Komik und Humor by Theodor Lipps
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III. ABSCHNITT. PSYCHOLOGIE DER KOMIK.
VIII. KAPITEL. DAS GEFUEHL DER KOMIK UND SEINE VORAUSSETZUNGEN.
KOMIK ALS "WECHSELNDES" ODER "GEMISCHTES" GEFUEHL.
Wir haben gesehen, dass das Gefuehl der Komik nicht an ein bestimmtes
quantitatives Verhaeltnis von Lust und Unlust gebunden ist. Dagegen
leugneten wir nicht, dass Lust und Unlust in die Komik eingehen. Es fragt
sich jetzt, wie sie in dieselbe eingehen, oder was dies "Eingehen"
besagen wolle.
Ist die Komik, wie man behauptet hat, ein Wechsel von Lust und Unlust?
Diese Frage haben wir verneint. Und wir muessen bei dieser Verneinung
bleiben. Wechsel von Lust und Unlust ist--Wechsel von Lust und Unlust,
und weiter nichts. Das Gefuehl der Komik aber ist ein eigenartiges Gefuehl.
Es ist nicht jetzt reine Lust, jetzt reine Unlust, sondern immer dies
Besondere, das wir eben um seiner Besonderheit willen mit dem besonderen
Namen "Gefuehl der Komik" bezeichnen. Dasselbe mag bald mehr
Lustcharakter, bald mehr Unlustcharakter annehmen, oder bald mehr ein
belustigendes bald mehr ein unlustgefaerbtes sein. Dann besteht doch,
solange das Gefuehl der Komik wirklich Gefuehl der Komik ist, jedesmal das
Gemeinsame, das bald mehr diese, bald mehr jene Faerbung _annimmt_. Und
dies Gemeinsame ist dann das Specifische der Komik im Unterschiede von
Lust und Unlust.
Man koennte dies bestreiten und folgende Meinung verfechten: Es sei
zuzugeben, dass sich uns das Gefuehl der Komik wie ein besonderes Gefuehl
darstelle. Darum koenne es doch ein Wechsel von Lust und Unlust sein. Es
muesse nur dieser Wechsel als ein sehr rascher gedacht werden. Diese
Raschheit verhindere, dass wir uns in getrennten Momenten jetzt eines
Gefuehles reiner Lust, jetzt eines Gefuehles reiner Unlust bewusst seien.
Wir gewinnen von den rasch wechselnden Gefuehlen wegen dieser Raschheit
nur ein zusammenfassendes Bewusstsein, ein Gesamtbild, einen
Totaleindruck, ohne die Moeglichkeit der Unterscheidung der Elemente. Und
dies Gesamtbild, diesen Totaleindruck nennen wir Gefuehl der Komik.
Es ist aber leicht einzusehen, welche Verwechselung in solcher Anschauung
laege. Gewiss koennen wir von den schnell sich folgenden Ereignissen des
Tages am Abend ein Totalbild, oder einen Totaleindruck haben, in welchem
die einzelnen Ereignisse nicht als diese bestimmten thatsaechlich erlebten
und in der bestimmten Weise sich folgenden Ereignisse nebeneinander
enthalten sind.
Aber hierbei besteht ein Gegensatz zwischen wirklichen Erlebnissen und
unserem Bewusstsein von denselben. Wo ein solcher Gegensatz vorliegt,
aber auch nur wo dies der Fall ist, hat es einen Sinn zu sagen, wir
koennten von etwas, das an sich verschieden ist und in der Zeit wechselt,
ein Gesamtbild haben, in welchem diese Verschiedenheit aufgehoben, dieser
Wechsel ausgeloescht erscheine.
Von einem solchen Gegensatz ist ja aber in unserem Falle keine Rede.
