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Komik und Humor by Theodor Lipps

T >> Theodor Lipps >> Komik und Humor

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Dieser Humor steigert sich dann noch, wenn _Sokrates_ sich erhebt und
seinen Lachern geflissentlich preisgiebt. Jetzt erst begeht er eine
rechte Thorheit; und er begeht sie mit vollem Bewusstsein. Er erniedrigt
sich nicht nur in den Augen der Menge, sondern er weiss, dass er sich
erniedrigt, und er weiss es nicht nur, sondern er giebt wiederum denen,
die ihn jetzt erst recht verlachen, relativ Recht. Die Menge, wie kann
sie anders--nach gewoehnlicher und in ihrer Art wohlberechtigter
Anschauung--als solches Gebaren thoericht finden, und wie sollte sie das
natuerliche Recht sich verkuemmern lassen, ueber das zu lachen, was nun
einmal ihren Horizont ueberschreitet. Zugleich lacht doch _Sokrates_
wiederum ueber die, deren relatives Recht, ihn zu verlachen, er einraeumt,
weil er weiss, das seine Erhabenheit der Erniedrigung zum Trotz bestehen
bleibt, ja in derselben erst recht zu Tage tritt.

Indem ich hier den vollbewussten Humor zu kennzeichnen versuche, habe ich
im Grunde auch schon das Wesen des Humors nicht als einzelnen
humoristischen Thuns, sondern als einer Gesinnung oder Denkweise
bezeichnet. Diese beiden Begriffe des Humors wollten wir oben scharf
unterscheiden. Auch jetzt bleiben wir bei dieser Unterscheidung. Zugleich
sehen wir doch, dass die Inhalte dieser beiden Begriffe aufs
unmittelbarste zusammenhaengen. Die Denkweise des Humors ist es, die dem
bewusst humoristischen Thun zu Grunde liegt und darin sich kundgiebt.
Auch _Sokrates_ handelt nicht nur humoristisch, sondern er denkt
humoristisch oder hat Humor. Er koennte sonst nicht so handeln wie er
handelt.--Andererseits brauchen wir Humor, um den Humor des
_Sokrates_'schen Thuns zu verstehen.

Wir koennen aber ueberhaupt _jeder_ Art der Komik mehr oder weniger Humor
entgegenbringen. Je mehr wir ihr entgegenbringen, um so mehr "Sinn" fuer
Komik haben wir. Ich sagte schon oben, dass in der Komik nicht nur das
Komische in nichts zergeht, sondern auch wir in gewisser Weise, mit
unserer Erwartung, unserem Glauben an eine Erhabenheit oder Groesse, den
Regeln oder Gewohnheiten unseres Denkens u. s. w. "zu nichte" werden.
Ueber dieses eigene Zunichtewerden erhebt sich der Humor. Dieser Humor,
der Humor, den wir angesichts des Komischen _haben_, besteht schliesslich
ebenso wie derjenige, den der Traeger des bewusst humoristischen
Geschehens hat, in der Geistesfreiheit, der Gewissheit des eigenen Selbst
und des Vernuenftigen, Guten und Erhabenen in der Welt, die bei aller
objektiven und eigenen Nichtigkeit bestehen bleibt, oder eben darin zur
Geltung kommt. Er besteht "_schliesslich_" darin, das will sagen, dass
freilich nicht jeder Humor diese hoechste Stufe erreicht. Es giebt
niedrigere Arten des Humors, und es giebt neben dem hier vorausgesetzten
positiven einen negativen, neben dem versoehnten einen entzweiten Humor.


HUMOR UND "PSYCHISCHE STAUUNG".

Auf diese Unterschiede werden wir spaeter zurueckzukommen haben.
Einstweilen sahen wir, dass Erhabenheit in der Komik das Wesen des Humors
bezeichnet.

Wir sagten aber auch schon, der Humor sei Erhabenheit in der Komik und
_durch_ dieselbe. Die Erhabenheit ist nicht nur bei der Komik, oder
irgendwie mit ihr verbunden, sondern die Komik laesst die Erhabenheit erst
eigentlich fuer uns zu stande kommen.

