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Kritik der reinen Vernunft (2nd Edition) by Immanuel Kant

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Wenn man die zwei Saetze: die Welt ist der Groesse nach unendlich, die
Welt ist ihrer Groesse nach endlich, als einander kontradiktorisch
entgegengesetzte ansieht, so nimmt man an, dass die Welt (die ganze
Reihe der Erscheinungen) ein Ding an sich selbst sei. Denn sie bleibt,
ich mag den unendlichen oder endlichen Regressus in der Reihe ihrer
Erscheinungen aufheben. Nehme ich aber diese Voraussetzung, oder
diesen transzendentalen Schein weg, und leugne, dass sie ein Ding an
sich selbst sei, so verwandelt sich der kontradiktorische Widerstreit
beider Behauptungen in einen bloss dialektischen, und weil die Welt
gar nicht an sich (unabhaengig von der regressiven Reihe meiner
Vorstellungen) existiert, so existiert sie weder als ein an sich
unendliches, noch als ein an sich endliches Ganzes. Sie ist nur im
empirischen Regressus der Reihe der Erscheinungen und fuer sich selbst
gar nicht anzutreffen. Daher, wenn diese jederzeit bedingt ist, so
ist sie niemals ganz gegeben, und die Welt ist also kein unbedingtes
Ganzes, existiert also auch nicht als ein solches, weder mit
unendlicher, noch endlicher Groesse.

Was hier von der ersten kosmologischen Idee, naemlich der absoluten
Totalitaet der Groesse in der Erscheinung gesagt worden, gilt auch von
allen uebrigen. Die Reihe der Bedingungen ist nur in der regressiven
Synthesis selbst, nicht aber an sich in der Erscheinung, als einem
eigenen, vor allem Regressus gegebenen Dinge, anzutreffen. Daher
werde ich auch sagen muessen: die Menge der Teile in einer gegebenen
Erscheinung ist an sich weder endlich, noch unendlich, weil
Erscheinung nichts an sich selbst Existierendes ist, und die Teile
allererst durch den Regressus der dekomponierenden Synthesis, und in
demselben, gegeben werden, welcher Regressus niemals schlechthin ganz,
weder als endlich, noch als unendlich gegeben ist. Eben das gilt von
der Reihe der uebereinander geordneten Ursachen, oder der bedingten
bis zur unbedingt notwendigen Existenz, welche niemals weder an sich
ihrer Totalitaet nach als endlich, noch als unendlich angesehen
werden kann, weil sie als Reihe subordinierter Vorstellungen nur im
dynamischen Regressus besteht, vor demselben aber, und als fuer sich
bestehende Reihe von Dingen, an sich selbst gar nicht existieren kann.

So wird demnach die Antinomie der reinen Vernunft bei ihren
kosmologischen Ideen gehoben, dadurch, dass gezeigt wird, sie sei
bloss dialektisch und ein Widerstreit eines Scheins, der daher
entspringt, dass man die Idee der absoluten Totalitaet, welche nur
als eine Bedingung der Dinge an sich selbst gilt, auf Erscheinungen
angewandt hat, die nur in der Vorstellung, und, wenn sie eine Reihe
ausmachen, im sukzessiven Regressus, sonst aber gar nicht existieren.
Man kann aber auch umgekehrt aus dieser Antinomie einen wahren, zwar
nicht dogmatischen, aber doch so kritischen und doktrinalen Nutzen
ziehen: naemlich die transzendentale Idealitaet der Erscheinungen
dadurch indirekt zu beweisen, wenn jemand etwa an dem direkten Beweise
in der transzendentalen Aesthetik nicht genug haette. Der Beweis
wuerde in diesem Dilemma bestehen. Wenn die Welt ein an sich
existierendes Ganzes ist: so ist sie entweder endlich, oder unendlich.
Nun ist das erstere sowohl als das zweite falsch (laut der oben
angefuehrten Beweise der Antithesis, einer-, und der Thesis
andererseits). Also ist es auch falsch, dass die Welt (der Inbegriff
aller Erscheinungen) ein an sich existierendes Ganzes sei. Woraus denn
folgt, dass Erscheinungen ueberhaupt ausser unseren Vorstellungen
nichts sind, welches wir eben durch die transzendentale Idealitaet
derselben sagen wollten.

