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Kritik der reinen Vernunft (1st Edition) by Immanuel Kant

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Kritik der reinen Vernunft
von
Immanuel Kant

Professor in Koenigsberg

(1781)



Inhalt

Zueignung
Vorrede
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
I. Idee der Transzendental-Philosophie
Von dem Unterschiede analytischer und synthetischer Urteile
II. Einteilung der Transzendental-Philosophie
I. Transzendentale Elementarlehre
Erster Teil. Die transzendentale Aesthetik
1. Abschnitt. Von dem Raume
2. Abschnitt. Von der Zeit
Schluesse aus diesen Begriffen
Erlaeuterung
Allgemeine Anmerkungen zur transzendentalen Aesthetik
Zweiter Teil. Die transzendentale Logik
Einleitung. Idee einer transzendentalen Logik
I. Von der Logik ueberhaupt
II. Von der transzendentalen Logik
III. Von der Einteilung der allgemeinen Logik in Analytik
und Dialektik
IV. Von der Einteilung der transzendentalen Logik in die
transzendentale Analytik und Dialektik
Erste Abteilung. Die transzendentale Analytik
Erstes Buch. Die Analytik der Begriffe
1. Hauptstueck. Von dem Leitfaden der Entdeckung aller
reinen Verstandesbegriffe
1. Abschnitt. Von dem logischen Verstandesgebrauche
ueberhaupt
2. Abschnitt. Von der logischen Funktion des
Verstandes in Urteilen
3. Abschnitt. Von den reinen Verstandesbegriffen oder
Kategorien
2. Hauptstueck. Von der Deduktion der reinen
Verstandesbegriffe
1. Abschnitt. Von den Prinzipien einer
transzendentalen Deduktion ueberhaupt
Uebergang zur transzendentalen Deduktion der
Kategorien
2. Abschnitt. Von den Gruenden a priori zur
Moeglichkeit der Erfahrung
1. Von der Synthesis der Apprehension in der
Anschauung
2. Von der Synthesis der Reproduktion in der
Einbildung
3. Von der Synthesis der Rekognition im Begriffe
4. Vorlaeufige Erklaerung der Moeglichkeit der
Kategorien, als Erkenntnissen a priori
3. Abschnitt. Von dem Verhaeltnisse des Verstandes zu
Gegenstaenden ueberhaupt und der Moeglichkeit
dieses a priori zu erkennen
Summarische Vorstellung der Richtigkeit und
einzigen Moeglichkeit dieser Deduktion der reinen
Verstandesbegriffe
Zweites Buch. Die Analytik der Grundsaetze
Einleitung. Von der transzendentalen Urteilskraft
ueberhaupt
1. Hauptstueck. Von dem Schematismus der reinen
Verstandesbegriffe
2. Hauptstueck. System aller Grundsaetze des reinen
Verstandes
1. Abschnitt. Von dem obersten Grundsatze aller
analytischen Urteile
2. Abschnitt. Von dem obersten Grundsatze aller
synthetischen Urteile
3. Abschnitt. Systematische Vorstellung aller
synthetischen Grundsaetze desselben
1. Axiome der Anschauung
2. Antizipationen der Wahrnehmung
3. Analogien der Erfahrung
A. Erste Analogie. Grundsatz der
Beharrlichkeit der Substanz
B. Zweite Analogie. Grundsatz der Zeitfolge
nach dem Gesetze der Kausalitaet
C. Dritte Analogie. Grundsatz des
Zugleichseins, nach dem Gesetze der
Wechselwirkung, oder Gemeinschaft
4. Die Postulate des empirischen Denkens
ueberhaupt
3. Hauptstueck. Von dem Grunde der Unterscheidung aller
Gegenstaende ueberhaupt in Phaenomena und Noumena
Anhang. Von der Amphibolie der Reflexionsbegriffe
Anmerkung zur Amphibolie der Reflexionsbegriffe
Zweite Abteilung. Die transzendentale Dialektik
Einleitung
I. Vom transzendentalen Schein
II. Von der reinen Vernunft als dem Sitze des
transzendentalen Scheins
A. Von der Vernunft ueberhaupt
B. Vom logischen Gebrauche der Vernunft
C. Von dem reinen Gebrauche der Vernunft
Erstes Buch. Von den Begriffen der reinen Vernunft
1. Abschnitt. Von den Ideen ueberhaupt
2. Abschnitt. Von den transzendentalen Ideen
3. Abschnitt. System der transzendentalen Ideen
Zweites Buch. Von den dialektischen Schluessen der reinen
Vernunft
1. Hauptstueck. Von den Paralogismen der reinen Vernunft
Erster Paralogism der Substantialitaet
Zweiter Paralogism der Simplizitaet
Dritter Paralogism der Personalitaet
