Komik und Humor by Theodor Lipps
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2. Auf der Grenze zwischen der witzigen Begriffsbeziehung auf Grund der
Wortaehnlichkeit und derjenigen, bei der die gewohnheitsmaessige
Festhaltung der logischen Bedeutung von aeusseren Sprachformen den Witz
macht, steht die "_witzige Wortverschmelzung_". Zu jenen hier in Betracht
kommenden "aeusseren Sprachformen" gehoeren alle erfahrungsgemaessen Formen
der Wortverbindung. Eine derselben ist die Wortzusammensetzung. Als eine
karikierende Abart derselben kann die sprachlich unmoegliche
Wortverschmelzung--Famillionaer, Unterleibnizianer, Revolutionaerrisch
etc.--betrachtet werden. Insofern gehoert die witzige Wortverschmelzung in
_diesen_ Zusammenhang. Zugleich ist sie doch auch "witzige
Wortkarikatur". Entsprechend dieser Doppelnatur besteht der in ihr
entstehende "Nebensinn" je nach der Art der Verschmelzung bald im
Gedanken einer Identitaet, bald in der Vorstellung einer gewissen
Zusammengehoerigkeit der Begriffsinhalte, naemlich der Inhalte der
Begriffe, die in der Wortverschmelzung vereinigt sind. Der
"Unterleibnizianer", d. h. der mit seiner Verdauung nicht recht zuwege
Kommende, erscheint ohne weiteres als eine Art Schueler oder
"Unterschueler" des grossen Philosophen, das "revolutionaerrische" Gebaren
ist ein als naerrisch charakterisiertes revolutionaeres Gebaren, das
"famillionaere" ein familiaeres mit dem Beigeschmack des Millionaertums.
Als Gegenbild der witzigen Wortverschmelzung nennen wir gleich die
"_witzige Wort_- oder _Begriffsteilung_", durch die der Schein einer
Teilung eines Begriffs in zwei selbstaendige erzeugt wird. So, wenn ich
von Demo-, Bureau- und anderen Kraten spreche. Der Schein, dass die
Wortteile, in unserem Falle insbesondere das "Kraten" selbstaendige
Begriffe darstellen, kann entstehen, weil wir es oft genug erfahren
haben, dass selbstaendige Worte mit anderen zu einem vereinigt sind. Der
Witz gehoert zugleich zur Gattung der "einfachen Klangwitze", wenn die
Klangaehnlichkeit oder -gleichheit des abgetrennten Wortteils mit einem
selbstaendigen Worte, das mit jenem Wortteil inhaltlich nichts zu thun
hat, benutzt wird, um den Schein der Inhaltsgleichheit beider zu
erzeugen. "Welcher Ring ist nicht rund?--Der Hering"; "Photo-, Litho- und
andere Grafen".--Die witzige Begriffsteilung ist zugleich "karikierender
Klangwitz", wenn der abgetrennte Begriffsteil erst karikiert werden muss,
ehe er mit dem ihm fremden Worte zu inhaltlicher Identitaet gebracht
werden kann. "Auch bei den Alten schon gab es allerlei Kloesse; z. B.
Sophokloesse, Perikloesse" u. s. w.
Von der witzigen Wortverschmelzung verschieden ist die "_witzige
Wortzusammensetzung_":--"Sprechruhr" u. dgl. Wieder anderer Art ist die
"witzige Aufzaehlung" nach der Art des _Heine_'schen "Studenten, Vieh,
Philister" etc.; mit dieser naechstverwandt die "_witzige Koordination_",
die ihrem Sinne nach bald Unterordnung unter denselben Begriff, bald
Unterscheidung, bald Entgegensetzung sein kann: "Mit einer Gabel und mit
Mueh' zog ihn die Mutter aus der Brueh'"; "Der Loewe ist gelb aber
grossmuetig"--als ob die Muehe ein Instrument waere, wie die Gabel, die
Grossmut eine sichtbare Eigenschaft, die mit der Farbe verglichen werden
koennte;--"Nicht nur Gelehrte, sondern auch einige vernuenftig denkende
Menschen"--als ob es unter den Gelehrten nicht auch mitunter vernuenftig
denkende Menschen gaebe;--"Klein aber niedlich"--als ob dies nicht
vielmehr sehr nahe verwandte Begriffe waeren.
