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Komik und Humor by Theodor Lipps

T >> Theodor Lipps >> Komik und Humor

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Solche Faelle haben wir bereits kennen gelernt. Ich erinnere an das Gefuehl
des Erstaunens oder des Ueberraschtseins, weil wir ein weniger "Grosses"
erwarteten. Ebendahin gehoert das Gefuehl des Schrecks, das, wie man weiss,
auch entstehen kann, wenn objektiv gar nichts Schreckliches vorliegt oder
geschieht. Ich bin etwa, vermeintlich allein, in meinen Gedanken
versunken. Dann kann mich die leise Beruehrung meiner Schulter durch den
unerwartet und unbemerkt zu mir Hinzugetretenen aufs heftigste
erschrecken. Die Beziehung der Beruehrung zu meinem gegenwaertigen, in
voellig anderer Richtung gehenden Gedankengang ist es, die hier dies
Gefuehl verschuldet. So wenig braucht schliesslich das Erschreckende ein
an sich Schreckliches zu sein, dass auch Hocherfreuliches das gleiche
Gefuehl erzeugen kann.

"Kuenstler" machen wohl gelegentlich die Kunst zu einem Mittel der
Ueberraschung oder gar Verblueffung. Die Unfaehigkeit durch das Kunstwerk
selbst zu wirken, veranlasst sie zu wirken, indem sie das Kunstwerk zu
den jetzt zufaellig in uns bestehenden Vorstellungsgewohnheiten in
Gegensatz treten lassen. Hier ist der Gegensatz des aesthetischen Wertes,
und des Wertes, der an solcher Beziehung zwischen dem Objekt und den
jeweiligen Vorgaengen im Subjekt haftet, besonders unmittelbar
einleuchtend.--Genau so einleuchtend ist der Gegensatz zwischen jedem
aesthetischen Werte und dem Wert der Komik.

Dennoch hat man der Komik als solcher einen aesthetischen Wert zuerkannt.
Dies war aber immer nur moeglich, wenn man den Sinn des Komischen oder des
aesthetisch Wertvollen oder beider verkannte. Am naechsten liegt aus schon
angegebenen Grunde jener Irrtum fuer die vorhin von neuem erwaehnte
aesthetische Theorie, fuer welche der aesthetische Wert Wert des "Spieles
der inneren Nachahmung" ist. Ich leugne nicht, dass hier die innere
"Nachahmung" eine Ahnung des Richtigen enthaelt. Ich werde darauf nachher
zurueckkommen. Zunaechst interessiert mich die Weise, wie die fragliche
Theorie das Richtige geistreich verschiebt und in Widersinn verkehrt.

Auch bei der Komik findet nach jener Theorie ein Nachahmen statt. An
Stelle des Nachahmens tritt dann wohl das sich "Hineinleben" in das
Objekt oder das sich "Hineinversetzen" in dasselbe. Soweit angesichts des
Komischen dies Nachahmen stattfindet, soll das Komische aesthetischen Wert
haben. Genauer gesagt, das Komische hat fuer die fragliche Theorie
aesthetischen Wert, sofern wir uns in das "Verkehrte" hineinversetzen, es
innerlich mitmachen. Damit geben wir dem Komischen den "bruederlichen
Versoehnungskuss." Dieser bruederliche Versoehnungskuss ist das die Komik
"Veredelnde". Soweit dies Moment an die Stelle der unbruederlichen
Erhebung ueber das verkehrte Objekt oder an die Stelle unseres Gefuehls der
Ueberlegenheit tritt, verwandelt sich die komische Betrachtung in die
humoristische.

Hierin liegt die richtige Einsicht, dass das Gefuehl der Ueberlegenheit
ueber eine Verkehrtheit gewiss _keinen_ aesthetischen Wert begruenden, also
auch nicht das Wesen des Humors bezeichnen kann. Im uebrigen ist jener
"bruederliche Versoehnungskuss" zunaechst ein schoenes Wort.

