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Komik und Humor by Theodor Lipps

T >> Theodor Lipps >> Komik und Humor

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Alles "Sich nicht Erinnern", jeder Zweifel, jede Ungewissheit, alles
Nichthaben dessen, worauf wir innerlich gerichtet sind, oder worauf eine
psychische Bewegung ihrer Natur nach abzielt, ist eine Unterbrechung
eines naturgemaessen Ablaufs oder Verlaufs eines psychischen Geschehens.
Eines naturgemaessen, das heisst eines solchen, wie er sich ergaebe, wenn
die in dem Geschehen wirksamen Bedingungen frei sich verwirklichen
koennten. Jeder der bezeichneten Thatbestaende schliesst also die
Bedingungen einer "Stauung" in sich. Wir koennten statt dessen mit dem
oben gebrauchten Ausdruck auch sagen: Jeder solche psychische Thatbestand
involviert eine "Verblueffung". Alles sich Besinnen, alles Fragen "Wie"
oder "Was ist dies", alles Ueberlegen, alles nicht, oder nicht sofort sich
verwirklichende Wollen ist zunaechst ein Stehenbleiben der psychischen
Bewegung an der Stelle, wo diese Bewegung nicht in ihrer natuerlichen Bahn
weiter kann. Es ist dann weiterhin ein sich Ausbreiten und sich
Rueckwaertswenden der psychischen Bewegung oder des "Stromes" des
psychischen Geschehens.

Wir besinnen uns auf einen Namen, das heisst: wir bleiben innerlich vor
dem Namen stehen, wir wenden uns dann zurueck zu der Person, die den Namen
traegt, zur Gelegenheit, wo wir den Namen hoerten u. s. w. Alle diese
Momente gewinnen erneute Kraft, und damit erneute und gesteigerte
Faehigkeit der Reproduktion. Sie gewinnen diese Kraft, einfach darum, weil
die Kraft vorhanden und vermoege der Stauung an diesen bestimmten Punkt,
die Vorstellung "Name dieser bestimmten Person", gebannt ist, und weil
ihnen, an sich und vermoege ihres unmittelbaren Zusammenhanges mit dieser
Vorstellung, die Faehigkeit eignet, sich diese zwangsweise zur Verfuegung
gestellte Kraft anzueignen, beziehungsweise sie festzuhalten. Vielleicht
gelingt auf Grund dieser Kraftaneignung und der damit gewonnenen erhoehten
Faehigkeit des Reproduzierens die Reproduktion des Namens. Dann ist, durch
die Stauung und ihre natuerlichen Folgen, das Hindernis hinweggeraeumt, und
die psychische Bewegung geht ueber den Namen oder durch denselben
hindurch, weiter.

Oder: Wir erleben es, dass auf ein A, dem in frueherer Erfahrung ein B
folgte, jetzt ein, das B ausschliessendes B1[*] folgt, und "suchen" die
"Erklaerung". Waere auf das A niemals das B, sondern auch sonst jedesmal
das B1, gefolgt, so gingen wir von A ueber B1 beruhigt weiter. Diesen
Fortgang hindert das B, oder der Widerspruch zwischen ihm und dem B1.
Darum bleiben wir vor dem B1. Wir unterliegen einer Stauung; wir erleben
eine "Verblueffung", oder erleben die "Verwunderung", die der Anfang aller
Weisheit ist.

[* Ordnungszahl hier und ff. im Original tiefgestellt. Transkriptor.]

Dann gehen wir von B1 zurueck zu A. Das A, von dem wir ausgegangen waren,
tritt in den Blickpunkt des Bewusstseins. Ohne die Stauung waere es
Durchgangspunkt der psychischen Bewegung. Jetzt ist es Haltpunkt
derselben. Es wird von der gestauten psychischen Bewegung emporgehoben.
Das A ist merkwuerdig, interessant, nicht an sich, sondern sofern es
jetzt, gegen fruehere Erfahrung, nicht ein B, sondern ein B1 nach sich
zieht.

