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Kritik der reinen Vernunft (2nd Edition) by Immanuel Kant

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Kritik der reinen Vernunft
von
Immanuel Kant

Professor in Koenigsberg,
der Koenigl. Akademie der Wissenschaften in Berlin
Mitglied

Zweite hin und wieder verbesserte Auflage
(1787)



Inhalt

Zueignung
Vorrede
Einleitung
I. Von dem Unterschiede der reinen und empirischen Erkenntnis
II. Wir sind im Besitze gewisser Erkenntnisse a priori, und
selbst der gemeine Verstand ist niemals ohne solche
III. Die Philosophie bedarf einer Wissenschaft, welche die
Moeglichkeit, die Prinzipien und den Umfang aller
Erkenntnisse a priori bestimme
IV. Von dem Unterschiede analytischer und synthetischer Urteile
V. In allen theoretischen Wissenschaften der Vernunft sind
synthetische Urteile a priori als Prinzipien enthalten
VI. Allgemeine Aufgabe der reinen Vernunft
VII. Idee und Einteilung einer besonderen Wissenschaft, unter dem
Namen einer Kritik der reinen Vernunft
I. Transzendentale Elementarlehre
Erster Teil. Die transzendentale Aesthetik
Paragraph 1
1. Abschnitt. Von dem Raume
Paragraph 2. Metaphysische Eroerterung dieses Begriffs
Paragraph 3. Transzendentale Eroerterung des Begriffs vom
Raume
2. Abschnitt. Von der Zeit
Paragraph 4. Metaphysische Eroerterung des Begriffs der
Zeit
Paragraph 5. Transzendentale Eroerterung des Begriffs der
Zeit
Paragraph 6. Schluesse aus diesen Begriffen
Paragraph 7. Erlaeuterung
Paragraph 8. Allgemeine Anmerkungen zur transzendentalen
Aesthetik
Zweiter Teil. Die transzendentale Logik
Einleitung. Idee einer transzendentalen Logik
I. Von der Logik ueberhaupt
II. Von der transzendentalen Logik
III. Von der Einteilung der allgemeinen Logik in Analytik
und Dialektik
IV. Von der Einteilung der transzendentalen Logik in die
transzendentale Analytik und Dialektik
Erste Abteilung. Die transzendentale Analytik
Erstes Buch. Die Analytik der Begriffe
1. Hauptstueck. Von dem Leitfaden der Entdeckung aller
reinen Verstandesbegriffe
1. Abschnitt. Von dem logischen
Verstandesgebrauche ueberhaupt
2. Abschnitt
Paragraph 9. Von der logischen Funktion des
Verstandes in Urteilen
3. Abschnitt
Paragraph 10. Von den reinen
Verstandesbegriffen oder Kategorien
Paragraph 11
Paragraph 12
2. Hauptstueck. Von der Deduktion der reinen
Verstandesbegriffe
1. Abschnitt
Paragraph 13. Von den Prinzipien einer
transzendentalen Deduktion ueberhaupt
Paragraph 14. Uebergang zur transzendentalen
Deduktion der Kategorien
2. Abschnitt. Transzendentale Deduktion der reinen
Verstandesbegriffe
Paragraph 15. Von der Moeglichkeit einer
Verbindung ueberhaupt
Paragraph 16. Von der
urspruenglich-synthetischen Einheit der
Apperzeption
Paragraph 17. Der Grundsatz der synthetischen
Einheit der Apperzeption ist das oberste
Prinzip alles Verstandesgebrauchs
Paragraph 18. Was objektive Einheit des
Selbstbewusstseins sei
Paragraph 19. Die logische Form aller Urteile
besteht in der objektiven Einheit der
Apperzeption der darin enthaltenen Begriffe
Paragraph 20. Alle sinnliche Anschauungen
stehen unter den Kategorien, als
Bedingungen, unter denen allein das
Mannigfaltige derselben in ein Bewusstsein
zusammenkommen kann
Paragraph 21. Anmerkung
Paragraph 22. Die Kategorie hat keinen andern
Gebrauch zum Erkenntnisse der Dinge, als
ihre Anwendung auf Gegenstaende der
Erfahrung
Paragraph 23
Paragraph 24. Von der Anwendung der Kategorien
auf Gegenstaende der Sinne ueberhaupt
Paragraph 25
Paragraph 26. Transzendentale Deduktion des
allgemein moeglichen Erfahrungsgebrauchs
der reinen Verstandesbegriffe
Paragraph 27. Resultat dieser Deduktion der
Verstandesbegriffe
Zweites Buch. Die Analytik der Grundsaetze
Einleitung. Von der transzendentalen Urteilskraft
ueberhaupt
1. Hauptstueck. Von dem Schematismus der reinen
Verstandesbegriffe
2. Hauptstueck. System aller Grundsaetze des reinen
Verstandes
1. Abschnitt. Von dem obersten Grundsatze aller
analytischen Urteile
2. Abschnitt. Von dem obersten Grundsatze aller
synthetischen Urteile
3. Abschnitt. Systematische Vorstellung aller
synthetischen Grundsaetze desselben
1. Axiome der Anschauung
2. Antizipationen der Wahrnehmung
3. Analogien der Erfahrung
A. Erste Analogie. Grundsatz der
Beharrlichkeit der Substanz
B. Zweite Analogie. Grundsatz der
Zeitfolge nach dem Gesetze der
Kausalitaet
C. Dritte Analogie. Grundsatz des
Zugleichseins, nach dem Gesetze der
Wechselwirkung, oder Gemeinschaft
4. Die Postulate des empirischen Denkens
ueberhaupt
Widerlegung des Idealismus
Allgemeine Anmerkung zum System der
Grundsaetze
3. Hauptstueck. Von dem Grunde der Unterscheidung