Was heisst dies: ich mache die Verkehrtheit oder das Verkehrte innerlich
mit? Zweierlei kann damit gesagt sein. Einmal einfach dies: Ich nehme von
der Verkehrtheit Kenntnis, erfasse sie in ihrem Wesen oder in ihrer
Eigenart, gelte ihr in meinen Gedanken nach. "Wenn wir die Verkehrtheit
wirklich durchschauen wollen, so muessen wir fuer einen Augenblick den
verkehrten Gedankengang nachdenken." Damit scheint nichts anderes als
dies Kenntnisnehmen bezeichnet.

Die andere moegliche Auffassung ist die: Wir "machen" die Verkehrtheit
innerlich "mit", d. h. wir denken oder wollen, kurz verhalten uns
innerlich ebenso verkehrt. Wir denken den verkehrten Gedankengang nicht
nur nach, sondern wir glauben daran, stimmen ihm bei, ebenso wie es
derjenige thut, dem wir ihn nachdenken.

Diese beiden Moeglichkeiten werden nun aber in jener Theorie nicht
ausdruecklich geschieden. Immerhin verstehen wir, dass die zweite gemeint
sein muss. Die erstere wuerde ja ueber das Gefuehl der Ueberlegenheit nicht
hinausfuehren. Bei ihr fehlte der "bruederliche Versoehnungskuss". Ich kann
unmoeglich das Gefuehl der Ueberlegenheit haben ueber eine Verkehrtheit, wenn
ich sie nicht "durchschaue", also sie in Gedanken nachdenke.

Indessen, wenn ich auch das "Mitmachen" in jenem zweiten Sinne nehme, so
scheint mir wenig gebessert. Ich finde dann erstlich, dass ich in sehr
vielen Faellen der Komik gar nicht weiss, worin dies innerliche Mitmachen
bestehen sollte. So sehe ich beispielsweise nicht ein, was es heissen
soll, dass ich mit dem leeren Grosssprecher mich innerlich aufblaehe, und
dann seine geringfuegige Leistung mitmache. Da die geringfuegige Leistung
nichts Innerliches ist, so kann hier das innerliche Mitmachen doch nur
bestehen in dem Kenntnisnehmen, dem Beachten, der Weise dem Vorgang mit
meinen Gedanken zu folgen.

Ebensowenig weiss ich, wie ich eine aeussere Ungeschicklichkeit, das
Stolpern eines erwachsenen Menschen ueber ein kleines, nicht
wahrgenommenes Hindernis anders innerlich nachmachen soll, als so, dass
ich es konstatiere. Oder besteht hier das Mitmachen in dem Gedanken, dass
mir dergleichen unter gleichen Umstaenden ebensowohl begegnen koennte?

Nehmen wir das Letztere an. Oder besser: Nehmen wir einen Fall, in
welchem das "Mitmachen" in dem bezeichneten _praegnanten_ Sinne ohne
weiteres einen Sinn ergiebt. Ich frage: Wenn ich einer Dummheit innerlich
beistimme, wenn ich den Rechenfehler nicht nur "nachrechne", sondern im
Nachrechnen gleichfalls begehe, wenn ich in diesem Sinne mit der
komischen Verkehrtheit eine Zeitlang "Eines" bin,--liegt darin ohne
weiteres ein Grund zur aesthetischen Befriedigung? Gewiss werde ich die
Dummheit weniger von oben herab betrachten, oder mich ihr gegenueber
weniger "ueberlegen" fuehlen, wenn ich so zum Mitschuldigen geworden bin.
Aber diese Minderung des Gefuehles der Ueberlegenheit, dieser angebliche
"bruederliche Versoehnungskuss", ist doch nicht gleichbedeutend mit
aesthetischem Genuss. Es scheint mir, auch die schoensten Redewendungen
koennen nicht darueber taeuschen, dass eine solche verminderte Ueberlegenheit
nicht veredelte, sondern eben verminderte Ueberlegenheit ist, also eine
relative Negation der komischen Lust, und weiter nichts.

