Kritik der reinen Vernunft (2nd Edition) by Immanuel Kant
I >>
Immanuel Kant >> Kritik der reinen Vernunft (2nd Edition)
Pages:
1 |
2 |
3 |
4 | 5 |
6 |
7 |
8 |
9 |
10 |
11 |
12 |
13 |
14 |
15 |
16 |
17 |
18 |
19 |
20 |
21 |
22 |
23 |
24 |
25 |
26 |
27 |
28 |
29 |
30 |
31 |
32 |
33 |
34 |
35 |
36 |
37 |
38 |
39 |
40 |
41 |
42 |
43 |
44 |
45 |
46 |
47 |
48 |
49 |
50 |
51
Zur Kritik der reinen Vernunft gehoert demnach alles, was die
Transzendental-Philosophie ausmacht, und sie ist die vollstaendige
Idee der Transzendental-Philosophie, aber diese Wissenschaft noch
nicht selbst; weil sie in der Analysis nur so weit geht, als es zur
vollstaendigen Beurteilung der synthetischen Erkenntnis a priori
erforderlich ist.
Das vornehmste Augenmerk bei der Einteilung einer solchen Wissenschaft
ist: dass gar keine Begriffe hineinkommen muessen, die irgend etwas
Empirisches in sich enthalten; oder dass die Erkenntnis a priori
voellig rein sei. Daher, obzwar die obersten Grundsaetze der
Moralitaet und die Grundbegriffe derselben, Erkenntnisse a priori
sind, so gehoeren sie doch nicht in die Transzendental-Philosophie,
weil sie die Begriffe der Lust und Unlust, der Begierden und Neigungen
usw., die insgesamt empirischen Ursprungs sind, zwar selbst nicht zum
Grunde ihrer Vorschriften legen, aber doch im Begriffe der Pflicht,
als Hindernis, das ueberwunden, oder als Anreiz, der nicht zum
Bewegungsgrunde gemacht werden soll, notwendig in die Abfassung des
Systems der reinen Sittlichkeit mit hineinziehen muessen. Daher ist
die Transzendental-Philosophie eine Weltweisheit der reinen bloss
spekulativen Vernunft. Denn alles Praktische, sofern es Triebfedern
enthaelt, bezieht sich auf Gefuehle, welche zu empirischen
Erkenntnisquellen gehoeren.
Wenn man nun die Einteilung dieser Wissenschaft aus dem allgemeinen
Gesichtspunkte eines Systems ueberhaupt anstellen will, so muss die,
welche wir jetzt vortragen, erstlich eine Elementar-Lehre, zweitens
eine Methoden-Lehre der reinen Vernunft enthalten. Jeder dieser
Hauptteile wuerde seine Unterabteilung haben, deren Gruende sich
gleichwohl hier noch nicht vortragen lassen. Nur so viel scheint
zur Einleitung, oder Vorerinnerung, noetig zu sein, dass es zwei
Staemme der menschlichen Erkenntnis gebe, die vielleicht aus einer
gemeinschaftlichen, aber uns unbekannten Wurzel entspringen, naemlich
Sinnlichkeit und Verstand, durch deren ersteren uns Gegenstaende
gegeben, durch den zweiten aber gedacht werden. Sofern nun die
Sinnlichkeit Vorstellungen a priori enthalten sollte, welche die
Bedingung ausmachen, unter der uns Gegenstaende gegeben werden,
so wuerde sie zur Transzendental-Philosophie gehoeren. Die
transzendentale Sinnenlehre wuerde zum ersten Teile der
Elementarwissenschaft gehoeren muessen, weil die Bedingungen, worunter
allein die Gegenstaende der menschlichen Erkenntnis gegeben werden,
denjenigen vorgehen, unter welchen selbige gedacht werden.
