Deutschland. Ein Wintermaerchen by Heinrich Heine
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"Deutschland. Ein Wintermaerchen" (Germany. A winter tale) by Heinrich
Heine [in German]
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Heinrich Heine
Deutschland. Ein Wintermaerchen
VORWORT
Das nachstehende Gedicht schrieb ich im diesjaehrigen Monat Januar
zu Paris, und die freie Luft des Ortes wehete in manche Strophe weit
schaerfer hinein, als mir eigentlich lieb war. Ich unterliess nicht,
schon gleich zu mildern und auszuscheiden, was mit dem deutschen Klima
unvertraeglich schien. Nichtsdestoweniger, als ich das Manuskript im
Monat Maerz an meinen Verleger nach Hamburg schickte, wurden mir noch
mannigfache Bedenklichkeiten in Erwaegung gestellt. Ich musste mich
dem fatalen Geschaefte des Umarbeitens nochmals unterziehen, und
da mag es wohl geschehen sein, dass die ernsten Toene mehr als
noetig abgedaempft oder von den Schellen des Humors gar zu heiter
ueberklingelt wurden. Einigen nackten Gedanken habe ich im hastigen
Unmut ihre Feigenblaetter wieder abgerissen, und zimperlich sproede
Ohren habe ich vielleicht verletzt. Es ist mir leid, aber ich troeste
mich mit dem Bewusstsein, dass groessere Autoren sich aehnliche
Vergehen zuschulden kommen liessen. Des Aristophanes will ich zu
solcher Beschoenigung gar nicht erwaehnen, denn der war ein blinder
Heide, und sein Publikum zu Athen hatte zwar eine klassische Erziehung
genossen, wusste aber wenig von Sittlichkeit. Auf Cervantes und
Moliere koennte ich mich schon viel besser berufen; und ersterer
schrieb fuer den hohen Adel beider Kastilien, letzterer fuer den
grossen Koenig und den grossen Hof von Versailles! Ach, ich vergesse,
dass wir in einer sehr buergerlichen Zeit leben, und ich sehe leider
voraus, dass viele Toechter gebildeter Staende an der Spree, wo nicht
gar an der Alster, ueber mein armes Gedicht die mehr oder minder
gebogenen Naeschen ruempfen werden! Was ich aber mit noch groesserem
Leidwesen voraussehe, das ist das Zetern jener Pharisaeer der
Nationalitaet, die jetzt mit den Antipathien der Regierungen Hand in
Hand gehen, auch die volle Liebe und Hochachtung der Zensur geniessen
und in der Tagespresse den Ton angeben koennen, wo es gilt, jene
Gegner zu befehden, die auch zugleich die Gegner ihrer allerhoechsten
Herrschaften sind. Wir sind im Herzen gewappnet gegen das Missfallen
dieser heldenmuetigen Lakaien in schwarzrotgoldner Livree. Ich hoere
schon ihre Bierstimmen: "Du laesterst sogar unsere Farben, Veraechter
des Vaterlands, Freund der Franzosen, denen du den freien Rhein
abtreten willst!" Beruhigt euch. Ich werde eure Farben achten und
ehren, wenn sie es verdienen, wenn sie nicht mehr eine muessige oder
knechtische Spielerei sind. Pflanzt die schwarzrotgoldne Fahne auf
die Hoehe des deutschen Gedankens, macht sie zur Standarte des freien
Menschtums, und ich will mein bestes Herzblut fuer sie hingeben.