Allerdings kann dazu noch ein Element hinzutreten. Naemlich ein Gefuehl der
Beschaemung ueber die Mitschuld. Aber die Vereinigung von vermindertem
Gefuehl der komischen Lust und Gefuehl der Beschaemung ist doch auch nicht
Dasselbe wie aesthetischer Genuss. Mit einem Wort, wir kommen auf diese
Weise nicht weiter.




XV. KAPITEL. DIE TRAGIK ALS GEGENSTUECK DES HUMORS.


DIE TRAGIK ALS "SPIEL".

Vielleicht gelingt es uns eher, weiter, d. h. den Bedingungen, unter
denen das Komische in ein aesthetisch Wertvolles sich verwandelt, naeher zu
kommen, wenn wir--bei dem Begriff der inneren Nachahmung noch einen
Augenblick bleiben, aber zunaechst einmal zusehen, welche Bedeutung
derselbe auf einem anderen Gebiete haben kann.

Ich bezeichnete schon die "Modifikation des Schoenen", innerhalb welcher
das Komische aesthetischen Wert gewinnt, als Humor. Neben dem Humor
nun--nicht etwa neben der Komik--steht die Tragik. Immer wieder hat man
diese beiden als Geschwister betrachtet. Dann werden beide eine
Familienaehnlichkeit haben. Es ist zu erwarten, dass das Verstaendnis des
einen der Geschwister einen wesentlichen Teil des Verstaendnisses des
anderen in sich schliessen werde.

Wie koennen Leiden, Besorgnis, Angst, Untergang Gegenstand unseres
Genusses sein? Man sagt vielleicht auch hier wiederum: Indem wir sie
"innerlich nachahmen". Dies wird zutreffen. Nur kommt dabei alles darauf
an, dass wir das "innerliche Nachahmen" recht verstehen.

Die blosse Kenntnisnahme von dem Leiden kann nicht erfreuen. Das
innerliche Mitmachen aber scheint diese Wirkung noch weniger haben zu
koennen. Das Mitmachen des Leidens ist ein Leiden mit dem Leidenden, das
Mitmachen der Sorge ein Sichsorgen mit dem Sorgenden. Daraus, scheint es,
kann uns nur Unlust erwachsen.

Hier aber wird uns wiederum das "Spiel" entgegengehalten: Die innere
Nachahmung ist Spiel, und demgemaess erfreulich, wie jedes Spiel. Das
Leiden der tragischen Gestalt ist nicht wirklich. Es ist nur Schein.
Diesem Schein ueberlassen wir uns freiwillig, um ebenso freiwillig
wiederum uns ihm herauszutreten. Das heisst in unserem Falle: Wir
ueberlassen uns dem Mitleiden oder der Mitsorge, wissen aber zugleich,
dass dazu in Wirklichkeit kein vernuenftiger Grund vorliegt, da ja ein
wirkliches Leiden oder eine wirkliche Sorge gar nicht stattfindet. Wir
geben uns also nur spielend jenem Erleben hin. Wir geben es dann ebenso
spielend wieder preis. Und an diesem Spiele, dieser Freiheit auf den
Schein uns einzulassen und auch wiederum von ihm loszumachen, oder ihn
innerlich in nichts aufzuloesen, an dieser Selbstherrlichkeit unserer
Phantasie haben wir unsere Freude.

Ich wiederhole nicht mehr, was ich ueber diesen ausgekluegelten Widersinn
oben angedeutet und an anderer Stelle[3] ausfuehrlicher gesagt habe. Ich
begnuege mich hier zu bemerken, dass ich diese Freiheit _nicht_ habe, und
dass ich, falls ich sie haette, davon angesichts des tragischen
Kunstwerkes keinen Gebrauch machen wuerde.

[3] Im "Dritten aesthetischen Literaturbericht", der im "Archiv fuer
systematische Philosophie" demnaechst erscheinen soll.

