Man Kann Nie Wissen by George Bernard Shaw
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Man Kann Nie Wissen
(Komoedie in vier Akten)
George Bernard Shaw
Uebersetzung von Siegfried Trabisch
Die erste deutsche Ausgabe dieser Komoedie fuehrte den Titel "Der
verlorene Vater".--Die Hauptperson heisst im Original nicht Fergu
McNaughtan, sondern Fergus Crampton. Shaw, der Hauptmann sehr verehrt,
wollte die festumrissene Vorstellung, die wir mit dem Namen Crampton
verbinden, nicht stoeren und aenderte ihn in McNaughtan um, womit
zugleich die Uebertragung eines Wortwitzes moeglich wurde, der im
Original eine Rolle spielt.
Anmerkung des Uebersetzers.
PERSONEN
Frau Clandon
Gloria }
Dolly } ihre Kinder
Philip }
Dr. Valentine, Zahnarzt
Fergus McNaughtan
McComas, Rechtsanwalt
Justizrat Bohun
Ein Kellner
Ein Stubenmaedchen
Ein Kellnerjunge
Ein Koch
Ort: Ein englisches Seebad.
Zeit: 1896.
ERSTER AKT
(An einem schoenen Augustmorgen des Jahres 1896 im Operationszimmer
eines Zahnarztes. Es ist nicht das uebliche winzige Londoner Loch,
sondern das beste Zimmer einer moeblierten Wohnung an der
Strandpromenade in einem vornehmen Seebad. Der Operationsstuhl mit
Gasschlauch und Zylinder steht zwischen der Mitte des Zimmers und
einer der Ecken. Wenn man durch das dem Stuhl gegenueberliegende
Fenster in das Zimmer hineinsieht, erblickt man den Kamin in der Mitte
der dem Beschauer gegenueberstehenden Wand. Links eine Tuer. Ueber
dem Kaminsims befindet sich ein Diplom in einem Rahmen. Vor dem Kamin
steht ein breiter schwarzlederner Sessel, rechts in der Ecke ein
sauberer Schemel und eine Bank mit Schraubstock, Werkzeugen, einem
Moerser und einem Stoessel darauf. In der Naehe dieser Bank befindet sich
ein duennes peitschenartiges Geraet, das mit einem Staender, einem Pedal
und einer uebertrieben grossen Kurbel versehen ist. Da man dieses
Marterwerkzeug als Zahnbohrer erkennt, blickt man schaudernd nach
links, wo man ein anderes Fenster, darunter einen Schreibtisch mit
Loescher und Mappe sieht. Vor dem Schreibtisch ein Stuhl. In seiner
Naehe, gegen die Tuere zu, ein lederueberzogenes Sofa. Die
gegenueberliegende rechtsseitige Wand wird hauptsaechlich von einem
langen Buechergestell eingenommen. Der Operationsstuhl steht dem
Beschauer dicht gegenueber; in handlicher Naehe links davon befindet
sich der Instrumentenschrank. Man bemerkt, dass die zahnaerztliche
Einrichtung samt Apparaten neu ist. Die mit einem Muster von
Girlanden und Urnen geschmueckten Tapeten im Geschmack eines
Leichenbestatters, der Teppich mit seiner symmetrischen Zeichnung von
reichen, kohlkopfartigen Blumenstraeussen, der glaeserne Gaskronleuchter
mit Prismen, die ebenfalls prismengeschmueckten, vergoldeten, blauen
Armleuchter in den Ecken des Kaminsimses und die Goldbronzeuhr unter
einem Glassturz zwischen ihnen, deren Nutzlosigkeit durch eine billige
amerikanische Uhr betont wird, die respektlos daneben gestellt ist und
jetzt auf zwoelf Uhr mittags zeigt: alles das vereinigt sich mit dem
schwarzen Marmor, der dem Kamin das Ansehen einer Familiengruft en
miniature gibt, um Kaufmannsanstaendigkeit im Anfang der Regierung der
Koenigin Viktoria, den Glauben ans Geld, Bibelfetischismus, Furcht vor
der Hoelle, die immer im Kampf mit der Furcht vor der Armut liegt,
instinktives Entsetzen vor dem leidenschaftlichen Charakter der Kunst,
der Liebe und der roemisch-katholischen Kirche, und im allgemeinen die
ersten Fruechte der Geldherrschaft in den Anfaengen der industriellen
Revolution anzudeuten.)