Beruhigt euch, ich liebe das Vaterland ebensosehr wie ihr. Wegen
dieser Liebe habe ich dreizehn Lebensjahre im Exile verlebt, und
wegen ebendieser Liebe kehre ich wieder zurueck ins Exil, vielleicht
fuer immer, jedenfalls ohne zu flennen oder eine schiefmaeulige
Duldergrimasse zu schneiden. Ich bin der Freund der Franzosen, wie
ich der Freund aller Menschen bin, wenn sie vernuenftig und gut sind,
und weil ich selber nicht so dumm oder so schlecht bin, als dass ich
wuenschen sollte, dass meine Deutschen und die Franzosen, die beiden
auserwaehlten Voelker der Humanitaet, sich die Haelse braechen zum
Besten von England und Russland und zur Schadenfreude aller Junker und
Pfaffen dieses Erdballs. Seid ruhig, ich werde den Rhein nimmermehr
den Franzosen abtreten, schon aus dem ganz einfachen Grunde: weil
mir der Rhein gehoert. Ja, mir gehoert er, durch unveraeusserliches
Geburtsrecht, ich bin des freien Rheins noch weit freierer Sohn, an
seinem Ufer stand meine Wiege, und ich sehe gar nicht ein, warum der
Rhein irgendeinem andern gehoeren soll als den Landeskindern. Elsass
und Lothringen kann ich freilich dem deutschen Reiche nicht so leicht
einverleiben, wie ihr es tut, denn die Leute in jenen Landen haengen
fest an Frankreich wegen der Rechte, die sie durch die franzoesische
Staatsumwaelzung gewonnen, wegen jener Gleichheitsgesetze und freien
Institutionen, die dem buergerlichen Gemuete sehr angenehm sind, aber
dem Magen der grossen Menge dennoch vieles zu wuenschen uebriglassen.
Indessen, die Elsasser und Lothringer werden sich wieder an
Deutschland anschliessen, wenn wir das vollenden, was die Franzosen
begonnen haben, wenn wir diese ueberfluegeln in der Tat, wie wir es
schon getan im Gedanken, wenn wir uns bis zu den letzten Folgerungen
desselben emporschwingen, wenn wir die Dienstbarkeit bis in ihrem
letzten Schlupfwinkel, dem Himmel, zerstoeren, wenn wir den Gott, der
auf Erden im Menschen wohnt, aus seiner Erniedrigung retten, wenn wir
die Erloeser Gottes werden, wenn wir das arme, glueckenterbte Volk und
den verhoehnten Genius und die geschaendete Schoenheit wieder in ihre
Wuerde einsetzen, wie unsere grossen Meister gesagt und gesungen und
wie wir es wollen, wir, die Juenger - ja, nicht bloss Elsass und
Lothringen, sondern ganz Frankreich wird uns alsdann zufallen, ganz
Europa, die ganze Welt - die ganze Welt wird deutsch werden! Von
dieser Sendung und Universalherrschaft Deutschlands traeume ich oft,
wenn ich unter Eichen wandle. Das ist _mein_ Patriotismus.
Ich werde in einem naechsten Buche auf dieses Thema zurueckkommen,
mit letzter Entschlossenheit, mit strenger Ruecksichtslosigkeit,
jedenfalls mit Loyalitaet. Den entschiedensten Widerspruch werde ich
zu achten wissen, wenn er aus einer Ueberzeugung hervorgeht. Selbst
der rohesten Feindseligkeit will ich alsdann geduldig verzeihen; ich
will sogar der Dummheit Rede stehen, wenn sie nur ehrlich gemeint
ist. Meine ganze schweigende Verachtung widme ich hingegen dem
gesinnungslosen Wichte, der aus leidiger Scheelsucht oder unsauberer
Privatgiftigkeit meinen guten Leumund in der oeffentlichen Meinung
herabzuwuerdigen sucht und dabei die Maske des Patriotismus, wo nicht
gar die der Religion und der Moral, benutzt. Der anarchische Zustand
der deutschen politischen und literarischen Zeitungsblaetterwelt ward
in solcher Beziehung zuweilen mit einem Talente ausgebeutet, das ich
schier bewundern musste. Wahrhaftig, Schufterle ist nicht tot, er lebt
noch immer und steht seit Jahren an der Spitze einer wohlorganisierten
Bande von literarischen Strauchdieben, die in den boehmischen Waeldern
unserer Tagespresse ihr Wesen treiben, hinter jedem Busch, hinter
jedem Blatt versteckt liegen und dem leisesten Pfiff ihres wuerdigen
Hauptmanns gehorchen.