Gefuehle, die ich jetzt habe, sind von dem Bewusstsein, das ich von diesen
Gefuehlen habe, nicht verschieden. Lust und Unlust "fuehlen" heisst eben
von Lust und Unlust ein Bewusstsein haben. Lust und Unlust, von denen ich
kein Bewusstsein habe, sind leere Worte. Ist aber das Bewusstsein von
einem gegenwaertigen Gefuehl nichts als dies Gefuehl selbst, so ist auch die
Beschaffenheit, in der sich Gefuehle, die ich jetzt habe, meinem
Bewusstsein darstellen, oder in der sie mir "erscheinen", nichts anderes
als die thatsaechliche Beschaffenheit der Gefuehle. Erscheinen mir demnach
gegenwaertige Gefuehle nicht als wechselnde oder zeitlich sich folgende
Lust- und Unlustgefuehle, sondern als ein dieser Unterschiede bares
Einheitliches, so sind sie eben damit dies unterschiedslose Einheitliche.
Ebenso wurde frueher schon gelegentlich zurueckgewiesen ein zweiter
Gedanke, naemlich derjenige, der in dem Ausdruck "gemischtes Gefuehl"
enthalten zu sein scheint. Gemischte Gefuehle koennen, wenn man es mit
diesem Ausdruck genau nimmt, nur solche sein, in denen Verschiedenes
_nebeneinander_ gefuehlt wird. Ich habe ein aus Lust und Unlust gemischtes
Gefuehl, dies kann nur heissen, ich fuehle mich lustgestimmt, und ich fuehle
mich daneben zugleich unlustgestimmt. Dies waere mir moeglich, wenn ich
mich doppelt, das heisst verdoppelt fuehlen koennte, wenn das Ich des
unmittelbaren Selbstgefuehls in zwei auseinandergehen koennte. Dem aber
widerspricht die thatsaechliche Einheit meines Selbstgefuehles. Ich fuehle
mich nicht als zwei, kann also auch keine zwei nebeneinander bestehenden
Gefuehle haben. Gefuehl ist, wie ehemals gesagt, Selbstgefuehl.
Aber auch in der Weise, dass Lust und Unlust zwei verschiedene Seiten
eines und desselben Gefuehles waeren, die Lust also eine naehere Bestimmung
oder eine Faerbung der Unlust, die Unlust eine naehere Bestimmung oder eine
Faerbung der Lust, koennen nicht diese beiden Gefuehle miteinander verbunden
oder "gemischt" sein. Dieser Vorstellungsweise widerspraeche der Charakter
dieser Gefuehle. Ein Klang von bestimmter Hoehe kann unbeschadet
dieser Hoehe Trompetenklangfarbe haben. Es kann aber nicht die
Trompetenklangfarbe Floetenklangfarbe haben. Diese beiden Klangfarben
koennen an einem und demselben Klang nur sich aufheben oder in eine dritte
von beiden verschiedene Klangfarbe sich verwandeln. So kann auch ein
Gefuehl, das im uebrigen etwa als Gefuehl des Strebens charakterisiert ist,
unbeschadet dieses Strebungscharakters lustgefaerbt sein, aber es kann
nicht die Lustfaerbung unlustgefaerbt sein. Die unlustgefaerbte Lust ist
entweder eine mindere Lust, oder sie ist ein Drittes neben Lust und
Unlust, in keinem Falle Lust und Unlust zugleich.
Dagegen koennte man einwenden: Wir vermoegen doch, wenn wir einem Gefuehl
der Komik unterliegen, einerseits das Lustmoment, andererseits das
Unlustmoment "herauszufuehlen". So tritt etwa aus der Komik, die das
Miauen der Katze waehrend der feierlichen Predigt in uns weckt, das
Lustmoment heraus, wenn wir darauf achten, wie die Katze in die Predigt
einzustimmen scheint, das Unlustmoment, wenn wir die Stoerung des
Gottesdienstes bedenken. Koennen wir aber aus dem Gefuehl der Komik die
Lust und die Unlust herausfuehlen, so muessen doch beide in diesem Gefuehl
nebeneinander enthalten sein.