(Nicht das Leiseste von diesen Traditionen liegt ueber den zwei
Personen, die jetzt gerade im Zimmer sind. Die eine davon, eine sehr
huebsche, sehr kleine Dame, deren winzige Figur mit der elegantesten
Lebhaftigkeit gekleidet ist, gehoert einer spaeteren Generation an: sie
ist kaum achtzehn Jahre alt. Dieses liebe kleine Geschoepf gehoert
offenbar weder zu dem Zimmer, noch auch zu dem Lande; denn seine
Gesichtsfarbe, obgleich sehr zart, ist von einer heisseren Sonne als
der Englands gebraeunt worden; aber trotzdem besteht fuer einen sehr
feinen Beobachter ein Zusammenhang zwischen der jungen Dame und
England. Sie haelt naemlich ein Wasserglas in der Hand, und auf ihrem
winzigen, energisch geschnittenen Mund wie auf ihren eigentuemlich
geschweiften Augenbrauen bemerkt man eine sich rasch verziehende Wolke
spartanischer Hartnaeckigkeit. Wenn man die kleinste Gewissenslinie
zwischen ihren Augenbrauen entdecken koennte, wuerde ein Pietist wohl
die schwache Hoffnung hegen, in ihr ein Schaf im Wolfspelz zu
finden--ihr Kleid ist naemlich verwuenscht huebsch--aber sowie die Wolke
flieht, ist ihre Stirnlinie so vollkommen frei von jedem
Suendenbewusstsein wie die eines Kaetzchens.)
(Der Zahnarzt, der sie mit der Selbstzufriedenbeit des erfolgreichen
Operateurs betrachtet, ist ein junger Mann von ungefaehr dreissig Jahren.
Er macht nicht sehr den Eindruck eines Arbeitsmenschen: unter der
geschaeftsmaessigen Art und Weise des neuetablierten Zahnarztes, der auf
der Suche nach Patienten ist, bemerkt man die leichtsinnige
Liebenswuerdigkeit des noch unverheirateten, auf der Suche nach
lustigen Abenteuern befindlichen jungen Mannes von Welt. Er ist nicht
ohne Ernst im Benehmen, aber seine straff gespannten Nasenfluegel
stempeln diesen zum Ernste eines Humoristen. Seine Augen sind klar,
flink, von skeptisch maessiger Groesse und doch ein wenig wagelustig;
seine Stirn ist praechtig, hinter ihr ist viel Raum; seine Nase und
sein Kinn sind kavaliermaessig huebsch. Im ganzen ein anziehender,
beachtenswerter Anfaenger, dessen Aussichten ein Geschaeftsmann ziemlich
guenstig einschaetzen wuerde.)
(Die junge Dame ihm das Glas reichend:) Danke schoen. (Trotz ihrer
mattgelben Hautfarbe spricht sie ohne den geringsten fremden Akzent.)
(Der Zahnarzt setzt es auf den Rand des Instrumentenschrankes:) Das
war mein erster Zahn!
(Die junge Dame entsetzt:) Ihr erster?!... Wollen Sie damit sagen,
dass Sie an mir angefangen haben, zu praktizieren?
(Der Zahnarzt.) Jeder Zahnarzt muss einmal mit jemandem den Anfang
machen.
(Die junge Dame.) Jawohl, mit jemandem im Spital--aber nicht mit
Leuten, die bezahlen.
(Der Zahnarzt lachend:) Oh, das Spital zaehlt natuerlich nicht!... Ich
meinte nur: mein erster Zahn in meiner Privatpraxis.--Warum wollten
Sie kein Lachgas haben?
(Die junge Dame.) Weil Sie mir sagten, dass das noch fuenf Schilling
extra kostete.
(Der Zahnarzt unangenehm beruehrt:) Oh, sagen Sie das nicht! Da hab'
ich das Gefuehl, als haette ich Ihnen wegen der fuenf Schillinge weh
getan.
