Komik und Humor by Theodor Lipps
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Lassen wie uns aber den "Wettstreit" fuer einen Augenblick gefallen. Er
finde bei der Tragik statt, obgleich ich wenigstens von solchem
Stattfinden desselben nichts weiss. Dann besinnen wir uns, dass doch
Hecker aus demselben nicht das Gefuehl der Tragik, sondern das Gefuehl der
Komik ableiten will. Der Wechsel der Gefuehle soll das Gefuehl der Komik
sein. Das Gefuehl der Tragik ist aber, wie man weiss, nicht das Gefuehl der
Komik.
GEFUEHLSKONTRAST.
Allerdings bezeichnet _Hecker_ die Bedingungen dieses Gefuehles noch
genauer. Lust und Unlust sollen sich beim Wettstreit zunaechst die Wage
halten. Dann aber soll das Gefuehl der Last durch Kontrast gehoben werden.
Indessen auch diese Bedingungen koennen in unserem Falle erfuellt sein. Es
hindert zunaechst nichts, dass das Unlustvolle des Leidens und das
Befriedigende, das die Weise des Leidens oder die Eigenart der leidenden
Persoenlichkeit in sich schliesst, in beliebigem Grade sich die Wage
halten.
Und auch eine Kontrastwirkung kann nicht nur, sondern wird jederzeit bei
der Tragik stattfinden.--Doch ist hierzu eine besondere Bemerkung
erforderlich.
_Hecker_ redet von _Gefuehls_kontrast. Das Gefuehl der Unlust soll
unmittelbar das mit ihm wechselnde Gefuehl der Lust "_heben_". Hier ist
ein, auch sonst behauptetes allgemeines psychologisches _Kontrastgesetz_
vorausgesetzt. Nehmen wir einmal an, dies Gesetz bestaende, so muesste ihm
zufolge offenbar, wie die Lust durch die Unlust, so auch die Unlust durch
die Lust gehoben werden. Damit waere das schliessliche Ueberwiegen der
Lust, das _Hecker_ bei der Komik annimmt, wiederum illusorisch geworden.
Aber jenes Kontrastgesetz existiert nicht. Wohl giebt es mancherlei
Thatsachen, die man als Wirkungen eines Kontrastes bezeichnen kann. Aber
wenn man dies thut, so hat man nur einen zusammenfassenden Namen, und
zwar einen Namen fuer sehr Verschiedenartiges. Die fraglichen Thatsachen
sind der mannigfachsten Art und beruhen auf voellig heterogenen Gruenden.
Rot _scheint_ nicht bloss, sondern _ist_, fuer das Auge naemlich, roeter
neben Gruenblau als neben Rot. Dies hat seine bestimmten, naemlich
_physiologischen_ Gruende. Der Mann von mittlerer Groesse _ist_ nicht, fuer
unsere Wahrnehmung naemlich, groesser, wenn er neben einem Zwerge, als wenn
er neben einem Riesen steht, aber er wird groesser _geschaetzt_ oder
_taxiert_. Dies hat wiederum seine bestimmten, aber diesmal
_psychologischen_ Gruende.
Wie es aber auch mit dem Empfindungs- oder Vorstellungskontrast bestellt
sein mag; eine Kontrastwirkung, die Gefuehle unmittelbar auf Gefuehle
ausuebten, giebt es nicht. Wenn ich hier ganz allgemein reden darf:
Gefuehle wirken ueberhaupt nicht. Sie haben als solche keine
psychomotorische Bedeutung. Sie sind ueberall nichts als begleitende
Phaenomene, Bewusstseinsreflexe, im Bewusstsein gegebene Symptome der
Weise, wie _Empfindungen_ und _Vorstellungen_, oder Zusammenhaenge von
solchen, in uns wirken. Die Psychologie hat sich noch nicht ueberall zur
klaren Anerkennung dieses Sachverhaltes durchgearbeitet. Aber sie wird
sich wohl oder uebel dazu entschliessen muessen.
