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Shakespeare und die Bacon Mythen by Kuno Fischer

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Nun hatte ein _Dr_. Hayward dem Grafen Essex eine Schrift
gewidmet, die von dem ersten Regierungsjahre Heinrichs IV., also von
der Entthronung Richards II. handelte. Die Koenigin hegte den
schlimmsten Verdacht, sie witterte hochverraetherische Absichten und
wollte den angeblichen Verfasser einsperren und foltern lassen, um den
wirklichen zu erfahren. Bacon suchte die Herrscherin zu beguetigen und
ihr die Schrift als unverfaenglich darzustellen; es sei nicht Verrath
darin enthalten, sondern Felonie, der Verfasser habe nicht den Thron
gefaehrdet, sondern den Tacitus bestohlen; die Koenigin moege nicht
den Mann, sondern seine Feder auf die peinliche Frage stellen, d.h.
den Verfasser in der Clausur die Schrift da fortsetzen lassen, wo er
dieselbe abgebrochen habe; dann wolle er (Bacon) schon erkennen, ob
Hayward der Verfasser sei oben nicht.

In seiner Erzaehlung, die von jenem Sonette herkommt, faehrt Bacon so
fort: "Um dieselbe Zeit, in einer Sache, die mit dem Processe des
Grafen Essex einige Verwandtschaft hatte, gedenke ich einer meiner
Antworten, die, obwohl sie von mir ausging, spaeter in anderer Namen
umlief". [Fussnote: _Apology, pag. 149-150_.] So hat er gesagt.
Nun aber laesst man ihn sagen (indem die Uebersetzung ein Woertchen
einfuegt, welches nicht im Text steht): "Um dieselbe Zeit erinnere ich
mich einer Antwort von mir in einer Sache, die einige Verwandtschaft
mit des Lords Angelegenheit hatte, und die, obgleich sie von mir
ausging, dann in anderer Namen umlief". [Fussnote: E. Bormann, S. 278-
282.]

Demnach waere, was von Bacon ausging, nicht jene Antwort gewesen, die
er der Koenigin gab, sondern die Sache, die mit dem Process des Grafen
zusammenhing, d. h. die Darstellung der Entthronung Richards II.; die
Anderen aber, in deren Namen die Sache spaeter umlief, seien
_Dr._ Hayward und William Shakespeare. Hier also habe Bacon
selbst bekannt, dass er "Richard II." verfasst und aus Furcht vor dem
Zorn der Koenigin sich hinter Shakespeare als seinen Strohmann
versteckt habe.

Die offene Empoerung des Grafen, die er mit seinem Tode als
Hochverraether gebuesst hat, geschah am 8. Februar 1601. Am Nachmittag
des 7. wurde vor den Verschworenen "Richard II." aufgefuehrt, um sie
sehen zu lassen, wie man einen Koenig entthrone. Dieses Stueck war
aber nicht, wie man vielfach angenommen hat--auch ich habe mich darin
geirrt--, Shakespeares gleichnamige Historie, die auch zu dem
revolutionaeren Zweck schlecht gepasst haette, sondern nach
gerichtlicher Aussage und Feststellung ein altes Stueck (_old
play_), das seine Zugkraft verloren hatte, weshalb den Schauspielern
ein hoeherer Preis fuer die Auffuehrung gezahlt wurde. [Fussnote: _A
declaration of the practices and treasons attempted and committed by
Robert late Earl of Essex and his complices etc. 1601. Works IX. p.
289-290_.]

Shakespeares "Richard II." war 1597 erschienen. Es ist schon deshalb
unmoeglich, dass Bacon aus Beweggruenden der Furcht, wozu die Anlaesse
erst in den Jahren 1599 bis 1601 eintreten konnten, schon drei Jahre
vorher sich hinter Shakespeare versteckt haben soll.

Dies ist der Mythus von Bacon als dem Verfasser "Richards II.", noch
dazu in staatsgefaehrlicher Absicht, die nie einem Menschen ferner
lag, vielmehr so sehr zuwiderlief als ihm. Hier ist ein ganzes Nest
von Bacon-Mythen, verworrener Chronologie und falschen
Interpretationen!

