Komik und Humor by Theodor Lipps
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Dann ist zu bemerken, dass die Einsicht in die _Unfaehigkeit_ des
Kuenstlers, in die _Vergeblichkeit_ seiner Bemuehungen, in die
_Zweckwidrigkeit_ der von ihm aufgewendeten Mittel, genau ebensogut
"_Einsicht_" ist, wie die Einsicht von entgegengesetztem Inhalte. Und
jene Einsicht kann eine ebenso klare und sichere, also vom rein
intellektuellen Standpunkt ebenso befriedigende Einsicht sein. Wird man
nun sagen, ein Kunstwerk habe, als Kunstwerk, Wert, auch wenn es nur die
Moeglichkeit einer _solchen_ Einsicht, oder eines _solchen_ Verstaendnisses
gewaehrt, wenn ich aus ihm moeglichst deutlich ersehe, welchen Bedingungen
es seine Leerheit und Mangelhaftigkeit verdankt, und wiefern aus diesen
Bedingungen nur eben dies Ergebnis entstehen konnte. Zweifellos hat
dieses Verstaendnis _Wert_. Aber es ist darum nicht Verstaendnis eines
wertvollen, sondern eines wertlosen "Kunstwerkes". Nichts Schlechtes in
der Welt wird dadurch gut, dass ich verstehe, oder einsehe warum es nicht
besser ist.
Zweitens kann die Meinung diese sein: Ein Kunstwerk hat Wert in dem
Masse, als darin das Vermoegen des Kuenstlers, irgendwelche, gleichgueltig
ob sinnvolle oder widersinnige Absicht zu verwirklichen, sich kund giebt.
Offenbar stehen wir hiermit schon an einem voellig anderen Standpunkte.
Die Befriedigung ist jetzt nicht mehr eine solche des Verstandes. Wir
sollen im Kunstwerk die Geschicklichkeit oder die Begabung des Kuenstlers
erkennen. Aber indem wir sie erkennen, ist sie fuer uns da. Wir freuen uns
nicht mehr darueber, dass wir erkennen, sondern wir freuen uns ueber das
_Erkannte_. Die Geschicklichkeit des Kuenstlers, oder allgemeiner gesagt,
der Kuenstler, ist Gegenstand unserer Freude. Der Wert des Kunstwerkes ist
der Wert des kuenstlerischen Koennens, das wir aus dem Kunstwerke
erschliessen.
Dagegen koennte zunaechst eingewandt werden, dass wir uns doch sonst ueber
eine auf Wertloses oder Widersinniges verwendete Geschicklichkeit nicht
zu freuen, sondern sie zu beklagen pflegen. Wir nennen denjenigen, der
seine Geschicklichkeit so missbraucht, einen Narren. Das Erste, was wir
vom Menschen fordern, also doch auch wohl vom Kuenstler fordern duerfen,
ist, dass er Sinnvolles wolle, sich vernuenftige Zwecke setze.
Es kommt aber hinzu, dass wir in den allerwenigsten Faellen von den
Absichten eines Kuenstlers eine genaue Kenntnis haben koennen. Angenommen,
ein Stuemper behauptete, er habe in jedem seiner Werke genau das
beabsichtigt, was darin erreicht sei, und wir koennten ihm nicht das
Gegenteil beweisen; dann muessten wir der hier vorausgesetzten Theorie
zufolge seine Werke saemtlich fuer vollendete Kunstwerke ansehen. Dann wer
genau das erreicht, was er beabsichtigt, zeigt jederzeit, dass er zur
Erreichung seiner Absicht vollkommen "geschickt" ist. Oder, muessen wir in
einem Falle zweifeln, ob ein "Kunstwerk" dem Ungeschick sein Dasein
verdankt, oder genau so gemeint ist, wie wir es vor uns sehen, so muessen
wir ebendamit zugleich zweifeln, ob es ein grosses Kunstwerk oder das
voellige Gegenteil davon sei. Vielleicht neigen wir erst zur ersteren
Ansicht; dann sagen wir: das ist eine Stuemperei. Nachher scheint uns die
letztere Ansicht die glaubhaftere; dann brechen wir in Kunstbegeisterung
aus.
