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Schnock by Friedrich Hebbel

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This Etext is in German.




Schnock
Ein niederlaendisches Gemaelde

Friedrich Hebbel



Erstes Kapitel


Zur Einleitung


In dem kleinen Marktflecken Y., wo sich jeder Reisende gern so lange
aufhaelt, als er muss, naemlich so lange als die Post ausbleibt, traf
ich in den Hundstagen des Jahres 1836 zum letztenmal ein. Der Ort
ist einer von denen, wo man nur auf dem Leichenacker erfaehrt, dass
Menschen darin leben, weil eine Reihe ehrwuerdiger Grabsteine, die man
nicht Luegen zu strafen wagt, versichern, dass Menschen darin sterben.
Diesmal kannte ich ihn nicht wieder, und ich wuerde geglaubt haben,
der Postillon sei fehlgefahren, wenn sich nicht der mir unvergessliche
Postmeister, eine lange, duerre, windschiefe Figur, die sich scheu und
verlegen in jede Ecke drueckt, als ob sie schon durch ihre blosse
Existenz zu beleidigen fuerchte, aus der Tuer geschoben, und so meine
Zweifel verscheucht haette. Alle Strassen naemlich, durch die ich kam,
waren gedraengt voll von Leuten; kein Fenster, aus dem nicht mehr
Koepfe haetten herausschauen wollen, als Platz fanden; auf dem
Kirchturm selbst konnt' ich deutlich Hauben und flatternde Schals
unterscheiden, und jedes Gesicht, von der alten, halberblindeten
Bettelfrau an, die sich muehsam mit der rechten Hand auf ihren Stab
stuetzte und mit der linken die Brille aufsetzte, bis zu dem kleinen
weiss gekleideten Maedchen mit seinen blonden Locken herunter, trug den
Ausdruck der gespanntesten Erwartung. "Was gibt's denn," fragte ich
den Postmeister, "ist's Jahrmarkt heut?"--"Den 16. hujus gewesen.
"--"Feiert der Amtmann oder der Stadtpfarrer das
Dienstjubilaeum?"--"Herr Pastor primarius Nothnagel hat's schon
gefeiert und ist an den Folgen des Schmauses gestorben, und unser
Herr Amtmann darf in den naechsten vierzig Jahren an die Ehre noch
nicht denken, dazu ist er, mit Erlaubnis zu sagen, noch viel zu jung.
"--"Gibt's denn Aufstand? Rebellieren die Buerger? Empoert sich, was
Hosen traegt?"--"Bewahre uns Gott vor Rebellion! Dazu haben wir auch
gar keine Zeit, man muss sich tummeln, ums liebe Brot zu verdienen und
die hohen Steuern zu erschwingen. Nein, die Sache, es kurz zu
vermelden, ist die. Ein hoechst gefaehrlicher Verbrecher, ein
Boesewicht, der einen greulichen Diebstahl begangen hat und einer
Mordtat faehig gehalten wird, wurde gestern zur Haft gebracht und
heute, als ihm der Gefangenenwaerter das Fruehstueck in den alten
verfallenen Turm bringen wollte, vermisst. Da hat denn der Amtmann
die gesamte Buergerschaft aufgeboten, um ihn wieder einzufangen, und
wie man vernimmt, so ist's, wunderbar genug! geglueckt. Nun ist man
natuerlich begierig--" Der Postmeister unterbrach sich; denn er
bemerkte, dass ich schon laengst nicht mehr auf ihn hoerte, weil ich
sonst ueber die Explikation das Schauspiel versaeumt haette. Ein Zug,
abenteuerlicher, als ich ihn je gesehen, kam die Strasse herauf.
Zuerst, in grellroten Roecken mit messingnen Knoepfen, an der Seite
maechtige Saebel, die das Gehen erschwerten und den Mut gewiss nicht
vermehrten, zwei ehrenfeste Maenner, voll edlen Selbstgefuehls, in
denen sich ehemalige Unteroffiziere der Reichsarmee, die vielleicht
manche Schlacht mit hatten verlieren helfen, und jetzige
Gerichts--und Polizeidiener nicht verkennen liessen. Dann, von zwei
lahmen Pferden gezogen, ein Leiterwagen, auf dem der Held des Tages,
der Triumphator, sass, dreifach gebunden, als ob er ein Herkules waere
und noch etwas mehr. Hinterher die ganze waffenfaehige Mannschaft des
Fleckens, mit Mistgabeln, AExten und Beilen, Stricken, genug mit allen
moeglichen Dingen, die der Leser nicht erwartet, armiert und nicht
ohne Stolz zu Frauen und Toechtern aufblickend und sie mit leichtem
Kopfnicken, da die Zeit nichts weiteres erlaubte, begruessend. Der
Wagen hielt; zwei alte Weiber, wovon eine der andern ihren breiten
Ruecken, der ihr das Sehen unmoeglich mache, vorwarf, fingen an, sich
zu pruegeln, der Amtmann trat vor mit einem Gesicht, welches halb
Fragezeichen war, halb aber auch, der Wuerde des Amts gemaess,
Gedankenstrich. Die Gerichtsdiener machten Front und statteten beide
zugleich, also so unverstaendlich wie moeglich, Rapport ab, der Amtmann
warf auf den Triumphator einen vernichtenden Blick, den dieser mit
seinem ungezogensten Gaehnen erwiderte, dann rief er finster aus: "Wo
bleibt denn aber Schnock, der Schreiner, dass man ihn beloben, ihm
seine Zufriedenheit bezeigen kann?"--"Heda, Meister Schnock,
aufgepasst!" schrien die Gerichtsdiener, das verdriessliche Gesicht des