Dies ist der Ausgangspunkt des "Suchens" nach der Erklaerung. Aber dies
emporgehobene A hat nun--ebenso wie vorhin die Vorstellung des Traegers
des gesuchten Namens und die Vorstellung der Gelegenheit, bei welcher der
Name gehoert wurde--, eine seiner "psychischen Hoehe" entsprechende
Faehigkeit des Reproduzierens. Es hat in gleichem Grade die Faehigkeit, die
"Aufmerksamkeit" auf solche Momente zu lenken, die dem A, so wie es in
der Wahrnehmung sich darstellt, anhaften, vorher aber uebersehen wurden.

In der Wirksamkeit jener oder dieser Faehigkeit nun _besteht_ jenes
Suchen. Vielleicht tritt vermoege derselben an dem A jetzt ein Moment
hervor, das es zu einem A1 macht. Dann ist der Widerspruch geloest. Nicht
das A1, sondern das A war es ja, das mir auf Grund vorangegangener
Erfahrungen das B aufnoetigte. An die Stelle des A ist jetzt A1 getreten.
Von diesem kann ich also, ohne durch vergangene Erfahrungen daran
gehindert zu sein, zu B1, und durch B1 hindurch zu irgend welchen
sonstigen Gedankeninhalten weitergehen. Die Verbindung A1 B1 ist keine
verwunderliche Thatsache mehr, sondern einfach eine Thatsache, wie
tausend andere. Wir haben die "Erklaerung".

Zugleich geben wir--nebenbei bemerkt--dem Erklaerenden oder den
Widerspruch Loesenden einen besonderen Namen. Wir bezeichnen A1, oder den
Umstand, dass A1 nicht A, sondern A1 ist, als Ursache des B1 oder als
Ursache des Umstandes, dass B, nicht B, sondern B1 ist.

Oder weiter: Wir wollen, dass ein B sei, das heisst: es liegen in der
Natur unseres Vorstellungsverlaufes die Bedingungen fuer das
Zustandekommen des Urteils, dass B sei oder sein werde. Aber wir sehen, B
ist nicht. Wiederum bleiben wir vor dieser Thatsache stehen; wir bleiben
stehen vor dem vorgestellten aber nicht wirklichen B. Und wiederum
ergiebt sich daraus die Rueckwaertswendung der psychischen Bewegung. Und
diese kann auch hier die Hemmung beseitigen. Die rueckwaerts gewendete
Bewegung gelangt zu einem A, das erfahrungsgemaesse Bedingung der
Wirklichkeit des B ist. Sie erfasst die Vorstellung des A, und rueckt sie
in den Mittelpunkt des Bewusstseins. Das heisst: die Vorstellung des
"Zweckes" zwingt mich zurueck zur Vorstellung des "Mittels"; das Streben
nach dem Zweck wird zum Streben nach dem Mittel. Vielleicht fuehrt dies
zur Verwirklichung des Mittels. Dann verwirklicht sich auch der Zweck,
und die gehemmte Vorstellungsbewegung geht ihren Weg weiter.

Wir koennten dies alles in ein Gesetz zusammenfassen, das in einem Gesetz
der "teleologischen Mechanik" des koerperlichen Lebens sein Gegenstueck
haette: Hemmungen des psychischen Lebensablaufes ergeben aus sich eine
psychische Bewegung, in deren Natur es liegt, auf die Beseitigung der
Hemmung hinzuwirken. Wir koennten dies Gesetz bezeichnen als das Gesetz
der Selbstkorrektur psychischer Hemmungen. In der Verwirklichung
desselben besteht unsere Zweckthaetigkeit.

