Komik und Humor by Theodor Lipps
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VERWANDTE THEORIEN.
Schliesslich werfe ich auch hier, wie bei der objektiven Komik, noch einen
Blick auf solche fruehere Theorien, die mit uns in der Hauptsache auf
gleichem Boden zu stehen scheinen. Schon von _Jean Paul_ koennten die
Autoren, deren ungenuegende Anschauungen mir Gelegenheit gaben die
meinigen zu entwickeln, einiges lernen. Wenn freilich _Jean Paul_ den
Witz allgemein definiert als ein Vergleichen und Auffinden von
Gleichheiten bei groesserer Ungleichheit, so bemerkt dagegen _Vischer_ mit
Recht, dass es Witze gebe, bei denen von Vergleichung, also auch von
Auffindung von Aehnlichkeiten keine Rede sei; so z. B. wenn _Talleyrand_
sage, die Sprache sei erfunden, um die Gedanken zu verbergen. Wir
brauchen aber nur _Jean Paul_'s weiteren Ausfuehrungen zu folgen, um zu
sehen, wie nahe er dem wahren Sachverhalt kommt. Der Witz entdecke
Gleichheiten, so sagt er erst; nachher erfahren wir, im Witz mache die
taschen- und wortspielerische Geschwindigkeit der Sprache halbe,
Drittels-, Viertelsaehnlichkeiten zu Gleichheiten; es werden durch sie
Gattungen fuer Unterarten, Ganze fuer Teile, Ursachen fuer Wirkungen, oder
alles dieses umgekehrt, verkauft. Dadurch wird, so faehrt er fort, der
aesthetische Lichtschein eines neuen Verhaeltnisses geworfen, indessen
unser Wahrheitsgefuehl das alte fortbehauptet. Hiermit wird, wenn wir das
"Verhaeltnis", das nichts zur Sache thut, zur Seite lassen, wenigstens
eine Gattung des Witzes zutreffend bezeichnet. Der "Lichtschein", der dem
Wahrheitsgefuehl entgegentritt, kann nur bestehen in irgend welcher
"Geltung", welche die witzige Aussage, beansprucht und in unseren Augen
thatsaechlich gewinnt. Diese zerrinnt in Nichts, wenn wir unser
"Wahrheitsgefuehl" zu Rat ziehen.
Gegen jene allgemeine Begriffsbestimmung _Jean Paul_'s wendet sich
_Vischer_, nicht ohne sie zugleich zu korrigieren. Zwischen ungleichen
Vorstellungen werden Gleichheiten entdeckt, statt dessen muss es ihm
zufolge heissen, einander fremde Vorstellungen werden zu scheinbarer
Einheit zusammengefasst. Dass damit viel gebessert sei, koennen wir nicht
zugeben, da unserer obigen Darlegung zufolge weder die Vorstellungen
einander fremd zu sein brauchen, noch die Zusammenfassung zur Einheit die
Leistung des Witzes genuegend bestimmt bezeichnet, noch endlich diese
Leistung immer eine bloss scheinbare heissen darf. Dagegen trifft es die
Sache, wenn _Vischer_ nachher "Sinn im Unsinn, Unsinn im Sinn" als Inhalt
des Witzes bezeichnet.
Endlich wuesste ich im Grunde nichts einzuwenden gegen Kuno Fischer's
allgemeine Definition des Witzes als eines spielenden Urteils. Urteil ist
ihm nicht jede Aussage, sondern diejenige, die etwas sagt. Sofern auch
die witzige Handlung etwas sagt, kann auch sie Urteil heissen.
Andererseits ist das Mittel, wodurch der Witz sagt, was er sagen will,
immer im Widerspruch mit der gewoehnlichen Denk- und Ausdrucksweise, oder
wie _Fischer_ treffend sagt, mit der Hausordnung und den Hausgesetzen des
Geistes, und muss insofern jederzeit als Spiel bezeichnet werden.