Ich habe sie nicht, weil das tragische Kunstwerk, wenn es nicht etwa ein
schlechtes Machwerk ist, mich festzuhalten pflegt; weil es mich wider
meinen Willen fortreisst; weil es mit Zaubergewalt mich festbannt in
seiner Welt des Scheines.

Und ich wuerde von dieser Freiheit keinen Gebrauch machen, weil mir der
ernste und erschuetternde Genuss des tragischen Kunstwerkes lieber ist als
die kindische Freude an solcher armseligen Freiheit.

Ausserdem fuege ich hinzu, dass nicht bloss angesichts der Scheinwelt der
Buehne, sondern auch gegenueber der Tragik der _Wirklichkeit_ ein
tragischer Genuss moeglich ist. Hier hat aber doch wohl jenes Spiel der
Phantasie keine Stelle mehr. Hier ist ja das Leiden harte Thatsache.

Wie der, oder die Vertreter jener Theorie, so mache ja gewiss auch ich
das Leiden der tragischen Gestalt innerlich mit. Nur wie schon
angedeutet, in anderer Weise. Ich leide mit dem Leidenden, und _bleibe_
dabei mit ihm zu leiden. Wiefern ich nun aber davon Genuss haben kann,
dies ergiebt sich aus der Beantwortung der einfachen Frage: Wann wir denn
von dem Leiden eines anderen, sei es einer Person im Drama, sei es eines
wirklichen Menschen, nicht bloss Notiz nehmen, sondern es im eigentlichen
Sinne des Wortes miterleben oder "mitmachen".


TRAGIK UND "AESTHETISCHE SYMPATHIE".

Jemand leidet, d. h. empfindet Unlust, weil ihm eine Bueberei, ein
thoerichter oder verbrecherischer Anschlag misslungen ist. Auch dies
Leiden erleben wir innerlich mit, d. h. wir vollziehen in uns die
Vorstellung dieses Gemuetszustandes. Aber wir erleben das Leiden auch
wiederum nicht innerlich mit, d. h. wir nehmen nicht daran teil. Warum
dies? Zweifellos, weil die Wurzel, aus welcher dies Leiden stammt, d. h.
der Wunsch, das Niedrige oder Boese vollendet zu sehen, oder allgemeiner
gesagt, weil dies dem Leiden zu Grunde liegende oder in ihm sich
kundgebende Moment in der Persoenlichkeit dessen, der leidet, uns
widerstrebt oder unserem Wesen widerstreitet. Aus gleichem Grunde freuen
wir uns nicht mit demjenigen, der ueber eine gelungene Schlechtigkeit
Freude empfindet.

Umgekehrt weckt Leiden unser Mitleiden, Freude unsere Mitfreude, wir
nehmen ueberhaupt teil an jeder Regung in einem Menschen, wenn und soweit
das Moment der Persoenlichkeit, aus welchem dieselbe stammt, in unserem
Wesen Widerhall findet, oder wir hinsichtlich dieses Momentes mit der
leidenden oder sich freuenden Persoenlichkeit uns einstimmig fuehlen
koennen.

Damit ist ohne weiteres der Grund zum Genusse gegeben. Der Genuss ist
Genuss dieser Einstimmigkeit, Genuss der "_Sympathie_".

Dies kann genauer bestimmt werden. Woher wissen wir denn von fremden
Persoenlichkeiten? Wie kommt es, dass es solche ueberhaupt fuer uns giebt?
Was wir wahrnehmen, wenn ein Mensch uns gegenuebersteht, ist eine Gestalt,
eine aeussere Erscheinung, eine Summe von Lebensaeusserungen. Aber dies
alles ist nicht die fremde Persoenlichkeit, ich meine die seelische oder
geistige, die leidende, sich freuende, hoffende, fuerchtende u. s. w.
Persoenlichkeit.

Das Bild dieser Persoenlichkeit kann nur aufgebaut sein aus Elementen
unserer eigenen Persoenlichkeit. Das Bild der fremden Persoenlichkeit ist
die an einen fremden Koerper geknuepfte, je nach der Art dieses fremden
Koerpers und der Besonderheit seiner Lebensaeusserungen modifizierte
Vorstellung von uns selbst.

