Komik und Humor by Theodor Lipps
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Theodor Lipps >> Komik und Humor
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Nach dem Gesagten sind wir im stande allgemein die Bedingungen anzugeben,
denen das Verhaeltnis der Lust und Unlust im Gefuehl der Komik unterliegt.
Der Gegensatz der Bedeutsamkeit und Bedeutungslosigkeit, der Erhabenheit
und Nichtigkeit, oder, wie wir in Anlehnung an den "qualitativen
Kontrast" kuerzer sagen wollen, der "quantitative Kontrast" bedingt in
erster Linie die komische Lust. Die Lust waechst mit der Groesse dieses
quantitativen Kontrastes. Sie waechst zugleich in doppelter Weise mit der
qualitativen Uebereinstimmung. Dagegen waechst die Unlust mit der Groesse
des qualitativen Kontrastes.
Dazu tritt dann noch ein Moment, das die Komik nach ihrer Lust- wie nach
ihrer Unlustseite steigert. Die Reihe von Palaesten ergiebt, wie schon
oben gesagt, eine _bestimmtere_ Erwartung, dass wieder ein Palast folgen
werde, als der einzelne Palast. Je bestimmter nun die Erwartung, um so
fuehlbarer wird das Stoerende der Enttaeuschung. Zugleich aber _wirkt_ die
bestimmtere Erwartung, auch soweit sie dem Nichtigen seelische Kraft
verfuegbar macht, energischer. Das ganze Gefuehl der Komik also wird durch
die groessere Bestimmtheit der Erwartung lebhafter. Nehmen wir an, die
Erwartung haette dadurch, dass schon vorher zwischen die Palaeste kleine
Haeuschen traten, an Bestimmtheit verloren, so wuerde das Gefuehl der Komik
wesentlich herabgedrueckt erscheinen.
Das ganze Gefuehl der Komik, sage ich, wird lebhafter. Dies hindert doch
nicht, dass fuer gewoehnlich aus der bestimmteren Erwartung die komische
Lust _groesseren_ Vorteil ziehen wird, als die von Hause aus geringfuegige
komische Unlust. Nur fuer den Pedanten und Eigensinnigen, der, was er
einmal erwartet, so gleichgueltigen Inhaltes es anch sein mag, in Gedanken
nicht mehr los werden kann, mag es sich umgekehrt verhalten.
In der Erwartung besteht in dem besprochenen Falle die bei der Komik
wirksame Vorstellungsbeziehung. Bei der witzigen Rede tritt an ihre
Stelle die Beziehung zwischen Wort und Sinn, logischer Form und logischem
Inhalt. Auch die Festigkeit und Sicherheit dieser Beziehung erhoeht die
Lust wie die Unlust. Je fester und sicherer in mir logische Form und
logischer Inhalt verbunden sind, je bestimmter immer eines auf das andere
hinweist, um so mehr kann mich die unlogische Form, in der ein Inhalt
vorgebracht wird, stoeren. Um so mehr wird aber zugleich das wirklich oder
scheinbar Logische an der unlogischen Form mich auf den bedeutungsvollen
Inhalt, als dessen Traeger sie, eben vermoege ihres logischen oder
pseudologischen Charakters erscheint, hinweisen, also den Eindruck eines
bedeutungsvollen Sinnes erzeugen. Gebildete, logisch geschulte Menschen
zeichnen sich durch Sicherheit jener Beziehung aus. Sie werden darum die
Durchbrechung der logischen Gewohnheit leichter stoerend empfinden und
zugleich den Witz leichter herausfinden. Hat sie die logische Schulung zu
logischen Pedanten, Fanatikern der logischen Form gemacht, so mag jenes
Gefuehl der Stoerung sogar ueberwiegen. Besitzen sie "Humor", so wird sie
die Freude am Witz ueber die Stoerung leicht hinwegheben.
