Romanzero by Heinrich Heine
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ROMANZERO
Gedichte
(Erstdruck 1851)
Erstes Buch
Historien
Wenn man an dir Verrat geuebt,
Sei du um so treuer;
Und ist deine Seele zu Tode betruebt,
So greife zur Leier.
Die Saiten klingen! Ein Heldenlied,
Voll Flammen und Gluten!
Da schmilzt der Zorn, und dein Gemuet
Wird suess verbluten.
Rhampsenit
Als der Koenig Rhampsenit
Eintrat in die goldne Halle
Seiner Tochter, lachte diese,
Lachten ihre Zofen alle.
Auch die Schwarzen, die Eunuchen,
Stimmten lachend ein, es lachten
Selbst die Mumien, selbst die Sphinxe,
Dass sie schier zu bersten dachten.
Die Prinzessin sprach: Ich glaubte
Schon den Schatzdieb zu erfassen,
Der hat aber einen toten
Arm in meiner Hand gelassen.
Jetzt begreif ich, wie der Schatzdieb
Dringt in deine Schatzhauskammern
Und die Schaetze dir entwendet,
Trotz den Schloessern, Riegeln, Klammern.
Einen Zauberschluessel hat er,
Der erschliesset allerorten
Jede Tuere, widerstehen
Koennen nicht die staerksten Pforten.
Ich bin keine starke Pforte
Und ich hab nicht widerstanden,
Schaetzehuetend diese Nacht
Kam ein Schaetzlein mir abhanden.
So sprach lachend die Prinzessin
Und sie taenzelt im Gemache,
Und die Zofen und Eunuchen
Hoben wieder ihre Lache.
An demselben Tag ganz Memphis
Lachte, selbst die Krokodile
Reckten lachend ihre Haeupter
Aus dem schlammig gelben Nile,
Als sie Trommelschlag vernahmen
Und sie hoerten an dem Ufer
Folgendes Reskript verlesen
Von dem Kanzelei-Ausrufer:
Rhampsenit von Gottes Gnaden
Koenig zu und in Aegypten,
Wir entbieten Gruss und Freundschaft
Unsern Vielgetreun und Liebden.
In der Nacht vom dritten zu dem
Vierten Junius des Jahres
Dreizehnhundertvierundzwanzig
Vor Christi Geburt, da war es,
Dass ein Dieb aus unserm Schatzhaus
Eine Menge von Juwelen
Uns entwendet; es gelang ihm
Uns auch spaeter zu bestehlen.
Zur Ermittelung des Taeters
Liessen schlafen wir die Tochter
Bei den Schaetzen - doch auch jene
Zu bestehlen schlau vermocht er.
Um zu steuern solchem Diebstahl
Und zu gleicher Zeit dem Diebe
Unsre Sympathie zu zeigen,
Unsre Ehrfurcht, unsre Liebe,
Wollen wir ihm zur Gemahlin
Unsre einzge Tochter geben
Und ihn auch als Thronnachfolger
In den Fuerstenstand erheben.
Sintemal uns die Adresse
Unsres Eidams noch zur Stunde
Unbekannt, soll dies Reskript ihm
Bringen Unsrer Gnade Kunde.
So geschehn den dritten Jenner
Dreizehnhundert zwanzig sechs
Vor Christi Geburt. - Signieret
Von Uns: Rhampsenitus Rex.
Rhampsenit hat Wort gehalten,
Nahm den Dieb zum Schwiegersohne,
Und nach seinem Tode erbte
Auch der Dieb Aegyptens Krone.
Er regierte wie die Andern,
Schuetzte Handel und Talente;
Wenig, heisst es, ward gestohlen
Unter seinem Regimente.
Der weisse Elefant
Der Koenig von Siam, Mahawasant,
Beherrscht das halbe Indienland,
Zwoelf Koenge, der grosse Mogul sogar,
Sind seinem Szepter tributar.
Alljaehrlich mit Trommeln,"Posauneo und Falnen
Ziehen nach Siam die Zinskarawanen;
Viel tausend Kamele, hochberuckte,
Schleppen die kostbarsten Landesprodukte.