aller Gegenstaende ueberhaupt in Phaenomena und
Noumena
Anhang. Von der Amphibolie der Reflexionsbegriffe
Anmerkung zur Amphibolie der Reflexionsbegriffe
Zweite Abteilung. Die transzendentale Dialektik
Einleitung
I. Vom transzendentalen Schein
II. Von der reinen Vernunft als dem Sitze des
transzendentalen Scheins
A. Von der Vernunft ueberhaupt
B. Vom logischen Gebrauche der Vernunft
C. Von dem reinen Gebrauche der Vernunft
Erstes Buch. Von den Begriffen der reinen Vernunft
1. Abschnitt. Von den Ideen ueberhaupt
2. Abschnitt. Von den transzendentalen Ideen
3. Abschnitt. System der transzendentalen Ideen
Zweites Buch. Von den dialektischen Schluessen der reinen
Vernunft
1. Hauptstueck. Von den Paralogismen der reinen
Vernunft
Widerlegung des Mendelssohnschen Beweises der
Beharrlichkeit der Seele
Beschluss der Aufloesung des psychologischen
Paralogisms
Allgemeine Anmerkung, den Uebergang von der
rationalen Psychologie zur Kosmologie betreffend
2. Hauptstueck. Die Antinomie der reinen Vernunft
1. Abschnitt. System der kosmologischen Ideen
2. Abschnitt. Antithetik der reinen Vernunft
Erster Widerstreit der transzendentalen Ideen
Zweiter Widerstreit der transzendentalen Ideen
Dritter Widerstreit der transzendentalen Ideen
Vierter Widerstreit der transzendentalen Ideen
3. Abschnitt. Von dem Interesse der Vernunft bei
diesem ihrem Widerstreite
4. Abschnitt. Von den transzendentalen
Aufgaben der reinen Vernunft, insofern sie
schlechterdings muessen aufgeloeset werden
koennen
5. Abschnitt. Skeptische Vorstellung der
kosmologischen Fragen durch alle vier
transzendentalen Ideen
6. Abschnitt. Der transzendentale Idealism als
der Schluessel zu Aufloesung der kosmologischen
Dialektik
7. Abschnitt. Kritische Entscheidung des
kosmologischen Streits der Vernunft mit sich
selbst
8. Abschnitt. Regulatives Prinzip der reinen
Vernunft in Ansehung der kosmologischen Ideen
9. Abschnitt. Von dem empirischen Gebrauche des
regulativen Prinzips der Vernunft, in Ansehung
aller kosmologischen Ideen
I. Aufloesung der kosmologischen Idee von
der Totalitaet der Zusammensetzung der
Erscheinungen von einem Weltganzen
II. Aufloesung der kosmologischen Idee
von der Totalitaet der Teilung eines
gegebenen Ganzen in der Anschauung
Schlussanmerkung zur Aufloesung der
mathematisch-transzendentalen, und
Vorerinnerung zur Aufloesung der
dynamisch-transzendentalen Ideen
III. Aufloesung der kosmologischen Ideen
von der Totalitaet der Ableitung der
Weltbegebenheit aus ihren Ursachen
Moeglichkeit der Kausalitaet durch
Freiheit, in Vereinigung mit
dem allgemeinen Gesetze der
Naturnotwendigkeit
Erlaeuterung der kosmologischen Idee
einer Freiheit in Verbindung mit der
allgemeinen Naturnotwendigkeit
IV. Aufloesung der kosmologischen Idee von
der Totalitaet der Abhaengigkeit der
Erscheinungen, ihrem Dasein nach
ueberhaupt
Schlussanmerkung zur ganzen Antinomie der reinen
Vernunft
3. Hauptstueck. Das Ideal der reinen Vernunft
1. Abschnitt. Von dem Ideal ueberhaupt
2. Abschnitt. Von dem transzendentalen Ideal
(Prototypon transscendentale)
3. Abschnitt. Von den Beweisgruenden der
spekulativen Vernunft, auf das Dasein eines
hoechsten Wesens zu schliessen
4. Abschnitt. Von der Unmoeglichkeit eines
ontologischen Beweises vom Dasein Gottes
5. Abschnitt. Von der Unmoeglichkeit eines
kosmologischen Beweises vom Dasein Gottes
Entdeckung und Erklaerung des dialektischen
Scheins in allen transzendentalen Beweisen vom
Dasein eines notwendigen Wesens
6. Abschnitt. Von der Unmoeglichkeit des
physikotheologischen Beweises
7. Abschnitt. Kritik aller Theologie aus
spekulativen Prinzipien der Vernunft
Anhang zur transzendentalen Dialektik
Von dem regulativen Gebrauch der Ideen der reinen
Vernunft
Von der Endabsicht der natuerlichen Dialektik der
menschlichen Vernunft
II. Transzendentale Methodenlehre
1. Hauptstueck. Die Disziplin der reinen Vernunft
1. Abschnitt. Die Disziplin der reinen Vernunft im
dogmatischen Gebrauche
2. Abschnitt. Die Disziplin der reinen Vernunft in Ansehung
ihres polemischen Gebrauchs
Von der Unmoeglichkeit einer skeptischen Befriedigung der
mit sich selbst veruneinigten reinen Vernunft
3. Abschnitt. Die Disziplin der reinen Vernunft in Ansehung
der Hypothesen
4. Abschnitt. Die Disziplin der reinen Vernunft in Ansehung
ihrer Beweise
2. Hauptstueck. Der Kanon der reinen Vernunft
1. Abschnitt. Von dem letzten Zwecke des reinen Gebrauchs
unserer Vernunft
2. Abschnitt. Von dem Ideal des hoechsten Guts, als einem
Bestimmungsgrunde des letzten Zwecks der reinen Vernunft
3. Abschnitt. Vom Meinen, Wissen und Glauben
3. Hauptstueck. Die Architektonik der reinen Vernunft
4. Hauptstueck. Die Geschichte der reinen Vernunft