Diese Anmerkung ist von Wichtigkeit. Man sieht daraus, dass die obigen
Beweise der vierfachen Antinomie nicht Blendwerke, sondern gruendlich
waren, unter der Voraussetzung naemlich, dass Erscheinungen oder eine
Sinnenwelt, die sie insgesamt in sich begreift, Dinge an sich selbst
waeren. Der Widerstreit der daraus gezogenen Saetze entdeckt aber,
dass in der Voraussetzung eine Falschheit liege, und bringt uns
dadurch zu einer Entdeckung der wahren Beschaffenheit der Dinge,
als Gegenstaende der Sinne. Die transzendentale Dialektik tut also
keineswegs dem Skeptizism einigen Vorschub, wohl aber der skeptischen
Methode, welche an ihr ein Beispiel ihres grossen Nutzens aufweisen
kann, wenn man die Argumente der Vernunft in ihrer groessten Freiheit
gegeneinander auftreten laesst, die, ob sie gleich zuletzt nicht
dasjenige, was man suchte, dennoch jederzeit etwas Nuetzliches und zur
Berichtigung unserer Urteile Dienliches, liefern werden.



Der Antinomie der reinen Vernunft
Achter Abschnitt
Regulatives Prinzip der reinen Vernunft in Ansehung der kosmologischen
Ideen

Da durch den kosmologischen Grundsatz der Totalitaet kein Maximum der
Reihe von Bedingungen in einer Sinnenwelt, als einem Dinge an sich
selbst, gegeben wird, sondern bloss im Regressus derselben aufgegeben
werden kann, so behaelt der gedachte Grundsatz der reinen Vernunft,
in seiner dergestalt berichtigten Bedeutung, annoch seine gute
Gueltigkeit, zwar nicht als Axiom, die Totalitaet im Objekt als
wirklich zu denken, sondern als ein Problem fuer den Verstand, also
fuer das Subjekt, um, der Vollstaendigkeit in der Idee gemaess, den
Regressus in der Reihe der Bedingungen zu einem gegebenen Bedingten
anzustellen und fortzusetzen. Denn in der Sinnlichkeit, d.i. im
Raume und der Zeit, ist jede Bedingung, zu der wir in der Exposition
gegebener Erscheinungen gelangen koennen, wiederum bedingt; weil
diese keine Gegenstaende an sich selbst sind, an denen allenfalls das
Schlechthinunbedingte stattfinden koennte, sondern bloss empirische
Vorstellungen, die jederzeit in der Anschauung ihre Bedingung finden
muessen, welche sie dem Raume oder der Zeit nach bestimmt. Der
Grundsatz der Vernunft also ist eigentlich nur eine Regel, welche in
der Reihe der Bedingungen gegebener Erscheinungen einen Regressus
gebietet, dem es niemals erlaubt ist, bei einem Schlechthinunbedingten
stehen zu bleiben. Er ist also kein Prinzipium der Moeglichkeit der
Erfahrung und der empirischen Erkenntnis der Gegenstaende der Sinne,
mithin kein Grundsatz des Verstandes; denn jede Erfahrung ist in ihren
Grenzen (der gegebenen Anschauung gemaess) eingeschlossen, auch kein
konstitutives Prinzip der Vernunft, den Begriff der Sinnenwelt ueber
alle moegliche Erfahrung zu erweitern, sondern ein Grundsatz der
groesstmoeglichen Fortsetzung und Erweiterung der Erfahrung, nach
welchem keine empirische Grenze fuer absolute Grenze gelten muss, also
ein Prinzipium der Vernunft, welches, als Regel, postuliert, was von
uns im Regressus geschehen soll, und nicht antizipiert, was im Objekte
vor allem Regressus an sich gegeben ist. Daher nenne ich es ein
regulatives Prinzip der Vernunft, da hingegen der Grundsatz der
absoluten Totalitaet der Reihe der Bedingungen, als im Objekte
(den Erscheinungen) an sich selbst gegeben, ein konstitutives
kosmologisches Prinzip sein wuerde, dessen Nichtigkeit ich eben durch
diese Unterscheidung habe anzeigen und dadurch verhindern wollen, dass
man nicht, wie sonst unvermeidlich geschieht, (durch transzendentale
Subreption,) einer Idee, welche bloss zur Regel dient, objektive
Realitaet beimesse.

