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Der Alpenkonig und der Menschenfeind by Ferdinand Raimund

F >> Ferdinand Raimund >> Der Alpenkonig und der Menschenfeind

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Der Alpenkönig und der Menschenfeind

Ferdinand Raimund

Romantisch-komisches Original-Zauberspiel in zwei Aufzügen

Personen:

Astragalus, der Alpenkönig
Linarius und Alpanor, Alpengeister

Herr von Rappelkopf, ein reicher Gutsbesitzer
Sophie, seine Frau
Malchen, seine Tochter dritter Ehe
Herr von Silberkern, Sophiens Bruder, Kaufmann in Venedig
August Dorn, ein junger Maler
Lischen, Malchens Kammermädchen
Habakuk, Bedienter bei Rappelkopf
Sebastian, Kutscher in Rappelkopfs Dienst
Sabine, Köchin in Rappelkopfs Dienst

Christian Glühwurm, ein Kohlenbrenner
Marthe, sein Weib
Salchen, ihre Tochter
Hänschen, Christoph und Andres, ihre Kinder
Franzel, ein Holzhauer, Salchens Bräutigam
Christians Großmutter

Rappelkopfs verstorbene Weiber:
Victorinens Gestalt
Wallburgas Gestalt
Emerentias Gestalt

Alpengeister. Genien im Tempel der Erkenntnis. Dienerschaft in
Rappelkopfs Hause.


Die Handlung geht auf und um Rappelkopfs Landgut vor.




Erster Aufzug



Erster Auftritt


Die Ouvertüre beginnt sanft und drückt fröhlichen Vogelsang aus,
dann geht sie in fremdartiges Jagdgetön über, begleitet von
Büchsenknall. Beim Aufziehen der Kurtine zeigt sich eine reizende
Gegend am Fuß einer Alpe, welche sich im Hintergrunde majestätisch
erhebt. Im Vordergrunde zeichnet sich in der Mitte ein Gebüsche
von Alpenrosen, links ein abgebrochener Baumstamm und im
Vordergrunde rechts ein hoher Fels aus.

Ein Chor von Alpengeistern, dabei Linarius, durchaus grau als
Gemsenjäger gekleidet, jeder eine erlegte Gemse über den Rücken
hängen, eilt von der Alpe herab und sammelt sich im Vordergrunde
der Bühne.


Chor.
Stellt die Jagd ein, luftge Schützen!
Von den steilen Alpenspitzen
Steigt herab ins blumge Tal.
Zählt mit wilder Jägerfreude
Schnell die frischgefällte Beute
Hier im grünen Weidmannssaal.



Zweiter Auftritt

Astragalus, ganz grau gleich den übrigen Geistern als Alpenjäger
gekleidet, ein Jagdgewehr über die Schulter.


Astragalus (im rauhen Tone).
Holla ho, ihr Jägersleute!
Seid genügsam in der Beute.
Laßt, ihr jagdberauschten Schergen,
Ruhn das Gemsvolk in den Bergen.
Lang gedonnert haben wir
Heut im steinigten Revier.

Linarius (erster Alpengeist).
Großer Fürst, du magst nur winken,
Und der Alpen Geister sinken
Kraftberaubet in den Staub
Wie vorm Sturmwind welkes Laub.
Keiner ist hier, der es wagt,
Fortzusetzen mehr die Jagd.
Doch es kann nichts Schönres geben,
Als auf Alpenspitzen schweben
Und den Blitz vom Rohre senden,
Der Gazelle Leben enden.
Ha! wenn aus metallnem Lauf
Krachend sich der Schuß entladet
Und die goldne Kugel drauf
In der Gemse Blut sich badet:
Das ist echte Weidmannslust,
Das erhebt des Jägers Brust.

Alle.
Das ist echte Weidmannslust!
Das erhebt des Jägers Brust!

Astragalus.
Bei des Eismeers starren Wellen,
Ihr seid wackre Jagdgesellen.
Oft soll euch die Lust entzücken,
Doch auch andre mags beglücken.
Denn was wir dem Berg entwenden,
Will ins dürftge Tal ich senden.
An Bewohner niedrer Hütten,
Die um karges Mahl oft bitten,
Teilet eure Gemsen aus.
Werft sie unsichtbar ins Haus.