Essex und seine Freunde, darunter der auch durch Shakespeare beruehmte
Graf Southampton, die Bacon gerichtlich hatte verfolgen muessen, waren
am Hofe zu Edinburg bei Jakob VI., dem Sohne der Maria Stuart, dem
Thronfolger der Elisabeth, wohl angesehen. Gleich nach dem Tode der
Koenigin verfasste Bacon jene Denkschrift, in der seiner dem Grafen
Essex erwiesenen guten Gesinnungen und Dienste ausfuehrlich gedacht
war, namentlich auch jenes Sonetts, das er zu Essex' Gunsten in der
Stille von Twickenham Park gedichtet hatte. Jetzt war Zeit, daran zu
erinnern. Er hatte im Interesse und Dienste des Grafen Essex auch
Festspiele componirt, ohne sich als deren Verfasser zu ruehmen. Dies
alles mochte dem Dichter John Davies bekannt sein, der ihm befreundet,
bei Koenig Jakob beliebt und zu demselben gereist war. An diesen
seinen Freund schrieb Bacon am 28. Maerz 1603 (gleich nach dem Tode
der Koenigin) und empfahl sich ihm mit dem Wunsche, er moege
heimlichen Dichtern gut sein (_desiring you to be good to concealed
poets_). [Fussnote: _Works X, p. 65._ Vgl. den Brief an den
Lord Southampton, _p. 75_.]

Dieses Schlusswort des Briefchens erscheint unsern Baconianern
ausserordentlich bedeutsam. Hier nennt sich Bacon selbst einen
heimlichen Dichter, er lueftet auf einen Augenblick den Schleier
seines grossen Geheimnisses, und man erkennt sogleich--die Zuege
Shakespeares!


4. Bacon "unter anderem Namen".

Die Wuerden und Titel, welche Bacon auf der Hoehe seiner Laufbahn
empfing, haben seinen Namen in gewisser Weise veraendert. Als er im
Jahre 1618 "Bacon von Verulam" geworden war, schrieb er sich "Francis
Verulam". Nachdem ihn der Koenig in den ersten Tagen des Jahres 1621,
kurz vor seinem schmaehlichen Sturz, vor feierlich versammeltem Hofe
zum "Viscount von St. Alban" erhoben hatte, hiess er und schrieb sich
"Francis St. Alban". Der Name Bacon verschwindet hinter dem Titel und
der Wuerde des Pairs: derselbe verhaelt sich zu Verulam oder St.
Alban, wie Cecil zu Salisbury, Pitt zu Chatham, Disraeli zu
Beaconsfield. Niemand sagt "Pitt von Chatham", niemand sollte sagen
"Bacon von Verulam", aber alle Welt braucht diese incorrecte
Bezeichnung, selbst die Geschichte der Philosophie. Unter dem Namen
"Bacon" oder "Bacon von Verulam" ist er weltberuehmt, unter dem Namen
"St. Alban" kennt ihn so gut wie niemand.

Nun schreibt Toby Matthew, einer seiner vieljaehrigen und
vertrautesten Freunde, der zur roemischen Kirche bekehrte Sohn eines
englischen Bischofs, im Jahre 1623 an ihn als "Viscount von St. Alban"
und sagt (wahrscheinlich im Hinblick auf das eben damals in
lateinischer Sprache in neun Buechern erschienene Hauptwerk) in der
Nachschrift seines Briefes: "Der wunderbarste Geist, den ich in meiner
Nation und diesseits der See kennen gelernt habe, ist von Eurer
Lordschaft Namen, aber bekannt ist er unter einem andern".

Hier sehen unsre Baconianer den Schleier des grossen Geheimnisses
nicht bloss gelueftet, sondern gefallen, und es erscheint--Shakespeare
in Lebensgroesse! "Ein hoechst mysterioeses Postscript (_most
mysterious_)", sagt Mrs. Henry Pott. Wen anderen koennte "der
andere Namen" bedeuten als Shakespeare?

Das Raethsel loest sich, wie mir scheint, weit einfacher. Der Mann,
dessen Werke die Welt kennt und bewundert, heisst nicht Viscount von
St. Alban, sondern Bacon.


IV. BACON ALS DRAMATISCHER GESCHICHTSSCHREIBER.

Zwischen den beiden Tetralogien von "Richard II." bis "Richard III."
auf der einen Seite und "Heinrich VIII." auf der anderen liegt in der
Reihenfolge der Koenige die Regierung Heinrichs VII., in der
Reihenfolge der Dramen eine Luecke. Nun meinen die Baconianer, dass
zur Ausfuellung der letzteren Bacons "Geschichte der Regierung
Heinrichs VII." geschrieben und dramatisch stilisirt war.