Wie dies moeglich ist, dies sagt uns wiederum das Gesetz der "psychischen
Stauung". Wiefern eine solche Stauung bei aller Komik stattfinde, haben
wir gesehen. Wir sahen, wie diese Stauung die "Verblueffung" bewirkt, wie
sie dann den Anspruch des Nichtigen ein Erhabenes zu sein, heraustreten
laesst und dadurch das Nichtige, auch nachdem es als solches, das heisst
als Nichtiges sich dargestellt hat, zum Gegenstande der Aufmerksamkeit,
und damit zum Objekte des freien und heiteren Spieles der Auffassung
werden laesst.

Zugleich aber bewirkt die Stauung ein Weiteres; naemlich die nachfolgende
Rueckwaertswendung des Blickes auf dasjenige, das den Anspruch der
Erhabenheit machte. Dabei bestehen die beiden Moeglichkeiten: Dieser
Anspruch erscheint auch jetzt als blosser Anspruch; oder er erscheint als
berechtigter Anspruch.

Wie sonst, so laesst auch hier die "Rueckwaertswendung des Blickes", das
heisst die Rueckkehr der seelischen Bewegung nach ihrem Ausgangspunkte zu,
an diesem Ausgangspunkte neue Seiten entdecken, falls naemlich an ihm
solche zu entdecken sind.

Ich erinnere noch einmal an eines der oben angefuehrten Beispiele: Auf ein
A sahen wir in der Erfahrung sonst ein B folgen. Jetzt folgt ihm ein dem
B widersprechendes B1. Dann ist das Erste die Verblueffung, das
[Griechisch: thaumazein], die Frage: Was ist oder was will das. Ihr folgt
das sich Besinnen, die Konzentration auf das A und die Erwartung, dass
wieder B folge. Das Dritte ist in diesem Falle--nicht die Aufloesung der
Erwartung in nichts, aber das Bewusstsein des Widerspruches.

Daran aber schliesst sich die Rueckkehr zu dem A. Und diese Rueckkehr ist
gleichbedeutend mit einer genaueren Betrachtung des A, mit der Frage, ob
A wirklich das A sei, auf das sonst das B folgte. Dabei kann an dem A
etwas gefunden werden, das es von jenem A unterscheidet, es zu einem
davon verschiedenen A1 macht.

Der gleiche Prozess vollzieht sich auch bei der Komik. Auch hier fuehrt
die Rueckkehr zu A, ich meine zu dem, was als erhaben sich gebaerdete, zur
volleren Erkenntnis desselben. Hat dasselbe begruendeten Anspruch auf
Erhabenheit, so wird, was diesen Anspruch begruendet, entdeckt, oder es
tritt deutlicher ins Bewusstsein. Das Komische erscheint schliesslich
vielleicht als das eigentlich Erhabene.

Indem das nicht nur scheinbar, sondern in Wahrheit Erhabene
solchergestalt aus dem komischen Prozess erst recht als ein Erhabendes
emportaucht, besitzt es zugleich fuer uns einen besonderen Charakter. Es
giebt eben doch an ihm eine Seite, oder es giebt fuer dasselbe eine
moegliche Beleuchtung, die es jederzeit wiederum zum Gegenstand der Komik
oder unserer spielenden Anfassung werden lassen kann. Dadurch mildert
sich seine Erhabenheit. Hat die Erhabenheit Strenge, so weicht diese
Strenge. Der Gegenstand der Ehrfurcht wird uns vertrauter, wird Gegentand
der Liebe. Es ist die Aufgabe des Humors, Erhabenes liebenswert
erscheinen zu lassen, wie es andererseits seine Aufgabe ist, Erhabenes im
Verborgenen, in der Enge und Gedruecktheit, im Geringgeachteten und
Verachteten, in jeder Art der Kleinheit und Niedrigkeit aufzusuchen.




XVII. KAPITEL. ARTEN DES HUMORS.


DIE DASEINSWEISEN DES HUMORS.

Das allgemeine Wesen des Humors, von dem im Vorstehenden die Rede war,
bestimmt sich genauer und gewinnt mannigfache speciellere Zuege in den
verschiedenen Arten des Humors.

