Komik und Humor by Theodor Lipps
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Theodor Lipps >> Komik und Humor
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Wie dies moeglich ist, dies wird uns verstaendlich aus einem
psychologischen Gesetz, das wir bereits in anderem Zusammenhang kennen
gelernt haben. Indem ich es hier zur Erklaerung herbeiziehe, scheine ich
Erhabenes aus Banalem ableiten zu wollen. Aber kein Gesetz ist banal an
sich. Jedes Gesetz ist erhaben, wenn es Erhabenes vollbringt.
Ich meine hier das Gesetz der "psychischen Stauung". Ich formuliere es
von neuem: Wird ein Vorstellungszusammenhang, der einmal in mir angeregt
ist, in seinem natuerlichen Ablauf gehindert, so entsteht eine psychische
Stauung, d. h. die Vorstellungsbewegung macht an dem Punkte, wo die
Stoerung stattfindet, Halt. Damit wird zunaechst das, was vor diesem Punkte
sich findet, von dieser Bewegung staerker, als es sonst geschehen wuerde,
erfasst und emporgehoben. Es kommt in uns in hoeherem Masse zur Geltung
und Wirkung. Es uebt insbesondere auch in hoeherem Masse die
Gefuehlswirkung, die es an sich zu ueben faehig ist. Wir werden seines
Wertes in hoeherem Masse inne.
Mannigfache Wirkungen dieses Gesetzes, die auf seine Bedeutung fuer die
Tragik hinweisen koennen, sind uns schon aus dem alltaeglichen Leben
gelaeufig. Ein wertvolles Objekt, das wir besassen, sei zerbrochen oder
vernichtet. Jetzt schaetzen wir erst recht seinen Wert. Der Freund, den
wir verloren haben, erscheint uns in idealisiertem Lichte. Wir sind
geneigt von den Toten Gutes zu reden. Die Strafe, die dem Verbrecher zu
teil wird, soehnt uns mit ihm aus.
Dies alles sind Wirkungen jenes Gesetzes. Vieles an einem Menschen kann
Gegenstand unseres Hasses sein. Daneben ist er doch auch Mensch wie wir.
Es finden sich in ihm positiv menschliche Zuege, hinsichtlich deren ich
mit ihm einstimmig bin, die in mir Widerhall finden koennen, kurz mit
denen ich sympathisieren kann. Von diesem Positiven, oder von der
Persoenlichkeit, sofern sie eben Persoenlichkeit ist, fordern wir, dass sie
bestehe, daure, sich bethaetige, frei sich auslebe. Dabei verstehe ich
unter dem freien Sichausleben das durch kein inneres oder aeusseres
Hindernis gehemmte Sichbefriedigen, die freie Verwirklichung dessen,
worauf irgend ein positiver Lebensantrieb abzielt. Solche Forderungen
sind nichts anderes als unser _eigenes_ Verlangen, zu dauern, uns zu
bethaetigen, uns frei auszuleben.
Hier nun haben wir einen bestimmten Vorstellungszusammenhang und zwar den
denkbar zwingendsten. Es ist eben der Zusammenhang zwischen dem Positiven
der Persoenlichkeit und seiner Dauer, seiner Bethaetigung, seinem
Sichausleben. In der Natur dieses Zusammenhanges liegt die Tendenz mit
voller Sicherheit in _dieser Weise_, oder als dieser bestimmte
Zusammenhang abzulaufen. Dies heisst nichts anderes als: Es knuepft sich
an das Bewusstsein, es sei ein positiv Menschliches gegeben, unbedingt
jene Forderung.