Solche Trugschluesse ergeben sich leicht aus unklaren Begriffen. Im
vorliegenden Falle liegt die Unklarheit in dem "Herausfuehlen". Dies
Herausfuehlen ist analog dem "Heraushoeren" der Teiltoene eines Klanges aus
dem Ganzen eines Klanges. Dies letztere ist in Wahrheit ein Aufloesen des
Klanges, das heisst eine Verwandlung der einfachen Klangempfindung in
eine Mehrheit von Tonempfindungen.
So ist auch das Herausfuehlen der Lust und Unlust aus der Komik ein
Verwandeln eines einfachen Gefuehles in verschiedene Gefuehle. Indem ich
auf die eine Seite jenes komischen Vorganges achte, fuehle ich staerkere
Lust, das heisst das Gefuehl der Komik wird, nachdem es vorher ein
mittleres war, jetzt ein anderes, naemlich ein wesentlich lustgefaerbtes.
Indem ich dann auf die andere Seite des Vorganges achte, veraendert sich
das Gefuehl nach der anderen Seite hin: Es wird ein zu hoeherem Grade
unlustgefaerbtes. Diese Veraenderung des Gefuehls muss sich vollziehen, weil
ich die Bedingungen desselben geaendert habe. Das Achten jetzt auf die
eine, dann auf die andere Seite des Gesamtvorganges ist ja eine solche
Aenderung der Bedingungen des Gefuehls.
Aus entgegengesetzten Elementen "gemischte" Gefuehle sind in Wahrheit
einfache Gefuehle. Nur die Bedingungen derselben sind nicht einfach. Und
daraus ergiebt sich die Moeglichkeit, dass die "gemischten" Gefuehle in
entgegengesetzte sich verwandeln. Man sollte den Begriff der gemischten
Gefuehle aus der Psychologie endgueltig streichen.
DIE GRUNDFARBE DES GEFUEHLS DER KOMIK.
Nach allem dem muessen wir bei der Erklaerung bleiben, die ich schon abgab:
Das Gefuehl der Komik ist nicht irgendwie aus anderen Gefuehlen
zusammengesetzt, sondern es ist, ein eigenartig neues Gefuehl. Es ist das
eigenartig neue Gefuehl, das man niemand beschreiben kann, der es nicht
kennt, und das man dem nicht zu beschreiben braucht, der es kennt. Oder
vielmehr "_das_" Gefuehl der Komik ist ein zusammenfassender Name fuer
viele eigenartige Gefuehle, die aber ein Gemeinsames haben, um dessen
willen wir sie als Gefuehle der Komik bezeichnen.
So ist schliesslich jedes Gefuehl ein eigenartiges, und die Menge der in
uns moeglichen Gefuehle, nicht nur der Intensitaet, sondern auch der
_Qualitaet_ nach unendlich gross. Kein Gefuehl oder keine Weise, wie wir
uns in einem Moment fuehlen, wird jemals in unserem Leben voellig
gleichartig wiederkehren.
Aber diese Gefuehle bilden ein Kontinuum, und in diesem Kontinuum sind
Grundgefuehle unterscheidbar, wie im Kontinuum der Farben Grundfarben:
Rot, Blau, Weiss etc. Eine dieser Grundfarben des Gefuehls ist die Lust,
eine andere die Unlust, eine andere die Komik.
Man kann nun fragen, wie die Grundfarbe der Gefuehle, die wir Gefuehle der
Komik nennen, noch anders sich bezeichnen lasse. Dann erinnere ich daran,
dass ich schon einmal meinte, mindestens drei Dimensionen unserer Gefuehle
seien unterscheidbar. Gefuehle seien einmal Gefuehle der Lust und Unlust,
zum anderen Gefuehle des Ernstes und der Heiterkeit, endlich Gefuehle des
Strebens. Dabei ist, wie sich von selbst versteht, unter Heiterkeit
ebenso wie unter Ernst etwas von Lust Verschiedenes verstanden; nicht,
wie wohl ueblich, heitere Lust oder lustige Heiterkeit, sondern die
Faerbung der Lust, durch welche diese zur heiteren, also zum Gegenteil der
ernsten Lust wird. Fassen wir die Heiterkeit in diesem gegen Lust und
Unlust neutralen Sinne, dann duerfen wir solche Heiterkeit als das
gemeinsame Moment aller Gefuehle der Komik bezeichnen. Es giebt dann, wie
eine heitere Lust, so auch eine heitere Unlust, ja einen heiteren
Schmerz. Es giebt dergleichen, so gewiss es komisch unlustvolle
Erlebnisse und komisch anmutende Schmerzen giebt.