Ich rede hiervon in diesem Zusammenhang nicht genauer, sondern verweise
fuer eine etwas naehere--obgleich keineswegs genuegende--Ausfuehrung auf mein
mehrfach citiertes psychologisches Werk. Es ist zu bedauern, dass auch
das hier angedeutete Problem von der heutigen Psychologie uebersehen zu
werden pflegt. Freilich, vor Baeumen den Wald nicht zu sehen, dies ist
vielfach die eigentliche Signatur der Psychologie unserer Tage.


HIN- UND HERGEHEN DER KOMISCHEN VORSTELLUNGSBEWEGUNG.

Hier liegt uns nur an der komischen Vorstellungsbewegung. Bei dieser aber
gilt dasselbe Gesetz. Auch das komische Erlebnis schliesst eine
psychische Hemmung, also eine Stauung in sich. Auch hier ergiebt sich
daraus eine Rueckwaertsbeweguug. Wie schon gesagt, ist das naechste Ziel
derselben das "Grosse", oder das, was das Nichtige als gross erscheinen
liess. Jemehr es im Vergleich mit dem Nichtigen ein Grosses, also zur
Aneignung der psychischen Kraft Befaehigtes, und je enger der Zusammenhang
zwischen ihm und dem Nichtigen ist oder jemehr zwischen beiden Identitaet
besteht, umso sicherer muss die Rueckwaertsbewegung erfolgen. Das heisst,
sie muss umso sicherer erfolgen, je ausgesprochener die Komik ist.

So fuehrt uns die nichtige Leistung, die auf die grossen Versprechungen
gefolgt ist, wiederum zurueck zu den grossen Versprechungen. Der
gewichtige Sinn der Worte, der hohe Anspruch der darin liegt, tritt uns
jetzt erst recht deutlich vor Augen. Dann fordern wir auch von neuem die
grosse Leistung. Es besteht ja noch immer der erfahrungsgemaesse Weg,
der vom Versprechen zur Leistung fuehrt. Die vorgestellte Leistung
zergeht wiederum in nichts. Kurz, es wiederholt sich die ganze
Vorstellungsbewegung. Und sie kann sich aus dem gleichen Grunde mehrmals
wiederholen, wenn auch in bestaendig abnehmendem Grade.

Das Ergebnis ist ein Hin- und Hergehen und sich Erneuern der
Vorstellungsbewegung, das dauert, bis die Bewegung in sich selbst ihr
natuerliches Ende findet, oder durch neu eintretende ernstere
Wahrnehmungs- oder Gedankeninhalte gewaltsam aufgehoben wird. Der ganze
Vorgang ist naturgemaess begleitet von einem entsprechenden, jetzt
nachlassenden, jetzt sich wieder erneuernden Gefuehl der komischen Lust.

Wie weit dies Bild der Wirklichkeit entspricht, haengt nun freilich,
abgesehen von stoerenden _fremden_ Vorstellungsinhalten, von mancherlei
Umstaenden ab. Vor allem von der Intensitaet, die der ganzen Bewegung von
vornherein eignet, von der Menge dessen, was vom Schicksal, in nichts zu
zerrinnen, erreicht werden kann, von der Ungestoertheit durch ernstere
Gedankeninhalte, die in dem komischen Vorstellungszusammenhange selbst
sich ergeben moegen.

Doch wird man das Bild in der Erfahrung leicht wiedererkennen. Ich sitze
im Theater, und sehe auf der Buehne gewaltige Leidenschaften in gewaltigen
Worten und Thaten sich Luft machen. Ploetzlich faellt eine Kulisse den
Schauspielern ueber den Kopf. Die Kulisse stellte einen Palast vor, jetzt
ist sie in ihr kulissenhaftes Nichts zurueckgesunken. Zugleich ist alle
sonstige Illusion zerstoert. Die Worte, die Personen sind oder bedeuten
nicht mehr, was sie waren oder bedeuteten. Ich lebe nicht mehr in der
idealen Welt des Dargestellten, sondern bin in die wirkliche Welt
zurueckgeschleudert. Ich "komme zu mir", sehe meine Umgebung, sehe und
fuehle mich wiederum auf meinem Platze sitzen u. s. w. Und alles dies ist
getaucht in die Stimmung der komischen Lust. Ein leichter und ungehemmter
Wellenschlag seelischer Bewegung, bald dies bald jenes leicht emporhebend
und ins helle Licht des Bewusstseins setzend, so stellt sich mir mein
inneres Geschehen dar, waehrend vorher ernste Gedanken, gravitaetisch
einherschreitend und sich draengend, mein Inneres erfuellt hatten.