Der vierte Paralogism der Idealitaet (des aeusseren
Verhaeltnisses)
Betrachtungen ueber die Summe der reinen Seelenlehre,
zufolge diesen Paralogismen
2. Hauptstueck. Die Antinomie der reinen Vernunft
1. Abschnitt. System der kosmologischen Ideen
2. Abschnitt. Antithetik der reinen Vernunft
Erster Widerstreit der transzendentalen Ideen
Zweiter Widerstreit der transzendentalen Ideen
Dritter Widerstreit der transzendentalen Ideen
Vierter Widerstreit der transzendentalen Ideen
3. Abschnitt. Von dem Interesse der Vernunft bei
diesem ihrem Widerstreite
4. Abschnitt. Von den transzendentalen Aufgaben der
reinen Vernunft, insofern sie schlechterdings
muessen aufgeloeset werden koennen
5. Abschnitt. Skeptische Vorstellung der
kosmologischen Fragen durch alle vier
transzendentalen Ideen
6. Abschnitt. Der transzendentale Idealism als der
Schluessel zu Aufloesung der kosmologischen
Dialektik
7. Abschnitt. Kritische Entscheidung des
kosmologischen Streits der Vernunft mit sich selbst
8. Abschnitt. Regulatives Prinzip der reinen Vernunft
in Ansehung der kosmologischen Ideen
9. Abschnitt. Von dem empirischen Gebrauche des
regulativen Prinzips der Vernunft, in Ansehung
aller kosmologischen Ideen
I. Aufloesung der kosmologischen Idee von
der Totalitaet der Zusammensetzung der
Erscheinungen von einem Weltganzen
II. Aufloesung der kosmologischen Idee von der
Totalitaet der Teilung eines gegebenen Ganzen
in der Anschauung
Schlussanmerkung zur Aufloesung der
mathematisch-transzendentalen, und
Vorerinnerung zur Aufloesung der
dynamisch-transzendentalen Ideen
III. Aufloesung der kosmologischen Ideen von der
Totalitaet der Ableitung der Weltbegebenheit
aus ihren Ursachen
Moeglichkeit der Kausalitaet durch Freiheit,
in Vereinigung mit dem allgemeinen Gesetze
der Naturnotwendigkeit
Erlaeuterung der kosmologischen Idee einer
Freiheit in Verbindung mit der allgemeinen
Naturnotwendigkeit
IV. Aufloesung der kosmologischen Idee von
der Totalitaet der Abhaengigkeit der
Erscheinungen, ihrem Dasein nach ueberhaupt
Schlussanmerkung zur ganzen Antinomie der reinen
Vernunft
3. Hauptstueck. Das Ideal der reinen Vernunft
1. Abschnitt. Von dem Ideal ueberhaupt
2. Abschnitt. Von dem transzendentalen Ideal
(Prototypon transscendentale)
3. Abschnitt. Von den Beweisgruenden der spekulativen
Vernunft, auf das Dasein eines hoechsten Wesens zu
schliessen
4. Abschnitt. Von der Unmoeglichkeit eines
ontologischen Beweises vom Dasein Gottes
5. Abschnitt. Von der Unmoeglichkeit eines
kosmologischen Beweises vom Dasein Gottes
Entdeckung und Erklaerung des dialektischen Scheins
in allen transzendentalen Beweisen vom Dasein eines
notwendigen Wesens
6. Abschnitt. Von der Unmoeglichkeit des
physikotheologischen Beweises
7. Abschnitt. Kritik aller Theologie aus spekulativen
Prinzipien der Vernunft
Anhang zur transzendentalen Dialektik
Von dem regulativen Gebrauch der Ideen der reinen Vernunft
Von der Endabsicht der natuerlichen Dialektik der
menschlichen Vernunft
II. Transzendentale Methodenlehre
1. Hauptstueck. Die Disziplin der reinen Vernunft
1. Abschnitt. Die Disziplin der reinen Vernunft im
dogmatischen Gebrauche
2. Abschnitt. Die Disziplin der reinen Vernunft in Ansehung
ihres polemischen Gebrauchs
Von der Unmoeglichkeit einer skeptischen Befriedigung der
mit sich selbst veruneinigten reinen Vernunft
3. Abschnitt. Die Disziplin der reinen Vernunft in Ansehung
der Hypothesen
4. Abschnitt. Die Disziplin der reinen Vernunft in Ansehung
ihrer Beweise
2. Hauptstueck. Der Kanon der reinen Vernunft
1. Abschnitt. Von dem letzten Zwecke des reinen Gebrauchs
unserer Vernunft
2. Abschnitt. Von dem Ideal des hoechsten Guts, als einem
Bestimmungsgrunde des letzten Zwecks der reinen Vernunft
3. Abschnitt. Vom Meinen, Wissen und Glauben
3. Hauptstueck. Die Architektonik der reinen Vernunft
4. Hauptstueck. Die Geschichte der reinen Vernunft