Solche lassen sieh zunaechst unterscheiden nach zwei Gesichtspunkten.
Mehrfach schon war die Rede vom Humor als Stimmung, oder als Weise der
Betrachtung der Dinge. Ich "habe" Humor, wenn ich diese Stimmung habe
oder dieser Weise der Betrachtung mich hingebe. Ich selbst bin hier der
Erhabene, der sich Behauptende, der Traeger des Vernuenftigen oder
Sittlichen. Als dieser Erhabene oder im Lichte dieses Erhabenen betrachte
ich die Welt. Ich finde in ihr Komisches und gehe betrachtend in die
Komik ein. Ich gewinne aber schliesslich mich selbst, oder das Erhabene
in mir, erhoeht, befestigt, gesteigert wieder. Damit ist hier der
humoristische Prozess vollendet.

Man erinnert sich des Gegenstueckes dieser humoristischen Weltbetrachtung,
das uns oben bei Betrachtung der Tragik begegnete. Es besteht in der
Weltbetrachtung, die einen sittlichen Massstab anlegt--nicht an das
Kleine und Nichtige, oder an das, was so erscheint, sondern an das
Schlechte, das Boese, das Uebel; kurz das ernste Nichtseinsollende. Auch
aus solcher Weltbetrachtung kann ich in meiner Persoenlichkeit oder meinem
sittlichen Bewusstsein gesteigert zu mir zurueckkehren.

Neben diese ernst sittliche Weltbetrachtung stellten wir die gleichartige
_Darstellung_ der Welt, der Menschen, des Geschehens in der Welt. Dieser
entspricht in der Sphaere des Humors die _humoristische Darstellung_. Ich
finde das Kleine, Nichtige, Belachens- und Verlachenswerte _dargestellt_
und komisch beleuchtet: zugleich offenbart sich in der Weise der
Darstellung der vernuenftige oder sittliche Standpunkt. Sein Recht, seine
Wahrheit, seine Ueberlegenheit wird aus der Darstellung offenbar und
eindringlich.

Die dritte "Daseinsweise" des Humors endlich ist verwirklicht im
"objektiven Humor". Hier ist das Positive des Humors, d. h. das Erhabene
nicht mehr bloss in mir, auch nicht lediglich in der Weise der
Darstellung, sondern es findet sich, ebenso wie das Nichtige, in den
dargestellten Objekten. Diese Daseinsweise des Humors erst hat ihr
Gegenstueck in der Tragik, und weiterhin in jeder kuenstlerischen
Darstellung, in der das Boese und das ernste Uebel in der Welt einen Faktor
des aesthetischen Genusses ausmacht.

Bleiben wir noch einen Augenblick bei diesen drei Daseinsweisen des
Humors. Der Humor, so sagen wir, ist Erhabenheit in der Komik und durch
dieselbe. Bei der humoristischen Weltbetrachtung nun ist zunaechst das
Erhabene in mir. Dann freilich ist auch das Komisch-Nichtige in mir, aber
nur sekundaerer Weise, nur sofern, wie schon frueher gesagt, mein Eingehen
in die Komik zugleich eine Art des Zunichtewerdens meiner selbst in sich
schliesst. Lediglich soweit dies der Fall ist, besteht hier Erhabenheit
in der Komik und demnach Humor.

Damit ist zugleich gesagt, dass dieser Humor in sehr verschiedenen Graden
sich verwirklichen kann. Es fragt sich jedesmal, in welchem Masse ich mir
das eigene Zunichtewerden gefallen lassen kann, und in welchem Masse ich
doch zugleich davor geschuetzt bin, thatsaechlich zu nichte zu werden. Ich
muss, um diesen Humor zu erleben, von meiner Hoehe herabsteigen; aber
nicht, um da unten zu bleiben, sondern um von da aus jene Hoehe zu
ermessen und erst recht zu erkennen, also in meinen Gedanken,--und darum
handelt es sich ja hier--doch auch wiederum auf der Hoehe zu bleiben, und
jetzt erst mit vollem Bewusstsein da zu sein.