Amtmanns und den muerrischen Ton seiner Stimme moeglichst getreu
kopierend. Jetzt merkt' ich auf; wer noch nie einen Gluecklichen
gesehen hat, der betrachte sich einen deutschen Buerger, dem bei
irgendeinem Anlass von Gerichts wegen die Versicherung erteilt wird,
dass er ein ganzer Kerl sei. Nicht so schnell, als ich erwartet hatte,
aber doch schnell genug, um die Stirnfalten des Amtmanns nicht durch
sein Zoegern zu verdoppeln, trat aus dem Haufen ein Mann heraus,
breitschultrig, von gewaltigem Knochenbau, aber mit einem Gesicht,
worauf das erste Kindergreinen ueber empfangene Rutenstreiche
versteinert zu sein schien; ein Baer mit einer Kaninchenphysiognomie.
Der Amtmann erteilte ihm ein sparsames Lob wegen seiner bewiesenen
Herzhaftigkeit, Schnock senkte wehmuetig den Kopf und schickte einen
aengstlichen Blick zu dem Gefangenen hinueber, der auf seinem Wagen in
sanften Schlummer gefallen war oder sich doch stellte, als ob er es
waere. Der Amtmann zog sich in das Heiligtum der Amtsstube zurueck,
die Gerichtsdiener rissen den Gefangenen von seinem Sitz herunter und
schwuren, er sollen ihnen nicht zum zweitenmal entkommen, und wenn er
auch die Kunst besaesse, sich in eine Fledermaus zu verwandeln. Die
Menge zerstreute sich, nur Schnock blieb, als haett' er einen
Basilisken gesehen, regungslos auf dem Platze stehn. Der Mann
interessierte mich, ich trat zu ihm heran. "Mein Freund," begann ich,
"Ihr seid sehr in Gedanken vertieft!"--"Weil ich ein geschlagener
Mann bin", gab er zur Antwort. Ich stutzte und fragte weiter:
"Wieso? Wie kommt's, dass Ihr dies eben heut, wo Ihr Euch in so hohem
Grade die Zufriedenheit Eurer Obrigkeit erworben zu haben scheint, so
lebhaft fuehlt?"--"Eben darum," versetzte er heftig, "wer buergt mir,
dass der sich im Gefaengnis erdrosselt, oder sich mit Glasscherben die
Pulsader aufreisst? Gibt's der Herr," er meinte mich, "mir etwa
schwarz auf weiss, dass diesen heillosen Suender in der Einsamkeit die
Verzweiflung packt? Und darf ich hoffen, dass er ausser dem Diebstahl,
wegen dessen ihn der strengste Richter nicht zum Tode verurteilen, ja
nicht einmal auf zeitlebens einstecken kann, noch eine Mordtat oder
ein anderes Halsverbrechen begangen hat?"--"Von wem sprecht Ihr denn
eigentlich?" unterbrach ich ihn. "Nun, von wem anders, als von dem
Boesewicht, den ich das Unglueck gehabt habe zu arretieren. Haett' ich
doch lieber zuvor ein Bein gebrochen! Aber niemand entgeht seinem
schlimmen Stern, am wenigsten ich."--"Ich begreife Euch bei Gott
nicht!" versetzte ich. "Fuer jeden ordentlichen Buerger pflegt es ein
Fest zu sein, wenn ein dem oeffentlichen Wohl gefaehrlicher Mensch zur
Haft gebracht wird."--"O freilich, wenn er nur nicht selbst die Falle
war, in der der Fuchs sich erwischen liess!"--"Ich daechte, das waere
gleichgueltig!"--"Wahrlich nicht fuer einen Mann, der ein Haus hat, das
man ihm zur Nachtzeit ueberm Kopf anzuenden kann, und der sich gestehen
muss, dass sich in sein Fleisch so gut ein Loch bohren laesst, wie in
andres. Mein Ihr, ein Kerl, der--Ihr koennt's nicht uebersehen
haben--auf'm Wagen einschlaeft, waehrend ihn tausend Kehlen mit den
greulichsten Verwuenschungen ueberhaeufen, werde sich fuer die endlose
Langeweile, der er im Kerker, und fuer die Quaelereien, denen er in den
Verhoeren entgegengeht, nicht gegen mich Unglueckseligen, dem er das
alles verdankt, auf seine Weise erkenntlich bezeigen? Was wird diese
Kroete zwischen den finstern Mauern des Gefaengnisses aushecken, als
giftige Racheplaene? Und wann hat man noch gehoert, dass einem
Boesewicht missglueckt ist, was er sich vornahm? Hoechstens kommt man
ihm hintendrein auf die Spur; das weckt aber keinen wieder auf, der
einmal mit einer acht Zoll tiefen Wunde auf'm Kirchhof oder sonstwo
verscharrt liegt. Dem Schlachtopfer ist's gleichgueltig, ob man den
Schlaechter zu ihm in die Erde steckt."--"Mir scheint, ein Mann, wie
Ihr, kann sich seiner Haut schon wehren; Euch geht, deucht mir, zu
einem Riesen nicht viel ab, geschweige zu einem tuechtigen Schlaeger.
"--"Oh," versetzte Schnock mit einem Seufzer, "wie oft soll ich diese
vermaledeiten breiten Schultern, diese luegenhafte, grossprahlerische
Leibesgestalt, womit irgendein schadenfroher Teufel mich begabt hat,
noch verfluchen! Jeder, der mich nicht kennt, glaubt, dass ich Berge
versetzen kann. Warum bin ich ungluecklich? Weil ich nicht einen
Kopf kuerzer bin. Wozu trieb mich meine Neigung in der Jugend, was
war der Wunsch meiner Wuensche? Schneider wollt' ich werden, darum
bat ich meinen Vater; die fuehren ein friedsames, geruhiges Leben,
sprichwoertlich ist's, dass sie keine Courage haben, man erwartet von