Sr. Exzellenz,
dem
Koenigl. Staatsminister

Freiherrn von Zedlitz


Gnaediger Herr!

Den Wachstum der Wissenschaften an seinem Teile befoerdern, heisst an
Ew. Exzellenz eigenem Interesse arbeiten; denn dieses ist mit jenen,
nicht bloss durch den erhabenen Posten eines Beschuetzers, sondern
durch das viel vertrautere eines Liebhabers und erleuchteten Kenners,
innigst verbunden. Deswegen bediene ich mich auch des einigen Mittels,
das gewissermassen in meinem Vermoegen ist, meine Dankbarkeit fuer das
gnaedige Zutrauen zu bezeigen, womit Ew. Exzellenz mich beehren, als
koennte ich zu dieser Absicht etwas beitragen.

Wen das spekulative Leben vergnuegt, dem ist, unter maessigen
Wuenschen, der Beifall eines aufgeklaerten, gueltigen Richters eine
kraeftige Aufmunterung zu Bemuehungen, deren Nutzen gross, obzwar
entfernt ist, und daher von gemeinen Augen gaenzlich verkannt wird.

Einem Solchen und Dessen gnaedigem Augenmerke widme ich nun diese
Schrift und, Seinem Schutze, alle uebrige Angelegenheit meiner
literarischen Bestimmung, und bin mit der tiefsten Verehrung

Ew. Exzellenz
untertaenig gehorsamster
Diener
Koenigsberg
den 29sten Maerz 1781 Immanuel Kant



Vorrede

Die menschliche Vernunft hat das besondere Schicksal in einer Gattung
ihrer Erkenntnisse: dass sie durch Fragen belaestigt wird, die sie
nicht abweisen kann; denn sie sind ihr durch die Natur der Vernunft
selbst aufgegeben, die sie aber auch nicht beantworten kann; denn sie
uebersteigen alles Vermoegen der menschlichen Vernunft.