Endlich erhoeht ebenso die Festigkeit derjenigen Vorstellungsbeziehung,
die aller _naiven_ Komik zu Grunde liegt, die Komik in beiderlei
Hinsicht. Je sicherer ich bin in der Beurteilung der Zweckmaessigkeit oder
Wohlanstaendigkeit einer Handlung, um so leichter erkenne ich die
unzweckmaessige oder gegen den Anstand verstossende Handlung als solche
und empfinde die darin liegende Stoerung meiner Vorstellungsgewohnheit, um
so leichter erkenne ich andererseits die relative Zweckmaessigkeit oder
sittliche Berechtigung, die der Handlung vom naiven Standpunkte aus
zugeschrieben werden muss. Wiederum sind aus diesem Grunde gebildete
Leute dem naiv Komischen gegenueber sowohl "empfindlicher" als
empfaenglicher. Und wiederum sind sie mehr das Eine oder mehr das Andere,
je nachdem sie Pedanten, Fanatiker der gewohnten Weise zu handeln oder zu
reden geworden sind, oder die geistige Freiheit des Humors besitzen.
AUSSERKOMISCHE GEFUEHLSMOMENTE.
Damit sind, soviel ich sehe, die Bedingungen der komischen Lust und
Unlust, soweit sie in dem komischen Vorstellungszusammenhange selbst
enthalten sind, erschoepft. Es treten aber dazu schliesslich noch
Bedingungen der Lust und Unlust, die schon, abgesehen von diesem
Vorstellungszusammenhang, bestehen und wirken. Obgleich darnach die Lust
und Unlust, die aus ihnen sich ergiebt, mit dem Gefuehl der Komik
eigentlich nichts zu thun hat, kann doch dies Gefuehl durch ihr
Hinzukommen wesentlich beeinflusst werden.
Ich erwarte ein furchtbares Ereignis mit aengstlicher Spannung. Dabei
haftet die Furcht oder Angst an dem Ereignis, gleichgueltig was
nachtraeglich aus der Erwartung wird. Das peinliche Furcht- oder
Angstgefuehl weicht, und ich fuehle mich angenehm beruehrt, wenn die
Erwartung schwindet. Wiederum habe ich die angenehme Empfindung
ebensowohl, wenn genauere Ueberlegung des Sachverhaltes sie zum
Verschwinden bringt, als wenn sie in komischer Weise in nichts zergeht.
Immerhin kommt im letzteren Falle die angenehme Empfindung zur komischen
Lust verstaerkend, zugleich ihren Charakter aendernd hinzu. Vielleicht ist
das Nichts, trotz seiner Nichtigkeit, an und fuer sich angenehm. Dann
verstaerkt sich die Lust von neuem. Im gegenteiligen Falle erleidet sie
eine Einbusse.
Oder ich erwarte auf Grund irgendwelcher Ankuendigung ein Ereignis, das
fuer mich positiven Wert haette, also Gegenstand meiner Freude waere. Dann
bedaure ich die komische, ebenso wie jede andere Art der Enttaeuschung.
Vielleicht troestet mich bei der komischen Enttaeuschung das Nichtige, das
an die Stelle tritt, in gewissem Grade. Auch dasjenige, was nicht dazu
angethan ist, mich mit grosser Gewalt in Anspruch zu nehmen, kann ja
einen Grad der Befriedigung gewaehren. Dann vermindert sich jenes
Bedauern. Dagegen kommt ein neues Unlustmoment hinzu, wenn das
Nichtsbedeutende an sich ein Missfaelliges ist. In jedem Falle sind auch
hier die positiven und negativen Werte, die den Elementen des komischen
Vorstellungszusammenhanges an sich eignen, wesentliche Faktoren im
schliesslichen Gesamteffekt des komischen Vorgangs.