Noch ein Wort. Das "Wintermaerchen" bildet den Schluss der "Neuen
Gedichte", die in diesem Augenblick bei Hoffmann und Campe erscheinen.
Um den Einzeldruck veranstalten zu koennen, musste mein Verleger
das Gedicht den ueberwachenden Behoerden zu besonderer Sorgfalt
ueberliefern, und neue Varianten und Ausmerzungen sind das Ergebnis
dieser hoeheren Kritik.
Hamburg, den 17. September 1844 Heinrich Heine
CAPUT I
Im traurigen Monat November war's,
Die Tage wurden trueber,
Der Wind riss von den Baeumen das Laub,
Da reist ich nach Deutschland hinueber.
Und als ich an die Grenze kam,
Da fuehlt ich ein staerkeres Klopfen
In meiner Brust, ich glaube sogar
Die Augen begunnen zu tropfen.
Und als ich die deutsche Sprache vernahm,
Da ward mir seltsam zumute;
Ich meinte nicht anders, als ob das Herz
Recht angenehm verblute.
Ein kleines Harfenmaedchen sang.
Sie sang mit wahrem Gefuehle
Und falscher Stimme, doch ward ich sehr
Geruehret von ihrem Spiele.
Sie sang von Liebe und Liebesgram,
Aufopfrung und Wiederfinden
Dort oben, in jener besseren Welt,
Wo alle Leiden schwinden.
Sie sang vom irdischen Jammertal,
Von Freuden, die bald zerronnen,
Vom Jenseits, wo die Seele schwelgt
Verklaert in ew'gen Wonnen.
Sie sang das alte Entsagungslied,
Das Eiapopeia vom Himmel,
Womit man einlullt, wenn es greint,
Das Volk, den grossen Luemmel.
Ich kenne die Weise, ich kenne den Text,
Ich kenn auch die Herren Verfasser;
Ich weiss, sie tranken heimlich Wein
Und predigten oeffentlich Wasser.
Ein neues Lied, ein besseres Lied,
O Freunde, will ich euch dichten!
Wir wollen hier auf Erden schon
Das Himmelreich errichten.
Wir wollen auf Erden gluecklich sein,
Und wollen nicht mehr darben;
Verschlemmen soll nicht der faule Bauch,
Was fleissige Haende erwarben.
Es waechst hienieden Brot genug
Fuer alle Menschenkinder,
Auch Rosen und Myrten, Schoenheit und Lust,
Und Zuckererbsen nicht minder.
Ja, Zuckererbsen fuer jedermann,
Sobald die Schoten platzen!
Den Himmel ueberlassen wir
Den Engeln und den Spatzen.
Und wachsen uns Fluegel nach dem Tod,
So wollen wir euch besuchen
Dort oben, und wir, wir essen mit euch
Die seligsten Torten und Kuchen.
Ein neues Lied, ein besseres Lied!
Es klingt wie Floeten und Geigen!
Das Miserere ist vorbei,
Die Sterbeglocken schweigen.
Die Jungfer Europa ist verlobt
Mit dem schoenen Geniusse
Der Freiheit, sie liegen einander im Arm,
Sie schwelgen im ersten Kusse.
Und fehlt der Pfaffensegen dabei,
Die Ehe wird gueltig nicht minder -
Es lebe Braeutigam und Braut,
Und ihre zukuenftigen Kinder!
Ein Hochzeitkarmen ist mein Lied,
Das bessere, das neue!
In meiner Seele gehen auf
Die Sterne der hoechsten Weihe -
Begeisterte Sterne, sie lodern wild,
Zerfliessen in Flammenbaechen -
Ich fuehle mich wunderbar erstarkt,
Ich koennte Eichen zerbrechen!
Seit ich auf deutsche Erde trat,
Durchstroemen mich Zaubersaefte -
Der Riese hat wieder die Mutter beruehrt,
Und es wuchsen ihm neu die Kraefte.