Linarius.
Edel ist stets dein Beginnen,
Und wir eilen schnell von hinnen,
Um den mächtgen Herrscherwillen
Stolz zu ehren durch Erfüllen.
Laßt die Hütten uns umrauschen
Und leis dem Entzücken lauschen,
Wenn sie in der Tiere Wunden
Goldne Kugeln aufgefunden.
Dankesperlen, die sie weinen,
Wollen wir zu Kränzen einen,
Daß sie zieren dann zum Lohn
Lieblich deinen Alpenthron.

(Alle ab.)



Dritter Auftritt

Astragalus allein.


Astragalus.
Wohl soll in der Geister Walten
Lieb und Großmut mächtig schalten,
Und ihr Wesen hoher Art,
Wo sich Kraft mit Freiheit paart,
Soll, befreit von irdschem Band,
Schwingen sich an Äthers Rand.
Doch, so wies im Menschenleben
Bös und gut Gesinnte gibt,
Jener haßt und dieser liebt:
So ists auch in Geistersphären,
Daß nicht all nach oben kehren
Ihr entkörpert Schattenhaupt,
Und, des liebten Sinns beraubt,
Auch der Böse schaut nach unten,
An die finstre Macht gebunden.
Und so wird der Krieg bedinget,
Der die Welt mit Leid umschlinget,
Der die Wolken jagt durch Lüfte,
Der auf Erden baut die Grüfte,
Der den Geist gen Geist entzweiet,
Der dem Hai die Kraft verleihet,
In des Meeres Flut zu wüten,
Der dem Nordhauch schenkt die Blüten,
Der den Sturm peitscht gegen Schiffe,
Daß zerschmettern sie am Riffe,
Der die Menschen reiht in Heere,
Daß sie zu des Hasses Ehre
Über ihrer Brüder Leichen
Sich des Sieges Lorbeer reichen--
Doch ich liebe Geisterfrieden,
Bin dem Menschen gut hienieden,
Hause nicht in Bergesschlünden,
Laß in freier Luft mich finden.
Hab auf Höhen, glänzend weiß,
Auf des Gletschers kühnstem Eis,
Mein kristallnes Schloß erbaut,
Das der Sterne Antlitz schaut.
Und dort blick aus klaren Räumen
Auf der Menschheit eitles Träumen
Mitleidsvoll ich oft herab.
Doch wenn ich am Pilgerstab
Manch Verirrten wandern sehe,
Steig von meiner wolkgen Höhe
Nieder ich zum Erdenrunde,
Reich ihm schnell die Hand zum Bunde
Und leit ihn mit Freundessinn
Zum Erkenntnistempel hin. (Ab.)



Vierter Auftritt

Auf der entgegengesetzten Seite Malchen, Lischen. Erstere im
lichtblauen Sommerkleide, einen Strohhut auf dem Haupte, läuft
fröhlich voraus.


Malchen.
Ach, das heiß ich gelaufen, wie pfeilschnell doch die Liebe
macht! (Sieht sich um.) Hier ist mein teures Tal. Wie herrlich
alles blüht, heut glänzt die Sonne doppelt schön, als wäre
Festtag an dem Himmel und sie des Festes Königin. Ach, wie
dank ich dir, du liebe Sonne, daß du mir meinen August bringst.
Lischen, Lischen! (Ruft in die Kulisse.) Wo bleibst du denn?
Wie ängstlich sie sich umsieht. Was hast du denn?

Lischen (kommt ganz verwirrt und sehr geschwätzig).
Aber Sie unglückseliges Fräulein, wie können Sie sich denn heute
in diese berüchtigte, verrufene, bezauberte Gegend wagen? Haben
Sie nicht die wilde Jagd gehört? heut ist der Alpenkönig los.
Hätt ich das gewußt, Sie hätten mich nicht mit zwanzig Pferden
aus dem Haus gezogen. Aber Sie weckten mich auf, sagten mir, ich
sollte mich schnell anziehen, Sie wollten Ihrem August
entgegeneilen, der heute von seiner Kunstreise aus Italien
zurückkömmt.

