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Ecce Homo by Friedrich Wilhelm Nietzsche

F >> Friedrich Wilhelm Nietzsche >> Ecce Homo

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Friedrich Nietzsche

Ecce homo

Wie man wird, was man ist




Vorwort

1.

In Voraussicht, dass ich über Kurzem mit der schwersten Forderung
an die Menschheit herantreten muss, die je an sie gestellt wurde,
scheint es mir unerlässlich, zu sagen, wer ich bin. Im Grunde dürfte
man's wissen: denn ich habe mich nicht "unbezeugt gelassen". Das
Missverhältniss aber zwischen der Grösse meiner Aufgabe und der
Kleinheit meiner Zeitgenossen ist darin zum Ausdruck gekommen, dass
man mich weder gehört, noch auch nur gesehn hat. Ich lebe auf meinen
eignen Credit hin, es ist vielleicht bloss ein Vorurtheil, dass ich
lebe?... Ich brauche nur irgend einen "Gebildeten" zu sprechen, der im
Sommer ins Oberengadin kommt, um mich zu überzeugen, dass ich nicht
lebe... Unter diesen Umständen giebt es eine Pflicht, gegen die
im Grunde meine Gewohnheit, noch mehr der Stolz meiner Instinkte
revoltirt, nämlich zu sagen: Hört mich! denn ich bin der und der.
Verwechselt mich vor Allem nicht!


2.

Ich bin zum Beispiel durchaus kein Popanz, kein Moral-Ungeheuer, - ich
bin sogar eine Gegensatz-Natur zu der Art Mensch, die man bisher als
tugendhaft verehrt hat. Unter uns, es scheint mir, dass gerade Das zu
meinem Stolz gehört. Ich bin ein jünger des Philosophen Dionysos, ich
zöge vor, eher noch ein Satyr zu sein als ein Heiliger. Aber man lese
nur diese Schrift. Vielleicht gelang es mir, vielleicht hatte diese
Schrift gar keinen andren Sinn, als diesen Gegensatz in einer heitren
und menschenfreundlichen Weise zum Ausdruck zu bringen. Das Letzte,
was ich versprechen würde, wäre, die Menschheit zu "verbessern". Von
mir werden keine neuen Götzen aufgerichtet; die alten mögen lernen,
was es mit thönernen Beinen auf sich hat. Götzen (mein Wort für
"Ideale") umwerfen - das gehört schon eher zu meinem Handwerk. Man
hat die Realität in dem Grade um ihren Werth, ihren Sinn, ihre
Wahrhaftigkeit gebracht, als man eine ideale Welt erlog... Die "wahre
Welt" und die "scheinbare Welt" - auf deutsch: die erlogne Welt und
die Realität... Die Lüge des Ideals war bisher der Fluch über der
Realität, die Menschheit selbst ist durch sie bis in ihre untersten
Instinkte hinein verlogen und falsch geworden bis zur Anbetung der
umgekehrten Werthe, als die sind, mit denen ihr erst das Gedeihen, die
Zukunft, das hohe Recht auf Zukunft verbürgt wäre.


3.

Wer die Luft meiner Schriften zu athmen weiss, weiss, dass es eine
Luft der Höhe ist, eine starke Luft. Man muss für sie geschaffen sein,
sonst ist die Gefahr keine kleine, sich in ihr zu erkälten. Das Eis
ist nahe, die Einsamkeit ist ungeheuer - aber wie ruhig alle Dinge im
Lichte liegen! wie frei man athmet! wie Viel man unter sich fühlt! -
Philosophie, wie ich sie bisher verstanden und gelebt habe, ist das
freiwillige Leben in Eis und Hochgebirge - das Aufsuchen alles Fremden
und Fragwürdigen im Dasein, alles dessen, was durch die Moral bisher
in Bann gethan war. Aus einer langen Erfahrung, welche eine solche
Wanderung im Verbotenen gab, lernte ich die Ursachen, aus denen bisher
moralisirt und idealisirt wurde, sehr anders ansehn als es erwünscht
sein mag: die verborgene Geschichte der Philosophen, die Psychologie
ihrer grossen Namen kam für mich an's Licht. - Wie viel Wahrheit
erträgt, wie viel Wahrheit wagt ein Geist? das wurde für mich immer
mehr der eigentliche Werthmesser. Irrthum (- der Glaube an's Ideal
-) ist nicht Blindheit, Irrthum ist Feigheit... Jede Errungenschaft,
jeder Schritt vorwärts in der Erkenntniss folgt aus dem Muth, aus der
Härte gegen sich, aus der Sauberkeit gegen sich... Ich widerlege die
Ideale nicht, ich ziehe bloss Handschuhe vor ihnen an... Nitimur in
vetitum: in diesem Zeichen siegt einmal meine Philosophie, denn man
verbot bisher grundsätzlich immer nur die Wahrheit. -


4.