Kritik der reinen Vernunft
I. Transzendentale Elementarlehre
Der transzendentalen Elementarlehre
Erster Teil
Die transzendentale Aesthetik
Paragraph 1
Auf welche Art und durch welche Mittel sich auch immer eine Erkenntnis
auf Gegenstaende beziehen mag, es ist doch diejenige, wodurch sie sich
auf dieselbe unmittelbar bezieht, und worauf alles Denken als Mittel
abzweckt, die Anschauung. Diese findet aber nur statt, sofern uns
der Gegenstand gegeben wird; dieses aber ist wiederum, uns Menschen
wenigstens, nur dadurch moeglich, dass er das Gemuet auf gewisse
Weise affiziere. Die Faehigkeit (Rezeptivitaet), Vorstellungen durch
die Art, wie wir von Gegenstaenden affiziert werden, zu bekommen,
heisst Sinnlichkeit. Vermittelst der Sinnlichkeit also werden uns
Gegenstaende gegeben, und sie allein liefert uns Anschauungen;
durch den Verstand aber werden sie gedacht, und von ihm entspringen
Begriffe. Alles Denken aber muss sich, es sei geradezu (direkte) oder
im Umschweife (indirekte), vermittelst gewisser Merkmale, zuletzt auf
Anschauungen, mithin, bei uns, auf Sinnlichkeit beziehen, weil uns auf
andere Weise kein Gegenstand gegeben werden kann.
Die Wirkung eines Gegenstandes auf die Vorstellungsfaehigkeit,
sofern wir von demselben affiziert werden, ist Empfindung. Diejenige
Anschauung, welche sich auf den Gegenstand durch Empfindung bezieht,
heisst empirisch. Der unbestimmte Gegenstand einer empirischen
Anschauung heisst Erscheinung.
In der Erscheinung nenne ich das, was der Empfindung korrespondiert,
die Materie derselben, dasjenige aber, welches macht, dass das
Mannigfaltige der Erscheinung in gewissen Verhaeltnissen geordnet
werden kann, nenne ich die Form der Erscheinung. Da das, worinnen sich
die Empfindungen allein ordnen, und in gewisse Form gestellt werden
koennen, nicht selbst wiederum Empfindung sein kann, so ist uns
zwar die Materie aller Erscheinung nur a posteriori gegeben, die
Form derselben aber muss zu ihnen insgesamt im Gemuete a priori
bereitliegen und daher abgesondert von aller Empfindung koennen
betrachtet werden.
Ich nenne alle Vorstellungen rein (im transzendentalen Verstande), in
denen nichts, was zur Empfindung gehoert, angetroffen wird. Demnach
wird die reine Form sinnlicher Anschauungen ueberhaupt im Gemuete
a priori angetroffen werden, worinnen alles Mannigfaltige der
Erscheinungen in gewissen Verhaeltnissen angeschaut wird. Diese reine
Form der Sinnlichkeit wird auch selber reine Anschauung heissen. So,
wenn ich von der Vorstellung eines Koerpers das, was der Verstand
davon denkt, als Substanz, Kraft, Teilbarkeit usw., imgleichen, was
davon zur Empfindung gehoert, als Undurchdringlichkeit, Haerte, Farbe
usw. absondere, so bleibt mir aus dieser empirischen Anschauung noch
etwas uebrig, naemlich Ausdehnung und Gestalt. Diese gehoeren zur
reinen Anschauung, die a priori, auch ohne einen wirklichen Gegenstand
der Sinne oder Empfindung, als eine blosse Form der Sinnlichkeit im
Gemuete stattfindet.
Eine Wissenschaft von allen Prinzipien der Sinnlichkeit a priori
nenne ich die transzendentale Aesthetik*. Es muss also eine solche
Wissenschaft geben, die den ersten Teil der transzendentalen
Elementarlehre ausmacht, im Gegensatz derjenigen, welche die
Prinzipien des reinen Denkens enthaelt, und transzendentale Logik
genannt wird.
* Die Deutschen sind die einzigen, welche sich jetzt des Worts
Aesthetik bedienen, um dadurch das zu bezeichnen, was andere Kritik
des Geschmacks heissen. Es liegt hier eine verfehlte Hoffnung
zum Grunde, die der vortreffliche Analyst Baumgarten fasste, die
kritische Beurteilung des Schoenen unter Vernunftprinzipien zu
bringen, und die Regeln derselben zur Wissenschaft zu erheben.