Ein solcher Vorstellungszusammenhang wird nun in uns angeregt, immer wenn
wir von einem Menschen wissen. Und sein freier Ablauf wird gehemmt durch
die Wahrnehmung seines Todes, durch das Bewusstsein von jedem Leiden,
jeder Strafe, jedem Eingriff in sein Dasein. Der ganze Mensch, also auch
jenes Positive in ihm, dauert nicht, wenn er stirbt, lebt nicht frei sich
aus, wenn ihn ein Uebel trifft. Damit ist die Stauung gegeben, d. h. die
Notwendigkeit, das wir bei jenem Positiven und seiner Natur nach uns
Sympathischen haften. Dies "tritt heraus", wird Gegenstand der
"Aufmerksamkeit", gewinnt psychische Hoehe und steigt fuer uns an Wert,
oder gewinnt jetzt erst, in unseren Augen naemlich, seinen Wert. Und
diesen Wert geniesse ich mitfuehlend in einer Weise, wie es sonst unter
keinen Umstaenden moeglich waere. In dem Bilde des Verstorbenen tritt das
Gute und Tuechtige, das was ihn wert machte, zu leben, oder was mir sein
Leben wertvoll machte, deutlicher hervor. Bei dem Freunde faellt hellstes
Licht auf das, was ich an ihm schaetzte. Der Verbrecher wird fuer mich erst
Mensch, d. h. menschlicher Wertschaetzung wert. Dass wir dem Verbrecher
die erlittene Strafe zu gute schreiben, oder sie zu seinen Gunsten
anrechnen, ist nichts als ein populaerer, aus einer anderen Sphaere
hergenommener Ausdruck fuer diese psychologische Thatsache.
Sowie hier der Tod oder das Erleiden der Strafe, so wirkt ueberall im
Leben und in der Kunst,--nur in der Kunst, vermoege der Besonderheit der
kuenstlerischen Darstellung und unserer aesthetischen Anschauung, in
hoechstem Masse,--alles was irgendwie als ein Eingriff in eine
Persoenlichkeit, oder als eine Stoerung des unmittelbaren freien
Sichauslebens der menschlichen Persoenlichkeit, oder einen Positiven in
ihr, bezeichnet werden kann; jede Einengung eines Menschen, jeder Druck,
jedes Nichtgelingen, alles was wir Kummer, Sorge, Mangel, Not, Elend
nennen, jedes Missgeschick; auch jede innere Hemmung, jeder Zweifel, jede
Verkuemmerung; schliesslich in hoechstem Masse der, sei es physische, sei
es auch sittliche Untergang. Es wirkt dies alles _in dem Masse_, als
wirklich ein _positiv Menschliches_, dessen Wert wir in uns inne werden
koennen, in seinem Bestande, seiner Dauer, seinem freien Sichausleben
gehemmt erscheint; im hoechsten Masse, wenn dies positiv Menschliche
zugleich _Groesse_ hat. Immer ist die Art der Wirkung dieselbe: Erleben
unserer selbst in einem Anderen, Erklingen oder lauteres Erklingen einer
sonst nicht erklingenden oder nur schwach erklingenden Saite unseres
Inneren, also vollerer Zusammenklang der Momente unseres Wesens,
Steigerung, Erhoehung, Ausweitung unserer selbst; alles dies zugleich in
einem Anderen, also objektiviert; in der fremden Persoenlichkeit mit
aesthetischer Realitaet uns entgegentretend.
Zugleich ist diese Wirkung umso staerker, je schaerfer der Eingriff in den
Bestand, die Betaetigung des Sichausleben der Persoenlichkeit erscheint.
Gewiss waechst mit der Schaerfe des Eingriffes auch die Unlust am Leiden.
Und diese kann sich steigern zu einem Gefuehl des Entsetzlichen, das
keinen tragischen Genuss mehr aufkommen laesst. Diesseits dieser Grenze
aber liegen die unendlich vielen Stufen der Moeglichkeit, dass sich die
Gruende der Unlust und die Gruende der Lust zur Erzeugung des tiefen,
ernsten, erschuetternden Genusses vereinigen, als welcher eben der
tragische Genuss sich uns darstellt.
WEITERE AESTHETISCHE WIRKUNGEN DES KONFLIKTES.
Ich betrachte hier die Tragik nicht um ihrer selbst willen, sondern als
Gegenbild des Humors. Soll aber die Tragik das volle Gegenbild des Humors
sein, so duerfen wir sie nicht in dem engen Sinne nehmen, in dem wir sie
zu nehmen pflegen, sondern muessen als tragisch jede Art des ernsten
Konfliktes bezeichnen.
