Candida by George Bernard Shaw
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CANDIDA
Ein Mysterium in drei Akten
George Bernard Shaw
Übersetzt von Siegfried Trabitsch
PERSONEN
Pastor Jakob Morell
Candida, seine Frau
Burgess, ihr Vater
Alexander Mill, Unterpfarrer
Proserpina Garnett, Maschinenschreiberin
Eugen Marchbanks, ein junger Dichter
Ort der Handlung: Die St. Dominikpfarre, Viktoriapark, London E.
Zeit: Oktober 1894.
ERSTER AKT
(Ein schöner Oktobermorgen im nordöstlichen Viertel Londons. In
diesem ausgedehnten Bezirk sind die Seitengässchen viel weniger
schmal, schmutzig, übelriechend und stickig als in dem viele
Meilen entfernten London von Mayfair und St. James. Hier spielt
sich besonders das unelegante Leben der Mittelklassen ab. Die
breiten, dichtbevölkerten Strassen sind mit hässlichen eisernen
Bedürfnisanstalten, radikalen Klubs und Trambahnlinien, auf denen
Ketten von gelben Wagen endlos einziehen, reichlich versehn. Doch
Sind die Hauptverkehrsadern mit grasbewachsenen Vorgärtchen verziert,
von denen man nur den kleinen Streifen betritt, der vom Pförtchen zur
Haustür führt. Jene Strassen werden durch die stumm geduldete
Eintönigkeit sich meilenweit erstreckender hässlicher Ziegelbauten,
schwarzer Eisengitter, Steinpflaster und Schieferdächer arg entstellt.
Anständig aber unmodern oder gemein und ärmlicb gekleidete Leute, die
an dieses Viertel gewöhnt sind und sich zumeist in aufreibender Weise
für andere plagen müssen, ohne sich für ihre Arbeit zu interessieren,
bilden ihre Bewohner. Das bisschen ihnen gebliebene Energie und Eifer
gipfelt in der Habgier des Londoner Cockneys und in der Begierde, ihr
Geschäft vorwärts zu bringen. Selbst die Schutzleute und die Kapellen
sind nicht selten genug, die Eintönigkeit zu unterbrechen. Die Sonne
scheint klar, es ist nicht neblig, und obgleich der Rauch sowohl die
Gesichter und Hände als auch die Mauern aus Ziegelstein und Mörtel
verhindert, frisch und rein zu sein, so ist er doch nicht schwarz und
schwer genug, um einen Londoner zu belästigen.)
(Diese reizlose Wüste hat ihre Oase. Am äussersten Ende der
Hackneystrasse ist ein durch ein hölzernes Pfahlwerk abgeschlossener
Park von 270 Morgen angelegt. Er enthält Rasenplätze, Bäume, einen
Teich zum Baden, Blumenbeete, die Triumphe der vielbewunderten
Cockney-Kunst der Teppichgärtnerei sind, und eine Sandgrube, die
ursprünglich zur Belustigung der Kinder vom Meeresufer importiert,
aber schleunigst verlassen wurde, als sie sich in eine natürliche
Ungezieferbrutstätte für die ganz kleine Fauna von Kingsland,
Hackney und Hoxton verwandelte. Ein Orchester, ein kleines
Forum für religiöse, antireligiöse und politische Redner,
Cricketplätze, ein Turnplatz und ein altmodischer Steinkiosk bilden die
Hauptanziehungspunkte. Wo die Aussicht von Bäumen oder grünen Anhöhen
begrenzt wird, ist es ein hübscher Aufenthaltsort. Wo sich aber der
Boden flach bis zu dem grauen Lattenzaun hinzieht und man Ziegel und
Mörtel, Reklameschilder, zusammengedrängte Schornsteine und Rauch
gewahrt muss die Gegend (im Jahre 1894), trostlos und hässlich genannt
werden.)