Jene Leichtigkeit und Ungehemmtheit verraet sich im Gefuehl komischer Lust
oder lustbetonter Komik, wie das Draengen der ernsten Gedanken in dem
Gefuehl des Ernstes und der Spannung sich kundgegeben hatte.

Doch auch hier ist, uebereinstimmend mit dem oben Gesagten, dies
Zurueckgeschleudertwerden in die wirkliche Welt nicht das
Charakteristische des Vorgangs der Komik. Ich bin nicht sofort oder ich
bin nur halb in der wirklichen Welt. Zunaechst bin ich in der Welt des
komischen Geschehens festgehalten. Der "Wellenschlag" erneuert sich. Das
den Ernst so jaeh vernichtende Missgeschick weist mich auf den Ernst
zurueck. Es ersteht wiederum vor mir das Pathos der Situation. Dies
zergeht von neuem etc.; bis endlich das Interesse am komischen Vorgang in
sich selbst erlahmt, oder der Fortgang des Stueckes mich wiederum in
ernste Gedanken hineinzieht.

Dies Beispiel gehoert, ebenso wie das vorige, der objektiven Komik an. In
anderen Faellen, vor allem solchen der witzigen oder naiven Komik kann das
Bild der komischen Vorstellungsbewegung ein weniger umfassendes sein. Es
ist darum doch prinzipiell dasselbe. Beim einfachen, niemand
abfertigenden Wortspiel, das ich nur lese, das mir also in voller
Unpersoenlichkeit entgegentritt, ist der Vorstellungszusammenhang ein
engerer und abgeschlossenerer. Umso sicherer geht mein Blick nach
rueckwaerts: Er kehrt zurueck zu den Momenten, die den Worten ihre logische
Kraft verliehen. Diese Momente kommen also wiederum zur Wirkung, und der
komische Prozess beginnt hier, ebenso wie bei der objektiven Komik, von
neuem.

Auch beim Witz gewinnt der psychische Vorgang einen _umfassenderen_
Boden, wenn die Person, die den Witz macht, in den Kreis der Betrachtung
tritt. Sie schien erst eine gewichtige Wahrheit zu verkuenden, dann
erscheint sie als lediglich mit Worten spielend. Sie wird also in
gewisser Weise Gegenstand einer, allerdings _objektiven_ Komik. Sie
steigt durch den Witz jederzeit etwas von ihrer Hoehe herab, rueckt mit dem
Witzwort zugleich in eine Art komischer Beleuchtung.

Der Prozess der Komik erweitert sich nach anderer Richtung, wenn der Witz
abfertigt, und andere zum Gegenstand objektiver Komik macht. Alle diese
Momente der Komik nehmen, wie an der komischen Bewegung ueberhaupt, so
auch an ihrer Wiedererneuerung teil.


DAS ENDE DER KOMISCHEN VORSTELLUNGSBEWEGUNG.

Es fragt sich aber jetzt noch: Was heisst dies, die komische
Vorstellungsbewegung erlahme in sich selbst, oder finde in sich selbst
ihr natuerliches Ende.

Ein Doppeltes ist damit gesagt. Einmal dies: Wir sagten, der komische
Vorstellungszusammenhang sei psychisch isoliert. Dies ist er doch nur
relativ. Ich lebe doch, waehrend der komische Vorgang sich in mir
abspielt, in einer Welt, die noch allerlei anderes in sich schliesst. Und
wir sahen auch schon, wie die komische Vorstellungsbewegung, indem sie
das Nichtige loslaesst oder zuruecktreten laesst, ueber die Grenzen des
komischen Zusammenhanges hinausgehen kann. Daraus ergeben sich ueber
diesen Zusammenhang hinausfuehrende Associationen. In keinem Falle kann
dieser Zusammenhang umhin, mit dem, was sonst fuer mich besteht, durch
solche Associationen sich zu verweben.