Die Tragik, im engeren Sinne, ist Tragik des aeusserlich ungeloesten
Konfliktes. Konflikte koennen aber auch sich loesen; die Sache kann einen
gluecklichen Ausgang nehmen. Dann gewinnt die Stauung eine weitere
Bedeutung. Die durch die Stauung gesteigerte oder zu groesserer
psychischer Hoehe gebrachte psychische Bewegung ergiesst sich, wenn der
Konflikt geloest, also das Hindernis des freien Vorstellungsablaufes
beseitigt ist, mit groesserer Kraft. Die Loesung, oder das worin sie
besteht, gewinnt groessere psychische Bedeutung und groessere
Eindrucksfaehigkeit.
Auch dies ist eine im gewoehnlichen Leben uns wohl vertraute Thatsache.
Das schwer Errungene hat fuer uns doppelten Wert. Die Konsonanz, in
welcher die Dissonanz sich loest, hat ein besonderes und eigenartiges
Gewicht. Wem Namen statt Erklaerungen dienen, der hat hier eine neue
Gelegenheit von "Kontrastwirkung" zu sprechen und einen Fall des
sogenannten "Kontrastgesetzes" zu statuieren.
Zwei Arten der Wirkung des Konfliktes oder des Eingriffes in
Menschendasein und freies Sichausleben von Menschen haben wir hiermit
einander gegenuebergestellt. Beide Wirkungen sind zunaechst unmittelbar
subjektiv begruendete, d. h. Wirkungen die unmittelbar in einem Vorgang im
Beschauer ihren Grund haben: Die Stauung, die der Konflikt _in uns_
bewirkt, laesst uns das Positive der Persoenlichkeit, die in den Konflikt
geraet oder jenen Eingriff erfaehrt, bedeutsamer erscheinen; und die Loesung
der Stauung, die _in uns_ sich vollzieht, macht uns das, worin die Loesung
sich vollzieht, eindrucksvoller.
Neben diesen subjektiv bedingten Wirkungen stehen aber dann objektiv
bedingte. Davon habe ich in meiner Schrift "Der Streit ueber die Tragoedie"
ausfuehrlicher geredet. Wir sehen, wie eine Persoenlichkeit leidet, d. h.
wie tief sie vom Leiden erfasst wird, und welchen Charakter dies Leiden
in ihr gewinnt. Und wir sehen, _wovon_ oder _worunter_ sie leidet. Daraus
gewinnen wir ein Bild von ihrer Tiefe und ihrer Hoehe und von ihrem
inneren Wesen. Nichts wuerde so uns das Innerste ihres Wesens enthuellen,
als es das Leiden vermag. Ungeahnt Grosses kann das Leiden im Menschen zu
Tage foerdern, die feinsten Fasern der Persoenlichkeit herausstellen, die
verborgensten Saiten zum Anklingen bringen.
Wir sehen dann vor allem auch, wie die Persoenlichkeit dem Leiden
standhaelt, oder von ihm gebrochen wird. Die Persoenlichkeit kann im Leiden
auch sittlich gebrochen, zerbroeckelt, zerrieben werden, und doch
tragische Gestalt bleiben. Es ist nur noetig, dass in ihr, in ihrem
inneren Wesen etwas Grosses, Echtes liegt, und dass dies wirklich, im
Kampf mit dem feindlichen Geschick, _zerrieben_ wird.
Es kann aber auch die Persoenlichkeit dem Leiden innerlich standhalten.
Sie will lieber leiden als das Grosse in sich preisgeben. Sie bleibt sich
getreu, auch indem sie untergeht. Das Grosse in ihr zeigt sich Leiden und
Tod ueberwindend.
Hier ist ueberall die Wirkung auf uns zugleich objektiv bedingt: Das Bild
der tragischen Persoenlichkeit selbst wird ein reicheres, tieferes, es
wird ein in sich selbst wirkungsfaehigeres. Je mehr es dies ist, um so
mehr steigert sich zugleich die Wirkung jenes subjektiven Faktors, d. h.
der in uns stattfindenden Stauung. Das Ganze der Wirkung ist ja notwendig
ein Produkt aus den beiden Faktoren. Und in einem Produkt wirkt jeder
Faktor um so mehr, je groesser der andere ist.
