Zur Freundlichen Erinnerung by Oscar Maria Graf
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8 E-text prepared by Eric Eldred, Marc D'Hooghe, Charles Franks, and the
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ZUR FREUNDLICHEN ERINNERUNG--ACHT ERZAEHLUNGEN
von
OSCAR MARIA GRAF
INHALT
Zwoelf Jahre Zuchthaus.
Sinnlose Begebenheit.
Die Lunge.
Ohne Bleibe.
Etappe.
Michael Juergert.
Ein dummer Mensch.
Ablauf.
ZWOELF JAHRE ZUCHTHAUS
I.
Weit hatte es der Schlosser Peter Windel im Laufe einer beinahe
zwanzigjaehrigen Arbeitszeit bei der Motorenfabrik Jank gebracht. Als
blutjunger Geselle trat er damals in den Dienst und heute war er
erster Werkmeister. Seine stumpfe, schweigende Energie, sein
fanatischer Lerneifer und seine fast pedantische, aber keineswegs
devote Puenktlichkeit hatten ihm Respekt und Achtung verschafft, bei
den Arbeitern sowohl, wie bei den Vorgesetzten. Beliebt war er nicht,
aber es war keiner in der ganzen Fabrik, der auf ein einmal
gesprochenes Wort von Windel nichts gab. Es dauerte allerdings lange,
bis er mehr als das Allernotwendigste sprach. Verschlossen, wortkarg
und mit jener stoischen Strenge im Gesicht, die schon nahe an der
Grenze des Missmuts steht--so kannte man ihn seit Jahr und Tag. Noch
dazu war er keineswegs eine Erscheinung. Von Gestalt klein und nicht
gerade kraeftig, etwas vornuebergebeugt, mit langem Hals, auf dem ein
unfoermiger, zu grosser Kopf mit borstigen, kurzen, schon etwas
angegrauten Haaren und weitwegstehenden Ohren sass. Das lederne,
scharfe Gesicht machte einen ueberreizten Eindruck. Die tiefliegenden,
unruhigen Augen waren von vielen blutunterlaufenen Aederchen
durchzogen. Aus dem schroffen Tal der Backen hob sich die plumpe,
unregelmaessige Nase wie ein spitzer Huegel. Griesgraemig griff die
massige, verfaltete Stirne von einer Schlaefenbucht zur andern.
Das Merkwuerdigste an diesem Antlitz aber war der untere Teil. Er
schien fast von einem anderen Menschen zu sein, hatte etwas so
Hilfloses und Schuechternes, dass man den Eindruck des Maedchenhaften
nicht losbrachte, wenn nicht hin und wieder der geoeffnete kleine,
aufgeworfene Mund die eingerissenen, stark mitgenommenen Zaehne gezeigt
haette. Kam noch hinzu ein ungewoehnlich kurzes, fast in den Hals
gefallenes und nur durch einen ganz kleinen Ballen angedeutetes Kinn,
aus dem ein sproeder Knebelbart spritzte wie eine Rettung. Sonst haette
man buchstaeblich der Meinung sein koennen, nach dem Hals ginge der Mund
an.
Man sagt im allgemeinen, Pedanten, die ihr Dasein fast abgezirkelt
genau ableben, haetten ein sorgfaeltig gepflegtes Erinnerungsvermoegen
und vergaessen die kleinste Kleinigkeit oft jahrelang nicht.
Peter Windel hatte keine Erinnerung.
Schliesslich, dass man irgendwie zur Welt kommt, aufwaechst und
allmaehlich auf einen Namen hoert, dann, in der Schule, noch auf einen
zweiten; in die Lehre kommt, etliche Stellen wechselt; dass es einem
schlecht oder besser geht, dass man auf einem Gottesacker unter anderen
Leuten um ein Grab steht und den Kies auf den Sarg einer toten Mutter
oder eines verstorbenen Vaters, eines Bruders oder einer Schwester
fallen hoert und endlich Hinterlassenschaftspapiere, Notariatszimmer
und Pfandbriefe zu sehen bekommt,--das erlebt so ziemlich jeder Mensch
auf die eine oder andere Weise.