ihnen nicht das Unglaubliche. Drang ich mit all meinen Bitten bei
dem Vater durch? Junge, sagte er, nicht scherzhaft, sondern in
grimmigem Ton, bist du verrueckt? Du koenntest bei deinen Knochen und
Kraeften einen Ackergaul ersetzen, und wolltest gleich einem Affen,
mit gekreuzten Beinen und loeschpapiernem Gesicht hinter dem Fenster
auf'm Schneidertisch hocken und Zwirn in die Nadel faedeln? Das ist
war fuer Krueppel, fuer Lahme und Verwachsene, damit komme mir nicht; du
wirst mir, so Gott will! ein braver Schreiner! Natuerlich, er war ja
selbst ein Schreiner, und das edle Handwerk waer' zugrunde gegangen,
haett' ich ein andres ergriffen. Gott vergeb's ihm, meinetwegen; ich
vergeb's ihm nicht, hoechstens auf'm Totenbett, wo man alles vergibt!"
Schnock ballte die Hand. "Aber, lieber Meister," fragt' ich weiter,
"warum liesst Ihr den Dieb nicht entschluepfen, wenn es Euch so
bedenklich schien, ihn festzuhalten? Das stand ja doch bei
Euch?"--"Keineswegs," erwiderte Schnock; "man ist selten oder nie
Herr seines Willens. Ich war den uebrigen vorgelaufen, nicht etwa, um
mir ein Ansehen zu geben, sondern um ihnen moeglichst bald aus den
Augen zu kommen und bei der Hetze gegen brutale Aufforderungen zum
Hilfeleisten gesichert zu sein. Ploetzlich, da ich eben den Sprung um
ein Gebuesch mache, faehrt mir das Teufelswildbret, ich meine meinen
Arrestanten, entgegen. Ich schaudre zusammen; denn das laute Hurra,
das aus hundert Kehlen hinter mir erschallt, sagt mir's gleich, dass
mein niedertraechtiges Jagdglueck nicht unbemerkt geblieben ist.
Dennoch haett' ich, ohne Ruecksicht auf spaetere Foppereien und
Anzueglichkeiten, dem Kerl gern den Vorsprung gelassen und zu hinken
angefangen; aber der war wie unsinnig, statt zu entspringen, blieb er
stehen, rollte die Augen, ballte die Faust gegen mich und fuhr
endlich damit, als wollt' er ein Messer oder gar eine Pistole
hervorziehen, in die Tasche. Da ergriff mich Angst und Grausen;
nicht aus Tollkuehnheit, wie die herbeieilenden Esel, die mir schon
aus der Ferne ein Bravo ueber das andere zuschrien, glauben mochten,
sondern aus Furcht macht' ich mich ueber ihn her, rang mit ihm und
warf ihn zu Boden. Dass seine Taschen leer waren, wie sich's bei der
Visitation fand, konnt' ich nicht wissen, und gegen Schuss und Stich
musst' ich mich sichern." Ein Bursch kam in diesem Augenblicke eilig
auf uns zu. "Ich komme schon!" rief Schnock ihm entgegen und machte
mir zugleich eine Abschiedsverbeugung. "Ihr irrt Euch, Meister,"
sagte der Bursch mit unterdruecktem Lachen, "ich suche diesmal nicht
Euch, ich geh' auf die Apotheke, um Hoffmannstropfen zu holen, Eure
Frau hat Kopfweh und liegt zu Bett."--"So sagst du nicht," versetzte
Schnock, "dass du mich gesehen hast.--Wenn die Kopfweh hat," fuhr er,
sich wieder zu mir wendend, fort, "ist's goldne Zeit fuer mich; dann
fuehl' auch ich einmal, dass ich noch auf der Welt bin. Ihr muss
wirklich zuvor das Schlimmste begegnet sein, ehe mir was Gutes
begegnen kann; als sie juengst wegen Zahnschmerz und Backengeschwulst
vierzehn Tage lang das Maul nicht oeffnen konnte, hatt' ich den Himmel
auf Erden." Ich lud Schnock ein, mich ins Posthaus zu begleiten und
dort eine Flasche Wein mit mir auszustechen. "Ich weiss mich", sagte
ich, als er bedenklich zu zoegern schien, "vor Langeweile nicht zu
lassen, und wo find' ich Gesellschaft?" Er willigte ein, und nicht
lange dauerte es, so sassen wir uns auf meinem Zimmer mit gefuellten
Glaesern gegenueber. Es gibt untruegliche Kennzeichen, wodurch sich der
geuebte Trinker von dem angehenden unterscheidet; wenn dieser, waehrend
er das suesse, fluessige Feuer hinuntergiesst, die Augen wolluestig
zukneift, und in innigem Behagen noch mit dem letzten Tropfen die
Zunge erquickt, so spitzt jener bloss ein wenig den Mund, trinkt mit
offnen Augen und ignoriert den Tropfen, da er die Erfahrung gemacht
hat, dass dieser Nachzuegler den Durst, statt ihn zu loeschen, nur aufs
neue weckt. Schnock, das sah ich gleich, war kein angehender Trinker;
er trank das erste Glas nur, um recht bald zum zweiten zu kommen,
und an eine Entsiegelung seines inneren Menschen, auf die ich mich
freute und derentwegen ich ihn eingeladen hatte, war vor Entsiegelung
der dritten Flasche nicht zu denken. Ich gab mich gegen ihn fuer
einen geschiedenen Ehemann aus und sagte, ich haette bloss darum mein
Vaterland verlassen, weil mein rachsuechtiges Weib mir ihre saemtlichen
Liebhaber, einen nach dem andern, mit Herausforderungen auf den Hals
schicke, was mir ueber kurz oder lang das Leben kosten koenne. Diese
Eroeffnung machte ihn treuherzig, aber eine Unvorsichtigkeit, die ich
gleich hernach beging, haette das guenstige Vorurteil, das er fuer mich
