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Shakespeare und die Bacon Mythen by Kuno Fischer

K >> Kuno Fischer >> Shakespeare und die Bacon Mythen

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Um die Industrie Donnellys richtiger zu bezeichnen, als das Wort
"Mythus" besagt, lassen wir uns einen Ausdruck dienen, den das
"Journal des Debats" schon zehn Jahre frueher auf die Bacon-Theorie
ueberhaupt angewendet hat. "Man erlaube mir", schrieb damals Herr
Varagnac, "die Bacon-Theorie fuer nichts anderes zu halten, als was
die Leute da drueben mit einem charakteristischen Worte benennen,
welches in dem Vaterlande Barnums ebenso ueblich ist, wie die Sache,
die es bezeichnet: das Wort heisst 'Humbug'." [Fussnote: Nach der
grossen Geheimschrift berichtet ein Buchhaendler aus Stratford ueber
die dortigen Abenteuer und Jugendsuenden William Shakespeares aus
dem Jahre 1584; der Bischof von Worcester, in dessen Sprengel
Stratford
liegt, berichtet dem Staatssecretaer Cecil ueber den Schauspieler W.
Shakespeare aus dem Jahre 1597; Cecil aber berichtet der Koenigin
ueber Bacon und Essex, ueber die staatsgefaehrlichen und gottlosen
Dramen seines Vetters Bacon, den er St. Alban nennt, obwohl Bacon
diesen Titel erst viele Jahre spaeter empfing.

Wenn Bacon ueber die Wilddiebereien Shakespeares und dessen Haendel
mit dem Ritter Thomas Lucy haette unterrichtet sein wollen, so stand
ihm der naechste Weg offen, weil er mit der Familie des Ritters sehr
gut, sogar verwandtschaftlich bekannt war, wie aus seinem Briefe an
den juengeren Thomas Lucy auf Charlecote erhellt, den Spedding
mitgetheilt hat (_Works_ IX, p. 369).

Donnelly meint, dass Shakespeare den "Hamlet" schon deshalb nicht habe
schreiben koennen, weil ihm die Quelle in der daenischen Geschichte
des _Saxo Grammaticus_ verschlossen war, denn er habe kein
Daenisch verstanden! Als ob Saxo seine _Historia Danica_ d a e
n i s c h geschrieben! Als ob Bacon Daenisch verstanden, da er doch an
Koenig Christian IV. von Daenemark l a t e i n i s c h geschrieben!
(_Works_ XIV, p. 82.) Als ob es von der Hamletsage des Saxo nicht
die franzoesische Bearbeitung des Belleforest gegeben!]


VIII. DER GIPFEL DER BACON-MYTHEN.

1. Bacon als philosophischer Dichter.

Die Bacon-Theorie hat noch einen Schritt zu thun, und der Gipfel ihrer
Mythenbildung ist erstiegen: sie bedarf weder des Promus noch der
grossen Geheimschrift, wenn sich nachweisen laesst, dass die Werke
Shakespeares, die 36 Dramen der Folio, alle die Historien, Komoedien
und Tragoedien philosophische Werke sind, insbesondere
naturphilosophische, die als solche nicht William Shakespeare, sondern
nur Francis Bacon, der erste Philosoph des Zeitalters, der Begruender
der Naturphilosophie und des Empirismus, verfasst haben konnte. Dies
zu beweisen, hat nun die allerjuengste Bacon-Theorie unternommen.

Darnach habe Bacon das Hauptwerk seines Lebens, die grosse
Erneuerung der Wissenschaften (_Magna instauratio_), welches in
sechs Theile zerfaellt, nicht nur theilweise, sondern ganz und
vollstaendig
ausgefuehrt: die erste Haelfte in drei prosaischen Werken (der
Encyklopaedie, dem Organon und der Naturgeschichte), die zweite in den
36 Dramen der Folio.

Philosophische Dramen sind allegorischer Art und gehoeren als
allegorische Dramen zu jenen Maskenspielen, ueber welche Bacon einen
seiner Essays verfasst hat, der mit der Erklaerung beginnt und endet,
dass solche Spiele blosser Tand (_toys_) seien. [Fussnote:
_Works VII. Ess. XXVIII. Masques and triumphs, pag. 467-68_.]