Die attributive Verbindung wird witzig missbraucht im "_witzigen
Widersinn_" von der Art des hoelzernen Schuereisens oder des
Lichtenberg'schen Messers ohne Klinge, an dem der Stiel fehlt.
Widersprechendes scheint vertraeglich, weil wir, von der aeusseren
Verbindung der Worte ueberrascht, den Widerspruch nicht oder nicht
sogleich empfinden. Andere Beispiele, wie das "messingne Schluesselloch",
der "lederne Handschuhmacher", der "doppelte Kinderloeffel fuer Zwillinge"
gehoeren, sofern bei ihnen dem Glauben an die Gueltigkeit des Begriffes
zugleich ein erfahrungsgemaesser sachlicher Zusammenhang zu Grunde liegt,
zugleich zu einer spaeter zu besprechenden Gattung.--Dagegen verfuehrt uns
die aeussere Verschiedenheit von Gegenstand und Attribut zur Annahme einer
sachlichen Verschiedenheit in der "_witzigen Tautologie_". Eine solche
waere die "reitende Artillerie zu Pferde", die man der bekannten
"reitenden Artillerie zu Fuss" konsequenterweise entgegenstellen muesste.
B. Von der witzigen Begriffsbeziehung, soweit sie auf inneren Momenten
und zwar
1. auf teilweiser sachlicher _Uebereinstimmung_ beruht, gilt speciell, was
_Jean Paul_ vom Witze ueberhaupt sagt, naemlich, dass sie halbe,
Viertelsaehnlichkeiten zu Gleichheiten mache und so den aesthetischen
Lichtschein eines neuen Verhaeltnisses erzeuge, indes unser
Wahrheitsbewusstsein das alte festhalte. Zur Bezeichnung von Personen,
Dingen, Eigenschaften werden Begriffe verwandt, die mit dem, was sie
bezeichnen, sich teilweise decken, zugleich aber ihm irgendwie
inkongruent, also zur Bezeichnung eigentlich nicht geeignet erscheinen.
Der Eindruck des Witzigen entsteht, indem wir uns die Bezeichnung
gefallen lassen, also die teilweise Uebereinstimmung fuer eine ganze
nehmen, dann aber sogleich wiederum der Inkongruenz uns bewusst werden.
Insofern die witzige Bezeichnung jedesmal an die Stelle der unmittelbar
geeigneten tritt, lassen sich alle hierher gehoerigen Faelle unter den
Begriff der "_witzigen Begriffssubstitution_" fassen. Dieselbe ist
a) "logische" Begriffssubstitution. Personen, Dinge, Eigenschaften,
Thaetigkeiten werden bezeichnet statt durch den sachlich eigentlich
geforderten und nach einfach logischem Sprachgebrauch naechstliegenden
Begriff, durch einen ihm uebergeordneten oder nebengeordneten oder
untergeordneten: die Begriffssubstitution ist verallgemeinernde oder
vergleichende oder individualisierende Bezeichnung. Dabei bleibt der
stellvertretende Begriff undeterminert oder er erhaelt eine naehere
Bestimmung, die die Bezeichnung erst verstaendlich macht.
Verallgemeinernde Bezeichnungen der ersteren Art waehlen wir besonders, um
verbluemt zu reden, oder zum Bewusstsein zu bringen, dass uns der
Gegenstand des specielleren Namens nicht wert scheine. Der im Gefaengnis
Sitzende hat frei Quartier oder frei Kost und Logis, wird auf oeffentliche
Kosten gespeist, hat sich der Einsamkeit ergeben, sich fuer eine Zeitlang
von der Oeffentlichkeit zurueckgezogen etc.; der Redner hat "es nicht
halten koennen", hat die Lnft erschuettert, sich in Bewegung seiner
Lungenmuskeln ergangen, sein Stimmband in toenende Schwingungen versetzt
u. dgl. Witzig vergleichende Bezeichnungen sind in vielen Faellen die
sprichwoertlichen Redensarten: Er hat geraeuchertes Fleisch (Ausschlag) im
Gesicht; Den Teufel barfuss laufen hoeren; Etwas auf der unrechten Bank
finden (= stehlen). Die meisten dergleichen Wendungen sind zugleich
individualisierend: Die Laus um den Balg schinden; Aus einem .... einen
Donnerschlag machen; Den .... (naemlich die untere Fortsetzung des
Rueckens) hinten tragen, d. h. sich betragen, wie man sich natuerlicher
Weise betraegt u. dgl. Eine reine Individualisierung ist es, wenn ich
statt von den Malern einer Stadt von den dort lebenden Rafaels und
Tizians rede.