Diese Ansicht ist von vornherein verfehlt und mit den urkundlichen
Thatsachen in Widerstreit. Als Bacon unmittelbar nach seinem Sturz,
von London verbannt, fern von den historischen Quellen und
Huelfsmitteln, binnen wenigen Monaten das genannte Werk verfasste,
hatte er nicht die Absicht, eine Luecke zu ergaenzen, sondern die
Geschichte Englands von der Vereinigung der Rosen bis zur Vereinigung
der Reiche, d. h. von Heinrich VII. bis Jakob I., zu schreiben. Er hat
dieses Werk, wie viele andere, nicht ausgefuehrt, aber noch den Anfang
der Geschichte Heinrichs VIII. hinterlassen: Beweises genug, dass sein
Werk nicht eine Luecke zwischen Richard III. und Heinrich VIII.
auszufuellen bestimmt war.

Der Erste, der auf den dramatischen Stil dieses Werkes hingewiesen und
daraus Schluesse gezogen hat, welche die Bacon-Theorie stuetzen
sollten, war wohl Villeman mit seinem Schriftchen '_Un probleme
litteraire_' (1878) [Fussnote: Wyman scheint die Schrift nicht
gekannt zu haben, da er den Verfasser "Villemain" und den Titel '_Un
proces_' nennt. Nr. 109.], einer der wenigen Franzosen, die etwas
zur Bacon-Theorie beigesteuert haben: ein Mangel oder eine Enthaltung,
die der franzoesischen Litteratur keineswegs zum Vorwurf gereicht.

Wenn Bacon in seinem "Heinrich VII." erzaehlt, dass die Ursachen der
Buergerkriege wie schweres, dichtes Gewoelk ueber England hingen, so
vernimmt Villeman die Sprache Richards III.: "Die Wolken all', die
unser Haus bedroht" u.s.f. Wenn es in "Heinrich VII." heisst, dass
eine Person sich entfernt oder die Scene gewechselt habe, dass die
Schicksale der Wittwe Eduards IV. Gegenstand einer Tragoedie haetten
sein koennen, dass Perkin Warbeck (der falsche Richard) die Kunst
eines vollendeten Schauspielers besessen, dass in einem Moment
politischer Spannung sich der Adel Englands versammelt habe, wie die
Personen eines Dramas bei der Loesung des Knotens u.s.f., so ruft
Villeman seinen Lesern zu: "Hoert! Er redet von Scene, Tragoedie,
Rolle, Schauspieler, dramatischem Knoten" u.s.f. Der Verfasser der
Geschichte Heinrichs VII. sei ein dramatischer Schriftsteller;
dieselbe Feder habe auch "Richard III.", die Historien, mit einem
Worte Shakespeare geschrieben.

Wenn die juengste Bacon-Theorie sich ruehmt, die Entdeckungen des
dramatischen Stils in Bacons "Heinrich VII." zuerst gemacht zu haben,
so ist sie im Irrthum. Ob der theatralischen Bilder und Gleichnisse
ein Dutzend oben einige Dutzende hergezaehlt werden, thut nichts zur
Sache. Da ihre Beweiskraft gleich Null ist, so kann sie durch die Zahl
der Beispiele nicht vermehrt werden. Bacon hatte das Drama die
Geschichte in sichtbarer Gegenwart (_historia spectabilis_)
genannt, wir nennen die Schaubuehne "die Bretter, welche die Welt
bedeuten", daher ist nichts natuerlicher, als dass ein
Geschichtschreiber
seine Sprache oefter durch Bilder belebt, die an die Buehne erinnern.
Daraus folgt nicht, dass der Historiker ein dramatischer
Schriftsteller
ist. Auch die vielen Blankverse, die in Bacons "Heinrich VII." sich
moegen
auffinden lassen, beweisen nicht, dass er Shakespeare war.

