Komik und Humor by Theodor Lipps
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Und von da koennen wir noch einen Schritt weiter gehen. Die "Kraft" des
"Auftretens" der Bewusstseinsinhalte ist nichts anderes als die
psychische Wirkungsfaehigkeit. Ist also diese "Kraft" die Kraft der den
Bewusstseinshalten zu Grunde liegenden, an sich _unbewussten Vorgaenge_,
so sind diese _Vorgaenge_ das eigentlich phychisch Wirkungsfaehige. Es gilt
also der allgemeine Satz: _Die Faktoren des psychischen Lebens sind nicht
die Bewusstseinsinhalte, sondern die an sich unbewussten psychischen
Vorgaenge_. Die Aufgabe der Psychologie, falls sie nicht bloss
Bewusstseinsinhalte beschreiben will, muss dann darin bestehen, aus der
Beschaffenheit der Bewusstseinsinhalte und ihres zeitlichen
Zusammenhanges die Natur dieser unbewussten Vorgaenge zu erschliessen. Die
Psychologie muss sein eine Theorie dieser Vorgaenge. Eine solche
Psychologie wird aber sehr bald finden, dass es gar _mancherlei_
Eigenschaften dieser Vorgaenge giebt, die in den entsprechenden
Bewusstseinsinhalten _nicht repraesentiert_ sind.
Noch zwei Bemerkungen habe ich dem hier Gesagten hinzuzufuegen. Die
Aufmerksamkeit ist die psychische Kraft. Nun pflegt man zunaechst oder
einzig von einer Aufmerksamkeit zu reden, die den bewussten Empfindungen
und Vorstellungen zu teil werde. Dies hat seine guten Gruende. Von
Gegenstaenden der Aufmerksamkeit, die sich dem Bewusstsein entziehen,
haben wir kein unmittelbares Bewusstsein. Und das die Aufmerksamkeit oder
die Inanspruchnahme psychischer Kraft begleitende Aufmerksamkeitsgefuehl
oder Gefuehl der inneren Thaetigkeit kann in unserem Bewusstsein nicht auf
Unbewusstes, also nicht auf die Vorgaenge, denen kein Bewusstseinsinhalt
entspricht, bezogen erscheinen. Sondern es erscheint notwendig jederzeit
bezogen auf Bewusstseinsinhalte. Soweit also die Aufmerksamkeit im
Bewusstsein sich "spiegelt", ist sie allerdings immer nur Aufmerksamkeit
auf Bewusstseinsinhalte. Dies hindert doch nicht, dass auch die Vorgaenge,
die keinen Bewusstseinsinhalt ins Dasein zu rufen vermoegen, jederzeit
gleichfalls Gegenstand groesserer oder geringerer Aufmerksamkeit sind.
Natuerlich verstehe ich dabei unter der Aufmerksamkeit nicht jene
"Spiegelung" der Aufmerksamkeit, oder jenes Bewusstseinssymptom
derselben, sondern die Aufmerksamkeit selbst. Diese wird nicht nur von
bewussten, das heisst Bewusstseinhalte erzeugenden, sondern ebensowohl
von unbewussten psychischen Vorgaengen absorbiert. Sie wird immer _nur_
absorbiert von den an sich unbewussten Vorgaengen.
Die zweite Bemerkung ist diese: Nehmen wir an, ein Empfindungs- oder
Vorstellungsvorgang, sei es ein "bewusster", sei es ein solcher, der ohne
seinen zugehoerigen Bewusstseinsinhalt bleibt, absorbiere vor einem
anderen, oder auf Kosten eines anderen, psychische Kraft, so muss er dazu
die Faehigkeit besitzen. Psychische Vorgaenge besitzen diese Faehigkeit bald
in groesserem, bald in geringeren Grade.