Wie wir uns selbst in der Vorstellung modifizieren koennen, ist jedermann
wohl bekannt. Wie oft haben wir ein Bewusstsein davon, dass wir so oder
so sein koennten. Wir wuenschen vielleicht auch, dass wir so oder so waeren.
Nun, eine Vorstellung von dem, was wir sein koennten, oder die
Vorstellung, wie sie ein solcher Wunsch in sich schliesst, eine solche
Vorstellung, geknuepft an eine fremde sinnliche Erscheinung, das ist die
fremde Persoenlichkeit.

Sie ist noch etwas mehr. Die fremde Persoenlichkeit _ist_, was wir sein
koennten; sie ist es wirklich. Die eigene, in dieser oder jener Weise
modifizierte Persoenlichkeit tritt uns in der fremden Person als etwas
_Wirkliches entgegen_.

Zunaechst in der _wirklichen_ fremden Person. Aber auch in gewisser Weise
in der fremden Person, die nur kuenstlerisch _dargestellt_ ist. Die
ideelle, d. h. nur fuer unsere Phantasie bestehende Welt des Kunstwerkes
hat fuer uns Wirklichkeit, nicht im Sinne der erkannten, wohl aber in dem
eigen- und einzigarten Sinne der aesthetischen Realitaet: Auch in der nur
dargestellten Person tritt uns unsere eigene Persoenlichkeit, wie sie sein
koennte, als etwas "_Objektives_", als ein nicht von uns ins Dasein
Gerufenes, sondern uns "Gegebenes", uns von aussen Aufgenoetigtes
entgegen.

Und in jedem Zuge oder jeder Lebensaeusserung der fremden Person finden
wir eine moegliche Weise der Bethaetigung unserer eigenen Person
verwirklicht oder sich auswirkend, vor. Jetzt fragt es sich, wie diese
Bethaetigungsweise in das Ganze unserer Persoenlichkeit, so wie sie
thatsaechlich geartet ist, sich einfuegt, ob damit einstimmig oder den
eigenen thatsaechlichen Bethaetigungsantrieben derselben widerstreitend, ob
befreiend oder bedrueckend, foerdernd oder verletzend. Je nachdem haben wir
diese oder jene Weise des Selbstgefuehls.

Das Sympathiegefuehl ueberhaupt und demnach auch das aesthetische
Sympathiegefuehl ist also eine psychologisch wohl verstaendliche, ja wenn
man will selbstverstaendliche Sache. Es ist, wenn wir einmal vom Dasein
fremder Persoenlichkeiten und von Regungen, die in ihnen stattfinden,
wissen, ohne weiteres gegeben.

Dies Sympathiegefuehl ist Selbstgefuehl, aber doch wiederum vom
unmittelbaren Selbstgefuehl verschieden. Der Gegenstand desselben ist
unser "_objektiviertes_", in Andere hineinverlegtes, und demgemaess in
Anderen vorgefundenes Selbst. So muessen wir auch das Sympathie_gefuehl_
als objektiviertes _Selbstgefuehl_ bezeichnen. Wir fuehlen uns in Anderen,
oder fuehlen Andere unmittelbar in uns. Wir fuehlen uns in oder durch den
Anderen beglueckt, befreit, ausgeweitet, gehoben, oder das Gegenteil.

Das _aesthetische_ Sympathiegefuehl ist aber nicht nur eine Weise des
aesthetischen Genusses, sondern es ist der aesthetische Genuss. Aller
aesthetischer Genuss liegt schliesslich einzig und allein in der Sympathie
begruendet. Auch der aesthetische Genuss, den Linien, geometrische,
architektonische, tektonische, keramische Formen etc. gewaehren. Was
diesen letzteren Punkt betrifft, so verweise ich auf meine "Raumaesthetik
und geometrisch-optische Taeuschungen".

Diese ganze Thatsache uebersieht die oben bekaempfte Theorie. Sie uebersieht
damit im Aesthetischen das Aesthetische. Sie greift darum zu jenem
laeppischen "_Spiel_".