Aber auch dies ist nicht die Meinung der Theorie, die den Wert des
Kunstwerkes auf das kuenstlerische "Koennen" zurueckfuehrt. Mit diesem
kuenstlerischen Koennen ist eben das _kuenstlerische_ Koennen gemeint, d. h.
das Koennen, das auf kuenstlerische Absichten gerichtet ist. Dann haengt
alles an der Frage: Was sind "kuenstlerische" Absichten.
Gewiss nun sind dies nicht solche Absichten, die zu irgend einer Zeit ein
"Kuenstler" hat. Ein Kuenstler kann allerlei Absichten haben, z. B. Essen
und Schlafen. Er kann auch in seiner Kunst die Absicht haben, von sich
reden zu machen, zu verblueffen, oder um jeden Preis Geld zu erwerben.
Sondern kuenstlerische Absichten sind solche, die ein Kuenstler _als
Kuenstler_ hat. Einem Kuenstler, so sagt man mit vollem Rechte, ist in
seiner Kunst alles erlaubt. Noch mehr: Alles was ein Kuenstler will und
thut, hat ebendamit absoluten kuenstlerischen Wert. Aber wann ist ein
Kuenstler ein Kuenstler? In welchem Wollen und Thun stellt er sich als
Kuenstler dar?
Damit sind wir wiederum angelangt bei unserer ersten Frage. Was macht den
specifischen Sinn des Wortes "Kunst" aus? Wir sahen: Kunst ist gerichtet
auf Erzeugung eines in sich selbst Wertvollen. Das Kunstwerk schliesst in
sich selbst etwas, das, wenn wir es in uns aufnehmen, unsere, der
Anteilnahme an vorgestellten Inhalten faehige Persoenlichkeit, oder, wie
ich statt dessen auch kurz sagte, das unser "Gemuet" bereichert, erweitet,
erhoeht. Ein solches in sich selbst Wertvolles wird also notwendig der
Inhalt der kuenstlerischen Absicht sein, ein solches will der Kuenstler,
als Kuenstler. Und das Kunstwerk hat Wert, wenn wir daraus ersehen, der
Kuenstler habe eine solche Absicht gehabt, und zugleich die Faehigkeit
besessen, dieselbe zu verwirklichen.
Was nun aber heisst dies anders als: Das Kunstwerk hat Wert, wenn es in
sich selbst einen wertvollen Inhalt traegt. Die Verwirklichung der
kuenstlerischen Absicht, so wie sie in einem Kunstwerke vorliegt, das ist
doch eben das Kunstwerk. Sie ist, sofern die kuenstlerische Absicht auf
einen an sich wertvollen, oder positive Anteilnahme hervorrufenden Inhalt
gerichtet ist, das im Kunstwerke enthaltene Wertvolle oder positive
Anteilnahme Erzeugende. Und: das _Koennen_ des Kuenstlers ist im Kunstwerke
oder spricht sich darin aus, dies heisst nichts anderes als: Dies
Wertvolle ist nicht bloss der Absicht nach, sondern wirklich da.
Vielleicht kann der Kuenstler auch sonst noch allerlei. Aber das Koennen,
das in einem bestimmten Kunstwerk vorliegt, kann nun und nimmer etwas
anderes sein, als genau das, was dies bestimmte Kunstwerk dem Beschauer,
der es in allen seinen Teilen und Zuegen auffasst, bietet.
Natuerlich ist dieser Inhalt des Kunstwerkes dann auch in gleicher Weise
fuer mich da, wenn ich an den Kuenstler und seine Bemuehungen, fuer die dabei
aufgewendete Kunst gar nicht denke, sondern nur dem Kunstwerk als
solchem, oder als waere es vom Himmel gefallen, mich hingebe.