zu fassen begann, fast im Keim wieder zerstoert. Ich zog naemlich,
weil sie mir unbequem waren, meine Taschenpistolen hervor und legte
sie neben mich auf den Tisch. Ploetzlich--er war schon in recht
lebhaften Mitteilungen ueber sein Maertyrertum begriffen
gewesen--stockte der Fluss seiner Rede, er entfaerbte sich und sah mich
an. Ich bemerkte die Veraenderung, die mit ihm vorgegangen war,
frueher, als ich sie begriff, und bemuehte mich, ihrer Ursache auf die
Spur zu kommen, aber schneller als all mein Nachsinnen verhalf mir
eine zufaellige Bewegung meiner Hand zur Aufklaerung ueber den
zweifelhaften Punkt. In der Zerstreuung ergriff ich eine der
Pistolen, die ungeladen waren, und spannte spielend den Hahn; da
sprang Schnock von seinem Stuhle auf und versicherte mir mit einem
Gesicht, welches gegen den Mund die buendigste Protestation einlegte,
er halte sich in meiner Gesellschaft fuer sicher. "Ihr seid's
vollkommen, lieber Meister," versetzte ich; "die Dinger da drueckten
mich, ich fuehre sie zu meiner Verteidigung auf Reisen bei mir, aber
um mich nicht selbst zu schaedigen, lade ich sie nicht, ausser wenn ich
bei Nebel und Nacht durch dicke Waldungen komme." Zum Zeugnis der
Wahrheit meiner Relation drueckte ich die Pistole, welche ich eben in
der Hand hielt, ab. "Ich", entgegnete Schnock, indem er sich wieder
mit alter Behaglichkeit niederliess, "wuerde doch Pistolen und
dergleichen niemals mit mir fuehren; denn davon bin ich ueberzeugt,
wenn die Gefahr wirklich an den Mann herantritt, so vergisst man's
entweder, dass man sie hat, oder man schiesst beim Abfeuern fehl und
reizt so den Menschen, der es vielleicht nur auf einfache Raeuberei
abgesehen hatte, zu Mord und Blutvergiessen."--"Ihr habt nicht unrecht,"
erwiderte ich, mein Lachen verbeissend, was mir, wenn's mir nur
einmal gelingt, immer gelingt, "und da waer's gar moeglich, dass man,
nachdem man durch die erste Pistole den Mordgedanken erweckte, durch
die zweite niedergestreckt wuerde; ich setze den Fall, dass der Raeuber
keine Waffe bei sich fuehrt und sich ihrer bemaechtigt."--"Freilich,
freilich!" versetzte Schnock und trank, sichtlich erfreut, zwei
Glaeser hintereinander. Die dritte Flasche war halb geleert, da stand
er ploetzlich auf, trat mit pfiffigwichtiger Miene vor mich hin und
fragte mich: "Sagt mir doch, bin ich eigentlich feig?"--"Es scheint
wohl nur so!" antwortete ich, einigermassen verdutzt. "Gewiss!"
versetzte er und nahm wieder Platz, "dass ich's nicht bin, davon,
glaub' ich, hab' ich Euch heute den Beweis gegeben. Ich traue Euch
nichts Boeses zu, bei Gott nicht! sonst waer' ich keine fuenf Minuten
geblieben; aber, dies koennt' Ihr nicht leugnen, Ihr seid mir
wildfremd. Ihr ladet mich ein, Euch auf Euer Zimmer zu begleiten und
Wein mit Euch zu trinken, jeder andere haette, und mit Recht, aus
Eurer Splendiditaet Argwohn geschoepft und die sonderbare Einladung mit
Abscheu abgelehnt; ich unterdruecke meinen Verdacht und gehe mit Euch.
Ich denke, ich bin nicht feig!"--"Ei, Meister Schnock," erwiderte
ich, "wie kommt Euch denn der Einfall, dass Ihr feig waeret?"--"Weil,"
versetzte er hastig und schenkte sich ein, "weil sie mich alle fuer
feig halten, ja, weil ich, Stunden, wie diese, ausgenommen, selbst
das ganze Jahr hindurch, Gott weiss, woran es liegt! glaube, dass ich's
bin." Jetzt verschwand bei ihm die letzte Spur von Zurueckhaltung, um
so mehr, als er erfuhr, dass ich nicht im Orte bleibe, sondern gleich
den naechsten Tag wieder abreise, er machte mich zum vollstaendigsten
Vertrauten seiner Lebens-, das heisst Maertyrergeschichte, und ich
erhielt Gelegenheit, in die Mikrologien seines Daseins
hineinzuschauen, das mir so putzig vorkam, als ob es gar nicht seiner
selbst wegen, sondern zur Belustigung eines groesseren gefuehrt wuerde.
Ich darf nun freilich nicht vergessen, dass meine Leser nicht, wie ich,
gezwungen sind, in dem Marktflecken Y. einen ganzen Tag auf die Post
zu warten und muss darum den groessten Teil von Schnocks Mitteilungen
fuer mich behalten; denn bei mir hatten sie nur mit einem alten
Kalender, den ich durchblaettern, mit den Fensterscheiben, die ich
haette zaehlen koennen, zu rivalisieren, was hoffentlich bei keinem
meiner Leser der Fall ist. Ich glaube jedoch, dass einiges daraus sie
auch in einer weniger verzweifelten Situation ergoetzen kann, und
bitte sie, wenn ich mich hierin taeusche, den Grund nicht in dem Mann
und seinen Erlebnissen zu suchen, sondern in meiner Unfaehigkeit, ihn
treu, bis in das Haargewebe seiner Bestimmungsgruende hinein, zu
zeichnen. Um dieser Unfaehigkeit moeglichst zu Hilfe zu kommen, lasse
ich ihn selbst reden.








