Komik und Humor by Theodor Lipps
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In allen vorstehend eroerterten Faellen laesst der Witz aus einem Urteil ein
anderes ableiten. Ihnen stehen diejenigen gegenueber, in denen er es
selbst ableitet. Die Ableitung kann blosses Spiel sein, und sie kann
wiederum eine neue Art der witzigen Ironie repraesentieren. In jenem
Falle, dem der einfachen "_witzigen Folgerung_", muss vor allem die
Unerlaubtheit der Ableitung, in diesem, dem der "_ironischen Folgerung_",
vor allem die Nichtigkeit des Abgeleiteten einleuchten. Ich abstrahiere
aus einem Begegnis, das mir erzaehlt wird, oder das ich selbst erlebt
habe, und an dem nicht eben viel Besonderes ist, scherzend eine Regel,
die auf das Erzaehlte passt, aber darum doch durchaus nicht aus ihm folgt,
zum Beispiel aus einem kleinen Unfall, der jemand bei einem Spaziergang
traf, die Regel, dass Spazierengehen eine hoechst schaedliche und
naturwidrige Beschaeftigung sei. Damit vollziehe ich eine, wenn auch in
dem angegebenen Beispiele nicht gerade erschuetternde, witzige Folgerung.
Dagegen leitet die ironische Folgerung aus einem in sich nichtigen oder
als nichtig angenommenen Urteile, dessen Recht sie scheinbar anerkennt,
ein anderes ebenso nichtiges, bezw. das Recht zu einem solchen ab, um mit
der Nichtigkeit dieses zugleich die Nichtigkeit jenes Urteils
eindringlich zu machen. Bei dieser ironischen Folgerung ist die Ironie
auf ihrer vollen Hoehe. Durch ein selbst Nichtiges, in dessen Gewand sich
die Wahrheit kleidet, also auf gleichem Boden oder mit gleichen Waffen,
werden die Ansprueche des Nichtigen in ihr Gegenteil verkehrt.
Es kann dies aber in mannigfacher Weise geschehen. Ich illustriere eine
thoerichte allgemeine Behauptung durch "_ironische Exemplifikation_", d.
h. durch ein Beispiel, dessen Sonderbarkeit einleuchtet, oder bringe
umgekehrt ein specielleres Urteil zu Fall durch "_ironische
Verallgemeinerung_"; ich widerlege eine Luege durch "_ironische
Analogie_", d. h. indem ich ihr nach Art des _Gellert_'schen Bauern eine
andere gleichartige an die Seite setze. In der Regel wird diese ironische
Analogie zugleich "_ironische Steigerung_" sein. Kein besseres Mittel
Aufschneidereien zu widerlegen, als indem man sie ueberbietet, und so die
Aufschneiderei offenkundig macht.
Auch in Handlungen kann sich diese Witzart verwirklichen. Sie wird dann
zum "_witzigen Bezahlen mit gleicher Muenze_". Ich behandle jemand, der an
mir oder einem Dritten eine Ungeschicklichkeit oder ein Unrecht gethan
hat, bei gleicher Gelegenheit in genau derselben Weise, nicht so, dass
ich mich zu raechen, sondern vielmehr so, dass ich ihm Recht zu geben und
daraus das gleiche Recht fuer meine Handlungsweise abzuleiten scheine.
Indem ihm mein Unrecht einleuchtet, folgt dann daraus fuer ihn sein
Unrecht und seine Beschaemung.
2. Kaum habe ich nun noetig, die witzigen Urteilsbeziehungen, die auf
erfahrungsgemaessem Zusammenhang beruhen, noch besonders zu bezeichnen.
Der Unterschied zwischen ihnen und der vorigen Art besteht nur eben
darin, dass der erfahrungsgemaesse Zusammenhang an die Stelle der
teilweisen sachlichen Uebereinstimmung tritt.