Sieht er die schwerbepackten Kamele,
So schmunzelt heimlich des Koenigs Seele;
Oeffentlich freilich pflegt er zu jammern,
Es fehle an Raum in seinen Schatzkammern.
Doch diese Schatzkammern sind so weit,
So gross und voller Herrlichkeit;
Hier ueberfluegelt der Wirklichkeit Pracht
Die Maerchen von Tausend und Eine Nacht.
"Die Burg des Indra" heisst die Halle,
Wo aufgestellt die Goetter alle,
Bildsaeulen von Gold, fein ziselieret,
Mit Edelsteinen inkrustieret.
Sind an der Zahl wohl dreissig Tausend,
Figuren abenteuerlich grausend,
Mischlinge von Menschen- und Tiergeschoepfen,
Mit vielen Haenden und vielen Koepfen.
Im "Purpursaale" sieht man verwundert
Korallenbaeume dreizehnhundert,
Wie Palmen gross, seltsamer Gestalt,
Geschnoerkelt die Aeste, ein roter Wald.
Das Estrich ist vom reinsten Kristalle
Und widerspiegelt die Baeume alle.
Fasanen vom buntesten Glanzgefieder
Gehn gravitaetisch dort auf und nieder.
Der Lieblingsaffe des Mahawasant
Traegt an dem Hals ein seidenes Band,
Dran haengt der Schluessel, welcher erschleusst
Die Halle, die man den Schlafsaal heisst.
Die Edelsteine vom hoechsten Wert
Die liegen wie Erbsen hier auf der Erd
Hochaufgeschuettet; man findet dabei
Diamanten so gross wie ein Huehnerei.
Auf grauen, mit Perlen gefuellten Saecken
Pflegt hier der Koenig sich hinzustrecken;
Der Affe legt sich zum Monarchen,
Und beide schlafen ein und schnarchen.
Das Kostbarste aber von allen Schaetzen
Des Koenigs, sein Glueck, sein Seelenergoetzen,
Die Lust und der Stolz von Mahawasant,
Das ist sein weisser Elefant.
Als Wohnung fuer diesen erhabenen Gast
Liess bauen der Koenig den schoensten Palast;
Es wird das Dach, mit Goldblech beschlagen,
Von lotosknaeufigen Saeulen getragen.
Am Tore stehen dreihundert Trabanten
Als Ehrenwache des Elefanten,
Und knieend, mit gekruemmtem Rucken,
Bedienen ihn hundert schwarze Eunucken.
Man bringt auf einer gueldnen Schuessel
Die leckersten Bissen fuer seinen Ruessel;
Er schluerft aus silbernen Eimern den Wein,
Gewuerzt mit den suessesten Spezerein.
Man salbt ihn mit Ambra und Rosenessenzen,
Man schmueckt sein Haupt mit Blumenkraenzen;
Als Fussdecke dienen dem edlen Tier
Die kostbarsten Schals aus Kaschimir.
Das gluecklichste Leben ist ihm beschieden,
Doch Niemand auf Erden ist zufrieden.
Das edle Tier, man weiss nicht wie,
Versinkt in tiefe Melancholie.
Der weisse Melancholikus
Steht traurig mitten im Ueberfluss.
Man will ihn ermuntern, man will ihn erheitern,
Jedoch die kluegsten Versuche scheitern.
Vergebens kommen mit Springen und Singen
Die Bajaderen; vergebens erklingen
Die Zinken und Pauken der Musikanten,
Doch nichts erlustigt den Elefanten.
Da taeglich sich der Zustand verschlimmert,
Wird Mahawasantes Herz bekuemmert;
Er laesst vor seines Thrones Stufen
Den kluegsten Astrologen rufen.
"Sterngucker, ich lass dir das Haupt abschlagen",
Herrscht er ihn an, "kannst du mir nicht sagen,
Was meinem Elefanten fehle,
Warum so verduestert seine Seele?"
Doch jener wirft sich dreimal zur Erde,
Und endlich spricht er mit ernster Gebaerde:
"O Koenig, ich will dir die Wahrheit verkuenden,
Du kannst dann handeln nach Gutbefinden.
"Es lebt im Norden ein schoenes Weib
Von hohem Wuchs und weissem Leib,
Dein Elefant ist herrlich, unleugbar,
Doch ist er nicht mit ihr vergleichbar.
