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Zur Freundlichen Erinnerung by Oscar Maria Graf

O >> Oscar Maria Graf >> Zur Freundlichen Erinnerung

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Es hiess eben: "Nicht krank sein!" und "Sich nach der Decke strecken!"
--Kinder solcher Eltern, noch dazu "ledige", haben nichts Gutes bei den
Bauern. Es heisst aufstehen mit den Knechten um vier Uhr frueh, zugreifen
und den anderen an Flinkheit nichts nachgeben und den Mund halten. Die
Knochen schmerzen am Anfang, aber das verliert sich mit der Zeit.--

Nach seiner Schulentlassung kam Johann zu einem Schlosser im nahen
Marktflecken zur Lehre. Jetzt waren es Hammerstiele und Eisenstangen
oder Wellblechstuecke, mit denen man warf oder zuschlug. Und wehe, wenn
der Vater eine Klage hoerte! Sein Ochsenziemer, der stets neben dem
Handtuch am Ofen hing, war furchtbar.

Nun, es kam schliesslich die Gesellenpruefung und der Achtzehnjaehrige
ging auf die Wanderschaft. Als gutgelernter, sehniger Arbeiter landete
er dann nach ungefaehr fuenf Jahren in dieser Stadt und fand Stellung in
einer Fabrik. Es war ein Riesenwerk, man verdiente gut und hatte keinen
schweren Posten geschnappt.

An einem Abend--es war Sommer und Samstag--kam Johann in seinem Zimmer
an, wusch sich, zog seinen Sonntagsanzug an und steckte Geld zu sich.
Er bummelte erstmalig wie ein freier Mensch in aufgefrischter Stimmung
durch die Strassen, besah sich das bunte Treiben, trank in verschiedenen
Lokalen und als diese geschlossen wurden, trottete er, auf einmal
merkwuerdig ueberwach und unruhig, die "Fleischgasse" auf und nieder.
Diese Strasse hiess eigentlich "Fleuschgasse", getauft nach dem
Namen eines verdienten Ehrenbuergers der Stadt, aber seitdem die
Polizei verfuegt hatte, dass sich nur hier die professionellen
Prostituierten auf und ab bewegen durften, hatten Volksmund und ueble
Nachrede den harmlosen Namen "Fleusch" in den anzueglichen "Fleisch"
umgewandelt.

Johann Krill brauchte sich nicht sonderlich anzustrengen. Schon nach
kurzer Zeit redete ihn eine suessliche Stimme an und besinnungslos
folgte er. Zum erstenmal in seinem Leben fiel der junge Mann in eine
vollkommene Verwirrung. Eine ganz fremde Luftschicht umschwelte ihn.
Er wusste nicht mehr, ging oder schwebte er. Durch all seine Glieder
flog und flammte es. Er sah alles doppelt, hoerte jedes Geraeusch wie
aus weiter Ferne und wusste nicht, was es war. Wie ein Hitzklumpen fiel
sein Koerper auf eine schwammige Teigmasse und ertrank darin. Es biss
sich jemand fest an ihm. Es lachte.

Langsam kehrte alles wieder zurueck, wurde deutlicher und war ein
gruenliches Zimmer, ein Gesicht, das breit auseinandergeflossen vor ihm
lag.

Schliesslich, als er die Besinnung wieder hatte, verzog auch er das
Gesicht zu einem Lachen, wollte reden, begann zu schlottern, schmiss
seinen Kopf in ihre Brust und verschluckte das Weinen.

Erquickt darueber presste ihn das Maedchen wild an ihre Brueste, nahm
seinen zerwuehlten Kopf und hob ihn auf, zog ihn kosend immer wieder an
ihren dicklippigen Mund und kuesste ihn unausgesetzt, dass er zuletzt
gaenzlich machtlos mit sich geschehen liess und auf einmal weinerlich
und wimmernd anfing, sein Leben zu erzaehlen. Stockend kamen ihm die
Worte, so, als besinne er sich immer erst, bevor er sie ueber die
Lippen lasse. Und beruhigt, fast ein wenig staunend sass das halbnackte
Maedchen da und hoerte zu. Aber auf einmal stockte es wieder--und endete
und wieder griffen seine Arme aus, er umspannte sie, riss und zerrte an
ihr, dass sie aufkreischte.