(Die junge Dame mit kuehler Dreistigkeit:) Nun, das haben Sie auch.
(Sie steht auf:) Warum auch nicht?... Es ist Ihr Beruf, den Leuten
weh zu tun. (Es macht ihm Spass, in dieser Weise behandelt zu werden,
und er kichert heimlich, waehrend er fortfaehrt, seine Instrumente zu
reinigen und wieder wegzulegen. Sie schuettelt ihr Kleid zurecht,
blickt sich neugierig um und gebt an das Fenster.) Sie haben aber
wirklich eine schoene Aussicht auf das Meer von diesen Zimmern aus!
--Sind sie teuer?
(Der Zahnarzt.) Ja.
(Die junge Dame.) Ihnen gehoert aber nicht das ganze Haus?
(Der Zahnarzt.) Nein.
(Die junge Dame kippt den Stuhl, der vor dem Schreibtisch steht, um
und betrachtet ihn kritisch, waehrend sie ihn auf einem Fuss
herumwirbelt:) Ihre Einrichtung ist aber nicht die allermodernste;
nicht wahr?
(Der Zahnarzt.) Sie gehoert dem Hausherrn.
(Die junge Dame.) Gehoert ihm dieser huebsche bequeme Rollstuhl auch?
(Sie zeigt auf den Operationsstuhl.)
(Der Zahnarzt.) Nein, den habe ich gemietet.
(Die junge Dame geringschaetzig:) Das habe ich mir gedacht! (Sie
blickt umher, um noch mehr Schluesse ziehen zu koennen:) Sie sind wohl
noch nicht lange hier?
(Der Zahnarzt.) Seit sechs Wochen.--Wuenschen Sie sonst noch etwas zu
wissen?
(Die junge Dame, an der die Anspielung verloren gebt:) Haben Sie
Familie?
(Der Zahnarzt.) Ich bin unverheiratet.
(Die junge Dame.) Selbstverstaendlich. Das sieht man.--Ich meine
Schwestern... eine Mutter... und sowas.
(Der Zahnarzt.) Nicht hier am Ort.
(Die junge Dame.) Hm... Wenn Sie sechs Wochen hier sind und mein Zahn
der erste war, dann kann Ihre Praxis nicht sehr gross sein?
(Der Zahnarzt.) Bis jetzt nicht. (Er schliesst den Schrank, nachdem er
alles in Ordnung gebracht hat.)
(Die junge Dame.) Nun denn, Glueck auf! (Sie nimmt ihre Boerse aus der
Tasche:) Fuenf Schillinge macht es, sagten Sie, nicht wahr?
(Der Zahnarzt.) Fuenf Schillinge.
(Die junge Dame nimmt ein Fuenf-Schilling-Stueck heraus:) Rechnen Sie
fuer jede Operation fuenf Schillinge?
(Der Zahnarzt.) Ja.
(Die junge Dame.) Warum?
(Der Zahnarzt.) Das ist mein System. Ich bin eben, was man einen
Fuenf-Schilling-Zahnarzt nennt.
(Die junge Dame.) Wie nett!--Hier! (Sie haelt das Silberstueck in die
Hoehe:) Ein huebsches neues Fuenf-Schilling-Stueck--Ihre erste Einnahme!
Machen Sie mit dem Instrument, mit dem Sie den Leuten die Zaehne
anbohren, da ein Loch hinein und tragen Sie's an Ihrer Uhrkette.
(Der Zahnarzt.) Danke sehr.
(Das Stubenmaedchen erscheint an der Tuer:) Der Bruder der jungen Dame.
