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Komik und Humor by Theodor Lipps

T >> Theodor Lipps >> Komik und Humor

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Diese "_witzige Bezeichnung durch abgeleitete Momente_" kann wiederum,
wie die Beispiele zeigen, zugleich karikierend und speciell hyperbolisch
sein. Sie ist andererseits bald rein spielend bald charakterisierend oder
ironisierend. Auch sie wird zur witzigen Charakteristik und erweitert
sich zur witzigen Charakterzeichnung. Man denke etwa an die Art, wie
_Heinz Percy_'s Charakter aus seinen Worten und der Art sich zu gebaren
mit wenig Strichen zeichnet.

Neben dieser Art steht als zweite die eigentliche "_witzige
Begriffsverbindung_". Bei ihr sind dieselben beiden Moeglichkeiten; die
Begriffsverbindung ist sachlich in Ordnung und scheint nur nichtig, weil
sie ueberraschend, fremdartig oder mit scheinbarem Widerspruch behaftet
ist, oder sie ist unmoeglich, scheint aber moeglich, weil ein sachlicher
Zusammenhang zu Grunde liegt, der nur gesteigert, ergaenzt, verschoben,
kurz witzig ausgebeutet wird. Die erstere Moeglichkeit verwirklicht sich
in der "_witzigen Scheintautologie_" und dem "_Oxymoron_" oder witzigen
Scheinwiderspruch:--Beides ist vereinigt, wenn ich von Waschweibern oder
alten Jungfern weiblichen und maennlichen Geschlechtes rede--; sie
verwirklicht sich andererseits in allen moeglichen dem gewoehnlichen
Sprachgebrauch zuwiderlaufenden, knappen, Mittelglieder auslassenden oder
nach sachlicher Analogie gebildeten Begriffsverbindungen, so wenn
_Falstaff_ sagt: ich kann "keinen Schritt weiter rauben" u. s. w.

Der zweiten Art sind zunaechst die schon an anderer Stelle angefuehrten
Faelle des "_witzigen Widersinns_": Messingnes Schluesselloch und
dergleichen. Der Zusammenhang zwischen Messing und Schluesselloch leuchtet
ein, nur dass das Schluesselloch nicht selbst aus Messing sein kann.
Ebendahin gehoert der doppelte Kinderloeffel fuer Zwillinge, der lederne
Handschuhmacher und dergleichen. Sofern hier die sachlich zu Recht
bestehende Begriffsverbindung witzig verschoben ist, kann der Witz als
"_karikierende Begriffsverbindung_" bezeichnet werden. Eine Abart
wiederum ist das "_witzige Fallen aus dem Bilde_" und die "_witzige
Bilderverwechselung_"--Mitten im tiefsten Morpheus--Beim ersten Kraehen
der rosenfingrigen Eos--; auch hier wird ja der Witz durch einen
sachlichen Zusammenhang ermoeglicht.


DAS WITZIGE URTEIL.

III. Das _witzige Urteil_ bildet, wie schon gesagt, die dritte
Hauptgattung. Bei ihr wird eine Wahrheit verkuendigt in einer Form, die
die ganze Aussage wiederum als nichtig, als blosses Spiel erscheinen
laesst; oder eine Scheinwahrheit, die logisch in nichts zergeht. Wiederum
beruht die witzige Aussage auf den genannten vier Arten des
Vorstellungszusammenhanges.

A. 1. Ein witziges Urteil ist zunaechst die "_witzige Satzverdrehung_",
die der witzigen Wortverdrehung entspricht. Ein Satz sagt genau genommen
gar nichts, aber der Hoerer erkennt ihn als geflissentliche Verdrehung
eines anderen und findet die gemeinte Wahrheit heraus. Oder ein Satz
enthaelt einen voelligen Widersinn, der Hoerer erraet aber, was gesagt sein
soll, aus der blossen Aehnlichkeit des Gesagten mit einem moeglichen
sinnvollen Satz. Im letzteren Falle ist die Verdrehung zum "_witzigen
Gallimathias_" geworden. Jedes Durcheinanderwerfen von Worten, allerlei
falsche Konstruktionen koennen diesen Witzarten dienen.