Ebensolche Faktoren spielen auch bei allen anderen Faellen der Komik
starker oder schwaecher mit. Die schwarze Hautfarbe ist nicht nur komisch,
sondern auch haesslich, weil der Gedanke, den sie mir auf Grund
gewoehnlicher Erfahrung zu vollziehen verbietet, obgleich ihn zugleich die
_Formen_ des Negerkoerpers gebieterisch fordern--der Gedanke naemlich eines
dahinter waltenden menschlichen Lebens--ein an sich wertvoller ist. Das
Urteil, das der Witz spielend fuellt, beleidigt an sich, wenn es eine
Bosheit ist, oder in allzu niedriger Sphaere sich bewegt; es erfreut, wenn
es eine berechtigte Abfertigung in sich schliesst, oder die Wahrheit, die
es verkuendigt, eine an sich erfreuliche ist. Die witzige Form, das Spiel
selbst, kann beleidigen, wenn es Spiel mit Worten ist, die man nicht
"vergeblich fuehren" soll; es kann erfreuen, wenn es an sich anmutiges,
kunstvolles Spiel ist u. s. w.
Am engsten sind schliesslich solche ausserkomische Lust- und
Unlustmomente verbunden mit dem _naiv Komischen_. Sie haften ihm nicht
nur gelegentlich an, sondern gehoeren zu seiner eigensten Natur. Ebendamit
ragt das naiv Komische, wie ich schon frueher sagte, ueber die Komik
hinaus. Die objektive Komik umfasst alle Gebiete der Wirklichkeit. Das
sittlich Wertvollste wird in ihr zu Schanden; zugleich findet sie auf dem
Gebiete des blinden, geist- und herzlosen Zufalls ein reiches Feld ihrer
Verwirklichung. Der Witz, an und fuer sich aller objektiven Wirklichkeit
voellig entrueckt und allein der kuehlen Sphaere der Logik angehoerig, ein
Spiel des Denkens mit sich selbst, ist mehr oder weniger geistreich, aber
herzlos. Nur das Naive hat jederzeit Herz. Entsprechend seinem
persoenlichen Charakter beleidigt und befriedigt es Forderungen, die wir
an die Persoenlichkeit stellen, die den Takt, die Klugheit, den Geschmack,
die sittliche Tuechtigkeit, kurz den Wert der Person betreffen. Dieser
Wert ist aber nicht nur der hoechste, sondern der einzig absolute. Was
sonst wertvoll ist, ist es doch nur in seiner Beziehung und Wirkung auf
die Person. Die Person allein ist der letzte und endgueltige Traeger aller
Werte.
Indem diese ausserkomischen Lust- und Unlustmomente zum eigentlichen
Gefuehl der Komik hinzutreten, modifizieren sie natuerlich den Gesamteffekt
der Komik in groesserem oder geringerem Grade. Dies muessten sie thun, auch
wenn ihre Bedingungen mit den Bedingungen der eigentlich komischen Lust
und Unlust in keiner Beziehung stuenden. Thatsaechlich aber besteht ein
Verhaeltnis der Abhaengigkeit dieser Bedingungen von jenen, und zwar ein
solches, das enge genug ist, um unter Umstaenden das ganze Gefuehl der
Komik zu erdruecken.
Ein Nichts, das an die Stelle eines erwarteten Bedeutungsvollen tritt,
wird, wie wir sahen, komisch, indem es die seelische Kraft aneignet, die
der Gedanke an das Erwartete bereithaelt oder verfuegbar macht. Je
wertvoller aber das Erwartete ist, oder je mehr uns jetzt gerade aus
allgemeinen oder persoenlichen Gruenden an ihm gelegen ist, um so
energischer halten wir den Gedanken des Erwarteten, und speciell das, was
seinen Wert ausmacht, fest, um so staerker draengt die seelische Bewegung
auf die Verwirklichung seines Inhaltes, soweit er ein wertvoller ist,
hin. Dass es so ist, dass der Gedanke im Zusammenhang des psychischen
Lebens eine Stellung einnimmt, oder zu diesem Zusammenhang in einer
Beziehung steht, aus der dies Festhalten desselben und dies Hindraengen
auf Verwirklichung seines Inhaltes notwendig sich ergiebt, das ist es
eben, was den Gedanken zu einem fuer mich wertvollen macht, oder worin,
psychologisch betrachtet, sein "Wert" fuer mich besteht.