(Die beste Aussicht auf den Viktoriapark gewinnt man von den
Frontfenstern der St. Dominikpfarre; von dort sieht man auf keinerlei
Mauerwerk. Das Pfarrhaus steht halb frei, mit einem Vorgarten und
einer Vorhalle. Besucher benützen die Stufen, die auf die Veranda
führen, Geschäftsleute und Familienmitglieder geben durch eine Tür
unterhalb der Treppe in das Erdgeschoß, wo ein Frühstückszimmer nach
vorne liegt, das zu allen Mahlzeiten dient; die Küche liegt hinten.
Oben, auf einem Niveau mit der Flurtür, befindet sich das
Empfangszimmer mit seinem breiten Fenster aus geschliffenem Glas, das
auf den Park hinausführt.)
(Hier, in dem einzigen Raume, der von den Familienmahlzeiten und den
Kindern verschont bleibt, vollbringt der Pfarrer, Reverend Jakob Mavor
Morell, sein Tagewerk. Er sitzt in einem starken drehbaren Stuhl mit
runder Lehne am Ende eines langen Tisches, der dem Fenster
gegenübersteht, so daß er sich durch einen Blick über die linke
Schulter an der Aussicht auf den Park erfreuen kann. Am Ende des
Tisches, an diesen anstoßend, befindet sich ein zweiter Tisch, der nur
halb so breit ist und eine Schreibmaschine trägt.--Seine Schreiberin
sitzt davor mit dem Rücken gegen das Fenster. Der große Tisch ist
unordentlich mit Zeitungen, Broschüren, Briefen, Schubladeeinsätzen,
einem Notizheft, einer Briefwage und ähnlichen Dingen bedeckt. In der
Mitte steht ein übriger Stuhl für die Besucher, die mit dem Pfarrer
geschäftlich zu tun haben. Seiner Hand erreichbar steht eine
Papierkassette und eine Photographie in einem Rahmen. Die Wand hinter
ihm ist mit Bücherregalen zugestellt. Die theologische Richtung des
Pfarrers kann ein Sachverständiger an: Maurices "Theologischen Essays"
und einer vollständigen Ausgabe der Browningschen Gedichte erkennen,
seine politischen Reformideen an einem gelbrückigen Band "Fortschritt
und Armut", den "Essays der Fabier", dem "Traum John Bulls" von
William Morris, dem "Kapital" von Marx und einem halben Dutzend
anderer grundlegender sozialistischer Bücher. Dem Pfarrer gegenüber,
auf der andern Seite des Zimmers in der Nähe der Schreibmaschine, ist
die Tür. Weiter hinten, dem Kamin gegenüber, steht ein Bücherbrett
auf einem Spind, daneben ein Sofa. Ein starkes Feuer brennt im Kamin
und davor steht ein bequemer Lehnstuhl, ferner ein schwarz lackierter,
blumenbemalter Kohleneimer auf der einen Seite und ein Kindersessel
für einen Knaben oder ein Mädchen auf der anderen. Der hölzerne
Kaminsims ist lackiert, und in den kleinen Feldern der nett geformten
Fächer sind winzige Spiegelgläser eingelegt, und eine Reiseuhr in
einem Lederetui (das unvermeidliche Hochzeitsgeschenk) steht darauf.
An der Wand darüber hängt eine große Autotypie der Hauptfigur aus
Tizians Assunta. So sieht der Kamin sehr einladend aus. Im ganzen
gesehen ist es das Zimmer einer guten Hausfrau, die, was des Pastors
Arbeitstisch betrifft, an etwas Unordnung gewöhnt ist, aber trotzdem
die Situation vollkommen beherrscht. Die Einrichtung verrät in ihrem
ornamentalen Aussehen den Stil der in den Zeitungen annoncierten
"Saloneinrichtung" des unternehmenden Vorstadtmöbelhändlers; aber es
ist nichts Zweckloses oder Aufdringliches in dem Zimmer. Die Tapeten
und die Täfelung sind dunkel und lassen das große helle Fenster und
den Park draußen kräftig hervortreten.)