Zur Niederschlagung solcher Argumente hat es gedient, dass man
sogleich eine Reihe theatralischer Gleichnisse aus Mommsen und eine
Reihe Blankverse aus Macaulay angefuehrt hat: ein ebenso treffender
wie amuesanter Gegenbeweis. [Fussnote: W. Brandes in Westermanns Ill.
Monatshefte. Okt 1894. S. 130-131.]

Was aber die parallelen Ausdrucksweisen (insbesondere in Bacons
"Heinrich VII." und Shakespeares "Richard III."), diese sogenannten
Parallelismen und deren Beweiskraft betrifft, die bei allen Vertretern
der Bacon-Theorie eine so ueberaus wichtige Rolle spielt, so werde ich
diese Schlussart gleich in dem folgenden Abschnitt etwas naeher
beleuchten.


V. DIE ZWEITE ART DER BACON-MYTHEN.

1. Bacon als der Kaufmann von Venedig.

Zu den verhaengnisvollen Charakterschwaechen Bacons gehoerte der Hang,
ueber seine Verhaeltnisse zu leben, mehr Geld auszugeben, als er
hatte, und sich immer von neuem in Schulden zu stuerzen. Oft und gern
half ihm sein Bruder Anthony. [Fussnote: _Works_ VIII. S. 322.
(Zahlungen aus den Jahren Sept. 1593 bis Jan. 1595.)] Aber der
Goldschmied Sympson in der Lombardstreet, dem er einen Wechsel von 300
Pfund schuldete, war ein ungeduldiger Glaeubiger und liess Bacon eines
Tages, als dieser in wichtigen Geschaeften aus dem Tower kam, auf
offener Strasse verhaften; auch waere er sicherlich eingesperrt
worden, wenn nicht schleunige Huelfe zur Hand gewesen waere. Sie kam
diesmal nicht von Bruder Anthony, sondern, wie es scheint, von
amtlicher Seite. [Fussnote: _Works_ IX, p. 106-108. (Die Sache
begiebt sich am 24. Sept. 1598.)]

Hier entdeckt sich nun unsern Baconianern ploetzlich die schoenste
Uebereinstimmung zwischen diesem widerwaertigen Erlebniss Bacons im
September des Jahres 1598 und dem "Kaufmann von Venedig", der bald
nachher erschien. Der grossmuethige und freigebige Kaufmann heisst
Antonio, Bacons grossmuethiger und freigebiger Bruder heisst Anthony:
also ist Anthony gleich Antonio, Bacon mithin gleich Bassanio; der
Goldschmied Sympson aber ist der Jude Shylock, beide haben denselben
Anfangsconsonanten und dieselben Vocale. Wie merkwuerdig! Wie
ueberzeugend! Die Verhaftung Bacons als insolventen Schuldners ist das
Original, der "Kaufmann von Venedig" ist das dramatische Abbild, das
von ihm selbst verfasste. Eine nette Art von Bacon-Mythen, nach
welchen Bacon seine eigenen Lebensschicksale dramatisirt und durch
Shakespeare auf die Buehne gebracht hat. [Fussnote: Bormann, S. 301
ff.]


2. Der Schluss der drei Taugenichtse.

Hier ist nun die fuer die ganze Bacon-Theorie so charakteristische
Schlussart, dass sie eine naehere Beleuchtung verdient.

Anthony und Antonio haben denselben Namen, also ist Anthony gleich
Antonio; Sympson und Shylock sind beide Wucherer, also ist Sympson
gleich Shylock; Bacon wird verhaftet, der Kaufmann von Venedig wird
auch verhaftet, also ist Bacon der Kaufmann von Venedig. Da aber
Anthony schon Antonio ist und ausserdem mit dem ganzen Handel nichts
zu thun hat, so ist Bacon nicht Antonio, sondern muss Bassanio sein,
der aber nicht verhaftet wird, und so dreht sich die Sache im
sinnlosen Kreise. [Fussnote: Ebendaselbst S. 302.]

Diese Art zu schliessen ist bekanntlich eine der allerverpoentesten.
Die Logiker nach Aristoteles nennen sie den positiven Schluss in der
zweiten Figur. Um aber nicht schulmaessig zu reden, erlaube ich mir,
dieselbe Sache etwas anschaulicher und concreter zu bezeichnen. Ich
erinnere mich, dass eines unsrer lustigen Blaetter einmal zum Spass
drei Taugenichtse beweisen lassen wollte, dass sie gute Leute seien;
ihr Beweis lautete: "Aller guten Dinge sind drei, wir sind unser drei,
also sind wir gute Dinge".