Zweites Kapitel


Schnock erzaehlt:

Fragt man mich, warum ich ein Weib genommen habe, das ich jetzt
selbst fuerchten muss, so kann ich auf diese Frage vernuenftiger
antworten als Tausende von Ehemaennern, die mein Schicksal teilen.
Sie pflegen schmachvollerweise fuer sich anzufuehren, dass ihre Drachen
ihnen in Engelsgestalt entgegengetreten seien, als ob dies nicht eben
die Natur des Weibes waere, und als ob es, Adam ausgenommen, der das
freilich nicht wissen konnte, da kein anderer ihm seine Erfahrungen
vermacht hatte, irgend jemandem zur Entschuldigung gereichen koennte!
Solche Toren darf ich verachten; denn ich habe mich niemals ueber
meinen Hausteufel und das Geschlecht, dem es angehoert, getaeuscht, und
wenn ich dennoch sein Gespons geworden bin, so ist das wenigstens
nicht meiner Verblendung beizumessen. Nie waer's mir eingefallen,
mich aus eigener Bewegung nach einem Weibe umzusehen, und wer das zu
ruhmredig findet, der lasse sich sagen, was ich schon in meinem
zehnten Jahre erlebte, dann wird er's begreifen. Ich stand dabei,
als meine Mutter meinem Vater die Oberlippe abbiss, weil er nach einem
heftigen Zank zu frueh auf den Versoehnungskuss drang, ich sah sein Blut
stromweis in den Bart rinnen und den Hemdkragen faerben. Wer an
meiner Stelle haette nicht schaudernd, wie ich, das Geluebde getan,
niemals wieder einen Menschen an dem Ort, wo er Zaehne hat, zu kuessen,
und wer koennte dies Geluebde halten und zugleich doch beweiben wollen?
Aber meine jaehzornige Mutter bestand, als ich in die Jahre kam, mit
Ungestuem darauf, dass ich mich verheiraten solle, sie fragte mich, ob
ich ein sonstiges Mittel wuesste, ihr Enkel zu verschaffen, oder ob sie
andern alten Frauen in ihren Anspruechen auf die grossmuetterlichen
Wuerden und Freuden nachstuende, und darauf liess sich nicht viel
erwidern. Ich musste mich also in den Gedanken ergeben, dass ich
ihretwegen mit irgendeiner Person weiblichen Geschlechts frueher oder
spaeter eine eheliche Verbindung wuerde eingehen muessen, wenn sie nicht
wieder Erwarten und Verhoffen frueh wegstuerbe, und da das letztere
nicht geschah, so irrte ich mich hierin auch keineswegs. Zwar zog
ich die Entscheidung noch lange hinaus und feierte noch manchen
Geburtstag als Junggesell, worin fuer mich zu der Zeit, von der ich
spreche, der Hauptreiz dieses Festes lag. Aber als unsre alte
Familienkatze verreckte und bald darauf unser Mops an einem Kloss, den
er zu heiss hineinfrass, erstickte, da wurde meiner Mutter die Stille,
die nun in unserm Hause eintrat, so unertraeglich, dass mir alle meine
Ausfluechte nichts mehr halfen, und dass sie die entstandene Luecke um
jeden Preis mit einer Schwiegertochter ausgefuellt sehen wollte. Auch
beguenstigte der Zufall sie; denn Jungfer Magdalena Kotzschneuzel, die
Stickerin, mietete sich eben damals in unsrer Nachbarschaft ein und
wusste sie durch einige wohlangebrachte Aufmerksamkeiten, die sie ihr
erwies, namentlich dadurch, dass sie bei einer gewissen Gelegenheit
ihren Rat einzog und ihn auch treu befolgte, so sehr fuer sich
einzunehmen, dass ich bald beim Fruehstueck, beim Mittags--und
Abendessen nur noch von ihren Vorzuegen reden hoerte. "Weisst du, dass
Lene keinen Faden am Leibe traegt, den sie nicht selbst gesponnen
hat?" wurde ich des Morgens regelmaessig befragt, und die dritte Tasse
Kaffee wurde mir gewiss nicht eingeschenkt, wenn ich diesen
schlagenden Beweis der Altmuetterlichkeit nicht mit vollen Backen
pries. Des Mittags ward mir gewoehnlich mitgeteilt, dass sie einmal
einige hundert Gulden aus der Lotterie gewonnen habe, und als ich
darauf das erstemal spitzig bemerkte: sie spiele also! ward ich mit
einem hastigen: "Nein! sie hat das Los auf der Strasse gefunden!"
zurechtgewiesen. Des Abends musste ich mir die Auseinandersetzung
gefallen lassen, dass sie sich im Gegensatz zu andern AElter mache als
sie sei, weil sie's fuer eine groessere Ehre halte, mit zu den ehrbaren
Matronen gerechnet zu werden, als zu den leichtsinnigen, jungen
Maedchen, deren Klasse sie bei ihren fuenfundzwanzig Jahren doch noch
angehoere, und dass ein Mann, der das wisse und nicht um sie wuerbe, ein
Narr sein muesse. Da dies alles bei mir nicht anschlug, nahm sie sie
ploetzlich, ohne mir vorher auch nur ein Wort zu sagen, auf einige
Tage zu sich ins Haus, eines Kleides wegen, das geaendert werden musste,
wie sie vorgab, das sie aber niemals wieder trug. Ich wusste recht
gut, was dahinter steckte und suchte mich dem Frauenzimmer von meiner
unangenehmsten Seite darzustellen, rasierte mich nicht, trug immer
meinen schlechtesten Rock, legte mein Schurzfell niemals ab, war
stets muerrisch, als ob ich mit gerunzelter Stirn auf die Welt
gekommen waere und erwies ihr nicht die kleinste Gefaelligkeit, nicht
einmal die, ihr den Naehring wieder aufzuheben, wenn sie ihn fallen
liess. Dabei liess ich es nicht bewenden, ich machte meinen Gesellen,
der von Person nicht unansehnlich und im Handwerk geschickt war, auf
das Maedchen aufmerksam, ich strich sie gegen ihn heraus, wie sie
gegen mich herausgestrichen wurde, ich redete ihm sogar ein, dass sie
jedesmal erroete, wenn sie ihn erblicke. Aber beides schlug mir zum
Unheil aus; denn Lene stiess sich nicht im geringsten an meinem
Benehmen, sie entschuldigte mich gegen meine Mutter, wenn diese mir
meine Nachlaessigkeit verwies, aufs eifrigste und meinte, wer mit
ganzer Seele beim Gewerbe sei, wer darueber nachsaenne, wie er hier