In diese Verlegenheit geraet sie ohne ihre Schuld. Sie faengt von
Grundsaetzen an, deren Gebrauch im Laufe der Erfahrung unvermeidlich
und zugleich durch diese hinreichend bewaehrt ist. Mit diesem steigt
sie (wie es auch ihre Natur mit sich bringt) immer hoeher, zu
entfernteren Bedingungen. Da sie aber gewahr wird, dass auf diese Art
ihr Geschaeft jederzeit unvollendet bleiben muesse, weil die Fragen
niemals aufhoeren, so sieht sie sich genoetigt, zu Grundsaetzen
ihre Zuflucht zu nehmen, die allen moeglichen Erfahrungsgebrauch
ueberschreiten und gleichwohl so unverdaechtig scheinen, dass auch die
gemeine Menschenvernunft damit im Einverstaendnisse steht. Dadurch
aber stuerzt sie sich in Dunkelheit und Widersprueche, aus welchen
sie zwar abnehmen kann, dass irgendwo verborgene Irrtuemer zum
Grunde liegen muessen, die sie aber nicht entdecken kann, weil die
Grundsaetze, deren die sich bedient, da sie ueber die Grenze aller
Erfahrung hinausgehen, keinen Probierstein der Erfahrung mehr
anerkennen. Der Kampfplatz dieser endlosen Streitigkeiten heisst nun
Metaphysik.

Es war eine Zeit, in welcher sie die Koenigin aller Wissenschaften
genannt wurde, und wenn man den Willen fuer die Tat nimmt, so
verdiente sie, wegen der vorzueglichen Wichtigkeit ihres Gegenstandes,
allerdings diesen Ehrennamen. Jetzt bringt es der Modeton des
Zeitalters so mit sich, ihre alle Verachtung zu beweisen und die
Matrone klagt, verstossen und verlassen, wie Hecuba: modo maxima
rerum, tot generis natisque potens - nunc trahor exul, inops - Ovid.
Metam.

Anfaenglich war ihre Herrschaft unter der Verwaltung der Dogmatiker,
despotisch. Allein, weil die Gesetzgebung noch die Spur der alten
Barbarei an sich hatte, so artete sie durch innere Kriege nach und
nach in voellige Anarchie aus und die Skeptiker, eine Art Nomaden, die
allen bestaendigen Anbau des Bodens verabscheuen, zertrennten von Zeit
zu Zeit die buergerliche Vereinigung. Da ihrer aber zum Glueck nur
wenige waren, so konnten sie nicht hindern, dass jene sie nicht immer
aufs neue, obgleich nach keinem unter sich einstimmigen Plane, wieder
anzubauen versuchten. In neueren Zeiten schien es zwar einmal, als
sollte allen diesen Streitigkeiten durch eine gewisse Physiologie des
menschlichen Verstandes (von dem beruehmten Locke) ein Ende gemacht
und die Rechtmaessigkeit jener Ansprueche voellig entschieden werden;
es fand sich aber, dass, obgleich die Geburt jener vorgegebenen
Koenigin aus dem Poebel der gemeinen Erfahrung abgeleitet wurde und
dadurch ihre Anmassung mit Recht haette verdaechtig werden muessen,
dennoch, weil diese Genealogie ihr in der Tat faelschlich angedichtet
war, sie ihre Ansprueche noch immer behauptete, wodurch alles wiederum
in den veralteten wurmstichigen Dogmatismus und daraus in die
Geringschaetzung verfiel, daraus man die Wissenschaft hatte ziehen
wollen. Jetzt, nachdem alle Wege (wie man sich ueberredet) vergeblich
versucht sind, herrscht Ueberdruss und gaenzlicher Indifferentismus,
die Mutter des Chaos und der Nacht, in Wissenschaften, aber doch
zugleich der Ursprung, wenigstens das Vorspiel einer nahen Umschaffung
und Aufklaerung derselben, wenn sie durch uebel angebrachten Fleiss
dunkel, verwirrt und unbrauchbar geworden.