Und er sollte die Absicht gehabt haben, die Haelfte seines groessten
Werkes in dieser Form auszufuehren? Wir vergessen das grosse
Schweigen, das absichtliche Dupiren! Dieser Essay soll dazu dienen,
ihn selbst als dramatischen Dichter zu verschleiern: er ist ja ein
heimlicher Dichter, ein geheimnissvoller, er ist Shakespeare! Eben
darin besteht ja das Bacon-Geheimniss! [Fussnote: Bormann, S. 293.]


2. Bacon als Erfinder des parabolischen Dramas.

Nach der allerjuengsten Bacon-Theorie soll Bacon gelehrt haben: dass
das parabolische oder allegorische, insbesondere naturphilosophische
Drama die hoechste Gattung der Poesie sei. Diese Behauptung aber, in
welcher die juengste Bacon-Theorie haengt, wie die Thuer in der Angel,
ist von Grund aus falsch, und ich bin verwundert gewesen, dass unter
der betraechtlichen Anzahl von Schriften darueber, die mir zu Gesicht
gekommen sind, nur eine war, welche diese fundamentale Taeuschung
gemerkt hat. [Fussnote: Ebendaselbst S. 4-7. W. Brandes: Ueber das
Shakespeare-Geheimniss. Westermanns Illustr. deutsche Monatshefte.
Oct. 1894. S. 123-125.]

In Wahrheit hat Bacon gelehrt, dass der menschliche Geist in seinem
Innern die Welt abbilde, und zwar kraft seiner Vermoegen (des
Gedaechtnisses, der Einbildungskraft und der Vernunft) auf dreifache
Art: das Abbild der Thatsachen oder Begebenheiten sei die
Weltbeschreibung oder G e s c h i c h t e, das der Ursachen oder
Gesetze sei die W i s s e n s c h a f t aber vernunftgemaesse
Erfahrung (was man heute in Frankreich und England "positive
Philosophie" nennt), das Abbild der Geschichte vermoege unserer
Einbildungskraft, dieses imaginaere oder phantasiegemaesse Abbild sei
die P o e s i e.

Diese selbst ist wiederum dreifacher Art, da sie die Geschichte
entweder in vergangenen Begebenheiten erzaehlt oder in gegenwaertigen
Handlungen vorfuehrt oder endlich als bedeutungsvolle Vorgaenge
darstellt: die erste Art der Poesie ist episch, die zweite dramatisch,
die dritte parabolisch, wie die Gleichnisse, Fabeln und Mythen, die
halb zur Veranschaulichung, halb zur Verhuellung moralischer und
religioeser Wahrheiten dienen.

Es ist, beilaeufig gesagt, hoechst charakteristisch, dass Bacon die
Poesie nur als W e l t a b b i l d gelten liess, dass er die lyrische
Gattung, die Darstellung des eigenen Innern, die Herzensergiessungen,
die Sprache des Eros davon ausschloss und nicht zur Poesie, sondern
zur Rhetorik gerechnet hat. Glaubt man wirklich, dass dieser Mann ein
Dichter sein konnte, dass er der Dichter von "Romeo und Julia", dass
er Shakespeare war!?

Da wir im Traum Dinge fuer wirklich halten, die nur imaginaer sind, so
hat Bacon von der Poesie, diesem imaginaeren Abbilde der Welt, einmal
gesagt, dass sie gleichsam ein Traum der Wissenschaft sei (_tanquam
scientiae somnium_); er hat die Poesie ganz im Sinne der
Renaissance als eine Art weniger der Wissenschaft als der
Gelehrsamkeit und der gelehrten Bildung (_genus doctrinae_)
betrachtet, ohne welche poetische Werke weder zu machen noch zu
verstehen sind.

Das durchgaengige Thema aller Arten der Poesie ist nach Bacon die G e
s c h i c h t e (_historia_). Wenn er von der parabolischen
Poesie als einer sinnbildlichen Geschichte (_historia cum typo_)
sagt, dass dieselbe unter den uebrigen Arten hervorrage (_inter
reliquas eminet_), so hat er damit nicht den poetischen Werth,
sondern den r e l i g i oe s e n Charakter der allegorischen Dichtung
hervorheben wollen. [Fussnote: _De dignitate et augmentis
scientiarum Lib. II, cp. XIII. Works I, p. 520_.]