Malchen.
Nun, das tat ich ja. Hier erwart ich meinen August. Sein letzter
Brief nennt mir den heutgen Morgen. Hier schieden wir in
Gegenwart meiner Mutter vor drei Jahren mit betrübtem Herzen
voneinander. Du weißt, daß mein Vater schon damals gegen unsere
Liebe war, obwohl Augusts Onkel starb und ihm einiges Vermögen
hinterließ, schlug er ihm doch meine Hand ab, geriet in den
heftigsten Zorn und warf ihm Talentlosigkeit in seiner
Malerkunst vor. August, auf das bitterste gekränkt, beschloß,
nach Italien zu reisen, um seinen Kummer zu zerstreuen und
sich an den großen Mustern zu bilden. Hier schwor er mir ewge
Treue, meine gute Mutter versprach uns ihren Beistand, doch
du weißt, wie es um meinen armen Vater steht. Hier haben wir
uns getrennt, hier gelobten wir uns wieder in die Arme zu
stürzen. Nach seinen Briefen hat er große Fortschritte in
seiner Kunst gemacht.

Lischen.
Was Italien, was Kunst, was helfen mir alle Maler von ganz Italien
und Australien! In diesen Bergen haust der Alpenkönig. Und wenn
uns der erblickt, so sind wir verloren.

Malchen.
So sei nur ruhig, es wird ja den Hals nicht kosten.

Lischen.
Aber die Schönheit kanns kosten, und der Verlust der Schönheit
geht uns Mädchen an den Hals. Und wie innig ist die Schönheit mit
dem Hals verbunden, wer halst uns denn, wenn wir nicht schön mehr
sind? Wissen Sie denn nicht, daß jedes Mädchen, das den Alpenkönig
erblickt, in dem Augenblick um vierzig Jahre älter wird? Ja sehen
Sie mich nur an, keine Minute wird herabgehandelt. Vierzig Jahre,
und unsere jetzigen auch noch dazu, da wird eine schöne Rechnung
herauskommen. Stellen Sie sich die Folgen einer so entsetzlichen
Verwandlung vor. Was würde ihr geliebter Maler dazu sagen, wenn
er in Ihnen statt einer blühenden Frühlingslandschaft eine
ehrwürdige Wintergegend aus der niederländischen Schule erblickte,
was würden alle meine Anbeter dazu sagen, wenn der Anblick dieses
Ungetüms meine Wangen in Falten legte wie eine hundertjährige
Pergamentrolle?

Malchen.
Aber wer hat dir denn solche Märchen aufgebunden? Beinahe könnt
ich selbst in Angst geraten. Es gibt gar keinen Alpenkönig.

Lischen.
Nicht? Nun gut--bald werd ich Sie wie meine Großmutter verehren.
Folgen Sie mir, oder ich laufe allein davon. (Will fort.)

Malchen.
So bleib nur, mein August wird bald hier sein, die Sonne steht
schon hoch, du mußt mir Toilette machen helfen, der Wind hat
meine Locken ganz zerrüttet. Du hast doch den kleinen Spiegel
mitgenommen, wie ich dir befahl?

Lischen.
Ei freilich, ach, hätt ich lieber meine Angst vergessen!

Malchen.
So. (Setzt sich auf den Baumstamm und öffnet ihre Locken. Lischen
steht mit dem Spiegel vor ihr.) Halt ihn nur! Weißt du, Lischen,
ich muß mich doch ein wenig zusammenputzen, er kömmt aus Italien,
und die Frauenzimmer sollen dort sehr schön sein.

Lischen.
Hahaha, warum nicht gar! Ich kenne in der Welt nur ein schönes
Frauenzimmer. Sie werden mich verstehen, Fräulein.

Malchen (nimmt es auf sich).
Du bist zu galant, Lischen, das verdien ich nicht.

Lischen (beiseite).
Die glaubt, ich mein sie, wie man nur so eitel sein kann--und ich
meine mich.

Malchen.
So, Lischen, jetzt sind die Locken alle offen--jetzt halt nur
gut, der Alpenkönig tut uns nichts.

Lischen.
Ach ums Himmels willen, nennen Sie doch den abscheulichen
Alpenfürsten nicht--(erschrickt) es rauscht ja etwas im Gebüsche,
Himmel, ich laß den Spiegel fallen. (Ein Auerhahn fliegt aus dem
Gebüsche auf. Sie schreit.) Ach der Alpenkönig! (Läuft mit dem
Spiegel fort.)