(Die huebsche Miniaturausgabe eines Mannes, augenscheinlich der
Zwillingsbruder der jungen Dame, tritt lebhaft ein. Er traegt einen
terrakottfarbenen Kaschmiranzug; der elegant geschnittene Rock ist mit
brauner Seide gefuettert. In der Hand haelt er einen braunen Zylinder
und dazu passende, loh*braune Handschuhe. Er hat die mattgelbe
Gesichtsfarbe seiner Schwester und ist nach demselben kleinen Massstabe
gebaut wie sie. Aber er ist elastisch, muskuloes und von
entschlossenen Bewegungen und hat eine unerwartet tiefe und schneidige
Sprechwiese. Er besitzt vollendete Manieren und einen vollendeten
persoenlichen Stil, um den ihn ein doppelt so alter Mann beneiden
koennte. Anmut und Selbstbeherrschung sind ihm Ehrensache, und
obgleich dies, richtig betrachtet, nur die moderne Art knabenhafter
Verlegenheit ist, so ist doch die Wirkung seines Wesens auf aeltere
Leute verblueffend und waere bei einem weniger fuer sich einnehmenden
jungen Menschen unertraeglich. Er ist die Schlagfertigkeit selbst und
hat im Augenblick seines Eintretens eine Frage bereit:)
(Der junge Mann.) Komme ich noch zu rechter Zeit?
(Die junge Dame.) Nein, es ist schon alles vorueber.
(Der junge Mann.) Hast du geheult?
(Die junge Dame.) Oh, fuerchterlich! Herr Doktor Valentine--mein
Bruder Phil. Phil: das ist Herr Dr. Valentine, unser neuer Zahnarzt.
(Dr. Valentine und Philip verneigen sich voreinander. Sie faehrt in
einem Atem fort:) Er ist erst seit sechs Wochen hier und ist
Junggeselle. Das Haus gehoert ihm nicht, und die Einrichtung gehoert
seinem Hausherrn, aber die noetigen Gegenstaende fuer seinen Beruf hat er
gemietet. Er hat meinen Zahn wundervoll auf den ersten Ruck
herausgekriegt. Und wir sind sehr gute Freunde.
(Philip.) Du hast wohl eine Menge Fragen gestellt, was?
(Die junge Dame als ob sie unfaehig waere, das zu tun:) O nein!
(Philip.) Das freut mich. (Zu Dr. Valentine:) Sehr liebenswuerdig von
Ihnen, nichts gegen uns zu haben, Herr Doktor. Wir sind naemlich noch
nie in England gewesen, und unsere Mutter hat uns darauf vorbereitet,
dass die Leute uns hier einfach nicht ertragen wuerden.--Kommen Sie,
fruehstuecken Sie mit uns.
(Dr. Valentine erschreckt ueber das Tempo, in dem ihre Bekanntschaft
fortschreitet, ringt nach Atem, aber er hat keine Gelegenheit zu
sprechen, da die Unterhaltung der Zwillinge reissend und andauernd ist.)
(Die junge Dame.) O ja, sagen Sie zu, Herr Doktor!
(Philip.) Im Marine-Hotel um halb zwei.
(Die junge Dame.) Wir werden dann Mama erzaehlen koennen, dass ein
achtbarer Englaender versprochen hat, mit uns zu fruehstuecken.
(Philip.) Kein Wort mehr, Herr Doktor; Sie werden kommen!
(Dr. Valentine.) Kein Wort mehr?... Ich habe ueberhaupt noch kein Wort
gesagt... Darf ich fragen, mit wem ich eigentlich die Ehre habe?...
Es ist mir wirklich ganz unmoeglich, mit zwei mir vollstaendig
Unbekannten im Marine-Hotel zu fruehstuecken.
(Die junge Dame vorlaut:) Ach, was fuer ein Unsinn!... Ein Patient in
sechs Wochen! Kann Ihnen doch ganz einerlei sein?
(Philip gesetzt:) Nein, Dolly: meine Menschenkenntnis bestaetigt Herrn
Doktor Valentines Ansicht; er hat recht.--Erlauben Sie, dass ich Ihnen
Fraeulein Dorothea Clandon, gewoehnlich Dolly genannt; vorstelle. (Dr.
Valentine verneigt sich vor Dolly. Sie nickt ihm zu.) Ich bin Philip
Clandon--wir sind aus Madeira--aber trotzdem bis jetzt ganz achtbare
Leute.
(Dr. Valentine.) Clandon?... Sind Sie verwandt mit--
(Dolly mit einem unerwarteten Verzweiflungsschrei:) ja, wir sind's!