Ich will diesen Schluss, um die Schulsprache zu vermeiden, den der
drei Taugenichtse nennen, indem ich den Ausdruck lediglich im
logischen und bildlichen, keineswegs aber im moralischen Sinne
gebrauche. Doch muss ich hinzufuegen, dass nicht blos in dem
angefuegten Falle, sondern durchgaengig die gesammte Bacon-Theorie
sich die Facon dieses verpoenten Schlusses angeeignet hat: es ist
gleichsam der Tact, nach welchem sie marschirt.


3. Bacon als Othello.

In seinem Testament vom Jahre 1621 hatte Bacon seine Frau reichlich
bedacht, auch in dem spaeteren Testamente vom December 1625 diese
guenstigen Bestimmungen wiederholt, aber nachtraeglich widerrufen aus
gerechten und schwerwiegenden Gruenden (_for just and great
causes_). Der Grund war die inzwischen entdeckte Untreue der Frau.
Hier haben einige Baconianer das Motiv zum Othello gewittert. Freilich
erschien dieser 1622, waehrend die Enterbung vom December 1625 datirt;
freilich war der Othello schon gedichtet und aufgefuehrt, ehe Bacon
geheirathet hat, aber das thut den Rechnungen der Mrs. Henry Pott
keinen Eintrag.


4. Bacon als Katharina von Aragonien, Wolsey und andere gefallene
Groessen.

Bacon habe seinen Sturz, der ihm bekanntlich zur Schuld und Schande
gereicht hat, "still und stolz" ertragen und diese Gesinnungsart in
Personen wie Katharina von Aragonien, Buckingham, Wolsey u. a.
dramatisch dargestellt.

In Wahrheit hat Bacon seine Richter um Barmherzigkeit angefleht und
sich ein gebrochenes Rohr genannt: das war nicht "stolz". In Wahrheit
ist er nicht muede geworden, um seine volle Wiederherstellung zu
bitten: das war nicht "still". "Still und stolz!" Das klingt ja fast
wie "edle Einfalt" und "stille Groesse", wie Winckelmann die
griechischen Kunstwerke charakterisirt hat. [Fussnote: Ebendaselbst S.
298-300.]


VI. DIE DRITTE ART DER BACON-MYTHEN.

1. Bacon als Verfasser des Promus.

In einer Sammlung von Manuscripten, die im Brittischen Museum
aufbewahrt werden, finden sich etwa 50 Folioseiten unter dem Titel
"Vorrath musterhafter und anmuthiger Redewendungen (_Promus of
formularies and elegancies_)", in Gruppen gesondert, als da sind
Begruessungsformen, Gleichnisse, Metaphern, Sprichwoerter &c. Ein
Theil dieses Promus ist nach Speddings Ansicht, der dem Ganzen keinen
irgendwie bedeutsamen Werth zuschreibt, von Bacons Hand, weshalb er
einige wenige Auszuege daraus in seine Gesammtausgabe der Werke
aufgenommen hat. Dies geschah schon 1861. [Fussnote: _Works_ VII,
p. 187-213.]

Einige Jahrzehnte spaeter hat eine englische Dame, Mrs. Henry Pott,
den Promus vollstaendig herausgegeben (1883) und nach einer
angeblichen Durchmusterung von mehreren tausend Buechern an 1655
Redewendungen nachweisen wollen, dass sie in der vorbaconischen
Litteratur nicht, in der gleichzeitigen aber nur bei Shakespeare sich
finden, welche sprachgeschichtliche Behauptung von sachkundiger Seite
bestritten und widerlegt worden ist. Sie hat im "Promus" die Keime zu
entdecken gemeint, woraus sowohl die Sonette, als auch die Dramen
Shakespeares erwachsen seien, weshalb diese Dichtungen insgesammt
nicht von Shakespeare, sondern nur von Bacon herruehren koennen.
Diesen Beweis der Bacon-Theorie nennt sie den ersten aus
einleuchtenden inneren Gruenden (_internal evidence_). [Fussnote:
_The promus of formularies and elegancies [being private notes,
circ. 1594, hitherto unpublished] by _Francis Bacon_, illustrated
and elucidated by passages from _Shakespeare_ by Mrs. Henry Pott
with preface by E. A. Abbot, London 1883._ Mit Appendix und Index
zaehlt das Buch 658 Seiten, waehrend Speddings Auszuege nur 13 Seiten
betragen und von den auf Romeo und Julia bezogenen nichts enthalten.]