Diese unsere Zustimmung scheinen wir freilich zuruecknehmen zu muessen
gegenueber _Fischer_'s naeherer Ausfuehrung. Auch _Fischer_, ebenso wie
_Vischer_, laesst die Vereinigung einander fremder und widerstreitender
Vorstellungen als dem Witze wesentlich erscheinen: "Was noch nie
vereinigt war, ist mit einem Male verbunden, und in demselben Augenblick,
wo uns dieser Widerspruch noch frappiert, ueberrascht uns schon die
sinnvolle Erleuchtung." Es ist ein Punkt, worin jene einander fremden und
widerstreitenden Vorstellungen unmittelbar zusammentreffen. Hier hat der
Witz seine "Kraft und Wirkung" etc. _Fischer_ widerlegt aber diese
Anschauung gleich nachher selbst, indem er Bemerkungen, die eine
Allerweltsweisheit enthalten, also sicher keine Vorstellungen vereinigen,
die einander fremd sind, widerstreiten, noch nie vereinigt waren,
lediglich dadurch zu Witzen werden laesst, dass sie den Charakter des
Spieles gewinnen.
Dieser Widerspruch nun loest sich nur, wenn wir jene "einander fremden
Vorstellungen" so interpretieren, dass wir darunter jedesmal einerseits
das, was die Worte meinen, andererseits die Worte selbst verstehen. Denn
die Worte allerdings sind beim Witze jederzeit dem, was sie meinen, in
gewissem Sinne fremd, in dem eben bezeichneten Sinne naemlich, dass sie
nach gemeiner Denk- und Ausdrucksweise das Gemeinte eigentlich nicht
scheinen bezeichnen zu koennen. Dies gilt auch von der von _Fischer_
selbst angefuehrten witzigen Allerweltsweisheit, das Leben zerfalle in
zwei Haelften, in der ersten wuensche man die zweite herbei, in der zweiten
die erste zurueck. Dieser Witz erscheint als ein Spiel mit Worten, und als
solches jeder ernsten Wahrheit, auch derjenigen, die es thatsaechlich
verkuendigt, fremd.
"VERBLUEFFUNG UND ERLEUCHTUNG" BEIM WITZ.
Die "Erleuchtung", von der hier _Fischer_ spricht, begegnet uns auch
sonst in mannigfachen Wendungen. Ich bleibe dabei noch einen Moment.
Gewiss hat diese Erleuchtung ihr Recht. Es fragt sich nur, was wir unter
der Erleuchtung verstehen, bzw. was darunter verstanden wird, und in
welcher Weise diese Erleuchtung fuer die Komik verantwortlich gemacht
wird.
Auch fuer _Groos_ ist, wie wir schon sahen, die Erleuchtung oder die
Erkenntnis der Verkehrtheit, nachdem sie uns verbluefft hat, fuer die Komik
ueberhaupt, also auch fuer die Komik des Witzes wesentlich. Diese
Erkenntnis soll aber wirken, indem sie uns das Gefuehl der Ueberlegenheit
schafft. Zu dieser "Ueberlegenheit" kehren wir nicht noch einmal zurueck.
Sie ist, wie wir gesehen haben, nichts anderes, als der eigentliche
Todfeind aller Komik. Ich erinnere noch einmal daran: Das vollste Gefuehl
der Ueberlegenheit ueber den Widersinn der witzigen Wendung hat der Pedant.
Und diesem fehlt eben deswegen der Sinn fuer den Witz.
Dagegen interessiert uns der Gegensatz der Verblueffung und Erleuchtung
bei _Heymans_. Was ich dazu zu bemerken habe, ist in gewisser Weise schon
gesagt. Aber es liegt mir daran, dies schon Gesagte speciell auf den Witz
anzuwenden.