"Nimm alles! Tu alles!" murmelte er verhalten, als sie seine Geldboerseaus
der Hose zog, draengte es ihr auf, dieses Geld, und beleckte ungeschlacht
ihren ganzen Leib wie ein durstiger Hirsch.

Und nicht nur das. Ploetzlich klang sein Gemurmel wieder weinerlich und
in einem fort stoehnte er: "Du! Du! Ich hab dich so gern! Du--du! Ich
moecht dich heiraten. Ich arbeit', ich mach' alles. Du hast es gut bei
mir! Du! Du!"

Anfaenglich schien es, als belustige sich das Maedchen ueber ihn. Sie zog
ihn an den Haaren und kitzelte ihn lachend. Dann aber, als seine
Wildheit immer mehr anschwoll und seine Zuege einen fast irren,
duesteren Ausdruck annahmen, liess sie das Spielen. In ihren schlaffen
Koerper stieg mit einem Male eine Waerme. Ueberwaeltigt, zuckend sank sie
zurueck, ihn umfangend. Sie, ueber die vielleicht Hunderte
hinweggegangen waren, umschlang diesen plumpen, ungeschlachten
Menschen und kuesste ihn mit dem ganzen, hingegebenen Ernst echter
Liebe....

In der Fruehe nach dieser wuesten Nacht rannte Johann in seinen
Sonntagskleidern zur Fabrik, wankte wie betrunken durch das zufaellig
offene Tor und erschrak derart, als ihn der Portier anrief und fragte,
was er denn an einem Feiertag hier wolle, dass er sich wie ein
ploetzlich ertappter Dieb umdrehte und wortlos davonjagte. Er lief
durch die Strassen mit eingezogenem Kopf, ging wieder langsamer, setzte
sich in irgendeine versteckte Nische und hielt seinen erhitzten Kopf
fest. Immer wieder muendete er in die "Fleischgasse", wagte es aber
nicht, hinaufzugehen zu seiner auf so eigentuemliche Weise gewonnenen
Geliebten. Der Abend kam. Die Nacht fiel herab und er stellte sich an
die Ecke, wo er sie getroffen hatte, wartete und wartete. Und es
geschah etwas, was niemand gedacht haette, etwas, was ebenso
unglaubwuerdig wie wunderlich klingt--: Anna kam nicht. Sie stand an
keiner Ecke, war ueberhaupt nicht auf der ganzen Strasse zu sehen. Sie
lag droben--so wie er sie verlassen hatte--im Bett, verstoert,
zerbrochen und bekam erst wieder voelliges Leben, als er nach langem
Kampf und mit vielen Finten zu ihr gelangt war.

Aufgefrischt schwang sie sich aus ihrer Lagerstatt, streichelte ihn
zaertlich und begehrend und sagte zuletzt mutterguetig: "Ja, dich moecht
ich heiraten."

Beide standen benommen voreinander, ein jedes zitterte und sagte
nichts mehr.--

Seit dieser Zeit hasste man Johann in der Fabrik. Er verhielt sich wie
voellig verstummt und hatte stetsein Gesicht, als wolle er die ganze
Welt umbringen. Er arbeitete fuer drei. Und jeden Tag verliess er fast
fluchtartig nach der Arbeit die Fabrik und kam zu Anna. Als es endlich
ruchbar wurde, dass er sich verheiraten wolle und man es ihm sagte, ihn
beglueckwuenschte und leichte Anzueglichkeiten machte, wurde er rot his
hinter die Ohren und schlug verwirrt die Augen nieder.

"Ja! Ja!" schrie er dann auf wie ein bruellendes, gereiztes Tier, dass
die Fragenden halb veraergert und halb verbluefft "Oho!" herausstiessen
und sich alle mit ihm verfeindeten.

Alle wunderten sich, dass er gar keine Anstalten zur Hochzeit traf. Er
hielt bei keinem seiner Arbeitskollegen um die Brautzeugenschaft an.
Finster hockte er waehrend der Vesperzeit da und starrte dumm ins
Leere. Niemand wusste, ob er um einen freien Tag zur Erledigung seiner
Verehelichung gebeten hatte.