Es ist ihm nicht in den Sinn gekommen, die Arten der Poesie abzustufen
oder dem Range nach zu ordnen: der epischen Poesie die dramatische,
beiden aber die parabolische ueberzuordnen; es hat ihm noch weniger in
den Sinn kommen koennen, nunmehr die dramatische und parabolische
Poesie zu combiniren und das p a r a b o l i s c h e D r a m a fuer
die hoechste Gattung der Poesie zu erklaeren. [Fussnote: Bormann, S.
7.]

Eine solche Art der Anordnung und Abstufung kommt mir vor, als ob
jemand das Militaer in Soldaten zu Fuss, zu Pferde und zur See
eintheilen, dann seiner Liebhaberei gemaess den Soldaten zu Fuss die
zu Pferde und zur See vorziehen oder ueberordnen, endlich die beiden
hoeheren Arten combiniren und nunmehr d i e R e i t e r z u r S e e
fuer die hoechste Gattung des Militaers erklaeren wollte! Genau so
laesst die juengste Bacon-Theorie in der Lehre Bacons die
parabolischen und naturphilosophischen Dramen entstehen.

Der Begriff naturphilosophischer Dramen ist nicht bloss voellig
unbaconisch, er ist auch in der Theorie und Geschichte der Dichtkunst
voellig unbekannt. Was Erzaehlungen und Dramen, was Gleichnisse und
Fabeln sind, weiss jeder; was naturphilosophische Dramen sind, weiss
niemand. Die ersten Beispiele derselben hat auch zufolge der juengsten
Bacon-Theorie erst Bacon in den 36 Dramen der Folio geliefert.

Wenn eine Untersuchung zu Resultaten fuehrt, die ihre Unmoeglichkeit
offen zur Schau tragen, so hat sie die Probe geliefert und abgelegt,
dass sie falsch ist und in der Irre. Machen wir die Probe.


3. Der Anfang des ersten Hamlet-Monologs als das _non plus ultra_
naturwissenschaftlicher Dichtung.

Der "Hamlet" repraesentirt ein naturphilosophisches Drama, worin Bacon
seine Lehre vom menschlichen Koerper und dessen Lebensgeist, von
Gesundheit und Krankheit, von Leben und Tod und noch vielem Anderen
dargelegt haben soll. Hier hat die juengste Bacon-Theorie sogleich
zwei Zeilen entdeckt, die nach ihrer woertlichen Aussage "zu den am
meisten mit Naturwissenschaft durchtraenkten gehoeren, die je ein
Dichter geschrieben habe". [Fussnote: Ebendaselbst S. 47.]

Diese zwei Zeilen sind die Anfangsworte des ersten Hamlet-Monologs:
"O, schmelze doch dies allzufeste Fleisch, zerging' und loest' in
einen Thau sich auf!" In diesen Worten werden wir auf das
anschaulichste ueber die drei Aggregatzustaende der Koerper belehrt:
den festen, fluessigen und gasfoermigen, wobei der Thau (_dew_)
zu den Gasen gerechnet wird! Hamlet wolle sich aufloesen und in das
Weltall verfluechtigen. Gleich daraus nennt er die Welt "einen wuesten
Garten, den Unkraut gaenzlich erfuellt". Und doch will er Luft werden,
um das Unkraut zu naehren? Dies die allerneueste Art, die Raethsel des
"Hamlet" zu loesen, nicht auf physiologischem, sondern nunmehr auf
chemischem Wege!

Nachdem ich diese Probe kennen gelernt, halte ich das
naturphilosophische Drama nicht blos fuer unbaconisch und unerhoert,
sondern auch fuer unvernuenftig und sinnlos.


4. Prospero und Pan.

Das herrliche Lustspiel "Der Sturm" enthaelt nach der juengsten Bacon-
Theorie ein Gemenge naturgeschichtlicher Lehren von den Winden, den
Missgeburten und Anderem, wozu der naturphilosophische Mythus vom P a
n kommt, wie Bacon denselben auffasst und deutet.