CAPUT II
Waehrend die Kleine von Himmelslust
Getrillert und musizieret,
Ward von den preussischen Douaniers
Mein Koffer visitieret.
Beschnueffelten alles, kramten herum
In Hemden, Hosen, Schnupftuechern;
Sie suchten nach Spitzen, nach Bijouterien,
Auch nach verbotenen Buechern.
Ihr Toren, die ihr im Koffer sucht!
Hier werdet ihr nichts entdecken!
Die Konterbande, die mit mir reist,
Die hab ich im Kopfe stecken.
Hier hab ich Spitzen, die feiner sind
Als die von Bruessel und Mecheln,
Und pack ich einst meine Spitzen aus,
Sie werden euch sticheln und hecheln.
Im Kopfe trage ich Bijouterien,
Der Zukunft Krondiamanten,
Die Tempelkleinodien des neuen Gotts,
Des grossen Unbekannten.
Und viele Buecher trag ich im Kopf!
Ich darf es euch versichern,
Mein Kopf ist ein zwitscherndes Vogelnest
Von konfiszierlichen Buechern.
Glaubt mir, in Satans Bibliothek
Kann es nicht schlimmere geben;
Sie sind gefaehrlicher noch als die
Von Hoffmann von Fallersleben! -
Ein Passagier, der neben mir stand,
Bemerkte, ich haette
Jetzt vor mir den preussischen Zollverein,
Die grosse Douanenkette.
"Der Zollverein" - bemerkte er -
"Wird unser Volkstum begruenden,
Er wird das zersplitterte Vaterland
Zu einem Ganzen verbinden.
Er gibt die aeussere Einheit uns,
Die sogenannt materielle;
Die geistige Einheit gibt uns die Zensur,
Die wahrhaft ideelle -
Sie gibt die innere Einheit uns,
Die Einheit im Denken und Sinnen;
Ein einiges Deutschland tut uns not,
Einig nach aussen und innen."
CAPUT III
Zu Aachen, im alten Dome, liegt
Carolus Magnus begraben.
(Man muss ihn nicht verwechseln mit Karl
Mayer, der lebt in Schwaben.)
Ich moechte nicht tot und begraben sein
Als Kaiser zu Aachen im Dome;
Weit lieber lebt' ich als kleinster Poet
Zu Stukkert am Neckarstrome.
Zu Aachen langweilen sich auf der Strass'
Die Hunde, sie flehn untertaenig:
"Gib uns einen Fusstritt, o Fremdling, das wird
Vielleicht uns zerstreuen ein wenig."
Ich bin in diesem langweil'gen Nest
Ein Stuendchen herumgeschlendert.
Sah wieder preussisches Militaer,
Hat sich nicht sehr veraendert.
Es sind die grauen Maentel noch
Mit dem hohen, roten Kragen -
(Das Rot bedeutet Franzosenblut,
Sang Koerner in frueheren Tagen.)
Noch immer das hoelzern pedantische Volk,
Noch immer ein rechter Winkel
In jeder Bewegung, und im Gesicht
Der eingefrorene Duenkel.
Sie stelzen noch immer so steif herum,
So kerzengerade geschniegelt,
Als haetten sie verschluckt den Stock,
Womit man sie einst gepruegelt.
Ja, ganz verschwand die Fuchtel nie,
Sie tragen sie jetzt im Innern;
Das trauliche Du wird immer noch
An das alte Er erinnern.
Der lange Schnurrbart ist eigentlich nur
Des Zopftums neuere Phase:
Der Zopf, der ehmals hinten hing,
Der haengt jetzt unter der Nase.
Nicht uebel gefiel mir das neue Kostuem
Der Reuter, das muss ich loben,
Besonders die Pickelhaube, den Helm
Mit der staehlernen Spitze nach oben.
Das ist so rittertuemlich und mahnt
An der Vorzeit holde Romantik,
An die Burgfrau Johanna von Montfaucon,
An den Freiherrn Fouque, Uhland, Tieck.
Das mahnt an das Mittelalter so schoen,
An Edelknechte und Knappen,
Die in dem Herzen getragen die Treu
Und auf dem Hintern ein Wappen.