Malchen (nachrufend).
Lischen, Lischen, was schreiest du denn, es ist ja nur ein Vogel.
Ach du lieber Himmel, sie hat ja den Spiegel mitgenommen, die
läuft ganz sicher nach Hause. Lischen, so höre doch! Entsetzlich,
meine Locken, wenn jetzt August kömmt und mich so erblickt. Das
überleb ich nicht. Ach du lieber Himmel, wie hätt ich mir das
vorstellen können, das ist doch das größte Unglück, das einem
Menschen begegnen kann. (Besinnt sich.) Aber pfui, Malchen, was
ist das für eine Eitelkeit, August wird dich doch nicht deiner
Locken wegen lieben? (Ärgerlich.) Aber die Locken tragen dazu
bei, wenn die Männer nun einmal so sind, was kann denn ich dafür?
Und warum heißen sie denn Locken, wenn sie nicht bestimmt wären,
die Männer anzulocken? (Sieht in die Szene.) Ach, dort eilt er
schon den Hügel herauf. O welche Freude (hüpft), welche Freude!
(Plötzlich stille.) Wenn nur die fatalen Locken nicht wären!
Ich will mich hinter den Rosenbusch verstecken, vielleicht bring
ich sie doch ein wenig zurechte. (Verbirgt sich hinter das
Rosengebüsche.)



Fünfter Auftritt

August im einfachen Reiseanzug, eine Mappe unter dem Arme.


August.
Von dem meerumwogten Strande,
Aus dem wunderholden Lande,
Wo die goldnen Ährenfelder
Wechseln mit Orangenwälder,
Wo die stolzen Apenninen
Über alte Größe sinnen,
Wo die Kunst mit Geisteswaffen
Das Vollendetste erschaffen,
Wo die ungeheuren Reste
Der zerfallenen Paläste
An die Kraft der Zeit uns mahnen
Und wir bebend Hohes ahnen:
Aus dem Tempel der Natur
Kehr ich heim zur stillen Flur.
Denn im biedern Vaterlande
Ketten mich die teuern Bande
Zarter Liebe, fester Treue,
Und der Riesenbilder Reihe,
Die wie Träume mich umwehen,
Schließt ein frohes Wiedersehen.

Seid mir gegrüßt, ihr heimatlichen Berge! O Erinnerung, wie nah
trittst du an mich und reichst mir einen schönen Kranz, geflochten
aus vergangnen Freuden. Und doch muß ich bei all dem Schönen hier
das Schönste noch vermissen, bei all dem Lieben fehlt mein
Liebstes mir. Wo bist du, teures Malchen? Warum erwartest du mich
nicht? Sollte sie meinen Brief nicht empfangen haben? Ist sie
krank? Vielleicht kann sie so früh vom Haus nicht fort. Sie kömmt
gewiß. Ich will indes die Gegend zeichnen hier, die sie so liebt,
und zum Geschenk ihrs bieten, wenn sie naht. (Er setzt sich auf
den Baumstamm und zeichnet.) Wie herrlich dort die Alpe glänzt
im Sonnenstrahl, die heitre Luft, und hier--der dunkle Fels, der
üppge Rosenstrauch--nur eins gefällt mir nicht, die bleichen
Rosen machen sich nicht gut, ich wüßte schönere, die auf ihren
Wangen blühn. Wär nur Malchen hier, sie sagte mir gewiß, was ich
für Farben wählen soll.

Malchen (öffnet mit beiden Händen den Rosenstrauch und blickt
liebevoll hervor, so daß sie mit halbem Leibe sichtbar ist und
sagt zärtlich).
Laß sie blau sein wie Beständigkeit.

August (höchst entzückt).
Amalie!

(Sie stürzen sich in die Arme.)

Malchen.
August, lieber August!

Astragalus (erscheint auf dem Fels im Vordergrunde und ruft).
Heisa he! da gehts ja lustig zu im Alpentale. (Er stützt sich auf
sein Gewehr und behorcht das folgende Gespräch.)

August.
Liebes, schönes, gutes Malchen--(plötzlich scherzhaft) böses
Malchen, warum hast du mich auch nur einen Augenblick geneckt?

Malchen.
Sei nicht böse, lieber August!

August.
Dafür räch ich mich durch diesen Kuß. (Küßt sie.)