Das Gegenstueck bildet der "_witzige Unsinn_", der an anerkannte
Wahrheiten aeusserlich anklingt und darum selbst fuer den Augenblick als
Ausdruck einer Wahrheit genommen wird. Der wesentliche Unterschied ist,
dass dort eine Wahrheit im Gewande des Unsinns, hier ein Unsinn im
Gewaende der Wahrheit auftritt.

2. Derselbe Erfolg kann erreicht werden durch allerlei aeussere
Sprachformen, die nun einmal erfahrungsgemaess der Verkuendigung oder
Eindringlichmachung der Wahrheit zu dienen pflegen. Es giebt allerlei
Ueberzeugungsmittel, z. B. Gruende. Aber die stehen nicht jederzeit zur
Verfuegung. Da muessen dann andere Mittel eintreten. Man betont, druckt
gesperrt oder fett. Manche Schriftsteller lieben es, in dieser Weise dem
Drucker das Ueberzeugen zu ueberlassen. Man kann sich darauf verlassen,
dass sie um so betonter reden, je weniger Gruende sie haben. Dieses
Mittels kann sich auch der Witz bedienen, so wie jedes unlogischen
Mittels. Man betont den Widersinn, spricht ihn mit Emphase aus. Je
groesser der Applomb und die Unverfrorenheit, desto eher wird das
Vertrauen sich rechtfertigen, dass man wenigstens fuer den Augenblick den
Eindruck der Wahrheit mache.

Aehnliche Wirkung haben andere Mittel. Man bringt eine Behauptung immer
wieder vor, man bringt sie nebenbei, im Tone der Selbstverstaendlichkeit,
man leitet sie ein mit einem "bekanntlich", citiert angeblich: wie schon
der oder der grosse Gelehrte oder Dichter mit Recht gesagt hat; man
kleidet sie in moeglichst wissenschaftliche Form, spart auch langatmige
Fremdwoerter nicht; beruehmte allermodernste Philosophen koennen dabei als
Muster dienen. Endlich ist die poetische Form nicht zu verachten.

Immer beruht bei diesem "_witzigen Erschleichen_" der Eindruck des Witzes
auf der Gewohnheit, Wahrheit zu suchen hinter dem aeusseren Gewande der
Wahrheit. Es stehen aber neben jenen Faellen andere, in denen nicht eine
voellig neue Wahrheit verkuendigt, sondern nur eine nichtsbedeutende in
eine gewichtige verwandelt wird. Dazu dienen speciellere formale Mittel.
Ein Beispiel ist die bekannte witzige Definition des Kopfes: "Der Kopf
ist ein Auswuchs zwischen den beiden Schulterknochen, welcher erstens das
Herausrutschen des Krawatt'ls verhindert, und zweitens das Tragen des
Helmes bedeutend erleichtert". Dass der Kopf dies ist, bezweifelt
niemand. Die Form der Definition aber macht daraus eine Wesensbestimmung.
Sofern der Witz unmoeglich waere ohne die in der Definition thatsaechlich
liegende Wahrheit, die der Witz nur steigert oder ergaenzt, scheint er
freilich einer anderen sogleich zu besprechenden Art anzugehoeren.
Indessen ist es eben doch diese aeussere Form der Definition, durch die
die Steigerung oder Ergaenzung bewerkstelligt wird.

B. Worin diese andere Art bestehe, ist auch schon gesagt. Mit Veraenderung
eines schon citierten _Jean Paul_'schen Ausdrucks koennen wir sie als
diejenige bezeichnen, die halbe, Viertelswahrheiten zu ganzen Wahrheiten
macht.