Tritt zum substituierten Begriff die naehere Bestimmung hinzu, so wird die
Substitution zur vollstaendigeren oder weniger vollstaendigen
"_witzigen_"--wenn naemlich witzigen--"_Umschreibung_", und zwar wiederum
zur--zunaechst wenigstens--verallgemeinernden oder vergleichenden oder
individualisierenden, bezw. auch hier zur individualisierend
vergleichenden. Auch die "verallgemeinernde" _Umschreibung_ wird speciell
der verbluemenden Bezeichnung dienen; die vergleichende und
individualisierende ihrerseits wird oft vergleichen, was im Grunde nicht
zu vergleichen ist und erst durch die einschraenkende naehere Bestimmung
vergleichbar erscheint. So wenn ich, nach Heine, eine alte haessliche Frau
als eine zweite Venus von Milo bezeichne, naemlich was das Alter, die
Zahnlosigkeit und die gelben Flecken angehe.
Witze dieser Art sind billig, solange sie nur Dinge mehr oder weniger
kuenstlich bezeichnen. Ihr Interesse waechst, wenn sie "_karikierende
Bezeichnungen_" oder "_witzige Hyperbeln_" sind, und doch, was sie
eigentlich sagen wollen, deutlich zu verstehen geben. Im Grunde ist
freilich, da jeder Vergleich hinkt und jede Individualisierung neue
Momente hinzufuegt, naemlich eben die individualisierenden, jede darauf
beruhende Bezeichnung irgendwie karikierend, das heisst die Sache
verschiebend. Und diese Verschiebung wird leicht, obgleich durchaus nicht
immer, zugleich eine Steigerung sein. Dass umgekehrt die
Steigerung--Kilometernase, Quadratmeilengesicht etc.--jederzeit eine
Verschiebung ist, braucht nicht gesagt zu werden.--Aber nicht jede
witzige Karikatur oder Hyperbel ist so drastisch, wie etwa die
hyperbolisch karikierenden Bezeichnungen, die Falstaff auf Bardolphs Nase
haeuft.
Abgesehen davon besteht noch ein weiterer Unterschied. Die witzigen
Bezeichnungen sind entweder nur spielende Bezeichnungen, denen es nicht
darauf ankommt, ob das Wesen der Sache, so wie es wirklich ist, getroffen
wird, oder sie heben eine wesentliche Eigenschaft treffend hervor, sind
also charakterisierend, oder endlich sie sind ironisch gemeint. Dem
letzteren Zwecke dient insbesondere eine Art, die darum speciell den
Namen der "_ironischen Bezeichnung_" fuehren muss. Es liegt Ironie darin,
wenn ich meine bescheidene Wohnung als meinen Palast oder meine Residenz
bezeichne; insofern ich naemlich erwarte, der Hoerer werde aus dem stolzen
Namen das ungefaehre Gegenteil, die gar nicht stolze Wohnung, heraushoeren.
Zunaechst aber will ich, wenn ich solche Ausdruecke gebrauche, einen
Gegenstand, durch den Namen fuer einen aehnlichen, spielend bezeichnen.
Wenn ich dagegen eine tadelnswerte Handlung, ohne weiteres, recht
lobenswert, ein abstossendes Benehmen recht liebenswuerdig nenne, so setze
ich einen Begriff an die Stelle des direkt gegenteiligen und zwar in der
einzigen Absicht dies direkte Gegenteil des Gesagten recht eindringlich
zu machen. Die in sich nichtige Bezeichnung soll, indem sie wie eine
geltende sich gebaerdet, ihre nicht bloss teilweise, sondern voellige
Nichtgeltung offenbaren und ihrem eigenen Gegenteil Geltung verschaffen;
und sie soll nur eben dies. In solcher Vernichtung des Nichtigen und
seinem Umschlag ins Gegenteil besteht aber, wie wir schon frueher meinten,
das eigentliche Wesen der Ironie. Die Ironie ist subjektiv komische oder
witzige, sofern das mit _logischem_ Anspruch auftretende nichtige Wort
oder Zeichen das Umschlagende ist.--So besonders geartet die ironische
Bezeichnung ist, so laesst sie sich doch unter die vergleichenden
Begriffssubstitutionen unterordnen. Auch tadelnswert und lobenswert,
abstossend und liebenswuendig sind ja einander nebengeordnete Begriffe.