_Heymans_ waehlt, um seine Meinung zu illustrieren, unter anderen das
Beispiel des _Heine_'schen "famillionaer". Er meint, dasselbe erscheine
zunaechst einfach als eine fehlerhafte Wortbildung, als etwas
Unverstaendliches, Unbegreifliches, Raetselhaftes. Dadurch verblueffe es.
Die Komik ergebe sich aus der Loesung der Verblueffung. Diese bestehe im
Verstaendnis. Der Prozess der Komik stelle sich also hier nicht, wie es
meiner Theorie zufolge sein muesste, dar als ein Uebergang vom Verstehen
zum Nichtmehrverstehen, oder zum Eindruck der Sinnlosigkeit, sondern
vollziehe sich auf dem umgekehrten Weg.
Hier leuchtet in besonderer Weise die Wichtigkeit der auf S. 75[*]
geforderten Unterscheidung ein, naemlich der Unterscheidung zwischen
Verblueffung und Verblueffung oder zwischen Verstaendnis und Verstaendnis.
Auch hier wiederum hat _Heymans_ recht mit dem, was er sagt. Aber
wichtiger ist, was er nicht sagt.
[* Im Unterkapitel "VERBLUEFFUNG" UND "VERSTAENDNIS". Transkriptor.]
Das in einen sinnvollen Zusammenhang hineintretende sprachwidrige Wort
verbluefft als solches. Zugestanden. Aber das Wort "famillionaer" verbluefft
ausserdem als dies scheinbar oder in dem Zusammenhang, in dem es
auftritt, wirklich sinnvolle, sogar ausserordentlich sinnvolle Wort. Dies
zweite Stadium der Verblueffung hebt _Heymans_ nicht heraus. Statt dessen
koennen wir ebensowohl sagen, _Heymans_ hebe das _erste_ Stadium des
_Verstaendnisses_ oder Erleuchtung nicht heraus. Ich vereinige beides,
indem ich sage, bei _Heymans_ bleibe das mittlere Stadium des ganzen
Prozesses, das verblueffende Verstaendnis oder die Verblueffung auf Grund
eines Verstaendnisses unbeachtet oder werde nicht in seiner Bedeutung
gewuerdigt.
Dies ist aber eben der fuer die Komik entscheidende Punkt. Das Wort
"famillionaer" bezeichnet, und zwar _vermoege_ seiner Fehlerhaftigkeit in
besonders eindrucksvoller Weise, die Familiaeritaet des "famillionaeren"
Boersenbarons als die eines aufgeblasenen Millionaers. Niemand kann
zweifeln, dass _Heine_'s Witz witzig ist, nur darum, weil wir einsehen,
oder "verstehen", das Wort solle diese Bedeutung haben, oder genauer,
weil es diese Bedeutung in unseren Augen fuer einen Moment thatsaechlich
hat. Und ebenso gewiss ist _Heine_'s Witz nur witzig, weil dies
Verstaendnis verblueffend ist, d. h. weil das fehlerhafte Wort, vermoege
dieser seiner einschneidenden Bedeutung, die Aufmerksamkeit zu spannen
vermag.
Dann erst folgt die Loesung. Auch sie besteht in einem Verstaendnis. Aber,
in einem Verstaendnis zweiter Stufe. Es ist ein Verstaendnis, das ueber
dieses verblueffende Verstaendnis kommt, oder ein Verstaendnis, mit dem wir
_hinter_ dieses verblueffende Verstaendnis kommen; d. h. das Verstaendnis,
wie dies Verstaendnis _zu stande_ gekommen ist. Das erste Verstaendnis ist
ein Verstaendnis eines Raetsels, naemlich ein Verstaendnis, worin das Raetsel,
d. h. der _Gegenstand_ des ersten Staunens _besteht_. Es ist die Loesung
eines raetselhaften Staunens, naemlich des urspruenglichen Staunens ohne
jedes Verstaendnis, worum es sich handle, oder ohne Wahrnehmung der
Pointe. Ebenso ist dies zweite Verstaendnis das Verstaendnis eines Raetsels,
naemlich das Verstaendnis der _Mittel_, wodurch das raetselhafte Verstaendnis
oder der raetselhafte oder seltsame, aber von uns verstandene Sinn
_entsteht_. Es ist die Loesung eines raetselhaften Staunens, naemlich des
Staunens ueber diesen _Sinn_ oder des Staunens infolge dieses ersten
_Verstaendnisses_. Wir fragen nicht mehr: was _will_ das? Wir antworten
auch nicht mehr: Das ist _gemeint_, sondern wir wissen: So ist es
_gemacht_; dies sinnlose Wort hat uns verbluefft und dann den seltsamen
Sinn ergeben. Diese _voellige_ Erleuchtung, d. h. diese Erleuchtung, wie
es _gemacht_ ist, die Einsicht, dass ein nach gemeinem Sprachgebrauch
sinnloses Wort das Ganze verschuldet hat, diese _voellige_ Loesung, d. h.