1. Dies kann in doppelter Weise geschehen. Wir lassen uns verfuehren, den
Inhalt einer Behauptung zu glauben, oder momentan fuer moeglich zu halten,
weil Aehnliches allerdings vorkommen kann. Ich erzaehle etwa allerlei
eigene oder fremde Erlebnisse, wie sie im Einzelnen wohl erlebt sein
koennten, die aber im Ganzen so ausserordentlich sind, und ein so
merkwuerdiges Zusammentreffen von Umstaenden voraussetzen wuerden, dass der
Hoerer, ohne mit Gruenden widersprechen zu koennen, doch Grund hat die
"_witzige Aufschneiderei_" fuer eine solche zu halten.

Oder ich steigere moegliche Vorkommnisse bis zur Unglaublichkeit oder
Unmoeglichkeit, doch so, dass ein gewisser Schein der Moeglichkeit bleibt.
Diese "_witzige Uebertreibung_" haben wir schon unterschieden von der
hyperbolischen Bezeichnung, die nicht etwas Ungeheuerliches glauben
machen, sondern ein als wirklich Vorausgesetztes in ungeheuerlicher Weise
_bezeichnen_ will.

2. Mit diesen beiden Witzarten nahe verwandt und doch davon verschieden
ist diejenige, durch die wir verfuehrt werden die erfahrungsgemaesse
Beziehung zwischen einem Thatbestand und einem anderen gewohnheitsmaessig
festzuhalten, unter Umstaenden, unter denen dieselbe aus einleuchtenden
Gruenden nicht mehr stattfinden kann. Wir vollziehen, indem wir sie
festhalten, einen falschen Analogieschluss, den wir doch sofort als
falsch erkennen. Solche "_Witze aus falschem Analogieschluss_" sind die
"_Muenchhausiaden_" nach Art der schon einmal angefuehrten Erzaehlung
Muenchhausens, dass er sich selbst am Schopf aus dem Sumpf gezogen habe.
Nicht minder die "_witzigen Probleme_": "Wie kann man mit einer Kanone um
die Ecke schiessen?--Bekanntlich beschreibt das Geschoss eine Kurve; man
braucht also nur das Rohr auf die Seite zu legen". Speciell als
"_Vexierwitze_" koennte man die Witze bezeichnen, die auf Grund der
falschen Analogie einen bestehenden Sachverhalt voellig auf den Kopf
stellen, wie die Anklage gegen _Schiller_, dass er in seinem Wallenstein
eine so abgedroschene Phrase vorbringe, wie "Spaet kommt ihr, doch ihr
kommt".

Wie bei diesen Witzen "Unsinn im Gewande der Wahrheit", so tritt auch
hier in einer zweiten Art "Wahrheit im Gewande des Unsinns" auf. Ich
denke an die "_spielenden Urteile_" im engeren Sinne, bei denen sachlich
alles in Ordnung und nur die Form unfaehig erscheint, ueberhaupt als Traeger
einer Wahrheit zu dienen. Hier findet _Schleiermacher_'s Definition der
Eifersucht ihre Stelle, und mit ihr alle moeglichen wichtigen und banalen
Wahrheiten, deren Form durch gleichartig wiederkehrende Worte oder auch
nur Konsonanten oder Vokale, durch Haeufung sehr kurzer oder sehr langer
Worte--man denke etwa an das Wortgefecht zwischen _Aeschylos_ und
_Euripides_ in _Droysen_'s herrlicher Uebersetzung der "Froesche"--durch
scherzhafte Reimerei oder dgl. den Charakter des Spielenden und damit
logisch Kraftlosen gewonnen haben. Als besondere Art hinzugefuegt werden
kann noch die "_witzige Kuerze_", die mit einem Wort, einer Handbewegung
eine Antwort giebt, oder ein Urteil faellt, und endlich so kurz werden
kann, dass nur das beredte "_witzige Schweigen_" uebrig bleibt.