Allein diese Bemuehung ist vergeblich. Denn gedachte Regeln oder
Kriterien sind ihren vornehmsten Quellen nach bloss empirisch, und
koennen also niemals zu bestimmten Gesetzen a priori dienen, wonach
sich unser Geschmacksurteil richten muesste, vielmehr macht das
letztere den eigentlichen Probierstein der Richtigkeit der ersteren
aus. Um deswillen ist es ratsam, diese Benennung entweder wiederum
eingehen zu lassen, und sie derjenigen Lehre aufzubehalten, die
wahre Wissenschaft ist, (wodurch man auch der Sprache und dem
Sinne der Alten naeher treten wuerde, bei denen die Einteilung der
Erkenntnis in aistheta kai noeta sehr beruehmt war), oder sich in
die Benennung mit der spekulativen Philosophie zu teilen und die
Aesthetik teils im transzendentalen Sinne, teils in psychologischer
Bedeutung zu nehmen.
In der transzendentalen Aesthetik also werden wir zuerst die
Sinnlichkeit isolieren, dadurch, dass wir alles absondern, was der
Verstand durch seine Begriffe dabei denkt, damit nichts als empirische
Anschauung uebrigbleibe. Zweitens werden wir von dieser noch alles,
was zur Empfindung gehoert, abtrennen, damit nichts als reine
Anschauung und die blosse Form der Erscheinungen uebrigbleibe, welches
das einzige ist, das die Sinnlichkeit a priori liefern kann. Bei
dieser Untersuchung wird sich finden, dass es zwei reine Formen
sinnlicher Anschauung, als Prinzipien der Erkenntnis a priori
gebe, naemlich Raum und Zeit, mit deren Erwaegung wir uns jetzt
beschaeftigen werden.
Der transzendentalen Aesthetik
Erster Abschnitt
Von dem Raume
Paragraph 2. Metaphysische Eroerterung dieses Begriffs
Vermittelst des aeusseren Sinnes, (einer Eigenschaft unseres Gemuets),
stellen wir uns Gegenstaende als ausser uns, und diese insgesamt
im Raume vor. Darinnen ist ihre Gestalt, Groesse und Verhaeltnis
gegeneinander bestimmt, oder bestimmbar. Der innere Sinn, vermittelst
dessen das Gemuet sich selbst, oder seinen inneren Zustand anschaut,
gibt zwar keine Anschauung von der Seele selbst, als einem Objekt;
allein es ist doch eine bestimmte Form, unter der die Anschauung ihres
inneren Zustandes allein moeglich ist, so dass alles, was zu den
inneren Bestimmungen gehoert, in Verhaeltnissen der Zeit vorgestellt
wird. Aeusserlich kann die Zeit nicht angeschaut werden, so wenig
wie der Raum, als etwas in uns. Was sind nun Raum und Zeit? Sind
es wirkliche Wesen? Sind es zwar nur Bestimmungen, oder auch
Verhaeltnisse der Dinge, aber doch solche, welche ihnen auch an sich
zukommen wuerden, wenn sie auch nicht angeschaut wuerden, oder sind
sie solche, die nur an der Form der Anschauung allein haften, und
mithin an der subjektiven Beschaffenheit unseres Gemuets, ohne welche
diese Praedikate gar keinem Dinge beigelegt werden koennen? Um uns
hierueber zu belehren, wollen wir zuerst den Begriff des Raumes
eroertern. Ich verstehe aber unter Eroerterung (expositio) die
deutliche, (wenn gleich nicht ausfuehrliche) Vorstellung dessen, was
zu einem Begriffe gehoert; metaphysisch aber ist die Eroerterung,
wenn sie dasjenige enthaelt, was den Begriff, als a priori gegeben,
darstellt.