Und diese Associationen knuepfen sich enger und enger. Sie begruenden also
eine staerkere und staerkere Tendenz des Abflusses oder des Ausgleichs der
psychischen Bewegung. Nichts kann in uns dauernd isoliert bleiben. Alles,
also auch der komische Vorstellungszusammenhang wird schliesslich fuer uns
zu einem "Gewohnten", das heisst eben: der Tendenz des Abflusses oder
Ausgleiches Verfallenen.

Und dazu kommt ein anderer, in der Natur dieses Zusammenhanges selbst
begruendeter Umstand. Eine erste Bedingung der Komik besteht, unserer
Darstellung zufolge, in der Sicherheit der Erwartung, beziehungsweise in
der Sicherheit, mit der wir dem Nichtigen einen bedeutsamen Sinn oder
Inhalt zuerkennen, andererseits ihm denselben absprechen.

Jene und diese Sicherheit nun muss sich mindern. Ist die Erwartung einmal
enttaeuscht, so hat sie, wenn mein Blick zurueckkehrt, an Sicherheit
eingebuesst. Die Worte, die mir grosse Leistungen ankuendigten, wecken die
Vorstellung derselben in minderem Grade, wenn sie einmal als leere Worte
sich ausgewiesen haben. Daraus ergiebt sich eine Herabsetzung der
komischen Vorstellungsbewegung.

Ebenso mindert sich die Sicherheit, mit der ich dem scheinbar logischen
Spiel mit Worten einen bedeutsamen Sinn zuschreibe, nachdem ich es einmal
in seiner logischen Nichtigkeit erkannt habe. Oder im umgekehrten Falle:
Habe ich einmal die, der gewohnten, logisch korrekten Ausdrucksweise
widersprechende, und insofern fuer die gewoehnliche Betrachtungsweise
nichtige Aussage, trotzdem als berechtigten Traeger ihres Sinnes
anerkennen muessen, so hat nunmehr diese gewoehnliche Betrachtungsweise
einen Teil ihrer Macht verloren. In jenem ersteren Falle ist mir die
Anerkenntnis der scheinbar sinnvollen Worte als sinnloser, in diesem
letzteren die Anerkenntnis der scheinbar sinnlosen Worte als sinnvoller
in gewissem Grade natuerlich geworden. Es hat sich sozusagen, wenn auch
nur fuer einen Augenblick, eine neue "Regel" der logischen Beurteilung von
Worten herausgebildet. Damit muss, im einen wie im anderen Falle, die
Komik des Witzes eine Abschwaechung erfahren.

Endlich kann auch die naive Rede oder Handlung, nachdem ich sie einmal
als "erhaben" und nichtig zugleich erkannt habe, sich mir nicht mehr mit
gleicher Sicherheit _zuerst_ als erhaben, _dann_ als nichtig darstellen.
Beide Betrachtungsweisen, die vom Standpunkte des Individuums, und die
"objektive", das heisst die Betrachtung von _unserem_ Standpunkte aus,
haben sich einmal zur Beurteilung der Rede oder Handlung miteinander
verbunden, und verhindern sich nun wechselseitig, in ihrer Reinheit, die
eine _nach_ der anderen, zur Geltung zu kommen. Darauf beruht ja aber die
naive Komik.

