Komik und Humor by Theodor Lipps
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Jeder psychische Vorgang, so sagte ich oben, hat, nachdem er einmal
ausgeloest ist, eine bestimmte mit seiner Beschaffenheit gegebene "eigene
Energie". Er beansprucht oder fordert, als dieser bestimmte Vorgang, die
psychische Kraft energischer oder weniger energisch, oder er beansprucht
mehr oder weniger psychische Kraft.
Sei nun irgend ein Vorgang von bestimmter Energie gegeben, so fragt es
sich--nicht nur, ob der gesamte psychische Zusammenhang oder irgend ein
anderweitiger Vorgang sich qualitativ so zu ihm verhaelt, dass er faehig
ist, jenem Vorgang die psychische Kraft zu ueberlassen oder zuzuweisen,
sondern es fragt sich auch, wie viel Kraft in jenem Zusammenhang
ueberhaupt vorhanden, oder in einem solchen anderweitigen Vorgang
repraesentiert ist, und demgemaess jenem Vorgang auf dem eben bezeichneten
Wege zugewiesen werden kann, bezw. wie leicht diese Kraft _verfuegbar_
gemacht, d. h. dem, was dieselbe sonst beansprucht, entzogen werden kann.
Dabei nun bestehen drei Moeglichkeiten. Entweder dies Mass der verfuegbaren
Kraft oder dies Mass der Verfuegbarkeit der Kraft steht mit jenem Anspruch
oder jener Energie der Inanspruchnahme in einem bestimmten nicht naeher
definierbaren Verhaeltnis des Gleichgewichtes. Oder es ueberwiegt jene
Energie. Oder endlich es ueberwiegt diese Verfuegbarkeit.
Achten wir zunaechst auf die erste der beiden letzten Moeglichkeiten. Um
nicht allzu allgemein zu reden, fassen wir gleich spezieller geartete
Faelle ins Auge. Ein Objekt schliesse eine Vielheit in sich. Der
psychische Vollzug der einzelnen Elemente dieser Vielheit finde in mir
Bedingungen vor, mit denen er in qualitativer Uebereinstimmung steht.
Zugleich bilden die Elemente eine qualitative Einheit. D. h. sie
unterstuetzen sich vermoege zwischen ihnen bestehender qualitativer
Uebereinstimmung wechselseitig in der Aneignung der psychischen Kraft.
Daraus ergiebt sich eine starke Lust. Zugleich aber besitzt der
Gesamtvorgang eine erhebliche Energie der Inanspruchnahme psychischer
Kraft: Das Objekt als Ganzes draengt sich mit grosser Energie auf.
Diese Energie nun kann _beliebig_ gross gedacht werden. Dagegen ist die
Moeglichkeit, dass dem Objekt psychische Kraft von mir zugewandt werde,
beschraenkt. Meine gesamte psychische Kraft ist ja in bestimmte Grenzen
eingeschlossen. Hier kann demnach ein Uebergewicht jener Energie ueber
diese Verfuegbarkeit stattfinden. In dem Masse als dies geschieht, gewinnt
die Lust an dem Objekte den Charakter der Groesse, des Gewichtigen, des
Maechtigen, des Tiefen, des Ernstes.
Dieser Charakter wechselt und verdient bald mehr den einen bald mehr den
anderen der soeben gebrauchten Namen, je nach dem Grade jenes
Uebergewichtes, andererseits je nach der Kraft, welche die Bedingungen des
Lustgefuehles besitzen. Steigt jenes Uebergewicht, so wird das Gefuehl mehr
und mehr zu einem Gefuehl des Strengen, Uebermaechtigen, Ueberwaeltigenden.