Um nun den Sinn dieser Regel der reinen Vernunft gehoerig zu
bestimmen, so ist zuvoerderst zu bemerken, dass sie nicht sagen
koenne, was das Objekt sei, sondern wie der empirische Regressus
anzustellen sei, um zu dem vollstaendigen Begriffe des Objekts
zu gelangen. Denn, faende das erstere statt, so wuerde sie ein
konstitutives Prinzipium sein, dergleichen aus reiner Vernunft niemals
moeglich ist. Man kann also damit keineswegs die Absicht haben, zu
sagen, die Reihe der Bedingungen zu einem gegebenen Bedingten sei an
sich endlich, oder unendlich; denn dadurch wuerde eine blosse Idee
der absoluten Totalitaet, die lediglich in ihr selbst geschaffen ist,
einen Gegenstand denken, der in keiner Erfahrung gegeben werden kann,
indem einer Reihe von Erscheinungen eine von der empirischen Synthesis
unabhaengige objektive Realitaet erteilt wuerde. Die Vernunftidee wird
also nur der regressiven Synthesis in der Reihe der Bedingungen eine
Regel vorschreiben, nach welcher sie vom Bedingten, vermittelst aller
einander untergeordneten Bedingungen, zum Unbedingten fortgeht,
obgleich dieses niemals erreicht wird. Denn das Schlechthinunbedingte
wird in der Erfahrung gar nicht angetroffen.

Zu diesem Ende ist nun erstlich die Synthesis einer Reihe, sofern
sie niemals vollstaendig ist, genau zu bestimmen. Man bedient
sich in dieser Absicht gewoehnlich zweier Ausdruecke, die darin
etwas unterscheiden sollen, ohne dass man doch den Grund dieser
Unterscheidung recht anzugeben weiss. Die Mathematiker sprechen
lediglich von einem progressus in infinitum. Die Forscher der Begriffe
(Philosophen) wollen an dessen Statt nur den Ausdruck von einem
progressus in indefinitum gelten lassen. Ohne mich bei der Pruefung
der Bedenklichkeit, die diesen eine solche Unterscheidung angeraten
hat, und dem guten oder fruchtlosen Gebrauch derselben aufzuhalten,
will ich diese Begriffe in Beziehung auf meine Absicht genau zu
bestimmen suchen.

Von einer geraden Linie kann man mit Recht sagen, sie koenne ins
Unendliche verlaengert werden, und hier wuerde die Unterscheidung
des Unendlichen und des unbestimmbar weiten Fortgangs (progressus in
indefinitum) eine leere Subtilitaet sein. Denn, obgleich, wenn es
heisst: ziehet eine Linie fort, es freilich richtiger lautet, wenn man
hinzusetzt, in indefinitum, als wenn es heisst, in infinitum; weil das
erstere nicht mehr bedeutet, als: verlaengert sie, so weit ihr wollt,
das zweite aber: ihr sollt niemals aufhoeren sie zu verlaengern,
(welches hierbei eben nicht die Absicht ist,) so ist doch, wenn nur
vom koennen die Rede ist, der erstere Ausdruck ganz richtig; denn
ihr koennt sie ins Unendliche immer groesser machen. Und so verhaelt
es sich auch in allen Faellen, wo man nur vom Progressus, d.i. dem
Fortgange von der Bedingung zum Bedingten, spricht; dieser moegliche
Fortgang geht in der Reihe der Erscheinungen ins Unendliche. Von einem
Elternpaar koennt ihr in absteigender Linie der Zeugung ohne Ende
fortgehen und euch auch ganz wohl denken, dass sie wirklich in der
Welt so fortgehe. Denn hier bedarf die Vernunft niemals absolute
Totalitaet der Reihe, weil sie solche nicht als Bedingung und wie
gegeben (datum) vorausgesetzt, sondern nur als was Bedingtes, das nur
angeblich (dabile) ist, und ohne Ende hinzugesetzt wird.