1. Der Raum ist kein empirischer Begriff, der von aeusseren
Erfahrungen abgezogen worden. Denn damit gewisse Empfindungen auf
etwas ausser mich bezogen werden, (d.i. auf etwas in einem anderen
Orte des Raumes, als darinnen ich mich befinde), imgleichen damit ich
sie als ausser- und nebeneinander, mithin nicht bloss verschieden,
sondern als in verschiedenen Orten vorstellen koenne, dazu muss die
Vorstellung des Raumes schon zum Grunde liegen. Demnach kann die
Vorstellung des Raumes nicht aus den Verhaeltnissen der aeusseren
Erscheinung durch Erfahrung erborgt sein, sondern diese aeussere
Erfahrung ist selbst nur durch gedachte Vorstellung allererst
moeglich.
2. Der Raum ist eine notwendige Vorstellung a priori, die allen
aeusseren Anschauungen zum Grunde liegt. Man kann sich niemals eine
Vorstellung davon machen, dass kein Raum sei, ob man sich gleich ganz
wohl denken kann, dass keine Gegenstaende darin angetroffen werden.
Er wird also als die Bedingung der Moeglichkeit der Erscheinungen,
und nicht als eine von ihnen abhaengende Bestimmung angesehen,
und ist eine Vorstellung a priori, die notwendigerweise aeusseren
Erscheinungen zum Grunde liegt.
3. Der Raum ist kein diskursiver oder, wie man sagt, allgemeiner
Begriff von Verhaeltnissen der Dinge ueberhaupt sondern eine reine
Anschauung. Denn erstlich kann man sich nur einen einigen Raum
vorstellen, und wenn man von vielen Raeumen redet, so versteht man
darunter nur Teile eines und desselben alleinigen Raumes. Diese Teile
koennen auch nicht vor dem einigen allbefassenden Raume gleichsam
als dessen Bestandteile (daraus seine Zusammensetzung moeglich sei)
vorhergehen, sondern nur in ihm gedacht werden. Er ist wesentlich
einig, das Mannigfaltige in ihm, mithin auch der allgemeine Begriff
von Raeumen ueberhaupt, beruht lediglich auf Einschraenkungen. Hieraus
folgt, dass in Ansehung seiner eine Anschauung a priori (die nicht
empirisch ist) allen Begriffen von demselben zum Grunde liegt. So
werden auch alle geometrischen Grundsaetze, z.E. dass in einem
Triangel zwei Seiten zusammen groesser sind, als die dritte, niemals
aus allgemeinen Begriffen von Linie und Triangel, sondern aus der
Anschauung und zwar a priori mit apodiktischer Gewissheit abgeleitet.
4. Der Raum wird als eine unendliche gegebene Groesse vorgestellt. Nun
muss man zwar einen jeden Begriff als eine Vorstellung denken, die in
einer unendlichen Menge von verschiedenen moeglichen Vorstellungen
(als ihr gemeinschaftliches Merkmal) enthalten ist, mithin diese unter
sich enthaelt, aber kein Begriff, als ein solcher, kann so gedacht
werden, als ob er eine unendliche Menge von Vorstellungen in sich
enthielte. Gleichwohl wird der Raum so gedacht (denn alle Teile des
Raumes ins Unendliche sind zugleich). Also ist die urspruengliche
Vorstellung vom Raume Anschauung a priori, und nicht Begriff.
Paragraph 3. Transzendentale Eroerterung des Begriffs vom Raume
Ich verstehe unter einer transzendentalen Eroerterung die Erklaerung
eines Begriffes, als eines Prinzips, woraus die Moeglichkeit anderer
synthetischen Erkenntnisse a priori eingesehen werden kann. Zu dieser
Absicht wird erfordert, l) dass wirklich dergleichen Erkenntnisse aus
dem gegebenen Begriffe herfliessen, 2) dass diese Erkenntnisse nur
unter der Voraussetzung einer gegebenen Erklaerungsart dieses Begriffs
moeglich sind.
Geometrie ist eine Wissenschaft, welche die Eigenschaften des Raumes
synthetisch und doch a priori bestimmt. Was muss die Vorstellung des
Raumes denn sein, damit eine solche Erkenntnis von ihm moeglich sei?