Drei Tage vor seiner Hochzeit kam er nicht mehr und wurde entlassen,
weil er auch kein Entschuldigungsschreiben schickte.--

II.

Die ersten Wochen der Krillschen Ehe verliefen--wenn man so sagen
darf--unterirdisch gluecklich. Mit Hilfe Bekannter fand Anna schon
einige Tage vor ihrer Hochzeit eine annehmbare, freundliche
Dreizimmerwohnung in einem anderen Viertel. Mit den Ersparnissen
Johanns wurden Moebel auf Teilzahlung beschafft und zum Schluss hatte
man, weiss Gott wie, noch Geld uebrig. Man sah das Paar nicht mehr in
der alten Gegend. Ausserdem vermied es Johann auf der Strasse, Leuten,
die er zu kennen glaubte, zu begegnen. Furchtsam wich er aus, machte
grosse Bogen vor frueheren Bekannten, ja, scheute sogar nicht,
ihrethalben grosse Umwege zu machen. Zu Hause erst, in der Verborgenheit
der vier Waende, kam Beruhigung ueber ihn. Mit zufriedenem Gefuehl
durchtappte er immer wieder die Raeume und bestaunte seine Habschaften
und am Ende stand er stets mit verschwommenen Augen vor seinem staendig
adrett gekleideten, beweglichen Weib.

Vorerst dachten die beiden nicht ans Verdienen. Mit tausend
Kleinigkeiten verzettelten sich die Tage. Es gab kein geregeltes
Dahinleben mehr, keine bestimmte Mittagszeit, kein Weckerlaeuten in der
frischen Fruehe, keine Muedigkeit am Abend. Die Nacht war kurz, laestig
kurz und oft noch um zehn Uhr vormittags verduesterten die
herabgezogenen Jalousien das dumpfige Schlafzimmer. Und man blieb
liegen und liegen.

Mit der bewussten Neugier, mit der wilden, noch einmal voellig
auflodernden, durstigen Liebe erfahrener Frauen, ueber die das zu fruehe
Altern schon ihre ersten Schatten geworfen, liebte Anna Johann. Jede
ihrer Bewegungen, jedes Wort waren eine stumme, begehrende Aufforderung.
Ihre Naehe benahm den Atem, zerruettete die eben gefassten Gedankengaenge.
Wie eine warme, unsagbar wohltuende Gischtwelle ergoss sich ihre
Atmosphaere unaufhoerlich ueber Johann.

Er _war_ nicht mehr!

Zerschmolzen, zerronnen liefen die Zungen seiner Brunst ohne Unterlass
ueher das Meer ihres Koerpers.

Die Zeit war weggeweht, alles schwirrte, rann, floh.--

Erst ganz langsam wieder festigte sich seine Gestalt, stueckweise
beinahe. Und es schien, als seien es andere Teile, die sich nun
vereinigten. Ein immer klarer werdendes Begreifen keimte auf, wuchs
ohne Ueberstuerzung, vermittelte Halt und Festigkeit. Alle Scheu, alle
Furcht und Unsicherheit wichen. Auf einmal war Johann Krill ein
anderer.

Jetzt erst kam ihm die Besinnung. Jetzt erst war er eigentlich
verheiratet, hatte ein Fundament, besass Weib und Moebel und so weiter.

Er erinnerte sich genau. Es war nirgends anders. Im Dorf nicht. In der
Stadt nicht. Es war immer das gleiche. Der Bauer, bei dem er zuletzt
auf dem Dorfe war, hatte drei Toechter. Ringsum standen groessere und
kleinere Haeuser.

"Dahinein gehoerst du, das ist was Handfestes," liess er einmal beim
Abendessen fallen, der Bauer, und deutete dabei auf den maechtigen
Grillhof hinueber. Und die aeltere Tochter sah ihn ohne Verblueffung an
und sagte: "Der Grillhans braucht bloss kommen." Zur Erntezeit liess man
die aeltere Tochter daheim und an einem Abend sagte sie: "Hat schon
geschnappt!" Etliche Wochen spaeter gab es eine saftige Hochzeit.