Innerhalb meiner Schriften steht für sich mein Zarathustra. Ich habe
mit ihm der Menschheit das grösste Geschenk gemacht, das ihr bisher
gemacht worden ist. Dies Buch, mit einer Stimme über Jahrtausende
hinweg, ist nicht nur das höchste Buch, das es giebt, das eigentliche
Höhenluft-Buch - die ganze Thatsache Mensch liegt in ungeheurer Ferne
unter ihm -, es ist auch das tiefste, das aus dem innersten Reichthum
der Wahrheit heraus geborene, ein unerschöpflicher Brunnen, in den
kein Eimer hinabsteigt, ohne mit Gold und Güte gefüllt heraufzukommen.
Hier redet kein "Prophet", keiner jener schauerlichen Zwitter von
Krankheit und Willen zur Macht, die man Religionsstifter nennt.
Man muss vor Allem den Ton, der aus diesem Munde kommt, diesen
halkyonischen Ton richtig hören, um dem Sinn seiner Weisheit nicht
erbarmungswürdig Unrecht zu thun. "Die stillsten Worte sind es, welche
den Sturm bringen, Gedanken, die mit Taubenfüssen kommen, lenken die
Welt."

Die Feigen fallen von den Bäumen, sie sind gut und süss: und indem
sie fallen, reisst ihnen die rothe Haut. Ein Nordwind bin ich reifen
Feigen.

Also, gleich Feigen, fallen euch diese Lehren zu, meine Freunde: nun
trinkt ihren Saft und ihr süsses Fleisch! Herbst ist es umher und
reiner Himmel und Nachmittag -

Hier redet kein Fanatiker, hier wird nicht "gepredigt", hier wird
nicht Glauben verlangt: aus einer unendlichen Lichtfülle und
Glückstiefe fällt Tropfen für Tropfen, Wort für Wort, eine zärtliche
Langsamkeit ist das tempo dieser Reden. Dergleichen gelangt nur zu
den Auserwähltesten; es ist ein Vorrecht ohne Gleichen hier Hörer zu
sein; es steht Niemandem frei, für Zarathustra Ohren zu haben... Ist
Zarathustra mit Alledem nicht ein Verführer?... Aber was sagt er doch
selbst, als er zum ersten Male wieder in seine Einsamkeit zurückkehrt?
Genau das Gegentheil von dem, was irgend ein "Weiser", "Heiliger",
"Welt-Erlöser" und andrer décadent in einem solchen Falle sagen
würde... Er redet nicht nur anders, er ist auch anders...

Allein gehe ich nun, meine Jünger! Auch ihr geht nun davon und allein!
So will ich es.

Geht fort von mir und wehrt euch gegen Zarathustra! Und besser noch:
schämt euch seiner! Vielleicht betrog er euch.

Der Mensch der Erkenntniss muss nicht nur seine Feinde lieben, er muss
auch seine Freunde hassen können.

Man vergilt einem Lehrer schlecht, wenn man immer nur der Schüler
bleibt. Und warum wollt ihr nicht an meinem Kranze rupfen?

Ihr verehrt mich: aber wie, wenn eure Verehrung eines Tages umfällt?
Hütet euch, dass euch nicht eine Bildsäule erschlage!

Ihr sagt, ihr glaubt an Zarathustra? Aber was liegt an Zarathustra!
Ihr seid meine Gläubigen, aber was liegt an allen Gläubigen!

Ihr hattet euch noch nicht gesucht: da fandet ihr mich. So thun alle
Gläubigen; darum ist es so wenig mit allem Glauben.

Nun heisse ich euch, mich verlieren und euch finden; und erst, wenn
ihr mich Alle verleugnet habt, will ich euch wiederkehren...

Friedrich Nietzsche.