Er muss urspruenglich Anschauung sein; denn aus einem blossen Begriffe
lassen sich keine Saetze, die ueber den Begriff hinausgehen, ziehen,
welches doch in der Geometrie geschieht (Einleitung V). Aber
diese Anschauung muss a priori, d.i. vor aller Wahrnehmung eines
Gegenstandes, in uns angetroffen werden, mithin reine, nicht
empirische Anschauung sein. Denn die geometrischen Saetze sind
insgesamt apodiktisch, d.i. mit dem Bewusstsein der Notwendigkeit
verbunden, z.B. der Raum hat nur drei Abmessungen; dergleichen Saetze
aber koennen nicht empirische oder Erfahrungsurteile sein, noch aus
ihnen geschlossen werden (Einleitung II).
Wie kann nun eine aeussere Anschauung dem Gemuete beiwohnen, die
vor den Objekten selbst vorhergeht, und in welcher der Begriff der
letzteren a priori bestimmt werden kann? Offenbar nicht anders, als so
fern sie, bloss im Subjekte, als die formale Beschaffenheit desselben,
von Objekten affiziert zu werden, und dadurch unmittelbare Vorstellung
derselben d.i. Anschauung zu bekommen, ihren Sitz hat, also nur als
Form des aeusseren Sinnes ueberhaupt.
Also macht allein unsere Erklaerung die Moeglichkeit der Geometrie
als einer synthetischen Erkenntnis a priori begreiflich. Eine jede
Erklaerungsart, die dieses nicht liefert, wenn sie gleich dem
Anscheine nach mit ihr einige Aehnlichkeit haette, kann an diesen
Kennzeichen am sichersten von ihr unterschieden werden.
Schluesse aus obigen Begriffen
a) Der Raum stellt gar keine Eigenschaft irgend einiger Dinge an sich,
oder sie in ihrem Verhaeltnis aufeinander vor, d.i. keine Bestimmung
derselben, die an Gegenstaenden selbst haftete, und welche bliebe,
wenn man auch von allen subjektiven Bedingungen der Anschauung
abstrahierte. Denn weder absolute, noch relative Bestimmungen koennen
vor dem Dasein der Dinge, welchen sie zukommen, mithin nicht a priori
angeschaut werden.
b) Der Raum ist nichts anderes, als nur die Form aller Erscheinungen
aeusserer Sinne, d.i. die subjektive Bedingung der Sinnlichkeit,
unter der allein uns aeussere Anschauung moeglich ist. Weil nun die
Rezeptivitaet des Subjekts, von Gegenstaenden affiziert zu werden,
notwendigerweise vor allen Anschauungen dieser Objekte vorhergeht,
so laesst sich verstehen, wie die Form aller Erscheinungen vor
allen wirklichen Wahrnehmungen, mithin a priori im Gemuete gegeben
sein koenne, und wie sie als eine reine Anschauung, in der alle
Gegenstaende bestimmt werden muessen, Prinzipien der Verhaeltnisse
derselben vor aller Erfahrung enthalten koenne.