Kommt nun das Nichtige, das dieses Wertes entbehrt, und setzt sich der
Gewalt jenes Hindraengens und Festhaltens zum Trotz, also gewaltsam an die
Stelle des erwarteten Wertvollen, so entsteht zunaechst, eben wegen dieser
Gewaltsamkeit, das schon in Rechnung gezogene ausserkomische Gefuehl der
Unlust. Und dies verstaerkt zunaechst das, wie wir annahmen, in der Regel
geringfuegige Unlustmoment, das aus der Enttaeuschung der Erwartung in
jedem Falle, abgesehen von dem Werte des Erwarteten entspringt. Zugleich
aber ist die Leichtigkeit, mit der das Nichtige die fuer die Erfassung des
erwarteten Wertvollen bestimmte seelische Kraft sich aneignen kann,
vermindert. Diese Leichtigkeit ist ja das Gegenteil jener
"Gewaltsamkeit". Draengt der Gedanke an das erwartete Wertvolle auf die
Erfassung eben dieses Wertvollen, so hemmt er notwendig die Erfassung des
Nichtigen, in welchem, und soweit in ihm jener wertvolle Inhalt _negiert_
erscheint. Macht er die seelische Kraft fuer das erwartete Wertvolle als
_solches_ verfuegbar, so verweigert er sie ebendamit dem an die Stelle
tretenden Nichtigen, das mir _verbietet_ den Gedanken an jenen wertvollen
Inhalt zu vollziehen. Daraus ergiebt sich eine Herabdrueckung der leichten
Vorstellungsbewegung, aus der wir die komische Lust haben hervorgehen
sehen, eine Herabdrueckung, die bis zur vollstaendigen Laehmung sich
steigern kann.
Eine ebensolche Herabdrueckung oder Laehmung kann, aus analogen Gruenden,
bei der subjektiven Komik stattfinden. Am heiligen Orte, bei der ernsten
religioesen Feier, erwarten wir nicht nur, sondern wir fordern aus
sittlichen Gruenden die Aussprache ernster Gedanken, wie sie uns da von
selbst sich aufdraengen. Ein Witz an solcher Stelle, ein Witz, vollends,
der mit Worten spielt, die selbst solche ernste Gedanken in uns wecken,
geht seiner Komik verlustig. Die ernsten Gedanken bleiben dabei, sich uns
aufzudraengen; sie haengen sich wie Gewichte an das nichtige Spiel, so dass
der leichte seelische Wellenschlag, der das Wesen der Komik macht,
unterbleiben muss. Was uebrig bleibt, ist das Gefuehl der Unlust, das aus
der Nichterfuellung und Verneinung unserer Forderung in jedem Falle sich
ergeben muss.