(Hochwürden Jakob Mavor Morell ist ein christlich-sozialer Geistlicher
der anglikanischen Kirche und ein aktives Mitglied der Gilde von
"Sankt Matthäus" und der "Christlich Socialen Union". Ein starker,
freundlicher, allgemein geachteter Mann von vierzig fahren, kräftig
und hübsch, voll Energie und mit liebenswürdigen, herzlichen,
rücksichtsvollen Manieren, mit einer gesunden, natürlichen Stimme, die
er mit der wirkungsvollen Betonung eines geübten Redners benutzt. Er
verfügt über einen großen Wortschatz, den er vollkommen beherrscht.
Er ist ein vorzüglicher Geistlicher, fähig, was er will zu wem er will
zu sagen und die Leute abzukanzeln, ohne sich über sie zu ärgern,
ihnen seine Autorität aufzudrängen, ohne sie zu demütigen und, wenn es
sein muß, sich in ihre Angelegenheiten zu mischen, ohne dabei zu
verletzen. Die Quelle seiner Begeisterung und seines Mitgefühls
versiegt niemals auch nur für einen Augenblick; er ißt und schläft
noch immer ausgiebig genug, um die tägliche Schlacht zwischen
Erschöpfung und Erholung glänzend zu gewinnen. Dabei ist er ein
großes Kind, verzeihlicherweise eitel auf seine Fähigkeiten und
unbewust selbstgefällig. Er hat eine gesunde Gesichtsfarbe, eine
schöne Stirn mit etwas plumpen Augenbrauen, glänzende und lebhafte
Augen, einen energischen Mund, der nicht besonders schön geschnitten
ist, und eine kräftige Nase mit den beweglichen, sich blähenden
Nasenflügeln des dramatischen Redners, die aber wie alle seine Züge
der Feinheit entbehrt.)
(Die Maschinenschreiberin, Fräulein Proserpina Garnett, ist eine flinke
kleine Person von ungefähr dreißig Jahren, sie gehört der unteren
Mittelklasse an, ist nett, aber billig mit einem schwarzen Wollrock
und einer Bluse bekleidet, ziemlich vorlaut und naseweis und nicht
sehr höflich in ihrem Benehmen, aber empfindungsfähig und
teilnahmsvoll. Sie klappert emsig auf ihrer Maschine drauf los,
während Morell den letzten Brief seiner Morgenpost öffnet. Er
durchfliegt seinen Inhalt mit einem komischen Stöhnen der Verzweiflung.)
(Proserpina.) Wieder ein Vortrag?
(Morell.) Ja. Ich soll nächsten Sonntagvormittag für die
Freiheitsgruppe von Hoxton sprechen. (Er betont mit großer
Wichtigkeit "Sonntag", weil das der unvernünftige Teil des Verlangens
ist.) Was sind das für Leute?
(Proserpina.) Ich glaube, kommunistische Anarchisten.
(Morell.) Es sieht den Anarchisten ähnlich, nicht zu wissen, daß sie
am Sonntag keinen Pastor haben können. Schreiben Sie ihnen, sie
sollen in die Kirche kommen, wenn sie mich hören wollen, das kann
ihnen nicht schaden! Und fügen Sie hinzu, daß ich nur Montags und
Donnerstags frei bin. Haben Sie das Vormerkbuch da?
(Proserpina hebt das Vormerkbuch auf:) Ja!
(Morell.) Ist irgendeine Vorlesung für nächsten Montag angesetzt?
(Proserpina im Vormerkbuch nachschlagend:) Der radikale Klub von Tower
Hamlet.
(Morell) Nun, und Donnerstag?
(Proserpina.) Die englische Bodenreform-Liga.
(Morell.) Was dann?