Dies weist nun auf zwei moegliche Standpunkte der Betrachtung. Der eine
nimmt das Kunstwerk thatsaechlich wie ein Geschenk des Himmels. Der andere
erinnert sich, dass es nicht daher stammt, sondern einem Kuenstler und
seinem Wollen und Koennen sein Dasein verdankt. Jener Standpunkt ist der
rein aesthetische, dieser der Standpunkt des aesthetischen Theoretikers
oder des naturgemaess am kuenstlerischen Thun interessierten Kuenstlers.
Aber beide Standpunkte betrachten doch nur dieselbe Sache von
verschiedenen Seiten. Und sie ergeben demgemaess keine verschiedene
Beurteilung des Kunstwerkes und seines Wertes. Ich kann nicht dem
_kuenstlerischen_ Koennen und Thun, so wie es in einem bestimmten Kunstwerk
steckt oder sich kund giebt, Wert beimessen, ohne eben damit dem
_Kunstwerke_ einen _gleichartigen_ Wert beizumessen. Es kommt nur in
jenem Falle hinzu, dass ich mein Wertbewusstsein zugleich auf den
Kuenstler uebertrage, oder ihn, als Ursache des Wertvollen, das ich vor mir
sehe, in meine Wertschaetzung mit einbeziehe.
Nicht anders verhaelt es sich mit allerlei verwandten Wendungen. Wir
bewundern, so sagt man, im Kunstwerk die Phantasie, die schoepferische
Kraft, die Individualitaet des Kuenstlers. Von allem dem kann uns aber
wiederum das Kunstwerk nur Kunde geben, sofern es im Kunstwerk realisiert
ist. Die Phantasie des Kuenstlers, die uns im Kunstwerk entgegentritt, und
uns erfreut, das sind die im Kunstwerk verwirklichten Gestalten seiner
Phantasie; der Reichtum dieser Phantasie ist der Reichtum des Inhaltes
des Kunstwerkes. Ebenso ist die Individualitaet des Kuenstlers, wie sie im
Kunstwerk sich zeigt, die Individualitaet, der Charakter, die in sich
einstimmige und geschlossene Eigenart des Kunstwerkes. Und auch hier
koennen wir sagen: Der Kuenstler mag im uebrigen noch so viel Phantasie und
eine noch so ausgepraegte Individualitaet haben, solange und soweit diese
Phantasie oder diese Individualitaet nicht im Kunstwerk, als Inhalt oder
Moment desselben, uns entgegentritt, besteht sie nicht fuer die
Betrachtung des Kunstwerkes. Finden wir aber die Phantasie und
Individualitaet im Kunstwerk, so finden wir sie da auch, und haben den
Eindruck ihres Wertes, wenn wir den Gedanken an den Kuenstler voellig zur
Seite lassen.
Nicht als haette dieser Gedanke nicht seinen Wert. Es ist eine schoene
Sache, nicht nur, dass ein Kunstwerk so phantasievoll und charaktervoll
ist, wie es ist, sondern auch, dass es Menschen giebt, die vermoege ihrer
Phantasie und ihres Charakters so Phantasie- und Charaktervolles wollen
und vollbringen koennen. Aber beide Werte sind in ihrer Wurzel nur einer.
Der Kuenstler hat fuer uns Wert als derjenige, der--nicht irgend etwas,
sondern dies Wertvolle wollte und vollbrachte. Es wird also auch hier nur
derselbe Wert von zwei verschiedenen Seiten betrachtet.
So fuehrt uns jede Ueberlegung darauf zurueck, dass Wert des Kunstwerkes
eben Wert des Kunstwerkes ist, und nicht Wert von irgend etwas ausser
ihm, zu dem das Kunstwerk Gelegenheit giebt oder dient, oder dessen
Dasein wir aus dem Kunstwerk erschliessen.
"KUNSTWERT".