Ganz anders ist es mit der Aufgabe bewandt: wie weit sich der
Regressus, der von dem gegebenen Bedingten zu den Bedingungen in einer
Reihe aufsteigt, erstrecke, ob ich sagen koenne: es sei ein Rueckgang
ins Unendliche, oder nur ein unbestimmbar weit (in indefinitum)
sich erstreckender Rueckgang, und ob ich also von den jetztlebenden
Menschen, in der Reihe ihrer Voreltern, ins Unendliche aufwaerts
steigen koenne, oder ob nur gesagt werden koenne: dass, so weit ich
auch zurueckgegangen bin, niemals ein empirischer Grund angetroffen
werde, die Reihe irgendwo fuer begrenzt zu halten, so dass ich
berechtigt und zugleich verbunden bin, zu jedem der Urvaeter
noch fernerhin seinen Vorfahren aufzusuchen, obgleich eben nicht
vorauszusetzen.

Ich sage demnach: wenn das Ganze in der empirischen Anschauung gegeben
worden, so geht der Regressus in der Reihe seiner inneren Bedingungen
ins Unendliche. Ist aber nur ein Glied der Reihe gegeben, von welchem
der Regressus zur absoluten Totalitaet allererst fortgehen soll: so
findet nur ein Rueckgang in unbestimmte Weise (in indefinitum) statt.
So muss von der Teilung einer zwischen ihren Grenzen gegebenen Materie
(eines Koerpers) gesagt werden: sie gehe ins Unendliche. Denn diese
Materie ist ganz, folglich mit allen ihren moeglichen Teilen, in der
empirischen Anschauung gegeben. Da nun die Bedingung dieses Ganzen
sein Teil, und die Bedingung dieses Teils der Teil vom Teile usw. ist,
und in diesem Regressus der Dekomposition niemals ein unbedingtes
(unteilbares) Glied dieser Reihe von Bedingungen angetroffen wird,
so ist nicht allein nirgend ein empirischer Grund, in der Teilung
aufzuhoeren, sondern die ferneren Glieder der fortzusetzenden Teilung
sind selbst vor dieser weitergehenden Teilung empirisch gegeben, d.i.
die Teilung geht ins Unendliche. Dagegen ist die Reihe der Voreltern
zu einem gegebenen Menschen in keiner moeglichen Erfahrung, in ihrer
absoluten Totalitaet, gegeben, der Regressus aber geht doch von jedem
Gliede dieser Zeugung zu einem hoeheren, so, dass keine empirische
Grenze anzutreffen ist, die ein Glied, als schlechthin unbedingt,
darstellte. Da aber gleichwohl auch die Glieder, die hierzu die
Bedingung abgeben koennten, nicht in der empirischen Anschauung des
Ganzen schon vor dem Regressus liegen: so geht dieser nicht ins
Unendliche (der Teilung des Gegebenen), sondern in unbestimmbare
Weite, der Aufsuchung mehrerer Glieder zu den gegebenen, die wiederum
jederzeit nur bedingt gegeben sind.

In keinem von beiden Faellen, sowohl dem regressus in infinitum, als
dem in indefinitum, wird die Reihe der Bedingungen als unendlich im
Objekt gegeben angesehen. Es sind nicht Dinge, die an sich selbst,
sondern nur Erscheinungen, die, als Bedingungen voneinander, nur im
Regressus selbst gegeben werden. Also ist die Frage nicht mehr: wie
gross diese Reihe der Bedingungen an sich selbst sei, ob endlich oder
unendlich, denn sie ist nichts an sich selbst, sondern: wie wir den
empirischen Regressus anstellen, und wie weit wir ihn fortsetzen
sollen. Und da ist denn ein namhafter Unterschied in Ansehung der
Regel dieses Fortschritts. Wenn das Ganze empirisch gegeben worden,
so ist es moeglich, ins Unendliche in der Reihe seiner inneren
Bedingungen zurueckzugehen. Ist jenes aber nicht gegeben, sondern soll
durch empirischen Regressus allererst gegeben werden, so kann ich nur
sagen: es ist ins Unendliche moeglich, zu noch hoeheren Bedingungen
der Reihe fortzugehen. Im ersteren Falle konnte ich sagen: es sind
immer mehr Glieder da, und empirisch gegeben, als ich durch den
Regressus (der Dekomposition) erreiche; im zweiten aber: ich kann im
Regressus noch immer weiter gehen, weil kein Glied als schlechthin
unbedingt empirisch gegeben ist, und also noch immer ein hoeheres
Glied als moeglich und mithin die Nachfrage nach demselben als
notwendig zulaesst. Dort war es notwendig, mehr Glieder der Reihe
anzutreffen, hier aber ist es immer notwendig, nach mehreren zu
fragen, weil keine Erfahrung absolut begrenzt. Denn ihr habt entweder
keine Wahrnehmung, die euren empirischen Regressus schlechthin
begrenzt, und dann muesst ihr euren Regressus nicht fuer vollendet
halten, oder habt eine solche eure Reihe begrenzende Wahrnehmung, so
kann diese nicht ein Teil eurer zurueckgelegten Reihe sein, (weil das,
was begrenzt, von dem, was dadurch begrenzt wird, unterschieden sein
muss,) und ihr muesst also euren Regressus auch zu dieser Bedingung
weiter fortsetzen, und so fortan.