"Ein' schoene Sach', Hans, ein schoener Hof. Der ist so einen Brocken
Weib wert," lachte der Bauer bei der Hochzeit und schaute seinem
Schwiegersohn in die Augen. Und: "Ja--ja, hast mir's ja auch leicht
gemacht," brummte der Grillhans bierselig.

Dann kamen die beiden anderen Toechter an die Reihe. Bei der einen
vollzog sich die Sache leicht, und bei der juengsten, die etwas
hochnaesig war, ging es schwerer. "Herrgott, Rindvieh!--um so einen Hof
ziert man sich doch nicht so! Besinn dich nicht so lang', sag' ich!"
bruellte der Bauer sie an und als zufaellig an einem der darauffolgenden
Abende der gewuenschte Werber kam, sagte er zu diesem: "Bleib nur
beieinander mit der Zenz. Wir legen uns nieder."

Und Bauer und Baeuerin gingen schlafen.

"Ist's so weit?" fragte der Bauer beim Mittagessen andern Tags seine
Tochter. Und diese sagte nickend: "Im Fruehjahr, meint er. Er will noch
den Stall bauen lassen."

"In Gottesnamen, die paar Monat' sind gleich vergangen. Meinetwegen!"
brummte der Bauer und die Sache nahm ihren gewoehnlichen Verlauf. Im
Fruehjahr gab es wieder eine breite Hochzeit.--

Es war also nirgends recht viel anders. Johann Krill war mit dieser
Erkenntnis zufrieden. Das Neue, das Unerwartete, was ihn einmal in
Brand und Aufruhr gesetzt hatte, war verloschen. Ohne Staunen stand er
nunmehr auf dem Boden der Welt und achtete nichts mehr auf ihr.
Kurzum, er wurde--gemuetlich. Kam eine angenehme Sache, war es gut, kam
sie nicht, war es auch gut.--

An einem Nachmittag, als sie beim Kaffeetrinken in der Kueche sassen,
sagte Anna: "Es wird Zeit, dass wir wieder um Verdienst schauen."

Und Johann nickte stumm. Er begann wieder Stellung zu suchen.

Umsichtig und resolut wie sie war, machte sich aber auch Anna auf die
Suche und an einem Tag kam sie freudig an und sagte: "Die Rienken will
mich fuers Buefett. Ich kann gleich anfangen, sagt sie. S'ist ein gutes
Lokal.--Was meinst du?--Unser Geld ist weg und mit einer Stellung fuer
dich wird's noch eine Zeitlang dauern. Jetzt kannst du auch mit aller
Ruhe suchen."

Das leuchtete ein. Johann nickte wieder.

"Die Rienken? Wo ist denn das?" fragte er dann weiter.

Anna begann von einer Bar "Tip-Top" zu erzaehlen.

"In der Quergasse," berichtete sie geschaeftiger, "die Rienken kenn'
ich schon lang. Ist eine nette Person. Es verkehren massenhaft Gaeste
dort, nur bessere Leute. Nicht so allerhand, von Hinz bis Kunz. Lauter
Stammgaeste... Na, was sag' ich--Fabrikbesitzer, Beamte und so Leute.
Wer weiss, man kann ein gutes Geld machen, braucht sich nicht
abzuschinden und kann schliesslich auch fuer dich was ausfindig
machen,--wie meinst du?"

Johann Krill glotzte stumpf in ihre Augen.

"Na, so hoer doch, du--Patsch, hoer doch!--Und die Rienken ist eine gute
Person, steht zu einem," redete Anna weiter und ruettelte ihren Mann
schmeichelhaft, begann wieder ihr siegendes Lachen und kuesste ihn.

"Das ist--also wieder--das Alte," sagte Johann endlich. Nachdenklich,
schwerfaellig.

"A--aber geh doch, Tolpatsch! Keine Rede davon! Wer sagt denn _davon_
was! Ich bin doch nur hinterm Buefett--nu ja, nu ja, wenn schon einer
mal zu tappen anfaengt und mir ein Glaeschen bezahlt, Herrgott--das ist
doch kein Weltuntergang," beruhigte ihn Anna und fuhr fort: "Sieh
mal--Ware sind wir nun ein fuer allemal, ob so oder so--ob du in die
Fabrik gehst oder ob ich--was anderes mache. Es kommt immer nur darauf
an, dass wir uns die Sache moeglichst leicht machen, dass wir noch was
wegschnappen fuer unseren Komfort!"