Das mahnt an Kreuzzug und Turnei,
An Minne und frommes Dienen,
An die ungedruckte Glaubenszeit,
Wo noch keine Zeitung erschienen.
Ja, ja, der Helm gefaellt mir, er zeugt
Vom allerhoechsten Witze!
Ein koeniglicher Einfall war's!
Es fehlt nicht die Pointe, die Spitze!
Nur fuercht ich, wenn ein Gewitter entsteht,
Zieht leicht so eine Spitze
Herab auf euer romantisches Haupt
Des Himmels modernste Blitze! - -
Zu Aachen, auf dem Posthausschild,
Sah ich den Vogel wieder,
Der mir so tief verhasst! Voll Gift
Schaute er auf mich nieder.
Du haesslicher Vogel, wirst du einst
Mir in die Haende fallen;
So rupfe ich dir die Federn aus
Und hacke dir ab die Krallen.
Du sollst mir dann, in luft'ger Hoeh',
Auf einer Stange sitzen,
Und ich rufe zum lustigen Schiessen herbei
Die rheinischen Vogelschuetzen.
Wer mir den Vogel herunterschiesst,
Mit Zepter und Krone belehn ich
Den wackern Mann! Wir blasen Tusch
Und rufen: "Es lebe der Koenig!"
CAPUT IV
Zu Koellen kam ich spaetabends an,
Da hoerte ich rauschen den Rheinfluss,
Da faechelte mich schon deutsche Luft,
Da fuehlt ich ihren Einfluss -
Auf meinen Appetit. Ich ass
Dort Eierkuchen mit Schinken,
Und da er sehr gesalzen war,
Musst ich auch Rheinwein trinken.
Der Rheinwein glaenzt noch immer wie Gold
Im gruenen Roemerglase,
Und trinkst du etwelche Schoppen zuviel,
So steigt er dir in die Nase.
In die Nase steigt ein Prickeln so suess,
Man kann sich vor Wonne nicht lassen!
Es trieb mich hinaus in die daemmernde Nacht,
In die widerhallenden Gassen.
Die steinernen Haeuser schauten mich an,
Als wollten sie mir berichten
Legenden aus altverschollener Zeit,
Der heil'gen Stadt Koellen Geschichten.
Ja, hier hat einst die Klerisei
Ihr frommes Wesen getrieben,
Hier haben die Dunkelmaenner geherrscht,
Die Ulrich von Hutten beschrieben.
Der Cancan des Mittelalters ward hier
Getanzt von Nonnen und Moenchen;
Hier schrieb Hochstraaten, der Menzel von Koeln,
Die gift'gen Denunziatioenchen.
Die Flamme des Scheiterhaufens hat hier
Buecher und Menschen verschlungen;
Die Glocken wurden gelaeutet dabei
Und Kyrie eleison gesungen.
Dummheit und Bosheit buhlten hier
Gleich Hunden auf freier Gasse;
Die Enkelbrut erkennt man noch heut
An ihrem Glaubenshasse. -
Doch siehe! dort im Mondenschein
Den kolossalen Gesellen!
Er ragt verteufelt schwarz empor,
Das ist der Dom von Koellen.
Er sollte des Geistes Bastille sein,
Und die listigen Roemlinge dachten:
In diesem Riesenkerker wird
Die deutsche Vernunft verschmachten!
Da kam der Luther, und er hat
Sein grosses "Halt!" gesprochen -
Seit jenem Tage blieb der Bau
Des Domes unterbrochen.
Er ward nicht vollendet - und das ist gut.
Denn eben die Nichtvollendung
Macht ihn zum Denkmal von Deutschlands Kraft
Und protestantischer Sendung.
Ihr armen Schelme vom Domverein,
Ihr wollt mit schwachen Haenden
Fortsetzen das unterbrochene Werk,
Und die alte Zwingburg vollenden!