Hierfuer nun pflege ich wiederum einen kurzen Ausdruck zu gebrauchen:
Psychische Vorgaenge besitzen groessere oder geringere "psychische
Energie". Ein Donnerschlag zwingt die Aufmerksamkeit unter im uebrigen
gleichen Umstaenden in hoeherem Grade auf sich oder eignet sich die
psychische Kraft "energischer" an, als ein leichtes Geraeusch. Nichts
anderes als dies meine ich, wenn ich sage, der Donnerschlag besitze
groessere psychische Energie als das leise Geraeusch.
Oder: Ein Gedanke, der mir wichtig ist, braucht nur von fern in mir
angeregt zu werden, es genuegt, dass eine Bemerkung faellt, die mit seinem
Inhalte in loser Beziehung stellt, und ich vollziehe ihn mit Bewusstsein,
und erscheine einen Moment von ihm erfuellt und beherrscht, so dass ich
sonst fuer nichts Sinn und Auge habe; waehrend ein ebenso naheliegender,
aber gleichgueltiger Gedanke, bei gleicher Art der Anregung, mir nicht zum
Bewusstsein gekommen waere. Nichts anderes als diese Thatsache meine ich,
wenn ich sage, jener Gedanke besitze, vermoege seines wichtigen Inhaltes,
groessere "seelische Energie".
Hiermit sind die allgemeinsten Voraussetzungen fuer das Verstaendnis der
Komik bezeichnet. Es fehlt nach ihre Specialisierung.
DIE BESONDEREN BEDINGUNGEN DER KOMIK.
Wenden wir uns zurueck zu dem, was wir als das Wesen der Komik bisher
erkannt haben. Ueberall in der Komik fanden wir einen Gegensatz des
Bedeutungsvollen oder Bedeutsamen und des Bedeutungslosen, oder, wie wir
spaeter oefter sagten, des Erhabenen und des Kleinen oder Nichtigen. Ein
Erhabenes oder erhaben sich Gebaerdendes schrumpfte fuer uns zu einem
Nichtigen zusammen. Dabei war die Erhabenheit verschiedener Art. Immer
aber war mit dem Erhabenen ein solches gemeint, in dessen Natur es liegt,
uns oder die seelische Kraft in gewissem Grade in Anspruch zu nehmen, zu
absorbieren, festzuhalten.
Auch daran erinnere ich noch einmal, dass dies "Bedeutsame" nicht unter
allen Umstaenden uns als ein solches zu erscheinen braucht. Worauf es
ankommt, ist, dass es als ein solches sich darstellt in dem
_Zusammenhang_, in dem es _auftritt_.
Wenn wir nun von jemand eine ausserordentliche Leistung erwarten und er
leistet nur Geringfuegiges, so ist zunaechst die erwartete Leistung ein
Bedeutsames. Die thatsaechliche geringfuegige Leistung spielt aber, wie wir
sagten, die Rolle der bedeutsamen, oder erhebt--in unserem Bewusstsein
naemlich--den Anspruch eine bedeutsame zu sein, bauscht sich zu einer
solchen auf u. s. w. Von dem Bettler, der an Stelle des erwarteten
vornehmen Besuches zur Thuere hereintritt, meinte ich, wir hielten oder
naehmen ihn im Momente seines Eintretens fuer den vornehmen Besuch. Es
fragt sich jetzt, was mit der Vorstellung des Bedeutungslosen jedesmal in
uns geschieht, wenn sie die Rolle des Bedeutsamen spielt, sich aufbauscht
u. s. w.
Dieser Vorgang kann nach dem Obigen nur darin bestehen, dass das
Bedeutungslose trotz seiner Bedeutungslosigkeit ein Mass seelischer Kraft
gewinnt, wie sie sonst nur dem Bedeutungsvollen zuzustroemen pflegt. Es
kann sie aber nicht, wie das Bedeutungsvolle, gewinnen vermoege seiner
eigenen Energie oder Anziehungskraft; es kann sie also nur gewinnen durch
die Gunst der Umstaende.