Es ist naemlich umsonst, Gleichgueltigkeit in Ansehung solcher
Nachforschungen erkuensteln zu wollen, deren Gegenstand der
menschlichen Natur nicht gleichgueltig sein kann. Auch fallen jene
vorgeblichen Indifferentisten, so sehr sie sich auch durch die
Veraenderung der Schulsprache in einem populaeren Tone unkenntlich
zu machen gedenken, wofern sie nur ueberall etwas denken, in
metaphysische Behauptungen unvermeidlich zurueck, gegen die sie doch
so viel Verachtung vorgaben. Indessen ist diese Gleichgueltigkeit,
die sich mitten in dem Flor aller Wissenschaften ereignet und gerade
diejenigen trifft, auf deren Kenntnisse, wenn dergleichen zu haben
waeren, man unter allen am wenigsten Verzicht tun wuerde, doch ein
Phaenomen, das Aufmerksamkeit und Nachsinnen verdient. Sie ist
offenbar die Wirkung nicht des Leichtsinns, sondern der gereiften
Urteilskraft* des Zeitalters, welches sich nicht laenger durch
Scheinwissen hinhalten laesst und eine Aufforderung an die Vernunft,
das beschwerlichste aller ihrer Geschaefte, naemlich das der
Selbsterkenntnis aufs neue zu uebernehmen und einen Gerichtshof
einzusetzen, der sie bei ihren gerechten Anspruechen sichere, dagegen
aber alle grundlosen Anmassungen, nicht durch Machtsprueche, sondern
nach ihren ewigen und unwandelbaren Gesetzen, abfertigen koenne, und
dieser ist kein anderer als die Kritik der reinen Vernunft selbst.

* Man hoert hin und wieder Klagen ueber Seichtigkeit der Denkungsart
unserer Zeit und den Verfall gruendlicher Wissenschaft. Allein ich
sehe nicht, dass die, deren Grund gut gelegt ist, als Mathematik,
Naturlehre usw. diesen Vorwurf im mindesten verdienen, sondern
vielmehr den alten Ruhm der Gruendlichkeit behaupten, in der
letzteren aber sogar uebertreffen. Eben derselbe Geist wuerde sich
nun auch in anderen Arten von Erkenntnis wirksam beweisen, waere nur
allererst fuer die Berichtigung ihrer Prinzipien gesorgt worden. In
Ermanglung derselben sind Gleichgueltigkeit und Zweifel und endlich,
strenge Kritik, vielmehr Beweise einer gruendlichen Denkungsart.
Unser Zeitalter ist das eigentliche Zeitalter der Kritik, der
sich alles unterwerfen muss. Religion, durch ihre Heiligkeit,
und Gesetzgebung durch ihre Majestaet, wollen sich gemeiniglich
derselben entziehen. Aber alsdann erregen sie gerechten Verdacht
wider sich und koennen auf unverstellte Achtung nicht Anspruch
machen, die die Vernunft nur demjenigen bewilligt, was ihre freie
und oeffentliche Pruefung hat aushalten koennen.

Ich verstehe aber hierunter nicht eine Kritik der Buecher und Systeme,
sondern die des Vernunftvermoegens ueberhaupt, in Ansehung aller
Erkenntnisse, zu denen sie, unabhaengig von aller Erfahrung, streben
mag, mithin die Entscheidung der Moeglichkeit oder Unmoeglichkeit
einer Metaphysik ueberhaupt und die Bestimmung sowohl der Quellen, als
des Umfanges und der Grenzen derselben, alles aber aus Prinzipien.