Baco de Verulamio

Instauratio magna. Praefatio.

De nobis ipsis silemus: De re autem, quae agitur, petimus: ut homines
eam non Opinionem, sed Opus esse cogitent; ac pro certo habeant, non
Sectae nos alicuius, aut Placiti, sed utilitatis et amplitudinis
humanae fundamenta moliri. Deinde ut suis commodis aequi in commune
consulant et ipsi in partem veniant. Praeterea ut bene sperent, neque
Instaurationem nostram ut quidam infinitum et ultra mortale fingant,
et animo concipiant; quum revera sit infiniti erroris finis et
terminus legitimus.

Sr. Exzellenz,
dem
Koenigl. Staatsminister
Freiherrn von Zedlitz

Gnaediger Herr!

Den Wachstum der Wissenschaften an seinem Teile befoerdern, heisst an
Ew. Exzellenz eigenem Interesse arbeiten; denn dieses ist mit jenen,
nicht bloss durch den erhabenen Posten eines Beschuetzers, sondern
durch das viel vertrautere eines Liebhabers und erleuchteten Kenners,
innigst verbunden. Deswegen bediene ich mich auch des einigen Mittels,
das gewissermassen in meinem Vermoegen ist, meine Dankbarkeit fuer das
gnaedige Zutrauen zu bezeigen, womit Ew. Exzellenz mich beehren, als
koenne ich zu dieser Absicht etwas beitragen.