Dies gilt auch, wo der Konflikt ueberwunden wird, falls naemlich er nicht
durch den dummen Zufall oder einen Deus ex machina, sondern durch eine
Kraft oder Groesse ueberwunden wird, mit der wir sympathisieren. Die Kraft
und Groesse wird, indem sie ueberwindet, fuer uns objektiv oder an sich
bedeutsamer. Zugleich steigert sie die Stauung oder die Erwartung ihres
sich Auslebens, die "Spannung". Um so wirksamer wird dann auch die
Loesung.
AESTHETISCHE BEDEUTUNG DES BOESEN.
Auf dies alles gehe ich hier nicht weiter ein. Dagegen interessiert uns
noch ein fundamentaler Gegensatz. Wir sprachen bisher von Eingriffen in
die Persoenlichkeit, von Hemmungen ihres freien sich Auslebens, kurz vom
Leiden, und der daraus sich ergebenden Stauung.
Aber neben dem Leiden steht das Boese. Auch das Boese greift stoerend ein in
den freien Ablauf eines Vorstellungszusammenhanges, bewirkt also eine
Stauung und damit eine Steigerung der psychischen Bewegung. Der
Vorstellungszusammenhang besteht hier in dem Zusammenhang zwischen dem
Menschen und der sittlichen Forderung, die wir an ihn stellen.
Eine Persoenlichkeit vollziehe in sich mit Bewusstsein die Negation des
Sittlichen, verhalte sich also wollend widersittlich, oder was dasselbe
sagt, in irgend einem Punkte widermenschlich. Sie leugne in Worten oder
durch die That eine sittliche Forderung. Dann gewinnt in uns diese
sittliche Forderung erhoehte Kraft. Jemehr sie geleugnet wird, um so
bestimmter setzen wir sie der Verneinung entgegen. Unser eigenes
sittliches Bewusstsein tritt uns maechtiger entgegen.
Darin liegt nun nicht ohne weiteres ein aesthetischer Wert. Die
wahrgenommene Auflehnung gegen die in mir bestehende sittliche Forderung
erfuellt mich mit Unlust. Die Kraft, mit der ich das eigene sittliche
Bewusstsein festhalte, giebt mir sittliches Kraftgefuehl, etwas von
sittlichem Stolz. Und dies Gefuehl ist an sich beglueckend. Das Objekt aber
erscheint um so unlustvoller.
Nehmen wir indessen jetzt an, die sittliche Persoenlichkeit sei nicht nur
in uns, und werde in uns wachgerufen und durch den "Kontrast" zur
"Reaktion" veranlasst, sondern sie finde sich auch irgendwie neben der
Negation des Sittlichen in einem Kunstwerke, dann ergiebt sich, auf Grund
dieser Negation, ein besonderer _aesthetischer Wert_.
Es bestehen dafuer verschiedene Moeglichkeiten, die ich wiederum nur
andeute. Das Boese ist "Folie" des Guten, d. h. wir finden die sittliche
Forderung, die einerseits geleugnet erscheint und dadurch in uns Kraft
gewinnt, andererseits verwirklicht, und erleben es jetzt, dass diese
Verwirklichung uns eindrucksvoller, also in hoeherem Grade in ihrem vollen
Werte sich darstellt. Oder wir sehen in einer und derselben
Persoenlichkeit das Gute neben dem Boesen, als Kehrseite desselben, und
erfahren eine gleichartige Wirkung. Oder das Boese, die ihr Mass
ueberschreitende Leidenschaft, hat ein Gutes zu ihrer Wurzel und weist uns
darauf hin. Oder das Boese ist Durchgangspunkt des Guten, der Weg, auf dem
das Gute in einem Menschen sich Bahn bricht.
Hier ist die den Eindruck des Guten steigernde Wirkung zunaechst wiederum
eine subjektiv bedingte. Der Gegensatz und die dadurch bedingte Stauung
oder "Spannung" steigert die psychische Bewegung in uns. Auch hier aber
gesellen sich zur subjektiv bedingten objektiv bedingte Wirkungen.