Schliesslich komme ich noch einmal zurueck auf die oben als moeglich
bezeichnete Unterscheidung des "_Kunstwertes_" von dem aesthetischen Werte
des Kunstwerkes. Auch die schoene Landschaft, der wir in der Wirklichkeit
begegnen, hat aesthetischen Wert. Aber sie hat keinen Kunstwert. Die
gemalte Landschaft dagegen hat Kunstwert. Was heisst dies?
Zunaechst einfach dies, dass die wirkliche Landschaft keine gemalte, also
kein Kunsterzeugnis ist, dass mithin ihr aesthetischer Wert nicht der Wert
eines Kunstwerkes sein kann. Mit anderen Worten; Wir nennen Kunstwert den
aesthetischen Wert des _Kunstwerkes_.
Dies erfordert doch noch eine genauere Bestimmung. Die gemalte Landschaft
ist auch aesthetisch nicht dieselbe wie ihr wirkliches Vorbild. Nehmen wir
auch an, der Kuenstler aendere die Motive, die Beleuchtung, den ganzen
Inhalt und Charakter der wirklichen Landschaft nicht, sondern gebe alles
voellig genau wieder. Dann giebt er es doch eben wieder, und zwar mit
kuenstlerischen Mitteln. Er uebertraegt z. B. die Landschaft auf eine
Flaeche, haelt sie in bestimmtem Massstabe, giebt ihr bestimmte Grenzen.
Alles dies sind Elemente der kuenstlerischen Form, die der Kuenstler zum
Objekte der Wirklichkeit, und den an ihm vorgefundenen und von ihm
uebernommenen Formelementen hinzufuegt. Es sind Mittel, durch die eine
specifische Weise der aesthetischen Anschauung ermoeglicht und
herbeigefuehrt wird, eine solche, wie sie keinem Naturobjekte gegenueber
moeglich ist. Und durch alle diese Formelemente oder Kunstmittel wird der
wertvolle Inhalt des Kunstwerkes oder sein Wertinhalt im Vergleich mit
dem aesthetischen Wertinhalte des Naturobjektes ein anderer und
eigenartiger. So muss es sein, wenn die fraglichen Formelemente wirklich
kuenstlerische, die Kunstmittel wirklich Kunstmittel sein sollen. Es giebt
kein kuenstlerisches Formelement, das nicht, als solches, zur Eigenart des
kuenstlerischen Inhaltes etwas beitrage, so wie es keinen kuenstlerischen,
das heisst im Kunstwerk wirklich vorhandenen Inhalt giebt, der nicht an
eine Form gebunden waere. Auch Form und Inhalt beim Kunstwerke verhalten
sich wie verschiedene Seiten _Desselben_. Kuenstlerische Form ist alles im
Kunstwerke, das macht, dass ein aesthetisch unmittelbar Wirksames fuer uns
im Kunstwerke da ist, und so wirkt, wie es wirkt. Und Inhalt des
Kunstwerkes ist eben dies im Kunstwerk fuer uns unmittelbar Vorhandene und
Wirksame selbst, soweit es in ihm vorhanden und wirksam ist. Was anders
wirkt, ist eben damit ein anderes Wirksames, also ein anderer Inhalt des
Kunstwerkes. So hat es keinen Sinn zu fragen, ob ein Kunstwerk durch die
Form oder den Inhalt wirke, weil keines ohne das andere moeglich, oder
jede Wirkung notwendig eine Wirkung von beidem ist.
Dasjenige nun, was der Kuenstler durch die _specifisch_ kuenstlerischen,
ich meine die am Naturobjekte nicht vorgefundenen Formelemente zum
Wertinhalte des Kunstwerkes hinzugefuegt, kann man als spezifischen
"Kunstwert", im Gegensatz zu dem aesthetischen Werte, der auch dem
Naturobjekte als solchem eignet, bezeichnen. Es ist nach dem Gesagtem
dasselbe, wenn ich diesen Kunstwert als den Wert jener spezifisch
kuenstlerischen _Formelemente_ bezeichne, da diese ihren kuenstlerischen
Wert nicht als leere Formen, sondern als inhaltvolle und den Inhalt
bestimmende Formen besitzen.