einen neuen Kunden gewinnen, dort einen abtruennig gewordenen wieder
heranbringen wolle, der koenne freilich nicht nebenbei geschniegelt
und gestriegelt gehen wie ein Ladendiener und sich auf Hoeflichkeiten
verlegen wie ein Barbiergehilfe; mein Gesell dagegen fing Feuer und
raechte sich natuerlich spaeter, als ich ihm notgedrungen in die Quere
kam, auf empfindliche Weise fuer meine anscheinende Falschheit. Als
Lene unser Haus wieder verliess, war meine Mutter womoeglich noch mehr
fuer sie eingenommen wie frueher; sie besuchte sie taeglich und auch
zwischen ihr und mir entspann sich, so sehr ich auf meiner Hut war,
bald eine Art von Verhaeltnis. Ich konnte nicht aus der Tuer treten,
ohne sie an ihrem Fenster hinter den Blumen bei der Arbeit sitzen zu
sehen, da wurden denn gegenseitige Gruesse ausgetauscht, und was laesst
sich nicht an Gruessen anknuepfen; haben sich doch gewiss noch niemals
Leute gestritten und totgeschlagen, die nicht im Anfang Guten Tag!
zueinander gesagt haetten! Eines Abends ging ich aus; es war schon
gegen zehn Uhr, ich hatte einen Sarg gemacht, was fuer einen Tischler
eine so dringende Arbeit ist, wie ein Braeutigamsrock fuer einen
Schneider, und wollte vorm Niederlegen noch ein wenig im Freien
verschnaufen. Ich schlenderte, die Pfeife im Munde, an Lenes Fenster
vorueber und glaubte mich unbemerkt, da oeffnete sie und fragte mich,
warum ich denn so eile. Ich blieb stehen und erwiderte, dass ich das
selbst nicht wisse. Dann, versetzte sie, moege ich auf einen
Augenblick zu ihr hereinkommen, ich habe sie noch nicht ein einziges
Mal besucht, und sie koenne doch am Ende verlangen, dass das geschehe.
Ich konnte hiegegen nichts einwenden und ging auf die Tuer zu, fand
sie aber verschlossen. "Ei," rief sie aus, als sie das bemerkte,
"ist meine alte Hausfrau schon zu Bette? Nun, steigt ins Fenster,
was macht's unter uns?" Der Antrag machte mich stutzig, aber nicht
lange, ich dachte: deine Mutter sitzt drueben im Zimmer und sieht's,
sie haelt dich, kurzsichtig, wie sie ist, fuer irgendeinen Hans
Liederlich und die da fuer--Schnell, wie der hitzigste Liebhaber,
stieg oder sprang ich vielmehr hinein. Wie hatte ich mich verrechnet!
Lene suchte noch den Schwefelfaden, womit sie ihr Licht anzuenden
wollte, als mir schon wuetend nachgeschimpft wurde. Ich erkannte die
Stimme meines Gesellen, der hinter mir hergeschlichen sein mochte.
Gewiss war in den letzten hundert Jahren kein Schimpfwort erfunden
worden, das mir nicht an den Kopf flog, und diejenigen, die des
Geschlechts wegen nicht auf mich passten, sprudelte er gegen Lene aus.
Ich schwieg still, Lene dagegen zuendete ihr Licht an und fragte ihn
darauf ruhig, ob er ihr Vater oder ihr Bruder sei. Als er dies
verneinte, erwiderte sie, dann haette er auch nichts drein zu reden,
wenn er ihren Braeutigam bei ihr faende; denn das sei ich. Dabei
umarmte sie mich und sagte: "Nicht wahr, Christoph? Es waere dir ja
nie eingefallen, zu einem unbescholtenen Maedchen bei Nacht ins
Fenster zu steigen, wenn du nicht die ernsthaftesten Absichten
hegtest? mir waere es wenigstens nie in den Sinn gekommen, dich dazu
einzuladen, wenn ich diese nach den Eroeffnungen deiner Mutter nicht
haette voraussetzen duerfen!" Ich schwieg noch immer und schwieg so
lange, bis ich fuehlte, dass mein Schweigen schon alles entschieden
hatte, und dass es laecherlich sei, nicht darin zu verharren. Mein
Gesell zog sich hohnlachend zurueck. Lene entliess mich aus der
Umarmung, die mir wie eine Falle vorkam, ich naeherte mich wieder dem
Fenster. Sie aber bemerkte das kaum, als sie mich bei den
Rockschoessen ergriff und mich fragte, wann wir Hochzeit machen wollten;
ob es mir recht sei, wenn es zu Michaelis geschehe, wie die Mutter
vorschlage, oder ob ich auf einem andern Tag bestuende. "Vor
Allerheiligen lass ich mich auf nichts ein!" versetzte ich fest und
bestimmt und sprang, ohne die Gegenrede abzuwarten, mit einem Satz
hinaus. Draussen empfing mich mein Gesell mit geballten Faeusten und
fiel ueber mich her. Ich hielt es fuer meine Schuldigkeit, mich von
ihm durchpruegeln zu lassen, und liess ihn gewaehren, versuchte jedoch
zugleich, ihn ueber das Ereignis aufzuklaeren, was freilich nur dazu
fuehrte, dass er mich, wenn er seinen Armen ein wenig Ruhe goennte,
einen doppelten und dreifachen Windbeutel nannte und dann wieder mit
erneuter Wut auf mich losschlug. Endlich packte er mich gar bei der
Kehle und gab sich alle Muehe, mich niederzuwerfen; es hatte den
ganzen Tag geregnet, die Erde war kotig, und wer seinen besten Rock
trug, wie ich, musste jede Beruehrung mit ihr, ausgenommen diejenige,
der man nicht ausweichen kann, scheuen. Ich konnte daher nicht
laenger umhin, dem unsinnigen Menschen, dem ich an Leibesstaerke
ueberlegen war, einen Schlag zu versetzen, und gab ihm einen ins
Gesicht, hatte es aber kaum getan, als ich's auch schon bereute: denn
ich hatte ihn gerade auf die Nase getroffen, und er stuerzte lautlos,
wie ein Ochs von der Axt des Metzgers, zu Boden. Ich glaubte, ein
unfreiwilliger Moerder geworden zu sein und verfluchte mein Schicksal;
denn ich erinnerte mich von meiner Wanderschaft her eines Falls, wo
ein Schmied im Streite einen Schneider durch einen einzigen Schlag
getoetet hatte, und ich wusste, was meine Faust vermochte, wenn ich
ordentlich damit ausholte. Ich schwur dem Himmel, noch denselben
Abend, falls es verlangt wuerde, mit Lene Hochzeit zu machen, wenn er