"Mit ihr verglichen, erscheint er nur
Ein weisses Maeuschen. Es mahnt die Statur
An Bimha, die Riesin, im Ramajana,
Und an der Epheser grosse Diana.
"Wie sich die Gliedermassen woelben
Zum schoensten Bau! Es tragen dieselben
Anmutig und stolz zwei hohe Pilaster
Von blendend weissem Alabaster.
"Das ist Gott Amors kolossale
Domkirche, der Liebe Kathedrale;
Als Lampe brennt im Tabernakel
Ein Herz, das ohne Falsch und Makel.
"Die Dichter jagen vergebens nach Bildern,
Um ihre weisse Haut zu schildern;
Selbst Gautier ist dessen nicht kapabel, -
O diese Weisse ist implacable!
"Des Himalaya Gipfelschnee
Erscheint aschgrau in ihrer Naeh;
Die Lilje, die ihre Hand erfasst,
Vergilbt durch Eifersucht oder Kontrast.
"Graefin Bianka ist der Name
Von dieser grossen weissen Dame;
Sie wohnt zu Paris im Frankenland,
Und diese liebt der Elefant.
"Durch wunderbare Wahlverwandtschaft,
Im Traume machte er ihre Bekanntschaft,
Und traeumend in sein Herze stahl
Sich dieses hohe Ideal.
"Sehnsucht verzehrt ihn seit jener Stund,
Und er, der vormals so froh und gesund,
Er ist ein vierfuessiger Werther geworden,
Und traeumt von einer Lotte im Norden.
"Geheimnisvolle Sympathie!
Er sah sie nie und denkt an sie.
Er trampelt oft im Mondschein umher
Und seufzet: wenn ich ein Voeglein waer!
"In Siam ist nur der Leib, die Gedanken
Sind bei Bianka im Lande der Franken;
Doch diese Trennung von Leib und Seele
Schwaecht sehr den Magen, vertrocknet die Kehle.
"Die leckersten Braten widern ihn an,
Er liebt nur Dampfnudeln und Ossian,
Er huestelt schon, er magert ab,
Die Sehnsucht schaufelt sein fruehes Grab.
"Willst du ihn retten, erhalten sein Leben,
Der Saeugetierwelt ihn wiedergeben,
O Koenig, so schicke den hohen Kranken
Direkt nach Paris, der Hauptstadt der Franken.
"Wenn ihn alldort in der Wirklichkeit
Der Anblick der schoenen Frau erfreut,
Die seiner Traeume Urbild gewesen,
Dann wird er von seinem Truebsinn genesen.
"Wo seiner Schoenen Augen strahlen,
Da schwinden seiner Seele Qualen;
Ihr Laecheln verscheucht die letzten Schatten,
Die hier sich eingenistet hatten;
"Und ihre Stimme, wie'n Zauberlied,
Loest sie den Zwiespalt in seinem Gemuet;
Froh hebt er wieder die Lappen der Ohren,
Er fuehlt sich verjuengt, wie neugeboren.
"Es lebt sich so lieblich, es lebt sich so suess
Am Seinestrand, in der Stadt Paris!
Wie wird sich dorten zivilisieren
Dein Elefant und amuesieren!
"Vor allem aber, o Koenig, lasse
Ihm reichlich fuellen die Reisekasse,
Und gib ihm einen Kreditbrief mit
Auf Rothschild freres in der rue Lafitte.
"Ja, einen Kreditbrief von einer Million
Dukaten etwa; - der Herr Baron
Von Rothschild sagt von ihm alsdann:
Der Elefant ist ein braver Mann!"
So sprach der Astrolog, und wieder
Warf er sich dreimal zur Erde nieder.
Der Koenig entliess ihn mit reichen Geschenken,
Und streckte sich aus, um nachzudenken.
Er dachte hin, er dachte her;
Das Denken wird den Koenigen schwer.
Sein Affe sich zu ihm niedersetzt,
Und beide schlafen ein zuletzt.
Was er beschlossen, das kann ich erzaehlen
Erst spaeter; die indischen Mall'posten fehlen.
Die letzte, welche uns zugekommen,
Die hat den Weg ueber Suez genommen.