Was man so Wirkung von Gefuehlen nennt, ist Wirkung der Bedingungen, aus
denen die Gefuehle erwachsen, also Wirkung der Empfindungs- und
Vorstellungsvorgaenge und der Beziehungen, in welche dieselben verflochten
sind. So ist auch der "Gefuehlskontrast" in Wahrheit Empfindungs- oder
Vorstellungskontrast. Vorstellungen koennen anderen, zu denen sie in
Gegensatz treten, eine hoehere psychische "Energie" verleihen, und dadurch
auch das an diesen haftende Gefuehl steigern. Sie thun dies nicht ohne
weiteres, wohl aber unter bestimmten Voraussetzungen. Welches diese
Voraussetzungen sind, und nach welcher psychologischen Gesetzmaessigkeit
dieselben die "Kontrastwirkung" vermitteln, dies muss natuerlich im
einzelnen festgestellt werden. Das Kontrastgesetz ist mehr als ein
blosser Sammelname, soweit dieser Forderung genuegt ist.
Ich sagte nun schon, dass auch bei der Tragik eine Kontrastwirkung
stattfinde. Auch diese hat ihre eigenen Gruende. Je groesser das Leid, je
haerter der Untergang, und je groesser unser Eindruck von beidem, desto
schoener und groesser erscheint die Persoenlichkeit, die in allem dem sich
oder das Grosse, Gute, Schoene, das in ihr liegt, behauptet. Damit ist
wenigstens eine moegliche Art der tragischen Kontrastwirkung bezeichnet.
Fassen wir alles zusammen, dann sind--falls wir fortfahren, die
_Hecker_sche Theorie des "Wettstreites" uns gefallen zu lassen, in der
Tragik alle _Hecker_'schen Bedingungen der Komik in ausgezeichneter Weise
gegeben. Die Tragik muesste also nach _Hecker_ die komischste Sache von
der Welt sein. Wir muessten ueber die Tragik des Leidens und Untergangs
aufs herzlichste lachen. Dies thun wir nicht, Tragik und Komik sind
aeusserste Gegensaetze.
DER WECHSEL DER GEFUEHLE.
Ich nahm oben versuchsweise an, dass der _Hecker_'sche "Wettstreit" unter
den _Hecker_'schen Bedingungen wirklich stattfinde. Traefe diese Annahme
zu, dann waere noch die Frage, ob aus solchem Wettstreit, oder dem damit
gegebenen schnellen Wechsel von entgegengesetzten Gefuehlen ein
einheitliches Gefuehl, wie das Gefuehl der Komik es ist, sich ergeben
wuerde. Auch diese Frage muss verneint werden. Ein Wettstreit der
Vorstellungen kann thatsaechlich stattfinden und mit einem Wechsel der
Gefuehle, speciell der Gefuehle der Lust und Unlust, verbunden sein, ohne
dass doch das Gefuehl der Komik entsteht.