Damit setzen wir uns freilich mit dem Sprachgebrauch in Gegensatz. Wer
diesen Gegensatz nicht mitmachen will, muss entweder dabei bleiben zu
sagen, die Grundfaerbung des Komischen sei--die Komik, oder er muss sich
mit Namen helfen, die urspruenglich nicht Gefuehle, sondern moegliche
Objekte von solchen bezeichnen. Das Gefuehl des Ernstes ist ein Gefuehl der
Groesse oder des Grossen; es ist ein Gefuehl des Starken, des
Schwerwiegenden, oder Gewichtigen, des Breiten, des Tiefen. Das Gefuehl
der Heiterkeit in dem soeben vorausgesetzten neutralen Sinne ist ein
Gefuehl der Kleinheit oder des Kleinen; es ist ein Gefuehl des an der
Oberflaeche Bleibenden, des Leichten, des Spielenden.
Welchen dieser Namen aber wir waehlen moegen, immer sind damit
Gefuehlsfaerbungen bezeichnet, deren sowohl Lust als Unlust faehig sind.
Oder was dasselbe sagt, immer sind damit Gefuehle bezeichnet, die sowohl
mit Lust- als mit Unlustfaerbung auftreten koennen. Auch dies ist denkbar,
dass sich in ihnen, sei es auch nur fuer einen unmessbaren Moment, Lust
und Unlust zur Indifferenz aufheben. Dann haetten wir das reine Gefuehl der
"Groesse", andererseits das reine Gefuehl der Komik.
"PSYCHISCHE KRAFT" UND IHRE BEGRENZTHEIT.
Und wie nun entsteht dies eigenartige Gefuehl, oder besser diese
eigenartige Gefuehlsmodalitaet? Zur Beantwortung dieser Frage muessen wir
etwas weiter ausholen.
Zu den uns gelaeufigsten Thatsachen des seelischen Lebens gehoert die
Thatsache der sogenannten Enge des Bewusstseins. Wenn ich in irgend
welche Gedanken vertieft in meinem Zimmer sitze, so ueberhoere ich den Laerm
der Strasse; und umgekehrt, verfolge ich die Toene und Geraeusche, aus
denen dieser besteht, so ist es mir unmoeglich, zugleich einem, jenem
Wahrnehmungsinhalt fremden Gedankengange mich hinzugeben. Wir druecken
solche Thatsachen wohl so aus, dass wir sagen, der Gedanke, in den wir
uns vertiefen, oder die Wahrnehmung, die wir machen, erfuelle uns
dergestalt, dass fuer anderes kein Platz mehr in unserem Bewusstsein sei.
Dies ist natuerlich bildlich gesprochen. Aber was das Bild meint, trifft
zu. Unsere Faehigkeit, Empfindungen, Vorstellungen, Gedanken zu
vollziehen, ist jederzeit in gewisse Grenzen eingeschlossen. Jede
Empfindung, jede Vorstellung, jeder Gedanke absorbiert einen Teil dieser
Faehigkeit. Je mehr er davon absorbiert, um so weniger Faehigkeit, andere
Empfindungen, Vorstellungen, Gedanken gleichzeitig zu vollziehen, bleibt
uebrig.
Genau genommen ist aber der soeben gebrauchte Ausdruck "Enge des
Bewusstseins" nicht der zutreffende Terminus fuer diese Thatsachen. Nicht
nur die Empfindungen und Vorstellungen, die zum Bewusstsein kommen,
sondern auch diejenigen, denen dies nicht gelingt, absorbieren ihren Teil
der Faehigkeit, Empfindungen und Vorstellungen zu vollziehen.