Schelm von Bergen
Im Schloss zu Duesseldorf am Rhein
wird Mummenschanz gehalten;
Da flimmern die Kerzen, da rauscht die Musik,
Da tanzen die bunten Gestalten.
Da tanzt die schoene Herzogin,
Sie lacht laut auf bestaendig;
Ihr Taenzer ist ein schlanker Fant,
Gar hoefisch und behendig.
Er traegt eine Maske von schwarzem Samt,
Daraus gar freudig blicket
Ein Auge, wie ein blanker Dolch,
Halb aus der Scheide gezuecket.
Es jubelt die Fastnachtsgeckenschar,
Wenn jene vorueberwalzen.
Der Drickes und die Marizzebill
Gruessen mit Schnarren und Schnalzen.
Und die Trompeten schmettern drein,
Der naerrische Brummbass brummet,
Bis endlich der Tanz ein Ende nimmt
Und die Musik verstummet.
"Durchlauchtigste Frau, gebt Urlaub mir,
Ich muss nach Hause gehen -"
Die Herzogin lacht: Ich lass dich nicht fort,
Bevor ich dein Antlitz gesehen.
"Durchlauchtigste Frau, gebt Urlaub mir,
Mein Anblick bringt Schrecken und Grauen -"
Die Herzogin lacht: Ich fuerchte mich nicht,
Ich will dein Antlitz schauen.
"Durchlauchtigste Frau, gebt Urlaub mir,
Der Nacht und dem Tode gehoer ich -"
Die Herzogin lacht: Ich lasse dich nicht,
Dein Antlitz zu schauen begehr ich.
Wohl straeubt sich der Mann mit finsterm Wort,
Das Weib nicht zaehmen kunnt er;
Sie riss zuletzt ihm mit Gewalt
Die Maske vom Antlitz herunter.
Das ist der Scharfrichter von Bergen! so schreit
Entsetzt die Menge im Saale
Und weichet scheusam - die Herzogin
Stuerzt fort zu ihrem Gemahle.
Der Herzog ist klug, er tilgte die Schmach
Der Gattin auf der Stelle.
Er zog sein blankes Schwert und sprach:
Knie vor mir nieder, Geselle!
Mit diesem Schwertschlag mach ich dich
Jetzt ehrlich und ritterzuenftig,
Und weil du ein Schelm, so nenne dich
Herr Schelm von Bergen kuenftig.
So ward der Henker ein Edelmann
Und Ahnherr der Schelme von Bergen.
Ein stolzes Geschlecht! es bluehte am Rhein.
Jetzt schlaeft es in steinernen Saergen.
Valkyren
Unten Schlacht. Doch oben schossen
Durch die Luft auf Wolkenrossen
Drei Valkyren, und es klang
Schilderklirrend ihr Gesang:
Fuersten hadern, Voelker streiten,
Jeder will die Macht erbeuten;
Herrschaft ist das hoechste Gut,
Hoechste Tugend ist der Mut.
Heisa! vor dem Tod beschuetzen
Keine stolzen Eisenmuetzen,
Und das Heldenblut zerrinnt
Und der schlechtre Mann gewinnt.
Lorbeerkraenze, Siegesbogen!
Morgen kommt er eingezogen,
Der den Bessern ueberwand
Und gewonnen Leut und Land.
Buergermeister und Senator
Holen ein den Triumphator,
Tragen ihm die Schluessel vor,
Und der Zug geht durch das Tor.
Hei! da boellerts von den Waellen,
Zinken und Trompeten gellen,
Glockenklang erfuellt die Luft,
Und der Poebel Vivat! ruft.
Laechelnd stehen auf Balkonen
Schoene Fraun, und Blumenkronen
Werfen sie dem Sieger zu.
Dieser gruesst mit stolzer Ruh.
Schlachtfeld bei Hastings
Der Abt von Waltham seufzte tief,
Als er die Kunde vernommen,
Dass Koenig Harold elendiglich
Bei Hastings umgekommen.
Zwei Moenche, Asgod und Ailrik genannt,
Die schickt' er aus als Boten,
Sie sollten suchen die Leiche Harolds
Bei Hastings unter den Toten.
Die Moenche gingen traurig fort
Und kehrten traurig zuruecke:
"Hochwuerdiger Vater, die Welt ist uns gram,
Wir sind verlassen vom Gluecke.