Auf Grund dieses Zusammenhanges laesst ein Urteil ein anderes erschliessen
in den Faellen des "_witzigen Erratenlassens_" im engeren Sinne. Ich lobe
etwa, um mein Urteil ueber einen Gegenstand befragt, Nebensaechlichkeiten,
die nicht gemeint waren, und gebe damit zu erkennen, dass ich den
Gegenstand selbst nicht eben loben kann. Oder:--Ihr Herr Vater war ja
auch ein ehrlicher Mann, sagt _Heine_ zu einem Boersenbaron, der sich
wundert, dass die Seine oberhalb Paris so rein und unterhalb so schmutzig
sei, und fordert damit auf, diesen erfahrungsgemaessen Zusammenhang auf
den Herrn Baron zu uebertragen und daraus sich ueber letzteren ein Urteil
zu bilden.
Dagegen wird im Witze selbst aus einem Urteil, bezw. einer Thatsache ein
Urteil von anderem Inhalt erschlossen, wenn Phokion das Klatschen der
Menge mit der Frage beantwortet: Was habe ich Dummes gesagt?--Die
"_witzige Konsequenz_", wie wir solche Faelle im Unterschied zur witzigen
Folgerung nennen wollen, wendet sich hier zurueck und laesst zugleich ein
Urteil ueber die Thatsache, auf der sie beruht, erraten. Insofern ist sie
besonderer Art, "Abfertigung durch witzige Konsequenz", und von der
"einfachen witzigen Konsequenz", die nur scherzweise unerlaubte
Konsequenzen zieht, verschieden.
Dagegen naehert sie sich der "_ironischen Konsequenz_", die, der
ironischen Folgerung analog, aus einem nichtigen Urteil nach Gesetzen
erfahrungsgemaesser Zusammenhaenge nichtige Urteile ableitet und so
wiederum Thorheit durch Thorheit vernichtet.
DER WITZIGE SCHLUSS.
V. Unter dem "_witzigen Schluss_" kann nach dem Bisherigen nur der Witz
verstanden werden, der ausdruecklich in Schlussform auftritt. Denn ein
Schluss _vorausgesetzt_ wird im Grunde bei jedem Witze. Es ist aber bei
ihm in der That die Schlussform das einzig Auszeichnende, waehrend die
Mittel dieselben sind, die in den anderen Hauptarten, vor allem den
witzigen Urteilsbeziehungen, bereits vorliegen. So ist der witzige
Schluss, der im zweiten Abschnitt angefuehrt wurde: "Wer einen guten Trunk
thut etc., der kommt in den Himmel", der Art nach nur eine Reihe von
witzigen Begriffsvertauschungen, bei denen Begriffe abwechselnd im
engeren und im weiteren Sinne genommen werden.
Eine Einteilung nach den Mitteln, durch die der Witz zu stande kommt, ist
die in Obigem versuchte Einteilung. Sie ist ebendamit nicht eine
Einteilung nach dem aesthetischen Gesichtspunkt. Dieser Gesichtspunkt wird
spaeter zu seinem Rechte kommen.
* * * * *
V. ABSCHNITT. DER HUMOR.
XIV. KAPITEL. KOMIK UND AESTHETISCHER WERT.
ALLGEMEINES UEBER "AESTHETISCHEN WERT".
Das aesthetisch Wertvolle ist in unseren Tagen gelegentlich vom Schoenen
unterschieden worden. Der Streit hierueber waere jedoch ein blosser
Wortstreit. Ich entziehe mich demselben, indem ich erklaere, dass ich
unter dem Schoenen, wie freilich im Grunde jeder, nichts anderes verstehe,
als eben das aesthetisch Wertvolle. Das Verhaeltnis des Komischen zum
aesthetisch Wertvollen ist also das Verhaeltnis des Komischen zum Schoenen,
und umgekehrt.
Wertvoll ist dasjenige, das Wert hat, d. h. das so beschaffen ist, dass
es fuer uns erfreulich sein kann. Aesthetisch wertvoll ist dasjenige, das
um seiner Beschaffenheit willen Gegenstand der aesthetischen Freude oder
des aesthetischen Genusses sein kann.