Will man in allen diesen Faellen den Grund der Erlahmung der komischen
Vorstellungsbewegung so ausdruecken, dass man sagt, das einmalige oder
mehrmalige Zergehen eines Bedeutsamen in nichts "gewoehne" uns an dies
Zergehen, und darum wirke dasselbe in geringerem Grade, so mag man dies
thun. Die Gewohnheit ist in psychologischen Fragen so oft, und bei so
verschiedenartigen Gelegenheiten das Wort, das zur rechten Zeit sich
einstellt, dass es auch hier ohne Schaden sich einstellen mag.


EINZIGARTIGKEIT DES KOMISCHEN PROZESSES.

Die komische Vorstellungsbewegung, wie sie im Vorstehenden genauer und
vollstaendiger beschrieben wurde, ist einzigartig. Dennoch hat sie mit
anderen Arten der Vorstellungsbewegung Hauptzuege bald mehr bald minder
gemein. Es dient dem oben Gesagten, vor allem unserer Begruendung des
Gefuehls der Komik zur wertvollen Bestaetigung, wenn wir sehen, wie in dem
Masse, als in einem ausserkomischen Vorgang die Faktoren der komischen
Vorstellungsbewegung wiederkehren, auch das begleitende Gefuehl sich dem
der Komik naehert.

Man erinnert sich, dass wir bereits das Spiel der Kinder mit der Komik in
Beziehung brachten. Verwandt ist das Spiel, speciell das Spiel mit
Gedanken, oder das Spiel geselliger Unterhaltung, dem wir uns nach
abgeschlossener Arbeit ueberlassen. Die Arbeit, die auf ernste Zwecke
abzielt, mit der wir Pflichten genuegen, die beherrscht ist von mehr oder
weniger tiefgreifenden Interessen, wird uns, je mehr sie ihren Namen
verdient, um so mehr mit gewisser Strenge in Anspruch nehmen und
erfuellen. Und diese Strenge wird sich jederzeit auch in der Art der
Befriedigung spiegeln, die uns die Arbeit gewaehrt, die Befriedigung mag
im uebrigen eine noch so hohe sein. Dagegen ist es dem Spiele eigen, von
dem Gewicht der Zwecke, der Pflichten, der tiefgreifenden Interessen
nicht beschwert zu sein. Was wir im Spiele thun und erleben, hat also an
sich nicht die gleiche Macht, uns in Anspruch zu nehmen, wie die ernste
Arbeit. Nichtsdestoweniger kommen wir ihm, wenn die Ermuedung uns nicht
auch zum Spiele unfaehig macht, mit demselben Masse von seelischer Kraft
entgegen, das wir der Arbeit entgegenbringen. Daraus ergiebt sich auch
hier ein relativ leichter und ungehemmter Wellenschlag seelischen Lebens,
aehnlich dem, in welchem der Vorgang der Komik psychologisch betrachtet
besteht. Und daraus wiederum ergiebt sich ein gleichartiger, "heiterer"
Grundzug des Gefuehls.

Doch duerfen wir ueber allem dem den wesentlichen Unterschied nicht
vergessen. Der Komik ist der Kontrast des Bedeutsamen und Nichtigen und
die ploetzliche Loesung der Spannung eigen. Diese Momente gehoeren nicht zu
jenem Spiel. Es fehlt darum bei ihm sowohl die eigenartige Lebhaftigkeit
der Vorstellungsbewegung, ihre Weise, ploetzlich und an einem Punkte
auszubrechen, ihre explosive Art, als auch jene eigenartige Ausbreitung
und Erneuerung. Und es fehlt zugleich dem _Gefuehl_ der "Heiterkeit" das
Losgelassene, schliesslich "Unbaendige", wodurch das Gefuehl der Komik
umsomehr charakterisiert ist, je mehr jene besonderen Momente in ihm zur
Wirkung kommen.

Wir haben auch die Komik gelegentlich als Spiel bezeichnet. Wir nennen
gewisse Witze Wortspiele. Aber dies Spiel bleibt doch immer ein Spiel von
ganz besonderer Art.




XI. KAPITEL. LUST- UND UNLUSTFAERBUNGEN DER KOMIK.


PRIMAERE MOMENTE DER LUST UND UNLUST.