DIE WITZIGE URTEILSBEZIEHUNG.

IV. Die _witzige Urteilsbeziehung_ setzt zwei--oder mehrere--Urteile in
Beziehung. Dabei ist--sogut wie bei der witzigen Begriffsbeziehung--die
Beziehung der eigentliche Traeger des Witzes. Sie wird hergestellt durch
Mittel, die doch logisch nichtig sind oder scheinen. Ebenso nichtig
erscheint dann die Beziehung zwischen den Urteilen oder die Geltung, die
einem Urteil aus dieser Beziehung erwachsen ist.

A. 1. Das erste logisch nichtige und trotzdem wirksame Mittel eine solche
Beziehung herzustellen, die aeussere Aehnlichkeit oder Gleichheit,
begruendet Witzarten von ziemlich verschiedenem Charakter. Vor allem sind
wieder die beiden Faelle moeglich, dass das eine Urteil ausgesprochen wird
und das andere aus ihm erschlossen oder in ihm wiedererkannt werden muss,
und dass die ausdrueckliche Beziehung beider Urteile zu einander den Witz
begruendet. Dann aber verwirklicht sich wiederum jene Moeglichkeit, die der
"_Doppelsinn-Witze_", in verschiedener Art.

Das ausgesprochene Urteil laesst ein anderes _ohne weiteres_ erraten in
der "_witzigen Zweideutigkeit_" von der Art des bekannten "C'est le
premier vol de l'aigle". Niemand konnte etwas dagegen einwenden, wenn der
franzoesische Hofmann die erste That des _Louis Philipp_, die Konfiskation
der Gueter der Orleans, als ersten Flug des Adlers, also als le premier
"vol" de l'aigle bezeichnet. War sie aber le premier vol du l'aigle, dann
war sie auch der erste Raub des Adlers, da in dem Satze beides liegt. Es
folgt also aus der Annahme des einen Gedankens, durch das Mittel des
Satzes, in dem er sich verkoerpert, die Annahme des anderen Gedankens,
nicht mit logischer, aber mit einer gewissen psychologischen
Notwendigkeit. Genauer ist hier das Bindemittel das zweideutige Wort
"vol".

Nicht so ohne weiteres ergiebt sich das Urteil, das erraten oder
erschlossen werden soll, bei anderen Arten. Indem der franzoesische
Dichter auf die Aufforderung des Koenigs ein Gedicht zu machen, dessen
sujet er sei, antwortet, le roi n'est pas sujet, erwartet er wiederum,
dass man aus der Selbstverstaendlichkeit, die er sagt, dass naemlich der
Koenig nicht Unterthan sei, durch das Mittel des Wortes sujet das andere
Urteil ableite, der Koenig koenne nicht sujet eines Gedichtes sein. Aber er
erwartet es, weil das Wort sujet soeben von dem Koenig in diesem anderen
Sinne gebraucht worden ist. Der Dichter hat in seiner Antwort diesen Sinn
mit demjenigen, den die Antwort voraussetzt, vertauscht. Wir koennen diese
Witzart darum als "_witzige Begriffsvertauschung_" bezeichnen.

Dieselbe gewinnt anderen und anderen Charakter je nach dem Verhaeltnis, in
dem die beiden Bedeutungen des einen Wortes zu einander stehen. Verhalten
sie sich zu einander als engere und weitere Bedeutung, so mag man den
Witz "limitierende" Begriffsvertauschung nennen. "Kann er Geister
citieren?--Ja, aber sie kommen nicht" waere ein Beispiel. Der Gefragte
kann Geister citieren wie jedermann. Nehmen wir das Wort zugleich in dem
engeren Sinne der Frage, so hat der Frager seine vollgueltige Antwort.