(Proserpina.) In der Gilde von Sankt Matthäus am Montag. In der
unabhängigen Arbeitervereinigung, Abteilung Greenwich, am Donnerstag;
am Montag darauf in der soziademokratischen Föderation, Abteilung Mile
End; am folgenden Donnerstag ist die erste Konfirmationsklasse.
(Ungeduldig:) Ach, ich will lieber schreiben, daß Sie überhaupt nicht
kommen können; es sind doch nur ein halbes Dutzend unwissende und
eingebildete Hausierer, die miteinander keine fünf Schilling haben.
(Morell belustigt:) Ah, aber bedenken Sie, es sind nahe Verwandte von
mir, Fräulein Garnett.
(Proserpina ihn anstarrend:) Verwandte von Ihnen?
(Morell.) Ja! Wir haben denselben Vater--im Himmel.
(Proserpina erleichtert:) Oh, weiter nichts?
(Morell mit einer Melancholie, die einem Manne Genuß ist, dessen
Stimme sie schon so schön auszudrücken vermag:) Ah, Sie glauben das
auch nicht,--jedermann sagt es, niemand glaubt es, niemand! (Schnell
zu seinem Gegenstande zurückkehrend:) Gut, gut! Na, Fräulein
Proserpina, können Sie keinen Tag für die Hausierer finden, wie ist's
mit dem fünfundzwanzigsten,--der war noch vorgestern frei.
(Proserpina aus dem Vormerkbuch:) Auch vergeben--an die Fabier.
(Morell.) Hol' der Geier die Fabier! Ist der achtundzwanzigste
gleichfalls vergeben?
(Proserpina.) Bankett in der City. Sie sind von den Hüttenbesitzern
zum Speisen eingeladen.
(Morell.) Das geht, ich werde eben statt dessen nach Hoxton gehen.
(Sie trägt diese Verpflichtung schweigend ein, mit unerschütterlicher
Verachtung gegen diese Hoxtoner Anarchisten, die sich in jeder Linie
ihres Gesichtes spiegelt. Morell reißt das Streifband eines Exemplars
des "Church Reformer" ab, das mit der Post angekommen ist, und
überfliegt den Leitartikel Stewart Hedlams und die Mitteilungen der
Gilde von Sankt Matthäus. Diese Vorgänge werden alsbald durch das
Erscheinen des Unterpfarrers Morells, Alexander Mill, unterbrochen.
Er ist ein junger Mensch, den Morell von der nächsten Missionstelle
der Universität bezogen hat, wohin er von Oxford gekommen war, um dem
East-End von London die Wohltat seiner akademischen Bildung angedeihen
zu lassen. Er ist ein eingebildeter, gutgesinnter, unreifer Mann, von
enthusiastischer Natur. Nichts absolut Unausstehliches ist in seinem
Wesen außer der Gewohnheit, um eine gezierte Sprache zu erzielen, mit
sorgsam geschlossenen Lippen zu reden und eine Menge Vokale schlecht
auszusprechen, als ob dies das Hauptmittel wäre, die Bildung Oxfords
unter den Pöbel Hackneys zu tragen.)
(Morell, den er durch eine hündische Unterwürfigkeit für sich gewann,
blickt nachsichtig von seiner Lektüre im "Church Reformer" auf und
bemerkt:) Nun, Lexi, wieder verschlafen, wie gewöhnlich?
(Mill.) Leider ja. Ich wollte, ich könnte des Morgens leichter
aufstehen.
(Morell freut sich der eigenen Energie:) Ha, ha! (launig:) "Wache und
bete", Lexi, "wache und bete".
(Mill.) Ich weiß. (Er benützt diese Gelegenheit sofort, um einen Witz
zu machen.) Aber wie kann ich wachen und beten, wenn ich schlafe;
--hab' ich nicht recht, Fräulein Prossi?
(Proserpina scharf:) Fräulein Garnett, wenn ich bitten darf.
(Mill.) Entschuldigen Sie, Fräulein Garnett.
(Proserpina.) Sie müssen heute alle Arbeit allein erledigen. (Mill.)