Auch darin liegt noch eine Unklarheit. Was heisst dies: Empfindungen und
Vorstellungen gelangen zum Bewusstsein, andere nicht? Unmoeglich kann
damit gemeint sein, dass ein und derselbe psychische Inhalt oder Vorgang
bald unbewusst, bald mit der Eigenschaft der Bewusstheit bekleidet in uns
vorkommen koennte. Sondern unter den bewussten und den unbewussten
Empfindungen und Vorstellungen muss Verschiedenes verstanden sein.
In der That sind die Worte Empfindung und Vorstellung doppelsinnig. Wir
bezeichnen mit ihnen bald das Empfundene, bezw. Vorgestellte, ich meine
die _Bewusstseinsinhalte_, oder das, was je nachdem die besonderen Namen
Empfindungs- oder Vorstellunginhalte traegt, bald die _Vorgaenge des
Empfindens oder Vorstellens_, d. h. die Vorgaenge, durch welche es
geschieht, dass ein Empfindungs-, bezw. Vorstellungsinhalt da ist, oder
die dem Dasein dieser Inhalte zu Grunde liegen. Jene Bewusstseinsinhalte
sind selbstverstaendlich im Bewusstsein. Diese Vorgaenge dagegen sind es
niemals. Ihre Existenz ist nur erschlossen.
Hieraus ergiebt sich, was jene Ausdruecke sagen wollen. Sprechen wir von
bewussten Empfindungen, so sagt dies, dass ein Empfindungsvorgang, d. h.
ein psychischer Vorgang von der Art, wie er immer vorausgesetzt ist, wenn
Empfindungsinhalte fuer uns da sein sollen, nicht nur besteht und auf das
Dasein eines Empfindungsinhaltes abzielt, sondern dass er auch dies Ziel
erreicht oder erreicht hat. Dagegen nennen wir eine Empfindung eine
unbewusste, wenn dies nicht der Fall ist, wenn also nur das Unbewusste an
der Empfindung, d. h. nur der Empfindungs_vorgang_ gegeben ist, sein
natuerliches Ziel, das Dasein des zugehoerigen Empfindungsinhaltes aber von
ihm nicht erreicht wird. Das Gleiche gilt mit Ruecksicht auf die bewussten
und unbewussten _Vorstellungen_.
Natuerlich muessen fuer die Annahme der an sich unbewussten Vorgaenge, von
denen ich sage, dass sie dem Dasein der Empfindungs- und
Vorstellungsinhalte jederzeit zu Grunde liegen, zwingende Gruende
aufgezeigt werden koennen. Es muss andererseits dargethan werden koennen,
dass und wiefern ein Recht besteht, diese Vorgaenge als psychische
Vorgaenge zu bezeichnen. Hierfuer nun verweise ich der Hauptsache nach auf
meine "Grundthatsachen des Seelenlebens" (Bonn 1883) und den auf dem
dritten internationalen Kongress fuer Psychologie gehaltenen Vortrag "Der
Begriff des Unbewussten in der Psychologie".
Doch brauche ich mich hier mit diesem Hinweis nicht zu begnuegen. Ich
werde vielmehr im folgenden eine Thatsache zu bezeichnen haben, deren
Anerkenntnis die Anerkenntnis jener psychischen Vorgaenge und ihrer
psychologischen Bedeutung ohne weiteres in sich schliesst.
Ich kehre zu der "Faehigkeit, Empfindungen und Vorstellungen zu
vollziehen" zurueck. Diese Faehigkeit ist zunaechst nichts als die
Moeglichkeit, dass in uns Vorgaenge, die auf das Dasein von Empfindungs-
und Vorstellungsinhalten abzielen, zu stande kommen. Sie ist erst in
zweiter Linie die Moeglichkeit, dass auf Grund dieser Vorgaenge
Empfindungs- und Vorstellungs_inhalte_ oder kurz Bewusstseinsinhalte da
sind. Es ist also auch, wenn wir die Faehigkeit, Empfindungen und
Vorstellungen zu vollziehen, als begrenzt bezeichnen, damit zunaechst die
Begrenztheit jener Moeglichkeit des Zustandekommens von _Vorgaengen_, die
auf das Dasein von Empfindungen oder Vorstellungsinhalten _abzielen_,
gemeint. Daraus ergiebt sich erst sekundaer die Begrenztheit der
Faehigkeit, Empfindungs- und Vorstellungsinhalte zu haben. Diese ist die
"Enge des Bewusstseins". Die Enge des Bewusstseins hat also die
Begrenztheit der Moeglichkeit, dass in einem Momente nebeneinander
verschiedene, an sich unbewusste Vorgaenge des Empfindens oder Vorstellens
sich vollziehen, zur Voraussetzung.