Inhalt

Warum ich so weise bin.
Warum ich so klug bin.
Warum ich so gute Bücher schreibe.
Geburt der Tragödie.
Die Unzeitgemässen.
Menschliches, Allzumenschliches.
Morgenröthe.
La gaya scienza.
Also sprach Zarathustra.
Jenseits von Gut und Böse.
Genealogie der Moral.
Götzen-Dämmerung.
Der Fall Wagner.
Warum ich ein Schicksal bin.
Kriegserklärung.
Der Hammer redet




An diesem vollkommnen Tage, wo Alles reift und nicht nur die Traube
braun wird, fiel mir eben ein Sonnenblick auf mein Leben: ich sah
rückwärts, ich sah hinaus, ich sah nie so viel und so gute Dinge auf
einmal. Nicht umsonst begrub ich heute mein vierundvierzigstes Jahr,
ich durfte es begraben, - was in ihm Leben war, ist gerettet, ist
unsterblich. Die Umwerthung aller Werthe, die Dionysos-Dithyramben
und, zur Erholung, die Götzen-Dämmerung - Alles Geschenke dieses
Jahrs, sogar seines letzten Vierteljahrs! Wie sollte ich nicht meinem
ganzen Leben dankbar sein? Und so erzähle ich mir mein Leben.



Warum ich so weise bin.

1.

Das Glück meines Daseins, seine Einzigkeit vielleicht, liegt in seinem
Verhängniss: ich bin, um es in Räthselform auszudrücken, als mein
Vater bereits gestorben, als meine Mutter lebe ich noch und werde alt.
Diese doppelte Herkunft, gleichsam aus der obersten und der untersten
Sprosse an der Leiter des Lebens, décadent zugleich und Anfang - dies,
wenn irgend Etwas, erklärt jene Neutralität, jene Freiheit von Partei
im Verhältniss zum Gesammtprobleme des Lebens, die mich vielleicht
auszeichnet. Ich habe für die Zeichen von Aufgang und Niedergang eine
feinere Witterung als je ein Mensch gehabt hat, ich bin der Lehrer par
excellence hierfür, - ich kenne Beides, ich bin Beides. - Mein Vater
starb mit sechsunddreissig Jahren: er war zart, liebenswürdig und
morbid, wie ein nur zum Vorübergehn bestimmtes Wesen, - eher eine
gütige Erinnerung an das Leben, als das Leben selbst. Im gleichen
Jahre, wo sein Leben abwärts gieng, gieng auch das meine abwärts: im
sechsunddreissigsten Lebensjahre kam ich auf den niedrigsten Punkt
meiner Vitalität, - ich lebte noch, doch ohne drei Schritt weit vor
mich zu sehn. Damals - es war 1879 - legte ich meine Basler Professur
nieder, lebte den Sommer über wie ein Schatten in St. Moritz und den
nächsten Winter, den sonnenärmsten meines Lebens, als Schatten in
Naumburg. Dies war mein Minimum: "Der Wanderer und sein Schatten"
entstand währenddem. Unzweifelhaft, ich verstand mich damals auf
Schatten... Im Winter darauf, meinem ersten Genueser Winter, brachte
jene Versüssung und Vergeistigung, die mit einer extremen Armuth an
Blut und Muskel beinahe bedingt ist, die "Morgenröthe" hervor. Die
vollkommne Helle und Heiterkeit, selbst Exuberanz des Geistes, welche
das genannte Werk wiederspiegelt, verträgt sich bei mir nicht nur
mit der tiefsten physiologischen Schwäche, sondern sogar mit einem
Excess von Schmerzgefühl. Mitten in Martern, die ein ununterbrochner
dreitägiger Gehirn-Schmerz sammt mühseligem Schleimerbrechen mit sich
bringt, - besass ich eine Dialektiker-Klarheit par excellence und
dachte Dinge sehr kaltblütig durch, zu denen ich in gesünderen
Verhältnissen nicht Kletterer, nicht raffinirt, nicht kalt genug
bin. Meine Leser wissen vielleicht, in wie fern ich Dialektik als
Décadence-Symptom betrachte, zum Beispiel im allerberühmtesten Fall:
im Fall des Sokrates. - Alle krankhaften Störungen des Intellekts,
selbst jene Halbbetäubung, die das Fieber im Gefolge hat, sind mir bis
heute gänzlich fremde Dinge geblieben, über deren Natur und Häufigkeit
ich mich erst auf gelehrtem Wege zu unterrichten hatte. Mein Blut
läuft langsam. Niemand hat je an mir Fieber constatiren können.
Ein Arzt, der mich länger als Nervenkranken behandelte, sagte
schliesslich: "nein! an Ihren Nerven liegt's nicht, ich selber bin nur
nervös." Schlechterdings unnachweisbar irgend eine lokale Entartung;
kein organisch bedingtes Magenleiden, wie sehr auch immer, als Folge
der Gesammterschöpfung, die tiefste Schwäche des gastrischen Systems.
Auch das Augenleiden, dem Blindwerden zeitweilig sich gefährlich
annähernd, nur Folge, nicht ursächlich: so dass mit jeder Zunahme an
Lebenskraft auch die Sehkraft wieder zugenommen hat. - Eine lange,
allzulange Reihe von Jahren bedeutet bei mir Genesung, - sie bedeutet
leider auch zugleich Rückfall, Verfall, Periodik einer Art décadence.
Brauche ich, nach alledem, zu sagen, dass ich in Fragen der décadence
erfahren bin? Ich habe sie vorwärts und rückwärts buchstabirt. Selbst
jene Filigran-Kunst des Greifens und Begreifens überhaupt, jene Finger
für nuances, jene Psychologie des "Um-die-Ecke-sehns" und was sonst
mir eignet, ward damals erst erlernt, ist das eigentliche Geschenk
jener Zeit, in der Alles sich bei mir verfeinerte, die Beobachtung
selbst wie alle Organe der Beobachtung. Von der Kranken-Optik aus nach
gesünderen Begriffen und Werthen, und wiederum umgekehrt aus der Fülle
und Selbstgewissheit des reichen Lebens hinuntersehn in die heimliche
Arbeit des Décadence-Instinkts - das war meine längste Übung, meine
eigentliche Erfahrung, wenn irgend worin wurde ich darin Meister.
Ich habe es jetzt in der Hand, ich habe die Hand dafür, Perspektiven
umzustellen: erster Grund, weshalb für mich allein vielleicht eine
"Umwerthung der Werthe" überhaupt möglich ist.