Beispiele fuer jenes Gefuehl der Groesse sind die Gefuehle, die wir haben
angesichts des Meeres, eines gewaltigen Gebirges, einer von einem Willen
bewegten und auf ein Ziel gerichteten Menge, auch gegenueber der einzelnen
Persoenlichkeit, die alle ihre Kraft in einem grossen Gedanken
zusammenfasst. In diesen Faellen bezeichnen wir das Gefuehl auch als Gefuehl
der Erhabenheit. Fuer den besonderen Sinn der Erhabenheit verweise ich auf
S. 19[*] und auf den Anfang des vierten Abschnittes.
[* Im Unterkapitel ALLERLEI AESTHETISCHE THEORIEN. Transkriptor.]
"GROESSE" UND UNLUST.
Jenes Gefuehl des Strengen, Ueberwaeltigenden, Uebermaechtigen ist unserer
Voraussetzung nach noch Gefuehl der Lust, nur mit diesem besonderen
Charakter. Es kann aber in ihm die Lustfaerbung mehr und mehr sich mindern
und schliesslich in eine Unlustfaerbung sich verwandeln. Dies muss
geschehen, wenn wir uns die Wirkung der qualitativen Uebereinstimmung mehr
und mehr hinter der Wirkung des Uebergewichtes der Inanspruchnahme der
psychischen Kraft ueber die Verfuegbarkeit derselben zuruecktretend denken.
Hiermit ist schon gesagt, dass dies Uebergewicht an sich Grund der Unlust
ist. So muss es sein gemaess dem allgemeinen Gesetz der Unlust. Dies
gewinnen wir aus dem allgemeinen Gesetz der Lust, wenn wir an die Stelle
der Uebereinstimmung den Gegensatz oder Widerstreit treten lassen: Unlust
entsteht, wenn ein psychischer Vorgang Bedingungen vorfindet, die seinen
Vollzug oder seine Aneignung psychischer Kraft hemmen.
Auch dieser Widerstreit ist zunaechst ein qualitativer. Ein einfaches
Beispiel eines solchen qualitativen Widerstreits bieten etwa die
disharmonischen Toene. Nicht die Toene, d. h. die Inhalte unserer
Tonempfindung, wohl aber die dem Dasein derselben zu Grunde liegenden
psychischen Vorgaenge, muessen als zu einander qualitativ gegensaetzlich,
und demgemaess ihren Vollzug wechselseitig hemmend oder stoerend gedacht
werden.
Diesem qualitativen Gegensatz sieht aber gegenueber der quantitative.
Dieser faellt mit dem Uebergewicht der Inanspruchnahme psychischer Kraft
ueber die Verfuegbarkeit derselben zusammen. In dem Masse als dies
Uebergewicht besteht, vollzieht sich die Aneignung der Kraft zwangsweise,
unter Hemmungen. Der Vollzug des Vorgangs ist eine an uns gestellte
Zumutung, und wird schliesslich zur unlustvollen Vergewaltigung.
Darnach kann von dem Gefuehl der lustvollen Groesse, oder des lustvoll
Gewaltigen, des Erhabenen etc. in gewissem Sinn gesagt werden, dass in
dasselbe Lust und Unlust als Faktoren eingehen. Nicht in dem Sinne, dass
in diesem Gefuehl die _Gefuehle_ der Lust und Unlust sich verbinden, wohl
aber in dem Sinne, dass _Bedingungen_ der Lust und Bedingungen der Unlust
zur Erzeugung eines neuen Gefuehles, naemlich eben des eigenartigen
Gefuehles der lustvollen Groesse _zusammenwirken_.
So koennen ueberhaupt in mannigfacher Weise Bedingungen der Lust und der
Unlust zur Erzeugung eines neuen Gefuehles sich vereinigen. Insbesondere
haben Bedingungen der Unlust, die mit Bedingungen der Lust sich
vereinigen, nicht etwa ohne weiteres die Bedeutung einer Verringerung der
Lust. Vielmehr besteht ihre Bedeutung unter bestimmten Voraussetzungen
immer darin, der Lust einen anderen Charakter, vor allem mehr
Eindringlichkeit, groessere Tiefe, mehr Gehalt zu verleihen.