die _Aufloesung_ in _nichts_, erzeugt die Komik.
Diese drei Stadien koennen, wie bei aller Komik ueberhaupt, so insbesondere
bei jeder witzigen Komik unterschieden werden. Ich habe sie frueher auch
schon als die Stadien der voellig verstaendnislosen Verblueffung, der
"Sammlung" und der Loesung bezeichnet. Die Sammlung ist nichts Geringeres
als das Finden der "Pointe". Man kann im ersten Stadium stecken bleiben.
Man _hoert_ den Witz, aber man _merkt_ ihn nicht; d. h. man hoert etwas,
das man nicht versteht, und--staunt. Man kann dann weiterhin auch wohl
bis zur Pointe gelangen, also den Witz merken und doch die Komik nicht
verspueren: Dieser Fall wird immer eintreten, wenn man das Mittel, wodurch
die Pointe, oder das erste Verstaendnis bewirkt wird, nicht als nichtig,
d. h. als an sich bedeutungslos _anerkennen_ kann. Es ist etwa
verletzend, taktlos, geschmacklos. Hier bleibt die Spannung, die das
Verstaendnis der Pointe erzeugte, bestehen, nicht als Spannung durch dies
Verstaendnis, aber als Spannung durch den Eindruck des Verletzenden,
Taktlosen, Geschmacklosen. Nur wenn zur Aufloesung des unverstandenen
Raetsels durch das Verstaendnis der Pointe diese voellige Loesung tritt,
entsteht die Komik oder wirkt der Witz witzig.
Ich erinnere auch noch an andere Beispiele, die _Heymans_ anfuehrt, etwa
das Menschensuchen des _Diogenes_ oder den Druckfehlerteufel, der mir
vorspiegelt, ein Autor wolle statt der Richtigkeit die Nichtigkeit seiner
Behauptung beweisen. Auch _Diogenes_' Verhalten ist zunaechst einfach
verblueffend, es ist aber dann vor allein durch seinen _Sinn_
"verblueffend", oder wir sind durch das "Verstaendnis" desselben,
"verbluefft". Endlich "verstehen" wir, dass eine logisch widersinnige
Handlung diese Verblueffung oder diesen von uns wohl "verstandenen" Sinn
hervorgebracht hat. Ebenso sind wir dem Druckfehler gegenueber zunaechst
einfach verbluefft, dann sehen wir, welche merkwuerdige Absicht der Autor
den schwarz auf weiss vor uns stehenden Worten zufolge hat, schliesslich
wissen wir, dass ein einfacher Druckfehler, also die bedeutungsloseste
Sache von der Welt, uns diese verblueffende Absicht vorspiegelt.
Speciell von einem Witze _Saphirs_ meint _Heyman_ schliesslich, es werde
bei ihm keineswegs eine witzige Aeusserung oder Handlung nachher als
nichtig erkannt. Damit hat _Heymans_ wiederum in gewisser Weise recht.