Der folgende Abschnitt wird diese Bemerkungen durch ihre Anwendung in
ihr gehoeriges Licht setzen.




Der Antinomie der reinen Vernunft
Neunter Abschnitt
Von dem empirischen Gebrauche des regulativen Prinzips der Vernunft,
in Ansehung aller kosmologischen Ideen

Da es, wie wir mehrmalen gezeigt haben, keinen transzendentalen
Gebrauch so wenig von reinen Verstandes- als Vernunftbegriffen
gibt, da die absolute Totalitaet der Reihen der Bedingungen in
der Sinnenwelt sich lediglich auf einen transzendentalen Gebrauch
der Vernunft fusst, welche diese unbedingte Vollstaendigkeit von
demjenigen fordert, was sie als Ding an sich selbst voraussetzt; da
die Sinnenwelt aber dergleichen nicht enthaelt, so kann die Rede
niemals mehr von der absoluten Groesse der Reihen in derselben sein,
ob sie begrenzt, oder an sich unbegrenzt sein moegen, sondern nur, wie
weit wir im empirischen Regressus, bei Zurueckfuehrung der Erfahrung
auf ihre Bedingungen, zurueckgehen sollen, um nach der Regel der
Vernunft bei keiner anderen, als dem Gegenstande angemessenen
Beantwortung der Fragen derselben stehenzubleiben.

Es ist also nur die Gueltigkeit des Vernunftprinzips, als einer Regel
der Fortsetzung und Groesse einer moeglichen Erfahrung, die uns allein
uebrig bleibt, nachdem seine Ungueltigkeit, als eines konstitutiven
Grundsatzes der Erscheinungen an sich selbst, hinlaenglich dargetan
worden. Auch wird, wenn wir jene ungezweifelt vor Augen legen koennen,
der Streit der Vernunft mit sich selbst voellig geendigt, indem
nicht allein durch kritische Aufloesung der Schein, der sie mit sich
entzweite, aufgehoben worden, sondern an dessen Statt der Sinn, in
welchem sie mit sich selbst zusammenstimmt und dessen Missdeutung
allein den Streit veranlasste, aufgeschlossen, und ein sonst
dialektischer Grundsatz in einen doktrinalen verwandelt wird.
In der Tat, wenn dieser, seiner subjektiven Bedeutung nach,
den groesstmoeglichen Verstandesgebrauch in der Erfahrung den
Gegenstaenden derselben angemessen zu bestimmen, bewaehrt werden kann:
so ist es gerade ebensoviel, als ob er wie ein Axiom (welches aus
reiner Vernunft unmoeglich ist) die Gegenstaende an sich selbst a
priori bestimmte; denn auch dieses koennte in Ansehung der Objekte
der Erfahrung keinen groesseren Einfluss auf die Erweiterung und
Berichtigung unserer Erkenntnis haben, als dass es sich in dem
ausgebreitetsten Erfahrungsgebrauche unseres Verstandes taetig
bewiese.



I. Aufloesung der kosmologischen Idee
von der Totalitaet der Zusammensetzung der Erscheinungen von einem
Weltganzen

Sowohl hier, als bei den uebrigen kosmologischen Fragen, ist der Grund
des regulativen Prinzips der Vernunft der Satz: dass im empirischen
Regressus keine Erfahrung von einer absoluten Grenze, mithin von
keiner Bedingung, als einer solchen, die empirisch schlechthin
unbedingt sei, angetroffen werden koenne. Der Grund davon aber ist:
dass eine dergleichen Erfahrung eine Begrenzung der Erscheinungen
durch Nichts, oder das Leere, darauf der fortgefuehrte Regressus
vermittelst einer Wahrnehmung stossen koennte, in sich enthalten
muesste, welches unmoeglich ist.