Die _sittlichen_ Forderungen sind es, die wir, von persoenlichen
Interessen abgesehen, am strengsten festhalten und am wenigsten leicht
fuer einen Augenblick dahingestellt lassen. Wo solche Forderungen verneint
werden, schwindet darum am leichtesten das Gefuehl der Komik. Das Komische
wird laecherlich, veraechtlich, schliesslich empoerend. Vielleicht entsteht
das Gefuehl der Komik im ersten Moment. Die Groesse des quantitativen
Kontrastes und der qualitativen Uebereinstimmung, insbesondere die
Sicherheit, mit der wir gerade in dem Augenblick, wo das Nichtige sich
einstellt, das Bedeutungsvolle erwarten, bezw.--beim Witze--die
Sicherheit, mit der die scheinbare Logik des nichtigen Wortspiels auf den
bedeutungsvollen Inhalt hinweist,--dies zusammen thut vielleicht im
ersten Momente trotz der Strenge der sittlichen Forderung seine komische
Wirkung. Die seelische Kraft wird durch die bezeichneten Kanaele zum
Nichtigen heruebergeleitet und jene Forderung muss wohl oder uebel
zuruecktreten. In diesem Falle wird aber doch die komische Wirkung nicht
nur von vornherein eine weniger freie sein, sondern sie wird auch
schneller sich verzehren muessen, als sie es sonst thaete. Die komische
Wirkung, so sahen wir oben, erhaelt und erneuert sich, indem wir zu dem,
was die Erwartung eines Bedeutsamen erregte, oder zu dem scheinbar
Logischen, das uns den bedeutungsvollen Gedanken aufnoetigte, unseren
Blick zurueckwenden. Die Wirkung ist aber bei jeder neuen Rueckwaertswendung
den Blickes eine geringere, weil die Erwartung, nachdem sie ein oder
mehrere Male ihre Enttaeuschung erfahren hat, immer weniger sicher
geworden ist, weil ebenso die Bestimmtheit, mit der die scheinbare Logik
des nichtigen Wortspiels auf den bedeutungsvollen Inhalt hinweist, durch
die ein- oder mehrmalige Bewusstwerdung seiner thatsaechlichen Bedeutungs-
und Inhaltslosigkeit eine immer groessere Einbusse erlitten hat.
Ebendamit nun gewinnt zugleich die sittliche Forderung, die an ihrer
Strenge _nichts_ eingebuesst hat, groessere hemmende Gewalt. Indem das
Nichtige weniger leicht seelische Kraft gewinnt, vermag der Gedanke an
das geforderte Wertvolle, der erst zurueckgetreten war, entsprechend
staerker hervorzutreten, und nun auch mit entsprechender Energie auf die
weitere Verminderung der Komik hinzuarbeiten. Jene Verminderung der
Faehigkeit des Nichtigen, seelische Kraft zu gewinnen, und dieses
Hervortreten der sittlichen Forderung, diese beiden Momente steigern sich
in ihren Wirkungen wechselseitig. So geschieht es, dass der Eindruck der
Komik groesserem und groesserem Widerstreben begegnet, bis schliesslich
nichts mehr uebrig bleibt, als das Gefuehl des Widerstrebens oder der
Empoerung.
Es kann aber nicht nur durch unerfuellte, sondern auch durch erfuellte
Forderungen, nicht nur durch negierte, sondern auch durch realisierte
Werte der Komik der Boden entzogen werden. Wir sehen den Uebermuetigen zu
Fall kommen, sich in seinen eigenen Schlingen fangen, seine gerechte
Strafe finden. Wir sehen ihn beschaemt. Diese Beschaemung hat positiven
Wert. Hier tritt wiederum zur Komik ein ihr gegensaetzliches Element
hinzu. Das Nichts, in das der Anspruch des Uebermutes zergeht, kann nur
als nichtig sich darstellen und in seiner Nichtigkeit spielend aufgefasst
werden, wie dies zur Komik erforderlich ist, so lange es als dies
Nichtige erscheint. Scheint es nicht mehr nichtig, sondern mit dem
Gedanken der Bestrafung oder Beschaemung beschwert, so mindert sich das
Gefuehl der Komik. Freilich bleibt auch hier das Naechste das Zergehen des
Anspruchs. Dann aber tritt jener ernste Gedanke, die Freiheit und
Leichtigkeit der psychischen Bewegung aufhebend hinzu. Je naeher und in
die Augen springender der Fall des Uebermuetigen ist, desto sicherer kann
im ersten Momente die Komik sich einstellen. Dann aber schaemen wir uns
vielleicht unseres Gefuehls der Komik.
BESONDERHEIT DER NAIVEN KOMIK.