Es verfaellt etwa der Boese einem ueblen Geschick. Jetzt erscheint unserer
alles vermenschlichenden Phantasie dies Geschick wie eine dem Boesen sich
entgegensetzende quasi-persoenliche Macht, mit deren Wollen wir uns Eines
fuehlen. Vielleicht bedient sich das Geschick der Boesen. Boeses Wollen und
boeses Wollen bekaempfen sich und bringen sich zu Falle. Dann ist unser
sittliches Bewusstsein befreit; wir sind versoehnt. Das Gute hat Recht
behalten.
Aber dies Gute ist doch einstweilen nur "das" Gute, die sittliche Macht
nur eine quasi-persoenliche. Sie wird zu einer persoenlichen, wenn gutes,
berechtigtes, sittliches Wollen eines Menschen gegen das Boese sich kehrt
und darin seine Kraft bethaetigt. Diese Kraft erweist sich doppelt gross,
wenn in der boesen Persoenlichkeit selbst ein sittliches Bewusstsein oder
ein Zwang der Anerkennung, dass das Gute Recht habe, sich regt; oder wenn
endlich dies sittliche Bewusstsein das Boese besiegt und endgueltig die
Uebermacht in der Persoenlichkeit behauptet.
Auch darauf gehe ich hier nicht naeher ein. Es genuegt mir auch hier, die
Hauptmomente der tragischen Wirkung kurz bezeichnet zu haben. Alle diese
Momente haben in der Wirkung des Humors ihr Gegenstueck.
XVI. KAPITEL. DAS WESEN DES HUMORS.
LAZARUS' THEORIE.
Dass durch die Negation, die am positiv Menschlichen geschieht, dies
positiv Menschliche uns naeher gebracht, in seinem Wert offenbarer und
fuehlbarer gemacht wird, darin besteht, wie wir sahen, das allgemeinste
Wesen der Tragik. Ebendarin besteht auch das allgemeinste Wesen des
Humors. Nur dass hier die Negation anderer Art ist als dort, naemlich
komische Negation.
Ich sagte vom Naivkomischen, dass es auf dem Wege liege von der Komik zum
Humor. Dies heisst nicht: die naive Komik ist Humor. Vielmehr ist auch
hier die Komik als solche das Gegenteil des Humors. Die naive Komik
entsteht, indem das vom Standpunkte der naiven Persoenlichkeit aus
Berechtigte, Gute, Kluge, von unserem Standpunkte aus im gegenteiligen
Lichte erscheint. Der Humor entsteht umgekehrt, indem jenes relativ
Berechtigte, Gute, Kluge aus dem Prozess der komischen Vernichtung
wiederum emportaucht, und nun erst recht in seinem Werte einleuchtet und
genossen wird. Dieser Erfolg wird in den auf S. 104 ff.[*] zuletzt
angefuehrten Faellen der naiven Komik notwendig eintreten. Insofern waren
sie zugleich Faelle des Humors.
[* Im Unterkapitel MOEGLICHKEITEN DES NAIV-KOMISCHEN. Transkriptor.]
Der eben bezeichneten Auffassung des Humors scheint Lazarus in seinem
Werke "Das Leben der Seele" zu widersprechen, indem er im Humor ueberhaupt
nicht eine eigene Kunstform, sondern vielmehr eine eigene Denkweise und
Gemuetsverfassung, sozusagen eine eigene Weltanschauung sehen will.
Indessen damit ist uns hier nicht gedient. Mag immerhin das Wort Humor in
diesem Sinne genommen werden koennen--und wir werden es selbst spaeter so
nehmen--hier handelt es sich um etwas anderes. Wie es uns ehemals nicht
auf den Witz ankam, den man hat, sondern auf denjenigen, den man macht,
so beschaeftigt uns hier nicht der Humor, den man hat, sondern das
humoristische Thun oder Verhalten, der einzelne Fall des Humors.