Malchen.
O du rachsüchtiger Mensch!

August (sanft).
Bist du ungehalten darüber?

Malchen (unschuldig).
Gott bewahre, räche dich nur. Böse Leute sagen, die Rache sei
süß, und auf diese Weise möcht ich es beinahe glauben.

August.
Gutes Malchen! Wie glücklich fühl ich mich, dich wieder zu sehen,
nichts soll uns trennen als der Tod

Malchen.
Und mein Vater, August, der ist noch weit über den Tod. Wenn der
gute Vater nur nicht gar so böse auf mich wäre!

August.
Sorge nicht, Malchen, wenn er die Fortschritte meiner Kunst
erfahren wird, wenn er sich von der Beständigkeit meiner Liebe
überzeugt, so kann uns seine Einwilligung nicht entgehen. Ich
will noch heute zu ihm.

Malchen.
Ach, das ist vergebens. Mein Vater spricht niemand außer seiner
Familie, nur selten die Dienerschaft. Er ist zum Menschenfeind
geworden.

August.
Unmöglich, und du rühmtest mir sein Herz, seine Rechtlichkeit.

Malchen.
Er besitzt beides. Doch du weißt, daß mein Vater, als er in der
Stadt noch den ausgebreiteten Buchhandel hatte, um große Summen
betrogen wurde, die er aus Gutmütigkeit an falsche Freunde verlieh.
Undank und Niederträchtigkeit brachten ihn zu dem Entschluß,
seinen Buchhandel aufzugeben, die Stadt zu fliehen und sich auf
seinem gegenwärtigen Landsitz vor der Zudringlichkeit ähnlicher
Menschen zu verbergen. Hier liest er nun unaufhörlich
philosophische Bücher, die ihm den Kopf verrücken. Sein Mißtrauen
hat keine Grenzen. Er hat die unglückliche Weise, gegen jeden
Menschen so aufzufahren, daß er die gleichgültigsten Dinge mit
einer Art von Wut verlangt. Niemand, selbst die Mutter, kann um
ihn weilen. Alles flieht und fürchtet ihn, und darum hat er jeden
im Verdacht der Untreue und gönnt doch keinem eine Verteidigung.
Sein Menschenhaß steigt mit jedem Tage, und wir fürchten für sein
Leben. Wie gerne würden wir alles dafür tun, ihn von unserer
Liebe zu überzeugen; doch, wer lehrt ihn den Fehler seiner
unbilligen Heftigkeit einsehen und ablegen, womit er sich alles
zum Feinde macht und sich der Mittel beraubt, die Menschen aus
einem bessern Gesichtspunkte zu betrachten. Deinen Namen dürfen
wir gar nicht aussprechen, er weiß, daß meine Mutter unsre Liebe
billiget, und haßt sie darum bis in den Tod.

August.
O grausames Schicksal, warum vernichtest du all meine glücklichen
Träume wieder? Also kann ich dich nie besitzen, Malchen?

Malchen.
Wenn ich nur ein Mittel wüßte, dich zu erringen! Wär ich frei wie
jener Vogel, der sich so fröhlich in der blauen Luft dort wiegt,
ich zöge mit dir durch die ganze Welt. Glückliches beneidenswertes
Tier! Wer darf dir deine Freiheit rauben?
(Astragalus schießt den Vogel aus der Luft. Man sieht ihn aber
nicht fallen. Malchen erschrickt.)
Ha!

Astragalus (immer im rauhen Tone).
Des Schützen Blei, weil du die Frage stellst.

Malchen (blickt hinauf). O August, sieh!

August.
Wer bist du, grauer Wundermann?

Astragalus.
Den Alpenkönig nennt man mich.

Malchen.
Der Alpenkönig! wehe mir! (Sinkt ohnmächtig in Augusts Arme.)

August.
Was ist dir, Malchen? Hülfe, Hülfe, steht ihr bei!

Astragalus (lachend).
Da müssen Steine sich erbarmen selbst. Hab Mitleid, Fels, und
öffne schnell dein Herz! (Er stoßt mit dem Kolben des Gewehrs
an den Fels. Der Fels öffnet sich, man sieht einen kleinen
Wasserfall, der über Rosen sprudelt, an dem zwei Genien lauschen,
sie fangen mit goldnen Muscheln Wasser aus der Quelle und
besprengen Malchen damit.)
Erwache, Törin, die sich Flügel wünscht und so die Erde höhnt!