So sehen wir die Komik in doppelter Weise in ihr Gegenteil umschlagen,
das eine Mal in ernste Unlust, das andere Mal in ernste Befriedigung.
Dieser Umschlag kann bei der objektiven und nicht minder bei der
subjektiven Komik geschehen. Doch immer nur unter bestimmten Umstaenden.
An sich liegt dazu in diesen beiden Gattungen des Komischen kein Anlass.
Dagegen besteht ein solcher Anlass jederzeit in gewissem Grade in der
naiven Komik. Hier werden, wie oben gesagt, jederzeit Forderungen von
unbedingtem Wert verneint und erfuellt. Daraus kann sich von vornherein
eine wesentliche Herabstimmung der Komik ergeben. Das Gefuehl kann von
vornherein an der Grenze stehen, wo die Komik in ernste Lust oder Unlust
uebergeht. Oder es kann erst ausgesprochenes Gefuehl der Komik sein, dann
ein Gefuehl des Ernstes an die Stelle treten.
Wer von dem Wert der Ehre, wie wir sie gemeinhin zu fassen pflegen, auch
derjenigen, von der wir meinten, dass sie _Falstaff_ mit Recht
herunterziehe, in hohem Masse durchdrungen ist, wird fuer die Komik der
_Falstaff_'schen Rede ueber die Ehre wenig Verstaendnis haben. Andererseits
koennte uns die Bewunderung, die wir der Sicherheit des sittlichen
Bewusstseins beim Korporal Trim entgegenbringen, derart gefangen nehmen,
dass wir seine Antwort auf die Frage des Doktors der Theologie nicht
komisch, sondern von vornherein nur erhaben faenden. Angenommen aber, wir
haben Sinn fuer die Komik der _Trim_'schen Rede; dann wird doch das Ende
der Komik hier nicht die Komik, sondern der Ernst sein, naemlich eine Art
ernster Befriedigung.
Hier zeigt sich deutlich die besondere Eigenart der naiven Komik. Sie
liegt im Unterscheidenden dieser Gattung, wie wir es kennen gelernt
haben, notwendig begruendet. Die angemasste Erhabenheit des Nichtigen
zergeht in der objektiven Komik thatsaechlich. Ebenso die scheinbare
Wahrheit des nichtigen Spieles mit Worten in der subjektiven Komik.
Dagegen zergeht die Erhabenheit der naiv komischen Aeusserung oder
Handlung, die ihren Grund hat in der Klugheit, Gesundheit, dem
natuerlichen sittlichen Gefuehl, kurz dem Wertvollen der Persoenlichkeit,
das darin sich zu erkennen giebt, immer nur fuer die allgemeine und
ebendarum einseitige Betrachtungsweise, sie bleibt bestehen fuer die
persoenliche Beurteilung, also fuer die tiefere, weil dem Individuum
gerecht werdende Einsicht. Indem der Blick zurueckkehrt, findet er das
wertvolle Erhabene in seinem Wert und seiner Erhabenheit wieder; nicht
als Inhalt einer unerfuellten und darum peinlichen Forderung, sondern als
erkannte Thatsache. Oder vielmehr, dies Wertvolle kommt jetzt erst recht
in seinem Werte zum Bewusstsein und wirkt als das Erhabene, das es ist.
Es thut dies immer ausschliesslicher, indem die Komik in sich und im
Kampfe mit ihm erlahmt. Der Gedanke an das Wertvolle wird zum
herrschenden, und die erhebende Freude an seinem Inhalte zum herrschenden
Gefuehl.
Andererseits wird die unerfuellte Forderung, welche die allgemeine und
einseitige Betrachtungsweise stellt, in ihrer Einseitigkeit erkannt. Die
Strenge dieser Forderung schwindet oder mildert sich gegenueber dem naiven
Individuum, auf das sie nicht oder nicht in ihrer Strenge anwendbar
erscheint. So kann sich auch ihr gegenueber das Bewusstsein des Wertvollen
im Individuum behaupten. Ja es kann dies Letztere schliesslich so erhaben
erscheinen, dass nun im Vergleich mit ihm das Erhabene der gemeinen
Betrachtungsweise in nichts zergeht und so seinerseits komisch wird.