2.

Abgerechnet nämlich, dass ich ein décadent bin, bin ich auch dessen
Gegensatz. Mein Beweis dafür ist, unter Anderem, dass ich instinktiv
gegen die schlimmen Zustände immer die rechten Mittel wählte: während
der décadent an sich immer die ihm nachtheiligen Mittel wählt. Als
summa summarum war ich gesund, als Winkel, als Specialität war ich
décadent. Jene Energie zur absoluten Vereinsamung und Herauslösung
aus gewohnten Verhältnissen, der Zwang gegen mich, mich nicht mehr
besorgen, bedienen, beärzteln zu lassen - das verräth die unbedingte
Instinkt-Gewissheit darüber, was damals vor Allem noth that. Ich nahm
mich selbst in die Hand, ich machte mich selbst wieder gesund: die
Bedingung dazu - jeder Physiologe wird das zugeben - ist, dass man
im Grunde gesund ist. Ein typisch morbides Wesen kann nicht gesund
werden, noch weniger sich selbst gesund machen; für einen typisch
Gesunden kann umgekehrt Kranksein sogar ein energisches Stimulans zum
Leben, zum Mehr-leben sein. So in der That erscheint mir jetzt jene
lange Krankheits-Zeit: ich entdeckte das Leben gleichsam neu, mich
selber eingerechnet, ich schmeckte alle guten und selbst kleinen
Dinge, wie sie Andre nicht leicht schmecken könnten, - ich machte
aus meinem Willen zur; Gesundheit, zum Leben, meine Philosophie...
Denn man gebe Acht darauf: die Jahre meiner niedrigsten Vitalität
waren es, wo ich aufhörte, Pessimist zu sein: der Instinkt der
Selbst-Wiederherstellung verbot mir eine Philosophie der Armuth und
Entmuthigung... Und woran erkennt man im Grunde die Wohlgerathenheit!
Dass ein wohlgerathner Mensch unsern Sinnen wohlthut: dass er aus
einem Holze geschnitzt ist, das hart, zart und wohlriechend zugleich
ist. Ihm schmeckt nur, was ihm zuträglich ist; sein Gefallen, seine
Lust hört auf, wo das Maass des Zuträglichen überschritten wird. Er
erräth Heilmittel gegen Schädigungen, er nützt schlimme Zufälle zu
seinem Vortheil aus; was ihn nicht umbringt, macht ihn stärker. Er
sammelt instinktiv aus Allem, was er sieht, hört, erlebt, seine Summe:
er ist ein auswählendes Princip, er lässt Viel durchfallen. Er ist
immer in seiner Gesellschaft, ob er mit Büchern, Menschen oder
Landschaften verkehrt: er ehrt, indem er wählt, indem er zulässt,
indem er vertraut. Er reagirt auf alle Art Reize langsam, mit jener
Langsamkeit, die eine lange Vorsicht und ein gewollter Stolz ihm
angezüchtet haben, - er prüft den Reiz, der herankommt, er ist
fern davon, ihm entgegenzugehn. Er glaubt weder an "Unglück", noch
an "Schuld": er wird fertig, mit sich, mit Anderen, er weiss zu
vergessen, - er ist stark genug, dass ihm Alles zum Besten gereichen
muss. - Wohlan, ich bin das Gegenstück eines décadent: denn ich
beschrieb eben mich.