Diesen Weg, den einzigen, der uebrig gelassen war, bin ich nun
eingeschlagen und schmeichle mir, auf demselben die Abstellung
aller Irrungen angetroffen zu haben, die bisher die Vernunft im
erfahrungsfreien Gebrauche mit sich selbst entzweit hatten. Ich bin
ihren Fragen nicht dadurch etwa ausgewichen, dass ich mich mit dem
Unvermoegen der menschlichen Vernunft entschuldigte; sondern ich
habe sie nach Prinzipien vollstaendig spezifiziert und, nachdem ich
den Punkt des Missverstandes der Vernunft mit ihr selbst entdeckt
hatte, sie zu ihrer voelligen Befriedigung aufgeloest. Zwar ist die
Beantwortung jener Fragen gar nicht so ausgefallen, als dogmatisch
schwaermende Wissbegierde erwarten mochte; denn die koennte nicht
anders als durch Zauberkraefte, darauf ich mich nicht verstehe,
befriedigt werden. Allein, das war auch wohl nicht die Absicht der
Naturbestimmung unserer Vernunft; und die Pflicht der Philosophie war:
das Blendwerk, das aus Missdeutung entsprang, aufzuheben, sollte auch
noch soviel gepriesener und beliebter Wahn dabei zu nichte gehen. In
dieser Beschaeftigung habe ich Ausfuehrlichkeit mein grosses Augenmerk
sein lassen und ich erkuehne mich zu sagen, dass nicht eine einzige
metaphysische Aufgabe sein muesse, die hier nicht aufgeloest, oder zu
deren Aufloesung nicht wenigstens der Schluessel dargereicht worden.
In der Tat ist auch reine Vernunft eine so vollkommene Einheit: dass,
wenn das Prinzip derselben auch nur zu einer einzigen aller der
Fragen, die ihr durch ihre eigene Natur aufgegeben sind, unzureichend
waere, man dieses immerhin nur wegwerfen koennte, weil es alsdann auch
keiner der uebrigen mit voelliger Zuverlaessigkeit gewachsen sein
wuerde.

Ich glaube, indem ich dieses sage, in dem Gesichte des Lesers einen
mit Verachtung gemischten Unwillen ueber, dem Anscheine nach, so
ruhmredige und unbescheidene Ansprueche wahrzunehmen, und gleichwohl
sind sie ohne Vergleichung gemaessigter, als die, eines jeden
Verfassers des gemeinsten Programms, der darin etwa die einfache
Natur der Seele, oder die Notwendigkeit eines ersten Weltanfanges zu
beweisen vorgibt. Denn dieser macht sich anheischig, die menschliche
Erkenntnis ueber alle Grenzen moeglicher Erfahrung hinaus zu
erweitern, wovon ich demuetig gestehe: dass dieses mein Vermoegen
gaenzlich uebersteige, an dessen Statt ich es lediglich mit der
Vernunft selbst und ihrem reinen Denken zu tun habe, nach deren
ausfuehrlicher Kenntnis ich nicht weit um mich suchen darf, weil ich
sie in mir selbst antreffe und wovon mir auch schon die gemeine Logik
ein Beispiel gibt, dass sich alle ihre einfachen Handlungen voellig
und systematisch aufzaehlen lassen; nur dass hier die Frage
aufgeworfen wird, wieviel ich mit derselben, wenn mir aller Stoff und
Beistand der Erfahrung genommen wird, etwa auszurichten hoffen duerfe.

So viel von der Vollstaendigkeit in Erreichung eines jeden, und der
Ausfuehrlichkeit in Erreichung aller Zwecke zusammen, die nicht ein
beliebiger Vorsatz, sondern die Natur der Erkenntnis selbst uns
aufgibt, als der Materie unserer kritischen Untersuchung.

Noch sind Gewissheit und Deutlichkeit zwei Stuecke, die die Form
derselben betreffen, als wesentliche Forderungen anzusehen, die man an
den Verfasser, der sich an eine so schluepfrige Unternehmung wagt, mit
Recht tun kann.