Aber _Heymans_ uebersieht, das ich deutlich die beiden Faelle unterschieden
habe: Dass die witzige Aeusserung oder Handlung bedeutungsvoll _scheine_
und als nichtig _erkannt_ werde, und dass sie als bedeutungsvoll
_erkannt_ werde und nichtig _scheine_. Auch im letzteren Falle ist sie
fuer uns, d. h. fuer unseren Eindruck oder hinsichtlich ihrer
psychologischen Wirkung nichtig. Und auf diese psychologische Nichtigkeit
kommt es ja einzig an.
"Wenn _Saphir_," so sagt _Heymans_, "einem reichen Glaeubiger, dem er
einen Besuch abstattet, auf die Frage: Sie kommen wohl um die 300 Gulden,
antwortet: Nein, _Sie_ kommen um die 300 Gulden, so ist eben dasjenige,
was er meint, in einer sprachlich vollkommen korrekten und auch
keineswegs ungewoehnlichen Form ausgedrueckt." In der That ist es so: Die
Antwort _Saphirs_ ist _an sich betrachtet_ in schoenster Ordnung. Wir
verstehen auch, was er sagen will, naemlich dass er seine Schuld nicht zu
bezahlen beabsichtige. Aber _Saphir_ gebraucht dieselben Worte, die
vorher von seinem Glaeubiger gebraucht wurden. Wir koennen also nicht umhin
sie auch in dem _Sinne_ zu nehmen, in welchem sie von jenem gebraucht
wurden. Und dann hat _Saphirs_ Antwort gar keinen Sinn mehr. Der
Glaeubiger "kommt" ja ueberhaupt nicht. Er kann also auch nicht um die 300
Gulden kommen, d. h. er kann nicht kommen, um 300 Gulden zu bringen.
Zudem hat er als Glaeubiger nicht zu bringen sondern zu fordern. Indem die
Worte _Saphirs_ in solcher Weise zugleich als Sinn und als Unsinn erkannt
worden, entsteht die Komik.
Ich meine hiermit, auch was den Witz betrifft, die Gegnerschaft
_Heymans_' zu mir beseitigt zu haben.
VII. KAPITEL. DAS NAIV-KOMISCHE.
DIE THEORIEN.
Objektive und subjektive Komik haben wir bisher unterschieden. Zwischen
beiden steht das Naive als eine Gattung der Komik, die objektiv und
subjektiv zugleich und eben darum von beiden verschieden ist.
Ueber das Wesen des Naiven ist viel Zutreffendes aber auch mancherlei
Unzutreffendes gesagt worden. Ich erwaehne diesmal zunaechst _Kraepelin_.
Nach _Kraepelin_ entsteht die Komik des Naiven aus dem Kontrast "zwischen
den natuerlichen Regungen und Neigungen einerseits und der Schablone
andrerseits in welche jene durch Erziehung und sociale Reibung gepresst
werden". Das unverkuemmerte Hervortreten jener natuerlichen Regungen und
Neigungen erzeugt Lust, und diese Lust zusammen mit der Unlust, die aus
der Verletzung der Schablone erwaechst, ergiebt die Komik.
Waere diese Bestimmung genuegend, so muesste gar mancherlei naiv-komisch
erscheinen, was es keineswegs ist. So die wohlverdiente und von jedermann
als wohlverdient anerkannte Zurechtweisung, die ich in einer Gesellschaft
in berechtigtem Zorn, zugleich mit bewusster Verletzung der
gesellschaftlichen Form, einem der Anwesenden angedeihen liesse.--Es
fehlt eben bei jener Bestimmung wiederum das eigentlich Wesentliche. Wie
bei der objektiven und subjektiven, so thut auch bei der naiven Komik der
Kontrast nichts zur Sache, es sei denn, dass er sich als Kontrast der
Bedeutsamkeit und Nichtigkeit eines und desselben Vorstellungsinhaltes
darstellt; und wie dort, so ist auch hier das Gefuehl der Komik nicht das
Resultat des Zusammentreffens von Lust und Unlust, sondern ein
eigenartiges Gefuehl, das eben in diesem Bedeutungskontrast seinen Grund
hat.