3.

Ich betrachte es als ein grosses Vorrecht, einen solchen Vater gehabt
zu haben: die Bauern, vor denen er predigte - denn er war, nachdem
er einige Jahre am Altenburger Hofe gelebt hatte, die letzten Jahre
Prediger - sagten, so müsse wohl ein Engel aussehn. - Und hiermit
berühre ich die Frage der Rasse. ich bin ein polnischer Edelmann pur
sang, dem auch nicht ein Tropfen schlechtes Blut beigemischt ist, am
wenigsten deutsches. Wenn ich den tiefsten Gegensatz zu mir suche, die
unausrechenbare Gemeinheit der Instinkte, so finde ich immer meine
Mutter und Schwester, - mit solcher canaille mich verwandt zu glauben
wäre eine Lästerung auf meine Göttlichkeit. Die Behandlung, die
ich von Seiten meiner Mutter und Schwester erfahre, bis auf diesen
Augenblick, flösst mir ein unsägliches Grauen ein: hier arbeitet
eine vollkommene Höllenmaschine, mit unfehlbarer Sicherheit über den
Augenblick, wo man mich blutig verwunden kann - in meinen höchsten
Augenblicken,... denn da fehlt jede Kraft, sich gegen giftiges Gewürm
zu wehren... Die physiologische Contiguität ermöglicht eine solche
disharmonia praestabilita... Aber ich bekenne, dass der tiefste
Einwand gegen die "ewige Wiederkunft", mein eigentlich abgründlicher
Gedanke, immer Mutter und Schwester sind. - Aber auch als Pole bin ich
ein ungeheurer Atavismus. Man würde Jahrhunderte zurückzugehn haben,
um diese vornehmste Rasse, die es auf Erden gab, in dem Masse
instinktrein zu finden, wie ich sie darstelle. Ich habe gegen Alles,
was heute noblesse heisst, ein souveraines Gefühl von Distinktion, -
ich würde dem jungen deutschen Kaiser nicht die Ehre zugestehn, mein
Kutscher zu sein. Es giebt einen einzigen Fall, wo ich meines Gleichen
anerkenne ich bekenne es mit tiefer Dankbarkeit. Frau Cosima Wagner
ist bei Weitem die vornehmste Natur; und, damit ich kein Wort zu wenig
sage, sage ich, dass Richard Wagner der mir bei Weitem verwandteste
Mann war... Der Rest ist Schweigen... Alle herrschenden Begriffe über
Verwandtschafts-Grade sind ein physiologischer Widersinn, der nicht
überboten werden kann. Der Papst treibt heute noch Handel mit diesem
Widersinn. Man ist am wenigsten mit seinen Eltern verwandt: es wäre
das äusserste Zeichen von Gemeinheit, seinen Eltern verwandt zu sein.
Die höheren Naturen haben ihren Ursprung unendlich weiter zurück, auf
sie hin hat am längsten gesammelt, gespart, gehäuft werden müssen.
Die grossen Individuen sind die ältesten: ich verstehe es nicht, aber
Julius Cäsar könnte mein Vater sein - oder Alexander, dieser leibhafte
Dionysos... In diesem Augenblick, wo ich dies schreibe, bringt die
Post mir einen Dionysos-Kopf...


4.