Diese Voraussetzungen koennen hier nicht allgemein untersucht werden. Die
Psychologie hat natuerlich die Aufgabe, sie zu untersuchen. Diese Aufgabe
gehoert aber leider zu den vielen wichtigsten Aufgaben, die die
Psychologie jetzt zu ihrem Schaden vernachlaessigt.
Nur dies ist uns in dem gegenwaertigen Zusammenhange wichtig, dass die
Bedingungen der Unlust, soweit sie in jenem quantitativen Gegensatz oder
jenem Uebergewicht der Inanspruchnahme psychischer Kraft ueber die
Verfuegbarkeit derselben bestehen, zusammen mit den in der qualitativen
Uebereinstimmung gegebenen Bedingungen der Lust jenes Gefuehl der bald mehr
lustvollen, bald mehr unlustvollen _Groesse_ bedingen.
Und wenn nun zum qualitativen _Gegensatz_ dieser quantitative Gegensatz
tritt? Dann steigert sich nach dem allgemeinen Gesetz der Unlust die
Unlust. Zugleich gewinnt auch diese Unlust eine Art der Groesse, nur eben
der unlustvollen Groesse; auch die Unlust gewinnt Schwere,
Eindringlichkeit, Tiefe. Es ist etwas _qualitativ_ Anderes um das Gefuehl
der Unlust, wenn ich von allerlei Kleinigkeiten geaergert, von
fortgesetzten "Nadelstichen" gepeinigt, von einer aus dem Wechsel
einander entgegengesetzter Antriebe fliessenden inneren Unruhe gefoltert
bin, als wenn ein grosses Unglueck, ein einziges bitteres Leid, ein tiefer
Schmerz mich in Anspruch nimmt.
Dabei ist freilich zu bedenken, dass nichts mich innerlich ganz in
Anspruch nehmen kann, ohne mein Wesen in Eines zusammenzufassen, und dass
solche innere Vereinheitlichung an sich betrachtet wiederum ein
lusterzeugendes Moment ist. Steigert sich dies, so naehert sich das
fragliche Gefuehl dem lustgefaerbten Gefuehl der Groesse. Es geht, wenn
weitere lusterzeugende Momente hinzutreten, stetig in dies Gefuehl ueber,
ebenso wie wir vorhin dies Gefuehl in jenes stetig uebergehen sahen. Doch
kann auch hierauf in diesem Zusammenhang nicht im Einzelnen eingegangen
werden. Es waere dazu eine vollkommen sichere Analyse der einzelnen Faelle
erforderlich.
GEFUEHL DES "HEITEREN".
Setzen wir jetzt den umgekehrten Fall, d. h. nehmen wir an, es ueberwiege
das Mass der verfuegbaren psychischen Kraft, oder es ueberwiege das Mass
ihrer Verfuegbarkeit, ueber die Energie, mit der Objekte diese Kraft in
Anspruch nehmen. Dann gewinnen wir das entgegengesetzte Bild.
Was uns in einem Augenblick beschaeftigt, sei an sich, weil es mit den
Bedingungen seines psychischen Vollzuges in qualitativer Uebereinstimmung
steht, Gegenstand der Lust, aber es vermoege seiner Natur nach uns nur
wenig in Anspruch zu nehmen. Zugleich seien wir innerlich frei genug, um
uns ihm mit unserer ganzen Kraft zuzuwenden. Dann geschieht jener
psychische Vollzug spielend. Daraus ergiebt sich ein Zuwachs von Lust.
Auch dieser Ueberschuss von verfuegbarer Kraft ist ja eine guenstige
Bedingung fuer den psychischen Vollzug oder die Kraftaneignung der
Objekte. Auch damit ist eine Art der Uebereinstimmung psychischer Vorgaenge
mit den Bedingungen ihrer Kraftaneignung gegeben; nicht eine qualitative,
sondern eine quantitative Uebereinstimmung. Zugleich aber gewinnt das
Gefuehl der Lust einen neuen Charakter, naemlich den Charakter des
Leichten, des Heiteren, des "Spielenden". Das Spiel der Kinder ist eine
solche Art der psychischen Bethaetigung.