Warum?
(Proserpina.) Fragen Sie nicht, warum. Es wird Ihnen wohl bekommen,
Ihr Abendbrot einmal zu verdienen, bevor Sie es essen, wie ich es
täglich tue. Los, trödeln Sie nicht. Sie sollten schon seit einer
halben Stunde unterwegs sein.
(Mill starr:) Spricht sie im Ernst, Herr Pastor?
(Morell in bester Laune--seine Augen glänzen:) Ja. Heute werd' ich
einmal bummeln.
(Mill.) Sie? Sie wissen ja nicht, wie man das macht.
(Morell herzlich:) Ha, ha! Weißichdasnicht? Diesen Tag will ich ganz
für mich haben, oder doch wenigstens den Vormittag! Meine Frau kommt
nämlich zurück, um elf Uhr fünfundvierzig soll sie hier eintreffen.
(Mill erstaunt:) Schon zurück--mit den Kindern? Ich dachte, sie
wollte bis Ende des Monats fortbleiben.
(Morell.) So ist es. Sie kommt nur für zwei Tage her, um für Jimmy
etwas Flanellwäsche einzukaufen und um zu sehen, wie wir hier ohne sie
fertig werden.
(Mill ängstlich:) Aber lieber Herr Morell, wenn das, was Jimmy und
Flussy gefehlt hat, wirklich Scharlach war, halten Sie es für klug?--
(Morell.) Unsinn, Scharlach! Masern waren es, ich habe sie selbst von
der Pycroftstraße aus der Schule nach Hause gebracht; ein Pastor ist
wie ein Arzt, mein Lieber, er muß der Ansteckung ins Auge sehen können
wie ein Soldat den Kugeln. (Er erbebt sich und schlägt Mill auf die
Schultern.) Trachten Sie, Masern zu bekommen, wenn Sie können; Candida
wird Sie dann pflegen, und was für ein Glücksfall wäre das für Sie,
--was?
(Mill unsicher lächelnd:) Es ist schwer, Sie zu verstehen, wenn Sie
über Frau Morell sprechen.--
(Morell weich:) Mein lieber Junge, seien Sie erst verheiratet!
Verheiratet mit einer guten Frau, und dann werden Sie mich verstehen.
Es ist ein Vorgeschmack von dem Besten, was uns in dem himmlischen
Reich erwartet, das wir uns auf Erden zu gründen versuchen. Dann
werden Sie sich schon das Bummeln abgewöhnen! Ein braver Mann fühlt,
daß er dem Himmel für jede Stunde des Glücks ein hartes Stück
selbstloser Arbeit zum Wohle seiner Mitmenschen schuldig ist. Wir
haben ebensowenig das Recht, Glück zu verbrauchen, ohne es zu erzeugen,
als Reichtum zu verbrauchen, ohne ihn zu erwerben. Suchen Sie sich
eine Frau wie meine Candida, und Sie werden immer Schuldner sein,
wieviel Sie auch abzahlen. (Er klopft Mill liebevoll auf den Rücken
und ist im Begriff, das Zimmer zu verlassen, als Mill ihn zurückruft.)
(Mill.) Oh, warten Sie einen Augenblick, ich vergaß... (Morell bleibt
stehen und wendet sich um, die Türklinke in der Hand.) Ihr Herr
Schwiegervater wird hierherkommen, er hat mit Ihnen zu sprechen.
(Morell schließt die Tür wieder, mit vollkommen verändertem Wesen.)
(Morell überrascht und nicht erfreut:) Burgess?
(Mill.) Ja! Ich traf ihn mit jemandem im Park, in eifrigem Gespräch.
Er sprach mich an und bat mich, Sie wissen zu lassen, daß er
hierherkommt.
(Moroll halb ungläubig:) Aber er ist seit Jahren nicht hier gewesen.
Sind Sie sicher, Lexi? Sie scherzen doch nicht etwa?--
(Mill ernst:) Nein, Herr Pastor, ganz bestimmt nicht!