Ein schepperndes Weckerlaeuten. Es ist noch tiefste Nacht draussen, die
Fenster sind gefroren und hoch herauf verschneit, man hoert auf den
weiten, ueberschneiten Strassen nur seine eigenen Schritte knirschen.
Aus Schnee und Dunkelheit kommt langsam eine flimmernde Strassenbahn,
dann hinter einer gelben Fensterscheibe ein verschlafenes, aergerliches
Pfoertnergesicht, ueher einen Hof viele, dumpf trommelnde Schritte und
ineinanderschwimmende Laute, endlich einen glatten Hebel in der Hand,
--herumgezogen--und ratsch! ein ganzer Hauskoloss surrt bebend
auf, die Riemen klatschen, aechzen, es haemmert, feilt, quietscht,
kracht, klingt, braust--das wusste Peter Windel seit ewiger Zeit.
Zwischendurch freilich auch Sommertage. Ein offenes Fenster, Kuehle und
Daemmerung und etliche schuechterne Vogeltriller beim Erwachen. Das
meiste der zwanzig Jahre--: Naechte ueber technischen Buechern,
Sonntagnachmittage ueber dem Zeichenblock und manchmal ein Zaehlen des
ersparten Geldes. Oefters als wuenschenswert Streitigkeiten, Zaenkereien
mit der halbtauben, beschraenkten Logisfrau koennen noch hinzugezaehlt
werden. Das war alles. Peter Windel hatte keine Erinnerung. Er kannte
nur Interessen.
Wenn nicht--
Und hier beginnt diese Geschichte.
II.
"Sie sind eine Sau! Vier Wochen kein frisches Handtuch, zwei Monate
keine Bettwaesche gewechselt! Wenn das nicht aufhoert, ziehe ich!"
schrie Peter Windel an einem Sonntag seine Logisfrau an.
Wie immer. Das Weib blieb stehen, glotzte ihn an, verzog das Gesichtzu
einer weinerlichen Grimasse und winselte ein paar unverstaendliche
Worte heraus. Und weinte erst leise, dann immer unertraeglicher.
Das Fenster stand offen. Es war Sommer. Klar fiel die Sonne in den
Hof. Windel riss die Schranktuere auf, nahm seinen Regenmantel, schob
die Frau beiseite und ging.
Vierzig Mark fuer ein Zimmer ist nicht viel und die Frau schnueffelte
nicht, war uralt, hockte den ganzen Tag in der dumpfen Kueche und
lispelte Gebete. Unreinlich war sie nur von Zeit zu Zeit. Man musste
sie dann grob anschreien.--
Auf der Treppe fiel Peter ein, dass er "Die Elektrizitaet als Nutzkraft"
vergessen hatte. Er drehte sich rasch um und ging zurueck. Immer noch
stand das Weib in der Zimmermitte, fast unbeweglich und wimmerte.
Einen Augenblick mass sie Peter veraergert. Dann stampfte er mit dem Fuss
auf den Boden.
"Herrgott nochmal!" stiess er heraus, warf seinen Mantel hin, riss die
Bettlaken herunter, zog in aller Eile Decke und Kopfkissen ab und warf
die ganze Waesche der Frau vor die Fuesse, samt dem schmutzigen Handtuch.
"Gehn Sie doch in die Kueche mit Ihrem Lamentieren und legen Sie mir
die Bettwaesche dann herein, ich mach's mir selber!" sagte er noch,
nahm vom Nachtkasten das vergessene Buch und schmiss wuetend die Tuere
zu.
"Meine Lies' ... heut wird's das zweite Jahr!" wimmerte die Frau noch.
Und fiel wieder in ihr wimmerndes Weinen.--
Als Peter Windel tief in der Abendstunde nach Hause kam, lag sie quer
auf dem Zimmerboden, den Kopf auf die Waschtischkante geschlagen, eine
ziemlich grosse Wunde auf der Stirn--reglos, steif.