Thatsaechlich nimmt nun auch _Lazarus_ im Verlaufe seiner Abhandlung das
Wort Humor in diesem letzteren Sinne. Der von uns als naiv in Anspruch
genommene Ausspruch des Korporals Trim ist fuer _Lazarus_ ein Fall des
Humors. Nun kommt in diesem Ausspruch freilich eine bestimmte Denkweise
zu Tage. Aber weder, dass diese Denkweise vorhanden ist, noch dass sie
ueberhaupt zu Tage kommt, sondern die Art, wie sie zu Tage kommt, macht
den Vorfall zu einem humoristischen. Und Entsprechendes gilt von der Rede
_Falstaff_'s, die _Lazarus_ gleichfalls der Gattung des Humors zuweist.
Wichtiger aber ist uns, dass _Lazarus_ bei der Erklaerung dieser einzelnen
Faelle des Humors--ebenso wie _Hecker_ und _Kraepelin_ bei ihrer Erklaerung
des Naiven--die Hauptsache uebersieht. "Wie laecherlich," sagt er mit Bezug
auf Trim, "wenn einer das vierte Gebot nicht als einen selbstaendigen Satz
auswendig kennt, wie erhaben, wenn einer es so strikt, so reich, so voll
erfuellt. Wie humoristisch, wenn wir beides zugleich von ihm erfahren". In
der That ist es gar nicht humoristisch, wenn wir diese beiden Dinge
zugleich und von Einem erfahren. Man lasse Trim auf die Frage des Doktors
der Theologie einfach erklaeren, er wisse nur, was das Gebot von ihm
verlange, naemlich, dass er seinem Vater von seinen 14 Groschen Lohn 7
geben solle, und der Eindruck des Humors ist dahin. Eine solche Erklaerung
waere eben eine einfach sachgemaesse Erklaerung, nicht mehr eine
gleichzeitig treffende und unzutreffende, erhabene und nichtige
_Beantwortung der Katechismusfrage_.
Noch weniger trifft _Lazarus_' Erklaerung des Humors der _Falstaff_'schen
Rede die Sache. _Falstaff_ wecke, so meint er, alle hohen Ideen, deren
Widerpart er in Leben und Gesinnung sei, durch sein Reden und Thun. "Er
spricht von Ehre, Mut u. s. w.; er stellt den Koenig dar, wie er Heinrich
straft u. s. w.; in allem ist er ein Gebildeter, die Ansprueche der Idee
Kennender und Zeigender. Wir lachen ueber ihn, obgleich er das Hohe
erniedrigt (z. B. in seiner Definition der Ehre); wir lachen, weil er
selbst die wahre Idee in uns weckt, und diese um so sicherer zeigt, je
angelegentlicher er dagegen kaempft".
Der Humor der Rede _Falstaff_'s beruht also fuer _Lazarus_ darin, dass die
Erniedrigung der Ehre doch zugleich die Idee der Ehre in uns wachruft.
Waere damit ohne weiteres der Humor gegeben, so muesste jeder, der nicht
aus Unkenntnis, sondern in bewusster Bosheit das Edle erniedrigte und in
den Schmutz zoege, humoristisch erscheinen, auch wenn er dies ohne allen
"Humor" thaete. Denn je boshafter es herabgezogen wird, um so deutlicher
wird uns jederzeit das Edle als solches zum Bewusstsein kommen. In
Wirklichkeit wuerde aber solche Bosheit nicht den Eindruck des Humors,
sondern das Gefuehl der Empoerung hervorrufen. So ist denn auch der Grund
der Humors der _Falstaff_'schen Rede in gewisser Weise gerade der
entgegengesetzte von demjenigen, den _Lazarus_ angiebt. Nicht dass
_Falstaff_ das Recht des Sittlichen bewusst verneint, sondern das er zu
dem, was er sagt, selbst ein gewisses, naemlich individuelles, sittliches
Recht _hat_, das macht den Humor der Rede.