Eine dritte Bemerkung betrifft die aeussere Form der witzigen
Substitution. Wie bei der witzigen Begriffsbeziehung auf Grund aeusserer
Aehnlichkeit das eine Mal der eine der beiden Begriffe, naemlich der im
Witze eigentlich gemeinte, aus dem anderen erraten werden musste, das
andere Mal beide, Begriffe ausdruecklich sich gegenueberstanden, so muss
auch hier der eine der beiden in die Beziehung eingehenden Begriffe oder
Gegenstaende, naemlich der mit der Bezeichnung gemeinte, das eine Mal aus
der Bezeichnung erraten werden, waehrend er das andere Mal ausdruecklich
genannt wird. Das Letztere wird speciell dann der Fall sein, wenn die
Bezeichnung nicht gelegentlich auftritt, als Teil eines Satzes, der
_irgend etwas_ aussagt, sondern als der eigentliche Gegenstand der
Aussage. Natuerlich wird sie in diesem Falle im allgemeinen hoeheren
Anspruch erheben. Sie wird witzige Charakteristik oder etwas dergleichen
sein. Jenen Namen wollen wir ihr den auch a parte potiori allgemein
beilegen.
Darum ist doch diese geflissentliche "_witzige Charakteristik_" in ihrem
Wesen nichts anderes als die gelegentliche witzige Bezeichnung. Die ganze
oben gemachte Unterscheidung hat hier weit weniger zu bedeuten, als in
dem angefuehrten frueheren Falle. Insbesondere ist die witzige
Charakteristik nicht, weil sie in Form eines vollstaendigen Urteils
auftritt, "witziges Urteil". Denn nicht darum handelt es sich dabei, eine
wirkliche oder scheinbare Wahrheit zum Bewusstsein zu bringen oder eine
Thatsache glaublich zu machen, durch Mittel, die dann doch wiederum die
ganze Aussage als nichtig erscheinen lassen, vielmehr will auch sie nur,
was als thatsaechlich bestehend _vorausgesetzt_ ist, in treffender und
zugleich unzutreffender Form _bezeichnen_. So will die witzige
Charakteristik der Beine Braesigs,--sie haben ausgesehen, als ob sie
verkehrt eingeschroben waeren, oder die _Fallstaff_'sche Charakteristik
_Schaals_,--er war wie ein Maennchen, nach Tisch aus einer Kaeserinde
verfertigt--nicht glaublich machen, _Braesigs_ Beine oder _Schaals_ ganzes
Aeussere sei wirklich der Art gewesen, um dann das Bewusstsein
wachzurufen, dass die Worte gar nicht als Traeger irgend einer Wahrheit,
also in keiner Weise ernsthaft gemeint sein koennen, sondern die eine will
eine bestimmte Beschaffenheit der Beine _Braesigs_, ebenso die andere eine
bestimmte Beschaffenheit des _Schaal_'schen Aeusseren, an die sie glaubt
und an die wir glauben, in einer bestimmten Weise kenntlich machen und
charakterisieren. Nur unter jener Bedingung aber waeren die Saetze, wie wir
sehen werden, "witzige Urteile"; sie koennten es, genauer gesagt, nur
sein, wenn sie als "witzige Uebertreibungen" gemeint waeren. Dagegen
gehoeren sie, so wie sie gemeint sind, trotz ihrer Form durchaus zu
unserer Gattung.
Endlich erweitert sich die witzige Charakteristik zur "_witzigen
Charakterzeichnung_", in der von einer Person oder Sache durch wenige
Zuege, die von rechtswegen kein moegliches Bild geben koennen, dennoch eines
gegeben wird. So wenn _Heyse_ sagt: er sah gesund, satt und guetig aus.
Das Wesentliche der Witzart ist, dass mehrere Bezeichnungen in ihrer
Zusammenordnung das Bild gegen alle strenge Logik ploetzlich
hervorspringen lassen, moegen im uebrigen die Bezeichnungen, wie in dem
angefuehrten Beispiel, allgemein, oder vergleichend oder
individualisierend sein. Ein Musterbeispiel der vergleichenden Art ist
Falstaffs bekannte Beschreibung der von ihm angeworbenen Soldaten.