(Dr. Valentine erstaunt:) Verzeihen Sie--
(Dolly.) Ja, ja, wir sind es!... Alles ist zu Ende, Phil! Man weiss
alles ueber uns in England! (Zu Dr. Valentine:) Oh, Sie koennen sich
nicht vorstellen, wie entsetzlich es ist, mit einer beruehmten
Persoenlichkeit verwandt zu sein und nirgends um seiner selbst willen
geschaetzt zu werden.
(Dr. Valentine.) Aber entschuldigen Sie: der Herr, an den ich dachte,
ist durchaus nicht beruehmt.
(Dolly ihn anstarrend:) Der Herr?...
(Philip ist auch erstaunt.)
(Dr. Valentine.) Ja. Ich wollte Sie fragen, ob Sie zufaellig die
Tochter des Herrn Densmore Clandon aus Newbury Hall sind.
(Dolly ausdruckslos:) Nein.
(Philip.) Na, Dolly, woher weisst du das?
(Dolly aufgeheitert:) Oh, ich vergass, natuerlich--vielleicht bin ich's!
(Dr. Valentine.) Wissen Sie das nicht?
(Philip.) Ganz und gar nicht.
(Dolly.) Ein kluges Kind--
(Philip sie kurz unterbrechend:) Sch! (Dr. Valentine faehrt bei diesem
Laut aengstlich zusammen. Obwohl er kurz ist, klingt er doch so, als
ob ein Stueck Seidenzeug durch einen Blitz entzweigeschnitten wuerde.
Er ist das Resultat langer Uebung und soll Dollys Indiskretion
verhindern.) Die Sache ist die, Herr Doktor: wir sind die Kinder der
beruehmten Frau Lanfrey Clandon, einer Schriftstellerin von grossem
Ruf--in Madeira. Kein Haushalt ist vollkommen ohne ihre Werke. Wir
sind nach England gekommen, um diese Werke los zu werden. Sie heissen
"Abhandlungen fuer das zwanzigste Jahrhundert".
(Dolly.) Die Kueche des zwanzigsten Jahrhunderts!--
(Philip.) Das Glaubensbekenntnis des zwanzigsten Jahrhunderts--
(Dolly.) Die Kleidung des zwanzigsten Jahrhunderts--
(Philip.) Das Betragen des zwanzigsten Jahrhunderts--
(Dolly.) Die Kinder des zwanzigsten Jahrhunderts--
(Philip.) Die Eltern des zwanzigsten Jahrhunderts--
(Dolly.) Geheftet einen halben Dollar--
(Philip.) Oder auf Leinwand aufgezogen, zum haeufigen Familiengebrauch,
zwei Dollar. In keinem Hause sollten diese Werke fehlen.--Lesen Sie
sie, Herr Doktor; sie werden Ihre Seele veredeln.
(Dolly.) Aber nicht, solange wir hier sind, wenn ich bitten darf.
(Philip.) Richtig! Wir ziehen Leute mit unveredelten Seelen vor.
Unsere eigene Seele befindet sich naemlich in dieser frischen und
unverdorbenen Verfassung.
(Dr. Valentine zweifelhaft:) Hm!
(Dolly ahmt ihn fragend nach:) Hm...?--Phil, er zieht Leute vor, deren
Seelen veredelt sind.
(Philip.) Wenn das der Fall ist, muessen wir ihn mit dem andern
Familienglied bekannt machen, mit der "Frau des zwanzigsten
Jahrhunderts", unserer Schwester Gloria!
(Dolly dithyrambisch:) Dem Meisterwerk der Schoepfung!
(Philip.) Der Tochter der Wissenschaft!
(Dolly.) Dem Stolz Madeiras!
(Philip.) Dem Inbegriff der Schoenheit!
(Dolly wird ploetzlich prosaisch:) Unsinn, keinen Teint!
(Dr. Valentine verzweifelt:) Darf ich endlich auch ein Wort sagen?
(Philip hoeflich:) Entschuldigen Sie--bitte.
(Dolly sehr liebenswuerdig:) Verzeihen Sie.