Diese letztere Begrenztheit pflege ich nun kurz als "Begrenztheit der
psychischen Kraft" zu bezeichnen. Die Enge des Bewusstseins besteht dann
auf der Basis der Begrenztheit der psychischen Kraft.
GENAUERES UEBER DIE "PSYCHISCHE KRAFT".
Den Begriff der psychischen Kraft und ihrer Begrenztheit muessen wir aber
noch genauer bestimmen. Damit wird auch das Verhaeltnis dieser
Begrenztheit der psychischen Kraft zur Enge des Bewusstseins deutlicher
werden.
Folgendes ist hier zunaechst zu bedenken: Psychische Vorgaenge koennen von
ihrem Ziel, das im Zustandekommen der Bewusstseinsinhalte besteht, weiter
oder weniger weit entfernt bleiben. Bezeichnen wir den Moment im Verlauf
psychischer Vorgaenge, wo es ihnen gelingt das Dasein eines
Bewusstseinsinhaltes zu bewirken, als "Schwelle des Bewusstseins", so
duerfen wir statt dessen auch sagen: Ein psychischer Vorgang kann von der
Schwelle des Bewusstseins mehr oder weniger weit entfernt bleiben. Und
stellen wir uns diese Entfernung vor wie eine raeumliche, und die
Bewusstseinsschwelle wie einen raeumlichen Hoehepunkt des Vorganges, so
koennen wir auch sagen: Psychische Vorgaenge gewinnen eine groessere oder
geringere psychische Hoehe. Oder wenn wir endlich psychische Vorgaenge mit
Wellen vergleichen: Sie gewinnen eine groessere oder geringere
Wellenhoelle.
Dies Bild bedarf aber der Ergaenzung. Ein psychischer Vorgang hat "die
Bewusstseinsschwelle ueberschritten", wenn der zugehoerige
Bewusstseinsinhalt da ist. Dieser Bewusstseinsinhalt bleibt aber nicht
endlos da, sondern verschwindet wieder. Er verschwindet, wenn der
psychische Vorgang, der die Bewusstseinsschwelle ueberschritten hatte,
wiederum "unter die Bewusstseinsschwelle herabsinkt". Dies "Herabsinken
unter die Bewusstseinsschwelle" besagt nichts anderes als dies, dass der
Vorgang nicht mehr auf dem Punkte steht oder in dem Stadium sich
befindet, wo er der genuegende Grund fuer das Dasein des begleitenden
Bewusstseinsinhaltes ist.
Ehe nun der Vorgang unter die Schwelle des Bewusstseins herabsank, konnte
er mehr oder weniger weit von diesem Punkte entfernt sein. Er kann
ueberhaupt mehr oder weniger weit ueber diesen Punkt, also ueber die
Schwelle des Bewusstseins sich _erhoben_ haben. Es giebt mit anderen
Worten verschiedene moegliche Hoehen der psychischen Wellen nicht nur
unter, sondern auch _ueber_ der Bewusstseinsschwelle.