Ich stehe etwa vor dem Momente, wo es sich entscheiden muss, ob eine
lange gehegte Hoffnung in Erfuellung gehen wird oder nicht. Alles scheint
fuer die Erfuellung zu sprechen. Nur ein Umstand liegt vor, der am Ende die
ganze Hoffnung zunichte machen koennte. Diese gegensaetzlichen Gedanken
werden sich weder dauernd das Gleichgewicht halten, noch wird einer den
andern fuer laengere Zeit voellig unterdruecken koennen. Das letztere um so
weniger, in je engerem Zusammenhang die der Hoffnung guenstigen, und der
ihr unguenstige Faktor miteinander stehen. Ich achte jetzt auf die
guenstigen Faktoren und glaube an die Erfuellung der Hoffnung. Aber je
lebendiger dieser Gedanke in mir wird, um so sicherer weckt er die
Vorstellung jenes anderen, unguenstigen Faktors. Diese Vorstellung tritt
hervor und verwandelt fuer einen Augenblick mein Vertrauen in sein
Gegenteil. Doch nur fuer einen Augenblick. Denn in Wirklichkeit ist zu
ernster Besorgnis kein Grund. Ich brauche nur den unguenstigen Faktor
genau ins Auge zu fassen, um zu sehen, wie wenig er doch gegen die
anderen Faktoren in Betracht kommen kann, wie unwahrscheinlich es also
ist, dass er die Erfuellung der Hoffnung verhindern wird. Damit hat wieder
der erste Gedanke das Uebergewicht gewonnen u. s. w. So ergiebt sich ein
bestaendiges Hin- und Hergehen, zunaechst zwischen entgegenstehenden
Gedanken, dann auch zwischen entsprechenden Gefuehlen. Und die Unruhe
dieses Hin- und Hergehens, in dem im Ganzen ebensowohl die Lust wie die
Unlust ueberwiegen kann, wird sich steigern, je mehr der Moment der
Entscheidung naht. Heisst dies: mir wird immer komischer und komischer zu
Mute? Ich denke nicht. Andere moegen ueber die Situation lachen. Ich selbst
werde vom Lachen soweit als moeglich entfernt sein. Ist dem aber so, dann
liegt in dem Beispiel der Beweis, dass auch, wo das gleichzeitige
Entstehen von Lust und Unlust aus einem Punkte wirklich in den
_Hecker_'schen beschleunigten Wettstreit muendet, noch etwas hinzukommen
muss, wenn das Gefuehl der Komik entstehen soll. Dies Etwas ist die Komik.
SCHADENFREUDE UND GESTEIGERTES SELBSTGEFUEHL.
Nachdem _Hecker_ das Gefuehl der Komik in der bezeichneten Weise bestimmt
hat, geht er dazu ueber, die Moeglichkeiten der gleichzeitigen Entstehung
von Lust und Unlust festzustellen und daraus die moeglichen Arten der
Komik abzuleiten. Das ist gut und konsequent gedacht. Die Ausfuehrung des
Gedankens aber geschieht in denkbar unvollstaendigster Weise. Freilich,
waere sie weniger unvollstaendig, so wuerde _Hecker_ selbst die
Unmoeglichkeit seiner Theorie des komischen Gefuehles sich aufgedraengt
haben. Die Faelle der Komik, die er anfuehrt, sind wirklich komisch, wenn
auch nicht aus den angegebenen Gruenden. Dagegen wuerden andere Faelle und
Klassen von Faellen, die er haette anfuehren _muessen_, sich jeder Bemuehung,
sie komisch zu finden, widersetzt haben.
Einige Bemerkungen genuegen, um dies zu zeigen. Eine Hauptgattung der
Komik bezeichnen fuer _Hecker_ die Faelle, bei denen zwei Vorstellungen in
ihrer Vereinigung oder ihrem Zusammenhang unseren logischen, praktischen,
ideellen "Normen" oder den "Normen der Ideenassociation" entsprechen,
waehrend zugleich die eine der Vorstellungen einer der Normen
widerstreitet. Nachher schrumpft die ganze Gattung zusammen zur Komik der
"gerechten Schadenfreude". Die rote Nase zum Beispiel missfaellt, weil sie
unseren "ideellen Normen" widerspricht. Betrachten wir sie aber als
verdiente Strafe der Unmaessigkeit, so befriedigt diese Ideenverbindung
unser Gerechtigkeitsgefuehl. Und aus Beidem zusammen ergiebt sich das
Gefuehl der Komik.
Diese Erklaerung ist ohne Zweifel falsch. Die Schadenfreude hat, so oft
sie auch zur Erklaerung der Komik verwandt worden ist, mit Komik nichts zu
thun. Die gerechteste und intensivste Schadenfreude ergiebt sich, wenn
wir ueber einen nichtswuerdigen und gefaehrlichen Verbrecher die
wohlverdiente Strafe verhaengt sehen. Je nichtswuerdiger und gefaehrlicher
er ist, je gerechter und wirkungsvoller andrerseits die Strafe erscheint,
um so staerker ist das Gefuehl der Unlust, das er selbst, und das Gefuehl
der Befriedigung, das seine Bestrafung erweckt. Nun mag ein solcher
Verbrecher zwar, wie wir schon oben meinten, sich selbst in gewisser
Weise Gegenstand der Komik werden, uns wird er nie so erscheinen.