Wiederum gewinnt auch das an sich Unlustvolle einen _gleichartigen_
Charakter, wenn die gleichen Bedingungen gegeben sind. Auch mit kleinen
Widerwaertigkeiten koennen wir innerlich spielen. Voraussetzung ist, dass
sie--nicht nur an sich, sondern fuer uns _kleine_ Widerwaertigkeiten sind,
d. h. als solche sich uns darstellen und auf uns wirken, dass sie also
nicht heftig sich aufdraengen; andererseits dass wir in der Verfassung
sind, sie frei aufzufassen und in ihrer Kleinheit hell zu beleuchten,
dass wir ihnen gegenueber moeglichst wenig passiv und in moeglichst hohem
Grade aktiv, moeglichst wenig von ihnen affiziert und in moeglichst hohem
Grade ihnen gegenueber ueberlegen oder souveraen sind, oder mit einem Worte,
dass wir ihnen mit "Humor" gegenueberstehen. Mit allen diesen Ausdruecken
ist immer dasselbe bezeichnet, naemlich das Uebergewicht der verfuegbaren
psychischen Kraft oder der Verfuegbarkeit dieser Kraft ueber die Energie,
mit der das Objekt von sich aus diese Kraft beansprucht. Die
"Souveraenitaet", von der ich hier rede, oder die "geistige Freiheit", von
der ich vorhin sprach, das ist eben diese relativ hohe Verfuegbarkeit der
psychischen Kraft. Je groesser sie ist, desto anspruchsvoller oder
aufdringlicher kann die Widerwaertigkeit ihrer Natur nach sein, und
trotzdem die Betrachtung der Unannehmlichkeit fuer uns zum Spiel werden,
oder was dasselbe sagt, Gegenstand einer Unlust sein, die einen Charakter
des "Heiteren" an sich traegt.
Was diesem Charakter des Heiteren oder diesem unserem "Leichtnehmen" zu
Grunde liegt, ist nach vorhin Gesagtem an sich Grund der Lust. So wirken
also auch hier wiederum, wie beim Gefuehl der lustvollen Groesse, nur in
umgekehrter Weise, Bedingungen der Lust und der Unlust zusammen. Und
wiederum ergiebt sich daraus ein Neues, naemlich eben dies Gefuehl, das wir
soeben als Gefuehl des Heiteren oder des Leichtnehmens bezeichnet
haben.--Auch Schmerzen koennen in solcher leichten Weise uns anmuten, wenn
wir die noetige "geistige Freiheit" haben.
DAS UEBERRASCHEND GROSSE.
Lassen wir in Gedanken diese geistige Freiheit sich steigern und die
Energie, mit der die Unannehmlichkeit uns affiziert, sich mindern, so
geht dies Gefuehl der heiteren oder leichtgenommenen Unlust in ein
lustbetontes Gefuehl der Heiterkeit ueber: Die kleine Widerwaertigkeit oder
der geringe Schmerz "belustigt" uns oder wird Gegenstand eines Gefuehles
der "Heiterkeit" in dem gewoehnlichen Sinne des Wortes.
Eine besondere Steigerung jener geistigen Freiheit nun, andererseits
ebensowohl eine Minderung derselben, also eine Mehrung des Uebergewichtes
der Energie der Inanspruchnahme psychischer Kraft ueber die Verfuegbarkeit
derselben, ergiebt sich uns, wenn wir wiederum den Begriff der Erwartung,
oder das, was in diesem Begriff fuer uns eingeschlossen war, hinzunehmen.