Johann Krill hatte jetzt ein wenig klarere Augen. Es war etwas wie ein
aufgegangenes Licht auf seinem Gesicht. Er nickte.

"Stimmt schon," sagte er.

"Also sag' ich der Rienken, dass ich komme?" fragte Anna.

"Ich muss dann auch was suchen," gab Johann statt jeder Antwort zurueck.

"Ach, du bist ja verdreht!--Ja freilich, freilich,--sofort denkt er,
er muss nun wieder rackern von frueh bis spaet und fuer die Familie
sorgen! Ach du, du!" lachte Anna und knuellte seinen Kopf in ihre Brust.

Jeden Nachmittag um vier Uhr ging Anna nunmehr zur Bar "Tip-Top" der
Sylvia Rienke. Spaet in der Nacht kam sie stets nach Hause, roch nach
Zigaretten und Alkohol. Manchmal war sie auch leicht betrunken,
brachte allerhand zu essen und zu trinken mit, und dann sassen die
beiden Eheleute nicht selten his zum Morgengrauen in der besten Laune
beisammen und liessen sich's gut gehen.--

In der letzten Zeit war Johann Krill etwas einsilbiger. Er sass meistens
in Hemdsaermeln im Schlafzimmer und schien schwerfaellig immer ueber das
gleiche nachzudenken.--

Ja, alles war ausgeloescht. Langweilig und trist vertropften die
Stunden. Es war ungemuetlich. Wenn man den ganzen Tag in der Fabrik
arbeitete, verging wenigstens die Zeit schneller.

Aber Anna zerstreute ihn immer wieder.

Wenn sie nachmittags weggegangen war, verliess auch er die Wohnung und
lungerte entschlusslos in der Stadt herum oder setzte sich in
irgendeine Kneipe. Und jetzt, da er sich alleingelassen sah,
unterhielt er sich auch wieder mit seinesgleichen.

"Maschinenschlosser?" fragte ihn eines Tages ein aelterer Arbeiter am
Kneipentisch.

"Ja," antwortete Krill. "Eventuell auch zum Maschinisten zu
gebrauchen?"

"Bei Schall und Weber war ich Maschinist."

"Mensch, bei uns sucht man solche. Geh hin. Du kannst sofort
anfangen," erzaehlte der Arbeiter und ueberpruefte Krill.

Der nickte.

Etliche Tage nachher schlief Johann schon, als Anna heimkam. Sein
Gesicht war russig. Er schwitzte. Anna wollte ihn aufwecken, aber er
drehte sich schlaefrig um und schnarchte weiter. Veraergert legte sie
sich ins Bett.

In der Fruehe, als ploetzlich der Wecker schrillte, schrak sie empor und
sah erstaunt auf ihren Mann, der sich eben wusch.

"Arbeitest du denn wieder?" fragte sie.

"Ja."

"Dumm!--Ich haette jetzt etwas fuer dich.--Ein schoener Posten," sagte
sie und richtete sich vollends auf im Bett.

Einige Augenblicke stummten sie einander an.

"Der Fabrikmensch, der immer Schwedenpunsch schmeisst, hat mir's
versprochen ... Lass doch das andere fahren, da verkommst du ja bloss,"
begann Anna wieder und wollte eben aus dem Bett springen.

"Jetzt ist's schon wie's ist!" knurrte er und ging.


III.

Es gab Aergerlichkeiten bei Krills. Dadurch, dass nun auch Johann seiner
Arbeit nachging, vernachlaessigte der Haushalt. Anna, die oft erst
gegen zwei oder drei Uhr nach Hause kam, schlief bis tief in den
Mittag hinein. Schliesslich meldeten sich die Wanzen. Man putzte,
schrubbte, streute uebelriechende Pulver aus. Aber es half nichts. Es
war unertraeglich zuletzt.

"Das ist eine verschobene Sache, wenn du ins Geschaeft gehst und hier
muss alles verkommen," sagte Johann zu Anna.