Dementsprechend kann die Schadenfreude auch die Komik der roten Nase
nicht begruenden.
Andrerseits haette _Hecker_ neben den Faellen der Schadenfreude mannigfache
andere Faelle beruecksichtigen muessen, die ganz den gleichen Bedingungen
genuegen. Ich hoere etwa, jemand habe eine entehrende Handlung begangen aus
Freundschaft, um einen andern, vielleicht mich selbst, aus toedlicher
Verlegenheit zu retten. Oder ich lese in der Geschichte, L. Junius
_Brutus_ habe seine eigenen Soehne hinrichten lassen, um seiner Pflicht zu
genuegen. In beiden Faellen missfaellt die That an sich; sie gefaellt
zugleich, wenn wir sie im Zusammenhang mit dem zu Grunde liegenden Motiv
betrachten. Sie befriedigt insofern nicht unser Gerechtigkeitsgefuehl,
aber andere sittliche "Normen". Darum ist doch von Komik keine Rede.
Neben der Schadenfreude spielt bei _Heckers_ Erklaerung der (objektiven)
Komik das gesteigerte "Selbstgefuehl" die Hauptrolle. Freilich,
Schadenfreude ist am Ende eine Weise des gesteigerten Selbstgefuehles,
oder kann es zum mindesten sein. Dann waere mit dem gesteigerten
Selbstgefuehl kein neues Moment eingefuehrt. Aber _Hecker_ sagt nicht, ob
und wie er die Schadenfreude auf das gesteigerte Selbstgefuehl
zurueckzufuehren gedenkt.
Dies gesteigerte Selbstgefuehl spielt in der Psychologie der Komik auch
sonst eine Rolle. Schon _Hobbes_ hat es zur Erklaerung der Komik
herangezogen. Es ist aber fast der schlechteste Erklaerungsgrund, den man
finden kann. Jede Unwissenheit, die ich nicht teile, jeder Irrtum, den
ich durchschaue, jede mangelhafte Leistung, der gegenueber ich das
Bewusstsein des Besserkoennens habe, muesste mich zum Lachen reizen, wenn
das Gefuehl der Ueberlegenheit dem unangenehmen Gefuehl, das Unwissenheit,
Irrtum, mangelhafte Leistung an sich erwecken, ungefaehr die Wage haelt.
Der Pharisaeer muesste lachen ueber den Zoellner, dessen Verschuldungen
seiner Vortrefflichkeit zur Folie dienen, der Reiche ueber den Armen, der
vergeblich sich ein gleich behagliches Dasein zu verschaffen sucht, die
schoene Frau ueber die haessliche, deren Haesslichkeit sie an ihre Schoenheit
erinnert, auch wenn der Charakter des Zoellners, die Not des Armen, die
Haesslichkeit der haesslichen Frau an sich nicht im mindesten komisch
erschiene. Aber eben das ist es, was _Hecker_ und was jeder, der den
Eindruck der Komik aus der Erhoehung des Selbstgefuehles abzuleiten
versucht, im Grunde jedesmal voraussetzt. Man meint nicht den Irrtum,
sondern den laecherlichen Irrtum, nicht die Haesslichkeit, sondern die
laecherliche Haesslichkeit u. s. w. und diese allerdings sind komisch,
nicht wegen des hinzutretenden Selbstgefuehles, wohl aber gelegentlich
trotz demselben.