O toerichter Wahn! Vergebens wird
Geschuettelt der Klingelbeutel,
Gebettelt bei Ketzern und Juden sogar;
Ist alles fruchtlos und eitel.
Vergebens wird der grosse Franz Liszt
Zum Besten des Doms musizieren,
Und ein talentvoller Koenig wird
Vergebens deklamieren!
Er wird nicht vollendet, der Koelner Dom,
Obgleich die Narren in Schwaben
Zu seinem Fortbau ein ganzes Schiff
Voll Steine gesendet haben.
Er wird nicht vollendet, trotz allem Geschrei
Der Raben und der Eulen,
Die, altertuemlich gesinnt, so gern
In hohen Kirchtuermen weilen.
Ja, kommen wird die Zeit sogar,
Wo man, statt ihn zu vollenden,
Die inneren Raeume zu einem Stall
Fuer Pferde wird verwenden.
"Und wird der Dom ein Pferdestall,
Was sollen wir dann beginnen
Mit den Heil'gen Drei Koen'gen, die da ruhn
Im Tabernakel da drinnen?"
So hoere ich fragen. Doch brauchen wir uns
In unserer Zeit zu genieren?
Die Heil'gen Drei Koen'ge aus Morgenland,
Sie koennen woanders logieren.
Folgt meinem Rat und steckt sie hinein
In jene drei Koerbe von Eisen,
Die hoch zu Muenster haengen am Turm,
Der Sankt Lamberti geheissen.
Der Schneiderkoenig sass darin
Mit seinen beiden Raeten,
Wir aber benutzen die Koerbe jetzt
Fuer andre Majestaeten.
Zur Rechten soll Herr Balthasar,
Zur Linken Herr Melchior schweben,
In der Mitte Herr Gaspar - Gott weiss, wie einst
Die drei gehaust im Leben!
Die Heil'ge Allianz des Morgenlands,
Die jetzt kanonisieret,
Sie hat vielleicht nicht immer schoen
Und fromm sich aufgefuehret.
Der Balthasar und der Melchior,
Das waren vielleicht zwei Gaeuche,
Die in der Not eine Konstitution
Versprochen ihrem Reiche,
Und spaeter nicht Wort gehalten - Es hat
Herr Gaspar, der Koenig der Mohren,
Vielleicht mit schwarzem Undank sogar
Belohnt sein Volk, die Toren!
CAPUT V
Und als ich an die Rheinbrueck' kam,
Wohl an die Hafenschanze,
Da sah ich fliessen den Vater Rhein
Im stillen Mondenglanze.
"Sei mir gegruesst, mein Vater Rhein,
Wie ist es dir ergangen?
Ich habe oft an dich gedacht
Mit Sehnsucht und Verlangen."
So sprach ich, da hoert ich im Wasser tief
Gar seltsam graemliche Toene,
Wie Huesteln eines alten Manns,
Ein Bruemmeln und weiches Gestoehne:
"Willkommen, mein Junge, das ist mir lieb,
Dass du mich nicht vergessen;
Seit dreizehn Jahren sah ich dich nicht,
Mir ging es schlecht unterdessen.
Zu Biberich hab ich Steine verschluckt,
Wahrhaftig, sie schmeckten nicht lecker!
Doch schwerer liegen im Magen mir
Die Verse von Niklas Becker.
Er hat mich besungen, als ob ich noch
Die reinste Jungfer waere,
Die sich von niemand rauben laesst
Das Kraenzlein ihrer Ehre.
Wenn ich es hoere, das dumme Lied,
Dann moecht ich mir zerraufen
Den weissen Bart, ich moechte fuerwahr
Mich in mir selbst ersaufen!
Dass ich keine reine Jungfer bin,
Die Franzosen wissen es besser,
Sie haben mit meinem Wasser so oft
Vermischt ihr Siegergewaesser.
Das dumme Lied und der dumme Kerl!
Er hat mich schmaehlich blamieret,
Gewissermassen hat er mich auch
Politisch kompromittieret.