2. Der Promus als Quelle von Romeo und Julia.

Ich will nur diejenigen Blaetter beachten, welche die Keime, gleichsam
den Rohstoff und die Vorbereitung zu "Romeo und Julia" enthalten
sollen und deshalb von Mrs. Henry Pott selbst fuer vorzueglich
geeignet erklaert werden, ihre Ansicht zu beweisen. Mit gespannter
Erwartung nehme ich die Blaetter zur Hand, mit einer Enttaeuschung
ohne gleichen lege ich sie beiseite.

Da steht: "guten Morgen", "guten Abend", "gute Nacht", "Amen", "der
Hahn," "die Lerche", ein lateinischer Vers, welcher die Knaben
ermahnt, frueh aufzustehen, aber nicht umsonst, '_mane_' nicht
'_vane_'; ein lateinischer Vers, welcher den Schlaf ein falsches
Bild des eisigen Todes nennt u.s.f.

Diese Brocken sollen unter den Haenden Bacons sich in die Quellen
verwandelt haben, denen die groesste aller Liebestragoedien entstroemt
ist!

Erst muss im Promus "guten Morgen" und '_bon jour_' gestanden
haben, bevor Mercutio sagen konnte: '_Signor Romeo, bon jour!_'
(II. 4). Erst wurde im Promus notirt: "Gute Nacht!", um den Mercutio
sagen zu lassen: "Gute Nacht, Freund Romeo!" Nun erst konnte Julia
sagen: "Und tausendmal gute Nacht!" (II. 2). Im Promus steht "Amen",
um den Romeo auszuruesten und den Segenswunsch des Bruders Lorenzo
bekraeftigen zu lassen: "Amen! So sei's!" (II. 6).

Im Promus lesen wir nichts als das Wort "Lerche". Das soll der Keim
sein, woraus das wundervollste aller Liebesgespraeche hervorging: die
Worte Julias: "Es war die Nachtigall und nicht die Lerche!" die Worte
Romeos: "Die Lerche war's, die Tagverkuenderin!"

Im Promus lesen wir den lateinischen Vers, welcher den Schlaf ein
falsches Bild des eisigen Todes nennt. Dieser Vers sei der Text zu der
Rede Lorenzos, worin er Julien die erstarrenden Wirkungen seines
Schlaftrunkes schildert (IV. 1), der Text zu den Worten des alten
Capulet, als er die Tochter in der Erstarrung vor sich sieht: "Der Tod
liegt auf ihr, wie ein Maienfrost auf des Gefildes schoenster Blume
liegt!"

Nichts waere erwuenschter gewesen, als wenn auf diesen so ergiebigen
Blaettern einmal der Name "Romeo" gestanden haette. Wirklich hat Mrs.
Henry Pott ihn zu finden geglaubt: sie las '_rome_' und hielt es
fuer die Abkuerzung von Romeo. In Wahrheit aber stand nicht '_rome_'
da, sondern '_vane_', wie von sachkundiger Seite nachgewiesen
worden. [Fussnote: Eduard Engel, in Nr. 480 der "Nationalzeitung" vom
25. August 1894.--Ueber den Promus s. Bormann, S. 271-76.]

Wenn die Erinnerung der Amme an das Erdbeben vor elf Jahren auf die
Entstehung der Dichtung zu beziehen ist, wie Delius gemeint hat, so
wuerde die letztere in das Jahr 1592 fallen und also einige Jahre
frueher entstanden sein als der Promus, der am 5. December 1594
beginnt.