Ein solches Gemenge zerstoert schon die erste Bedingung eines Dramas,
naemlich die sinnvolle Einheit der Handlung. Man nimmt uns das
Lustspiel und servirt uns ein Simmelsammelsurium, eine Hexensuppe, die
kein dichterischer Kopf ersinnen und kein gesunder Geschmack vertragen
kann.

[Fussnote: Ebendaselbst S. 7-8. Bacon vermisst und fordert eine
'_historia praetergenerationum_'. _Praetergenerationes_ sind
nicht "Zwischenformen", sondern Missgeburten, d. h. Zeugungen, die
nach Aristoteles nicht [griechisch: kata] sondern [griechisch: para
physin] geschehen, was durch das lateinische oder unlateinische Wort
'_praetergenerationes_' ausgedrueckt wird. Zwischenformen sind
Uebergangsformen, aber nicht Monstra. Caliban und Ariel im Sturm sind
keine "Zwischenformen", auch keine natuerlichen Missbildungen
(_praetergenerationes_), denn sie gehoeren nicht in die Natur,
sondern in die Maerchenwelt: Caliban als Ungeheuer, Ariel als
Elementargeist.

Ich benutze die Anmerkung, um Einiges anzufuehren, das in den Text
aufzunehmen ich nicht fuer noethig gehalten.

Der Vertreter der juengsten Bacon-Theorie hat von den "36
philosophischen Dramen" nur vier nach seiner Art eroertert: den
"Sturm", "Hamlet", "Verlorene Liebesmueh'", worin die Lehre vom Licht
und den Leuchtstoffen dramatisch vorgetragen sei, und die Tragoedie
des "Lear", als in welcher Bacon die Lehre von den Geschaeften nach
seinen Erlaeuterungen Salomonischer Sprueche dramatisirt habe. Das
Thema der Historien oder Koenigsdramen seien astronomische und
meteorologische Lehren; in den Gestalten der Koenige, Vasallen,
gefallenen Groessen erscheinen die Sonnen, Planeten, Monde,
Sternschnuppen u.s.f.

In der Lehre von den Geschaeften wird auch der zerstreuten
Mannichfaltigkeit der Anlaesse zu allerhand Geschaeften gedacht. Bacon
bezeichnet diese zerstreute Mannichfaltigkeit als '_sparsae
occasiones_' und erklaert seinen Ausdruck durch '_universa
negotiorum varietas_'. Der Vertreter der juengsten Bacon-Theorie
uebersetzt '_sparsae occasiones_' durch "Zerruettete Geschaefte"
und erinnert auch daran, wie der naechtliche Sturm die Haare Lears
auseinanderwehe und zerstreue (_crines sparsi_)! S. Bormann, S.
111, 155 (Anmerkung).]

In Prospero habe Bacon den Mythus um Pan dramatisirt: Pan
repraesentire das All, Prospero sei in allen Dingen wohlerfahren;
jener ist behaart, dieser hat einen langen Bart; der eine trage einen
Koenigsmantel, der andere einen Zaubermantel, Pan sei der Fuehrer,
also der Herzog tanzender Nymphen, Prospero sei der Herzog von
Mailand, jener errege ploetzlichen Schrecken, dieser Sturm u.s.f.

Dazu kommt noch, dass in der Folio der Sturm an e r s t e r Stelle
steht, und in dem zweiten Buch der Baconischen Encyklopaedie, wo
beispielsweise drei Mythen eroertert werden sollen, der Mythus vom Pan
auch an e r s t e r Stelle steht. Welcher tiefe innere Zusammenhang!

Man braucht nur den "Schluss der drei Taugenichtse" auf Prospero und
Pan anzuwenden, so ist ihre Identitaet einleuchtend, denn beide sind
behaart, beide haben Maentel u.s.f. [Fussnote: Vgl. oben die
Parallelstellen zwischen Bacons Heinrich VII. und Shakespeares Richard
III., zwischen Bacon und dem Kaufmann von Venedig, zwischen dem Promus
und Romeo und Julia.]