Dies muessen wir nach einer bestimmten Richtung hin genauer bestimmen.
Etwas kann Wert haben, weil es ein an sich Wertvolles, d. h. vermoege
seines blossen Daseins Erfreuliches schafft, hervorbringt, ermoeglicht,
etwa eine wertvolle Erkenntnis, oder eine wertvolle Erinnerung, oder das
Dasein eines von ihm unterschiedenen wertvollen Objektes. Solcher Wert
ist Nuetzlichkeitswert. Dabei nehme ich dies Wort, wie man sieht, nicht im
engsten, sondern in einem weiteren, ueber die blosse _praktische_
Nuetzlichkeit hinausgehenden Sinne.
Davon nun unterscheidet sich der aesthetische Wert, sofern er Wert des
wertvollen Objektes selbst ist, also ein Wert, dessen wir inne werden,
indem wir nur dies Objekt, so wie es ist oder sich uns darstellt, uns
vergegenwaertigen und auf uns wirken lassen. Mit einem Worte, der
aesthetische Wert ist Eigenwert; der aesthetische Genuss Genuss dieses
Eigenwertes.
Hiermit ist nicht etwa eine Definition des "aesthetischen Wertes" gegeben,
sondern nur gesagt, welcher umfassenderen Gattung von Werten der
aesthetische Wert angehoere. Auch das sinnlich Angenehme und das sittlich
Gute sind ja an sich wertvoll. Ich habe also hier lediglich das
aesthetisch Wertvolle mit diesen anderen Arten des Wertvollen
zusammengeordnet.
Aber vielleicht gesteht man mir das Recht dieser Zusammenordnung nicht
zu. Oder man findet, damit sei ein Standpunkt bezeichnet, dem gegenueber
andere Standpunkte moeglich seien.
Dann bemerke ich, dass ich hier allerdings nicht einen Standpunkt
vertreten, sondern eine Thatsache feststellen will. Die Thatsache aber,
um die es hier sich handelt, ist im wesentlichen eine Thatsache des
Sprachgebrauches.
Es handelt sich um den "aesthetischen Wert". Nicht jeder aesthetische Wert
ist Wert eines _Kunstwerkes_. Auch Naturobjekte haben aesthetischen Wert.
Wohl aber gilt das Umgekehrte: Jedes Kunstwerk hat, sofern es diesen
Namen verdient, aesthetischen Wert. Daraus folgt, dass das Spezifische des
aesthetischen Wertes nur in Etwas liegen kann, dem wir auch beim
Kunstwerke, und zwar bei jedem Kunstwerke begegnen.
Andererseits koennte ein Kunstwerk, nicht ueberhaupt, sondern als solches,
auch noch einen anderen als den aesthetischen Wert haben. Und es koennte
speciell sein "_Kunstwert_" in einem solchen von "aesthetischen" Werten
prinzipiell verschiedenen Werte bestehen.
Dann ist unsere Frage eine doppelte. Sie lautet einmal: Was macht den
Wert des Kunstwerkes? und zum anderen: Was macht seinen aesthetischen
Wert?
Zunaechst fragen wir: Worin besteht der Sinn des Wortes "Kunst"? Darauf
sind verschiedene Antworten moeglich. Etwa: "Kunst" kommt von "Koennen".
Kunst ist also jedes Koennen u. s. w.
Indessen der Sprachgebrauch unterscheidet auch deutlich zwischen "Kunst"
und "Kunst". Es giebt eine "Kunst", von der die Kunstgeschichte
berichtet, die denjenigen, der sie treibt, zum Kuenstler, nicht zum
blossen Handwerker oder "Artisten" stempelt. Diese Kunst ist es, deren
Erzeugnisse aesthetischen Wert und "Kunstwert" besitzen.