Ich habe nie die Kunst verstanden, gegen mich einzunehmen auch das
verdanke ich meinem unvergleichlichen Vater - und selbst noch, wenn
es mir von grossem Werthe schien. Ich bin sogar, wie sehr immer das
unchristlich scheinen mag, nicht einmal gegen mich eingenommen. Man
mag mein Leben hin- und herwenden, man wird darin, jenen Einen Fall
abgerechnet, keine Spuren davon entdecken, dass jemand bösen Willen
gegen mich gehabt hätte, - vielleicht aber etwas zu viel Spuren
von gutem Willen... Meine Erfahrungen selbst mit Solchen, an denen
Jedermann schlechte Erfahrungen macht, sprechen ohne Ausnahme zu deren
Gunsten; ich zähme jeden Bär, ich mache die Hanswürste noch sittsam.
In den sieben Jahren, wo ich an der obersten Klasse des Basler
Pädagogiums Griechisch lehrte, habe ich keinen Anlass gehabt, eine
Strafe zu verhängen; die Faulsten waren bei mir fleissig. Dem Zufall
bin ich immer gewachsen; ich muss unvorbereitet sein, um meiner
Herr zu sein. Das Instrument, es sei, welches es wolle, es sei so
verstimmt, wie nur das Instrument "Mensch" verstimmt werden kann
- ich müsste krank sein, wenn es mir nicht gelingen sollte, ihm
etwas Anhörbares abzugewinnen. Und wie oft habe ich das von den
"Instrumenten" selber gehört, dass sie sich noch nie so gehört
hätten... Am schönsten vielleicht von jenem unverzeihlich jung
gestorbenen Heinrich von Stein, der einmal, nach sorgsam eingeholter
Erlaubniss, auf drei Tage in Sils-Maria erschien, Jedermann erklärend,
dass er nicht wegen des Engadins komme. Dieser ausgezeichnete Mensch,
der mit der ganzen ungestümen Einfalt eines preussischen Junkers in
den Wagner'schen Sumpf hineingewatet war (- und ausserdem noch in
den Dühring'schen!) war diese drei Tage wie umgewandelt durch einen
Sturmwind der Freiheit, gleich Einem, der plötzlich in seine Höhe
gehoben wird und Flügel bekommt. Ich sagte ihm immer, das mache die
gute Luft hier oben, so gehe es jedem, man sei nicht umsonst 6000 Fuss
über Bayreuth, - aber er wollte mir's nicht glauben... Wenn trotzdem
an mir manche kleine und grosse Missethat verübt worden ist, so war
nicht "der Wille", am wenigsten der böse Wille Grund davon: eher schon
hätte ich mich - ich deutete es eben an - über den guten Willen zu
beklagen, der keinen kleinen Unfug in meinem Leben angerichtet hat.
Meine Erfahrungen geben mir ein Anrecht auf Misstrauen überhaupt
hinsichtlich der sogenannten "selbstlosen" Triebe, der gesammten zu
Rath und That bereiten "Nächstenliebe". Sie gilt mir an sich als
Schwäche, als Einzelfall der Widerstands-Unfähigkeit gegen Reize, -
das Mitleiden heisst nur bei décadents eine Tugend. Ich werfe den
Mitleidigen vor, dass ihnen die Scham, die Ehrfurcht, das Zartgefühl
vor Distanzen leicht abhanden kommt, dass Mitleiden im Handumdrehn
nach Pöbel riecht und schlechten Manieren zum Verwechseln ähnlich
sieht, - dass mitleidige Hände unter Umständen geradezu zerstörerisch
in ein grosses Schicksal in eine Vereinsamung unter Wunden, in ein
Vorrecht auf schwere Schuld hineingreifen können. Die Überwindung
des Mitleids rechne ich unter die vornehmen Tugenden: ich habe als
"Versuchung Zarathustra's" einen Fall gedichtet, wo ein grosser
Nothschrei an ihn kommt, wo das Mitleiden wie eine letzte Sünde ihn
überfallen, ihn von sich abspenstig machen will. Hier Herr bleiben,
hier die Höhe seiner Aufgabe rein halten von den viel niedrigeren
und kurzsichtigeren Antrieben, welche in den sogenannten selbstlosen
Handlungen thätig sind, das ist die Probe, die letzte Probe
vielleicht, die ein Zarathustra abzulegen hat - sein eigentlicher
Beweis von Kraft...


5.