IX. DER GIPFEL DER UNKRITIK.

Mit der zunehmenden Wuerdigung der Werke Shakespeares ist in der
begeisterten Anerkennung der Welt die Groesse und Herrlichkeit dieses
Dichters ins Unermessliche gewachsen und hat eine Hoehe erreicht, die
ueber das Mass der litterarischen Vergleichungen weit hinausragt.
Sobald aber einmal die superlativen Schaetzungen Mode werden, bleiben
auch die masslosen Ueberschaetzungen nicht aus. Die Grenze zwischen
dem Enthusiasmus und der Manie, ich meine zwischen der Begeisterung
und der Narrheit, wird ueberschritten, und der Kritik gegenueber
erhebt sich nun die U n k r i t i k, die auch ihren Gipfel haben will.
Darf ich es offen sagen, dass von diesen Ueberschaetzungen ins Blaue,
von diesen Steigerungen Shakespeares ins Uebermenschliche und Absolute
auch die deutsche Betrachtungsart nicht immer frei geblieben ist, auch
nicht in einigen ihrer bedeutenden und nennenswerthen Repraesentanten;
habe ich doch noch juengst aus schaetzenswerther Feder lesen muessen,
dass ein einziger Vers in "Romeo und Julia" mehr werth sei, als alle
Philosophie der Welt, nach welcher Schaetzung man der Amme Juliettas
einen Altar errichten muesste, um die Werke Platos und Kants darauf zu
opfern!

Aber der eigentliche Typus und Gipfel der Unkritik ist nicht in
Deutschland, sondern jenseits des Oceans ausgemacht worden: diesem
Gipfel ist die Bacon-Theorie mit allen ihr zugehoerigen Mythen
entquollen. Man muss nur hoeren, was in den Buechern der Nathanael
Holmes, Appelton Morgan u. a. zu lesen steht, um sich diesen
Chimborasso von Dunst vorzustellen, in den sie die Werke Shakespeares
verwandelt haben.

Da heisst es: "Wir scheuen uns nicht, mit unserer Verehrung des
Verfassers der Werke Shakespeares die Grenzen des Goetzendienstes zu
ueberschreiten.--Er war im vollsten Besitz sowohl aller vor seiner
Zeit vorhandenen Gelehrsamkeit, als auch alles seitdem angesammelten
Wissens; die ganze Kunde der Vergangenheit, wie der unbeschraenkte
Zugang zu den Geheimnissen, die noch im Schosse der Zeit verschlossen
waren, stand ihm zu Gebot; er besass alles philosophische,
astronomische, physikalische, chemische, geologische, historische,
classische und sonstige Wissen. Dieser unermesslich begabte Geist
(_myriad-minded genius_), vertraut, wie er war, mit der ganzen
Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, ist aus die Erde gekommen, um
der Fuehrer und das zweite Evangelium der Menschheit zu werden." So
sagt woertlich der Richter Nath. Holmes, der in die Fussstapfen der
Ms. Delia Bacon trat und der eigentliche Begruender der Bacon-Theorie
wurde. "Wenn alle Kuenste und Wissenschaften verloren gingen und
nichts uebrig bliebe als die Werke Shakespeares, so wuerde man jene
aus diesen wiederherstellen koennen." So sagt woertlich der Advocat A.
Morgan. [Fussnote: A. Morgan: Der Shakespeare-Mythus und die
Autorschaft der Shakespeare-Dramen. Autorisirte deutsche Bearbeitung
von Karl Mueller-Mylius. (Brockhaus 1885), S. 17-18, 37 bis 38, 40,
S. 59, 64, S. 133, 136, 166, 168-171, 198, 208.]

Demnach war der Verfasser der Werke Shakespeares nicht blos das
ausbuendigste aller Genies, nicht blos ein nie dagewesener
Uebermensch, sondern ein absolutes Wunder, eine unerklaerliche,
geheimnissvolle, mysterioese Erscheinung in der Geschichte der
Menschheit. Siehe da das Shakespeare-Mysterium!