Darin liegt dann zugleich das Umgekehrte: Ich bin auf der Hoehe nicht
abgeschlossen, wie auf einer einsamen weltabgeschiedenen Hoehe. Sondern
ich bin da mit der Moeglichkeit, immer wiederum herabzusteigen und mich in
die nichtige Welt zu mischen. Und ich bin immer wiederum im Begriff dies
zu thun. Ich bin auf der Hoehe mit der eigentuemlichen Geistesfreiheit, die
hieraus sich ergiebt.

Derselbe Humor liegt bei der humoristischen _Darstellung_ in der Weise
der _Darstellung_. Er liegt zugleich in mir, sofern ich die Darstellung
innerlich nachmache und ihren Humor in mir nacherlebe. Auch hier ist das
Komische oder das Zunichtewerden nur sekundaerer Weise mit dem
Erhabenen--in der Darstellung und in mir--vereinigt. Sofern ich den
hieraus sich ergebenden Humor in der Darstellung finde, ist derselbe
objektiver Humor; das Gefuehl dafuer ist eine Weise des objektivierten
Selbstgefuehls. Andererseits ist der Humor der Darstellung doch wiederum
kein objektiver: Er ist noch nicht in den dargestellten Objekten.

Darum bezeichne ich den oben sogenannten objektiven Humor speciell mit
diesem Namen. Bei ihm ist der Humor dreifach da: in den Objekten, in der
Weise der Darstellung und in mir. Dies doch nicht im Sinne des
Nebeneinander. Der Humor ist in Wahrheit nur in mir. Aber ich erlebe ihn
in den Objekten und der ihrer Natur entsprechenden Darstellung.


HUMOR DER DARSTELLUNG.

Der Humor der Darstellung ist lyrisch. Das Spezifische der Lyrik ist
dies, dass bei ihr das eigentliche Objekt der Darstellung, das innere
Geschehen, keinen persoenlichen Traeger hat. Man sagt wohl, Traeger dieses
inneren Geschehens sei der Dichter. Dies ist unrichtig, wenn man mit dem
Dichter diese bekannte oder unbekannte wirkliche Persoenlichkeit meint.
Diese Persoenlichkeit mag ein Aehnliches inneres Geschehen thatsaechlich
einmal erlebt haben. Aber fuer das dichterische Erzeugnis kommt nur die
Thatsache in Betracht, dass der Dichter als _Dichter_ den Inhalt der
Dichtung in sich erlebt hat. Er hat ihn erlebt als Dichter, d. h. aber;
er hat ihn erlebt als ideelle Persoenlichkeit, nicht als dieser bestimmte
Mensch, sondern als ideeller Repraesentant _des_ Menschen. Sein etwaiges
wirkliches Erleben ist hierfuer nur Vorbild.

Als solcher ideeller Repraesentant _des_ Menschen erlebt der Dichter das
lyrisch dargestellte innere Geschehen, _solange_ er es eben erlebt, d. h.
insbesondere im Akte des Dichtens. Genau in derselben Weise aber erleben
wir es, wenn wir die Dichtung hoeren, lesen, uns derselben erinnern, und
sie geniessen. So oft wir dies thun, treten _wir_ an die Stelle des
Dichters. Wir sind jetzt die Traeger jenes inneren Geschehens, wiederum
nicht als diese realen Persoenlichkeiten, sondern als ideelle
Repraesentanten des Menschen. Ich sage: des Menschen; in jedem einzelnen
Falle ist dies natuerlich nicht der Mensch ueberhaupt, sondern eine
bestimmte Seite am Menschen oder eine mehr oder minder speciell geartete,
auch durch aeussere Umstaende mehr oder minder determinierte Modifikation
"des" Menschen.

Dies meine ich, wenn ich sage, das in der Lyrik dargestellte innere
Geschehen habe keinen persoenlichen Traeger. Es hat zum Traeger nicht eine
Persoenlichkeit, die von derjenigen, die das lyrische Produkt in sich
erlebt und geniesst, verschieden waere. Es hat also bald diesen bald jenen
Traeger. Zugleich sind alle diese Traeger doch wiederum nur Beispiele des
persoenlichen Traegers, der so oder so gearteten Modifikation des Menschen
oder des Menschseins.