Dass das Bedeutungslose, das den Eindruck der Komik macht, thatsaechlich
ein relativ hohes Mass psychischer Kraft gewinnt, zeigt die Erfahrung
leicht. Die geringfuegige Leistung waere vielleicht ganz und gar unbeachtet
geblieben, wir waeren jedenfalls leicht darueber hinweggegangen, wenn wir
in ihr nicht die klaegliche Erfuellung hochgespannter Erwartungen saehen;
und ebenso in den anderen Faellen. Alles Kleine, das komisch erscheint,
nimmt unsere Aufmerksamkeit in Anspruch und fesselt sie in groesserem oder
geringerem Grade. Dagegen wuerde es uns geringer oder gar keiner
Aufmerksamkeit wert scheinen ausserhalb des komischen Zusammenhanges.
Wir wissen aber auch schon, worin jene "Gunst der Umstaende" besteht, oder
wie dieser komische Zusammenhang die bezeichnete Wirkung zu ueben vermag.
Wir "erwarten" die ausserordentliche Leistung. Diese Erwartung ist, wie
wir schon im ersten Abschnitt sahen, eine Bereitschaft zur Wahrnehmung
oder Erfassung der Leistung. Diese Bereitschaft bekundet sich darin, dass
wir die Leistung, wenn sie wirklich wird, mit groesserer _Leichtigkeit_
erfassen. Nun ist der thatsaechliche Vollzug einer Wahrnehmung
"Absorbierung" seelischer Kraft: Die Wahrnehnumg eignet die zu ihrem
Vollzug erforderliche seelische Kraft an und entzieht sie damit zugleich
anderen seelischen Inhalten. Die Bereitschaft, von der wir hier reden,
besteht also, was sie auch sonst sein mag, jedenfalls in einem Grad der
Verfuegbarkeit seelischer Kraft. Weil diese verfuegbar ist, und in dem
Masse, als sie es ist, vermag die vorbereitete Wahrnehmung sich dieselbe
leichter anzueignen, als sie es sonst vermoechte. Damit sagen wir nichts,
als was jeder, der die Bereitschaft zugiebt, selbstverstaendlich finden
wird. Ich kann nicht bereit sein, eine Wahrnehmung oder einen Gedanken zu
vollziehen, wenn ich nicht bereit bin mit meiner Faehigkeit Wahrnehmungen
und Gedanken zu vollziehen, mich von dem, was mich sonst beschaeftigt,
hinweg und der Wahrnehmung oder dem Gedanken zuzuwenden oder ihm
entgegenzukommen. Ich kleide nur diesen Thatbestand in einen moeglichst
bequemen und handlichen Ausdruck.
Diese zur Verfuegung stehende Kraft kommt nun, wenn an die Stelle der
erwarteten bedeutsamen Leistung die geringfuegige tritt, dieser zu gute
und wird von ihr leichter angeeignet, als dies ohne diese besondere
Verfuegbarkeit moeglich waere. Dies muss so sein, in dem Masse, als die
thatsaechliche Leistung mit der erwarteten uebereinstimmt, also qualitativ
betrachtet eben diese Leistung _ist_.
Die Natur der Bereitschaft und die Art ihrer Wirksamkeit laesst sich noch
deutlicher machen, wenn wir auf die verschiedenen Arten von Faellen
achten. Ich erinnere noch einmal an den oefter citierten, weil besonders
einfachen Fall, das kleine Haeuschen zwischen den grossen Palaesten. Wenn
wir die grossen Palaeste gesehen haben, so bleibt das Bild derselben--als
Erinnerungsbild--noch eine Zeitlang in uns lebendig und draengt, je
lebendiger es ist, um so mehr nach Wiederherstellung seines Inhaltes in
der Wahrnehmung. Dies geschieht nach einem allgemeinen psychologischen
Gesetz, das nichts ist als das genuegend vollstaendig aufgefasste Gesetz
der Association und Reproduktion auf Grund der Aehnlichkeit. Von Haus aus
draengt jede (reproduktive) Vorstellung auf solche Wiederherstellung in
der Wahrnehmung hin. Dies Draengen ist nur unter besonderen Umstaenden
besonders energisch, beispielsweise eben dann, wenn das Wahrnehmungsbild
unmittelbar vorher einmal oder gar mehrere Male gegeben war. Dies Draengen
wird zu einem "Entgegenkommen", wenn das Wahrnehmungsbild wirklich von
neuem auftritt. Es bethaetigt sich einstweilen als Zurueckdraengen dessen,
was sonst sich herandraengt. Kommt an Stelle des Wahrnehmungsbildes ein
aehnliches, so gilt diesem das Entgegenkommen nach Massgabe der
Aehnlichkeit.