Eine andere Abart der witzigen Vertauschung ist die "_witzige Deutung_".
"Wenn ein Soldat in einem Wirtshaus mit einem Offizier zusammentrifft, so
trinkt er sein Bier aus und geht nach Hause.--Was thust du also, wenn du
in einem Wirtshause mit einem Offizier zusammentriffst?--Ich trinke sein
Bier aus und gehe nach Hause". Hier ist das doppeldeutige auf den
Soldaten und den Offizier beziehbare "sein" das Bindemittel.

Nicht immer ist es ein einzelnes Wort, dessen Doppelsinn beide Urteile
entstehen laesst. Auch ein Satz als Ganzes, eine Frage oder Behauptung,
endlich eine Handlung kann in doppeltem Sinn genommen werden und so den
Witz begruenden. Eine Handlung etwa ist Gegenstand der witzigen
Sinnvertauschung, wenn der Bediente, dessen Herr im Zorn ein Gericht zum
Fenster hinauswirft, Miene macht das ganze uebrige Essen sammt Tischtuch
etc. folgen zu lassen: der Herr wuenschte ja wohl auf dem Hofe zu speisen.

Ueberall haftet hier der Doppelsinn an denselben unveraenderten Zeichen.
Muss mit diesen erst eine Veraenderung vorgenommen werden, so entsteht die
"_witzige Urteilskarikatur_", der witzigen Wortkarikatur entsprechend.
Sie ist jenachdem Veraenderung der Interpunktion, der Betonung, oder
einzelner Worte. Ich verwandle das _Schiller_'sche: "Mein Freund kannst
du nicht laenger sein" in die Frage: Mein Freund, kannst du nicht _laenger_
sein? als haette Schiller jemanden diese Frage stellen lassen. Oder ich
lasse _Schiller_ sagen: Die schoenen Tage von Oranienburg sind jetzt
vorueber u. dgl.

Ihrer Stellung nach damit verwandt sind die "_witzigen Uebersetzungen_",
soweit sie eine in Gedanken vollzogene Karikatur der uebersetzten Worte
voraussetzen. "Vides, ut alta stet nive candidus Soracte--Siehst du, wie
da der alte Kandidat Sokrates im Schnee steht". Zugleich rechnen sie auf
Gleichklang von fremden Worten und solchen der eigenen Sprache, und vor
allem auf den Umstand, dass die fremde Sprache eben eine fremde ist, bei
der wir uns auf den ersten Blick allerlei unglaubliche Konstruktionen und
Verdrehungen gefallen lassen.

Auch bei dieser Witzart soll noch aus dem einen Urteil, in dem der Witz
enthalten ist, das andere _wiedererkannt_ werden. Sehr viel weniger
mannigfaltig als diese Gattung ist die andere, in der die ausdrueckliche
Beziehung der Urteile zu einander den Witz begruendet. Wir wollen sie als
"_witzige Urteilsantithese_" bezeichnen. "Es giebt viele Dinge zwischen
Himmel und Erde, von denen sich unsere Schulweisheit nichts traeumen
laesst; aber noch viel mehr Dinge laesst sich unsere Schulweisheit traeumen,
die es weder im Himmel noch auf Erden giebt". Das zweite Urteil hat im
Grunde mit dem ersteren inhaltlich wenig zu thun. Vermoege der aeusseren
Aehnlichkeit aber scheint es nur eine Modifikation desselben. Diese Art
ist dem "Klangwitz" voellig analog.

2. Ebenso steht mit der witzigen Begriffsverbindung in Analogie die
"_witzige Urteilsverbindung_", in der der Schein der logischen
Zusammengehoerigkeit von Urteilsinhalten erzeugt wird durch aeussere
Sprachmittel, die sonst erfahrungsgemaess die Zusammengehoerigkeit
bezeichnen.