Darum ist es doch nicht in jedem Sinne zutreffend, wenn man die Lyrik die
"_subjektive_" Dichtungsgattung nennt. Eben dieser unpersoenliche Traeger
ist nicht nur im Dichter vorhanden, wenn er dichtet, und in uns, wenn wir
das dichterische Erzeugnis uns innerlich zu eigen machen, sondern er ist
zugleich im Kunstwerk, also objektiv da. Als objektiver Vorgang, als
etwas uns Gegebenes tritt uns das dargestellte innere Geschehen entgegen.
Es ist fuer uns nicht nur ein subjektives, sondern zugleich ein objektives
persoenliches Erleben. Das innere Geschehen wird nicht nur von uns erlebt,
sondern es geschieht zugleich ausser uns, und wird von uns miterlebt.
Oder was dasselbe sagt: Auch hier objektivieren wir unser Erleben, und
uns, sofern wir es erleben; auch hier erleben wir, was wir erleben, in
einem Anderen. Nur nicht in einem bestimmten, vom Dichter uns vor Augen
gestellten Anderen, sondern in einem Anderen, der fuer uns--nicht
individuell, sondern der Art nach dieser oder jener ist, soweit ihn das
dargestellte innere Geschehen als diesen oder jenen charakterisiert, d.
h. von anderen _qualitativ_ unterscheidet.--Natuerlich rede ich hier von
der _reinen_ Lyrik.

So nun verhaelt es sich auch bei der humoristischen Darstellung im hier
vorausgesetzten Sinne dieses Begriffes. Wir erleben den Humor mit oder
nach, aber nicht als Humor in einem dargestellten Individuum, sondern als
ueberindividuellen Humor oder als Humor im Menschen, naemlich im Menschen,
sofern er eben solchen Humor haben kann und hat.

Dagegen ist der speciell von uns sogenannte objektive Humor, sofern er
kuenstlerisch verwirklicht ist, episch oder dramatisch. Das heisst: er ist
Humor eines dargestellten Individuums, das je nachdem einer, obzwar auch
nur ideellen Zeit, oder keiner Zeit, d. h. der zeitlosen Gegenwart
angehoert. In jenem Falle wird er von uns im engeren Sinne des Wertes
nacherlebt, in diesem unmittelbar miterlebt.


STUFEN DES HUMORS.

Die zweite Einteilung von Arten des Humors hat mit der soeben vollzogenen
dies gemein, dass auch bei ihr die Beziehung des Erhabenen zum Komischen
den Einteilungsgrund bezeichnet. Nur ist diese Beziehung hier anderer
Art. Die Komik, die einer Person anhaftet, oder in welche dieselbe
verflochten ist, kann einmal harmlos, unschaedlich, ohne ernsten Stachel
sein. Wir sind, indem wir das Komische wahrnehmen, unmittelbar damit
versoehnt, weil wir uns unmittelbar darueber erheben koennen oder
unmittelbar darueber erhoben werden. Ohne Konflikt oder Kampf ist die
Erhabenheit zugleich mit der Komik fuer uns da.

Ein andermal ist das Komische an sich ein Verletzendes. Das Objekt der
Komik ist nicht Gegenstand des Laechelns oder des harmlos herzlichen
Lachens; sondern es erscheint laecherlich und wird verlacht. Ein
Gegensatz, ein Kampf, ein Konflikt findet statt zwischen ihm und einem
Erhabenen oder der Forderung eines solchen. Eben dieser Konflikt aber
stellt das Erhabene ins Licht. Und zwar nehmen wir hier an, dass das
_Dasein_ des Konfliktes, ohne aeusserliche Loesung desselben, diese Wirkung
hat.

Die dritte Moeglichkeit endlich ist die, dass ein solcher Konflikt nicht
nur besteht, sondern sich loest, d. h. das Laecherliche ueberwunden, das
Nichtige vernichtet wird oder selbst sich vernichtet, und damit das
Erhabene oder die Forderung desselben, die vorher geleugnet war, zum Sieg
gelangt.

Offenbar ist unter diesen drei Stufen des Humors die erste diejenige, der
nun zunaechst den Namen des Humors zugestehen wird. Wir wollen sie als die
des versoehnten, oder des konfliktlosen, oder des in sich unentzweiten
Humors bezeichnen.