Um nun den Sinn dieser "Kunst" festzustellen, giebt es soviel ich sehe,
nur einen Weg. Wir muessen fragen, welche Arten derselben vorliegen; was
fuer Erzeugnisse der menschlichen Thaetigkeit nach jedermanns Meinung, in
jenem eben angedeuteten engeren oder hoeheren Sinne des Wortes,
_Kunstwerke_ sind.
Diese Frage aber beantworten wir, indem wir uns erinnern, dass
beispielsweise die Poesie, die Malerei, die Plastik, die Architektur, die
Musik allgemein als solche Kuenste bezeichnet werden. Die Frage lautet
also: Was haben diese Kuenste Gemeinsames? Dies Gemeinsame muss den
allgemeinen Sinn des Wortes "Kunst" ausmachen.
ERKENNTNISWERT UND AESTHETISCHER WERT.
Ich habe oben vom aesthetischen Wert die Nuetzlichkeitswerte, im weiteren
Sinne dieses Wortes, unterschieden. In verschiedenen solchen
Nuetzlichkeitswerten koennte der Sinn der Kunst gefunden werden. Ich
schliesse hier gleich diejenigen aus, die niemand mit dem Werte, den das
Kunstwerk, eben als Kunstwerk hat, oder kurz: mit dem _kuenstlerischen_
Werte des Kunstwerkes verwechselt: etwa den Kaufwert eines Gemaeldes, oder
den zufaelligen Affektionswert, oder den Wert als kunsthistorisches
Dokument, oder endlich den praktischen Wert, wie ihn etwa die Musik, als
kriegerische Musik, besitzt.
Dann bleiben noch uebrig allerlei Erkenntniswerte oder durch Erkenntnis
vermittelte Werte. Hiermit habe ich schon einen Unterschied angedeutet,
den wir festhalten wollen. Es bestehen offenbar die beiden Moeglichkeiten:
Das Kunstwerk kann seinen Wert haben, weil es Erkenntnis vermittelt; oder
dieser Wert beruht darauf, dass uns das Kunstwerk das Dasein eines
_Wertvollen_ ausser ihm selbst erkennen laesst. Im ersteren Falle waere der
Wert des Kunstwerkes der Wert einer Erkenntnis, die Wertschaetzung des
Kunstwerkes Freude an einem Erkennen als solchem, an einem Wissen, an
einer Einsicht. Im letzteren Falle dagegen waere der Wert des Kunstwerkes
der Wert dessen, was wir aus der Betrachtung desselben erkennen, die
Wertschaetzung des Kunstwerkes waere die Freude--nicht an einem Erkennen,
sondern an einem, durch Hilfe des Kunstwerkes _erkannten_ Objekte oder
Thatbestande.
Achten wir zunaechst auf die erstere Moeglichkeit. Man sagt etwa, das
dramatische Kunstwerk "zeige" uns, wie es in der Welt zugehe, was es um
Menschen, Menschenleben und Menschenschicksal fuer eine Sache sei.
Hier erhebt sich sofort ein Bedenken. Ueber die Wirklichkeit Aufschluss
geben koennen uns doch nur Thatsachen, die der Wirklichkeit angehoeren,
oder von denen wir wissen, dass sie mit der Wirklichkeit uebereinstimmen.
Die erdichteten Charaktere und Schicksale des dramatischen Kunstwerkes
insbesondere muessen von uns als der Wirklichkeit gemaess erkannt sein,
wenn sie als ueber die Wirklichkeit belehrend von uns anerkannt werden,
wenn wir also aus ihnen Belehrung schoepfen sollen. Ist dies nicht der
Fall, fehlt uns der Eindruck der Wirklichkeitsgemaessheit, so sehen wir in
ihnen eben willkuerliche Erzeugnisse der dichterischen Phantasie, die mit
der Wirklichkeit nichts zu thun haben. Diesen Eindruck der
Wirklichkeitsgemaessheit koennen wir aber nur gewinnen, wenn wir bereits
wissen, wie es um die Wirklichkeit bestellt ist.