Naeher als _Kraepelin_ kommt, was das Wesen des Naiven angeht, _Hecker_ dem
wahren Sachverhalt. Er unterscheidet das Pseudonaive und das Naive. Bei
jenem werden "unsere praktischen Ideen von Klugheit und die logischen
Normen beleidigt"; andrerseits ist doch "in der pseudonaiven Aeusserung
oder Handlung etwas relativ Wahres, Kluges, Verstaendiges enthalten,
namentlich, wenn wir uns auf den Standpunkt der beim Redenden naturgemaess
vorhandenen, und daher verzeihlich scheinenden Unkenntnis stellen". Bei
dem Naiven dagegen geht das unangenehme Gefuehl "aus der Verletzung irgend
einer praktischen, logischen, oder ideellen Norm" hervor oder es leitet
sich her "aus einem Verstoss gegen unsere Ideen von konventionellem
gesellschaftlichem Anstand". "Immer aber ist es noetig, dass uns in der
naiven Aeusserung eine sittliche Unschuld und Reinheit entgegentritt, von
der wir wissen, dass sie die kuenstlichen Schranken, welche die Etikette
um uns gezogen, nicht kennt, und daher auch nicht zu respektieren
braucht, indem sie einer freieren und hoeheren Sittlichkeit folgt."
Von diesen beiden Bestimmungen kommt die erstere der Wahrheit sehr nahe,
wenn wir das "_namentlich_" streichen. Nicht nur das "Pseudonaive",
sondern alle echte naive Komik schliesst dies in sich, dass eine
Aeusserung oder Handlung wahr, klug, vernuenftig, kurz irgendwie positiv
bedeutsam erscheine vom Standpunkte des naiven Subjektes aus, und dann
doch wiederum nicht so erscheine von unserem Standpunkte aus. Die
naiv-komische Handlung oder Aeusserung ist also fuer uns klug und unklug,
oder allgemein gesagt, bedeutungsvoll und nichtig zugleich je nach dem
Standpunkte unserer Betrachtung. Und daraus kann das Gefuehl der Komik
sich ergeben. Dagegen muesste es nach dem Wortlaut der _Hecker_'schen
Bestimmung auch naiv-komisch erscheinen, wenn ein Kind ein Rechenexempel
teilweise richtig rechnete, dann aber aus verzeihlicher Unkenntnis einer
Rechenregel einen Fehler beginge.
Ebenso sind in der _Hecker_'schen Erklaerung des "_Naiven_" gewisse naive
Momente richtig bezeichnet, wenn wir annehmen, dass die "Unschuld und
Reinheit", die uns in der naiven Aeusserung entgegentritt, zugleich die
unlogische, unzweckmaessige, unschickliche Aeusserung fuer den Standpunkt der
naiven Persoenlichkeit _rechtfertigt_, d. h. von diesem Standpunkte aus
als eine logische, zweckmaessige, schickliche erscheinen laesst.--Aber
freilich diese Annahme bezeichnet, ebenso wie die obige Korrektur der
Bestimmung des Pseudonaiven das eigentlich Wesentliche der Sache.--Dass
ausserdem die _Hecker_'sche, wie die _Kroepelin_'sche Bestimmung nicht
alle Arten des Naiven umfasst, lasse ich hier noch ausser Betracht.
Dagegen ist mir schon hier der Umstand von Wichtigkeit, dass keiner der
beiden die naive Komik der objektiven und subjektiven Komik als eine neue
Art entgegenstellt. Dies darf aber, wie ich schon angedeutet habe, nicht
unterlassen werden.