VOLKELTS AUSSERAESTHETISCHE BEGRUENDUNG DER TRAGIK.

Nicht das Gleiche kann gesagt werden von einem anderen Aesthetiker der
Tragik, _Volkelt_. Ich denke dabei sowohl an _Volkelts_ "Aesthetik des
Tragischen", wie an seine "Aesthetischen Zeitfragen". Aber auch _Volkelt_
erkennt die aesthetische Sympathie nicht als das eigentlich Entscheidende
an. Darum muessen auch bei ihm ausseraesthetische Momente, oder solche
Momente, die nur scheinbar selbstaendige Bedeutung haben, den aesthetischen
Genuss vervollstaendigen. Ja schliesslich erscheinen solche Momente als
die eigentlichen Faktoren des aesthetischen Genusses.

Es ist schon bedenklich, dass diese Momente so verschiedenartig sind. Das
Kunstwerk, so hoeren wir einmal, laesst uns in die "Raetsel" des Lebens
"blicken"; es "zeigt" uns, was es um das Leben fuer eine Sache sei. Es
laesst auf die Stellung von Freude und Leid, von Gut und Boese, von
Vernunft und Unvernunft im Leben "ein Licht fallen". Die Tragik soll auch
Unerfreuliches darstellen, bloss darum, weil auch das Unerfreuliche zur
_Wirklichkeit des Lebens_ gehoert. Mit einem Worte, die Kunst soll uns das
Wirkliche in seinen bedeutsamen Zuegen erkennen, wiedererkennen, verstehen
lassen.

Dies alles sind Wendungen, wie wir sie schon oben kennen gelernt und
abgewiesen haben. Wir sahen, mit dem Wiedererkennen hat es freilich in
der Poesie seine Richtigkeit. Aber der Zweck der Kunst kann nicht in
dergleichen bestehen. Wir koennen jetzt genauer sagen: Dieser Zweck
besteht nicht im Wiedererkennen, nicht darin, dass uns etwas gezeigt
wird, sondern darin, dass wir mit dem _Wiedererkannten_, oder dem, was
uns gezeigt wird, menschlich mitfuehlen oder "sympathisieren" koennen.

Auch gegen die Behauptung haben wir uns schon erklaert, dass das Kunstwerk
seine Wirkung uebe, indem es uns die Individualitaet des Kuenstlers
offenbare, die Weise, wie in ihm die Welt sich spiegelt, seine
Gestaltungskraft, den Reichtum seiner Phantasie. Alles dies offenbart
sich uns, so sagten wir, im Kunstwerke, nur soweit es im Kunstwerke
verwirklicht ist. Soweit es aber darin verwirklicht ist, bildet es einen
Teil des Inhaltes des Kunstwerkes, und ist, wie der ganze Inhalt des
Kunstwerkes, Gegenstand unserer aesthetischen Sympathie.

Nur dann koennten diese Momente den Anspruch erheben, einen eigenen und
neuen Faktor des aesthetischen Genusses zu bezeichnen, wenn es erlaubt
waere, zur _aesthetischen_ Bewertung des _Kunstwerkes_ auch _das_
Wertgefuehl zu rechnen, das wir gewinnen, wenn wir vom Kunstwerk und der
in ihm verkoerperten ideellen Welt unseren Blick abwenden, um statt dessen
dem Kuenstler, und dem, was er ausserhalb des Kunstwerkes ist, uns
zuzuwenden und ihn, diese wirkliche Persoenlichkeit, zum Gegenstand einer
Betrachtung zu machen, die mit aesthetischer Betrachtung nichts zu thun
hat. Ich nehme aber an, dass _Volkelt_ diese Erlaubnis nicht zu geben
beabsichtigt.