Der Vollstaendigkeit halber muss hinzugefuegt werden, dass die grossen
Palaeste auf uns wirken nicht nur vermoege ihrer Groesse, sondern zugleich
vermoege dessen, was sie uns "sagen", das heisst vermoege des
hinzukommenden Gedankens an die materiellen Kraefte, die in ihnen lebendig
sind, an die Menschen, die darin auf besondere Art sich fuehlen und
bethaetigen koennen und dergleichen. Auch dieser Gedanke wirkt in uns nach,
er erhaelt, indem er nachwirkt, das mit ihm verbundene Erinnerungsbild der
Palaeste in uns lebendiger, und steigert damit zugleich die Tendenz
desselben, in das entsprechende Wahrnehmungsbild ueberzugeben. Dies
geschieht in Uebereinstimmung mit der jedermann gelaeufigen Erfahrung, dass
jeder Nebengedanke, der einem vorgestellten Gegenstand Interesse
verleiht, die Begierde erhoeht den Gegenstand zu sehen, ueberhaupt
wahrzunehmen. Wiederum zeigt dieser Gedanke, ehe die erwartete
Wahrnehmung sich einstellt, seine Wirksamkeit darin, dass er fremde
Vorstellungsinhalte zurueckdraengt.
Indem dann die Wahrnehmung des _kleinen Haeuschens_ sich verwirklicht,
schwindet das Erinnerungsbild des grossen Palastes samt dem damit
verknuepften Gedanken. Aber ihre vorbereitende Wirkung ist dann schon
geschehen. Die seelische Kraft ist einmal fuer die Wahrnehmung verfuegbar
gemacht, und anderes, was sonst sich herzugedraengt haette, ist
zurueckgedraengt und in seiner Faehigkeit, den Vollzug der Wahrnehmung zu
hemmen, vermindert. Zudem verschwindet auch jenes Erinnerungsbild und der
hinzukommende Gedanke nicht momentan. Dasjenige, was das Haeuschen mit den
Palaesten gemein hat, dass es naemlich doch auch menschliche Wohnung ist,
und in _einer Reihe_ mit den Palaesten auftritt, _haelt_ jene
vorbereitenden Momente, und _erhaelt_ damit ihre unterstuetzende Wirkung.
Dies Gemeinsame muss aber ebendarum, weil es das _eigentlich_
Vorbereitete ist, zunaechst "ins Auge fallen" und psychologisch wirksam
werden. Im ersten Augenblicke des Entstehens der Wahrnehmung des
Haeuschens also wird das Erinnerungsbild noch unterstuetzend wirken und
jener Gedanke noch an die Wahrnehmung geheftet sein und auf ihren Vollzug
hindraengen, dagegen Andersgeartetes verdraengen.--Darin verwirklicht sich
der genauere Sinn der oben wiederholten Behauptung, wir naehmen oder
hielten im ersten Augenblick das an die Stelle des erwarteten Bedeutsamen
tretende Nichtige fuer das Bedeutsame, oder hefteten ihm die Bedeutung
desselben an.