Denn es ist offenbar, dass das Selbstgefuehl geradezu die Komik
_zerstoeren_ kann. Ich sehe jemanden vergebens bemueht, eine Last zu heben,
zu der, wie ich mich sofort ueberzeuge, seine Kraefte nicht ausreichen. Der
Anblick ist mir peinlich, zugleich aber habe ich das befriedigende
Bewusstsein, dass ich die Last heben und dem Armen helfen kann. Hier ist
von Komik keine Rede, auch wenn das Bedauern und das Befriedigende des
Bewusstseins, zu koennen, was der Arme nicht kann, sich die Wage halten.
Ich lache nicht, eben weil ich die Kraft des Menschen mit der eigenen
vergleiche und die letztere als so viel groesser erkenne. Unterlasse ich
dagegen den Vergleich und fasse nur einfach die Situation ins Auge, so
kann mir diese recht wohl komisch erscheinen. Und ich habe allen Grund,
mir _selbst_ so zu erscheinen, wenn ich den Versuch mache, die Last
selbst zu heben, und dabei es erlebe, dass mein Selbstgefuehl nicht
gesteigert, sondern schmaehlich zu _Schanden_ wird.
Der Begriff der Ueberlegenheit ist nach dem oben Gesagten, ebenso wie der
engere Begriff der Schadenfreude, nicht ein entscheidender Begriff der
_Hecker_'schen Theorie. Er soll nur besondere Faelle der Komik
charakterisieren. Sehen wir darum von diesem Begriffe hier ab, und
beachten den oben dargelegten allgemeinen Grundgedanken _Heckers_. Dann
scheint doch ein doppeltes Moment der Kritik standzuhalten. Einmal wird
es dabei bleiben, dass lust- und unlusterzeugende Elemente in die Komik
eingehen. Das Gefuehl der Komik wird in gewissem Sinne beide Gefuehle in
sich enthalten. Das andere Moment ist der Gegensatz oder Kontrast
zwischen Vorstellungen oder Gedankenelementen. Mag _Hecker_ diesen
Kontrast noch so unzutreffend bezeichnen, der Gedanke, dass ein solcher
Kontrast beim Komischen stattfinden muesse, wird seinen Wert behaupten.
II. KAPITEL. DIE KOMIK UND DAS GEFUEHL DER UEBERLEGENHEIT.
HOBBES' UND GROOS' THEORIE.
Dagegen ist das gesteigerte Selbstgefuehl von anderen in den Mittelpunkt
der Theorie der Komik gestellt worden. Wie schon gesagt, hat bereits
_Hobbes_ dasselbe zur Erklaerung der Komik verwendet. _Hobbes_ meint, der
Affekt des Lachens sei nichts, als das ploetzlich auftauchende
Selbstgefuehl, das sich ergebe aus der Vorstellung einer Ueberlegenheit
unserer selbst im Vergleich mit der Inferioritaet anderer, oder der
Inferioritaet, die wir selbst vorher bekundeten. Hierin liegt zugleich, so
viel ich weiss, der zeitlich erste Versuch einer Begruendung des _Gefuehls_
der Komik. _Aristoteles_ bezeichnet als komisch das unschaedliche
Haessliche. Hier fehlt die Antwort auf die Frage, wiefern denn das
Haessliche, das an sich Gegenstand der Unlust ist, vermoege des rein
negativen Momentes seiner Unschaedlichkeit die komische Lust oder
Lustigkeit hervorrufen koenne. Dagegen scheint die lusterzeugende Wirkung
des Gefuehles der Ueberlegenheit ohne weiteres einleuchtend.
Ich will aber hier nicht an _Hobbes_, sondern an einen Erneuerer der
_Hobbes_'schen Theorie meine weiteren kritischen Bemerkungen anknuepfen.
Ich denke an _Groos'_ Einleitung in die Aesthetik. _Groos_ scheint sich
freilich seines Verhaeltnisses zu _Hobbes_ nicht bewusst zu sein. Seine
Theorie giebt sich wie eine neue. Indessen dies thut hier nichts zur
Sache.