Eine kleine Lache geronnenes Blut umgab den Kopf. Die Tote musste sich
in den hingeworfenen Bettuechern mit den Fuessen verwickelt haben und
dann hingefallen sein.
Peter Windel stand und stand. Er fuehlte das Brennen des angesteckten
Streichholzes nicht auf den Fingern. Erst als es wieder dunkel war,
zuckte er ein wenig, steckte schnell ein neues an und liess es wieder
verglimmen. Stand und stand.
Ploetzlich gab er sich einen Ruck und lief wie ein Irrer davon, liess
die Tueren offen, polterte die Treppen hinunter, rannte hastig und
totenbleich an Leuten vorbei und meldete das Geschehene auf der
Polizeiwache. Als er mit zwei Schutzleuten und dem Polizeiarzt
zurueckkam, waren schon Leute aus den Tueren gekommen und musterten ihn,
trippelten nach und blieben an der Eingangstuere stehen mit gereckten
Haelsen, brummten, lispelten.
Der eine der Schutzleute schloss endlich die Tuere. Man machte Licht in
Peters Zimmer, schaute eine Zeitlang auf die Tote, nahm die zwei oder
drei schwarzen, verkohlten Streichholzkoepfe auf ein Papier und sagte
zu Windel, der saeulenstarr dastand: "Setzen Sie sich."
Der Arzt beugte sich ueher die Tote, ein Schutzmann pruefte die
Waschtischkante. Der Arzt nickte.
"Setzen Sie sich!" sagte ein Schutzmann strenger.
Peter brach endlich in einen Stuhl.
Die drei lispelten in der Ecke.
Der Arzt steckte seine Instrumente ein, hustete und stellte sich neben
die Tote.
Ein Schutzmann nahm neben Peter Platz, einer blieb an dessen Seite
stehen.
"Wann haben Sie die Frau verlassen?" fragte der Schutzmann und
notierte.
Fragte weiter, mit einer gewissen haemischen Herausforderung:
"Haben Sie Beziehungen zu der Hullinger gehabt?"
"Nein."
"Wie lange wohnen Sie hier?"
"Und haben schon oefters solche Streitigkeiten mit der Hullinger gehabt?"
"Ja," sagte Peter.
"Und diesmal?"
"Weil sie mir schon vier Wochen keine frische Bettwaesche mehr gab."
"Sie waren also grob zu ihr?"
"Ja."
Und noch, was er Gehalt haette, was er bezahlen muesse fuer Logis, ob die
Hullinger vielleicht eine groessere Hinterlassenschaft in bar irgendwo
aufbewahrt, beziehungsweise ob ihm bekannt waere, in welchen Verhaeltnissen
die Hullinger gelebt habe.
Peter antwortete meistens mit Ja oder Nein. Seine Stimme klang
zerbrochen und schwer.
"Dann muss ich im Hotel schlafen ... Herr Schutzmann ... wenn die Leiche
hier liegenbleiben muss," sagte er endlich hilflos. Er hatte diese
Anordnung vom Arzt gehoert.
Da stand der Schutzmann selbstbewusst auf, sagte: "Sie kommen mit!"-Alle
Menschen waren noch auf dem dunklen Hof, und entsetzte Blicke fielen auf
die Davongehenden.
III.
Wegen dringenden Verdachts, seine Logisfrau ermordet zu haben, wurde
Peter Windel in Untersuchungshaft genommen und in einer Einzelzelle
untergebracht. Vier hohe, glatte, mit kahler, graugruener Oelfarbe
gestrichene Waende umgaben ihn von nun ab. Unter der Lichtluke stand
die hoelzerne Pritsche, daneben der Abort. Auf dessen Deckel konnte man
bei den Mahlzeiten den Essnapf oder die blecherne Wasserkanne stellen.