Erst wenn das kleine Haeuschen in seiner Bedeutungslosigkeit von uns
aufgefasst und erkannt ist, hat die Erwartung des Palastes und der
Gedanke an das, was er "sagt", gar keinen Platz mehr. Das
Wahrnehmungsbild erfreut sich dann in _seiner Nichtigkeit_ des Masses der
seelischen Kraft oder Aufmerksamkeit, oder bildlich gesagt, des Raumes in
meiner Seele, der durch die Wirkung des Erinnerungsbildes und der daran
sich heftenden Gedanken fuer dasselbe bereit gehalten wurde und jetzt,
nachdem jene verschwunden sind, frei von ihm in Anspruch genommen werden
kann.
Die Wahrnehmung grosser Palaeste ist in diesem Falle dasjenige, was die
Tendenz zum weiteren Vollzug derselben Wahrnehmung in mir entstehen
laesst. Wir haben es dabei, wie schon gesagt, zu thun mit einer Wirkung
des in seinem vollen Umfange gefassten Gesetzes der Association der
_Aehnlichkeit_. Dagegen beruht es auf dem zweiten Associationsgesetze, dem
Gesetze der Erfahrungsassociation, wenn die Ankuendigung einer grossen
Leistung hindraengt oder die Bereitschaft erzeugt zum Vollzug der
Wahrnehmung einer grossen Leistung beziehungsweise zum Vollzug des
Urteils, dass eine grosse Leistung thatsaechlich vollbracht werde. Wir
haben in unserer Erfahrung auf Ankuendigung grosser Thaten grosse Thaten
folgen sehen, oder wenigstens uns Ueberzeugt, dass sie geschahen. Daraus
ist ein Zusammenhang der seelischen Erlebnisse entstanden, demzufolge die
Wiederkehr des ersten Erlebnisses, naemlich der Ankuendigung, immer wieder
die Tendenz zur Wiederkehr des zweiten, der Wahrnehmung der That oder der
Gewissheit ihrer Ausfuehrung, in sich schliesst. Die Art, wie diese
Tendenz oder Bereitschaft der thatsaechlich wahrgenommenen oder
konstatierten _geringfuegigen_ Leistung zu Gute kommt, stimmt dabei mit
der Art des Hergangs im vorigen Falle ueberein.
Dies Letztere gilt nicht durchaus in andern Faellen; naemlich in allen
denjenigen, bei denen ein nach _gewoehnlicher Anschauung_ Nichtiges in dem
Zusammenhang, in dem es auftritt, _wirklich_ als ein Bedeutungsvolles
erscheint, um dann die Bedeutung, eben angesichts der gewoehnhlichen
Betrachtungsweise, wieder zu verlieren. Der Unterschied besteht darin,
dass in diesen Faellen das fuer die Bereithaltung und Freimachung
seelischer Kraft vorhin erst in zweiter Linie in Betracht gezogene Moment
das eigentlich Bedingende wird. Die schwarze Hautfarbe des Negers
erscheint, weil sie doch auch, so gut wie die weisse des Kaukasiers,
Farbe menschlicher Koerperformen ist, mit diesen Formen _zugleich_, als
Traeger menschlichen Lebens. Achten wir dann auf die Farbe als solche, so
gewinnt die Erfahrung Macht, derzufolge nur die weisse Hautfarbe Traeger
dieses Lebens sein kann. Die Farbe erscheint jetzt als nur thatsaechlich
vorhandene, also nichtsbedeutende Farbe. Sie ist aber nun einmal durch
die Wirksamkeit jenes Gedankens, dass sie Traeger menschlichen Lebens sei,
in uns "emporgehoben" und in die "Mitte des Bewusstseins" gestellt, oder
sachlicher gesprochen, sie hat nun einmal durch Hilfe jenes Gedankens ihr
volles Mass von seelischer Kraft aneignen koennen; und sie vermag dasselbe
jetzt, wo jener Gedanke verschwunden ist und damit auch die von ihm
bisher in Anspruch genommene und fremden Vorstellungsinhalten abgenoetigte
Kraft freigelassen hat,--trotz ihrer Nichtigkeit und natuerlichen
Anspruchslosigkeit--frei zu behaupten und weiter in Anspruch zu nehmen.