Ich machte vorhin, als vom Gefuehl der Groesse die Rede war, und ebenso
jetzt eben, beim Gefuehl des Heiteren oder des Spieles, nicht die
Voraussetzung, dass das "Grosse" oder das heiter Anmutende einer
Erwartung widerspreche. Ich redete von dem Grossen, das ein Gefuehl der
Groesse erweckt, auch wenn eben dies Grosse erwartet wird. Man erinnere
sich wiederum an das Meer, oder an das gewaltige Gebirge. Ebenso war mit
dem minder Aufdringlichen oder mit minderer psychischer Energie Begabten,
das leicht oder heiter genommen wird, ein solches gemeint, das diesen
Charakter besitzt, auch wenn nichts Anderes, vor allem nichts Grosses an
seiner Stelle erwartet wird.
Nehmen wir jetzt die Erwartung hinzu, so haben wir eine neue und
wesentliche Bedingung fuer jede der beiden Gefuehlswirkungen.
Der Einfachheit halber fassen wir hier die Erwartung im positiven Sinne,
also als Erwartung eines Bedeutungs- oder Eindrucksvollen. Dann mindert
die Erwartung das Gefuehl der Groesse. Umgekehrt laesst der Mangel einer
solchen Erwartung auch dem minder Grossen gegenueber einen gesteigerten
Eindruck der Groesse entstehen: Wir sind ueberrascht, wir erstaunen; es
wird dasjenige zum Ueberwaeltigenden, was dann, wenn es erwartet worden
waere, vielleicht zwar auch noch als gross erschienen waere, aber keine
ueberwaeltigende Wirkung geuebt haette. Erwartung ist eben, wie wir schon
sahen, eine besondere Weise psychische Kraft fuer das Erwartete zur
_Verfuegung_ zu stellen. Damit wird das Uebergewicht der Energie des
Erwarteten ueber die Verfuegbarkeit der psychischen Kraft vermindert. Und
darauf beruht ja, wie wir wissen, das Gefuehl der Groesse.
Je groesser aber, abgesehen von der Erwartung, jenes Uebergewicht ist, d.
h. je mehr das Erwartete ein Grosses ist, desto staerker muss die in der
Erwartung liegende Vorbereitung sein, wenn dem Gefuehl der Lust, bezw. der
Unlust sein Charakter des Grossen, Ueberwaeltigenden, Erstaunlichen genommen
werden soll. Das Grosse sei etwa wiederum ein maechtig vor mir
aufsteigendes Gebirge. Dann bedarf es eines entschiedeneren
Vorbereitetseins, wenn das Gefuehl des Staunens unterbleiben soll, als
wenn es sich um einen Gegenstand von minderer Maechtigkeit handelte.
Gleiches gilt von dem _unerfreulichen_, aber maechtig auf mich
eindringenden Getoese. Bin ich auf dies durch entsprechende Erwartung
entschieden vorbereitet, so bleibt es zwar fuer mich unlustvoll. Aber es
verliert sein Gepraege des momentan Ueberwaeltigenden.
Wir erfreuen uns aber des Grades der Bereitschaft, wie er zur Aufhebung
dieses Gefuehlscharakters erforderlich ist, um so sicherer, je mehr wir
gleichartige Objekte von eben solcher oder groesserer Aufdringlichkeit oder
Energie der Inanspruchnahme psychischer Kraft erwarten. Die Bereitschaft
zur Auffassung oder zum psychischen "Vollzug" eines Bedeutungsvollen oder
Grossen ist zugleich eine Bereitschaft in entsprechendem _Grade_. Dies
muss so sein nach dem, was wir als das Wesen der Erwartung kennen gelernt
haben. Diese besteht in der seelische Kraft aneignenden und fuer das
Erwartete verfuegbar machenden Wirksamkeit der Vorstellung des Erwarteten,
einschliesslich der Gedanken, die mit dem Erwarteten sich verknuepfen, und
ihm fuer uns Bedeutung und Interesse verleihen. Je bedeutungsvoller aber
das Erwartete an sich ist, und je bedeutungsvolleren Inhalt diese
Gedanken haben, um so staerker muss nach unserem Begriff des
"Bedeutungsvollen" jene Kraft aneignende und Kraft zur Verfuegung
stellende Wirksamkeit sich erweisen.