Denn kehren jetzt die Franzosen zurueck,
So muss ich vor ihnen erroeten,
Ich, der um ihre Rueckkehr so oft
Mit Traenen zum Himmel gebeten.
Ich habe sie immer so liebgehabt,
Die lieben kleinen Franzoeschen -
Singen und springen sie noch wie sonst?
Tragen noch weisse Hoeschen?
Ich moechte sie gerne wiedersehn,
Doch fuercht ich die Persiflage,
Von wegen des verwuenschten Lieds,
Von wegen der Blamage.
Der Alfred de Musset, der Gassenbub',
Der kommt an ihrer Spitze
Vielleicht als Tambour, und trommelt mir vor
All seine schlechten Witze."
So klagte der arme Vater Rhein,
Konnt sich nicht zufriedengeben.
Ich sprach zu ihm manch troestendes Wort,
Um ihm das Herz zu heben:
"O fuerchte nicht, mein Vater Rhein,
Den spoettelnden Scherz der Franzosen;
Sie sind die alten Franzosen nicht mehr,
Auch tragen sie andere Hosen.
Die Hosen sind rot und nicht mehr weiss,
Sie haben auch andere Knoepfe,
Sie singen nicht mehr, sie springen nicht mehr,
Sie senken nachdenklich die Koepfe.
Sie philosophieren und sprechen jetzt
Von Kant, von Fichte und Hegel,
Sie rauchen Tabak, sie trinken Bier,
Und manche schieben auch Kegel.
Sie werden Philister ganz wie wir,
Und treiben es endlich noch aerger;
Sie sind keine Voltairianer mehr;
Sie werden Hengstenberger.
Der Alfred de Musset, das ist wahr,
Ist noch ein Gassenjunge;
Doch fuerchte nichts, wir fesseln ihm
Die schaendliche Spoetterzunge.
Und trommelt er dir einen schlechten Witz,
So pfeifen wir ihm einen schlimmern,
Wir pfeifen ihm vor, was ihm passiert
Bei schoenen Frauenzimmern.
Gib dich zufrieden, Vater Rhein,
Denk nicht an schlechte Lieder,
Ein besseres Lied vernimmst du bald -
Leb wohl, wir sehen uns wieder."
CAPUT VI
Den Paganini begleitete stets
Ein Spiritus familiaris,
Manchmal als Hund, manchmal in Gestalt
Des seligen Georg Harrys.
Napoleon sah einen roten Mann
Vor jedem wicht'gen Ereignis.
Sokrates hatte seinen Daemon,
Das war kein Hirnerzeugnis.
Ich selbst, wenn ich am Schreibtisch sass
Des Nachts, hab ich gesehen
Zuweilen einen vermummten Gast
Unheimlich hinter mir stehen.
Unter dem Mantel hielt er etwas
Verborgen, das seltsam blinkte,
Wenn es zum Vorschein kam, und ein Beil,
Ein Richtbeil, zu sein mir duenkte.
Er schien von untersetzter Statur,
Die Augen wie zwei Sterne;
Er stoerte mich im Schreiben nie,
Blieb ruhig stehn in der Ferne.
Seit Jahren hatte ich nicht gesehn
Den sonderbaren Gesellen,
Da fand ich ihn ploetzlich wieder hier
In der stillen Mondnacht zu Koellen.
Ich schlenderte sinnend die Strassen entlang,
Da sah ich ihn hinter mir gehen,
Als ob er mein Schatten waere, und stand
Ich still, so blieb er stehen.
Blieb stehen, als wartete er auf was,
Und foerderte ich die Schritte,
Dann folgte er wieder. So kamen wir
Bis auf des Domplatz' Mitte.
Es ward mir unleidlich, ich drehte mich um
Und sprach: "Jetzt steh mir Rede,
Was folgst du mir auf Weg und Steg
Hier in der naechtlichen Oede?
Ich treffe dich immer in der Stund',
Wo Weltgefuehle spriessen
In meiner Brust und durch das Hirn
Die Geistesblitze schiessen.
Du siehst mich an so stier und fest -
Steh Rede: Was verhuellst du
Hier unter dem Mantel, das heimlich blinkt?