Damit ist dann aber zugleich gesagt, dass solcher "Kunstwert" nicht etwas
vom aesthetischen Werte, der auch schon dem Naturobjekte zukommt, der Art
nach Verschiedenes ist. Er ist vielmehr eine diesen Wert steigernde,
reinigende, konzentrierende Modifikation desselben. Der in solcher Weise
modifizierte aesthetische Wert des Naturobjektes, das ist der
schliessliche gesamte _aesthetische Wert_ des Erzeugnisses der
Kunst,--soweit naemlich dasselbe Naturobjekte zum Vorbilde hat.
Freilich ist nun das, was ich hier ueber den spezifischen Kunstwert sagte,
ebenso wie das, was vorhin ueber die aesthetische Bedeutung der
kuenstlerischen Absichten, des kuenstlerischen Koennens, der kuenstlerischen
Phantasie und Individualitaet gesagt wurde, fuer uns in diesem
Zusammenhange zunaechst nicht von unmittelbarer Bedeutung. Womit wir es
hier zunaechst zu thun haben, das ist ja der "aesthetische Wert" ueberhaupt.
Ihn hat, wie wir sahen, einerseits jedes Kunstwerk; andererseits besteht
er auch schon ausserhalb des Kunstwerkes. Halten wir dies beides zugleich
fest, so kann das Spezifische des aesthetischen Wertes ueberhaupt nur in
dem gefunden werden, was allen Kunstwerken und zugleich allem ausserhalb
der Kunst vorhandenen aesthetisch Wertvollen gemeinsam ist. Und dabei
kommt der Wert des kuenstlerischen Koennens und Thuns, der kuenstlerischen
Individualitaet etc. nicht mehr in Frage. Es bleibt also einzig uebrig die
Faehigkeit des aesthetisch wertvollen Objektes, unmittelbar durch das, was
es an sich selbst ist oder uns zu sein scheint, auf uns zu wirken, kurz
sein "_Eigenwert_". Auch das aesthetisch Wertvolle der Natur ist ja
freilich irgendwie _geworden_. Aber hier unterscheidet jedermann die
Freude an der Erkenntnis, wie die Objekte geworden sind, die Freude des
Zoologen, Botanikers etc. an seinem "Verstaendnis" der Formen, von der
aesthetischen Befriedigung, die aus der blossen betrachtenden Hingabe an
das, was thatsaechlich vorliegt, erwaechst.
DIE KOMIK ALS "SPIEL".
_Eine_ Antwort auf die Frage nach dem Wesen des Wertes eines Kunstwerkes
habe ich oben geflissentlich ausser Acht gelassen. Es ist die uns bereits
bekannte Antwort, die _Groos_ giebt: Unsere Freude am Kunstwerk ist die
Freude am Spiel der inneren Nachahmung.
Diesen Gedanken haben wir bereits abgewiesen. Angenommen indessen, er
waere wahr. Dann wuerde die Komik wohl in erster Linie das Recht haben,
aesthetisch wertvoll zu heissen. Denn die Komik ist, wie wir gesehen
haben, Spiel. Und sie ist Spiel der inneren Nachahmung, wenn wir unter
Nachahmung alles das verstehen, was _Groos_ so nennt Sie ist spielende
Auffassung von Objekten; und zwar, vermoege ihrer besonderen Bedingungen,
Spiel von besonders ausgepraegter Art.