Sie vermag dies nicht fuer immer, wohl aber solange, bis wir uns
"gesammelt" haben, das heisst bis die zurueckgedraengten fremden
Vorstellungen wieder mit erneuter Energie sich herzudraengen und ihr
natuerliches Anrecht auf die seelische Kraft geltend machen.
Ganz derselbe Hergang findet auch statt bei aller _subjektiven_ und
_naiven_ Komik. Dort bildet der Sinn, den eine Aeusserung oder Handlung
gewinnt, den Inhalt des Gedankens, der die Aeusserung oder Handlung
"emporhebt"; hier bildet die Bedeutung, die einer Aeusserung oder Handlung
vom Standpunkt der naiven Persoenlichkeit aus erwaechst, den Inhalt dieses
Gedankens. Immer schafft dieser Gedanke, indem er mit der Aeusserung oder
Handlung sich verbindet, dieser die Moeglichkeit leichterer Aneignung
seelischer Kraft, und immer ueberlaesst er, indem er verschwindet, die
Kraft, die er in Verbindung mit der Aeusserung oder Handlung angeeignet
hat, der nunmehr nichtig gewordenen Aeusserung oder Handlung zu weiterer
freier Inanspruchnahme. Es ist bildlich gesprochen, aber es trifft die
Sache, wenn wir mit Ruecksicht auf alle Komik den Hergang so beschreiben,
dass wir sagen, ein Nichtiges, das heisst zur Aneignung seelischer Kraft
aus eigener Energie relativ Unfaehiges, gewinne erst in Verbindung und
durch Verbindung mit einem Bedeutsamen, das heisst zu dieser Aneignung
seiner Natur nach Faehigen, Raum oder Luft in dem Gedraenge der seelischen
Vorgaenge, und erfreue sich dann fuer eine Zeitlang der Moeglichkeit freier
Entfaltung und Selbstbehauptung in dem Raume, der nach Verschwinden des
Bedeutsamen ihm allein zur Verfuegung bleibt.
IX. KAPITEL. DAS GEFUEHL DER KOMIK.
GESETZ DES LUSTGEFUEHLS.
Aus dem Vorstehenden ergiebt sich das Gefuehl der Komik nach allgemeinen
psychologischen Gesetzen. Wie wir sehen werden, ist dies Gefuehl zunaechst
Gefuehl der komischen Lust, es hat zunaechst Lustfaerbung oder, was dasselbe
sagt, es ist zunaechst eine Faerbung des Lustgefuehls. Wir fragen demnach
zweckmaessigerweise zuerst: Welches sind die allgemeinen Bedingungen des
Lustgefuehls?
Darauf lautet die Antwort: Lust entsteht, wenn ein psychisches Geschehen
in uns guenstige, also unterstuetzende, foerdernde, erleichternde
Bedingungen seines Vollzuges vorfindet.
Dieser Satz bedarf einer Erlaeuterung. Jedes Geschehen, also auch jedes
psychische Geschehen vollzieht sich, wenn und soweit die Bedingungen
seines _Eintrittes_ gegeben sind. Jedes Geschehen, also auch jedes
psychische Geschehen unterliegt den natuerlichen Bedingungen seines
Daseins.
Indessen, wenn ich hier von Bedingungen des _Vollzuges_ eines psychischen
Geschehens rede, so meine ich nicht die Bedingungen seines "Eintrittes",
sondern eben die Bedingungen seines "Vollzuges". Der "Eintritt" eines
psychischen Geschehens ist die Ausloesung desselben. Diese Ausloesung
geschieht bei Empfindungen--oder Komplexen von solchen--durch den
physiologischen Reiz; bei Vorstellungen durch den psychischen oder
reproduktiven Reiz. Will man, so kann man diesen Eintritt eines
psychischen Geschehens oder diese Ausloesung eines Empfindungs- oder
Vorstellungsvorganges auch als Akt der "Perception" bezeichnen.