Wie _Lazarus_ in der Bestimmung des Humors die Hauptsache uebersieht, dies
wird nicht minder deutlich aus seinem allgemeinen Erklaerungsversuch. Der
Seelenzustand des Humors soll sich ergeben "aus dem Wesen und Verhaeltnis
von Fuehlen und Denken. Indem das Gefuehl der Realitaet ebenso herrschend
ist, wie der Gedanke des Idealen, entspringt durch die Gleichzeitigkeit
eine notwendige Verschmelzung beider, vermoege deren das Ideale den
psychologischen Wert und Reiz des Realen erhaelt, sodass im Humor nicht
nur die Wirklichkeit und die sinnliche Welt, sondern auch die Idee selbst
anders, naemlich tiefer, kraeftiger, lebensvoller aufgefasst wird als im
abstrakten Idealismus."
Diese Erklaerung erweckt allerlei Bedenken. Zunaechst frage ich mich
vergeblich, nach welchem psychologischen Gesetz jene Verschmelzung
geschehen, und nach welchem psychologischen Gesetz sie die ihr hier von
_Lazarus_ aufgebuerdete Wirkung haben solle. Ich koennte weiterhin darauf
aufmerksam machen, wie viel Unheil in der Aesthetik das nichtssagende
Abstraktum Idee schon angerichtet hat. Lassen wir uns aber diesen Begriff
gefallen, dann muessen wir allgemein sagen: Mag noch so sehr das Ideale
und Reale in uns gleichzeitig Macht gewinnen und das Gefuehl des einen mit
dem Gedanken des andern, ich weiss nicht wie, "verschmelzen"; der
Eindruck des Humors ensteht uns jedenfalls erst, wenn wir das Ideale in
einer Persoenlichkeit verwirklicht finden, und zugleich auch nicht
verwirklicht finden, wenn also das Ideale das Reale ist, und doch
zugleich nicht ist. Oder wenn wir jetzt wiederum auf das "Ideale" und
"Reale" verzichten. Der eigentliche Grund und Kern des Humors ist ueberall
und jederzeit das relativ Gute, Schoene, Vernuenftige, das auch da sich
findet, wo es nach unseren gewoehnlichen Begriffen nicht vorhanden, ja
geflissentlich negiert erscheint.
_Lazarus_ bezeichnet den Humor der _Fallstaff_'schen Rede im Gegensatz
zum Humor _Trim_'s als objektiven. Dieser Unterschied ist ungueltig.
_Falstaff_ und _Trim_ erscheinen humoristisch aus voellig gleichem Grunde.
NAIVITAET UND HUMOR.
In allem naiv Komischen steckt nach oben Gesagtem Humor. Ich bezeichnete
diesen Humor als die Kehrseite der naiven Komik. Aber es kann nicht
umgekehrt gesagt werden, jeder Humor sei naiv. Vielleicht ist man
geneigt, schon einige der oben angefuehrten Faelle des naiv Komischen, vor
allem die naive Komik des _Sokrates_ nicht mehr als naiv-komisch gelten
zu lassen. Zur Naivitaet gehoert es, ihrer selbst unbewusst zu sein. Daraus
folgt dann, was den Humor betrifft, freilich zunaechst nur dies, dass es
einen unbewussten Humor giebt. Andererseits kann aber der Humor als
vollbewusster sich darstellen.
Diesen bewussten Humor will _Hecker_ einzig als Humor anerkennen. Der
Humor, meint er, sei im Gegensatz zum Naiven voellig bewusst, ja
willkuerlich. Das ist dann eine engere Fassung des Begriffs des Humors,
die wir nicht mitmachen wollen. Die Einsicht in das positive Wesen des
Humors, das vom Gegensatz des Bewussten und des Unbewussten unabhaengig
ist, verbietet es uns. Auch der Sprachgebrauch widerspricht.