Wir koennen demnach nur aus dem Standpunkte eines Menschen, vom Raum,
von ausgedehnten Wesen usw. reden. Gehen wir von der subjektiven
Bedingung ab, unter welcher wir allein aeussere Anschauung bekommen
koennen, so wie wir naemlich von den Gegenstaenden affiziert werden
moegen, so bedeutet die Vorstellung vom Raume gar nichts. Dieses
Praedikat wird den Dingen nur insofern beigelegt, als sie uns
erscheinen, d.i. Gegenstaende der Sinnlichkeit sind. Die bestaendige
Form dieser Rezeptivitaet, welche wir Sinnlichkeit nennen, ist eine
notwendige Bedingung aller Verhaeltnisse, darinnen Gegenstaende als
ausser uns angeschaut werden, und, wenn man von diesen Gegenstaenden
abstrahiert, eine reine Anschauung, welche den Namen Raum fuehrt. Weil
wir die besonderen Bedingungen der Sinnlichkeit nicht zu Bedingungen
der Moeglichkeit der Sachen, sondern nur ihrer Erscheinungen machen
koennen, so koennen wir wohl sagen, dass der Raum alle Dinge befasse,
die uns aeusserlich erscheinen moegen, aber nicht alle Dinge an sich
selbst, sie moegen nun angeschaut werden oder nicht, oder auch von
welchem Subjekt man wolle. Denn wir koennen von den Anschauungen
anderer denkenden Wesen gar nicht urteilen, ob sie an die naemlichen
Bedingungen gebunden seien, welche unsere Anschauung einschraenken und
fuer uns allgemein gueltig sind. Wenn wir die Einschraenkung eines
Urteils zum Begriff des Subjekts hinzufuegen, so gilt das Urteil
alsdann unbedingt. Der Satz: Alle Dinge sind nebeneinander im Raum,
gilt unter der Einschraenkung, wenn diese Dinge als Gegenstaende
unserer sinnlichen Anschauung genommen werden. Fuege ich hier
die Bedingung zum Begriffe, und sage: Alle Dinge, als aeussere
Erscheinungen, sind nebeneinander im Raum, so gilt diese Regel
allgemein und ohne Einschraenkung. Unsere Eroerterungen lehren demnach
l die Realitaet (d.i. die objektive Gueltigkeit) des Raumes in
Ansehung alles dessen, was aeusserlich als Gegenstand uns vorkommen
kann, aber zugleich die Idealitaet des Raumes in Ansehung der Dinge,
wenn sie durch die Vernunft an sich selbst erwogen werden, d.i. ohne
Ruecksicht auf die Beschaffenheit unserer Sinnlichkeit zu nehmen. Wir
behaupten also die empirische Realitaet des Raumes (in Ansehung aller
moeglichen aeusseren Erfahrung), ob zwar zugleich die transzendentale
Idealitaet desselben, d.i. dass er nichts sei, sobald wir die
Bedingung der Moeglichkeit aller Erfahrung weglassen, und ihn als
etwas, was den Dingen an sich selbst zum Grunde liegt, annehmen.
Es gibt aber auch ausser dem Raum keine andere subjektive und auf
etwas Aeusseres bezogene Vorstellung, die a priori objektiv heissen
koennte. Denn man kann von keiner derselben synthetische Saetze a
priori, wie von der Anschauung im Raume, herleiten (Paragraph 3).
Daher ihnen, genau zu reden, gar keine Idealitaet zukommt, ob sie
gleich darin mit der Vorstellung des Raumes uebereinkommen, dass sie
bloss zur subjektiven Beschaffenheit der Sinnesart gehoeren, z.B.
des Gesichts, Gehoers, Gefuehls, durch die Empfindungen der Farben,
Toene und Waerme, die aber, weil sie bloss Empfindungen und nicht
Anschauungen sind, an sich kein Objekt, am wenigsten a priori,
erkennen lassen.
Die Absicht dieser Anmerkung geht nur dahin: zu verhueten, dass
man die behauptete Idealitaet des Raumes nicht durch bei weitem
unzulaengliche Beispiele zu erlaeutern sich einfallen lasse,
da naemlich etwa Farben, Geschmack usw. mit Recht nicht als
Beschaffenheiten der Dinge, sondern bloss als Veraenderungen unseres
Subjekts, die sogar bei verschiedenen Menschen verschieden sein
koennen, betrachtet werden. Denn in diesem Falle gilt das, was
urspruenglich selbst nur Erscheinung ist, z.B. eine Rose, im
empirischen Verstande fuer ein Ding an sich selbst, welches doch jedem
Auge in Ansehung der Farbe anders erscheinen kann. Dagegen ist der
transzendentale Begriff der Erscheinungen im Raume eine kritische
Erinnerung, dass ueberhaupt nichts, was im Raume angeschaut wird, eine
Sache an sich, noch dass der Raum eine Form der Dinge sei, die ihnen
etwa an sich selbst eigen waere, sondern dass uns die Gegenstaende
an sich gar nicht bekannt sind, und, was wir aeussere Gegenstaende
nennen, nichts anderes als blosse Vorstellungen unserer Sinnlichkeit
sind, deren Form der Raum ist, deren wahres Korrelatum aber, d.i. das
Ding an sich selbst, dadurch gar nicht erkannt wird, noch erkannt
werden kann, nach welchem aber auch in der Erfahrung niemals gefragt
wird.