Wir koennen also, was uns die Betrachtung der Gefuehlswirkung des
erwarteten und des nicht erwarteten gewaltigen Gebirges, bezw.
ueberwaeltigenden Getoeses lehrt, auch so ausdruecken, dass wir sagen: Je
Groesseres erwartet wird, um so mehr mindert sich das Gefuehl der Groesse,
das wir angesichts des durch die Erwartung vorbereiteten Objektes haben.
DAS UEBERRASCHEND KLEINE. DIE KOMIK.
Nehmen wir jetzt an, das durch die Erwartung vorbereitete Objekt sei ein
Kleines oder relativ Nichtiges, dann muss dies Kleine, in dem Masse als es
durch die Erwartung eines Grossen vorbereitet ist, nicht nur ein minderes
Gefuehl der Groesse, sondern ein staerkeres Gefuehl der Kleinheit erzeugen.
Oder: Ist ein groesseres Objekt um so mehr Gegenstand des Gefuehls der
Groesse, je weniger wir auf die Erfassung eines Grossen vorbereitet sind,
so muss das Kleine um so mehr Gegenstand des Gefuehles des Heiteren sein,
je mehr eine solche Vorbereitung stattgefunden hat. Die Erwartung eines
Grossen schliesst hier ein um so groesseres _Uebergewicht_ der verfuegbaren
psychischen _Kraft_ ueber die Energie der _Inanspruchnahme_ derselben in
sich, je groesser das Grosse, zugleich je kleiner oder nichtiger das
Kleine ist. Auf diesem Uebergewicht aber beruhte uns das Gefuehl des
Heiteren. Das _besondere_ Uebergewicht aber, das unter der hier
bezeichneten Voraussetzung stattfindet, laesst das Gefuehl des Heiteren,
das wir vorhin auch schon dann eintreten sahen, wenn diese besondere
Voraussetzung nicht gegeben war, zu dem ausgesprochenen Gefuehl des
Heiteren werden, das wir als Gefuehl der Komik bezeichnen.
Das Gleiche, was durch die Erwartung des Grossen bedingt wird, wird auch
zuwege gebracht, wenn _Dasselbe_ erst bedeutungsvoll, dann nichtig
erscheint. Es besitzt, als Bedeutungsvolles, sein erhebliches Mass
psychischer Kraft; und diese verbleibt ihm, wenn es ein Nichtiges
geworden ist. Wir sahen freilich, dass diese beiden Faelle nicht
grundsaetzlich verschieden sind. Auch in jenem Falle kann gesagt werden,
es erscheine Dasselbe erst bedeutungsvoll dann nichtig. Und auch in
diesem Falle kann von einer "Erwartung" eines Bedeutungsvollen gesprochen
werden.
Hiermit ist das Gefuehl der Komik verstaendlich geworden. Nicht jedes
beliebige Gefuehl der Komik, sondern das Gefuehl der Komik im allgemeinen.
Zugleich leuchtet ein, warum dasselbe zunaechst als Gefuehl komischer Lust
sich darstellen muss. Wir sahen ja: Das Uebergewicht der Verfuegbarkeit der
psychischen Kraft ueber die Inanspruchnahme derselben ist Grund der Lust
und laesst _zugleich_ dies Gefuehl den Charakter des Heiteren, Leichten,
Spielenden gewinnen.