(Morell nachdenklich:) Hm, hm, er hält es an der Zeit, sich wieder
einmal nach Candida umzusehen, ehe sie gänzlich aus seinem Gedächtnis
verschwindet. (Er fügt sich in das Unvermeidliche und geht hinaus;
Mill sieht ihm mit begeisterter, närrischer Verehrung nach. Fräulein
Garnett, die Mill nicht schütteln kann, wie sie möchte, läßt ihre
Gefühle an der Schreibmaschine aus.)
(Mill.) Was für ein vortrefflicher Mann, welch ein tiefes liebevolles
Gemüt! (Er nimmt Morells Platz am Tisch ein und macht es sich bequem,
indem er eine Zigarette hervorzieht.)
(Proserpina ungeduldig, nimmt den Brief, den sie auf der Maschine
geschrieben hat, und faltet ihn zusammen:) Ach! ein Mann sollte seine
Frau lieben können, ohne einen Narren aus sich zu machen.
(Mill erregt:) Aber Fräulein Proserpina!
(Proserpina geschäftig aufstehend, holt ein Kuvert aus dem Pulte, in
das sie, während sie spricht, den Brief hineinlegt:) Candida hin und
Candida her und Candida überall. (Sie leckt das Kuvert.) Es kann
einen außer Rand und Band bringen! (Hämmert das Kuvert, um es fest zu
schließen.) Hören zu müssen, wie eine ganz gewöhnliche Frau in dieser
lächerlichen Weise vergöttert wird, bloß weil sie schönes Haar und
eine leidliche Figur hat.
(Mill mit vorwurfsvollem Ernst:) Ich finde sie ungewöhnlich schön,
Fräulein Garnett. (Er nimmt die Photographie zur Hand betrachtet sie
und fügt mit noch tieferem Ausdruck hinzu:) Wunderbar schön,--was für
herrliche Augen sie hat!
(Proserpina.) Candidas Augen sind durchaus nicht schöner als meine,
(Mill stellt die Photograpbie fort und sieht sie strenge an,) und ich
weiß ganz gut, daß Sie mich für ein gewöhnliches und untergeordnetes
Geschöpf halten.
(Mill erbebt sich majestätisch:) Gott behüte, daß ich von irgendeinem
Geschöpf Gottes in dieser Weise dächte. (Er geht steif von ihr fort
bis in die Nähe des Bücherschranks.)
(Proserpina mit bitterem Spott:) Ich danke Ihnen, das ist sehr nett
und tröstlich.
(Mill traurig über ihre Verstocktheit:) Ich hatte keine Ahnung, daß
Sie etwas gegen Frau Morell haben.
(Proserpina entrüstet:) Ich habe durchaus nichts gegen sie. Sie ist
sehr liebenswürdig und sehr gutherzig, ich habe sie sehr gern und weiß
ihre wirklich guten Eigenschaften weit besser zu würdigen, als
irgendein Mann es könnte. (Mill schüttelt traurig den Kopf, wendet
sich zum Bücherschrank und sucht die Reihen entlang nach einem Bande.
Sie folgt ihm mit heftiger Leidenschaftlichkeit.) Sie glauben mir
nicht? (Er wendet sich um und blickt ihr ins Gesicht. Sie fällt ihn
mit Heftigkeit an:) Sie halten mich für eifersüchtig? Was für eine
tiefe Kenntnis des menschlichen Herzens Sie haben, Herr Alexander Mill!
Wie gut Sie die Schwächen der Frauen kennen, nicht wahr? Wie schön
es sein muß, ein Mann zu sein und einen scharfen durchdringenden
Verstand zu haben, statt bloße Gefühle, wie wir Frauen, und zu wissen,
daß die Ursache, warum wir ihr Vernarrtsein in eine Frau nicht teilen,
nur in gegenseitiger Eifersucht zu suchen sein kann. (Sie wendet sich
mit einer Bewegung ihrer Schultern von ihm ab und geht an das Feuer,
ihre Hände zu wärmen.)