"Fuer wen tu' ich's denn?--" erwiderte sie, "man braucht soviel und die
Loehne sind zum Verhungern."

Sie kam schliesslich auf alles zu sprechen. Dass man sich doch nicht
umsonst von unten herausgewunden habe, dass man doch nicht zu den
Naechstbesten gehoere und man muesse jetzt eine neue Wohnung haben. Was
der Umzug schon koste! Alles klang wie ein zaghafter Vorwurf.
"Warten haettest du sollen. Der Herr mit dem Schwedenpunsch ist so
nett. Du koenntest da gut unterkommen."

Eine Zeitlang ging es auf solche Weise hin und her. Johann war die
ganze Rederei schon widerwaertig.

"Was du doch alles erzaehlst! Sind wir denn weiss der Teufel was?!"
sagte er endlich fester: "Mein Vater hat sein Leben lang gearbeitet.
Meine Mutter stand noch mit siebzig Jahren frueh um vier Uhr auf--und
wir, wir bilden uns auf einmal ein, etwas Besonderes zu sein!" Waehrend
des Redens schon bekam sein Gesicht langsam eine bestimmtere Haltung.

Schliesslich, als aller Spruch und Widerspruch allmaehlich erlahmte,
einigte man sich aber doch, und Johann willigte beilaeufig ein, sich in
der Fabrik des Herrn, der bei der Rienken jeden Abend Schwedenpunsch
bezahle, vorzustellen.

Mit jedem Tag wurde er nun auch missvergnuegter. Es gefiel ihm nicht
mehr in seiner Fabrik. Er wurde muerrisch gegen jedermann und kam
zuletzt ploetzlich nicht mehr. Nach einigen Tagen stellte er sich in
dem anderen Betrieb vor. Er wurde merkwuerdig freundlich empfangen und
ging besinnungslos darauf ein, Nachtschicht zu machen.

Anna behandelte ihn zaertlicher als je, wenn er fruehmorgens ankam.
Nicht lange darauf fand sie auch eine Wohnung im dritten Stock des
Rienkeschen Hauses und alles machte einen gluecklichen Anlauf. Sie
brachte jetzt immer mehr mit. Pasteten, kalte Huehnerschenkel, Blumen,
Zigaretten, halbe Flaschen Wein, ja zuletzt sogar Stoffe, Halsketten,
einen Ring.

Sie war in der froehlichsten Laune jedesmal und erzaehlte von diesem und
jenem Herrn, von den guten Gaesten bei Rienkes und konnte sich nicht
genug tun, den Chef Johanns zu loben.

"Und was ich dir sage--er ist ein Mensch, der das Leben kennt. Er ist
fuer die Arbeiter. Er laesst leben neben sich," plauderte sie.

Und Johann laechelte hoelzern und sah auf ihre Brueste, die schwammig und
verbraucht nach unten sich sackten.

"Ist fuer die Arbeiter--?" sagte er und sah sie dumm an.

"Ist ein anstaendiger Mensch. Keiner von den Ausnuetzern, gar nicht so
eingebildet und hochnaesig--und fidel, sag ich dir, fidel,--na ich
danke, wenn der anfaengt. Man kann sich schief lachen," erwiderte Anna
und lachte auf, als erinnere sie sich an etwas sehr Drolliges.

"Und--der gibt dir--so--solche Sachen?"

Annas Mund zuckte ein wenig. Sie schlug schnell die Augen nieder und
fand das Wort nicht gleich.

"Hmhm," brachte sie dann heraus und schluckte etwas hinunter, setzte
rasch hinzu: "Und die Rienken ist so nett zu mir."

"So," brummte Johann nur noch, "nu ja, es geht immer rundum."

Dann legte er sich schlafen.

Am Abend schluepfte er in seine Sonntagskleider und ging nicht in die
Fabrik. Er durchwanderte etliche Male die Quergasse und trat dann in
die "Tip-Top"-Bar.