Der transzendentalen Aesthetik
Zweiter Abschnitt
Von der Zeit
Paragraph 4. Metaphysische Eroerterung des Begriffs der Zeit
Die Zeit ist 1. kein empirischer Begriff, der irgend von
einer Erfahrung abgezogen worden. Denn das Zugleichsein oder
Aufeinanderfolgen wuerde selbst nicht in die Wahrnehmung kommen, wenn
die Vorstellung der Zeit nicht a priori zum Grunde laege. Nur unter
deren Voraussetzung kann man sich vorstellen, dass einiges zu
einer und derselben Zeit (zugleich) oder in verschiedenen Zeiten
(nacheinander) sei.
2. Die Zeit ist eine notwendige Vorstellung, die allen Anschauungen
zum Grunde liegt. Man kann in Ansehung der Erscheinungen ueberhaupt
die Zeit selbst nicht aufheben, ob man zwar ganz wohl die
Erscheinungen aus der Zeit wegnehmen kann. Die Zeit ist also a priori
gegeben. In ihr allein ist alle Wirklichkeit der Erscheinungen
moeglich. Diese koennen insgesamt wegfallen, aber sie selbst (als
die allgemeine Bedingung ihrer Moeglichkeit,) kann nicht aufgehoben
werden.
3. Auf diese Notwendigkeit a priori gruendet sich auch die
Moeglichkeit apodiktischer Grundsaetze von den Verhaeltnissen
der Zeit, oder Axiomen von der Zeit ueberhaupt. Sie hat nur Eine
Dimension: verschiedene Zeiten sind nicht zugleich, sondern
nacheinander (so wie verschiedene Raeume nicht nacheinander, sondern
zugleich sind). Diese Grundsaetze koennen aus der Erfahrung nicht
gezogen werden, denn diese wuerde weder strenge Allgemeinheit, noch
apodiktische Gewissheit geben. Wir wuerden nur sagen koennen: so lehrt
es die gemeine Wahrnehmung; nicht aber: so muss es sich verhalten.
Diese Grundsaetze gelten als Regeln, unter denen ueberhaupt
Erfahrungen moeglich sind, und belehren uns vor derselben, und nicht
durch dieselbe.
4. Die Zeit ist kein diskursiver, oder, wie man ihn nennt, allgemeiner
Begriff, sondern eine reine Form der sinnlichen Anschauung.
Verschiedene Zeiten sind nur Teile eben derselben Zeit. Die
Vorstellung, die nur durch einen einzigen Gegenstand gegeben
werden kann, ist aber Anschauung. Auch wuerde sich der Satz, dass
verschiedene Zeiten nicht zugleich sein koennen, aus einem allgemeinen
Begriff nicht herleiten lassen. Der Satz ist synthetisch, und kann aus
Begriffen allein nicht entspringen. Er ist also in der Anschauung und
Vorstellung der Zeit unmittelbar enthalten.
5. Die Unendlichkeit der Zeit bedeutet nichts weiter, als dass alle
bestimmte Groesse der Zeit nur durch Einschraenkungen einer einigen
zum Grunde liegenden Zeit moeglich sei. Daher muss die urspruengliche
Vorstellung Zeit als uneingeschraenkt gegeben sein. Wovon aber
die Teile selbst, und jede Groesse eines Gegenstandes, nur durch
Einschraenkung bestimmt vorgestellt werden koennen, da muss die ganze
Vorstellung nicht durch Begriffe gegeben sein, (denn die enthalten nur
Teilvorstellungen,) sondern es muss ihnen unmittelbare Anschauung zum
Grunde liegen.