Hier ist auch der Ort, wo wir der "_witzig zeichnenden Darstellung_" zu
gedenken haben. Sie steht mit jener witzigen Charakterzeichnung auf einer
Linie. Einige Striche, scheinbar planlos hingeworfen, ergeben ploetzlich
ein Gesicht und erscheinen doch wiederum dazu voellig ungenuegend. Dabei
kann die Karikatur fehlen.
Es giebt aber daneben eine "_witzige Karikaturzeichnung_". Sie ist witzig
nicht als Karikatur, sondern sofern sie das Urteil erzeugt, die Zeichnung
sei diese oder jene Person oder bezeichne diesen oder jenen Charakter,
waehrend doch zugleich das Bezeichnungsmittel gaenzlich unzutreffend
erscheint. Auch wieweit die Karikatur objektiv komisch ist, kommt fuer den
Witz nur soweit in Frage, als die komischen Zuege zugleich bezeichnend und
nicht bezeichnend erscheinen; an sich hat diese Komik mit dem Witze
nichts zu thun. Genauer steht die witzige Karikaturzeichnung mit der
witzig karikierenden Bezeichnung und, wenn sie ihr Objekt anderen
Gegenstaenden, etwa Menschen einem Tier oder einer geometrischen Figur
aehnlich macht, mit dem karikierenden Vergleich auf einer Stufe.--Jede
solche Zeichnung kann mehr oder weniger charakterisieren; sie kann auch
in den Dienst der Ironie treten.
b) Mit Vorstehendem sind wir bereits ueber die logische
Begriffssubstitution hinausgegangen. Zu ihr gesellt sich, wenn wir in das
Gebiet des sprachlichen Witzes zurueckkehren, die bildliche Substitution
oder die "_witzig bildliche Bezeichnung_". Jedes Bild ist seiner Natur
nach Substitution; zur witzigen Bezeichnung wird es, wenn es
ueberraschend, unzutreffend, allzuweit hergeholt scheint und doch
verstanden wird. Wie weit dafuer die obigen Bestimmungen gelten, habe ich
nicht noetig naeher auszufuehren. Nur daran erinnere ich, wie auch hier
gelegentliche Bezeichnung und ausdrueckliche Charakteristik sich
entgegenstehen. In einem trefflichen Beispiel dieser "_witzig bildlichen
Charakteristik_" bezeichnet Jeau Paul den Witz selbst als den Priester,
der jedes Paar kopuliert. Der Witz und ein Priester, das scheinen denkbar
unvergleichbare Dinge und doch trifft die Definition.
c) Die dritte Art der witzigen Substitution ist die "_parodische
Bezeichnung_". Eine doppelte Art derselben laesst sich unterscheiden. Die
eine beruht auf dem Vorhandensein verschiedener Sprachen innerhalb einer
und derselben Sprache. Das Volk, der Dichter, der Gelehrte, der
Handwerker, der Kuenstler in seinem Beruf, jeder spricht seine eigene
Sprache. Von solchen eigenen Sprachen war schon frueher die Rede. Aber
nicht um den witzigen Eindruck, den die Worte der Sprache auf den Fremden
machen, der sie versteht, und doch zugleich nicht als sinnvolle
Sprachzeichen anerkennen kann, handelt es sich hier, sondern in gewisser
Art um das volle Gegenteil davon. Nicht fremd muessen dem Hoerer die Worte,
die Redewendungen und Redeformen sein, die ich _parodierend_ gebrauche,
sondern wohlbekannt, aber bekannt als einer Gedankenwelt angehoerig, die
derjenigen fremd ist, in die ich sie verpflanze. Indem ich sie
verpflanze, nehme ich jene Gedankenwelt mit; die damit bezeichneten Dinge
erscheinen in der Beleuchtung derselben selbst fremdartig, verschoben,
verwandelt; zugleich sind sie doch dieselben geblieben; der fremdartige
Schein verschwindet; die parodierende Bezeichnung erscheint als Spiel,
das zur Sache nichts hinzugethan hat.