Die erste Nacht lehnte Peter schlaflos an der kalten Tuer. Als die
Waerter in der Fruehe aufschlossen, mussten sie fest druecken, bis seine
steife Gestalt nachgab und endlich, als sie wuetend fluchten, mechanisch
etliche Schritte in den Raum machte. Waehrend die Waerter die Brotration
auf die Pritsche legten und den Kaffee in die blecherne Tasse gossen,
stand der Gefangene die ganze Zeit unbeweglich und zusammengeschrumpft
da. Sie achteten nicht weiter darauf und schlossen geraeuschvoll wieder
die Tuer.--
Jetzt war Licht. Die Gefaengnisuhr schlug sieben.
Peter schaute schuechtern im Raum herum und begann zu gehen. Ging
stoisch die Waende lang. Immer zehn Schritte der Laenge nach und zwoelf
Schritte der Breite nach. Den ganzen Tag, ohne innezuhalten, wenn man
Essen oder Abendbrot brachte.--
Erst als das Licht beim Hereinbruch der zweiten Nacht verlosch, legte
er sich auf die Pritsche, zog die rauhe Decke ueher sich und schlief
wie immer. Jaeh erwachte er in der anderen Fruehe. Es war stockdunkel.
Er griff in die Gegend des Abortes, als suche er etwas oder wolle
Licht anstecken und stiess dabei so hastig an die Wand der Wasserkanne,
dass dieselbe mit einem Knall auf den Boden fiel und klatschend die
Fluessigkeit aus ihr peitschte. Erschreckt schwang sich Peter von der
Pritsche, hielt seine aufgeknoepften Kleider raffend zusammen und
lauschte aufmerksam.--
Jetzt schlug es fuenf. Er atmete auf und begann unsicher und vorsichtig
umherzutasten. Auf einmal fuehlte er die Naesse an seinen Fuessen.
"Herrgott! Herrgott!" brummte er muerrisch und besann sich. Aber in
diesem Augenblick raekelte wer an der Tuer. Ein Atmen wurde vernehmbar,
das Licht in der hohen Decke flammte auf und wieder standen die kahlen
Mauern ringsherum, das kleine Loch glotzte in den totenstillen Raum.
"Was machen Sie denn da?!... Sind Sie ruhig!" bruellte der Waerter
draussen aergerlich. Peters Finger streckten sich und liessen von den
Kleidern. Seine Hose fiel langsam herab. Ein Zittern schuettelte seinen
ganzen Koerper.
"Es ist schon fuenf Uhr vorbei, ich muss weg!" hauchte er gedaempft.
--Aber es war schon wieder dunkel. Und still.--
Erst nach einer Weile brachte Peter die Kraft auf, seine Hose
hochzuziehen, und tastete sich zur Pritsche, legte sich darauf. Sein
Herz schlug hoerbar und mit jedem Uhrenschlag erregter. Um sechs Uhr
schwang er sich empor und blieb dann hoelzern sitzen.
Das Licht griff endlich wieder von der hohen Decke in den Raum. Die
Tuer oeffnete sich unter dem Knarren der Schluessel. Ein Waerter stellte
das Fruehstueck herein und der andere an der Tuer warf den Aufwischlumpen
her und beide brummten und schimpften wegen des Wasserumschuettens,
hiessen Peter aufwischen. Fast froh darueber ergriff dieser den Lappen,
kniete hin und wollte alles moeglichst in die Laenge ziehen. Aber die
Waerter zeterten und trieben zur Eile.
"Vorwaerts! Vorwaerts! Glauben Sie, wir sind zu Ihrer Unterhaltung da!
... Marsch! Marsch! ... So ... fertig!"
Sie rissen ihm den Lumpen aus der Hand und waren schon draussen. Wieder
wich die Tuer in die Wand zurueck. Die Schluessel knirschten. Das Guckloch
starrte wie ein graessliches, ausgestochenes Auge in den kahlen Raum.
Peter kniete benommen da. Lange.
Es war still! Still!!
Fuerchterlich still!
Wie ein aufgescheuchtes Tier hob der Kniende ploetzlich den Kopf,
schaute scheu um sich und sprang mit einem Satz an den Abort, hob den
Deckel und schloss ihn hastig wieder, hob und schloss.