In Wahrheit aber kann die Komik eben deswegen _keinen_ aesthetischen Wert
beanspruchen. Das Komische ist belustigend. Lust ist Freude. Aber die
Freude haftet hier nicht am komischen Objekte als solchem. Wir sahen, das
komische Objekt kann wertvoll und unwert sein. Aber dieser Wert oder
Unwert hat mit der Komik als solcher nichts zu thun. Die geringfuegige
Leistung, die auf grosse Versprechungen folgt, ist komisch, aber sie ist
nicht wertvoll, kein Gegenstand unserer Lust oder Freude.
Woran aber haftet oder worauf bezieht sich dann die komische Lust? Wir
sagten soeben: auf das Spiel. Aber auch dies ist noch keine eindeutige
Erklaerung. Es liegt darin dieselbe Zweideutigkeit, die auch jener eben
von neuem erwaehnten Theorie des kuenstlerischen Wertes anhaftet. Was ist
mit jenem Spiel der inneren Nachahmung gemeint? Eine bestimmt geartete
_Thaetigkeit_ des Nachahmens oder eine bestimmte Weise ihres _Gelingens_?
Die gleichen beiden Moeglichkeiten muessen auch bei der Komik unterschieden
werden. Die erstere aber muessen wir hier gleich abweisen. Die Lust am
Komischen ist nicht Lust an unserem Spielen oder unserer spielenden
_Thaetigkeit_. Nicht unser _Thun_ ist belustigend, sondern das komische
Objekt. Man erinnert sich, dass wir ehemals die Behauptung, die Lust am
Komischen sei Lust an unserer Ueberlegenheit, schon darum fuer unzutreffend
erklaerten, weil die Lust von uns thatsaechlich nicht auf unsere
Ueberlegenheit, sondern auf das inferiore Objekt bezogen werde. So wenig
wie auf unsere Ueberlegenheit beziehen wir aber die Lust auf unsere
Thaetigkeit des spielenden Auffassens. Wie soeben gesagt, nicht unser
Thun erscheint uns belustigend, sondern das Objekt.
Damit scheinen wir aber in einen Widerspruch mit um selbst geraten. Erst
sollte die Lust nicht am Objekte haften, sondern am Spiele. Jetzt
konstatieren wir, dass nicht unsere Thaetigkeit des spielenden Auffassens,
sondern das Objekt das Belustigende sei.
Die Loesung dieses Widerspruches habe ich schon angedeutet: Das spielende
_Gelingen_ unserer Auffassungsthaetigkeit ist der Gegenstand der Lust.
Doch fassen wir diese Frage etwas allgemeiner.
ARTEN VON GEGENSTAENDEN DES GEFUEHLS UEBERHAUPT.
Drei moegliche Arten der Beziehung unseres Lust- oder Unlustgefuehles auf
Gegenstaende muessen unterschieden werden. Ich habe Lust an einem Objekt,
oder ich habe Lust an meiner Thaetigkeit. Dazu tritt als Drittes die Lust,
die weder Lust am Objekt noch Lust an meinem Thun und eben darum in
gewisser Weise beides ist.
Es giebt eine Lust an den Objekten meines _Denkens_: Ich freue mich an
dem erfreulichen Inhalte meiner Gedanken. Dieser Lust steht gegenueber die
Lust an meiner Thaetigkeit des Denkens oder meiner Denkarbeit, ihrer
Energie, Konzentriertheit. Solche Lust kann ich haben, auch solange diese
Denkarbeit ihr Ziel nicht erreicht, das heisst: solange ich noch nicht
erkenne, was ich erkennen moechte. Endlich ist von beidem unterschieden
die Freude an der _Erkenntnis_. Die Erkenntnis ist das "Gelingen" der
Denkarbeit. Die Freude an ihr ist also Freude am "Gelingen".
Dies nun verallgemeinern wir. Die drei Moeglichkeiten der Beziehung der
Lust auf einen Gegenstand derselben, oder die drei hier zu
unterscheidenden Arten des Wertgefuehls sind diese: Gefuehl des Wertes
eines vorgestellten, von mir unterschiedenen Objektes als solchen;
zweitens Gefuehl des Wertes meines Thuns; und drittens Wertgefuehl, das
sich ergiebt aus der Beziehung eines Objektes zu einer jetzt in mir
vorhandenen Weise innerer Thaetigkeit.