Demselben gnaedigen Augenmerke, dessen Ew. Exzellenz die erste Auflage
dieses Werks gewuerdigt haben, widme ich nun auch diese zweite und
hiermit zugleich alle uebrige Angelegenheit meiner literarischen
Bestimmung, und bin mit der tiefsten Verehrung

Ew. Exzellenz
untertaenig gehorsamster
Diener
Koenigsberg
den 23sten April 1787 Immanuel Kant



Vorrede
zur zweiten Auflage

Ob die Bearbeitung der Erkenntnisse, die zum Vernunftgeschaefte
gehoeren, den sicheren Gang einer Wissenschaft gehe oder nicht,
das laesst sich bald aus dem Erfolg beurteilen. Wenn sie nach viel
gemachten Anstalten und Zuruestungen, sobald es zum Zweck kommt,
in Stecken geraet, oder, um diesen zu erreichen, oefters wieder
zurueckgehen und einen andern Weg einschlagen muss; imgleichen wenn es
nicht moeglich ist, die verschiedenen Mitarbeiter in der Art, wie die
gemeinschaftliche Absicht erfolgt werden soll, einhellig zu machen: so
kann man immer ueberzeugt sein, dass ein solches Studium bei weitem
noch nicht den sicheren Gang einer Wissenschaft eingeschlagen, sondern
ein blosses Herumtappen sei, und es ist schon ein Verdienst um die
Vernunft, diesen Weg womoeglich ausfindig zu machen, sollte auch
manches als vergeblich aufgegeben werden muessen, was in dem ohne
Ueberlegung vorher genommenen Zwecke enthalten war.

Dass die Logik diesen sicheren Gang schon von den aeltesten Zeiten
her gegangen sei, laesst sich daraus ersehen, dass sie seit dem
Aristoteles keinen Schritt rueckwaerts hat tun duerfen, wenn man ihr
nicht etwa die Wegschaffung einiger entbehrlicher Subtilitaeten, oder
deutlichere Bestimmung des Vorgetragenen als Verbesserungen anrechnen
will, welches aber mehr zur Eleganz, als zur Sicherheit der
Wissenschaft gehoert. Merkwuerdig ist noch an ihr, dass sie auch
bis jetzt keinen Schritt vorwaerts hat tun koennen, und also allem
Ansehen nach geschlossen und vollendet zu sein scheint. Denn, wenn
einige Neuere sie dadurch zu erweitern dachten, dass sie teils
psychologische Kapitel von den verschiedenen Erkenntniskraeften (der
Einbildungskraft, dem Witze), teils metaphysische ueber den Ursprung
der Erkenntnis oder der verschiedenen Art der Gewissheit nach
Verschiedenheit der Objekte (dem Idealismus, Skeptizismus usw.),
teils anthropologische von Vorurteilen (den Ursachen derselben und
Gegenmitteln) hineinschoben, so ruehrt dieses von ihrer Unkunde
der eigentuemlichen Natur dieser Wissenschaft her. Es ist nicht
Vermehrung, sondern Verunstaltung der Wissenschaften, wenn man ihre
Grenzen ineinander laufen laesst; die Grenze der Logik aber ist
dadurch ganz genau bestimmt, dass sie eine Wissenschaft ist, welche
nichts als die formalen Regeln alles Denkens (es mag a priori oder
empirisch sein, einen Ursprung oder Objekt haben, welches es wolle,
in unserem Gemuete zufaellige oder natuerliche Hindernisse antreffen)
ausfuehrlich darlegt und strenge beweist.

Dass es der Logik so gut gelungen ist, diesen Vorteil hat sie bloss
ihrer Eingeschraenktheit zu verdanken, dadurch sie berechtigt,
ja verbunden ist, von allen Objekten der Erkenntnis und ihrem
Unterschiede zu abstrahieren, und in ihr also der Verstand es mit
nichts weiter, als sich selbst und seiner Form, zu tun hat. Weit
schwerer musste es natuerlicherweise fuer die Vernunft sein, den
sicheren Weg der Wissenschaft einzuschlagen, wenn sie nicht bloss mit
sich selbst, sondern auch mit Objekten zu schaffen hat; daher jene
auch als Propaedeutik gleichsam nur den Vorhof der Wissenschaften
ausmacht, und wenn von Kenntnissen die Rede ist, man zwar eine Logik
zur Beurteilung derselben voraussetzt, aber die Erwerbung derselben in
eigentlich und objektiv so genannten Wissenschaften suchen muss.