Als weiteren Faktor des aesthetischen Genusses bezeichnet _Volkelt_ die
Freude an unserer "Belebung", an der "ueber das Mittelmass hinausgehenden
Erregung des seelischen Lebens", an der inneren "Durchschuettelung". Hier
haette _Volkelt_ wohl zunaechst zeigen muessen, ob es eine solche Freude
ueberhaupt gebe, bezw. unter welchen Bedingungen es dieselbe geben koenne.
Er wuerde dann zweifellos gefunden haben, dass es auch eine ueber das
Mittelmass hinausgehende Erregung oder eine Durchschuettelung giebt, die
alles andere als genussreich ist, einen inneren Aufruhr, ein sich Draengen
heftiger Erregungen, ein Hoch- und Durcheinandergehen der Wogen unseres
Inneren von quaelender, entsetzlicher Art.

Es fragt sich also, was uns durchschuettelt. Wir haben Freude, wenn die
Durchschuettelung eine Lebenssteigerung bedeutet, das heisst, wenn uns in
dem, was uns durchschuettelt, etwas gegeben ist, das eine solche
Lebenssteigerung in sich schliesst. Und damit sind wir wiederum angelangt
bei dem Genuss, den die aesthetische Sympathie gewaehrt.

Daneben giebt es freilich auch noch eine Durchschuettelung anderer Art,
durch das Ueberraschende, Verblueffende, Sensationelle, Drastische, durch
allerlei vom inhaltlichen Werte des Kunstwerkes unabhaengige "Effekte".
Ich nehme aber wiederum an, dass Volkelt solche Faktoren, soweit sie
nicht etwa der sichereren Wirkung des wertvollen Inhaltes des Kunstwerkes
dienen, nicht als aesthetische Faktoren preisen will.

Viertens wird von _Volkelt_ statuiert eine aesthetische Lust aus der
"Entlastung": Die aesthetischen Gefuehlsbewegungen tragen den Charakter der
Leichtigkeit, Freiheit und Stille. Wir sind hinausgehoben ueber unser
individuelles Ich mit seinem Bleigewicht, seinen Fesseln, seinen
Stacheln. Damit ist gewiss eine Bedingung des aesthetischen Genusses
bezeichnet. Ohne solche Freiheit ist es unmoeglich, dass wir das
aesthetisch Wertvolle ganz in uns aufnehmen, oder in seiner ganzen Fuelle
und Wirkungskraft in uns erleben. Aber diese negative Bedingung des
Kunstgenusses ist doch nicht gleichbedeutend mit einem positiven Faktor
desselben. Die Befreiung von dem individuellen Ich mag eine Aufhebung von
allerlei Gruenden der Unlust in sich schliessen. Daraus ergiebt sich doch
positive Lust lediglich unter der Voraussetzung, dass dazu im Kunstwerk
irgend welche positiven Gruende gegeben sind.

Endlich wird von Volkelt darauf hingewiesen, dass die Kunst dem Beduerfnis
unserer Phantasie nach freier Gestaltung reiche Befriedigung schaffe.
Dagegen erwidere ich einmal dasjenige, was ich schon oben gegen das
"Spiel der inneren Nachahmung" bemerkte. Die Kunst, die dramatische zum
wenigsten, ermoeglicht nicht, sondern verbietet vielmehr unserer Phantasie
die freie Gestaltung. Der Inhalt des Kunstwerkes ist uns gegeben, voellig
unabhaengig von unserem freien Belieben.

Und damit ist auch schon das Andere gesagt: Die Befriedigung unserer
Phantasie, von der hier die Rede ist, kann nichts anderes sein, als die
Befriedigung an den Gegenstaenden unserer Phantasie, das heisst am Inhalte
des Kunstwerkes.