Auch noch in einem anderen Punkte bin ich bloss mein Vater noch einmal
und gleichsam sein Fortleben nach einem allzufrühen Tode. Gleich
jedem, der nie unter seines Gleichen lebte und dem der Begriff
"Vergeltung" so unzugänglich ist wie etwa der Begriff "gleiche
Rechte", verbiete ich mir in Fällen, wo eine kleine oder sehr
grosse Thorheit an mir begangen wird, jede Gegenmaassregel, jede
Schutzmaassregel, - wie billig, auch jede Vertheidigung, jede
"Rechtfertigung". Meine Art Vergeltung besteht darin, der Dummheit
so schnell wie möglich eine Klugheit nachzuschicken: so holt man sie
vielleicht noch ein. Im Gleichniss geredet: ich schicke einen Topf mit
Confitüren, um eine sauere Geschichte loszuwerden... Man hat nur Etwas
an mir schlimm zu machen, ich "vergelte" es, dessen sei man sicher:
ich finde über Kurzem eine Gelegenheit, dem "Missethäter" meinen Dank
auszudrücken (mitunter sogar für die Missethat) - oder ihn um Etwas zu
bitten, was verbindlicher sein kann als Etwas geben... Auch scheint es
mir, dass das gröbste Wort, der gröbste Brief noch gutartiger, noch
honnetter sind als Schweigen. Solchen, die schweigen, fehlt es fast
immer an Feinheit und Höflichkeit des Herzens; Schweigen ist ein
Einwand, Hinunterschlucken macht nothwendig einen schlechten
Charakter, - es verdirbt selbst den Magen. Alle Schweiger sind
dyspeptisch. - Man sieht, ich möchte die Grobheit nicht unterschätzt
wissen, sie ist bei weitem die humanste Form des Widerspruchs und,
inmitten der modernen Verzärtelung, eine unsrer ersten Tugenden. -
Wenn man reich genug dazu ist, ist es selbst ein Glück, Unrecht zu
haben. Ein Gott, der auf die Erde käme, dürfte gar nichts Andres thun
als Unrecht, - nicht die Strafe, sondern die Schuld auf sich zu nehmen
wäre erst göttlich.


6.

Die Freiheit vom Ressentiment, die Aufklärung über das Ressentiment -
wer weiss, wie sehr ich zuletzt auch darin meiner langen Krankheit zu
Dank verpflichtet bin! Das Problem ist nicht gerade einfach: man muss
es aus der Kraft heraus und aus der Schwäche heraus erlebt haben. Wenn
irgend Etwas überhaupt gegen Kranksein, gegen Schwachsein geltend
gemacht werden muss, so ist es, dass in ihm der eigentliche
Heilinstinkt, das ist der Wehr- und Waffen-Instinkt im Menschen mürbe
wird. Man weiss von Nichts loszukommen, man weiss mit Nichts fertig
zu werden, man weiss Nichts zurückzustossen, - Alles verletzt. Mensch
und Ding kommen zudringlich nahe, die Erlebnisse treffen zu tief,
die Erinnerung ist eine eiternde Wunde. Kranksein ist eine Art
Ressentiment selbst. - Hiergegen hat der Kranke nur Ein grosses
Heilmittel - ich nenne es den russischen Fatalismus, jenen Fatalismus
ohne Revolte, mit dem sich ein russischer Soldat, dem der Feldzug zu
hart wird, zuletzt in den Schnee legt. Nichts überhaupt mehr annehmen,
an sich nehmen, in sich hineinnehmen, - überhaupt nicht mehr
reagiren... Die grosse Vernunft dieses Fatalismus, der nicht
immer nur der Muth zum Tode ist, als lebenerhaltend unter
den lebensgefährlichsten Umständen, ist die Herabsetzung des
Stoffwechsels, dessen Verlangsamung, eine Art Wille zum Winterschlaf.
Ein paar Schritte weiter in dieser Logik, und man hat den Fakir,
der wochenlang in einem Grabe schläft... Weil man zu schnell sich
verbrauchen würde, wenn man überhaupt reagirte, reagirt man gar nicht
mehr: dies ist die Logik. Und mit Nichts brennt man rascher ab,
als mit den Ressentiments-Affekten. Der Ärger, die krankhafte
Verletzlichkeit, die Ohnmacht zur Rache, die Lust, der Durst nach
der Rache, das Giftmischen in jedem Sinne - das ist für Erschöpfte
sicherlich die nachtheiligste Art zu reagiren: ein rapider Verbrauch
von Nervenkraft, eine krankhafte Steigerung schädlicher Ausleerungen,
zum Beispiel der Galle in den Magen, ist damit bedingt. Das
Ressentiment ist das Verbotene an sich für den Kranken - sein Böses:
leider auch sein natürlichster Hang. - Das begriff jener tiefe
Physiolog Buddha. Seine "Religion", die man besser als eine Hygiene
bezeichnen dürfte, um sie nicht mit so erbarmungswürdigen Dingen wie
das Christenthum ist, zu vermischen, machte ihre Wirkung abhängig von
dem Sieg über das Ressentiment: die Seele davon frei machen - erster
Schritt zur Genesung. "Nicht durch Feindschaft kommt Feindschaft zu
Ende, durch Freundschaft kommt Feindschaft zu Ende": das steht am
Anfang der Lehre Buddha's - so redet nicht die Moral, so redet die
Physiologie. - Das Ressentiment, aus der Schwäche geboren, Niemandem
schädlicher als dem Schwachen selbst, - im andern Falle, wo eine
reiche Natur die Voraussetzung ist, ein überflüssiges Gefühl, ein
Gefühl, über das Herr zu bleiben beinahe der Beweis des Reichthums
ist. Wer den Ernst kennt, mit dem meine Philosophie den Kampf mit den
Rach- und Nachgefühlen bis in die Lehre vom "freien Willen" hinein
aufgenommen hat - der Kampf mit dem Christenthum ist nur ein
Einzelfall daraus - wird verstehn, weshalb ich mein persönliches
Verhalten, meine instinktsicherheit in der Praxis hier gerade an's
Licht stelle. In den Zeiten der décadence verbot ich sie mir als
schädlich; sobald das Leben wieder reich und stolz genug dazu war,
verbot ich sie mir als unter mir. Jener "russische Fatalismus",
von dem ich sprach, trat darin bei mir hervor, dass ich beinahe
unerträgliche Lagen, Orte, Wohnungen, Gesellschaften, nachdem sie
einmal, durch Zufall, gegeben waren, Jahre lang zäh festhielt, - es
war besser, als sie ändern, als sie veränderbar zu fühlen, - als
sich gegen sie aufzulehnen... Mich in diesem Fatalismus stören, mich
gewaltsam aufwecken nahm ich damals tödtlich übel: - in Wahrheit war
es auch jedes Mal tödtlich gefährlich. - Sich selbst wie ein Fatum
nehmen, nicht sich "anders" wollen - das ist in solchen Zuständen die
grosse Vernunft selbst.