Unserer Anschauung zufolge schliesst die naive Komik den Ring der
verschiedenen Moeglichkeiten des Komischen. Es fragt sich, welche
Moeglichkeit es noch geben koenne. Da wir von vornherein wissen, dass naiv
nur menschliche Aeusserungen oder Handlungen genannt zu werden pflegen, so
koennen wir die Frage auch gleich bestimmter stellen und sagen: Wie koennen
Aeusserungen oder Handlungen dazu kommen, Traeger einer Komik zu werden,
die nicht objektive Komik noch auch Komik des Witzes ist. Die
Beantwortung dieser Frage wollen wir hier zunaechst versuchen. Dabei
muessen wir zuerst das Wesen und den Gegensatz des objektiv Komischen und
des Witzes noch in anderer Weise bezeichnen, als dies schon geschehen
ist. Das Folgende wird also zugleich die frueheren Eroerterungen ueber
objektive Komik und Witz noch einen Schritt weiter fuehren.
DIE DREI ARTEN DER KOMIK.
Das Gefuehl der Komik, so koennen wir das allgemeinste Ergebnis der
bisherigen Untersuchung kurz formulieren, entsteht ueberall, indem der
Inhalt einer Wahrnehmung, einer Vorstellung, eines Gedankens den Anspruch
auf eine gewisse Erhabenheit macht oder zu machen scheint, und doch
zugleich eben diesen Anspruch nicht machen kann, oder nicht scheint
machen zu koennen. Die objektiv komische Aussage oder Handlung erhebt aber
den Anspruch der Erhabenheit vermoege des objektiven Zusammenhangs, in dem
sie steht. Sie erhebt ihn, indem sie als Aussage oder Handlung eines
_Menschen_, also eines normalerweise vernuenftigen und gesitteten Wesens,
oder indem sie als Erfuellung eines Versprechens, als Resultat grosser
Vorbereitungen erscheint u. s. w. Dagegen erscheint die witzige Aussage
oder Handlung bedeutungsvoll oder erhaben auf Grund eines _subjektiven_
Zusammenhanges, in den sie eintritt. Der Zusammenhang von Wort und Sinn,
Zeichen und Bezeichnetem, der Zusammenhang, wie ihn die Aehnlichkeit von
Worten begruendet, der scheinbare logische Zusammenhang von Saetzen, dies
alles sind Zusammenhaenge solcher Art. Keiner dieser Zusammenhaenge kommt
in der Welt der Wirklichkeit ausser uns vor, keiner betrifft die
objektive Natur der Dinge. Sie alle bestehen nur in dem denkenden
Subjekt. Aehnlichkeit von Worten ist nicht Aehnlichkeit von Dingen; wir nur
leihen den Worten, die selbst nicht Dinge ausser uns sind, ihren Sinn; in
_uns_ nur wirkt der Zwang wirklicher oder scheinbarer Logik.
Der Art, wie, bei der objektiven und subjektiven Komik der Anspruch oder
Schein der Erhabenheit entsteht, entspricht dann auch die Art, wie in
beiden Faellen dieser Anspruch oder Schein zergeht. Die Erhabenheit, die
das objektiv Komische auf Grund des objektiven Vorstellungszusammenhanges
sich anmasst, zergeht auch wieder angesichts eines objektiven
Thatbestandes, oder unserer aus objektiver Erfahrung gewonnenen Regeln
der Beurteilung objektiver Thatbestaende. Die Erhabenheit, welche das
subjektiv Komische auf Grund eines nur im denkenden Subjekt bestehenden
Zusammenhanges gewinnt, verschwindet auch wieder angesichts subjektiver
Regeln, d. h. angesichts der Regeln, welche--nicht die Dinge und ihren
Zusammenhang, sondern die Formen unseres Denkens und Urteilens betreffen,
der Regeln des Sprachgebrauchs, des Zusammenhangs zwischen Zeichen und
Bezeichnetem, des Schliessens etc.