Es ging bereits fidel zu. Einige Herren in modischem Anzug sassen vorne
am Buefett auf den hohen Stuehlen und saugten an den Strohhalmen, die in
schlanken gefuellten Glaesern mit glitzerndem Eis staken. In der einen
Ecke spielte ein Befrackter Klavier und ein hagerer Geiger begleitete
ihn. In den Nischen, die mit kuenstlichem Efeu zu Laubengaengen
hergerichtet waren, tuschelte es und hin und wieder zirpte ein
schrilles Auflachen aus ihrem Dunkel. Eben wollte eine hochbusige
duftende Bedienerin mit zuvorkommender Freundlichkeit auf Johann
zueilen. Da auf einmal schrie es aus einer Nische: "Um Gotteswillen,
Hans!" Und ein hurtiges Getrampel und Knarren wurde hoerbar.

Johann wandte schnell den Kopf dahin und sah hinter einer dichten
Weinflaschenparade das pralle, runde, kleinstirnige Gesicht seines
Chefs, die Rienken und das totenblasse, entsetzte Gesicht seiner Frau.
Die Koepfe der drei hingen auseinander wie schwere Dolden. Geradewegs
ging Johann auf sie los und liess sich in einen der gepolsterten Stuehle
an ihrem Tisch fallen.

Eine peinliche Stille trat ein. Jeder hielt jetzt fassungslos den Atem
an. Nur Johann schien sicher zu sein.

"Ich bin nicht zur Schicht gegangen, Herr Hochvogel--ich hab' einen
Hoellendurst, ich koennt' ein Meer aussaufen," sagte er ohne sichtliche
Erregung und laechelte schnell. Das loeste eine Entspannung aus. Man
atmete wieder und nahm langsam die gewoehnliche Haltung an. Der
Fabrikherr schnitt ein malitioeses Gesicht. Er suchte sich zu fassen
und griff zum Weinglas.

"Heiss ist's hier," sagte Johann wieder.

"Nicht zur Schicht? Aber Johann!?" brachte nunmehr Anna heraus. Die
Rienken erhob sich und verliess den Tisch.

"Das macht doch nichts, oder? Herr Hochvogel, macht das was aus?"
fragte Johann den Fabrikherrn.

"Na--wissen Sie, meinetwegen,--wir wollen einige gute Schoppen
heben--ich kann's verstehen,--ich drueck' gern ein Auge zu--bei Ihnen,
Herr Krill.--Sie sind mir gut--sie arbeiten zuverlaessig, da--da--da
uebersieht man auch mal einen Seitensprung, Prost!" sprudelte der
Fabrikherr verlegen. Die Worte flossen schnell, fast aengstlich aus
ihm, so, als waeren sie wunderliche Ziegelsteine, mit denen man im Nu
eine schuetzende Mauer um sich schliessen koennte.

"Zu guetig," lispelte Anna bereits.

Und Herr Hochvogel goss das Glas der Rienken voll und schob es behend
dem Arbeiter hin: "Da, trinken Sie!"

Die aergste Gefahr schien behoben zu sein. Man konnte es an den
allmaehlich sich wieder aufheiternden Gesichtern sehen. Auch die Wirtin
kam wieder an den Tisch und der Fabrikant bestellte in einem fort.

Johann beachtete das Getue Hochvogels mit seiner Frau auch nicht
weiter. Er trank in vollen Zuegen und wurde immer lustiger, lachte und
machte hin und wieder einen dreisten Witz. Dadurch wurde auch Anna
kuehner. Sie wich nicht von der Seite des Fabrikherrn und streichelte
ihn ein paarmal kosend, warf belustigte Blicke zwischen den beiden
Maennern hin und her.

"Hab ich nicht gesagt, Hans, dass er ein netter Mensch ist?" sagte sie
uebermuetig und lachte piepsend.

"Ein netter Me--ensch! Ein sehr netter Mensch! Ein Goldmensch!"
bruemmelte Johann schon etwas betrunken und summte weiter: "Verbringt
das Geld so gemuetlich, so--so--so--" Er wankte bereits him und her und
ruelpste ungeniert in den Tisch. Glaesern standen seine Augen. Die
anderen kicherten.

"Hat ihn schon maechtig," hoerte er Hochvogels Stimme.

"Na, na! Herr Krill, na--!" rief die Rienken.

Johann hob den schweren Kopf und glotzte auf das verschwommene Gemeng
der drei, die im fahlen Lichtschimmer hinter den Weinflaschen sich hin
und her drueckten.