Zu je groesserer Hoehe nun eine _physische_ Welle sich erhebt, ein um so
groesseres Mass _physischer_ Bewegung, oder ein um so groesseres Quantum
_mechanischen_ Geschehens schliesst sie in sich. Analoges gilt auch von
der psychischen Welle, d. h. von jedem psychischen Vorgang. Auch ein
_psychischer_ Vorgang schliesst je nach seiner Wellenhoehe ein groesseres
oder geringeres Mass der _psychischen_ Bewegung oder ein groesseres oder
geringeres Quantum des psychischen Geschehens in sich. Damit wird
jedesmal ein entsprechendes Quantum der Faehigkeit oder Moeglichkeit, dass
ueberhaupt psychisch etwas geschehe oder psychische Vorgaenge sich
vollziehen, verwirklicht oder in Anspruch genommen.
Dies koennen wir noch anders ausdruecken: Die materielle Welle, sagte ich,
schliesse je nach ihrer Hoehe ein groesseres oder geringeres Quantum
mechanischer Bewegung in sich. Was ich hier Quantum der mechanischen
Bewegung nenne, ist dasselbe, was man auch als Quantum "lebendiger Kraft"
bezeichnet. So kann ich auch von der hoeheren psychischen Welle oder dem
psychischen Vorgang, der der Schwelle des Bewusstseins naeher ist, bezw.
sich in hoeherem Grade ueber dieselbe erhebt, sagen, er schliesse in sich
ein groesseres Quantum lebendiger psychischer Kraft, oder es werde in ihm
ein groesseres Quantum der vorhandenen psychischen Kraft lebendig oder
aktuell. Man erinnert sich, dass ich diesen Ausdruck schon einmal
gelegentlich gebraucht habe.
Damit hat die Thatsache der Begrenztheit der psychischen Kraft die
gesuchte naehere Bestimmung gewonnen. Die begrenzte psychische Kraft, das
ist die Kraft, die in den einzelnen psychischen Vorgaengen, je nach ihrer
psychischen Wellenhoehe, aktuell wird. Die Begrenztheit der psychischen
Kraft ist die Begrenztheit der Moeglichkeit, dass--nicht ueberhaupt
Vorgaenge des Empfindens oder Vorstellungen in uns sich vollziehen,
sondern dass solche Vorgaenge sich vollziehen und eine bestimmte
psychische _Wellenhoehe_ erreichen oder ein bestimmtes Mass lebendiger
psychischer _Kraft_ gewinnen. Oder, wenn wir die Wellenhoehe der einzelnen
psychischen Vorgaenge addiert denken und das Ergebnis als Gesamtwellenhoehe
bezeichnen: Die Begrenztheit der psychischen Kraft ist die Thatsache,
dass die moegliche Gesamtwellenhoehe der psychischen Vorgaenge in jedem
Momente in bestimmte Grenzen eingeschlossen ist.
"AUFMERKSAMKEIT". "PSYCHISCHE ENERGIE".
Mit allem dem habe ich nun schliesslich doch nur, was jedermann gelaeufig
ist, in etwas bestimmtere Begriffe gefasst, als dies sonst wohl zu
geschehen pflegt. Jedermann vertraut sind Wendungen wie die, dass
Empfindungen oder Vorstellungen bald mehr bald minder beachtet, bemerkt,
in den Blickpunkt des Bewusstseins gerueckt, appercipiert seien etc. Der
ueblichste der Begriffe, die hier Verwendung finden, ist der Begriff der
_Aufmerksamkeit_: Empfindungen und Vorstellungen koennen bald mehr bald
minder Gegenstand der Aufmerksamkeit sein.
Was will man mit allen diesen Ausdruecken? Vielleicht allerlei. In jedem
Falle dies Eine: Was in hoeherem Grade beachtet oder Gegenstand der
Aufmerksamkeit ist etc., spielt im Zusammenhange des psychischen Lebens
eine groessere Rolle, hat auf den Verlauf desselben in jeder Hinsicht mehr
Einfluss, uebt staerkere psychische Wirkungen. Statt dessen kann ich auch
sagen: Das in hoeherem Grade Beachtete oder meiner Aufmerksamkeit
Teilhafte repraesentiert ein groesseres Quantum lebendiger psychischer
Kraft. Denn lebendige Kraft ist ueberall nur ein anderer Ausdruck fuer die
von einem Vorgang ausgehende Wirkung; ihr Mass ist die Groesse dieser
Wirkung.