In welcher Weise _Groos_ zu seiner Theorie gelangt ist, ob auf dem einen
oder dem anderen der eingangs dieser Schrift unterschiedenen Wege, vermag
ich nicht zu entscheiden. _Groos_ beginnt sofort mit der Definition der
Komik, um sie dann zu eroertern und zu begruenden. Das Gefuehl der Komik ist
fuer _Groos_ das Gefuehl der Ueberlegenheit ueber eine Verkehrtheit.
In diesem _Groos_'schen Gefuehl der Ueberlegenheit liegt eine genauere
Bestimmung des _Hecker_'schen gesteigerten Selbstgefuehles. Zugleich ist
bei _Groos_ die Forderung eines Gleichgewichtes von Lust und Unlust und
des Wettstreits zwischen beiden Gefuehlen weggefallen. An die Stelle tritt
die Forderung, dass nicht Mitleid oder Furcht in den Vordergrund trete,
weil sonst die erheiternde Wirkung notwendig ausbleiben muesste. Dabei
sollen unter dem Mitleid auch die "sanfteren Regungen der Ehrfurcht und
Einschuechterung" begriffen werden.
Gehen wir darauf etwas naeher ein. Ich darf von vornherein sagen: Ist es
unzutreffend, dass jedes Gefuehl der Ueberlegenheit, bei dem Lust und
Unlust--nach _Heckers_ Forderung--sich die Wage halten, ein Gefuehl der
Komik ist, dann ist es noch unzutreffender, dass jedes Gefuehl der
Ueberlegenheit ein Gefuehl der Komik ist, falls das Angenehme dieses
Gefuehles nicht durch Furcht oder Mitleid aufgehoben wird. Und ebenso
unzutreffend ist die Umkehrung dieser Annahme, dass bei allem Komischen
ein Gefuehl der Ueberlegenheit ueber eine Verkehrtheit stattfinde.
Wenn ich das Bewusstsein habe, klueger oder geschickter zu sein, als ein
anderer, so mag es wohl geschehen, dass ich mit dem im Vergleich mit mir
Unklugen oder Ungeschickten Mitleid habe. Dann ist nach _Groos_ die
Bedingung fuer die Komik nicht gegeben. Aber vielleicht habe ich kein
Mitleid. Der Unkluge oder Ungeschickte beansprucht gar kein Mitleid. Er
mueht sich in einer Sache vergeblich und laesst dann die Sache laufen. Oder
es waere wohl Grund zum Mitleid, aber ich gebe mir nicht die Muehe mich
darauf zu besinnen. Ich bin nun einmal der Selbstbewusste, fuer den die
"Verkehrtheit" anderer lediglich ein Mittel ist, sich in seiner
Ueberlegenheit zu sonnen. Ich thue dies also auch in diesem Falle. Wo ist
dann die Komik? Es ist kein Zweifel, dass dieselbe um so sicherer
unterbleibt, je mehr ich meinem Gefuehl der Ueberlegenheit mich hingebe.
GEFUEHL UND GRUND DES GEFUEHLS.
Dass es so sich verhalten muss, zeigt eine einfache Ueberlegung. Fuer
_Groos_ soll die _Verkehrtheit komisch_ erscheinen, weil ich mich
_ueberlegen_ fuehle. Das Gefuehl meiner Ueberlegenheit ist fuer _Groos_
identisch mit dem Gefuehl der Komik des Gegenstandes, oder allgemeiner
gesagt, ein auf mich bezogenes Gefuehl soll identisch sein mit einem nicht
auf mich, sondern auf ein Objekt bezogenen Gefuehl. Dies ist ein
Widerspruch in sich selbst.