Es ist naiv, wenn die Putten in _Rafaels_ Madonna di San Sisto so recht
kindlich, und doch so ganz entgegen dem feierlichen Charakter des
Vorganges sich ueber die Bruestung lehnen. Aber niemand wird uns verwehren
duerfen zu sagen, es stecke darin koestlicher Humor. Wenn _Braesig_ gegen
Bildung und Sitte verstoesst, so thut er dies meist voellig unbewusst. Er
ist also insofern naiv. Und doch bezeichnet _Lazarus_ mit Recht _Braesig_
als eine der grossartigsten humoristischen Schoepfungen,
Und wir koennen noch mehr sagen. Auch im bewussten Humor steckt eine Art
der Naivitaet. Nicht nur bei _Falstaff_ und _Trim_, sondern auch bei
_Hamlet_, beim Narren im Lear, selbst bei _Mephisto_, ist der eigentliche
Kern des Humors nicht ein Ergebnis bewusster Reflexion, sondern das
Gesunde, Gute, Vernuenftige, das in der innersten "Natur" der
Persoenlichkeit liegt und darum nicht umhin kann, in ihrem verkehrten oder
naerrischen Gebaren mit "naiver" Gewalt sich geltend zu machen.
Damit ist doch jener Gegensatz des Bewussten und des Unbewussten nicht
aufgehoben. Der Humor kann, sagte ich, schliesslich ein vollbewusster
sein. Er ist ein solcher, wenn der Traeger desselben sich sowohl des
Rechtes, als auch der Beschraenktheit seines Standpunktes, sowohl seiner
Erhabenheit als auch seiner relativen Nichtigkeit bewusst ist, wenn er
also neben seinem Rechte auch das Recht derer anerkennt, denen sein Thun
komisch ist. Dies ist der Humor, von dem Kuno Fischer sagt, er sei "die
volle und freie Selbsterkenntnis, die nicht moeglich ist, ohne helle
Erleuchtung der eigenen Karikatur, ohne die komischen Vorstellungen der
anderen heiter ueber sich ergehen zu lassen". Es muss nur hinzugefuegt
werden, dass dies heitere Uebersichergehenlassen der komischen
Vorstellungen anderer nur moeglich ist, wenn der Traeger des Humors
zugleich des relativen Rechtes seines Thuns, wenn er also eines diesem
Thun zu Grunde liegenden positiven Kernes seiner Persoenlichkeit, der
durch das Lachen der anderen nicht getroffen wird, sich bewusst ist. Die
vollbewusste humoristische Persoenlichkeit laesst andere ueber ihr Gebaren
lachen und lacht selbst herzlich mit; zugleich weiss sie sich doch im
innersten Kern ihrer Persoenlichkeit ueber jenes Lachen erhaben. Sie lacht
auch wieder ueber dies Lachen und lacht so am besten, weil sie zuletzt
lacht.
Man erinnert sich, dass wir das Verhalten des _Sokrates_ bei Auffuehrung
der Wolken oben als letztes Beispiel der naiven Komik auffuehrten,
zugleich aber zugaben, dass der Name des Humors dafuer geeigneter
erscheine. Wir koennen jetzt nicht nur Humor, sondern vollbewussten Humor
im eben bezeichneten Sinne darin erblicken. Es entfernt sich dann
_Sokrates_' Verhalten moeglichst weit von dem naiv Komischen im engeren
Sinne. Schon dass _Sokrates_ der Auffuehrung der Wolken beiwohnt und
mitlacht, wenn sein Gegenbild auf der Buehne verlacht wird, ist
humoristisch. Wie thoericht, wenn man dem Lachen Anderer zu begegnen
meint, indem man mitlacht; wie schwaechlich, wenn man auch nur dies
Lachen, statt irgendwie dagegen aufzutreten oder es abzuwehren, sich
gefallen laesst. Giebt man nicht damit den Lachern Recht?--Aber eben dies
ist die Meinung des _Sokrates_. Er versteht den Standpunkt des
Volksbewusstseins, zu dessen Vertreter sich _Aristophanes_ gemacht hat,
und sieht darin etwas relativ Gutes und Vernuenftiges. Er anerkennt eben
damit das relative Recht derer, die seinen Kampf gegen das
Volksbewusstsein verlachen. Damit erst wird sein Lachen zum Mitlachen.
Andererseits lacht er doch ueber die Lacher. Er thut es und kann es thun,
weil er des hoeheren Rechtes und notwendigen Sieges seiner Anschauungen
gewiss ist. Eben dieses Bewusstsein leuchtet durch sein Lachen, und laesst
es in seiner Thorheit logisch berechtigt, in seiner Nichtigkeit sittlich
erhaben erscheinen.
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