Ist es erlaubt, fuer den Grund der Entstehung dieses Gefuehles schliesslich
noch ein verdeutlichendes Bild zu gebrauchen, so denke man sich, jemand
erwarte und sei geruestet auf den Besuch einer aus mehreren Koepfen
bestehenden Familie, habe also den Raum, und was sonst erforderlich ist,
verfuegbar gemacht. Kommt nun statt der erwarteten eine groessere Anzahl
von Gaesten, so werden diese die Insassen des Hauses beengen und sich
selbst beengt fuehlen. Kommt dagegen nur ein einziger, so wird dieser
freier sich entfalten und bequemer sich ausbreiten koennen, als wenn auf
ihn allein gerechnet worden waere. Oder nehmen wir an, es sei ueberhaupt
niemand angekuendigt, die ans mehreren Koepfen bestehende Familie sei aber
gekommen und habe den Hausherrn genoetigt, wohl oder uebel, den fuer sie
erforderlichen Platz zu schaffen; dann seien alle bis auf einen wieder
abgereist; so wird wiederum der Zurueckbleibende, so lange bis die alte
Ordnung wieder hergestellt ist, sich freier ausbreiten koennen, als wenn
er von vornherein der einzige Gast gewesen waere.
Aehnlich nun, wie jenem, an Stelle der angekuendigten Familie
eingetroffenen Gaste, ergeht es in uns der Wahrnehmung des kleinen
Haeuschens, das an Stelle des Palastes tritt. Der Wahrnehmungsvorgang
breitet sich in der Seele leicht und ungehemmt aus, und ist darum
Gegenstand einer, zugleich lustbetonten Komik. Und aehnlich, wie diesem
allein uebrig gebliebenen Gaste, ergeht es der schwarzen Hautfarbe des
Negers, dem Spiel mit Worten, der naiven Aeusserung oder Handlung, nachdem
der Gedanke an ihre Bedeutung zurueckgetreten ist. Auch diese Inhalte
vermoegen leicht und muehelos, "spielend", sich in uns zur Geltung zu
bringen.
Diese spielende Entfaltung des relativen Nichts unterbricht und loest die
Spannung, welche die Erwartung oder der Schein des Bedeutungsvollen
erzeugte. Insofern hat _Kant_ Recht, wenn er die Komik als die "Aufloesung
einer Spannung" in Nichts bezeichnet. Das relative Nichts erlangt, indem
es sich entfaltet, in unserem Bewusstsein momentan die Herrschaft. In
diesem Sinne kann das "vive la bagatelle" _Jean Paul_'s zur Devise, nicht
nur des Humors, sondern aller Komik gemacht werden.
X. KAPITEL. DAS GANZE DES KOMISCHEN AFFEKTES.
UMFANG UND ERNEUERUNG DER KOMISCHEN VORSTELLUNGSBEWEGUNG.
Ich habe im Vorstehenden das Gefuehl der Komik bezeichnet, und den
Prozess, durch welchen dasselbe entsteht, dargelegt. Damit ist doch noch
kein vollstaendiges Bild gegeben vom psychologischen Thatbestande der
Komik.
Zunaechst ist die komische Vorstellungsbewegung umfassender, als bisher
ausdruecklich gesagt wurde. Wir nannten komisch die geringfuegige Leistung
nach grossen Versprechungen. Aber nicht nur die geringfuegige Leistung
schrumpft in nichts zusammen, wenn sie als das, was sie ist, betrachtet
wird. Auch die Versprechungen, nicht minder die Person dessen, der sie
gab, wird in diese Vernichtung hineingezogen. Die Leistung erhob den
Anspruch grosse Versprechungen zu erfuellen. Jetzt ist sie dieses
Anspruches verlustig. Gleicherweise erhoben die Versprechungen den
Anspruch Ankuendigung oder Buergschaft grosser Leistungen zu sein, die
Person erhob den Anspruch der Zuverlaessigkeit und der Faehigkeit zur
Verwirklichung der versprochenen Leistungen. Jetzt sind die
Versprechungen leer, der Versprechende ist ein eitler Grosssprecher.
Schliesslich werden auch solche komisch, die auf die Versprechungen etwas
gaben, darunter wir selbst.