"Gefallen ist der bessre Mann,
Es siegte der Bankert, der schlechte,
Gewappnete Diebe verteilen das Land
Und machen den Freiling zum Knechte.
"Der lausigste Lump aus der Normandie
Wird Lord auf der Insel der Britten;
Ich sah einen Schneider aus Bayeux, er kam
Mit goldnen Sporen geritten.
"Weh dem, der jetzt ein Sachse ist!
Ihr Sachsenheilige droben
Im Himmelreich, nehmt euch in Acht,
Ihr seid der Schmach nicht enthoben.
"Jetzt wissen wir, was bedeutet hat
Der grosse Komet, der heuer
Blutrot am naechtlichen Himmel ritt
Auf einem Besen von Feuer.
"Bei Hastings in Erfuellung ging
Des Unsterns boeses Zeichen,
Wir waren auf dem Schlachtfeld dort
Und suchten unter den Leichen.
"Wir suchten hin, wir suchten her,
Bis alle Hoffnung verschwunden
Den Leichnam des toten Koenigs Harold,
Wir haben ihn nicht gefunden."
Asgod und Ailrik sprachen also;
Der Abt rang jammernd die Haende,
Versank in tiefe Nachdenklichkeit
Und sprach mit Seufzen am Ende:
"Zu Grendelfield am Bardenstein,
Just in des Waldes Mitte,
Da wohnet Edith Schwanenhals
In einer duerftgen Huette.
"Man hiess sie Edith Schwanenhals,
Weil wie der Hals der Schwaene
Ihr Nacken war; der Koenig Harold,
Er liebte die junge Schoene.
"Er hat sie geliebt, gekuesst und geherzt,
Und endlich verlassen, vergessen.
Die Zeit verfliesst; wohl sechzehn Jahr
Verflossen unterdessen.
"Begebt euch, Brueder, zu diesem Weib
Und lasst sie mit euch gehen
Zurueck nach Hastings, der Blick des Weibs
Wird dort den Koenig erspaehen.
"Nach Waltham-Abtei hierher alsdann
Sollt ihr die Leiche bringen,
Damit wir christlich bestatten den Leib
Und fuer die Seele singen."
Um Mitternacht gelangten schon
Die Boten zur Huette im Walde:
"Erwache, Edith Schwanenhals,
Und folge uns alsbalde.
"Der Herzog der Normannen hat
Den Sieg davongetragen,
Und auf dem Feld bei Hastings liegt
Der Koenig Harold erschlagen.
"Kommt mit nach Hastings, wir suchen dort
Den Leichnam unter den Toten,
Und bringen ihn nach Waltham-Abtei,
Wie uns der Abt geboten."
Kein Wort sprach Edith Schwanenhals,
Sie schuerzte sich geschwinde
Und folgte den Moenchen; ihr greisendes Haar
Das flatterte wild im Winde.
Es folgte barfuss das arme Weib
Durch Suempfe und Baumgestrueppe.
Bei Tagesanbruch gewahrten sie schon
Zu Hastings die kreidige Klippe.
Der Nebel, der das Schlachtfeld bedeckt
Als wie ein weisses Lailich,
Zerfloss allmaehlig; es flatterten auf
Die Dohlen und kraechzten abscheulich.
Viel tausend Leichen lagen dort
Erbaermlich auf blutiger Erde,
Nackt ausgepluendert, verstuemmelt, zerfleischt,
Daneben die Aeser der Pferde.
Es wadete Edith Schwanenhals
Im Blute mit nackten Fuessen;
Wie Pfeile aus ihrem stieren Aug
Die forschenden Blicke schiessen.
Sie suchte hin, sie suchte her,
Oft musste sie muehsam verscheuchen
Die frassbegierige Rabenschar;
Die Moenche hinter ihr keuchen.
Sie suchte schon den ganzen Tag,
Es ward schon Abend - ploetzlich
Bricht aus der Brust des armen Weibs
Ein geller Schrei, entsetzlich.
Gefunden hat Edith Schwanenhals
Des toten Koenigs Leiche.
Sie sprach kein Wort, sie weinte nicht,
Sie kuesste das Antlitz, das bleiche.