Paragraph 5. Transzendentale Eroerterung des Begriffs der Zeit
Ich kann mich deshalb auf Nr. 3 berufen, wo ich, um kurz zu sein,
das, was eigentlich transzendental ist, unter die Artikel der
metaphysischen Eroerterung gesetzt habe. Hier fuege ich noch
hinzu, dass der Begriff der Veraenderung und, mit ihm, der Begriff
der Bewegung (als Veraenderung des Orts) nur durch und in der
Zeitvorstellung moeglich ist: dass, wenn diese Vorstellung nicht
Anschauung (innere) a priori waere, kein Begriff, welcher es auch
sei, die Moeglichkeit einer Veraenderung, d.i. einer Verbindung
kontradiktorisch entgegengesetzter Praedikate (z.B. das Sein an einem
Orte und das Nichtsein eben desselben Dinges an demselben Orte) in
einem und demselben Objekte begreiflich machen koennte. Nur in der
Zeit koennen beide kontradiktorisch-entgegengesetzte Bestimmungen in
einem Dinge, naemlich nacheinander, anzutreffen sein. Also erklaert
unser Zeitbegriff die Moeglichkeit so vieler synthetischer Erkenntnis
a priori, als die allgemeine Bewegungslehre, die nicht wenig fruchtbar
ist, darlegt.
Paragraph 6. Schluesse aus diesen Begriffen
a) Die Zeit ist nicht etwas, was fuer sich selbst bestuende, oder den
Dingen als objektive Bestimmung anhinge, mithin uebrig bliebe, wenn
man von allen subjektiven Bedingungen der Anschauung derselben
abstrahiert; denn im ersten Fall wuerde sie etwas sein, was ohne
wirklichen Gegenstand dennoch wirklich waere. Was aber das zweite
betrifft, so koennte sie als eine den Dingen selbst anhaengende
Bestimmung oder Ordnung nicht vor den Gegenstaenden als ihre Bedingung
vorhergehen, und a priori durch synthetische Saetze erkannt und
angeschaut werden. Diese letztere findet dagegen sehr wohl statt,
wenn die Zeit nichts als die subjektive Bedingung ist, unter der alle
Anschauungen in uns stattfinden koennen. Denn da kann diese Form der
inneren Anschauung vor den Gegenstaenden, mithin a priori, vorgestellt
werden.
b) Die Zeit ist nichts anderes, als die Form des inneren Sinnes, d.i.
des Anschauens unserer selbst und unseres inneren Zustandes. Denn die
Zeit kann keine Bestimmung aeusserer Erscheinungen sein; sie gehoert
weder zu einer Gestalt, oder Lage usw., dagegen bestimmt sie das
Verhaeltnis der Vorstellungen in unserem inneren Zustande. Und, eben
weil diese innere Anschauung keine Gestalt gibt, suchen wir auch
diesen Mangel durch Analogien zu ersetzen, und stellen die Zeitfolge
durch eine ins Unendliche fortgehende Linie vor, in welcher das
Mannigfaltige eine Reihe ausmacht, die nur von einer Dimension
ist, und schliessen aus den Eigenschaften dieser Linie auf alle
Eigenschaften der Zeit, ausser dem einigen, dass die Teile der
ersteren zugleich, die der letzteren aber jederzeit nacheinander sind.
Hieraus erhellt auch, dass die Vorstellung der Zeit selbst Anschauung
sei, weil alle ihre Verhaeltnisse sich an einer aeusseren Anschauung
ausdruecken lassen.
Pages:
1 |
2 |
3 |
4 | 5 |
6 |
7 |
8 |
9 |
10 |
11 |
12 |
13 |
14 |
15 |
16 |
17 |
18 |
19 |
20 |
21 |
22 |
23 |
24 |
25 |
26 |
27 |
28 |
29 |
30 |
31 |
32 |
33 |
34 |
35 |
36 |
37 |
38 |
39 |
40 |
41 |
42 |
43 |
44 |
45 |
46 |
47 |
48 |
49 |
50 |
51