Die zweite Stufe duerfen wir dann bezeichnen als die Stufe des in sich
entzweiten oder des satirischen Humors. Entzweiung, Gegensatz, Konflikt
ist ja das Charakteristische der Satire. Ich verhalte mich zum Komischen
satirisch, indem ich es als zum Erhabenen oder zur Forderung eines
solchen gegensaetzlich erkenne, verlache, lachend verurteile. In dieser
Verurteilung tritt die Erhabenheit des Erhabenen, sein hoeheres Recht,
seine Ueberlegenheit ans Licht. Dieser Humor kann scharf, bitter, ja
verzweifelt sein. Er bleibt doch Humor, so lange er das Komische nicht
einfach als nichtseinsollend abweist, sondern, wie es in der Natur der
Satire liegt, lachend in dasselbe eingeht, also daran teil nimmt.

Was endlich die dritte der oben bezeichneten Stufen des Humors betrifft,
so ist dabei dies zu bedenken: Das Nichtige, so sagte ich, tritt hier zum
Erhabenen in Gegensatz und wird vernichtet. Das Erhabene erringt den
Sieg. Aber dies muss, wenn hier wirklich eine Stufe, des Humors gegeben
sein soll, in "humoristischer" Weise geschehen. Und dies schliesst in
sich, dass dem Nichtigen das Erhabene nicht als ein durchaus Fremdes
entgegentritt. Das Erhabene darf nicht einfach von aussen her dem
Nichtigen entgegentreten und es beseitigen oder seinen Geltungs- oder
Herrschaftsanspruch aufheben. Sondern das Nichtige muss dazu, als
solches, eine Handhabe bieten. Es muss in gewisser Weise sich selbst
vernichten und dem Erhabenen zum Siege verhelfen. Es muss in solcher
Weise das Erhabene in sich selbst tragen. Oder umgekehrt, das Erhabene
muss in das Nichtige eingehen, und indem es dies thut, also in gewisser
Weise als Nichtiges, seine Erhabenheit zum Sieg bringen. Auch hier
erscheint dieser Sieg unter dem Gesichtspunkt einer Selbstvernichtung des
Nichtigen.

Nun war uns, wie man sich erinnert, die "_Ironie_" die Komik der
Selbstvernichtung. Sie war das Zergehen eines Erhabenheitsanspruches
durch diesen Anspruch selbst, oder durch die Weise, wie er erhoben wird,
durch die Festhaltung desselben, oder die aus ihm folgenden Konsequenzen.
Ironie des Schicksals ist die objektive Komik, die darin besteht, dass
das selbstgewiss auftretende Wollen sich selbst ad absurdum fuehrt, oder
gerade durch das, was seiner Verwirklichung zu dienen schien, oder zu
dienen bestimmt war, ad absurdum gefuehrt wird. Witzige Ironie ist die
Vernichtung des scheinbar Sinnvollen oder auf Sinn Anspruch Erhebenden
durch die Art wie der Anspruch erhoben wird, oder auf Grund der aus ihm
sich ergebenden Konsequenzen.

Demgemaess haben wir ein Recht, diese dritte Stufe des Humors als die des
"_ironischen Humors_" zu bezeichnen. Will man diesen Namen vermeiden, so
nenne man ihn wiederversoehnten Humor, entsprechend dem von Hause aus
versoehnten und dem entzweiten Humor.


UNTERARTEN DES HUMORS.

Die beiden im Vorstehenden unterschiedenen Einteilungen von Arten des
Humors kreuzen sich. Und daraus ergeben sich dreimal drei Arten.