den Menschen wieder auferwecke; ich schwur dem Menschen, das Maedchen
mit keinem Auge mehr anzusehen, wenn er von selbst wieder aufstehe,
und ich wurde mir des Widerspruchs zwischen beiden Schwueren gar nicht
bewusst. Ich fing an, mich nach Dingen zu sehnen, wonach sich wohl
noch niemand gesehnt hat: nach einem Luemmel aus dem Munde meines
Feindes, nach einem Hungerleider, ja nach einer Ohrfeige und einem
Fusstritt. Zuletzt trat ich, um zu erproben, ob noch Leben in ihm sei,
ihm derb auf die ausgestreckt daliegende Hand. Da richtete er sich
schnell etwas empor und biss mich, um mir den Beweis gruendlich zu
geben, ins Bein. Es tat sehr weh, und ich stiess einen lauten Schrei
aus, doch innerlich freute ich mich ueber diesen Biss. Nun nieste er,
sprang auf und drang wieder auf mich ein. Um ihn nicht doch noch
totzuschlagen, macht' ich mich auf die Fuesse und langte, verstoerter
wie jemals, bei meiner Mutter an. Sie kam mir auf der Flur mit
brennender Lampe entgegen und empfing mich mit aergerlich-freundlichem
Gesicht. "Wo bist du gewesen?" rief sie mir zu, konnte aber ein
dumm-kluges Laecheln nicht unterdruecken, woraus und sah, dass ich die
Frage nicht zu beantworten brauchte. Ich zeigte auf mein blutendes
Bein und sagte: "Gott vergebe dir, was du an mir getan hast!" Dann
ging ich, ohne ihr weiter Rede zu stehen, in meine Schlafkammer,
riegelte mich ein und oeffnete ihr nicht einmal die Tuer, als sie mir
altes Leinen zum Verband der Wunde brachte, sondern zerriss zu diesem
Zweck in meiner Erbitterung ein ganz neues Hemd. UEbrigens schlief
ich in der auf diesen Abend folgenden Nacht besser, als man
vielleicht erwartet, was ich dem Umstand beimesse, dass es bis
Allerheiligen noch ein volles Vierteljahr hin war. Wer es, wie ich,
so lange Zeit vorher weiss, wann er in den Ehestand eintreten muss, der
wird, wenn er nicht ganz und gar auf den Kopf gefallen ist, nicht
blindlings hineinrennen, wie der Fuchs in die Falle, er wird mit
Umsicht und Bedaechtigkeit zu Werke gehen und jede Vorsichtsmassregel
ergreifen, die dem Menschen in solcher Lage zu Gebote steht. Mein
erstes gleich nach dem schauerlichen Verlobungsabend war, meiner
Braut die UEberzeugung beizubringen, dass es mir an koerperlichen
Kraeften nicht mangle. Ich trug, wenn ich sie bei meiner Mutter oder
sonst in der Naehe wusste, dicke Balken, rammte ohne Beihilfe des
Gesellen mit grosser Muehe Pfaehle ein, ja, eines Nachmittags schleppte
ich die ganz schwere Hobelbank von Eichenholz auf dem Ruecken fort,
was eine Pferdearbeit war. Ebenso stellt' ich mich bei schicklichen
Gelegenheiten, als ob ich sehr hitzigen auffahrenden Temperaments
waere; als mich einmal eine Muecke ins Gesicht stach, fluchte ich
barbarisch und versetzte mir, anscheinend der Muecke wegen, einen so
grimmigen Schlag auf die Nase, dass Blut floss; auf eine Maus, die
eines Morgens in der Kueche, wo Lene meiner Mutter beim Gaenserupfen
half, zum Vorschein kam, fuhr ich mit einem Laerm los, dass beide
Frauenzimmer laut aufschrien, und gleich darauf dreht' ich einem
schreienden jungen Kaetzchen, das ich getreten hatte, den Hals um,
wobei es mich stark kratzte. Mehrere Male stiess ich einen alten
Bettler, nachdem ich ihm zuvor heimlich einen Schilling zusteckte,
damit er es sich gefallen lasse, zur Tuer hinaus; meinen Lehrjungen
schalt ich einst, noch vor dem Fruehstueck, einen Ochsenkopf und drohte
ihm, ich wollte ihn hinterm Schornstein aufhenken, worueber der kleine
Knirps so erschrak, dass er mir selbst leid tat. "Bist du so voll
Galle?" fragte mich Lene, mir die Hand drueckend, als ob's ihr sehr
gefiele. "Wie man's nehmen will!" versetzte ich kurz und liess ihre
Hand los. "Du bist ja ein ganz anderer auf der Wanderschaft geworden,"
sagte meine Mutter, "frueher warst du fromm und sinnig, wie ein Lamm!
"--"Jedem Menschen wachsen die Zaehne!" erwiderte ich und pfiff einen
Galoppwalzer. Ich kam zuletzt ordentlich in die Gewohnheit hinein,
der Ton meiner Stimme nahm etwas Rauhes an und meine Gebaerden wurden
verwegen. Ich glaube auch noch immer steif und fest, dass ein Mensch
an Herzhaftigkeit und Geistesgegenwart gewoehnt werden kann, wie z. B.
an Reiten, Springen und Schwimmen, nur muss man ihn von frueh auf dazu
anhalten; angeboren ist's keinem, jeder hat sein Leben lieb. In
meiner Jugend geschah das nicht; ich durfte nicht an den Bach gehen,
denn meine Mutter fuerchtete, ich moechte ertrinken; wenn ich mit
andern Knaben spielte und etwas schnell lief, so rief sie mir zu:
"Stoffelchen," sie nannte mich bis in mein sechzehntes Jahr, wo ich's
mir ernstlich verbat, immer Stoffelchen, "nimm dich in acht, dass du
nicht faellst und dir den Kopf zerschlaegst;" als ich einmal auf unsern
kleinen Kirschbaum zu klettern versuchte, riss sie mich bei den Haaren
wieder herunter. Ja, haett' ich nur noch in meinem zweiundzwanzigsten
Jahr, wie so viele meiner Kameraden, Soldat werden muessen! Dieser
bestaendige Umgang mit geladenen Gewehren, diese Handhabe scharfer
Bajonette, diese Furcht vor dem Unteroffizier, diese Angst vor
Foppereien, die nicht ausbleiben, wenn man nichts Maennliches an sich
hat: dies alles haett' aus mir einen Kerl gemacht, der so gut wie
jeder andere sich in Wirtshaeusern den Knebelbart gestrichen, grimmige
Blicke wie Kugeln verschossen und ohne Anlass mit geballten Faeusten
auf den Tisch geschlagen haette. Nun, es hat nicht so sein sollen,
und hat Gott mir bis hierher geholfen, so wird er mir auch bis an
mein seliges Ende helfen.