Indessen so meint man die Sache nicht. Wir sollen nicht ueber das, von dem
wir vorher keine Kenntnis haben, im Kunstwerk belehrt werden; sondern es
soll uns, was wir schon wissen, "gezeigt", vor Augen gestellt, zur
Anschauung gebracht werden. Unser wissenschaftliches Wissen ist ein
allgemeines, abstraktes, in allgemeine Begriffe und Regeln gefasstes. Im
Kunstwerk dagegen tritt uns an Stelle der Regel der bestimmte einzelne
Fall entgegen, nicht ein beliebiger, sondern ein typischer oder
charakteristischer, bei dem zugleich allerlei weggelassen ist, was nicht
zur Sache gehoert. Das Kunstwerk zeigt uns unser Wissen, in dem einen
Falle in eigentuemlicher Weise _verdichtet_, so das wir daraus unmittelbar
und zugleich in besonderer Reinheit, Klarheit, Einfachheit das
Wesentliche bestimmter Thatsachen und Verhaeltnisse der Wirklichkeit
wiedererkennen.
Solches Wiedererkennen hat zweifellos Wert. Es freut uns, wenn wir an
einem Exemplar einer Gattung, etwa an einer Pflanze, die Eigentuemlichkeit
der Gattung besonders leicht und unmittelbar wiedererkennen. Es freut uns
das Experiment, das uns ein physikalisches Gesetz in besonders
unmittelbar anschaulicher Weise vergegenwaertigt. Gleichartig waere die
Freude an jenem Wiedererkennen der Gesetze oder der allgemeinen Weisen
des Geschehens in der Menschenwelt, wenn uns in einem dramatischen
Kunstwerk ein besonders klarer und einleuchtender Fall desselben
vorgefuehrt wird.
Aber wenn uns nun auch die _Dramatik_ die Freude solchen Wiedererkennens
oder solcher anschaulichen Auffassung der bekannten Wirklichkeit
verschaffen kann, wie ist es in diesem Punkte mit der Musik bestellt?
Es ist klar: Was die Musik giebt, ist voellig anderer Art. Die Musik
schliesst unmittelbar in sich Weisen der Bewegung, ein Jubeln, ein
Klagen, ein sehnsuchtsvolles Verlangen, rasches Stuermen, sanftes Gleiten.
Alles dies erleben wir in uns, wenn wir die Musik hoerend uns zu eigen
machen. Dies Erleben ist beglueckend. Was wir so unmittelbar erleben,
macht den Wert des musikalischen Kunstwerkes.
Hierauf kann man erwidern: Musik sei eben nicht Dramatik. Kein Wunder,
wenn beide Verschiedenes leisten.
Aber man vergesse nicht, was hier in Frage steht. Es ist der Sinn der
"Kunst". Was will die menschliche Thaetigkeit, die man mit diesem Namen
bezeichnet? Zweifellos sind die Kuenste von einander verschieden. Und
demgemaess ist von vornherein klar, dass sie Verschiedenes wollen muessen.
Die Dramatik will dies, die Bildnerei jenes, die Musik ein Drittes. Aber
ich frage hier nicht: Was will die Dramatik als Dramatik, die Bildnerei
als Bildnerei, die Musik als Musik; sondern: Was wollen sie alle, als
Beispiele des einen Begriffes der "_Kunst_". Welches Eigenartige an allen
diesen Kuensten macht sie dazu? Was charakterisiert sie als Arten der
Kunst? Was berechtigt sie alle diesen selben Namen zu tragen? Wie die
Kuenste, so wollen auch die Wissenschaften Verschiedenes. Dennoch erkennt
jedermann das Recht der Frage an: Was Wissenschaft ueberhaupt wolle. Das
gleiche Recht muss die Frage haben, was die Kunst ueberhaupt wolle.