Was nun die Gewissheit betrifft, so habe ich mir selbst das Urteil
gesprochen: dass es in dieser Art von Betrachtungen auf keine Weise
erlaubt sei, zu meinen und dass alles, was darin einer Hypothese nur
aehnlich sieht, verbotene Ware sei, die auch nicht fuer den geringsten
Preis feil stehen darf, sondern sobald sie entdeckt wird, beschlagen
werden muss. Denn das kuendigt eine jede Erkenntnis, die a priori
feststehen soll, selbst an, dass sie fuer schlechthin notwendig
gehalten werden will, und eine Bestimmung aller reinen Erkenntnisse a
priori noch vielmehr, die das Richtmass, mithin selbst das Beispiel
aller apodiktischen (philosophischen) Gewissheit sein soll. Ob ich nun
das, wozu ich mich anheischig mache in diesem Stuecke geleistet habe,
das bleibt gaenzlich dem Urteile des Lesers anheimgestellt, weil es
dem Verfasser nur geziemt, Gruende vorzulegen, nicht aber ueber die
Wirkung derselben bei seinen Richtern zu urteilen. Damit aber nicht
etwas unschuldigerweise an der Schwaechung derselben Ursache sei,
so mag es ihm wohl erlaubt sein, diejenigen Stellen, die zu einigem
Misstrauen Anlass geben koennten, ob sie gleich nur den Nebenzweck
angehen, selbst anzumerken, um den Einfluss, den auch nur die mindeste
Bedenklichkeit des Lesers in diesem Punkte auf sein Urteil, in
Ansehung des Hauptzwecks, haben moechte, beizeiten abzuhalten.

Ich kenne keine Untersuchungen, die zur Ergruendung des Vermoegens,
welches wir Verstand nennen, und zugleich zur Bestimmung der Regeln
und Grenzen seines Gebrauchs, wichtiger waeren, als die, welche ich
in dem zweiten Hauptstuecke der transszendentalen Analytik, unter dem
Titel der Deduktion der reinen Verstandesbegriffe, angestellt habe;
auch haben sie mir die meiste, aber, wie ich hoffe, nicht unvergoltene
Muehe, gekostet. Diese Betrachtung, die etwas tief angelegt ist, hat
aber zwei Seiten. Die eine bezieht sich auf die Gegenstaende des
reinen Verstandes, und soll die objektive Gueltigkeit seiner Begriffe
a priori dartun und begreiflich machen; eben darum ist sie auch
wesentlich zu meinen Zwecken gehoerig. Die andere geht darauf
aus, den reinen Verstand selbst, nach seiner Moeglichkeit und den
Erkenntniskraeften, auf denen er selbst beruht, mithin ihn in
subjektiver Beziehung zu betrachten und, obgleich diese Eroerterung in
Ansehung meiner Hauptzwecks von grosser Wichtigkeit ist, so gehoert
sie doch nicht wesentlich zu demselben; weil die Hauptfrage immer
bleibt, was und wie viel kann Verstand und Vernunft, frei von aller
Erfahrung, erkennen und nicht, wie ist das Vermoegen zu denken selbst
moeglich? Da das letztere gleichsam eine Aufsuchung der Ursache zu
einer gegebenen Wirkung ist, und insofern etwas einer Hypothese
Aehnliches an sich hat, (ob es gleich, wie ich bei anderer Gelegenheit
zeigen werde, sich in der Tat nicht so verhaelt), so scheint es, als
sei hier der Fall, da ich mir die Erlaubnis nehme, zu meinen, und
dem Leser also auch freistehen muesse, anders zu meinen. In Betracht
dessen muss ich dem Leser mit der Erinnerung zuvorkommen; dass, im
Fall meine subjektive Deduktion nicht die ganze Ueberzeugung, die
ich erwarte, bei ihm gewirkt haette, doch die objektive, um die es
mir hier vornehmlich zu tun ist, ihre ganze Staerke bekomme, wozu
allenfalls dasjenige, was Seite 92 bis 93 gesagt wird, allein
hinreichend, sein kann.

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