Sie kuesste die Stirne, sie kuesste den Mund,
Sie hielt ihn fest umschlossen;
Sie kuesste auf des Koenigs Brust
Die Wunde blutumflossen.
Auf seiner Schulter erblickt sie auch -
Und sie bedeckt sie mit Kuessen -
Drei kleine Narben, Denkmaeler der Lust,
Die sie einst hinein gebissen.
Die Moenche konnten mittlerweil
Baumstaemme zusammenfugen;
Das war die Bahre, worauf sie alsdann
Den toten Koenig trugen.
Sie trugen ihn nach Waltham-Abtei,
Dass man ihn dort begruebe;
Es folgte Edith Schwanenhals
Der Leiche ihrer Liebe.
Sie sang die Totenlitanein
In kindisch frommer Weise;
Das klang so schauerlich in der Nacht -
Die Moenche beteten leise. -
Karl I.
Im Wald, in der Koehlerhuette, sitzt
Truebsinnig allein der Koenig;
Er sitzt an der Wiege des Koehlerkinds
Und wiegt und singt eintoenig:
Eiapopeia, was raschelt im Stroh?
Es bloeken im Stalle die Schafe -
Du traegst das Zeichen an der Stirn
Und laechelst so furchtbar im Schlafe.
Eiapopeia, das Kaetzchen ist tot -
Du traegst auf der Stirne das Zeichen -
Du wirst ein Mann und schwingst das Beil,
Schon zittern im Walde die Eichen.
Der alte Koehlerglaube verschwand,
Es glauben die Koehlerkinder -
Eiapopeia - nicht mehr an Gott,
Und an den Koenig noch minder.
Das Kaetzchen ist tot, die Maeuschen sind froh -
Wir muessen zu Schanden werden -
Eiapopeia - im Himmel der Gott
Und ich, der Koenig auf Erden.
Mein Mut erlischt, mein Herz ist krank,
Und taeglich wird es kraenker -
Eiapopeia - du Koehlerkind,
Ich weiss es, du bist mein Henker.
Mein Todesgesang ist dein Wiegenlied -
Eiapopeia - die greisen
Haarlocken schneidest du ab zuvor -
Im Nacken klirrt mir das Eisen.
Eiapopeia, was raschelt im Stroh?
Du hast das Reich erworben,
Und schlaegst mir das Haupt vom Rumpf herab -
Das Kaetzchen ist gestorben.
Eiapopeia, was raschelt im Stroh?
Es bloeken im Stalle die Schafe.
Das Kaetzchen ist tot, die Maeuschen sind froh -
Schlafe, mein Henkerchen, schlafe!
Maria Antoinette
Wie heiter im Tuilerienschloss
Blinken die Spiegelfenster,
Und dennoch dort am hellen Tag
Gehn um die alten Gespenster.
Es spukt im Pavillon de Flor'
Maria Antoinette;
Sie haelt dort Morgens ihr Lever
Mit strenger Etikette.
Geputzte Hofdamen. Die meisten stehn,
Auf Tabourets andre sitzen;
Die Kleider von Atlas und Goldbrokat,
Behaengt mit Juwelen und Spitzen.
Die Taille ist schmal, der Reifrock bauscht,
Darunter lauschen die netten
Hochhackigen Fuesschen so klug hervor -
Ach, wenn sie nur Koepfe haetten!
Sie haben alle keinen Kopf,
Der Koenigin selbst manquieret
Der Kopf, und Ihro Majestaet
Ist deshalb nicht frisieret.
Ja, Sie, die mit turmhohem Toupet
So stolz sich konnte gebaren,
Die Tochter Maria Theresias,
Die Enkelin deutscher Caesaren,
Sie muss jetzt spuken ohne Frisur
Und ohne Kopf, im Kreise
Von unfrisierten Edelfraun,
Die kopflos gleicherweise.
Das sind die Folgen der Revolution
Und ihrer fatalen Doktrine;
An Allem ist Schuld Jean Jacques Rousseau,
Voltaire und die Guillotine.
Doch sonderbar! es duenkt mich schier,
Als haetten die armen Geschoepfe
Gar nicht bemerkt, wie tot sie sind
Und dass sie verloren die Koepfe.