Dieser Satz nun, der ebensoviel sagt, als: dass ich im empirischen
Regressus jederzeit nur zu einer Bedingung gelange, die selbst
wiederum als empirisch bedingt angesehen werden muss, enthaelt die
Regel in terminis: dass, so weit ich auch damit in der aufsteigenden
Reihe gekommen sein moege, ich jederzeit nach einem hoeheren Gliede
der Reihe fragen muesse, es mag mir dieses nun durch Erfahrung bekannt
werden, oder nicht.

Nun ist zur Aufloesung der ersten kosmologischen Aufgabe nichts weiter
noetig, als noch auszumachen: ob in dem Regressus zu der unbedingten
Groesse des Weltganzen (der Zeit und dem Raume nach) dieses niemals
begrenzte Aufsteigen ein Rueckgang ins Unendliche heissen koenne, oder
nur ein unbestimmbar fortgesetzter Regressus (in indefinitum).

Die blosse allgemeine Vorstellung der Reihe aller vergangenen
Weltzustaende, imgleichen der Dinge, welche im Weltraume zugleich
sind, ist selbst nichts anderes, als ein moeglicher empirischer
Regressus, den ich mir, obzwar noch unbestimmt, denke, und wodurch
der Begriff einer solchen Reihe von Bedingungen zu der gegebenen
Wahrnehmung allein entstehen kann*. Nun habe ich das Weltganze
jederzeit nur im Begriffe, keineswegs aber (als Ganzes) in der
Anschauung. Also kann ich nicht von seiner Groesse auf die Groesse des
Regressus schliessen, und diese jener gemaess bestimmen, sondern ich
muss mir allererst einen Begriff von der Weltgroesse durch die Groesse
des empirischen Regressus machen. Von diesem aber weiss ich niemals
etwas mehr, als dass ich von jedem gegebenen Gliede der Reihe von
Bedingungen immer noch zu einem hoeheren (entfernteren) Gliede
empirisch fortgehen muesse. Also ist dadurch die Groesse des Ganzen
der Erscheinungen gar nicht schlechthin bestimmt, mithin kann man auch
nicht sagen, dass dieser Regressus ins Unendliche gehe, weil dieses
die Glieder, dahin der Regressus noch nicht gelangt ist, antizipieren
und ihre Menge so gross vorstellen wuerde, dass keine empirische
Synthesis dazu gelangen kann, folglich die Weltgroesse vor dem
Regressus (wenn gleich nur negativ) bestimmen wuerde, welches
unmoeglich ist. Denn diese ist mir durch keine Anschauung (ihrer
Totalitaet nach) mithin auch ihre Groesse vor dem Regressus gar nicht
gegeben. Demnach koennen wir von der Weltgroesse an sich gar nichts
sagen, auch nicht einmal, dass in ihr ein regressus in infinitum
stattfinde, sondern muessen nur nach der Regel, die den empirischen
Regressus in ihr bestimmt, den Begriff von ihrer Groesse suchen. Diese
Regel aber sagt nichts mehr, als dass, so weit wir auch in der Reihe
der empirischen Bedingungen gekommen sein moegen, wir nirgend eine
absolute Grenze annehmen sollen, sondern jede Erscheinung, als
bedingt, einer anderen, als ihrer Bedingung, unterordnen, zu
dieser also ferner fortschreiten muessen, welches der regressus in
indefinitum ist, der, weil er keine Groesse im Objekt bestimmt, von
dem in infinitum deutlich genug zu unterscheiden ist.

* Diese Weltreihe kann also auch weder groesser, noch kleiner sein,
als der moegliche empirische Regressus, auf dem allein ihr Begriff
beruht. Und da dieser kein bestimmtes Unendliches, ebensowenig aber
auch ein bestimmtendliches (schlechthin Begrenztes) geben kann:
so ist daraus klar, dass wir die Weltgroesse weder als endlich,
noch unendlich annehmen koennen, weil der Regressus (dadurch jene
vorgestellt wird) keines von beiden zulaesst.