Auf der Grenze zwischen dem witzigen Urteil und dieser neuen Witzart
steht die "_witzige Urteilsverschmelzung_". Wenn ich "Galilei auf dem
Scheiterhaufen zu Worms" in die Worte ausbrechen lasse: "Solon, Solon,
gieb mir meine Legionen wieder" so verschmelze ich nicht weniger als fuenf
Urteile oder Thatsachen miteinander. Freilich stehen die Thatsachen auch
an sich in einem gewissen Zusammenhang. Aber ihre Vereinigung in eine
einzige ist doch nur durch die aeussere Form, die in diesem Falle keine
andere ist als die Form des einheitlichen Urteils, zuwege gebracht.

So pflegt auch bei den beliebten Vereinigungen unzusammengehoeriger
_Schiller_'scher und sonstiger Verse, die bald Verschmelzung bald
Verbindung ist, eine gewisse sachliche Beziehung zu Grunde zu liegen.
"Wie ein Gebild aus Himmelshoehen sieht er die Jungfrau vor sich stehen,
die mit grimmigen Gebaerden urploetzlich anfaengt scheu zu werden".
Ausserdem traegt die aeussere Form, das gemeinsame Pathos dazu bei, die
aeussere Verbindung als Traeger einer sachlichen Zusammengehoerigkeit und
damit den ganzen Unsinn als wirkliches dichterisches Erzeugnis erscheinen
zu lassen.

Es bedarf aber weder dieser sekundaeren aeusseren Hilfsmittel noch
irgendwelches einleuchtenden sachlichen Zusammenhangs, um die witzige
Urteilsverbindung herzustellen. Ich lese in einer Zeitung Anzeigen aller
Art ohne Pause hintereinander ab, verbinde was mir gerade einfaellt, durch
satzverbindende Worte, begruende eine Aussage durch ein Beispiel, das
keines ist, eine Analogie, die nicht zutrifft, eine allgemeine Regel, die
nicht hierhergehoert--lediglich darauf vertrauend, dass der Hoerer, durch
die aeussere Verbindung verfuehrt, eine sachliche wenigstens suchen, oder
durch die begruendende Form, das "denn", "also", "wie z. B." getaeuscht,
einen Augenblick an eine wirkliche Begruendung glauben, also dem nichts
bedeutenden Satze die entsprechende Geltung zugestehen werde.

Immerhin wird auch hierbei der Witz gewinnen, wenn zur aeusseren Form eine
gewisse, nur logisch ungenuegende, sachliche Beziehung hinzutritt. Dies
gilt auch von einigen Faellen der witzigen Urteilsverbindung, die noch
besondere Hervorhebung verdienen. Ich meine zunaechst den "_verdeckten
Hieb_" oder die "_gelegentliche Abfertigung_", die eine wichtige
Bemerkung, durch die jemand getroffen werden soll, in eben ihr
fremdartigen Zusammenhang zugestandener Thatsachen nebenbei einflicht, so
dass sie als dazu gehoerig und mit ihm gleich unangreifbar erscheint, oder
die umgekehrt eine richtige Behauptung in einen Zusammenhang offenbar
unsinniger Behauptungen gelegentlich verwebt und dadurch als gleichfalls
unsinnig charakterisiert. Die Moeglichkeit dieser Witzart beruht darauf,
dass wir auch in unserem Glauben und Nichtglauben einem Gesetze der
Traegheit unterliegen. Sind wir einmal im Zuge fuer wahr oder fuer nichtig
zu halten, Beifall zu spenden oder zu verurteilen, so lassen wir uns
nicht so leicht irre machen. Wir beduerfen sozusagen eines neuen Anlaufes,
damit wir wieder kritikfaehig werden. Aber eben dazu laesst uns die
gelegentliche Bemerkung keine Zeit.

Diesem Falle steht zur Seite und doch in gewisser Art entgegen das
"_witzige Ceterum censeo_", das eine Behauptung dadurch beweist, dass es
sie mit moeglichst verschiedenartigen Thatsachen verbindet, und durch die
Art der Verbindung als den Punkt erscheinen laesst, in dem alle die
Thatsachen muenden, oder von dem sie alle ausgehen.