Die Spuelung rauschte. Auf und zu klappte der Deckel. Es krachte,
rauschte. Immer hastiger, schneller, motorisch riss Peter auf und zu,
auf und zu, immerfort, immerzu, nur um die Stille nicht mehr zu hoeren,
hob und deckte zu, es rauschte, rauschte--bis der Waerter schrie:
"Sie!! ... Sie! Sind Sie verrueckt geworden!!--Passen Sie auf! ... Man
ist schon mit anderen fertig geworden! ... Warten Sie, Sie!!"
So erschrocken war Peter, dass er noch lange zitterte, dann ging er
hastig wieder die zehn und die zwoelf Schritte. Den ganzen Tag.--
Viele, viele Tage, jedesmal um fuenf Uhr frueh, erwachte Peter so jaeh.
Immer griff er hinueber zum Abortdeckel, wollte Licht anstecken, sprang
auf, brachte seine Kleider in Ordnung,--machte etliche Schritte, stiess
an die kalte Tuer und prallte zurueck.
Neunzehnunddreiviertel Jahre gleichmaessiges Aufstehen lassen sich
schliesslich nicht aus der Gewohnheit ausloeschen.
Um sechs Uhr pfiff es. Wenn er am Hebel stand undihn herumriss, fing
der maechtige Koloss der Fabrik zu surren an, die Riemen klatschten,
quietschten, es krachte, bebte, haemmerte....
Peter war so mit dem Kopf an die Tuer gestossen, dass er taumelnd
zurueckfiel, glatt auf den Boden und liegenblieb.--
Wo!? Wo war man denn? Wo denn! Wo!!?
Auf der Welt? In der Hoelle? Tief in der Erde?--
Es war still!
Nirgends war man! Nirgends! Gar nirgends!
In einem Grab, in einem luftleeren, steinernen Sarg! In einer
fressenden Stille! Und durfte langsam, ganz langsam sterben. Niemand
wusste, sah und hoerte etwas. Es war still! Still!!--Still!!!
Doch--man hoerte etwas, zeitweilig ein ganz fernes Klopfen, ein Kratzen
in den Waenden. Aus einer anderen Gruft vielleicht?!--Nein! Es waren
Holz--oder Mauerwuermer, die nagten, nagten, weil sie einen Kadaver
witterten.--
Die dann herabfielen wie Tropfen und langsam in den Leibbohrten,--nagten,
nagten und alles auffrassen!--
Das Licht kam wieder. Peter Windel stand auf, ging zehn und zwoelf
Schritte. Er ass jetzt auch.--
IV.
Endlich nach fuenfzehn Wochen Haft fand die Verhandlung gegen Peter
statt.
Stupid folgte der Gefangene den Waertern durch lange Gaenge, dann fuehlte
er Luft und bekam Angst, atmete sparsam.
Und dann sass er in einem Saal, sah Gestalten, sah starre Augen und
hoerte Redegeraeusche um sich herum und aus sich heraus.
Zuerst sass er da wie eine leblose Puppe. Dann, mit jedem gehoerten
Wort, kam mehr und mehr das Leben in ihn. Sein Gesicht bewegte sich,
als oeffne es sich aus einer Erstarrung--und dann lag ein Laecheln die
ganze Zeit auf seinen stoppeligen Falten und blieb.--
Die Dienstmagd vom Vorderhaus sagte aus. Einfach klangen ihre Worte.
Sie sprach nicht zu viel und nicht zu wenig.
Das Geraeusch der Worte war erst undeutlich, dann wurde es klarer und
klang.--
Am fraglichen Sonntag nachmittags zwei Uhr vernahm diese Dienstmagd
ein Wimmern aus dem offenen Fenster des Windelschen Zimmers. Dem
folgte ein grobes, kurzes Schimpfen. Dann sah sie den Angeklagten auf
der Treppe, wie er ploetzlich innehielt und wieder umkehrte. Und wieder
hoerte sie das Wimmern, noch deutlicher sogar und ein wuetenden Schimpfen,
dann einen Tuerzuschlag und Windel mit grimmigem Gesicht die Treppe
hinunterrennen.