Ein leeres Gespreize, ganz wie sonst,
Ein abgeschmacktes Scherwenzen -
Possierlich sind und schauderhaft
Die kopflosen Reverenzen.
Es knixt die erste Dame d'atour
Und bringt ein Hemd von Linnen;
Die zweite reicht es der Koenigin,
Und beide knixen von hinnen.
Die dritte Dam und die vierte Dam
Knixen und niederknieen
Vor Ihrer Majestaet, um Ihr
Die Struempfe anzuziehen.
Ein Ehrenfraeulein kommt und knixt
Und bringt das Morgenjaeckchen;
Ein andres Fraeulein knixt und bringt
Der Koenigin Unterroeckchen.
Die Oberhofmeisterin steht dabei,
Sie faechert die Brust, die weisse,
Und in Ermanglung eines Kopfs
Laechelt sie mit dem Steisse.
Wohl durch die verhaengten Fenster wirft
Die Sonne neugierige Blicke,
Doch wie sie gewahrt den alten Spuk,
Prallt sie erschrocken zuruecke.
Pomare
I
Alle Liebesgoetter jauchzen
Mir im Herzen, und Fanfare
Blasen sie und rufen: Heil!
Heil der Koenigin Pomare!
Jene nicht von Otahaiti -
Missionaerisiert ist jene -
Die ich meine, die ist wild,
Eine ungezaehmte Schoene.
Zweimal in der Woche zeigt sie
Oeffentlich sich ihrem Volke
In dem Garten Mabill, tanzt
Dort den Cancan, auch die Polke.
Majestaet in jedem Schritte,
Jede Beugung Huld und Gnade,
Eine Fuerstin jeder Zoll
Von der Huefte bis zur Wade -
Also tanzt sie - und es blasen
Liebesgoetter die Fanfare
Mir im Herzen, rufen: Heil!
Heil der Koenigin Pomare!
II
Sie tanzt. Wie sie das Leibchen wiegt!
Wie jedes Glied sich zierlich biegt!
Das ist ein Flattern und ein Schwingen,
Um wahrlich aus der Haut zu springen.
Sie tanzt. Wenn sie sich wirbelnd dreht
Auf einem Fuss, und stille steht
Am End mit ausgestreckten Armen,
Mag Gott sich meiner Vernunft erbarmen!
Sie tanzt. Derselbe Tanz ist das,
Den einst die Tochter Herodias'
Getanzt vor dem Judenkoenig Herodes.
Ihr Auge sprueht wie Blitze des Todes.
Sie tanzt mich rasend - ich werde toll -
Sprich, Weib, was ich dir schenken soll?
Du laechelst? Heda! Trabanten! Laeufer!
Man schlage ab das Haupt dem Taeufer!
III
Gestern noch fuers liebe Brot
Waelzte sie sich tief im Kot,
Aber heute schon mit Vieren
Faehrt das stolze Weib spazieren.
In die seidnen Kissen drueckt
Sie das Lockenhaupt, und blickt
Vornehm auf den grossen Haufen
Derer, die zu Fusse laufen.
Wenn ich dich so fahren seh,
Tut es mir im Herzen weh!
Ach, es wird dich dieser Wagen
Nach dem Hospitale tragen,
Wo der grausenhafte Tod
Endlich endigt deine Not,
Und der Carabin mit schmierig
Plumper Hand und lernbegierig
Deinen schoenen Leib zerfetzt,
Anatomisch ihn zersetzt -
Deine Rosse trifft nicht minder
Einst zu Montfaucon der Schinder.
IV
Besser hat es sich gewendet,
Das Geschick, das dich bedroht' -
Gott sei Dank, du hast geendet,
Gott sei Dank, und du bist tot.
In der Dachstub deiner armen
Alten Mutter starbest du,
Und sie schloss dir mit Erbarmen
Deine schoenen Augen zu.
Kaufte dir ein gutes Lailich,
Einen Sarg, ein Grab sogar.
Die Begraebnisfeier freilich
Etwas kahl und aermlich war.
Keinen Pfaffen hoert' man singen,
Keine Glocke klagte schwer;
Hinter deiner Bahre gingen
Nur dein Hund und dein Friseur.