Schliesslich muss noch ein Fall ganz besonders hervorgehoben werden,
naemlich der Fall der nicht nur nebenbei ironisierenden, sondern
eigentlich "ironischen Urteilsverbindung". Sie ist wiederum "_witzige
Einschraenkung_" oder "_ironische Widerlegung_". Jene verkuendigt eine
angebliche Thatsache, z. B. volle Pressfreiheit, um dann Ausnahmen oder
Einschraenkungen hinzuzufuegen, die von der Thatsache nichts mehr uebrig
lassen. Diese widerlegt ein scheinbar angenommenes Urteil--"Brutus ist
ein ehrenwerter Mann; so sind sie alle ehrenwerte Maenner"--durch
Thatsachen, die dasselbe scheinbar bestaetigen. In beiden sind die
Bedingungen der Ironie verwirklicht, insofern beide ein nichtiges Urteil,
das erst wie ein gueltiges auftritt, vernichten und in sein Gegenteil
umschlagen lassen. Nur dass bei der ironischen Widerlegung auch der
Schein der Bestaetigung umschlaegt. Das Mittel der Vernichtung sind beide
Male Thatsachen. Damit ist eine zweite Art der Ironie gewonnen neben
jener, die in der ironischen Bezeichnung uns entgegentrat.

B. Eine innere sachliche Beziehung und zwar zunaechst eine innere
Verwandtschaft oder teilweise Inhaltsgleichheit liegt der witzigen
Urteilsbeziehung zu Grunde vor allem in den der witzigen
Begriffssubstitution analogen Faellen, in denen eine Wahrheit in--logisch
betrachtet--zu allgemeiner Form oder in Form einer Analogie, oder zu
speciell ausgesprochen wird, doch so, dass aus dem vorhandenen Urteile
das gemeinte, also jene Wahrheit, unmittelbar abgeleitet werden kann. Ich
beantworte eine Frage, spreche ein Urteil, einen Tadel aus, nicht direkt,
sondern in Form einer allgemeinen Wahrheit, eines Urteils, das sich auf
aehnliche Dinge oder vergleichbare Verhaeltnisse bezieht, durch eine
Geschichte, ein Beispiel, das ich erzaehle oder an das ich erinnere.

Diese Witzart kann als "_witzige Urteilssubstitution_", sie koennte, wenn
es erlaubt waere, das Wort Allegorie in seinem weitesten Sinn zu nehmen,
auch als "_witzige Allegorie_" bezeichnet werden. Wie bei der witzigen
Begriffssubsitution, so sind hier die drei Moeglichkeiten: die
Substitution ist einfach logische, bildliche, parodische. Die beiden
letzteren begruenden das "_witzig bildliche Urteil_" und das "_parodische
Urteil_".

Wiederum sind innerhalb der ersteren, nicht bildlichen oder parodischen
Art diejenigen Unterarten die wichtigsten, die das gemeinte Urteil durch
eines von verwandtem oder von speciellerem Inhalt ersetzen. Das Eine wie
das Andere kann geschehen in einem Satze oder in laengerer Rede: in
Epigrammen, Sprichwoertern, wie sie der Volkswitz schafft, oder in
ausgefuehrten Gleichnissen, Schwaenken, Fabeln. "Aus ungelegten Eiern
schluepfen keine Huehner"; "Wer auf dem Markt singt, dem bellt jeder Hund
ins Lied"; "Die Laus, die in den Grind kommt, ist stolzer als die schon
drin sitzt", so sagt der Volkswitz, und drueckt damit drastisch allgemeine
Wahrheiten aus. Dagegen erzaehlt _Hans Sachs_ in "St Peter mit der Gais"
eine _Geschichte_, um zu zeigen, wie thoericht es ist, Gott ins
Weltregiment zu reden.--Nebenbei muss bemerkt werden, dass das
volkstuemliche Sprichwort aller moeglichen Mittel des Witzes sich bedient,
die in diesem Zusammenhange erwaehnt wurden, deren eigentuemliche
Verwendung innerhalb des Volkssprichwortes aber nicht jedesmal bezeichnet
werden konnte.