Was heisst dies: Ein Gefuehl ist fuer mich auf ein Objekt bezogen? Worin
besteht das _Bewusstsein_ dieses _Bezogenseins_? Gewiss nicht einfach
darin, dass ich ein Objekt und neben ihm oder gleichzeitig mit ihm ein
bestimmtes Gefuehl in meinem Bewusstsein vorfinde. Gefuehle koennen mit
Objekten gleichzeitig vorhanden sein und doch nicht auf sie bezogen
erscheinen. Ich stehe etwa vor einem Kunstwerk, und es stoert mich etwas
an ihm. Aber ich weiss zunaechst nicht, was das Stoerende ist. Hier ist das
Gefuehl des Stoerenden, d. h. das Gefuehl der Unlust fuer mein Bewusstsein
nicht auf sein Objekt bezogen.
Und wie nun kommt das Bewusstsein der Beziehung des Gefuehls auf ein
bestimmtes Objekt zu stande? Jedermann weiss die Antwort. Ich analysiere
den Wahrnehmungskomplex, in dem das Kunstwerk fuer mich besteht; d. h. ich
richte nach einander auf die verschiedenen Teile, Zuege, Momente des
Kunstwerkes meine Aufmerksamkeit, und sehe zu, wann das Unlustgefuehl
heraustritt oder sich steigert. Endlich weiss ich, was mich stoerte. Ich
achtete auf einen bestimmten Zug des Kunstwerkes mit Ausschluss anderer.
Indem ich dies that, und mir zugleich dieses Thuns, d. h. der auf diesen
bestimmten Zug gerichteten Aufmerksamkeit bewusst war, trat das
Unlustgefuehl rein oder beherrschend zu Tage. So besteht die bewusste
Beziehung oder das Bewusstsein der Bezogenheit eines Gefuehles der Lust
oder Unlust auf ein Objekt immer darin, dass das Gefuehl hervortritt,
indem ich das Bewusstsein habe, es sei die Aufmerksamkeit auf eben dieses
Objekt gerichtet.
Neben die eben gestellte Frage stelle ich jetzt die andere, davon
verschiedene: Wie wird ein psychischer Vorgang von uns als _Grund_ eines
Gefuehles erkannt? Diese Frage haben wir schon ehemals gestreift. Offenbar
muss die Antwort lauten: Ein psychischer Vorgang ist Grund eines
Gefuehles, wenn und sofern die Steigerung dieses Vorganges, oder die
erhoehte Kraft seines Auftretens in uns dies Gefuehl steigert oder erst
heraustreten laesst. Es leuchtet ja ein: Ist ein psychischer Vorgang, ein
Vorgang des Empfindens oder Vorstellens etwa, dasjenige, was ein Gefuehl
bedingt, oder woran ein Gefuehl "haftet", so muss das fragliche Gefuehl
sich steigern--oder, was dasselbe sagt, es muss unser Gesamtgefuehl die
Faerbung dieses Gefuehles annehmen--in dem Masse als der bedingende Vorgang
psychisch zur Geltung kommt, Kraft gewinnt, im Zusammenhang des
psychischen Geschehens dominierend hervortritt.
Nun findet dies "Hervortreten" oder Kraftgewinnen eines psychischen
Vorganges statt, wenn wir auf ihn unsere Aufmerksamkeit richten. Und der
_Bewusstseinsthatbestand_, den wir als _Bewusstsein_ des Aufmerkens auf
ein empfundenes oder vorgestelltes Objekt bezeichnen, ist nichts anderes
als die Begleiterscheinung dieses Hervortretens, Kraftgewinnens,
Dominierens des Empfindungs- oder Vorstellungsvorganges. Also koennen wir
auch sagen: Erscheint in unserem Bewusstsein, oder nach Aussage
desselben, ein Gefuehl der Lust oder Unlust auf einen Empfindungs- oder
Vorstellungsinhalt bezogen, so ist in dem entsprechenden Empfindungs-
oder Vorstellungs_vorgang_ zugleich der _Grund_ dieses Gefuehles zu
suchen.
ALLERLEI AESTHETISCHE THEORIEN.