Mit dieser "Perception" ist nun aber, wie wir wissen, ueber das Schicksal
des psychischen Geschehens noch nicht entschieden. Sondern es fragt sich
noch, wie weit dies psychische Geschehen, im Zusammenhang des psychischen
Geschehens ueberhaupt, zur "Geltung" kommt, sich entfaltet, welche
psychische Hoehe es erreicht, oder welches Mass von psychischer Kraft es
sich anzueignen oder zu gewinnen vermag. Darin besteht, oder darnach
bestimmt sich der "Vollzug" des psychischen Geschehens. Es ist nichts
dagegen einzuwenden, wenn man diesen Vollzug des psychischen Geschehens
mit dem oben schon einmal gebrauchten Namen "Apperception" belegen will.
Dann sind die Bedingungen des psychischen Geschehens, von denen ich rede,
Bedingungen der Apperception. Sie sind mit dem _von uns_ meistgebrauchten
Ausdruck Bedingungen der psychischen Kraftaneignung.
Aber nicht alle Bedingungen der Apperception oder Kraftaneignung kommen
hier in Frage; sondern nur diejenigen, welche das psychische Geschehen
"vorfindet". Den von dem psychischen Geschehen _vorgefundenen_
Bedingungen der Apperception stehen die in ihm selbst enthaltenen, oder
mit seiner Ausloesung oder dem Akte der Perception bereits gegebenen
entgegen. Diese also sind hier ausgeschlossen.
Was ich hiermit meine, verdeutliche ich, indem ich wiederum den Begriff
der psychischen Energie herbeiziehe.
Jedes psychische Geschehen hat, wenn es einmal "ausgeloest" ist, seine
bestimmte Energie, d. h. seinen bestimmten Grad von Faehigkeit, die
psychische Kraft zu _beanspruchen_. Es hat diese Faehigkeit, weil es eben
dieses bestimmte Geschehen ist. Um Zweideutigkeiten vorzubeugen, will ich
diese Energie, oder diesen Grad der Inanspruchnahme psychischer Kraft,
der einem psychischen Geschehen an sich zukommt,--also unabhaengig von dem
psychischen Zusammenhang, in welches das psychische Geschehen
eintritt--als _eigene Energie_ des psychischen Geschehens bezeichnen. Als
Beispiel diene die eigene Energie, welche dem Donnerschlag vermoege seiner
Lautheit zukommt.
Das Mass von psychischer Kraft, das ein psychisches Geschehen
thatsaechlich gewinnt, oder der Grad seiner Apperception, ist nun, wie
bereits betont, zunaechst abhaengig von dieser eigenen Energie. Er ist aber
andererseits abhaengig von den sonst in der Psyche gegebenen Bedingungen,
etwa von der in der "Erwartung" liegenden "Bereitschaft". Die Bedingungen
der letzteren Art koennen wir allgemein bezeichnen, und haben wir soeben
bereits bezeichnet als solche, die dem "_Zusammenhang_" angehoeren, in
welchen der einzelne psychische Vorgang sich einfuegt. Sie sind, kurz
gesagt, Bedingungen des psychischen Zusammenhanges.
Wir muessen also sagen: Lust entsteht in dem Masse, als fuer ein
psychisches Geschehen solche guenstige Bedingungen seiner Kraftaneignung
bestehen, die nicht in dem einzelnen psychischen Vorgange als solchem,
sondern irgendwie im Zusammenhang der Momente oder Faktoren des
psychischen Lebens begruendet liegen. Je mehr solche Bedingungen bestehen,
desto mehr wird ein psychisches Geschehen von uns, d. h. vom Zusammenhang
des psychischen Lebens frei "angeeignet". Wir koennen also auch diese
freie Aneignung als Grund der Lust bezeichnen. Je mehr von uns psychisch
angeeignet wird, oder je mehr psychisch geschieht, und je guenstiger
zugleich die im Zusammenhang des Ganzen gegebenen Bedingungen fuer die
Aneignung oder fuer den Vollzug des psychischen Geschehens sind, oder mit
einem anderen Ausdruck, je reicher und intensiver die psychische
"Thaetigkeit" ist, und je mehr in ihr zugleich alle Faktoren _frei
zusammenwirken_, desto groesser ist die Lust.