August.
Sie schlägt das Auge auf. Wie ist dir, Malchen?

Malchen.
Ach, wie kann mir sein! Ich habe den Alpenkönig erblickt. Jetzt
bin ich gewiß um vierzig Jahre älter geworden. Erkennst du mich
noch, August?

August.
Bist du von Sinnen? Was hast du denn?

Malchen.
Ach, Falten habe ich, lieber August, viele tausend Falten. Ich
muß entsetzlich aussehen. Sieh mich nur nicht an!

August.
Was fällt dir ein! Du bist so schön, als du es immer warst.

Malchen.
Schön wär ich? Gewiß? Und hätte keine Falte, keine einzige?

August.
Gewiß nicht.

Malchen.
Ach du lieber Himmel, wie danke ich dir! Nein, eine solche Angst
hab ich in meinem Leben noch nicht ausgestanden!

August.
Was war dir denn?

Malchen.
Nun, Lischen sagte mir, ein Mädchen, das den Alpenkönig sieht,
würd um vierzig Jahre älter.

Astragalus (tritt vor).
So sagte sie?

Malchen.
Ach! da ist er schon wieder! (Verhüllt das Gesicht.)

Astragalus.
Seid ohne Furcht und horcht, was Alpenkönig spricht.
Schon zweimal sah ich eurer Herzen Brand
Wie Morgenrot auf Lilienschnee erglühen
Und Tränen, edler Sehnsucht nur verwandt,
Leidkündend über eure Wangen ziehen.
Und weil mich dies so inniglich erfreut,
Daß ihr so seltsam treu noch denket,
Hab ich euch meine Fürstengunst geweiht
Und eure Lieb mit meinem Schutz beschenket.
(Zu Malchen.)
Ich weiß um deines Vaters Menschenhaß,
Hab ihn belauscht, wenn er den Wald durchrannte
Mit Ebersgrimm, auf Bergesgipfel saß
Und seinen Fluch nach allen Winden sandte.
Doch laßt darum den treuen Mut nicht sinken.
Erkennen wird mit seinem Wahnsinn rechten.
Die Sterne werden bald zur Brautnacht winken,
(zu Malchen)
Und Alpenkönig wird den Kranz dir flechten. (Ab.)



Sechster Auftritt

August. Malchen.


Malchen.
Hast dus gehört, August, ists ein Traum, wir sollen glücklich
werden?

August.
Wir wollen seinem Worte glauben. Und obwohl ich seine Existenz
für ein Märchen hielt, muß ich sie für wahr erkennen, wenn ich
nicht ungerecht gegen meine Sinne handeln will.

Malchen.
Komm, wir wollen meiner Mutter alles erzählen, ich werde schon
sehen, daß du mit ihr sprechen kannst. Laß uns vertrauen auf den
Alpenkönig. Er scheint nicht bös zu sein, ich hab ihm auch dreist
ins Auge geblickt, und es hat mir nichts geschadet, nicht wahr,
lieber August? Ich bin um gar nichts älter geworden?

August.
Nein, liebes Malchen. Seit ich dich wiedersehe, kaum um eine
Stunde.

Malchen.
Um eine Stunde nur? (Ihm sanft ins Auge blickend.) Nun, eine
Stunde kann ich schon verschmerzen und es war eine glückliche,
denn ich habe sie mit dir verlebt.

August.
O gutes Malchen, wie beglückst du mich!

(Beide Arm in Arm ab.)



Siebenter Auftritt

Verwandlung
Zimmer auf Rappelkopfs Landgut.

Sophie. Sabine. Der Kutscher. Die sämtliche Dienerschaft.


Chor.
Euer Gnaden sind so gütig,
Doch wir haltens nimmer aus.
Unser Herr ist gar zu wütig,
Und das treibt uns aus dem Haus.
Niemand kann bei ihm bestehn,
Und wir wollen alle gehn.

Sopie.
Seid nur ruhig, liebe Leute, verseht euren Dienst, nur kurze Zeit
noch, es wird sich vielleicht bald alles ändern. Geht an eure
Pflicht! Wenn mein Mann herüberkäme, ich bin in Todesangst.