(Dr. Valentine versucht, vaeterlich zu ihnen zu sein:) Ich muss euch
jungen Leuten wirklich einen Wink geben.
(Dolly bricht wieder aus:) Na, das ist wirklich gut! Wie alt sind Sie?
(Philip.) Ueber dreissig.
(Dolly.) Nein.
(Philip zuversichtlich:) Doch!
(Dolly emphatisch:) Siebenundzwanzig!
(Philip unerschuetterlich:) Dreiunddreissig!
(Dolly.) Unsinn!
(Philip zu Dr. Valentine:) Ich wende mich an Sie, Herr Doktor!
(Dr. Valentine sich verwahrend:) Nein wirklich--(Er ergibt sich:)
Einunddreissig.
(Philip zu Dolly:) Du hast also unrecht gehabt!
(Dolly.) Du auch!
(Philip ploetzlich gewissenhaft:) Wir vergessen unsere gute Erziehung,
Dolly.
(Dolly reuig:) Ja, das tun wir.
(Philip sich entschuldigend:) Wir haben Sie unterbrochen, Herr Doktor.
(Dolly.) Ich glaube, Sie waren eben im Begriff, unsere Seele zu
veredeln.
(Dr. Valentine.) Tatsache ist, dass Ihr--
(Philip ihm zuvorkommend:) Unser Aussehen?...
(Dolly.) Unsere Manieren?...
(Dr. Valentine ad misericordiam:) Ich beschwoere Sie, lassen Sie mich
sprechen!
(Dolly.) Die alte Geschichte--wir reden zu viel!
(Philip.) Das tun wir. Schweigen wir alle beide! (Er setzt sich auf
den Arm des Operationsstuhles.)
(Dolly.) Mm! (Sie setzt sich auf den Stuhl vor dem Schreibtisch und
haelt ihre Lippen mit den Fingerspitzen zu.)
(Dr. Valentine.) Danke. (Er holt den Schemel von der Bank in der Ecke,
stellt ihn zwischen sie und setzt sich mit einer richterlichen Miene.
Sie beobachten ihn mit groesstem Ernst. Er wendet sich zuerst an Dolly:
) Darf ich Sie vor allem fragen, ob Sie schon jemals in einem
englischen Seebad gewesen sind? (Sie schuettelt langsam und feierlich
den Kopf. Er wendet sich zu Phil, der auch rasch und ausdrucksvoll
seinen Kopf schuettelt.) Das habe ich mir gedacht!... Nun, Herr
Clandon, unsere Bekanntschaft ist erst von kurzer Dauer, aber von
grosser Redseligkeit gewesen, und ich habe genug beobachtet, um
ueberzeugt zu sein, dass Sie beide keine Ahnung haben, was das Leben in
einem englischen Seebade bedeutet. Glauben Sie mir, es kommt weder
auf die Manieren noch auf das Aussehen an... was das betrifft,
geniessen wir eine in Madeira unbekannte Freiheit. (Dolly schuettelt
heftig den Kopf.) O ja, das duerfen Sie mir glauben. Lord de Crescis
Schwester radelt in Kniehosen, und die Pastorsfrau tritt fuer
Reformkleider ein und traegt hygienische Schuhe. (Dolly blickt
verstohlen nach ihren eigenen Schuhen. Dr. Valentine bemerkt das und
fuegt flink hinzu:) Nein, das ist nicht die Art Schuh, die ich meine.
(Dollys Schuh verschwindet.) Wir machen uns nicht viel aus Kleidern
und Manieren in England, weil wir, als Volk, weder gut gekleidet sind
noch Manieren haben. Aber--und nun frage ich Sie: Nehmen Sie's mir
nicht uebel, wenn ich aufrichtig bin? (Sie nicken.) Ich danke.--Nun,
eins muessen Sie in einem englischen, Seebad haben, bevor irgend jemand
sich mit Ihnen sehen lassen darf--und das ist ein Vater... ein
lebendiger oder ein toter. (Er sieht sie abwechselnd mit Nachdruck an.