Wertgefuehle der ersteren Art koennen wir kurz bezeichnen als
Objektswertgefuehle, die der zweiten Art als Subjektswertgefuehle, die der
dritten Art als Gefuehle den Wertes einer Beziehung des Objektes zum
Subjekt. Die Erkenntnis ist eine solche "_Beziehung_". Sie ist eine
bestimmte Weise, wie Objekte in einen Vorstellungszusammenhang sich
einordnen.
Diese drei Moeglichkeiten der "Wertbeziehung" koennen wir weiter verfolgen.
Wir sahen sie soeben verwirklicht auf dem Gebiete des (logischen)
Denkens. Wir begegnen ihnen aber ebenso auf dem Gebiete des praktischen
Wollens. Lust gewaehrt mir der Gedanke an ein zu verwirklichendes Objekt,
etwa einen zu erlangenden Genuss. Lust gewaehrt mir andererseits die in
sich einstimmige, sei es auch vergebliche _Bemuehung_ der Verwirklichung
eines Objektes, das starke, konzentrierte, kuehne Wollen. Lust gewaehrt mir
endlich auch hier wiederum das "Gelingen".
Und dieselben Moeglichkeiten bestehen endlich auf dem Gebiete des
einfachen, weder auf Erkenntnis noch auf Verwirklichung eines von mir
verschiedenen Objektes gerichteten Vorstellens. _Objekte_ unserer
Betrachtung gefallen, oder wecken Lust. Der Kuenstler freut sich am
Reichtum und der Kraft seines geistigen _Schaffens_. Beide endlich freuen
sich oder koennen sich freuen, wenn ihnen Objekte sich darstellen, die,
gleichgueltig ob in sich selbst wertvoll oder nicht, in die Richtung, die
ihr Vorstellen jetzt eben genommen hat, _widerspruchslos sich einfuegen_
oder vermoege dieser Richtung _hemmungslos sich auffassen_ lassen.
Hierhin gehoert die Komik. Sie gehoert zu den Gefuehlen der Lust, nicht an
Objekten und nicht an unserem Thun, sondern an einer Weise, wie sich
Objekte einem gegenwaertigen Thun oder inneren Vorgang einfuegen. Dasselbe
drueckte ich eben so aus: Das Gefuehl der Komik ist ein Gefuehl von der
Weise, wie mein Thun gelingt.
Kein unwichtiger Unterschied ist es, auf den ich im Vorstehenden
aufmerksam mache. Die Freude am Gelingen der Denk- oder
Erkenntnisthaetigkeit oder kurz die Freude am Erkennen ist die specifisch
logische. Es ergiebt sich schon aus dem ueber die Erkenntnis frueher
Gesagten, dass diese Freude logisch ist, genau soweit sie nicht
mitbestimmt ist durch den Wert, den das erkannte Objekt fuer mich haben
mag. Und sie ist es, soweit sie ebenso wenig mitbestimmt ist durch den
Wert, den mein Denken, das heisst meine Denkarbeit fuer mich besitzt. Der
ist wissenschaftlich verloren, der sein Bejahen oder Verneinen einer
Thatsache davon abhaengig macht, ob ihm die Thatsache zusagt. Und nicht
minder derjenige, der an einer Theorie festhaelt, weil er sich nicht
entschliessen kann, die von ihm auf ihre Gewinnung gerichtete Bemuehung
fuer vergeblich anzusehen, oder kurz gesagt, weil sie seine Theorie ist.