Kutscher.
Ei, was nutzt denn das, Euer Gnaden, er solls wissen, wir könnens
nicht mehr länger aushalten mit ihm, wir tun unser Schuldigkeit,
und er kann uns nicht leiden.

Sopie.
Es wird sich alles ändern, ich habe an meinen Bruder nach Venedig
geschrieben, ihm meines Mannes Seelenkrankheit und ihre üblen
Folgen vorgestellt, er wird vielleicht noch heute ankommen, um
alles zu versuchen, seinen Menschenhaß zu heilen--oder mich
von meinem armen Mann zu trennen.

Kutscher.
Na, das ist die höchste Zeit, Euer Gnaden schauen sich ja gar
nimmer gleich. Drei Weiber hat er schon umbrachte er ist ja ein
völliger blauer Bart.



Achter Auftritt

Vorige. Habakuk.


Sopie.
Diese gemeinen Äußerungen hören zu müssen! Habakuk, ist mein Mann
auf seinem Zimmer? Ist Malchen schon zu Hause?

Habakuk.
Der gnädige Herr ist schon wieder im Gartenzimmer, er hat sich
selbst seinen Schreibtisch und seinen Stuhl hinübergetragen und
geht mit sieben Ellen langen Schritten auf und ab. Ich versichere
Euer Gnaden, ich war zwei Jahr in Paris, aber ein solcher Herr
ist mir nicht vorgekommen.

Sabine (im schwäbischen Dialekt).
Nu da habe wirs, jetzt trau ich mich nicht in den Garte hinaus,
er hat den Schlüssel von der Hofgartetür abgezogen.--Ich kann
nicht koche--

Sopie.
Nun so geh Sie durch das Gartenzimmer.

Sabine.
Ja wer traut sich denn hinein? Wenn der Herr drinne ist? Da geh
ich ja eher zu einem Leopard in die Falle. Er jagt ja alles
hinaus. Wenn er in die Kuchel kommt, so wärs notwendig, ich
schliefet unter den Herd.

Habakuk.
Nun ja, und da sind so schon so viel Schwaben unten.

Kutscher.
Mich kann er gar nicht leiden, ich muß mich immer unters Heu
verstecken.

Habakuk.
Mich haßt er doch nur bis daher (zeigt den halben Leib). Er sagt,
ich wär nur ein halbeter Mensch.

Sopie.
Aber er beschenkt euch ja so oft.

Sabine.
Ja aber wie? Er tut einem dabei alle Grobheiten an und wirft
einem das Geld vor die Füß.

Habakuk.
Oh, da ist er noch in seinem besten Humor, aber neulich nimmt er
sein goldene Uhr, ich glaub, er macht mir ein Präsent, derweil
wirft er mir s' an den Kopf. (Hochdeutsch.) Ja, das sind halt
Berührungen, in die man nicht gern mit seiner Herrschaft kommt,
ich war zwei Jahr in Paris, aber das hab ich nicht erlebt. Zu was
brauch ich zwei Uhren, ich hab meine Uhr im Kopf, aber am Kopf
brauch ich keine.

Sabine.
Kurz, in dem Haus ist nichts zu mache, wenn man nicht einmal in
den Garten kann--

Habakuk.
Wie soll man denn da auf ein grünes Zweig kommen!

Alle.
Kurzum, wir wollen alle fort.

Sopie.
Also wollt ihr eure Frau, die euch immer so menschenfreundlich
gewogen war, so plötzlich verlassen, da ihr doch seht, daß sowohl
ich als meine Tochter eine gleiche Behandlung zu erdulden haben?
Ich kann euch nicht fortlassen, weil zwischen heut und morgen
mein Bruder ankömmt, der vieles über meinen Mann vermag. So
lange müßt ihr die Launen eures Herrn noch ertragen.

Alle.
Es geht nicht, Euer Gnaden, es ist nicht zum existieren.

Sopie.
Nun, so nehmt dieses kleine Geschenk (sie gibt jedem einige
Silberstücke) und stärkt eure Geduld damit, vielleicht geht es
doch.

Alle.
Ach! Wir küssen die Hand, Euer Gnaden.

Kutscher.
Wir werden halt sehen, ob wir auskommen können mit ihm.