Und auch dies weiss jedermann, dass das Quantum der "Aufmerksamkeit", die
ich jetzt oder in irgend einem anderen Momente zur Verfuegung habe, oder
meinen Empfindungen oder Vorstellungen zur Verfuegung stellen kann, ein
begrenztes ist. Es ist also auch das Quantum der "psychischen Kraft", die
in meinen Empfindungen oder Vorstellungen "lebendig" werden kann, ein
begrenztes. In dem Masse als die "Aufmerksamkeit" oder die psychische
Kraft von irgend welchen Empfindungen und Vorstellungen "in Anspruch
genommen" ist, kann sie nicht von anderen in Anspruch genommen werden.
Und nun endlich die Frage: Wenn Empfindungen oder Vorstellungen bald
groessere bald geringere Kraft haben, was eigentlich hat diese groessere
oder geringere Kraft? Oder mit Verwendung eines jener anderen Ausdruecke:
Wenn eine Empfindung mehr, die andere weniger "beachtet" ist, wenn also
zwei Empfindungen als mehr oder minder beachtete sich von einander
_unterscheiden_, was eigentlich ist dann in solcher Weise unterschieden?
Wer ist der Traeger jener Praedikate?
Sind es die Empfindungs_inhalte_, allgemeiner gesagt die
_Bewusstseinsinhalte_? Dies kann niemand meinen.
Oder meint man es doch? Ist dann das "Beachtetsein" eine Farbe oder ein
Ton, bezw. die Eigenschaft eines Tones, eine raeumliche Groesse oder
dergl.? Ist etwa die groessere Kraft, die eine Tonempfindung jetzt im
Zusammenhang meines Empfindens und Vorstellens ausuebt, eine groessere
Kraft, d. h. eine groessere Lautheit des jetzt von mir empfundenen
_Tones_?
Dies meint man nicht. Man weiss, ein sehr leiser oder schwacher Ton kann
im hoechsten Masse beachtet sein, also im Zusammenhang des psychischen
Lebens die groesste Kraft haben, ohne dass er doch aufhoerte eben dieser
schwache Ton zu sein. So kann ueberhaupt eine und dieselbe Empfindung, d.
h. ein und derselbe Inhalt meines Bewusstseins mehr und minder beachtet
sein, oder mehr und minder Kraft in mir entfalten.
Damit ist dann zugleich unweigerlich die einzig moegliche Antwort auf jene
Frage gegeben. Kann ein und derselbe Bewusstseinsinhalt jetzt eine
groessere Kraft haben, als er sie sonst hat, dann ist diese groessere Kraft
nicht eine Eigenschaft der Bewusstseinsinhaltes. Eines und dasselbe kann
nicht jetzt groessere, jetzt geringere Kraft haben. Also ist der Traeger
der groesseren Kraft etwas, das jenseits des Bewusstseinsinhaltes liegt.
Man wird vielleicht sagen: In Wahrheit "trete" nur der gleiche
Bewusstseinsinhalt jetzt mit groesserer Kraft "auf". Vortrefflich. Nur ist
dann doch "notwendig" dies "Auftreten" etwas Wirkliches und von dem
Bewusstseinsinhalte Verschiedenes. Nur Wirkliches kann wirklich Kraft
entfalten. Das "Auftreten" des Bewusstseinsinhaltes muss also ein
wirklicher, obzwar dem Bewusstsein sich entziehender Vorgang sein. Und
dies "Auftreten" kann kein anderer Vorgang sein als derjenige, dem der
Bewusstseinsinhalt sein Dasein verdankt, der Vorgang also, den wir als
Vorgang des Empfindens, oder allgemeiner, als an sich unbewussten
psychischen Vorgang bezeichnen. Dabei betone ich das "an sich unbewusst".
Unmoeglich kann ja jemand meinen, dass dies "Auftreten" eines
Empfindungsinhaltes, diese Weise, wie es "gemacht wird", dass
Empfindungsinhalte da sind, in seinem Bewusstsein sich abspiele.
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