Auch das witzig bildliche Urteil ist vorzugsweise im Volkssprichwort zu
Hause. Von der bildlichen Bezeichnung ist es dadurch unterschieden, dass
es ganz in die Sphaere des Bildes sich begiebt und da urteilt. Es muss
zunaechst in der bildlichen Sphaere einleuchten, und es muss ebendarum auch
einleuchten, wenn das Bild in die Sache uebersetzt wird. "Die Nase hoch
tragen" ist bildliche Bezeichnung. "Wer die Nase hoch traegt, dem regnet's
hinein" ist ein bildliches Urteil. Solche Urteile werden witzig in dem
Masse als sie zugleich fremdartig, ueberraschend, im Grunde zum Ausdruck
ihrer Meinung logisch ungeeignet erscheinen.--In ausgefuehrterer Weise und
kunstmaessiger tritt das bildliche Urteil auf in der "_Allegorie_" im
engeren Sinne. Man denke etwa an _Schiller_'s "Pegasus im Joche."

Ebenso wie zur bildlichen Bezeichnung das bildliche Urteil, verhaelt sich
zur parodischen Bezeichnung das parodierende Urteil. Es kann sich
steigern bis zur ausgefuehrten Parodie, die Gewoehnliches in der Sprache
und Form der hohen Epik oder umgekehrt Erhabenes in der Sprache des
Alltagslebens darstellt. Die letztere Art der Parodie pflegt man auch
wohl als Travestie zu bezeichnen. Kleidet das parodierende Urteil, was es
sagen will, nicht nur im allgemeinen in die Sprache und Form, die nun
einmal einer fremden Gedankenwelt eigentuemlich ist, sondern in Worte, die
einem bestimmten fremdartigen Gedankenzusammenhange angehoeren, so wird es
zum "parodierenden Citat". Jedes Citat, das sich an Stelle einer direkten
Aussage setzt, gehoert hierher, wenn es genuegend fremdartig klingt.

Bei Betrachtung der witzigen Begriffssubstitution hob ich besonders
hervor die karikierende und speciell hyperbolische, andererseits die
charakterisierende und ironische. Diese Unterschiede gelten auch hier.
Aber nur auf die hierhergehoerigen ironischen Urteile mache ich besonders
aufmerksam. Wir begegneten dort einer ironischen Bezeichnung im engeren
und eigentlichen Sinne. Dieser entspricht das einfache "_ironische
Urteil_". Es waere ein parodierendes Urteil mit ironischem Charakter, wenn
ich dem Wunsch eines anderen, eine Kleinigkeit, die er bei mir sieht, in
die Hand oder an sich zu nehmen, mit den Worten begegnete: Die Sterne,
die begehrt man nicht, man freut sich ihrer Pracht. Ich redete von
Sternen und meinte etwas einem Sterne moeglichst wenig Aehnliches. Ein
ironisches Urteil aber haette ich damit nicht gefaellt. Dazu gehoert, nach
unserem Begriff der Ironie, dass das ganze Urteil als solches, indem es
gefuellt wird, zergeht und in sein Gegenteil umschlaegt. Und ein einfaches
ironisches Urteil kann nur dasjenige heissen, das ohne weiteres oder in
sich selbst zergeht und umschlaegt, indem es ins Dasein tritt. Ein solches
ironisches Urteil faelle ich, wenn ich jemand lobe, dass er seine Pflicht
gethan, so oder so sich verhalten habe, in keiner anderen Absicht, als um
ihm zum Bewusstsein zu bringen, dass er alles das nicht gethan hat. Nur
die Art des Urteils und die Gelegenheit, bei der es auftritt, machen
hier, dass das Urteil ins Gegenteil umschlaegt.

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