Nicht mindere Wichtigkeit besitzt die fragliche Unterscheidung auf dem
praktischen oder ethischen Gebiet. Der verschiebt den Begriff des
sittlich Wertvollen, der den Wert der Handlung bemisst nach dem Wert des
gewollten Objektes. Ich kann das Wertvolle wollen, und doch es in
sittlich unwerter Weise wollen. Und ebenso aussersittlich oder unsittlich
ist die moralische Beurteilung, fuer welche dieser Wert sich bemisst nach
dem Gelingen oder dem gluecklichen Erfolg. In Wahrheit ist sittlich
wertvoll einzig die Weise des Wollens, also des inneren Thuns: Es giebt
nichts in der Welt, das, "ohne alle Einschraenkung fuer gut koennte gehalten
werden, als allein ein guter Wille".
Und gleich gross ist endlich die Bedeutung jener Unterscheidung auf dem
Gebiete der weder auf Erkenntnis, noch auf Verwirklichung eines von mir
verschiedenen Objektes abzielenden Betrachtung, vor allem der
aesthetischen Betrachtung. Aesthetisch wertvoll ist nicht meine Thaetigkeit
der Auffassung eines Objektes oder die Weise dieser Thaetigkeit.
Ebensowenig die Weise, wie mir die Auffassung gelingt, etwa die
Leichtigkeit, Sicherheit, Klarheit derselben, von der oben die Rede war.
Sondern, wie wir feststellten, aesthetischer Wert ist einzig der Wert des
Objektes selbst, oder dessen, was fuer mich in dem Objekte unmittelbar
enthalten liegt.
Vergleichen wir die drei hier nebeneinander gestellten Weisen der
Bethaetigung des menschlichen Geistes, die logische, die praktisch
ethische, und die aesthetisch betrachtende, mit Ruecksicht auf ihr
Verhaeltnis zu jenen drei Arten der Wertbeziehung, so ergiebt sich aus dem
Gesagten, dass bei jeder derselben die Wertbeziehung eine andere ist,
dass also jene drei Thaetigkeiten diese drei Wertbeziehungen unter sich
aufteilen: Logischer Wert ist ein Wert des Gelingens; ethischer Wert ist
ein Wert des inneren Thuns; aesthetischer Wert ist ein Wert des Objektes.
DER WERT DER KOMIK KEIN AESTHETISCHER WERT.
Damit ist zunaechst von neuem, aber in ganz anderer Richtung, als es
frueher geschah, der aesthetische Wert gegen den logischen oder
intellektuellen abgegrenzt. Zugleich ist die Stelle, die dem Werte des
Komischen zukommt, genauer bestimmt. Er gehoert--von dem Gesichtspunkt
der "Wertbeziehungen" aus--in _eine_ Wertgattung mit dem logischen oder
Erkenntniswert. Er nimmt die mittlere Stellung ein, die allen Werten des
Gelingens eignet. Das Gelingen besteht allemal im Sicheinstellen eines
Objektes oder eines Objektiven. Insofern kann das _Objekt_ als Gegenstand
des Wertgefuehles erscheinen. Zugleich ist doch das Gelingen ein sich
Einstellen eines Objektiven unter der Voraussetzung eines darauf
gerichteten Thuns oder inneren Geschehens. Insofern erscheint wiederum
_nicht_ das Objekt, d. h. nicht das Objekt an sich, als Gegenstand des
Wertgefuehles, sondern die durch das Objekt ermoeglichte Weise der
Vollfuehrung oder Vollendung dieses Thuns, oder die Weise meiner
Bethaetigung.--Damit ist der oben konstatierte scheinbare Widerspruch
gehoben.
Ich stellte eben die Komik neben die Erkenntnis. Unmittelbarer gehoert
natuerlich das komische Wertgefuehl zusammen mit den anderweitigen
Wertgefuehlen, in denen gleichfalls ein Gelingen einer Thaetigkeit der
blossen _Betrachtung_ oder _Auffassung_, oder allgemeiner gesagt, in
denen gleichfalls die Beziehung eines lediglich _aufzufassenden_ Objektes
zu der vorhandenen psychischen Thaetigkeitsrichtung das Wertgefuehl
bedingt.
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