Wie ruhig sie das sagte: "Und dann, gleich darauf, habe ich einen
dumpfen Knall und einen kurzen, nicht recht lauten Schrei, der eher
ein Stoehnen war, gehoert und das Wimmern hat auf einmal aufgehoert. Ich
weiss nicht mehr genau, war's gleich nach dem Tuerzuschlagen oder ein
wenig spaeter. Ich bin dann zu meiner Schwester gegangen, weil ich
Ausgang hatte.... Die Leute im Vorderhaus und im Hinterhaus? ... Ja
... soviel ich gesehen habe, die waren fast alle weggegangen ... schon
mittags.... Es war ja auch so schoenes Wetter."
Peter Windel sass da und lauschte. Es klang!--
Er begann auf einmal langsam--dann aber stossweise zu schluchzen. Eine
Bewegung kam in den Saal. Eine Glocke laeutete. Lauter rief wer!
Ja!--Ja! Das konnte der Vesperruf in der grossen Halle sein! Das war
dasselbe, duenne, schrille Laeuten.--
Dann klangen wieder Stimmen hin und her.
Der Chef, die Arbeiter und Angestellten und die fruehere Logisfrau
sagten guenstig ueber den Angeklagten aus. Die letztere weinte sogar
buchstaeblich und sprach erregt, dass der Staatsanwalt sich verpflichtet
fuehlte, sie zu fragen, wie lange Windel sie kenne, ob er sie zuletzt
noch aufgesucht und ob sie zu ihm in naeherer Beziehung gestanden habe.
Die dicke Frau wurde darob sehr schrill, schrie und es laeutete
abermals. Peter Windel war wieder ruhig geworden und laechelte
wieder.--
Laechelte, trotz der furchtbaren Anklagerede des Staatsanwalts,
laechelte starr in den Raum, als der Rechtsanwalt redete und redete.--
Man fand keine Absicht in dieser Tat. Die Beweise waren zu mangelhaft.
Der Angeklagte war ein unbescholtener Mensch. Bis in die Schulzeit
hatten die eifrigen Nachforschungen der Behoerden zurueckgegriffen,
nichts liess auf einen jaehzornigen, boeswilligen Menschen schliessen,
sondern eher auf einen schuechternen, scheuen, dem das Leben stark
mitgespielt hatte.--
"Alles, was die tote Frau Hullinger hinterlassen hat, fand man
unberuehrt. Sie haben ein Zeugnis aus der weitaus ueberwiegenden
Mehrzahl der Aussagenden, dass der Angeklagte nie zu einer solchen Tat
faehig sei. Wie kann man annehmen, dass ein solcher Mensch wegen einer
geringfuegigen Unreinlichkeit einfach eine alte Frau dermassen an den
Waschtisch wirft, dass sie augenblicklich tot ist!" rief der Verteidiger.
Und viele nickten. Man hoerte deutlich ein Aufatmen, als der Freispruch
bekanntgegeben wurde und sah aufgeheiterte, fast erloeste Gesichter.--
Peter Windel war frei.
"Kommen Sie nur gleich wieder!" hatte sein Chef gesagt, als er ihm
beim Weggehen die Hand drueckte. Und der Rechtsanwalt hatte einen Blick
wie ungefaehr: "Na, das haetten wir wieder durchgedrueckt!"
Nach fuenfzehn Wochen spuerten Peters zoegernde
Schritte wieder Strassen, hoerten seine Ohren Trambahnrattern, sahen
seine Augen Menschen, Farben, Fenster, und er wusste selber nicht, wie
und weshalb er ploetzlich an einen Schalter herantrat und sagte:
"Dritter Klasse! Ja!"