Damit ist die naive Komik in ihr vollkommenes Gegenteil umgeschlagen.
* * * * *
Blicken wir jetzt zurueck, so erscheint die Komik arm und reich, leer und
inhaltsvoll zugleich. An sich ist sie nichts als inhaltlich
gleichgueltiges, leichtes und leicht verklingendes Spiel der
Vorstellungen, das als solches begleitet erscheint von einem Gefuehl
heiterer, durch die notwendig stattfindende Enttaeuschung der Erwartung
oder Durchbrechung des gewohnten Vorstellungszusammenhanges kaum
getruebter, aber vergaenglicher Lust. Die Komik erhaelt hoehere Bedeutung
erst, wenn Werte, die auch ausserhalb der Komik bestehen, in sie
eingehen. Solche Werte koennen in den komischen Vorstellungszusammenhang
eintreten und von dem Strudel der komischen Vorstellungsbewegung
hinabgezogen werden, dann aber auftauchen und sieghaft sich behaupten.
Indem sie dies thun, erscheinen sie erst recht in ihrem Werte, und wirken
auf das Gemuet, wie sie es nicht vermocht haetten in dem gewoehnlichen
Vorstellungszusammenhang, wo sie in Gefahr waren, zu Momenten in dem
gleichmaessig fortgehenden Strome des seelischen Geschehens herabgesetzt
und keiner besonderen Beachtung gewuerdigt zu werden.
Damit hebt dann freilich die Komik sich selbst in ihr Gegenteil auf. Will
man von einer hoeheren Aufgabe der Komik reden,--und sie hat eine solche
im Leben und in der Kunst,--so besteht sie eben in diesem Dienste, den
sie dem Wertvollen in der Welt leistet, indem sie selbst, als reine
Komik, zu bestehen aufhoert.
Die Komik, so duerfen wir dies steigern, ist dazu da, Wertvolles und
zuletzt sittlich Wertvolles in seiner Erhabenheit darzustellen. Mit einem
Worte: Sie ist dazu da, zum Humor sich aufzuheben. Darin besteht ihre
sittliche und zugleich aesthetische Bedeutung. Der Humor tritt neben die
Tragik, der eine gleichartige Aufgabe zufaellt. Nur dass dort das
Nichtige, hier das Leiden den Durchgangspunkt bildet und die Vermittlung
vollzieht. Humor und Tragik, das sind die beiden Weisen, im Leben und in
der Kunst durch Dissonanzen der Konsonanz, d. h. dem Guten erst die
rechte Kraft zu geben.
* * * * *
IV. ABSCHNITT. DIE UNTERARTEN DES KOMISCHEN.
XII. KAPITEL. DIE UNTERARTEN DER OBJEKTIVEN UND NAIVEN KOMIK.
STUFEN DER OBJEKTIVEN KOMIK.
Doch ehe wir dazu uebergehen, betrachten wir die Unterarten der im
Bisherigen unterschiedenen Alten der Komik. Zunaechst die der objektiven
Komik. Unsere Betrachtungsweise ist, wie bisher immer, zunaechst die
allgemein psychologische, die aber weiterhin in die aesthetische
Betrachtungsweise muenden soll.