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Poster poems: Water, water everywhere

What is the funniest book in the English language? It's not a very original question and I ask this cold winter weekend only because I heard a couple of shortlisted candidates being promoted at a memorial service the other day.

Few people beyond his very large and eclectic circle of friends may have heard of David Chipp. Even his profession lent itself to anonymity. He was a news agency journalist who survived stepping on Chairman Mao's foot (young Chipp was the first western correspondent in Beijing after the 1949 revolution) to become editor-in-chief of both Reuters and the domestic wire service, the Press Association.

And much loved he was too. I have never seen St Bride's, Wren's lovely 1672 church behind Fleet Street (the seventh on that site in 1,000 years) so full, not just of hacks (some rather grand ones), but lawyers, fellow Henley rowing buffs, opera enthusiasts and many others. Chipp had an infectious smile and believed that champagne was a non-alcoholic drink. Even Mao forgave him. Chipp died suddenly in his sleep in September, aged 81.

Anyway during the course of the service, Jonathan Grun, the current editor of the PA (which reported the event in five crisp lines), read an extract from AG MacDonell's England, Their England (1933), explaining before doing so that Chippy thought it the second funniest book in the language.

I don't know the novelist or the book, but it won the James Tait prize in 1934 and Goebbels later found time to denounce it as "frivolous and cynical", so it must be OK.

And the funniest book? According to Grun, Chipp thought it was George and Weedon Grossmith's The Diary of a Nobody (1888/9). That's surely enough to get your juices going. I preferred Jerome K Jerome's Three Men in a Boat, published more or less simultaneously.

That one used to make me laugh out loud, as The Diary never quite did. But that's a risk one always takes rereading an old favourite. I loved Eating People is Wrong, by Malcolm Bradbury; funnier than Amis Snr's Lucky Jim. At least, I did until I re-read them both.

Hitchhiker's Guide to the Galaxy, Slaughterhouse Five, 1066 and All That. Catch 22 (that stands up pretty well), A Confederacy of Dunces. Anything by Terry Pratchett, say some. Anything by PG Wodehouse, say others, though they all have their favourites. Quite a lot by Evelyn Waugh, says me, though I think it is still Decline and Fall that makes me laugh most.

Any thoughts before the blizzards cut off communications?

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