Indessen wichtiger ist mir hier ein zweiter Punkt. Zunaechst dieser: Je
hoeher die Erwartung gespannt ist, oder je mehr das Nichtige zuerst als
ein Bedeutungsvolles erschien, um so mehr war im Anfang der komischen
Vorstellungsbewegung unsere Aufmerksamkeit von der Erwartung oder der
scheinbaren Groesse des Nichtigen in Anspruch genommen, um so staerker
ist dann die Entladung. Ich achtete nur auf das zu Erwartende oder auf
das scheinbar Grosse; jetzt hat in mir neben dem Nichtigen wiederum
allerlei Platz, das vorher verdraengt war. Die komische Enttaeuschung
bringt mich "zu mir"; meine Aufmerksamkeit geht wiederum ueber den
Vorstellungszusammenhang, dem das komische Erlebnis angehoert, hinaus zu
solchem, das zu ihm keine Beziehung hat.
Doch das eigentlich Wichtige, das ich hier meine, besteht nicht sowohl
darin, dass dies geschieht, als vielmehr darin, dass solches Hinausgehen
ueber den komischen Vorstellungszusammenhang nicht in dem Masse und nicht
so unmittelbar stattfindet, wie man erwarten koennte.
Dem komischen Objekt ist mehr psychische Kraft zu teil geworden, als es
beansprucht, also auch mehr als es festzuhalten vermag. Die Energie der
Festhaltung ist ja dieselbe wie die Energie der Beanspruchung. Es scheint
also die psychische Kraft leicht von dem komischen Objekt sich wieder
loesen zu muessen. Beliebiges Andere scheint dieselbe leicht aneignen zu
muessen. Die Komik scheint nur ein momentanes Dasein haben zu koennen.
Dies ist in der That nicht der Fall. Wir bleiben eine Zeitlang in der
komischen Vorstellungsbewegung. Wir bleiben darin, um sie zu wiederholen.
Dies verstehen wir, wenn wir uns wiederum der psychischen Stauung
erinnern, die bedingt ist durch den Charakter des Unerwarteten, Neuen,
Seltsamen, Raetselhaften, das dem Komischen anhaftet. Dadurch ist die
Bruecke zwischen dem Komischen, und dem, was jenseits desselben liegt,
abgebrochen. Der "Abfluss" der Vorstellungsbewegung ist gehemmt, der
komische Vorstellungszusammenhang ist psychisch relativ isoliert.
Darum hat doch der Umstand, dass das komisch gewordene Nichtige
geringe eigene Energie der Aneignung psychischer Kraft, also
auch geringe Faehigkeit der Festhaltung derselben besitzt, seine
Wirkung. Nur bleibt diese Wirkung zunaechst innerhalb des komischen
Vorstellungszusammenhanges. Die psychische Kraft "fliesst" in der That
von dem Nichtigen "ab"--wenn es erlaubt ist auch hier diesen bildlichen
Ausdruck zu gebrauchen, dessen erfahrungsgemaesser Sinn zur Genuege
deutlich gemacht worden ist--, aber sie fliesst ab auf das Grosse und zur
Aneignung psychischer Kraft Faehige, das unmittelbar mit dem Nichtigen
zusammenhaengt, das heisst, sie fliesst zurueck zu dem Erwarteten, an
dessen Stelle das Nichtige getreten ist, beziehungsweise zu dem, was das
Nichtige zuerst als ein Grosses erscheinen liess.
RUECKLAEUFIGE WIRKUNG DER PSYCHISCHEN "STAUUNG".
Damit sind wir einer psychischen Thatsache begegnet, die bei jeder
psychischen "Stauung" in groesserem oder geringerem Masse stattfindet, und
eine ebenso grosse und umfassende psychologische Bedeutung besitzt, wie
die Stauung selbst. Es ist die Thatsache, auf der all unser zweckmaessiges
Thun beruht, das heisst im letzten Grunde, all unser Thun im Gegensatz
zum blossen Geschehen in uns, jedes Nachdenken, jede praktische oder
theoretische Ueberlegung, jede Wahl von Mitteln zu einem Zweck u. s. w.
Wir koennen auch sagen: Es ist die Thatsache, in welcher alles solche Thun
_besteht_.
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