(Mill.) Ach, wenn Ihr Frauen nur ebenso leicht den Schlüssel zur
Stärke des Mannes fändet wie zu seiner Schwäche, es gäbe keine
Frauenfrage.
(Proserpina über ihre Schulter, während sie die Hände vor die Flammen
hält:) Wo haben Sie das von Herrn Morell gehört? Sie selbst haben es
nicht erfunden,--Sie sind dazu nicht gescheit genug.
(Mill.) Das ist ganz richtig. Ich schäme mich durchaus nicht, ihm
diesen Ausspruch zu verdanken, wo ich ihm schon so viele andere
geistige Wahrheiten verdanke! Er tat ihn bei der Jahresversammlung
der freien Frauenvereinigung. Erlauben Sie mir hinzuzufügen, daß ich,
obwohl bloß ein Mann, im Gegensatz zu jenen Frauen diesen Ausspruch zu
schätzen wußte! (Er wendet sich wieder an den Bücherschrank in der
Hoffnung, daß diese Worte sie vernichtet haben.)
(Proserpina ordnet ihr Haar vor den kleinen Spiegeln des Kamins:) Wenn
Sie mit mir sprechen, sagen Sie mir gefälligst Ihre eigenen Gedanken,
soviel sie eben wert sind, und nicht die Pastor Morells. Sie geben
niemals eine traurigere Figur ab, als wenn Sie versuchen, ihn
nachzumachen.
(Mill gekränkt:) Ich versuche seinem Beispiel zu folgen, aber nicht,
ihn nachzumachen.
(Proserpina kommt wieder an ihn heran auf dem Rückwege zu ihrer Arbeit:)
Jawohl, Sie machen ihn nach. Warum stecken Sie Ihren Schirm unter
den linken Arm, statt ihn in der Hand zu tragen wie jeder andere?
Warum gehen Sie mit vorgeschobenem Kinn und warum eilen Sie vorwärts
mit diesem eifrigen Ausdruck in den Augen,--Sie, der Sie nie vor halb
zehn Uhr morgens aufstehen? Warum sagen Sie in der Kirche "Aandacht",
obwohl Sie im Leben "Andacht" sagen? Bah--glauben Sie, ich weiß das
nicht? (Geht zurück zur Schreibmaschine.) Da kommen Sie her und
machen Sie sich endlich an Ihre Arbeit; wir haben heute Morgen genug
Zeit verloren. Hier ist eine Abschrift der Tageseinteilung für heute.
(Sie reicht ihm ein Memorandum. Mill schwer beleidigt:) Ich danke
Ihnen. (Er nimmt das Papier und steht mit dem Rücken gegen sie an den
Tisch gelehnt und liest.) Sie fängt an, auf der Schreibmaschine ihre
stenographischen Aufzeichnungen zu übertragen, ohne auf Mills Gefühle
zu achten.
(Burgess tritt unangemeldet ein.) Er ist ein Mann von sechzig Jahren,
derb und filzig geworden durch die notwendige Selbstsucht des kleinen
Krämers, die sich später durch Überfütterung und geschäftlichen Erfolg
zu träger Aufgeblasenheit milderte. Ein gemeiner, unwissender,
unmäßiger Mensch, beleidigend und hochnasig Leuten gegenüber, deren
Arbeit wohlfeil ist, ehrfürchtig gegen Menschen von Reichtum und Rang,
aber beiden gegenüber ganz aufrichtig und ohne Groll oder Neid. Da
sie ihn ohne besondere Fähigkeiten sah, hat ihm die Welt keine andere
gut bezahlte Arbeit zu bieten gewußt, als unnoble Arbeit, und er wurde
infolgedessen etwas erbärmlich, hat aber keine Ahnung, daß er so
beschaffen ist, und betrachtet seinen kommerziellen Wohlstand ganz
ehrlich als den unvermeidlichen und sozial berechtigten Triumph der
Geschicklichkeit, Tüchtigkeit, Fähigkeit und Erfahrung eines Mannes,
der im Privatleben übertrieben, leichtsinnig, liebenswürdig und
leutselig ist. Körperlich ist er kurz und dick, mit einer
schnauzenähnlichen Nase in der Mitte eines flachen, breiten Gesichtes;
unter dem Kinn ein staubfarbener Bart mit einem grauen Fleck in der
Mitte; er hat wässerige blaue Augen mit klagend sentimentalem Ausdruck,
der sich durch die Gewohnheit, seine Sätze wichtigtuend zu singen,
auch leicht auf seine Stimme überträgt.