Die andere Art, die Parodie im engeren Sinn, verpflanzt nicht nur aus
einer Gedankenwelt, sondern aus einem speciellen Wort- und
Gedankenzusammenhang in einen anderen und fremdartigen. Vor allem sind es
dichterische Zusammenhaenge, aus denen wir parodierend Worte entnehmen
koennen. Auch diesen speciellen Wort- und Gedankenzusammenhang nehmen wir
bei der Verpflanzung mit. Indem er bei der bezeichneten Sache als
sachwidrig sich in nichts aufloest, entsteht der Witz.--Wie Worte und
Redewendungen, so koennen schliesslich ganze Citate--Spaet kommt ihr, doch
ihr kommt etc.--als parodische Bezeichnungen fungieren. Ich will ja, wenn
ich jemanden mit dem angefuehrten Citate begruesse, trotz der Satzform nur
eben ein Faktum mit _Schiller_'schen Worten _bezeichnen_.
Hierbei dachte ich vorzugsweise an diejenige Parodie, die aus
_aussergewoehnlichem_ Zusammenhange Worte und Wendungen in den
Zusammenhang des _gewoehnlichen Lebens_ verpflanzt. Ihr steht aber mit dem
gleichen Anspruche auf jenen Namen diejenige entgegen, die umgekehrt
Alltaegliches und Gelaeufiges aus seinem alltaeglichen Gedankenzusammenhang
hineinversetzt in den ausserordentlichen. Der Unterschied der beiden
Arten ist derselbe, den wir immer wieder zu machen Veranlassung hatten
und haben werden. Waehrend dort das aussergewoehnliche Wort das ihm von
Rechtswegen zukommende besondere Pathos verliert angesichts des von ihm
bezeichneten gewoehnlichen Gegenstandes, fuer welches das Pathos nun einmal
nicht passt, scheint _hier_ das _gewoehnliche_ Wort, indem es in dem
aussergewoehnlichen Zusammenhange verwandt wird, ein Pathos zu _gewinnen_,
zu dessen Traeger es dann doch wiederum nach gewoehnlicher Anschauung nicht
dienen kann.--So sehr beide Arten sich gegenueberstehen, so ist doch der
psychologische Vorgang, soweit er fuer den Witz in Betracht kommt, im
wesentlichen derselbe.
Wiederum erwaehne ich die karikierende und hyperbolische, die
charakterisierende und ironische Parodie nicht besonders, obgleich alle
diese Moeglichkeiten bestehen. Dagegen ist mir die Beziehung der Parodie
zur objektiven Komik wichtig. Nichts hindert natuerlich, das Wort Parodie
zugleich in einem allgemeineren Sinne zu nehmen und jede Einfuegung in
einen neuen und fremdartigen Zusammenhang, wodurch das Eingefuegte Traeger
der Komik wird, so zu nennen. Dann giebt es neben der witzigen auch eine
objektiv komische oder kuerzer objektive Parodie, beide sich entsprechend
und doch so unterschieden wie Witz und objektive Komik ueberhaupt
unterschieden sind. Insbesondere gehoert zur objektiven Parodie die oben
besprochene _Darstellung_ des objektiv Komischen--einschliesslich der
mimischen "Nachahmung"--sofern sie das Komische aus dem Zusammenhange, in
dem es sich versteckt, heraushebt und in den Zusammenhang der Darstellung
und damit in das helle Tageslicht setzt, in dem es erst in seiner Komik
offenbar wird; dann freilich auch jene Afterparodie, die auch das
Erhabenste so mit dem Niedrigen zu verbinden weiss, dass es von seiner
Hoehe herabstuerzt und dem Lachen preisgegeben wird. Jene
charakterisierende Art dient, wie wir sahen, dem Humor, ich meine dem
echten Humor, von dem die Aesthetik redet. Diese, die schon _Goethe_ mit
Recht "gewissenlos" fand, ist ebendarum auch jedes aesthetischen Wertes
bar.
Es kann aber auch, abgesehen von dieser Korrespondenz, die objektiv
komische Parodie, vor allem die der Nachahmung--ebenso wie die objektiv
komische Karikatur--zur witzigen Parodie werden. Die parodierende
Nachahmung ist es immer, wenn ich durch sie nicht nur das Nachgeahmte
laecherlich erscheinen lasse, sondern zugleich etwas, das ich sagen will,
in spielender Weise ausdruecke. Hierher gehoert die witzige Rache des
italienischen Malers, von der schon im zweiten Abschnitt die Rede war.