Wer bist du und was willst du?"
Doch jener erwiderte trockenen Tons,
Sogar ein bisschen phlegmatisch:
"Ich bitte dich, exorziere mich nicht,
Und werde nur nicht emphatisch!
Ich bin kein Gespenst der Vergangenheit,
Kein grabentstiegener Strohwisch,
Und von Rhetorik bin ich kein Freund,
Bin auch nicht sehr philosophisch.
Ich bin von praktischer Natur,
Und immer schweigsam und ruhig.
Doch wisse: was du ersonnen im Geist,
Das fuehr ich aus, das tu ich.
Und gehn auch Jahre drueber hin,
Ich raste nicht, bis ich verwandle
In Wirklichkeit, was du gedacht;
Du denkst, und ich, ich handle.
Du bist der Richter, der Buettel bin ich,
Und mit dem Gehorsam des Knechtes
Vollstreck' ich das Urteil, das du gefaellt,
Und sei es ein ungerechtes.
Dem Konsul trug man ein Beil voran
Zu Rom, in alten Tagen.
Auch du hast deinen Liktor, doch wird
Das Beil dir nachgetragen.
Ich bin dein Liktor, und ich geh
Bestaendig mit dem blanken
Richtbeile hinter dir - ich bin
Die Tat von deinem Gedanken."
CAPUT VII
Ich ging nach Haus und schlief, als ob
Die Engel gewiegt mich haetten.
Man ruht in deutschen Betten so weich,
Denn das sind Federbetten.
Wie sehnt ich mich oft nach der Suessigkeit
Des vaterlaendischen Pfuehles,
Wenn ich auf harten Matratzen lag,
In der schlaflosen Nacht des Exiles!
Man schlaeft sehr gut und traeumt auch gut
In unseren Federbetten.
Hier fuehlt die deutsche Seele sich frei
Von allen Erdenketten.
Sie fuehlt sich frei und schwingt sich empor
Zu den hoechsten Himmelsraeumen.
O deutsche Seele, wie stolz ist dein Flug
In deinen naechtlichen Traeumen!
Die Goetter erbleichen, wenn du nahst!
Du hast auf deinen Wegen
Gar manches Sternlein ausgeputzt
Mit deinen Fluegelschlaegen!
Franzosen und Russen gehoert das Land,
Das Meer gehoert den Briten,
Wir aber besitzen im Luftreich des Traums
Die Herrschaft unbestritten.
Hier ueben wir die Hegemonie,
Hier sind wir unzerstueckelt;
Die andern Voelker haben sich
Auf platter Erde entwickelt. - -
Und als ich einschlief, da traeumte mir,
Ich schlenderte wieder im hellen
Mondschein die hallenden Strassen entlang,
In dem altertuemlichen Koellen.
Und hinter mir ging wieder einher
Mein schwarzer, vermummter Begleiter.
Ich war so muede, mir brachen die Knie,
Doch immer gingen sie weiter.
Wir gingen weiter. Mein Herz in der Brust
War klaffend aufgeschnitten,
Und aus der Herzenswunde hervor
Die roten Tropfen glitten.
Ich tauchte manchmal die Finger hinein,
Und manchmal ist es geschehen,
Dass ich die Haustuerpfosten bestrich
Mit dem Blut im Voruebergehen.
Und jedesmal, wenn ich ein Haus
Bezeichnet in solcher Weise,
Ein Sterbegloeckchen erscholl fernher,
Wehmuetig wimmernd und leise.
Am Himmel aber erblich der Mond,
Er wurde immer trueber;
Gleich schwarzen Rossen jagten an ihm
Die wilden Wolken vorueber.
Und immer ging hinter mir einher
Mit seinem verborgenen Beile
Die dunkle Gestalt - so wanderten wir
Wohl eine gute Weile.
Wir gehen und gehen, bis wir zuletzt
Wieder zum Domplatz gelangen;
Weit offen standen die Pforten dort,
Wir sind hineingegangen.