Er stieg auf den Zug und ging nicht in die Kupees. Eine Nacht lang
stand er auf dem eisernen, ratternden Vorplatz eines Wagens und
atmete.--
Der Wind pfiff. Der Zug sauste, riss die Luft auseinander, zog
vorbeifliegende Lichter in die Laenge, bohrte hemmungslos in eine
dunkle, ungewisse Ferne.
Keine Wand mehr, keine zehn und zwoelf Schritte, kein Ende--das Toben
und Brausen wieder! Nur diesmal wie ein Flug durch einen unermesslichen
Raum.--
V.
Aber--es ist nicht wahr! Man kann nichts wegtrinken, nichts vergessen
machen, nichts ausloeschen! Man traegt es mit sich wie ein unsichtbares
Schneckenhaus und zuletzt!?--
Es sind immer wieder die kahlen, glatten Mauern, die Tuer mit dem
ausgestochenen Aug' in der Mitte, die zehn und zwoelf Schritte....
Es klopft.--
Es kratzt in den Waenden. Die Wuermer nagen. Sie warten und fallen
ploetzlich in einer Nacht wie schwere Tropfen herab, bohren sich ins
Fleisch, nagen--nagen.--
Peter Windel hatte eine wilde Flucht hinter sich. Durch Staedte und
Doerfer war er gefahren, in Hotels und in Wirtschaften, in
Animierkneipen oder am Leib eines Weibes hatte er die Naechte
verbracht. Er trank, warf das Geld weg, ass, sass in den Theatern und
den Kinos, in den Bars und Vergnuegungslokalen jeder Klasse.
Es war immer wieder die Stille, das Stockdunkle, das Grab!--
Er floh und kehrte endlich wieder zurueck zu Jank, nahm die Arbeit
wieder auf und wurde ruhiger. Es trat die alte Regelmaessigkeit in sein
Leben. Ereignislos verliefen die Jahre. Er wurde alt. Gebueckt ging er.
Der Chef nahm ihn in die Abteilung fuer technische Angelegenheiten ins
Bureau. Da sass er nun jeden Tag auf seinem Drehstuhl und rechnete,
schlug das Buch zu, kam am aendern Tag wieder und rechnete.
Neben ihm sass das Schreibmaschinenfraeulein, weiter am Fenster vorne
der Ingenieur und manchmal auch der Chef.
Jahre.--
Ploetzlich an einem Nachmittag gegen drei Uhr warf Peter Windel die
Feder weg, riss sich fast soldatisch herum, ging an den Schreibtisch
des Ingenieurs und sagte mit hohler, kalter Stimme: "Die Sache
liegt vollkommen glatt. Fuer den Verlust mache ich Sie keinesfalls
haftbar."
Steif stand er einen Augenblick vor dem verbluefften Herrn und drehte
sich rasch um, rannte zur Tuer und war weg.
Schon nach der Mittagspause hatte er sich den Hut unter den
Schreibtisch gelegt. Und jetzt war er froh, dass kein ihm bekannter
Strassenbahner den Wagen fuehrte, in den er stieg.
Nach der fuenften Haltestelle stieg er aus. Er war mitten in der Stadt.
"Das Urteil im Heinold-Prozess! Zwoelf Jahre Zuchthaus!" schrien die
Zeitungsverkaeufer und flatterten mit den Extrablaettern herum.
Wichtige, gespraechige Gesichter tauchten auf, gedraengte Gruppen
stauten sich um die Anschlagssaeulen.
Peter bohrte seine Augen spaehend in die staubige Luft. Nach einem
regen Ausschreiten blieb er auf einmal stehen, murmelte etliche Worte
heraus, drehte sich mechanisch herum und ging in den Blumenladen,
vor dem er jetzt stand. Nach einer langen Weile kam er mit einem
grossen, auffallend schoenen Rosenstrauss heraus, und ein kaltes Laecheln
lag auf seinen stoerrischen Zuegen.
"Lebenslaenglich in einem Grab ... da schon lieber gleich weg," hatte
er gestern beim Treppenhinaufgehen gehoert, und dann sagte eine andere
Frau superklug: "Beantragt erst. Es haengt noch vom Gericht ab."