Diese Einsicht scheint nun eine sehr triviale. Aber dies hindert nicht,
dass damit eine ganze Reihe psychologisch-aesthetischer Theorien endgueltig
abgewiesen sind. Ich erwaehne etwa die Theorie, die das Wohlgefallen an
Linien auf das Wohlgefallen an bequemen oder leicht zu vollziehenden
Augenbewegungen zurueckfuehrt; oder derzufolge Linienschoenheit nichts
anderes ist als Annehmlichkeit von Augenbewegungen. Es ergiebt sich aus
Obigem, was dagegen einzuwenden ist: Die Linien, nicht die
Augenbewegungen meine ich, wenn ich die Linien schoen finde. Auf jene
nicht auf diese erscheint mein Gefuehl der Lust bezogen.
Dies zeigt sich besonders deutlich, wenn ich besondere Faelle annehme. Es
koennte geschehen, dass die Augenbewegungen, vermoege deren ich eine schoene
Linie--wirklich oder angeblich--"verfolge", einmal sehr unbequeme waeren.
Die Linie findet sich etwa an einer Wand, so weit oben, dass ich den Kopf
und die Augen stark nach oben wenden muss, um die Linie zu betrachten.
Jetzt sind die Augenbewegungen vielleicht sogar schmerzhaft. Dann ist
doch nicht die Linie fuer mich haesslich, sondern eben die Augenbewegung
schmerzhaft. Ich verspuere Wohlgefallen "_an_" der Linie, d. h. ich
verspuere Lust, wenn und in dem Masse, als ich auf die Linie achte, und
damit zugleich meine Aufmerksamkeit von der Stellung und Bewegung meiner
Augen _abwende_. Ich verspuere andererseits Unlust "_an_" den
Augenbewegungen, d. h. ich verspuere Unlust, wenn und in dem Masse, als
ich auf die Augenbewegungen achte, und die Linie fuer eine Zeitlang Linie
sein lasse.
Also habe ich auch den _Grund_ jener Lust in der Linie zu suchen. Wenn
nicht in der sichtbaren Form der Linie, dann in etwas, das fuer mich in
der Linie oder ihrer Form unmittelbar liegt. Dies wird allerdings
gleichfalls eine Bewegung sein. Aber nicht eine Bewegung meiner Augen,
ueberhaupt nicht eine Bewegung in oder an mir, sondern eine Bewegung _der_
Linie oder _in_ der Linie selbst, eine Bewegung, die die Linie selbst zu
vollfuehren, oder vermoege welcher die Linie, dies von mir unterschiedene
und mir frei gegenuebertretende Objekt, in jedem Augenblick von neuem
_sich selbst zu erzeugen_ scheint.--Nicht minder liegt der Grund meiner
Unlust in den Augenbewegungen, also _nicht_ in der Linie und dem, was sie
leistet, sondern in mir und dem was ich, diese von der Linie
unterschiedene und sich ihr gegenueberstellende Person, leiste oder zu
leisten jetzt genoetigt bin.
Eben dahin gehoert die Theorie, welche die Erhabenheit von Objekten
identifiziert mit dem Gefuehl meiner Erhabenheit, etwa der Ueberlegenheit
meines Verstandes. In dieser Theorie liegt gewiss Richtiges. Aber es
fehlt noch die Hauptsache. Das Gefuehl meiner Erhabenheit ist an sich
schlechterdings nichts, als das Gefuehl meiner Erhabenheit, niemals ein
Gefuehl der Erhabenheit eines _Objektes_. Wie ueberall, so setze ich auch
hier deutlich einander gegenueber: mich und das Objekt. Dieser Gegensatz
ist ja fuer uns der allerfundamentalste. Es ist der Gegensatz der
Gegensaetze. Es ist damit hier wie ueberall absolut ausgeschlossen, dass
ich mich mit dem Objekt, das ich anschaue, verwechsele oder dem Objekte
zurechne, was mir zugehoert, dass ich also auch ein Gefuehl auf das Objekt
bezogen glaube, das nach Aussage meines unmittelbaren Bewusstseins auf
mich bezogen ist.
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