3. Die Vergleichung der Werke.

Wie dem auch sei, Mrs. Henry Pott hat eine neue Art Bacon-Mythen auf
das Tapet gebracht: sie laesst Bacon Vorrathskammern anlegen und mit
Worten und Woertern fuellen, um die Personen seiner Dramen damit zu
speisen. In ihrer naechsten Schrift: "Hat Francis Bacon Shakespeare
geschrieben?" [Fussnote: _Did Francis Bacon write Shakespeare? The
lives of Bacon and Shakespeare compared with the dates and subject
matter of the plays. By the editor of Bacons promus etc. 'Look an this
picture and on this.' W. H. Guest a. Co. 1885._--Ueber den Sturm
und Othello vgl. S. 48, S. 61-62.] (1885) hat sie bereits angefangen,
die Werke Bacons mit den Werken Shakespeares zu vergleichen, z. B. die
naturgeschichtliche Abhandlung ueber die Winde mit dem Lustspiel "Der
Sturm", um deren innere Uebereinstimmung und Einheit zu erweisen; sie
hat damit den Weg betreten und angebahnt, welchen die juengste Bacon-
Theorie auszubauen sich zur Aufgabe gesetzt hat.

Im uebrigen befolgt ihre Beweisart genau jenen Tact, nach welchem der
Marsch der Bacon-Theorie sich richtet. Da der Promus und "Romeo und
Julia" eine Anzahl gleicher Worte und Woerter enthalten, so steht
Romeo und Julia im Promus.


VII. BACONS GROSSE GEHEIMSCHRIFT: MYTHUS ODER HUMBUG?

Die ganze Bacon-Theorie wuerde mit einem Schlage feststehen, wenn sich
irgendwo eine verborgene oder versteckte Urkunde aufspueren liesse,
worin Bacon selbst berichtet hat: dass er der Dichter war, William
Shakespeare aber sein Werkzeug und ein Mensch von der Art, wie unsere
Baconianer ihn vorstellen. Und da Bacon, wie aus seiner Lehre
ersichtlich, sich mit der Kunst des Chiffrirens und Dechiffrirens
beschaeftigt
hat, so wird er diese Urkunde wohl chiffrirt und der Nachwelt
ueberlassen
haben, den Schluessel zu finden. Das grosse Bacongeheimniss in
Chiffern!
Eine solche Urkunde duerfte man fueglich "die grosse Geheimschrift"
nennen: _great kryptogramm_.

Aber wo sie finden? Am Ende hat sie Bacon in seinen eigenen Werken
versteckt und zwar in denjenigen, welche den Inhalt seines grossen
Geheimnisses ausmachen, in seinen Shakespeare-Dramen, in deren erster
Gesammtausgabe, hauptsaechlich in den beiden Theilen Heinrichs IV.
Nirgends steht hier der Name "Stratford", oefter dagegen der Name "St.
Alban", noch oefter der Name "Francis". "Franz! Franz!" "Gleich, Herr,
gleich!"--Wie Falstaff die Kaufleute pluendert, schreit er: "Nieder
mit
euch, ihr Speckfresser (_bacon-knaves_)!" Da haben wir schon
"Francis" und "Bacon", also "Francis Bacon"! Wie leicht sind die Worte
schuetteln (_shake_) und Speer (_speare_) anzutreffen: da
haben wir Shakespeare. In einer Scene der "Lustigen Weiber" spielt
der Knabe William seine Rolle. Also F r a n c i s B a c o n und
W i l l i a m S h a k e s p e a r e waeren da, die beiden
Hauptagenten
jener tief verborgenen Geschichte, die das Bacon-Geheimniss ausmacht!

Nun wird es nicht schwer halten, in der Folio-Ausgabe Worte und
Wortklaenge genug ausfindig zu machen, daraus die ganze Legende von
Bacon als dem Verfasser "Richards II.", von "Richard II." als einem
staatsgefaehrlichen Stueck, von Hayward und dem Zorne der Koenigin,
von Shakespeare als dem Stratforder Taugenichts und dem Londoner
Schauspieler und Regisseur zu construiren und so zusammenzusetzen, wie
es die _fable convenue_ der Baconianer verlangt. Diese Geschichte
soll dann Bacon selbst als Denkschrift verfasst und die letztere mit
seinen dramatischen Dichtungen dergestalt umwoben und durchsetzt
haben, dass sie im Dickicht derselben tief verborgen ruht.

Die einzelnen Worte und Wortklaenge, woraus sie besteht, haben in den
Dramen eine andere Bedeutung als in der Denkschrift. In dieser sind
sie Chiffern, nach rueckwaerts und vorwaerts durch Abstaende getrennt,
die arithmetisch berechnet und durch Rechnung erkennbar sind oder sein
sollen. Die Rechnung enthaelt den Schluessel zur Dechiffrirung.