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Poster poems: Water, water everywhere

What is the funniest book in the English language? It's not a very original question and I ask this cold winter weekend only because I heard a couple of shortlisted candidates being promoted at a memorial service the other day.

Few people beyond his very large and eclectic circle of friends may have heard of David Chipp. Even his profession lent itself to anonymity. He was a news agency journalist who survived stepping on Chairman Mao's foot (young Chipp was the first western correspondent in Beijing after the 1949 revolution) to become editor-in-chief of both Reuters and the domestic wire service, the Press Association.

And much loved he was too. I have never seen St Bride's, Wren's lovely 1672 church behind Fleet Street (the seventh on that site in 1,000 years) so full, not just of hacks (some rather grand ones), but lawyers, fellow Henley rowing buffs, opera enthusiasts and many others. Chipp had an infectious smile and believed that champagne was a non-alcoholic drink. Even Mao forgave him. Chipp died suddenly in his sleep in September, aged 81.

Anyway during the course of the service, Jonathan Grun, the current editor of the PA (which reported the event in five crisp lines), read an extract from AG MacDonell's England, Their England (1933), explaining before doing so that Chippy thought it the second funniest book in the language.

I don't know the novelist or the book, but it won the James Tait prize in 1934 and Goebbels later found time to denounce it as "frivolous and cynical", so it must be OK.

And the funniest book? According to Grun, Chipp thought it was George and Weedon Grossmith's The Diary of a Nobody (1888/9). That's surely enough to get your juices going. I preferred Jerome K Jerome's Three Men in a Boat, published more or less simultaneously.

That one used to make me laugh out loud, as The Diary never quite did. But that's a risk one always takes rereading an old favourite. I loved Eating People is Wrong, by Malcolm Bradbury; funnier than Amis Snr's Lucky Jim. At least, I did until I re-read them both.

Hitchhiker's Guide to the Galaxy, Slaughterhouse Five, 1066 and All That. Catch 22 (that stands up pretty well), A Confederacy of Dunces. Anything by Terry Pratchett, say some. Anything by PG Wodehouse, say others, though they all have their favourites. Quite a lot by Evelyn Waugh, says me, though I think it is still Decline and Fall that makes me laugh most.

Any thoughts before the blizzards cut off communications?

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