"Ein ne--etter Mensch,--eine richtige Qualle--e--iin dummes Vieh!--Ein
geiler Orang--g--kutan, hahahaha--hat den Schwanz eingezogen, weil der
Waerter gekommen ist, haha--a--a!--" Johann sank haltlos zurueck.

"Das ist zu stark!" zischte Hochvogel. Der Tisch knarrte. Die
Weinflaschen klirrten gegeneinander. Die zwei Frauen lispelten
besaenftigend. Schnell, ueberschnell mengten sich ihre flehenden Worte
ineinander. Ein Gezerre um den Aufgestandenen begann.

Mit herabhaengenden Armen, halb eingeschlafen, zerfallen hing Johann
auf dem Stuhl. "Er ist doch betrunken!" "Bitte, bitte,--er ist's doch
nicht gewohnt!" "Er meint's doch nicht uebel, Herr Hochvogel!"
"Bitte!--Hier, trinken Sie. Er schlaeft ja schon! Seh'n Sie, seh'n
Sie!--Es passiert nie wieder. Ich sag's ihm morgen,--mein Wort, mein
Ehrenwort!" alles zerfloss ineinander, bittend, winselnd, aufgeregt,
aengstlich.

Wie ein zischendes Gezirpe umsummte dieses Geplaetscher Johanns Kopf.
Als giesse irgend jemand kaltes Wasser ueher ihn.

"Haha! Hat's viellleicht gestoh--lllen und--und wirft's weg,--dadas
Gellldt,--wei--weils brennt in der Tasche, haha,--das dumme Vieh,
haha--das Arschloch!" grunzte der Betrunkene lallend und lachte
ruckweise, immerfort, glucksend.

Da wurde der Tisch weggestossen und stapfend hasteten Schritte vorbei.
Wieder das Gezwitscher. Noch geschaeftiger. Dann fiel eine Tuer krachend
zu.

"Hans!" schrie Anna wuetend und riss ihren Mann an der Schulter.

"Saustall!" stiess die Rienken heraus.

Krill hob den Kopf und langte lahm nach Anna: "Haha--ha--es ist so
wunderschoen auf der We--elt, haha--ha!"

Sein ausgreifender Arm fiel wieder herab. Er sank in die alte Haltung
zurueck. Duenner Speichel rann aus seinem Mundwinkel. Er schnaubte
geraeuschvoll wie ein Pferd, das von der Kolik geplagt wird.

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John Crace digests A Question of Upbringing by Anthony Powell

My English teacher is wearing a barrister's wig. He turns and points towards me as I sit trembling in the dock. "Members of the jury, I put it to you that this man, Tom Robinson, is innocent," he says, rather lugubriously. I want to protest. I want to shout that no, I am not Tom Robinson, but yes, I am innocent! But the words won't come out.

Then I wake up. It's another literary dream – one that's troubled me ever since I studied Harper Lee's To Kill a Mockingbird for GCSE.

Most of the time I'm disappointed to leave my literary dreams, waking to realise that I'm not really ensconced with with the boozing Welsh pensioners from Kingsley Amis's The Old Devils or haven't really been thrashing Harry Potter's Quidditch team. I remember with fondness a skiing trip with William Shakespeare and the delightful discovery that Don DeLillo was serving drinks behind the bar in my local pub.

It's not all sunshine, though. Tom Wolfe once ruined a trip to New York, shouting at me across Fifth Avenue: "You're not even familiar with my work – get outta town, asshole!" But that's nothing on Howard Jacobson. I spent a summer discovering his novels during my waking hours and bumping into him in my sleep. I'd see him in a local restaurant and tell him how much I was enjoying his novels. "Oh right," he'd snap, "that old chestnut, huh?" When I met him for real last year he was, in fact, charm personified. I didn't tell him about the dreams.

But enough about my subconscious, what about yours? It's Friday: forget about work and tell me all about your literary dreams. Don't hold back – it's not like we'll read anything into it.

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1000 novels is a seven-part series free with the Guardian and the Observer. Each day covers a different genre: love, crime, comedy, family & the self, state of the nation, sci-fi & fantasy and travel & adventure.

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