"QUALITATIVE UEBEREINSTIMMUNG" ALS GRUND DER LUST.
Jetzt fragt es sich aber: Wann sind Bedingungen dem Vollzug eines
psychischen Geschehens guenstig. Darauf lautet die Antwort zunaechst: Sie
sind es, wenn oder soweit zwischen ihnen und diesem Geschehen
_qualitative Uebereinstimmung_ besteht. Diese qualitative Uebereinstimmung
ist verschiedener Art. Hier muss ich mich begnuegen, sie durch einige
Beispiele zu verdeutlichen:
Es entsteht Lust aus der Folge zweier zu einander harmonischer Toene, weil
jeder den Vollzug des anderen vorbereitet oder unterstuetzt. Diese
Vorbereitung oder Unterstuetzung beruht auf der Verwandtschaft--nicht
zwischen den Toenen, diesen _Bewusstseinsinhalten_, sondern auf der
Verwandtschaft oder eigenartigen Aehnlichkeit, die zwischen den, diesen
Toenen zu Grunde liegenden psychischen _Vorgaengen_ besteht.
Es entsteht ebenso Lust aus der Wahrnehmung einer regelmaessigen
geometrischen Figur, weil die uebereinstimmenden Teile derselben
aufeinander hinweisen. Hier ist im Gegensatz zum vorigen Falle die
Uebereinstimmung oder "Aehnlichkeit" eine solche, die zugleich in den
Bewusstseinsinhalten repraesentiert ist.
Es entsteht, um noch ein drittes Beispiel anzufuehren, Lust aus der
Wahrnehmung eines edlen Entschlusses, weil in meiner eigenen sittlichen
Natur, wenn auch vielleicht in meinem sonstigen Leben praktisch
unwirksam, Triebfedern zu gleich edlen Entschluessen liegen, die durch
jene Wahrnehmung wachgerufen, dem wahrgenommenen Entschlusse
"entgegenkommen". Dies Vorbereiten, Unterstuetzen, Hinweisen,
Entgegenkommen sagt jedesmal dasselbe: Erleichterung der Aneignung
psychischer Kraft, Mitteilung derselben, Wirken als guenstige Bedingung
fuer die Entfaltung oder das Zur-Geltung-Kommen eines psychischen
Geschehens. Jedesmal beruht die Erleichterung der Aneignung psychischer
Kraft auf einer qualitativen Uebereinstimmung zwischen einem psychischen
Vorgang und von ihm vorgefundenen Bedingungen seiner Kraftaneignung.
"QUANTITATIVE VERHAELTNISSE". GEFUEHL DER "GROESSE".
Diese qualitative Uebereinstimmung ist, allgemein gesagt, eine Art des
qualitativen _Verhaeltnisses_. Diesem qualitativen Verhaeltnis steht
entgegen das quantitative Verhaeltnis, naemlich das quantitative Verhaeltnis
zwischen einem psychischen Geschehen und den von ihm vorgefundenen oder
den im psychischen Zusammenhang gegebenen Bedingungen seiner
Kraftaneignung. Auch dies quantitative Verhaeltnis hat fuer das Lustgefuehl
Bedeutung. Zugleich fuehrt uns die Betrachtung desselben weiter: In diesem
quantitativen Verhaeltnis liegt der Grund der Gefuehlsfaerbungen, die wir
mit den Namen: Gefuehl des Grossen, des Gewichtigen etc., andererseits mit
den Namen: Gefuehl des Kleinen oder des Heiteren etc. bezeichnet haben.
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