Und eine solche universelle Weisheit in voller Ruestung, wie die
Minerva aus dem Haupte Jupiters, soll aus dem Gehirn des Warwickshirer
Bauern, des Stratforder Fleischers geboren sein? Je ungeheuerlicher
das Shakespeare-Mysterium, um so unbegreiflicher die Autorschaft des
William Shakespeare. Siehe da der Shakespeare-Mythus! "Ich bin einer
von den vielen", sagt Dr. Furness, "welche nie im Stande gewesen sind,
das Leben William Shakespeares und die Dramen Shakespeares innerhalb
des Raumes einer Planetenbahn einander nahe zu bringen. Es giebt in
der Welt nicht zwei mit einander weniger vertraegliche Dinge."

Wenn man den Verfasser der Werke Shakespeares zum Gott heraufschraubt
und den William Shakespeare aus Stratford zu einem Menschen
herabwuerdigt, der in seiner Jugend nicht viel besser war als ein S t
r o l c h, in seinen spaeteren Jahren aber ein geriebener
Theateragent, ein schnoeder Geldmensch, ein harter Glaeubiger und
Wucherer wurde,--nun ja, dann sind alle die natuerlichen Faeden
zerrissen, die den Verfasser mit seinen Werken verknuepfen; dann
schweben die Werke Shakespeares in der Luft, dann sind sie vacant, ihr
Verfasser wird gesucht, die Erfinder der Bacon-Theorie geben sich fuer
die ehrlichen Finder und verlangen ihren Lohn. Sie haben einen
allwissenden und allmaechtigen Bacon erfunden, der nicht blos den
Shakespeare, sondern nach Donnellys Geheimschrift auch den Marlowe und
nach Mrs. Windle auch den Montaigne geschrieben hat. Nun ist Auction!
Wer bietet mehr? Ein juengst erschienenes englisches Buch bietet, wohl
um die Auction zu parodiren, das meiste: es laesst Bacon seinem
Entzifferer bekennen, dass er nicht blos Shakespeare und Marlowe,
sondern auch Robert Green, George Peel und alle Werke von Edmund
Spenser verfasst habe.

Dieser allwissende Verfasser der Shakespeare-Werke habe unter anderem
schon die Entdeckungen gekannt, die erst nach seinem Tode gemacht
wurden. So versichert A. Morgan und nennt als die beiden
vorzueglichsten Beispiele Harveys Lehre von der Herzthaetigkeit und
Newtons Lehre von der Gravitation: er habe jene durch den Menenius im
"Coriolan", diese durch die Cressida in "Troilus und Cressida"
verkuendet. Aber die Fabel des Menenius steht schon im Livius, und
handelt ja nicht von der Thaetigkeit des Herzens, sondern von der des
Magens. Und wenn die treulose Cressida ihre Anziehungskraft auf alle
Maenner mit dem festen Mittelpunkt der Erde vergleicht, so muss man
eine sonderbare Vorstellung von Newtons Astronomie und
Gravitationslehre haben, um sie in "dem f e s t e n Mittelpunkt der
Erde" wiederzuerkennen.

Und jener allwissende Mann sollte Bacon sein, dem es zum Vorwurfe
gereicht, dass er den koeniglichen Leibarzt Harvey nicht zu wuerdigen
gewusst, den deutschen Astronomen Kepler, seinen Zeitgenossen, und
dessen Entdeckungen nicht gekannt, die Entdeckungen aber des
Kopernikus und des Galilei verworfen und zu jenen Idolen oder
Irrthuemern gerechnet habe, die aus dem Bestreben nach falschen
Vereinfachungen hervorgehen?

Wie kommt der allwissende Bacon zu allen jenen groben geographischen
und historischen Irrthuemern, die man von jeher dem unwissenden
Shakespeare zur Last gelegt hat? Was die bekannten, zum Ueberdruss
aufgezaehlten Anachronismen betrifft, die Anfuehrung des Aristoteles
im Trojanischen Krieg, die Trommeln im Coriolan, die Schlaguhr im
Caesar, die Kanonen im Koenig Johann, die Loewen und Schlangen in den
Ardennen u.s.f., so bleiben sie auf der Rechnung Shakespeares stehen,
der als Regisseur aus Unwissenheit und Effecthascherei solche Dinge in
die Stuecke hineinprakticirt habe; wogegen die Reise zu Schiff von
Verona nach Mailand in den "Beiden Edelleuten von Verona" und die
Meereskuesten Boehmens im "Wintermaerchen" zu jenen wunderbaren
Einsichten gehoeren, die den Verfasser der Werke Shakespeares vor
allen andern Sterblichen auszeichnen; denn es habe vor Zeiten einen
Canal zwischen Verona und Mailand und boehmische Besitzungen am
Adriatischen Meere gegeben, welche wiederzuentdecken nur der Magus
vermocht habe, der die Shakespeare-Dramen gedichtet.