Ich kann demnach nicht sagen: die Welt ist der vergangenen Zeit,
oder dem Raume nach unendlich. Denn dergleichen Begriff von Groesse,
als einer gegebenen Unendlichkeit, ist empirisch, mithin auch in
Ansehung der Welt, als eines Gegenstandes der Sinne, schlechterdings
unmoeglich. Ich werde auch nicht sagen: der Regressus von einer
gegebenen Wahrnehmung an, zu allen dem, was diese im Raume sowohl, als
der vergangenen Zeit, in einer Reihe begrenzt, geht ins Unendliche;
denn dieses setzt die unendliche Weltgroesse voraus; auch nicht:
sie ist endlich; denn die absolute Grenze ist gleichfalls empirisch
unmoeglich. Demnach werde ich nichts von dem ganzen Gegenstande der
Erfahrung (der Sinnenwelt), sondern nur von der Regel, nach welcher
Erfahrung ihrem Gegenstande angemessen, angestellt und fortgesetzt
werden soll, sagen koennen.

Auf die kosmologische Frage also, wegen der Weltgroesse, ist die erste
und negative Antwort: die Welt hat keinen ersten Anfang der Zeit und
keine aeusserste Grenze dem Raume nach.

Denn im entgegengesetzten Falle wuerde sie durch die leere Zeit
einer-, und durch den leeren Raum andererseits begrenzt sein. Da sie
nun, als Erscheinung, keines von beiden an sich selbst sein kann, denn
Erscheinung ist kein Ding an sich selbst, so muesste eine Wahrnehmung
der Begrenzung durch schlechthin leere Zeit, oder leeren Raum,
moeglich sein, durch welche diese Weltenden in einer moeglichen
Erfahrung gegeben waeren. Eine solche Erfahrung aber, als voellig
leer an Inhalt, ist unmoeglich. Also ist eine absolute Weltgrenze
empirisch, mithin auch schlechterdings unmoeglich*.

* Man wird bemerken: dass der Beweis hier auf ganz andere Art gefuehrt
worden, als der dogmatische, oben in der Antithesis der ersten
Antinomie. Daselbst hatten wir die Sinnenwelt, nach der gemeinen und
dogmatischen Vorstellungsart, fuer ein Ding, was an sich selbst, vor
allem Regressus, seiner Totalitaet nach gegeben war, gelten lassen,
und hatten ihr, wenn sie nicht alle Zeit und alle Raeume einnaehme,
ueberhaupt irgendeine bestimmte Stelle in beiden abgesprochen. Daher
war die Folgerung auch anders, als hier, naemlich es wurde auf die
wirkliche Unendlichkeit derselben geschlossen.

Hieraus folgt denn zugleich die bejahende Antwort: der Regressus in
der Reihe der Welterscheinungen, als eine Bestimmung der Weltgroesse,
geht in indefinitum, welches ebenso viel sagt, als: die Sinnenwelt hat
keine absolute Groesse, sondern der empirische Regressus (wodurch sie
auf der Seite ihrer Bedingungen allein gegeben werden kann) hat seine
Regel, naemlich von einem jeden Gliede der Reihe, als einem Bedingten,
jederzeit zu einem noch entfernteren (es sei durch eigene Erfahrung,
oder den Leitfaden der Geschichte, oder die Kette der Wirkungen
und ihrer Ursachen,) fortzuschreiten, und sich der Erweiterung
des moeglichen empirischen Gebrauchs seines Verstandes nirgend zu
ueberheben, welches denn auch das eigentliche und einzige Geschaeft
der Vernunft bei ihren Prinzipien ist.

Ein bestimmter empirischer Regressus, der in einer gewissen Art
von Erscheinungen ohne Aufhoeren fortginge, wird hierdurch nicht
vorgeschrieben, z.B. dass man von einem lebenden Menschen immer in
einer Reihe von Voreltern aufwaerts steigen muesse, ohne ein erstes
Paar zu erwarten, oder in der Reihe der Weltkoerper, ohne eine
aeusserste Sonne zuzulassen; sondern es wird nur der Fortschritt von
Erscheinungen zu Erscheinungen geboten, sollten diese auch keine
wirkliche Wahrnehmung (wenn sie dem Grade nach fuer unser Bewusstsein
zu schwach ist, um Erfahrung zu werden) abgeben, weil sie dem
ungeachtet doch zur moeglichen Erfahrung gehoeren.

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