Sofern in diesen nun Vernunft sein soll, so muss darin etwas a priori
erkannt werden, und ihre Erkenntnis kann auf zweierlei Art auf ihren
Gegenstand bezogen werden, entweder diesen und seinen Begriff (der
anderweitig gegeben werden muss) bloss zu bestimmen, oder ihn auch
wirklich zu machen. Die erste ist theoretische, die andere praktische
Erkenntnis der Vernunft. Von beiden muss der reine Teil, soviel oder
sowenig er auch enthalten mag, naemlich derjenige, darin Vernunft
gaenzlich a priori ihr Objekt bestimmt, vorher allein vorgetragen
werden, und dasjenige, was aus anderen Quellen kommt, damit nicht
vermengt werden, denn es gibt ueble Wirtschaft, wenn man blindlings
ausgibt, was einkommt, ohne nachher, wenn jene in Stecken geraet,
unterscheiden zu koennen, welcher Teil der Einnahme den Aufwand tragen
koenne, und von welcher man denselben beschneiden muss.

Mathematik und Physik sind die beiden theoretischen Erkenntnisse der
Vernunft, welche ihre Objekte a priori bestimmen sollen, die erstere
ganz rein, die zweite wenigstens zum Teil rein, dann aber auch nach
Massgabe anderer Erkenntnisquellen als der der Vernunft.

Die Mathematik ist von den fruehesten Zeiten her, wohin die Geschichte
der menschlichen Vernunft reicht, in dem bewundernswuerdigen Volke der
Griechen den sicheren Weg einer Wissenschaft gegangen. Allein man darf
nicht denken, dass es ihr so leicht geworden, wie der Logik, wo die
Vernunft es nur mit sich selbst zu tun hat, jenen koeniglichen Weg zu
treffen, oder vielmehr sich selbst zu bahnen; vielmehr glaube ich,
dass es lange mit ihr (vornehmlich noch unter den Aegyptern) beim
Herumtappen geblieben ist, und diese Umaenderung einer Revolution
zuzuschreiben sei, die der glueckliche Einfall eines einzigen Mannes
in einem Versuche zustande brachte, von welchem an die Bahn, die man
nehmen musste, nicht mehr zu verfehlen war, und der sichere Gang einer
Wissenschaft fuer alle Zeiten und in unendliche Weiten eingeschlagen
und vorgezeichnet war. Die Geschichte dieser Revolution der Denkart,
welche viel wichtiger war, als die Entdeckung des Weges um das
beruehmte Vorgebirge, und des Gluecklichen, der sie zustande brachte,
ist uns nicht aufbehalten. Doch beweist die Sage, welche Diogenes
der Laertier uns ueberliefert, der von den kleinsten, und, nach
dem gemeinen Urteil, gar nicht einmal eines Beweises benoetigten,
Elementen der geometrischen Demonstrationen den angeblichen Erfinder
nennt, dass das Andenken der Veraenderung, die durch die erste Spur
der Entdeckung dieses neuen Weges bewirkt wurde, den Mathematikern
aeusserst wichtig geschienen haben muesse, und dadurch unvergesslich
geworden sei. Dem ersten, der den gleichseitigen Triangel
demonstrierte (er mag nun Thales oder wie man will geheissen haben),
dem ging ein Licht auf; denn er fand, dass er nicht dem, was er in der
Figur sah, oder auch dem blossen Begriffe derselben nachspueren und
gleichsam davon ihre Eigenschaften ablernen, sondern durch das, was
er nach Begriffen selbst a priori hineindachte und darstellte (durch
Konstruktion), hervorbringen muesse, und dass er, um sicher etwas a
priori zu wissen, er der Sache nichts beilegen muesse, als was aus dem
notwendig folgte, was er seinem Begriffe gemaess selbst in sie gelegt
hat.

Mit der Naturwissenschaft ging es weit langsamer zu, bis sie den
Heeresweg der Wissenschaft traf, denn es sind nur etwa anderthalb
Jahrhunderte, dass der Vorschlag des sinnreichen Baco von Verulam
diese Entdeckung teils veranlasste, teils, da man bereits auf der Spur
derselben war, mehr belebte, welche eben sowohl durch eine schnell
vorgegangene Revolution der Denkart erklaert werden kann. Ich will
hier nur die Naturwissenschaft, so fern sie auf empirische Prinzipien
gegruendet ist, in Erwaegung ziehen.