Sie begegnen seinen Blicken wie Maertyrer.) Muss ich annehmen, dass Sie
diesen unumgaenglich noetigen Bestandteil Ihrer gesellschaftlichen
Ausruestung ausser acht gelassen haben? (Sie stimmen ihm durch
melancholisches Kopfnicken zu.) Dann muss ich Ihnen leider sagen, falls
Sie die Absicht haben, laengere Zeit hierzubleiben, dass es mir
unmoeglich sein wird, Ihre liebenswuerdige Einladung zum Fruehstueck
anzunehmen. (Er erheht sich, als ob er nun Schluss machen wollte, und
setzt den Schemel wieder an die Wand.)
(Philip erheht sich mit ernster Hoeflichkeit:) Komm, Dolly! (Er reicht
ihr den Arm.)
(Dolly.) Adieu. (Sie gehen zusammen mit vollendeter Wuerde zur Tuer.)
(Dr. Valentine von Gewissensbissen ueberwaeltigt:) O bleiben
Sie--bleiben Sie! (Sie bleiben stehen und wenden sich Arm in Arm um.)
Ich komme mir wirklich wie ein vollkommener Toelpel vor.
(Dolly.) Daran ist Ihr Gewissen schuld, nicht wir.
(Dr. Valentine energisch, laesst allen Anspruch auf berufsmaessige
Manieren beiseite:) Mein Gewissen?... Mein Gewissen hat mich zugrunde
gerichtet.--Hoeren Sie mich an!... Ich habe mich schon zweimal in
verschiedenen Teilen Englands als achtbarer praktischer Arzt
niedergelassen. Beide Male bin ich gewissenhaft gewesen und habe
meinen Patienten statt dessen, was sie hoeren wollten, immer die nackte
Wahrheit gesagt. Die Folge davon war mein Ruin.--Nun habe ich mich
hier als Zahnarzt niedergelassen--als Fuenf-Schilling-Zahnarzt, und
habe ein fuer allemal mit dem Gewissen abgeschlossen; dies hier ist
meine letzte Hoffnung. Ich habe mein letztes Goldstueck fuer den Umzug
ausgegeben und habe noch keinen Schilling Miete bezahlt. Ich esse und
trinke auf Kredit, mein Hausherr ist reich wie ein Jude und hart wie
Stahl. In sechs Wochen habe ich fuenf Schillinge verdient. Wenn ich
um Haaresbreite vom geraden Wege der strengsten Achtbarkeit abweiche,
so bin ich verloren.--Ist es unter solchen Umstaenden recht und billig,
mich zum Fruehstueck einzuladen, wenn Sie ihren eigenen Vater nicht
kennen?
(Dolly.) Na, schliesslich ist unser Grossvater Stiftsherr der
Lincoln-Kathedrale.--
(Dr. Valentine wie ein Schiffbruechiger, der ein Segel am Horizont
sieht:) Was? Sie haben einen Grossvater?
(Dolly.) Nur einen.
(Dr. Valentine.) Meine lieben guten jungen Freunde, um des Himmels
willen, ja warum habt ihr mir das denn nicht gleich gesagt?... Ein
Stiftsherr der Lincoln-Kathedrale! Das bringt natuerlich alles in
Ordnung!--Entschuldigen Sie mich einen Augenblick; ich will nur meinen
Rock wechseln. (Er ist mit einem Satz an der Tuere und verschwindet.
Dolly und Philip starren ihm erst nach, dann starren sie einander an.
Da sie ohne Publikum sind, sinken sie sofort in sich zusammen und
werden Alltagsmenschen.)
(Philip stoesst Dollys Arm fort und gebt uebellaunig zum Operationsstuhl:
) Dieser elende bankerotte Zahnschlosser tut so, als ob es fuer uns
eine Ehre waere, ihm ein Fruehstueck zu bezahlen! Wahrscheinlich seit
Monaten sein erstes anstaendiges Essen! (Er gibt dem Stuhl einen Stoss,
als ob der Dr. Valentine waere.)
(Dolly.) Das ist doch zu stark! Ich kann das nicht laenger ertragen,
Phil! Hier in England fragt einen jeder Mensch sofort, ob man einen
Vater hat oder nicht.