Habakuk.
Solang wir mit dem Geld auskommen, kommen wir schon mit ihm auch
aus.

Sabine.
Und wisse Euer Gnade, er wär nicht gar so übel, der gnädge Herr--

Kutscher.
Ach gar nicht--wenn er nur anders wär.

Habakuk.
Freilich, das ist der einzige Umstand.

Sopie.
Doch jetzt geht beruhigt an eure Geschäfte.

Alle.
Gleich, gnädige Frau. (Ab.)

Kutscher.
Euer Gnaden sind halt eine gscheide Frau. Ich sag immer, Euer
Gnaden sind einmal ein Kutscher gwesen, weil Euer Gnaden so gut
wissen, daß man einen Wagen schmieren muß, wann er fahren soll.
(Lacht dumm und geht ab.)

Sabine (küßt ihr die Hand).
Das ist wahr, Euer Gnaden sind eine Frau, die man in der ganzen
Welt suche darf. (Ab.)

Habakuk.
Ich versichere Euer Gnaden, ich war zwei Jahr in Paris, aber ein
Herz, wie Euer Gnaden zu haben belieben, das ist wirklich, wie
man auf französisch sagt, nouveau!



Neunter Auftritt

Lischen. Vorige.


Sopie.
Nun endlich seid ihr zurück. Wo ist Malchen? Ist August
angekommen? Haben sie sich getroffen?

Lischen.
Von allen dem weiß ich keine Silbe, gnädige Frau, ich weiß gar
nichts, als daß der Mädchen verfolgende Alpenkönig eine Jagd
gegeben hat, daß mich an dem Ort des Rendezvous eine Angst
befallen hat und daß ich über Hals und Kopf zurückgelaufen bin.

Sopie.
Und Malchen?

Lischen.
Wollte ihren Liebhaber erwarten und war nicht zu bewegen, mit
zurückzugehen.

Sopie.
Aber wie kann Sie sich unterstehen, meine Tochter allein zu
lassen? Sie leichtsinnige Person, der ich mein Kind anvertraut
habe! Ich muß nur gleich Leute hinaussenden. Wenn ihr ein Unglück
widerführe! O Himmel, was bin ich für ein gequältes Geschöpf!

Lischen.
Aber gnädge Frau--

Sopie.
Geh Sie mir aus den Augen. (Eilig ab.)



Zehnter Auftritt

Lischen. Habakuk.

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Alex Ross: Winner of the Guardian first book award
Stuart Evers: They made a real difference to Britain's literary culture, and it would be a terrible shame if they got forgotten in the age of Amazon

Congratulations to Alex Ross, winner of the Guardian first book award
One of only seven copies of The Tales of Beedle the Bard handwritten by JK Rowling is unveiled at the New York Public Library as the mass market edition goes on sale around the world

The arcane first book that's also a bestseller

Congratulations to Alex Ross, the deserving winner of the 2008 Guardian first book award. There's been a massed chorus of appreciation for this work already, so I shan't add much, except to say that what I particular enjoy about it is the connections it makes between musics and musicians. I'm the sort of person who goes to a lot of concerts, plays the violin, has some kind of grasp of how the history of music works – but frankly, it's all a bit fragmented and vague, since I have never studied the history of music properly and I can't really do the textbook musicological stuff. As I was reading Ross's book, it dawned on me that most of my knowledge of 20th-century music was based on reading the occasional Grove essay – and mostly, reading programme notes. What Ross's book does brilliantly is knit all these odd and isolated bits of knowledge together, so that everything starts to synthesise rather wonderfully, and you get to know what Sibelius thought of Stravinsky, say (not much – "stillborn affectations" was the phrase employed); or that Alban Berg was lionised by George Gershwin; or that David Bowie referenced Philip Glass and vice versa. That, and then the material is set against its historical and political background, such that this is a book for history-lovers as much as music-lovers.

By the way, there's a pungent criticism of the new-music scene by Hans Eisler in 1928, as quoted by Ross. How much have things changed, I wonder?

"The big music festivals have become downright stock exchanges, where the value of the works is assessed and contracts for the coming season are settled. Yet all this noise is carried out in the vacuum of a bell glass, so to speak, so that not a sound can be heard outside. An empty officiousness celebrates orgies of inbreeding, while there is a complete lack of interest or participation of a public of any kind."

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