Indem ich den komischen Vorstellungsprozess als ein Hin- und Hergehen und
sich Erneuern der seelischen Bewegung bezeichnete, habe ich mich im
Ausdruck der _Hecker_'schen Erklaerung des Gefuehls der Komik, die im
ersten Kapitel abgewiesen wurde, wiederum in gewisser Weise genaehert.
Doch nur im Ausdruck. Denn nicht um ein Hin- und Hergehen zwischen Lust
und Unlust, sondern um ein Hin- und Hergehen der Vorstellungsbewegung und
damit zugleich um ein Hin- und Hergehen zwischen Spannung und Loesung und
demgemaess zwischen Ernst und Komik handelt es sich uns. Die Komik ist
hierbei nicht die hin- und hergehende _Bewegung_, sondern sie ist eines
der Elemente, _zwischen_ denen die Hin- und Herbewegung stattfindet.

Dies Hin- und Hergehen mag dann freilich auch im einzelnen Falle mehr
oder minder als ein Hin- und Hergehen zwischen relativer Lustfaerbung und
relativer Unlustfaerbung der Komik sich darstellen. Inwiefern dies moeglich
ist, dies ergiebt sich, wenn wir jetzt auch die Betrachtung des Gefuehls
der Komik vervollstaendigen.

Komik, so wiederholen wir zunaechst, ist an sich nicht Lust noch Unlust,
sondern ein eigenartiges Gefuehl. Wir sahen aber, dass und warum die Komik
zur Lustfaerbung hinneigt, oder zunaechst Lustfaerbung besitzt. Der Prozess,
dem das Spezifische des Gefuehls der Komik sein Dasein verdankt, ist, so
sahen wir, in sich selbst zugleich Grund der Lust.

Doch ist er zugleich auch in sich selbst in hoeherem oder geringerem Grade
ein Grund der Unlust. Die Erwartung ist ein Hindraengen auf das Erwartete.
Diesem Hindraengen tritt das Nichtige, sofern es anders beschaffen ist,
als das Erwartete, feindlich entgegen. Die Erwartung wird enttaeuscht.
Enttaeuschung bringt ein Gefuehl der Unbefriedigung. Bezeichnen wir den
Unterschied zwischen dem Erwarteten und dem dafuer Eintretenden als
"qualitativen Kontrast", so ist dieser _qualitative Kontrast_ der Grund
der Unbefriedigung.

Man sieht, wie hier der Grund der komischen Lust und der Grund der Unlust
dicht bei einander stehen. Das nicht Erwartete, sofern es doch auch
wiederum das Erwartete, zugleich aber ein Nichtiges ist, wird spielend
aufgefasst; sofern es nicht das Erwartete ist, unterliegt es einer
Hemmung. Wir fallen auf das Komische herein, oder fallen darueber her.
Dies Fallen ist so anstrengungslos, wie das Fallen zu sein pflegt. Aber
es ist durch ein vorangehendes Stolpern bedingt.

Das Gleiche findet statt, da wo das Wort "Erwartung" weniger am Platze
ist. Meine Gewohnheit, menschliche Formen mit der weissen Hautfarbe
verbunden zu sehen, wird durchbrochen durch die Hautfarbe des Negers.
Ebenso die Gewohnheit logischer Rede durch das Spiel mit Worten, die
Gewohnheit einer bestimmten Art des Handelns unter bestimmten
Voraussetzungen durch die naive Handlungsweise. Auch diese Durchbrechung
unserer Vorstellungsgewohnheit durch die andere Beschaffenheit des
Gegenstandes der Komik koennen wir als qualitativen Kontrakt bezeichnen.
Der qualitative Kontrast ist dann ueberall der Grund der komischen Unlust.