Natuerlich ist damit nicht ausgeschlossen, dass gelegentlich das durch
subjektive Regeln zu Fall gebrachte Erhabene auch angesichts der
objektiven Wirklichkeit als nichtig erscheine. Mit dem bekannten witzigen
Schlusse: Wer einen guten Trunk thut, schlaeft gut; wer gut schlaeft,
suendigt nicht; wer nicht suendigt, kommt in den Himmel; also: wer einen
guten Trunk thut, kommt in den Himmel--mit diesem Schlusse ist es nichts,
einmal sofern er der Logik widerstreitet, zum andern, sofern es sich
schwerlich so verhalten wird wie er glauben machen will. Aber der
letztere Umstand hat mit dem Witze nichts zu thun. Das Spiel mit Worten,
durch das der Schluss zu stande kommt, wuerde darum, weil es blosses,
unlogisches Spiel ist, trotzdem aber einen Augenblick unser Denken zu
verfuehren vermag, auch dann als witzig erscheinen, wenn ein guter Trank
zufaellig wirklich die Kraft haette, die ihm der Schluss zuschreibt.
Umgekehrt muesste, wenn die inhaltliche Unrichtigkeit des Schlusses den
Witz machte, jeder formal richtige Schluss, von dem sich herausstellte,
dass er mit der Wirklichkeit in Widerspruch stehe, witzig sein.
Am deutlichsten wird der ganze, hier behauptete Gegensatz zwischen
objektiver und subjektiver Komik in den Faellen, wo _Dasselbe_ als
Gegenstand der objektiven Komik und als Witz erscheint, je nachdem es in
einen objektiven Zusammenhang hineingestellt und an unseren Anschauungen
ueber objektive Wirklichkeit gemessen, oder nur nach der Bedeutung, die
ihm im denkenden Subjekt zukommt, aufgefasst und beurteilt wird. So wird
eine Verwechslung von Fremdwoertern im Munde eines gebildeten Mannes
objektiv komisch, wenn wir sie im Zusammenhang mit dieser Person
betrachten. Wir erwarten von ihr, auf Grund unserer in der objektiven
Wirklichkeit gemachten Erfahrungen, Sicherheit im Gebrauch von
Fremdwoertern und finden thatsaechlich Unsicherheit. Dagegen erscheint
dieselbe Verwechslung als--freiwilliger oder unfreiwilliger--Witz, wenn
wir dem aus der Verwechslung entspringenden Unsinn einen gemeinten oder
nicht gemeinten Sinn zuschreiben und auch wiederum absprechen. Dort ist
der ganze Gegensatz, auf dem die Komik beruht, der objektive des Koennens
und Nichtkoennens, hier der lediglich subjektive von Sinn und Unsinn.
So kann jede sinnlose, sprachwidrige, unlogische Aeusserung beurteilt
werden einmal als Leistung einer Person, also als ein dem objektiven
Zusammenhang der Dinge angehoeriges Faktum, das andre Mal als Traeger eines
Sinnes, also mit Ruecksicht auf das, was sie lediglich fuers denkende
Subjekt bedeutet. Und immer liegt jene Betrachtungsweise zu Grunde, wenn
die Aeusserung objektiv komisch, diese, wenn sie als Witz erscheint.
Damit erst hat unsere Bezeichnung der beiden Arten der Komik als
"objektiver" und "subjektiver" ihre volle Rechtfertigung gefunden.
Zugleich koennen wir daraus erschliessen, wie die Komik des Naiven
entstehen muss, wenn sie von beiden Arten unterschieden sein soll. Der
Gegensatz, auf dem sie beruht, darf weder ein rein objektiver noch ein
ausschliesslich subjektiver--im oben ausgefuehrten Sinne--sein. Dies kann
er aber nur sein, wenn er _zugleich_ ein objektiver und ein subjektiver
ist. Dieser Art ist der Gegensatz der _Standpunkte_, den ich schon vorhin
bei Besprechung der _Hecker_'schen Aufstellungen als fuer die Komik des
Naiven wesentlich bezeichnete.
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