Dass der Verfasser dieser Werke ein Gott war, ist das erste Phantom;
dass William Shakespeare ein unwissendes und schlechtes Subject war,
ist das zweite; dass Bacon ein allwissender Philosoph und ein
allmaechtiger Dichter war, ist das dritte: die Summe dieser drei
Phantome heisst "Bacon-Theorie": sie besteht, wie ein amerikanisches
Blatt schon vor Jahren gesagt hat, indem es auf einen schoenen
Ausspruch Prosperos anspielt, aus dem Zeug, woraus unsere Traeume
gemacht sind.


X. BACONS URTHEIL UEBER SHAKESPEARE.

1. Bacon und das Theater seiner Zeit.

Die Dinge mit wachen Augen gesehen, so ist Bacon wieder der Philosoph
und der Kanzler, Shakespeare wieder der Schauspieler und der Dichter.
Und nun komme ich auf die Frage zurueck: wie mag jener von diesem
gedacht haben? Eines wissen wir genau: wie Bacon ueber die Schaubuehne
seiner Zeit gedacht hat. Dies ist die bekannte Groesse. Suchen wir
daraus die unbekannte zu gewinnen: sein Urtheil ueber Shakespeare.

Die Welt der dramatischen Dichtung sei das Theater, und nach dem Masse
ihrer eigenen Bildung koenne jene auf das Volksleben ebenso
wohlthaetig wie verderblich einwirken, beides um so gewaltiger, als
ihre Eindruecke durch die Menge der Zuschauer vervielfaeltigt und
dadurch ausserordentlich verstaerkt werden. Gross, wie der Nutzen, sei
auch der Schaden, den das Theater stifte. Im Alterthum habe man die
bildenden und veredelnden Einfluesse der Schaubuehne gepflegt, in
unsern Zeiten dagegen voellig vernachlaessigt. Dort habe die
'_disciplina theatri_' geherrscht, hier dagegen, herrsche die
'_corruptela theatri_': '_disciplina theatri plane nostris
temporibus neglecta_'.

Dieses Urtheil ueber die Schaubuehne seiner Zeit steht in seinem
grossen Werk ueber den Werth und die Vermehrung der Wissenschaften,
welches in demselben Jahre erschien als die erste Gesammtausgabe der
Werke Shakespeares; es stand noch nicht in der ersten Ausgabe des
Werks vom Jahre 1605, sondern erst in der vom Jahre 1623 [Fussnote:
_Works_ 1, p. 519.], nachdem die englische Schaubuehne die Werke
Shakespeares in ihrer ganzen Groesse, in ihrem vollen Umfange erlebt
hatte. Daher kann es nicht zweifelhaft sein, dass Bacon die
Schauspiele Shakespeares nicht zu wuerdigen gewusst und, wie die
Schaubuehne selbst, _en bloc_ gering geschaetzt hat. [Fussnote:
Spedding macht unter dem Text der eben angefuehrten Stelle dieselbe
Bemerkung. Man moege ja nicht glauben, dass Shakespeare damals
besonders angesehen und in der grossen Welt gekannt worden sei. In
einem Briefwechsel zwischen John Chamberlain und Dudley Carleton, der
sich durch das Vierteljahrhundert erstreckt (1598-1623), in welches
Shakespeares Hoehenlaufbahn faellt, sei die Rede von allen Tages-,
Hof- und Stadtneuigkeiten, von allem, was sich auf den Rednerbuehnen
und in der Litteratur Neues begeben, von den Maskenspielen am Hofe bis
in die kleinsten Details, von ihren Verfassern und Schauspielern, von
ihrem Plan, ihrer Ausfuehrung und Aufnahme, aber auch nicht mit einer
einzigen Silbe von S h a k e s p e a r e, dem Dichter des "Hamlet",
"Was Ihr wollt", "Othello", "Mass fuer Mass", "Kaufmann von Venedig",
"Macbeth", "Lear", "Sturm", "Wintermaerchen" u.s.w.--Im Jahre 1608
habe der Lord Southampton an den Lordkanzler Ellesmere geschrieben, um
eine Bittschrift der beiden Schauspieler Burbadge und Shakespeare zu
befuerworten, er bezeichnet Shakespeare als seinen besonderen Freund
und den Verfasser einiger der besten Schauspiele, beide Maenner seien
recht beruehmt in ihrem Fach, aber es wuerde Seiner Lordschaft nicht
ziemen, sich an die Orte zu begeben, wo sie das Ohr der Menge
ergoetzen. Und doch hatte derselbe Lordkanzler sechs Jahre vorher die
Koenigin in Harewood empfangen und zu ihrer Unterhaltung den "Othello"
auffuehren lassen.