Der Maler stellt den Prior, indem er dem Judas seine Zuege leiht, in den
Gedankenzusammenhang, der durch den Namen Judas bezeichnet ist. Dass der
Prior zum Judas wird, ist objektiv komisch. Dass aber der Maler ihn so
erscheinen laesst, also sein Urteil ueber den Prior zu erkennen giebt durch
dieses Quidproquo, diese unlogische Einfuegung der Gestalt in den voellig
fremdartigen Zusammenhang, dies ist witzig. Es ist Bezeichnung durch ein
zur Bezeichnung von Rechtswegen untaugliches Mittel und insofern Witz von
der hier in Rede stehenden Art.
Etwas anders geartet, aber ebenso hierhergehoerig ist die bekannte witzige
Selbstparodie aus den fliegenden Blaettern: Ein X. pflegt sich in seiner
regelmaessigen Gesellschaft nur dadurch bemerkbar zu machen, dass er in
allem, was vorkommt, einen "famosen Witz" findet. Einmal verabredet sich
die Gesellschaft ihm durch Schweigen die Gelegenheit dazu zu nehmen. X.
tritt ein, sieht sich um, und meint: "famoser Witz". Damit parodiert er
sich selbst, bezeichnet aber zugleich die Situation. Er thut es witzig,
eben weil er damit nur sich selbst zu parodieren scheint.
2. Mit der vorstehend eroerterten Witzart haengt diejenige, bei der ein
erfahrungsgemaesser sachlicher Zusammenhang von Begriffen der witzigen
Begriffsbeziehung zu Grunde liegt, eng zusammen. Dies gilt insbesondere,
insoweit auch diese Begriffsbeziehung als Beziehung zwischen einem
Gegenstande und seiner Bezeichnung sich darstellt. Ich kann bezeichnen
nicht nur, indem ich sage, was etwas ist, sondern auch durch die Angabe
sekundaerer Momente, durch Kennzeichnung der Gruende oder Folgen einer
Sache, der Arten einer Person zu handeln sich zu gebaren etc., kurz durch
Momente, die mit dem zu Bezeichnenden erfahrungsgemaess zusammenhaengen.
Diese Bezeichnung muss nur wieder, um witzig zu sein, ueberraschend,
fremdartig, ganz ungehoerig, die angegebenen Umstaende muessen weithergeholt
oder gaenzlich unmoeglich, trotzdem aber bezeichnend erscheinen. So ist es
weithergeholt, wenn der Italiener einen, wenn nicht nach italienischen,
so doch nach unseren Begriffen unentbehrlichen Teil der menschlichen
Wohnung als denjenigen bezeichnet, dove anche la regina va a piedi;
dagegen wird Unmoegliches vorausgesetzt, wenn ich von einem Menschen sage,
er sei so fett, dass sein Anblick Sodbrennen errege, oder wenn ich eine
lange Nase--nach Haug--damit bezeichne, dass ich erzaehle, sie sei fuer
einen Schlagbaum gehalten worden, oder--nach Jean Paul--damit, dass ich
angebe, ihr Eigentuemer habe nicht sterben koennen, weil sein Geist, wenn
er ihn habe aufgeben wollen, immer wieder in die Nase zurueckgefahren
sei.--Die letzteren Faelle koennten auch einer anderen Witzgattung
zugehoerig scheinen. In der That ist es ein witziges Urteil, und speciell
eine Art "Muenchhausiade", wenn ich jemand glauben machen will, der blosse
Anblick des Fetten koenne die angegebene Wirkung auf den Magen haben. Aber
nicht um die Erzeugung dieses Glaubens handelt es sich hier, sondern um
seine Verwertung zu einem anderen Zweck, naemlich eben zum Zweck der
witzigen Bezeichnung. Dass eine Wirkung einen Augenblick fuer moeglich
gehalten werden koenne, dies ist die _Voraussetzung_ fuer die Moeglichkeit,
die uebermaessige Fettigkeit in der angegebenen Weise zu bezeichnen. Indem
jener Gedanke in nichts zergeht, erscheint auch die Bezeichnung wiederum
nichtig. So verhalten sich also Moeglichkeit und Unmoeglichkeit der
behaupteten Wirkung, die das witzige _Urteil_ machen, zur zutreffenden
und zugleich nicht zutreffenden, kurz zur witzigen _Bezeichnung_, wie
Voraussetzung und Folge; jene witzige Bezeichnung ist so wenig ein
witziges Urteil, als die Voraussetzung die Folge ist.
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