(Philip.) Ich will es auch nicht laenger ertragen. Mama muss uns sagen,
wer er war!
(Dolly.) Oder wer er ist! Vielleicht lebt er noch.
(Philip.) Das will ich nicht hoffen. Kein lebender Mensch soll sich
mir als Vater aufspielen!
(Dolly.) Vielleicht hat er aber eine Menge Geld?!
(Philip.) Das bezweifle ich. Meine Menschenkenntnis sagt mir, dass er
seine liebe volle Familie nicht so leicht los geworden waere, wenn er
eine Menge Geld besessen haette... Immerhin, trachten wir, die Dinge
im guenstigsten Licht zu sehn. Verlass dich darauf, er ist tot! (Er
geht an den Kamin, bleibt mit dem Ruecken gegen das Feuer stehen und
streckt sich. Das Stubenmaedchen erscheint. Die Zwillinge strahlen
gleich wieder in ihrem frueheren Glanz, als sie sich beobachtet wissen.)
(Das Stuebenmadchen.) Zwei Damen fragen nach Ihnen, gnaediges Fraeulein.
Ich glaube, die Frau Mutter und das Fraeulein Schwester.
(Frau Clandon und Gloria treten ein. Frau Clandon ist eine Dame
zwischen vierzig und fuenfzig, mit einer leichten Neigung zu sanftem,
sesshaftem Fett und einem ansehnlichen Rest von Schoenheit--letzterem
nicht um so weniger darum, als sie offenbar der alten Frauensitte
gefolgt ist, d.h. nach der ehelichen Verbindung keine Ansprueche in
dieser Beziehung mehr erhoben hat. Man koennte sie fast verdaechtigen,
zu Hause eine Haube zu tragen. Sie traegt sich mit Kunst und gut, wie
es Frauen als ein Teil guter Manieren von Tanz- und Anstandslehrern
gelehrt wurde, bevor diese durch den modernen kuenstlerischen Kultus
von Schoenheit und Gesundheit verdraengt wurden. Ihr flachsblondes, von
Silberfaeden durchzogenes Haar ist gewellt, in der Mitte gescheitelt,
geflochten und hinten zu einem Knoten gewunden. Gute Beobachter eines
gewissen Alters koennen daraus schliessen, dass Frau Clandon in ihrer
Maedchenzeit genuegend Individualitaet und guten Geschmack besessen hat,
um sich der seither vergessenen Mode des Chignons energisch zu
widersetzen. In Kuerze: sie ist in Kleidern und Manieren fuer ihr Alter
auffallend unmodern, aber sie gehoert in das Vordertreffen ihrer
eigenen Zeit (etwa 1860-80), in einer eifersuechtig betonenden Haltung
des Charakters und Verstandes und darin, dass sie eher eine Frau mit
kultivierten Interessen als mit leidenschaftlich entwickelten
persoenlichen Neigungen ist. Ihre Stimme und die Art, sich zu geben,
sind durchaus freundlich und menschlich. Sie gibt sich gewissenhaft
den gelegentlichen Liebkosungen hin, durch die ihre Kinder ihr ihre
Achtung bezeugen, jedoch machen Kundgebungen persoenlichen Gefuehls sie
heimlich verlegen. In ihr lebt mehr menschenfreundliches als
menschliches Gefuehl; sie begt starke Gefuehle, was soziale Fragen und
Grundsaetze, nicht aber was Menschen betrifft; nur kann man beobachten,
dass diese ihre Verstaendigkeit und ausserordentliche Zurueckhaltung im
Persoenlichen, die ihre Beziehungen zu Gloria und Phil nicht anders
erscheinen lassen, als es die zwischen ihr und den Kindern irgendeiner
anderen Frau sein koennten, in Dollys Fall nicht standhaelt;--obgleich
fast jedes Wort, das sie an diese richtet, notwendig ein Protest gegen
irgendeinen Bruch des Dekorums ist, so ist doch die Zaertlichkeit in
ihrer Stimme hier unverkennbar, und es ist nicht ueberraschend, dass
eine jahrelang so geartete Kundgebung Dolly rettungslos verzogen hat.)
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