Auf diese Frage haben wir nun einstweilen die negative Antwort gewonnen:
Es ist unmoeglich, dass der spezifische Sinn der "Kunst" darin bestehe,
ein "Wiedererkennen" der bezeichneten Art zu ermoeglichen oder die Freude
eines solchen Wiedererkennens zu gewaehren. Es ist unmoeglich, dass die
Kunst als solche die Aufgabe habe uns eine einfachere, leichtere, klarere
Auffassung von Dingen oder Vorgaengen der Wirklichkeit zu verschaffen.
Oder duerfen wir nicht Wissenschaft und Kunst, so wie wir soeben thaten,
in Parallele stellen? Ist zwar die Wissenschaft einheitlich, und auf das
gleiche Ziel gerichtet, Kunst aber ein Sammelname fuer Heterogenes?
Dann beachte man, wie heterogen unter solcher Voraussetzung die Kuenste im
Vergleich miteinander sein muessten. Jenes Wiedererkennen, jene einfache,
klare, leichte Auffassung ist ein intellektueller Vorgang, ein Akt des
Verstandes, die Freude daran intellektuelle Freude. Solche Freude zu
gewaehren soll der eigentliche Sinn und Zweck gewisser Kuenste sein,
waehrend andere ihrer Natur nach bestimmt sind, eine voellig andere Seite
unseres Wesens in Thaetigkeit zu setzen.
Fassen wir diesen Gegensatz in seiner vollen Schaerfe. Es giebt _einen
fundamentalsten_ Gegensatz des psychischen Geschehens oder des
"Vorstellungsablaufes". Dieser Gegensatz ist kein anderer als der
Gegensatz des logischen Verhaltens, des Intellektes, der
Verstandesthaetigkeit einerseits, und jeder sonstigen Weise der
psychischen Thaetigkeit andererseits. In unserem logischen Verhalten,
unserem Denken und Erkennen, ist der Vorstellungsverlauf objektiv
bedingt, das heisst: er ist bedingt und einzig bedingt durch die Weise
der Objekte unseres Bewusstseins, ohne unser Zuthun, als diese bestimmten
Objekte in uns aufzutreten und in dieser bestimmten Weise miteinander
verbunden zu sein. Er ist objektiv bedingt, das heisst: wir, unser ganzes
Wesen, verhaelt sich zur Beschaffenheit der Bewusstseinsobjekte und der
Weise ihrer Verbindung passiv oder gleichgueltig. Unsere Neigungen und
Wuensche, dass etwas so oder so sei, sind in solchem Vorstellungsverlauf
ausser Wirkung gesetzt. Es giebt innerhalb desselben nur ein Interesse,
naemlich das Interesse, ohne alles Interesse an der _Beschaffenheit_ des
Vorgestellten und der Weise seiner Verbindung lediglich den Forderungen
zu genuegen, die die Objekte des Bewusstseins an uns stellen, oder
lediglich der "objektiven Noetigung" zu gehorchen, der wir unterliegen,
wenn wir jede Reaktion unseres Wesens dem Inhalte der Objekte und der
Weise ihrer Verbindung gegenueber unterlassen.
Diesem objektiv bedingten Vorstellungsverlauf oder inneren Verhalten
steht gegenueber das subjektiv bedingte, von dem das voellige Gegenteil
gilt. Der Vorstellungsverlauf ist subjektiv bedingt, das heisst: es kommt
darin eben die Anteilnahme unserer Persoenlichkeit oder die "Reaktion"
unseres Wesens auf den Inhalt des Vorgestellten und die Beschaffenheit
der Vorstellungszusammenhaenge zur Aussprache. Es giebt sich darin kund,
was das Vorgestellte fuer uns, so wie wir einmal sind, bedeutet, ob seine
Beschaffenheit mit unserem Wesen einstimmig ist, oder ihm widerstreitet,
ihm zusagt oder widerstrebt, ob sie uns erfreut, erhoeht, ausweitet, oder
in uns Unlust weckt, uns niederdrueckt, uns einengt.--Es ist, nebenbei
bemerkt, eine gar nicht selbstverstaendliche, sondern hoechst merkwuerdige
Thatsache, dass diese beiden Weisen psychischer Bethaetigung nicht nur
nebeneinander existieren, sondern vollkommen unabhaengig voneinander sich
vollziehen koennen, dass wir also das eine Mal logisch oder erkennend
thaetig sein, das heisst unseren Wuenschen, oder der Reaktion unseres
Wesens auf die Beschaffenheit des Vorgestellten den Einfluss auf den
Vorstellungsverlauf verbieten, das andere Mal dagegen eben diesen
Reaktionen unseres Wesens uns ueberlassen koennen. Es ist eine merkwuerdige
Sache um diese wechselseitige Selbstaendigkeit von "Verstand" und "Gemuet".