Man wird freilich finden, dass eine solche Enttaeuschung oder
Durchbrechung unserer Vorstellungsgewohnheit nicht immer von einem
merkbaren Unlustgefuehl begleitet sei. Dies beweist dann nur, dass das
daraus fliessende Unlustgefuehl schwach sein und durch ein staerkeres
Lustgefuehl leicht ausgeglichen oder ueberboten werden kann. In der That
werden wir bei der Komik jenes Unlustgefuehl unter gewoehnlichen Umstaenden
so schwach zu denken haben, dass es gegenueber der komischen Lust nicht
aufkommen kann. Wir bezeichnen jenes Gefuehl allgemein als Gefuehl der
Ueberraschung oder des Befremdens. Aber die Ueberraschung oder Befremdung,
die nur darauf beruht, dass etwas anders ist, als wir erwarteten oder
gewohnt sind, gleichgueltig, welchen Wert das Erwartete oder Gewohnte,
und ebenso, welchen Wert das an die Stelle tretende Unerwartete
oder Ungewohnte fuer uns hat,--und dies neutrale Gefuehl der
Ueberraschung oder des Befremdens meinen wir hier--hat wenig Kraft.
Nichtsdestoweniger muessen wir dies Gefuehl von Haus aus als--in seinen
_Bedingungen_--vorhanden annehmen. Und es kann auch unter Umstaenden, vor
allem bei solchen, die Sklaven ihrer Vorstellungsgewohnheiten geworden
sind, empfindlich zu Tage treten.


QUALITATIVE UEBEREINSTIMMUNG UND QUANTITATIVER KONTRAST.

Dagegen ist jede Erfuellung der Erwartung, jede Uebereinstimmung mit
unseren Vorstellungsgewonheiten Grund der Lust. Es waechst darum auch die
komische Lust mit dieser "qualitativen Uebereinstimmung".

Die Lust waechst aber mit der qualitativen Uebereinstimmung auch noch aus
dem weiteren Grunde, weil mit derselben die Vorstellungsbewegung, aus der
wir eben die komische Lust hervorgehen sahen, eine Steigerung erfaehrt.
Das Nichtige, das an die Stelle des erwarteten Bedeutungsvollen tritt,
vermag sich ja, wie wir sahen, die diesem verfuegbar gemachte seelische
Kraft anzueignen _in dem Masse_, als es damit _uebereinstimmt_. Und eben
auf dieser Aneignung beruht ja der Lust erzeugende komische Prozess.

So muss das kleine Haeuschen neben den grossen Palaesten uns in hoeherem
Grade belustigen, wenn es nicht nur auch als menschliche Wohnung, sondern
als Miniaturpalast mit denselben Formen, die die Palaeste auszeichnen,
sich darstellt. Wir werden hier nicht nur durch die Uebereinstimmung
befriedigt, wie durch jede Uebereinstimmung, sondern das Haeuschen erhebt
auch fuer unsere Vorstellung in hoeherem Masse den Anspruch, selbst einer
der grossen Palaeste zu sein. Es muss also in hoeherem Masse die spezifisch
komische Lust erwecken.

Ebenso erscheint das Spiel mit Worten um so leichter als Traeger eines
bedeutungsvollen Sinnes, je mehr es, bei aller logischen Nichtigkeit,
aeusserlich der logischen Form sich naehert, oder mit der gewoehnlichen
Hausordnung unseres Denkens und Redens uebereinstimmt.

Und schliesslich ist nicht minder die naive Handlungsweise in um so
hoeherem Grade geeignet, den Eindruck des vom naiven Standpunkte aus
Wohlberechtigten zu machen, je mehr die Handlungsweise trotz aller
Naivetaet der gewoehnlichen Handlungsweise sich naehert. So werden wir
herzlicher lachen, wenn ein Kind in seiner kindlichen Unschuld
Hoeflichkeitsformen, die es bei Erwachsenen beobachtet hat, am falschen
Platze anwendet, als wenn es, in voller Unkenntnis derselben, einfach,
obgleich echt kindlich, gegen alle Hoeflichkeit verstoesst.

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