So ist die grosse Geheimschrift entstanden, welche der Amerikaner
Ignatius Donnelly entdeckt haben will (1888), nachdem sie 265 Jahre
lang dem Auge der Welt verborgen geblieben. [Fussnote: Das Werk in
zwei Baenden hat viel Glueck gemacht; es ist alsbald in 20000
Exemplaren verkauft worden und hat 800000 Mark eingebracht. So heisst
es.] Er hat sie aufgefunden, nachdem er sie zuvor e r f u n d e n und
nach der Richtschnur der Legende, wie sie die Bacon-Theorie
vorschreibt, aus den Worten der Dramen zu componiren sich abgemueht
hat; er hat eine Anzahl incohaerenter Bruchstuecke mitgetheilt, den
Schluessel aber fuer sich behalten. Seit sieben Jahren wartet man
vergeblich auf die Vollendung und die Loesung. Donnelly kann nicht
geben, was er selbst nicht hat. Wo keine Chiffern sind, da ist auch
kein Schluessel!

Die ganze Scheinentraethselung richtet sich selbst durch die
Absurditaet ihrer Resultate. Diese Geheimschrift naemlich schildert
William Shakespeare als einen Menschen, der mit zwanzig Jahren bei
seinen Wilddiebereien einen Schuss in den Kopf bekommt und ein
haessliches Loch in der Stirn davontraegt; der dreizehn Jahre spaeter,
von Krankheiten entstellt und entkraeftet, unsicheren Ganges
einherschwankt, zugleich aber stark, gross, wohlbeleibt ist und den
Falstaff unuebertrefflich spielt. Ein solcher Mensch existirt nicht.

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Stephen King fan publishes Shining's Jack Torrance's novel
Three Women was first heard as a radio drama and then published as a poem. Robert Shaw explains his desire to stage the piece as it was intended

Turkish poet Nazim Hikmet regains citizenship
Nonagenarian Diana Athill, Irish writer Sebastian Barry and first book winner Sadie Jones talk about their books and their writing after the awards were announced last night

Book borrowing boosts author's self-esteem

Turkey is restoring the citizenship of its most famous 20th century poet Nazim Hikmet over 50 years after it branded him a traitor.

Hikmet, a communist who died in exile in Moscow in 1963, was imprisoned in Turkey for more than a decade. He was stripped of his Turkish nationality in 1951 because of his communist views, but despite a ban on his poetry which remained in place until 1965, has remained one of Turkey's best-loved poets. His work, much of which was written in prison, including his masterpiece Human Landscapes, has been translated into more than 50 languages.

"This is very good news," said Richard McKane, Hikmet's English translator. "The restoration of his Turkish citizenship is long overdue: the people of Turkey and his readers are owed that."

Immortalised by Pablo Neruda, with whom he shared the Soviet Union's International Peace Prize in 1950, with the lines "Thanks for what you were and for the fire / which your song left forever burning", Hikmet was also supported by Jean-Paul Sartre and Pablo Picasso. Nobel laureate Orhan Pamuk, when given the editorship for a day of Turkish newspaper Radikal two years ago, used the example of Hikmet in his cover story to criticise the lack of freedom of expression in Turkey. In 2000, 500,000 Turks petitioned the government to restore Hikmet's citizenship rights and repatriate his remains.

Deputy prime minister Cemil Cicek told the Associated Press that it was time for the government to change its mind about Hikmet. "The crimes which forced the government to strip him of his citizenship at that time are no longer considered a crime," the BBC quoted him as saying.

Hikmet, whose remains are currently in Russia, had said that he wished to be buried in Turkey in his 1953 poem Testament, translated by Ruth Christie. "Friends if it's not my lot to see the day / of independence... / if I die before that day / - and it seems I will - / bury me in a village graveyard in Anatolia / and if it's fitting / and a plane tree grows at my head, / then there's no need for a gravestone or anything else."

Cicek said that Hikmet's family would now decide whether to ship his remains back to his homeland.

Hikmet introduced free verse to Turkey in the 1930s, with his themes ranging from war to love. Despite his imprisonment he retained a deep passion for Turkey. "I love my country", he wrote in one of his poems. "I swung in its lofty trees, I lay in its prisons. Nothing relieves my depression like the songs and tobacco of my country."

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