Das Volk kannte die Schauspiele, aber kuemmerte sich wenig um deren
Verfasser, es verhielt sich zu den Theaterstuecken, wie die Kinder zu
den Geschichten, die sie mit so vielem Vergnuegen anhoeren, sie fragen
nicht darnach, wer diese Geschichten ueberliefert oder ersonnen hat.
Die Schauspiele als Gegenstaende der Schaulust gehoerten in die
Theater, wo man sie sah und hoerte, nicht aber in die Litteratur und
die Buecher, die man las. So war es zu Shakespeares Zeit und noch
lange nachher in England. _Works_ 1, p. 519-520 Anmerkung.]

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Audio slideshow: Robert Shaw discusses his production of Sylvia Plath's only play
What is your biggest guilty green secret?

Video: Costa prize winners

A Stephen King fan has published an 80-page version of the book which novelist Jack Torrance obsessively writes during King's The Shining, where his descent into madness is revealed when his wife discovers that his work consists of just one phrase, endlessly repeated.

Torrance, played by Jack Nicholson in terrifying form in Stanley Kubrick's 1980 film, is a frustrated writer who goes with his wife and son to spend the winter in the isolated Overlook Hotel in an attempt to get the novel he has always wanted to write started. But the hotel's grisly past and unquiet ghosts have their way with him, and his wife Wendy eventually finds that the manuscript he has been working on actually only contains the phrase "All work and no play makes Jack a dull boy", typed over and over again.

Now New York artist Phil Buehler, who describes himself as "a big fan of Stanley Kubrick and Stephen King", has self-published a book credited to Torrance, repeating the phrase throughout but formatting each page differently, using the words to create different shapes from zigzags to spirals.

"The idea has probably been marinating for years, because I loved the movie and the Stephen King book," said Buehler. "I'd just finished my own obsessive art project [and] it was an idea I had over the Christmas holidays."

He said he decided to stick to type and formatting that could have been created on a typewriter, with the first ten pages duplicating shots of Torrance's work from the film. "I thought 'if he continues to get crazier, what would those pages look like?'" he said. "I hit writer's block about 60 pages in, and I had to get to 80 - that went on for about a week." His fiancée, who had neither read the book nor seen the film, became a little concerned about his actions. "I finally showed her the movie, and she realised I wasn't really losing it," said Buehler.

He's included a spoof review from the blog OverThinkingIt.com on the book's back jacket, which compares it to "the best of Beckett" in its "lack of forward momentum", and considers the struggles of the author, "heroically pitting himself against the Sisyphusean sentence". "It's that metatextual struggle of Man vs. Typewriter that gives this book its spellbinding power," the review says. "Some will dismiss it as simplistic; that's like dismissing a Pollack canvas as mere splatters of paint."

So far, Buehler says that around 1,000 people have viewed the book, for sale on Blurb.com for $8.95 in paperback, or $22.95 in hardback, and he's sold "a few" copies, with sales now starting to pick up steam. "A few people have asked me to sign it - they're looking it as a piece of art rather than a funny thing to give to a Kubrick fan," he said. "If you're not a Kubrick or King fan, you might not even get it."

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