Heute war niemand im Treppenhaus. Auch die Wohnung war leer. Die
Logisfrau war wahrscheinlich zum Putzen gegangen und ihr Mann kam erst
gegen sieben Uhr abends von der Arbeit.
Peter oeffnete rasch und schritt behend in sein Zimmer, legte behutsam
den Rosenstrauss auf den Tisch und holte sich in der Kueche warmes Wasser
zum Rasieren.--
Als er bereits im Gebrock vor dem Spiegel stand, ueberfiel ihn auf
einmal ein massloses Zittern, und eine Totenblaesse ueberzog sein
Gesicht. Mit Gewalt straffte er seine Fuesse. Dann nahm er endlich den
Strauss und verliess die Wohnung.
Es war schon dunkel, als er vor der Tuer des Staatsanwalts Petersen
stand und laeutete.
"Ich moechte gern ... wenn es erlaubt ist ... dem Herrn Staatsanwalt
diese Blumen bringen ... und--und gratulieren," stotterte er dem
Maedchen ins Gesicht. Das liess ihn ein und fuehrte ihn in ein
Empfangszimmer. Nach ganz kurzer Zeit tat sich die Mitteltuer auf, und
Peter stand vor dem Staatsanwalt. Einen Augenblick hatte der Mann eine
steinern ernste Miene, dann flossen alle Falten in ein Wohlwollen und
er laechelte geschmeichelt.
Mit vielen unbeholfenen Verbeugungen reichte ihm Peter den Rosenstrauss
und stotterte devot: "Fuer ... fuer den ausserordentlichen Eindruck, den
ich von Ihrer Anklagerede empfing ... nur eine kleine Erkenntlichkeit
meiner Wenigkeit, Herr ... Herr Staatsanwalt, Herr....!"
Der Staatsanwalt nahm ihm mit aller Freundlichkeit der Herablassung
den Strauss aus der Hand, fuehrte ihn an die Nase und sog in vollen
Zuegen den Duft ein, hob den Kopf wieder, sagte: "Ah ...!" und drehte
sich laechelnd um, zur anderen Tuer schreitend: "Das muss ich gleich
meiner Frau sagen...."
Jetzt, da er ihm den Ruecken zugewendet hatte, rief Peter ploetzlich mit
schneidender Hast: "Eins, zwei, drei! ... einen Augenblick ..." und er
laechelte, wie um sich zu besinnen ... "sind drei ... aber nein, nein!
Das stimmt nicht! ... Zehn und zwoelf, verstehn Sie ... sind?"
Der Staatsanwalt hatte sich erschreckt umgedreht, stand unschluessig.
Peters Mund bewegte sich fieberhaft. Schaum stand auf seinen Lippen:
"Verstehn Sie ... zehn und zwoelf Schritte! Den ganzen Tag! Den ganzen
Monat--ein Jahr--zwei!--drei!--vier--zwoelf Jahre! Zwoelf Jahre!!"
Und noch ehe der Staatsanwalt auf ihn zustuerzen konnte, stiess ihm
Peter mit aller Wucht sein feststehendes Messer in die Brust, dass er
lautlos zusammenbrach und vornueber hinfiel. Dumpf hallte es. Der
Koerper warf sich etliche Male zuckend und blieb dann steif liegen.
Peters Mund ging auf und zu: "Zehn und zwoelf Schritte--einen Tag,
einen Monat--ein Jahr--zwoelf Jahre, zwoelf----"
Die Tuer ging auf. Hoch stand ihr Dunkel. Etwas Buntes, Weisses
flimmerte dazwischen! Peter schrie in einem Schrei:
"Fuer den Verlust mache ich Sie keinesfalls haftbar,--Zwoelf Jahre Grab!
Verstehn Sie ... Das ausgestochene Aug'! Die Wuermer! Zwoelf Jahre ...
Verstehn Sie! Zwoelf Jahre Nirgends! Nicht Hoelle! Nicht Welt! Zehn und
zwoelf Schritte ... die Wue-ue-uermer!"....
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