"Ach, ich habe der Pomare",
Seufzte dieser, "oft gekaemmt
Ihr langen schwarzen Haare,
Wenn sie vor mir sass im Hemd."
Was den Hund betrifft, so rannt er
Schon am Kirchhofstor davon,
Und ein Unterkommen fand er
Spaeterhin bei Ros' Pompon,
Ros' Pompon, der Provenzalin,
Die den Namen Koenigin
Dir missgoennt und als Rivalin
Dich verklatscht mit niederm Sinn.
Arme Koenigin des Spottes,
Mit dem Diadem von Kot,
Bist gerettet jetzt durch Gottes
Ewge Guete, du bist tot.
Wie die Mutter, so der Vater
Hat Barmherzigkeit geuebt,
Und ich glaube, dieses tat er,
Weil auch du so viel geliebt.
Der Apollogott
I
Das Kloster ist hoch auf Felsen gebaut,
Der Rhein vorueberrauschet;
Wohl durch das Gitterfenster schaut
Die junge Nonne und lauschet.
Da faehrt ein Schifflein, maerchenhaft
Vom Abendrot beglaenzet;
Es ist bewimpelt von buntem Taft,
Von Lorbeern und Blumen bekraenzet.
Ein schoener blondgelockter Fant
Steht in des Schiffes Mitte;
Sein goldgesticktes Purpurgewand
Ist von antikem Schnitte.
Zu seinen Fuessen liegen da
Neun marmorschoene Weiber;
Die hochgeschuerzte Tunika
Umschliesst die schlanken Leiber.
Der Goldgelockte lieblich singt
Und spielt dazu die Leier;
Ins Herz der armen Nonne dringt
Das Lied und brennt wie Feuer.
Sie schlaegt ein Kreuz, und noch einmal
Schlaegt sie ein Kreuz, die Nonne;
Nicht scheucht das Kreuz die suesse Qual,
Nicht bannt es die bittre Wonne.
II
Ich bin der Gott der Musika,
Verehrt in allen Landen;
Mein Tempel hat in Graecia,
Auf Mont-Parnass gestanden.
Auf Mont-Parnass in Graecia,
Da hab ich oft gesessen
Am holden Quell Kastalia,
Im Schatten der Zypressen.
Vokalisierend sassen da
Um mich herum die Toechter,
Das sang und klang la-la, la-la!
Geplauder und Gelaechter.
Mitunter rief tra-ra, tra-ra!
Ein Waldhorn aus dem Holze;
Dort jagte Artemisia,
Mein Schwesterlein, die Stolze.
Ich weiss es nicht, wie mir geschah:
Ich brauchte nur zu nippen
Vom Wasser der Kastalia,
Da toenten meine Lippen.
Ich sang - und wie von selbst beinah
Die Leier klang, berauschend;
Mir war, als ob ich Daphne sah,
Aus Lorbeerbueschen lauschend.
Ich sang - und wie Ambrosia
Wohlrueche sich ergossen,
Es war von einer Gloria
Die ganze Welt umflossen.
Wohl tausend Jahr aus Graecia
Bin ich verbannt, vertrieben
Doch ist mein Herz in Graecia,
In Graecia geblieben.
III
In der Tracht der Beguinen,
In dem Mantel mit der Kappe
Von der groebsten schwarzen Sersche,
Ist vermummt die junge Nonne.
Hastig laengs des Rheines Ufern
Schreitet sie hinab die Landstrass,
Die nach Holland faehrt, und hastig
Fragt sie jeden, der vorbeikommt:
"Habt ihr nicht gesehn Apollo?
Einen roten Mantel traegt er,
Lieblich singt er, spielt die Leier,
Und er ist mein holder Abgott."
Keiner will ihr Rede stehen,
Mancher dreht ihr stumm den Ruecken,
Mancher glotzt sie an und laechelt,
Mancher seufzet: Armes Kind!
Doch des Wegs herangetrottelt
Kommt ein schlottrig alter Mensch,
Fingert in der Luft, wie rechnend,
Naeselnd singt er vor sich hin.
Einen schlappen Quersack traegt er,
Auch ein klein dreieckig Huetchen;
Und mit schmunzelnd klugen Aeuglein
Hoert er an den Spruch der Nonne:
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