreciation for this work already, so I shan't add much, except to say that what I particular enjoy about it is the connections it makes between musics and musicians. I'm the sort of person who goes to a lot of concerts, plays the violin, has some kind of grasp of how the history of music works – but frankly, it's all a bit fragmented and vague, since I have never studied the history of music properly and I can't really do the textbook musicological stuff. As I was reading Ross's book, it dawned on me that most of my knowledge of 20th-century music was based on reading the occasional Grove essay – and mostly, reading programme notes. What Ross's book does brilliantly is knit all these odd and isolated bits of knowledge together, so that everything starts to synthesise rather wonderfully, and you get to know what Sibelius thought of Stravinsky, say (not much – "stillborn affectations" was the phrase employed); or that Alban Berg was lionised by George Gershwin; or that David Bowie referenced Philip Glass and vice versa. That, and then the material is set against its historical and political background, such that this is a book for history-lovers as much as music-lovers.

By the way, there's a pungent criticism of the new-music scene by Hans Eisler in 1928, as quoted by Ross. How much have things changed, I wonder?

"The big music festivals have become downright stock exchanges, where the value of the works is assessed and contracts for the coming season are settled. Yet all this noise is carried out in the vacuum of a bell glass, so to speak, so that not a sound can be heard outside. An empty officiousness celebrates orgies of inbreeding, while there is a complete lack of interest or participation of a public of any kind."

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