Und in diese verschiedenen psychischen Lebensgebiete nun sollen die
"Kuenste" sich teilen. Gewisse Kuenste sollen an den "Verstand", andere an
das "Gemuet" sich wenden. Bei einigen soll die Frage lauten: Was oder wie
ist dies, bei anderen: Wie vermag mich dies innerlich anzumuten. Offenbar
gehoerten jene Kuenste demselben Lebensgebiete an, dem die Wissenschaft
angehoert, diese dem Gebiete des psychischen Lebens, das fuer die
Wissenschaft ihrer Natur nach nicht besteht und nicht bestehen darf.
Angenommen, das Wort Kunst haette in der That unserem Sprachgebrauch
zufolge diese grundsaetzlich verschiedene Bedeutung, so muessten wir, da
doch Begriffe im wissenschaftlichen Zusammenhange nicht voellig
Heterogenes vereinigen sollen, uns entschliessen von jetzt an nur noch
die eine Gruppe von Kuensten mit diesem Namen zu bezeichnen. Und zwar
muesste dies die Gruppe sein, der die Musik angehoert. Die andere koennte
dann etwa unter dem Namen "Kuenste der Belustigung des Verstandes und
Witzes" zusammengefasst werden.
Indessen diese Scheidung ist nicht erforderlich. Wir duerfen von
vornherein annehmen, dass diejenigen, die den Wert der Werke gewisser
Kuenste, etwa der Dramatik oder der Malerei oder der Plastik, darein
setzen, dass sie uns etwas wiedererkennen lassen, uns etwas zeigen, uns
Raetsel loesen, in die Wirklichkeit oder das Leben einen Einblick gewaehren,
uns von Thatsaechlichem Verstaendnis schaffen, uns eine leichte, sichere,
anschauliche Auffassung desselben ermoeglichen, oder wie die Wendungen
sonst lauten moegen,--dass sie alle im Grunde nicht meinen, was sie sagen,
oder dass sie bei dem, was sie sagen, Anderes stillschweigend
voraussetzen, oder ihnen selbst unbewusst mit einschliessen.
Und es ist leicht zu sehen, was dies sein muss. Zweifellos hat ja die
dramatische Kunst,--um speciell bei dieser zu bleiben--die Absicht uns
durch Vorfuehrung charakteristischer Faelle zu zeigen, was es um
Menschendasein und Menschenschicksal fuer eine Sache ist. Aber damit ist
nicht gesagt, dass hierin ihre Endabsicht besteht. Wer mir dergleichen
"zeigt", kann ja gar nicht umhin--da ich doch nun einmal auch Mensch
bin--mir zugleich den entsprechenden Eindruck zu schaffen. Und zeigt er
mir's in der Weise, wie es die Dramatik thut, dann heisst dies: Ich lebe
in ganz eigenartig eindrucksvoller Weise das Menschendasein und
Menschenschicksal mit. Meine Persoenlichkeit,--nicht mein die Thatsachen
nur einfach hinnehmender Verstand,--findet darin ihre eigenen
Lebensmoeglichkeiten, Lebensbeduerfnisse, Lebensantriebe verwirklicht.