Hinsichtlich der objektiven Komik besteht in erster Linie diejenige
psychologische Einteilung zu Recht, die schon frueher von uns
vorausgesetzt wurde. Aehnlichkeit oder erfahrungsgemaesser Zusammenhang
zwischen einem Gegebenen und einem erwarteten oder vorausgesetzten
Erhabenen bildet den Grund fuer unsere Erwartung oder Voraussetzung dieses
Erhabenen, die dann in nichts zergeht. Es giebt eine objektive Komik auf
Grund dieser beiden, das ganze seelische Leben beherrschenden Arten der
Association. Das kleine Haeuschen zwischen maechtigen Palaesten mag noch
einmal als Beispiel der einen, die nichtige Leistung des Grosssprechers
noch einmal als Beispiel der andern Art erwaehnt werden.
Neben dieser formalen ist eine doppelte inhaltliche Einteilung moeglich,
mit der wir uns schon der aesthetischen Betrachtungsweise naehern. Die in
nichts zergehende Erhabenheit ist zunaechst _sinnliche_ Erhabenheit, d. h.
Erhabenheit, die lediglich in der Energie und Dauer der Wirkung besteht,
die ein wahrgenommener Gegenstand, nur als wahrgenommener, auf uns uebt.
Diese Wirkung bleibt aber nie fuer sich. Welches Objekt auch auf uns
wirken mag, immer verbindet sich mit seiner Wahrnehmung die Vorstellung
eines so oder so gearteten, in ihm waltenden oder sich verkoerpenden
Lebens. Der Baumriese hat nicht nur eine gewisse Groesse und Form, sondern
er scheint sie zu haben, indem er sich reckt, dehnt, Widerstand leistet,
kurz frei oder im Kampfe gegen Hindernisse seine Kraft entfaltet. Und der
Gedanke daran laesst ihn erst eigentlich als erhaben erscheinen. Von
solcher "Kraft" _sehen_ wir nichts. Wir kennen ueberhaupt, was den
eigentlichen und urspruenglichen Sinn dieses Wortes ausmacht, nicht
anders, denn als Inhalt unseres Kraftgefuehls, des Gefuehls freierer oder
gehemmterer Anstrengung. Aber eben diesen Gefuehlsinhalt projizieren wir
durch einen Akt der allergelaeufigsten Vermenschlichung ueberall in die
Objekte hinein. Man erinnere sich hier wiederum des auf S. 19 f.[*]
Gesagten. Ausserdem bitte ich hierueber meine "Raumaesthetik und
geometrisch-optische Taeuschungen" (Leipzig 1898) zu vergleichen.
[* Im Unterkapitel ALLERLEI AESTHETISCHE THEORIEN. Transkriptor.]
Diese dynamische, wir koennten auch sagen animalische Erhabenheit bestimmt
sich dann in dieser oder jener Weise naeher. Sie bekommt einen konkreteren
und konkreteren Inhalt. Das "Leben", das von vornherein ein Analogon
menschlichen Lebens ist, naehert sich dem Leben, wie wir es im Einzelnen
in uns erleben oder erleben koennen. Es gewinnt bewussten _geistigen_
Inhalt. Seine Erhabenheit stellt sich dar als _geistige_ Erhabenheit.
Schon der Baumriese hat nicht nur Kraft, sondern seine Kraft ist auf
Bestimmtes gerichtet. Er will etwas, er hat Ziele oder Zwecke. Er
"_sucht_" Luft und Licht. Er "erfreut" sich ihrer, wenn er davon umspielt
wird. Er fluestert schliesslich und traeumt, wie eine Art selbstbewussten
Individuums.
Sowenig darnach Objekte als sinnlich, dynamisch, geistig erhaben einander
gegenuebergestellt werden koennen, so wertvoll ist die Unterscheidung
dieser Arten und Stufen der Erhabenheit fuer den aesthetischen
Gesichtspunkt. Je hoeherer Stufe die Erhabenheit angehoert, um so schaerfer
wird ihr Zergehen in nichts empfunden. Der Mensch, der das hoechste
Erhabene ist, ist ebendarum das einzige urspruengliche Objekt der
Laecherlichkeit. Alles andere kann laecherlich erscheinen nur in dem Masse,
als es von uns vermenschlicht wird.
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