Oder sollen wir ausser dieser Befriedigung an den Gegenstaenden oder
Inhalten unserer Phantasie auch noch eine besondere Befriedigung
verspueren an unserer Thaetigkeit der Phantasie, an dieser unserer
geistigen Arbeit, und der Weise, wie sie sich vollzieht. Die Moeglichkeit
einer solchen Befriedigung leugne ich wiederum nicht. Nur ist, soviel ich
sehe, auch diese Befriedigung,--ebenso wie die Befriedigung an der
Phantasie des Kuenstlers, soweit dieselbe nicht im Kunstwerk verwirklicht
ist,--dadurch bedingt, dass ich meinen Blick vom Kunstwerk weg wende, und
ihn richte auf das Stueck der wirklichen Welt, das durch meine reale
Persoenlichkeit, mein individuelles Ich repraesentiert ist. Denn dieser
Welt, und nicht der Welt des Kunstwerkes, gehoert doch eben meine, mit den
Inhalten des Kunstwerkes beschaeftigte Phantasiethaetigkeit an. Es ist also
auch die Freude daran nicht Freude am Kunstwerk, sondern Freude an der
ausserhalb des Kunstwerkes liegenden realen Welt. Diese aber kann
_Volkelt_ umso weniger zur Freude am Kunstwerk rechnen wollen, als er ja
selbst mit vollem Rechte die Losloesung vom individuellen Ich zur
Bedingung des aesthetischen Genusses macht. In der That ist der
aesthetische Genuss nichts anderes als der Genuss, der sich aus der reinen
_aesthetischen Betrachtung_ ergiebt. Und diese _besteht_ in der Losloesung
von allem, was nicht im Kunstwerk unmittelbar gegeben ist. Sie besteht im
Aufgehen in diesem Objekte der Betrachtung. Die aesthetische Sympathie ist
die Sympathie unter _Voraussetzung_ solcher Losloesung oder solchen
Aufgehens.

Ich bezeichnete diese aesthetische Sympathie auch damit, dass ich sagte,
wir erleben im Kunstwerke uns selbst, nicht bloss, wie wir jetzt sind,
sondern wie wir sein koennten. Wir erleben darin unser ideelles Ich. Dies
kann bald in diesem, bald in jenem Zuge zu einem idealen, oder ueber das
Mass unseres realen Ich gesteigerten Ich werden. Wie es aber hiermit
bestellt sein mag: Immer wenn uns im Kunstwerk Persoenliches
entgegentritt, nicht ein Mangel am Menschen, sondern ein positiv
Menschliches, das mit unseren eigenen Moeglichkeiten und Antrieben des
Lebens und der Lebensbethaetigung im Einklang steht oder darin Widerhall
findet; immer wenn uns dies positiv Menschliche entgegentritt so
objektiv, so rein und losgeloest von allen ausserhalb des Kunstwerkes
stehenden Wirklichkeitsinteressen, wie dies das Kunstwerk ermoeglicht und
die aesthetische Betrachtung fordert, immer dann ist dieser Einklang oder
Widerhall fuer uns beglueckend.

Persoenlichkeitswert ist ethischer Wert. Es giebt keine moegliche andere
Bestimmung und Abgrenzung des Ethischen. Aller Kunstgenuss, aller
aesthetische Genuss ueberhaupt ist darnach Genuss eines ethisch Wertvollen,
nicht als eines Bestandteiles des Wirklichkeitszusammenhanges, sondern
als eines Gegenstandes der aesthetischen Anschauung.


DAS SPEZIFISCHE DES TRAGISCHEN GENUSSES.

Im Vorstehenden ist doch noch in keiner Weise das eigentlich Spezifische
des tragischen Genusses erwaehnt worden. Mitfreude ist Genuss, Miterleben
des Leidens ist hoeherer Genuss. Wie ich gelegentlich an anderer
Stelle--in dem oben erwaehnten "Litteraturbericht"--sagte: Es ist eine
schoene Sache um eine Mutter, die ueber ihr gesundes und froehlich
spielendes Kind sich freut. Aber es ist eine erhabenere Sache um die
Mutter, die um ihr krankes oder sterbendes Kind in Sorge sich verzehrt.
Jene Freude ist fuer uns erfreulich; dieser Schmerz ist verehrungswuerdig,
heilig. Er ist nicht nur ein hoeherer, sondern ein anderer Genuss, tiefer
und ernster. Solchen tiefen und ernsten Genuss giebt die Tragik.

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