Fassen wir die Sache so, dann verstehen wir, warum die Dramatik mir Leben
"zeigt", mir einen "Blick" in dasselbe gewaehrt, mich dasselbe leicht,
sicher, anschaulich "auffassen" laesst; und wiefern sie dies, als Gattung
der "Kunst", notwendig thut. Das Leben, das ich mitleben soll, muss eben
doch fuer mich da sein. Es kann aber fuer mich im Kunstwerk da sein, nur
soweit ich in demjenigen, was das Kunstwerk meinen Sinnen bietet, ein mir
bekanntes, naemlich aus der Wirklichkeit bekanntes Leben "wiedererkenne".
Ich muss die Sprache des Kunstwerkes "verstehen", wenn es ueberhaupt fuer
mich eine Sprache reden soll. Und je tiefer das Kunstwerk in das mir
bekannte Leben greift, und mich einen "Blick" in dies Leben und seine
"Raetsel" thun laesst, desto tiefer geht auch mein Miterleben.
Andererseits, je leichter, klarer, unmittelbarer dies Leben von mir aus
dem Kunstwerk herausgelesen werden kann, umso sicherer und reiner kann
mein Miterleben geschehen.
So besteht also der allgemeine Sinn der Kunst, mag sie nun Musik oder
Dramatik oder sonstwie heissen, darin, dass ich--nicht an einer
Verstandeseinsicht oder Bethaetigung des Intellektes, sondern an der
Bethaetigung meiner zu innerem Anteil faehigen Persoenlichkeit reicher
werde. Nur verwendet dazu natuerlich jede Kunst die Mittel, die sie hat.
Die Musik hat aber dazu nun einmal die Toene, die Dramatik das Mittel
einzelne Gestalten und Erlebnisse uns "schauen" zu lassen.
Und damit ist zugleich das Allgemeinere gesagt, dass der Wert des
Kunstwerkes nicht das eine Mal in etwas besteht, wozu uns das Kunstwerk
Gelegenheit giebt, oder wozu es dienlich ist, das andere Mal in einem dem
Kunstwerk selbst Angehoerigen, sondern dass derselbe in jedem Falle der
letzteren Art, also Eigenwert des Kunstwerkes ist. Solcher Eigenwert ist
ja der Wert des der Musik verwirklichten und ebenso der Wert des im Drama
von uns "wiedererkannten" Lebens. Dagegen waere der Wert unseres
Wiedererkennens, unserer klaren, einfachen Auffassung etc. nicht ein dem
Kunstwerke selbst eigener, nicht ein unmittelbar in ihm liegender.
"VERSTAENDNIS" DES KUNSTWERKES.
Wir muessen nun aber diesen Sachverhalt noch nach anderer Richtung hin
feststellen. Ich gelangte zu demselben, indem ich nach dem spezifischen
Sinne des alle Kuenste umfassenden Wortes "Kunst" fragte. Man koennte nun
sagen; Es giebt auch eine Befriedigung des _Verstandes_, die allen
Kuensten gemeinsam ist. Naemlich die Befriedigung aus der Erkenntnis der
Weise, wie "es" gemacht wird oder gemacht ist, aus der Einsicht in die
kuenstlerische Thaetigkeit oder Leistung, wie sie im Kunstwerk offenbar
wird, aus dem "Verstaendnis" des Kunstwerkes in diesem Sinne.
Auch solche Wendungen sind wiederum nicht eindeutig. Dreierlei sogar kann
damit gemeint sein. Zunaechst dasjenige, was damit unmittelbar gemeint
_scheint_: Ich freue mich ueber meine Einsicht als solche, aber die
Thatsache, dass ich verstehe, wie das Kunstwerk dazu kommt, als dies
Kunstwerk dazusein, wie die Bedingungen des vorliegenden kuenstlerischen
Ergebnisses zu eben diesem Ergebnisse zusammengewirkt haben oder
zusammenwirken.
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