Als Galilei seine Kugeln die schiefe Flaeche mit einer von ihm selbst
gewaehlten Schwere herabrollen, oder Torricelli die Luft ein Gewicht,
was er sich zum voraus dem einer ihm bekannten Wassersaeule gleich
gedacht hatte, tragen liess, oder in noch spaeterer Zeit Stahl Metalle
in Kalk und diesen wiederum in Metall verwandelte, indem er ihnen
etwas entzog und wiedergab*; so ging allen Naturforschern ein Licht
auf. Sie begriffen, dass die Vernunft nur das einsieht, was sie selbst
nach ihrem Entwurfe hervorbringt, dass sie mit Prinzipien ihrer
Urteile nach bestaendigen Gesetzen vorangehen und die Natur noetigen
muesse auf ihre Fragen zu antworten, nicht aber sich von ihr allein
gleichsam am Leitbande gaengeln lassen muesse; denn sonst haengen
zufaellige, nach keinem vorher entworfenen Plane gemachte
Beobachtungen gar nicht in einem notwendigen Gesetze zusammen, welches
doch die Vernunft sucht und bedarf. Die Vernunft muss mit ihren
Prinzipien, nach denen allein uebereinkommende Erscheinungen fuer
Gesetze gelten koennen, in einer Hand, und mit dem Experiment, das sie
nach jenen ausdachte, in der anderen, an die Natur gehen, zwar um von
ihr belehrt zu werden, aber nicht in der Qualitaet eines Schuelers,
der sich alles vorsagen laesst, was der Lehrer will, sondern eines
bestallten Richters, der die Zeugen noetigt, auf die Fragen zu
antworten, die er ihnen vorlegt. Und so hat sogar Physik die so
vorteilhafte Revolution ihrer Denkart lediglich dem Einfalle
zu verdanken, demjenigen, was die Vernunft selbst in die Natur
hineinlegt, gemaess, dasjenige in ihr zu suchen (nicht ihr
anzudichten), was sie von dieser lernen muss, und wovon sie fuer sich
selbst nichts wissen wuerde. Hierdurch ist die Naturwissenschaft
allererst in den sicheren Gang einer Wissenschaft gebracht worden,
da sie so viel Jahrhunderte durch nichts weiter als ein blosses
Herumtappen gewesen war.

* Ich folge hier nicht genau dem Faden der Geschichte der
Experimentalmethode, deren erste Anfaenge auch nicht wohl bekannt
sind.

Der Metaphysik, einer ganz isolierten spekulativen Vernunfterkenntnis,
die sich gaenzlich ueber Erfahrungsbelehrung erhebt, und zwar durch
blosse Begriffe (nicht wie Mathematik durch Anwendung derselben auf
Anschauung), wo also Vernunft selbst ihr eigener Schueler sein soll,
ist das Schicksal bisher noch so guenstig nicht gewesen, dass sie den
sicheren Gang einer Wissenschaft einzuschlagen vermocht haette; ob sie
gleich aelter ist, als alle uebrige, und bleiben wuerde, wenn gleich
die uebrigen insgesamt in dem Schlunde einer alles vertilgenden
Barbarei gaenzlich verschlungen werden sollten. Denn in ihr geraet
die Vernunft kontinuierlich in Stecken, selbst wenn sie diejenigen
Gesetze, welche die gemeinste Erfahrung bestaetigt, (wie sie sich
anmasst) a priori einsehen will. In ihr muss man unzaehlige Male den
Weg zurueck tun, weil man findet, dass er dahin nicht fuehrt, wo man
hin will, und was die Einhelligkeit ihrer Anhaenger in Behauptungen
betrifft, so ist sie noch so weit davon entfernt, dass sie vielmehr
ein Kampfplatz ist, der ganz eigentlich dazu bestimmt zu sein scheint,
seine Kraefte im Spielgefechte zu ueben, auf dem noch niemals irgend
ein Fechter sich auch den kleinsten Platz hat erkaempfen und auf
seinen Sieg einen dauerhaften Besitz gruenden koennen. Es ist also
kein Zweifel, dass ihr Verfahren bisher ein blosses Herumtappen, und,
was das Schlimmste ist, unter blossen Begriffen, gewesen sei.

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