(Burgess bleibt an der Schwelle stehen und blickt umher:) Man sagte
mir, Herr Morell sei hier.
(Proserpina sich erhebend:) Er ist oben, ich will ihn holen.
(Burgess sie frech anstarrend:) Sie sind nicht dieselbe junge Dame,
die sonst für ihn schrieb.
(Proserpina.) Nein.
(Burgess beistimmend:) Nein, die war jünger. (Fräulein Garnett starrt
ihn an, dann gebt sie mit großer Würde hinaus. Er nimmt dies
gleichgültig entgegen und geht an den Kaminteppich, wo er sich
umwendet und sich breitspurig aufpflanzt, den Rücken dem Feuer
zugekehrt.)
(Burgess.) Sind Sie im Begriff Ihren Rundgang zu machen, Herr Mill?
(Mill faltet sein Papier und steckt es in die Tasche:) Jawohl, ich muß
gleich fort.
(Burgess wichtig:) Lassen Sie sich nicht aufhalten; was ich mit Herrn
Morell zu besprechen habe, ist ganz privater Natur.
(Mill aufgeblasen:) Ich habe durchaus nicht die Absicht, mich
einzumengen, verlassen Sie sich darauf, Herr Burgess. Guten Morgen!
(Burgess herablassend:) Guten Morgen, guten Morgen!
(Morell kommt zurück, während Mill sich zur Tür wendet.)
(Morell zu Mill:) Sie gehen an die Arbeit?
(Mill.) Jawohl, Herr Pastor.
(Morell klopft ihn liebenswürdig auf die Schulter:) Da, nehmen Sie
mein Seidentuch um den Hals, es geht ein kalter Wind draußen. Aber
jetzt machen Sie, daß Sie fortkommen. (Mill, mehr als getröstet über
Burgess' Schroffheit, freut sich und geht hinaus.)
(Burgess.) Guten Morgen, Jakob. Sie verwöhnen Ihren Unterpfarrer wie
immer. Wenn ich einen Mann bezahle und einer auf meine Kosten lebt,
dann weise ich ihm gehörig seinen Platz an.
(Morell etwas kurz angebunden:) Ich weise meinem Unterpfarrer immer
seinen Platz an, nämlich an meiner Seite als meinem Helfer und
Kameraden. Wenn es Ihnen gelingt, so viel Arbeit aus Ihren Kommis und
Angestellten herauszukriegen wie ich aus meinem Unterpfarrer, dann
müssen Sie ziemlich rasch reich werden. Bitte, setzen Sie sich in
Ihren gewohnten Stuhl. (Er weist mit trockener Autorität auf den
Armstuhl neben dem Kamin, dann ergreift er einen freien Stuhl und
setzt sich in zurückhaltender Entfernung von seinem Besucher.)
(Burgess ohne sich zu rühren:) Sie sind ganz der alte, Jakob.
(Morell.) Als Sie mich das letztemal besuchten--ich glaube, es war vor
drei Jahren--da sagten Sie genau dasselbe. Nur etwas aufrichtiger.
Ihr wörtlicher Ausspruch war damals: "Derselbe Narr wie immer, Jakob."
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