Ich erhebe mich das eine Mal ueber das Zunichtewerden dieser oder jener
Erwartungen und Forderungen in der Welt, weil ich den Humor dazu besitze,
d. h. weil mein _Glaube_ an das Seinsollende, meine Empfaenglichkeit fuer
das Gute, meine Freude am Schoenen stark genug ist, um durch jenes
Zunichtewerden nicht angetastet zu werden. Mag sich die Welt auch
naerrisch gebaerden, und auch an meiner Person oder meinem Geschick das
Naerrische nicht fehlen, so bleibe ich doch meiner selbst und der Welt, in
dem, was den Kern oder das Wesentliche an beiden ausmacht, gewiss.
Vielmehr, indem ich diese Selbstgewissheit oder diese Erhabenheit meiner
Betrachtung oder Stimmung dem Naerrischen entgegensetze und sie ihm zum
Trotz behaupte, tritt diese Selbstgewissheit erst in ihrer Staerke hervor,
oder zeigt sich in der Macht, die sie in mir besitzt.

Offenbar gewinnt dieser "subjektive" Humor oder dieser Humor meiner
Weltbetrachtung eine andere und andere Bedeutung, je nachdem die
Betrachtung lediglich vom Standpunkte meiner individuellen Neigungen,
Wuensche, Anschauungen, Stimmungen, oder von einem objektiven, d. h.
allgemein menschlichen Standpunkt aus geschieht. Sie hat im letzteren
Falle, obgleich ihrem Wesen nach subjektiv, doch objektive Geltung oder
objektiven Wert. Die fragliche Weise der Weltbetrachtung gewinnt in
anderer Richtung einen verschiedenen Charakter, je nachdem der Gegensatz
des Erhabenen und Nichtigen, um den es sich dabei handelt, dem Gebiet der
verstandesgemaessen Erkenntnis oder dem Gebiet eudaemonistischer
Zweckmaessigkeit, oder endlich dem eigentlich sittlichen Gebiete angehoert.

Der Weltbetrachtung des versoehnten oder unentzweiten Humors steht
gegenueber die Weltbetrachtung des entzweiten Humors oder die satirische
Weltbetrachtung. Nicht immer ist die Negation des Seinsollenden harmlos.
Oft genug sehen wir das Nichtige, das _wesentlichen_ Forderungen der
"Idee" widerstreitet, in Macht und Geltung, Unvernunft, Zweckwidrigkeit,
sittliche Verkehrtheit herrschen in der Welt. Sie gebaerden sich und
duerfen sich gebaerden als wahre Vernunft, als echte Zweckmaessigkeit, als
hohe Moral. Der Wahnwitz wird heilig gesprochen. Der gebildete und der
ungebildete Poebel faellt anbetend nieder vor der aufgeblasenen und
aufgeputzten Possenreisserei. Halte ich dem gegenueber--noch nicht den
Glauben an den endlichen Sieg der Idee, aber das Bewusstsein der
Erhabenheit und Wuerde ihres Wesens fest, gewinne ich es zugleich ueber
mich, jenes Nichtige, weil ich seine Nichtigkeit und Hohheit
durchschaue--nicht nur zu verurteilen, sondern zu verlachen, und in mir
selbst oder in meinem Bewusstsein lachend zu vernichten, so verhalte ich
mich in meiner Weltbetrachtung satirisch. Ich verspuere zunaechst das
Nichtige als Nichtiges, ich erlebe es, dass mit der Verneinung des
Sittlichen, die ich in der Welt vorfinde, zugleich meine sittlichen
Forderungen zunichte werden. Zugleich aber gewinnt mein sittliches
Bewusstsein, indem es gegen seine Verneinung sich "erhebt", seine volle
Groesse und Hoehe. In dieser "Erhebung" besteht hier das Positive des
Humors oder das siegreiche Auftauchen des Erhabenen aus dem komischen
Prozess. Auch hier wiederum koennen die soeben, bei der versoehnt
humoristischen Weltbetrachtung, angedeuteten Unterschiede gemacht werden.

Endlich erscheint der in dieser satirischen Weltbetrachtung liegende
Gegensatz wiederum aufgehoben, der Humor wird im einem wiederum in sich
versoehnten Humor, wenn und soweit ich mich zu der Ueberzeugung
hindurchzuarbeiten vermag, dass das Nichtige, so sehr es in Geltung sein
mag, doch schliesslich auch aeusserlich oder objektiv in seiner
Nichtigkeit offenbar werde, dass das Nichtige, wenn es sich auswirke,
nicht umhin koenne, sich aufzuheben oder seine Macht zu verlieren, und
damit der Idee zum Siege zu verhelfen. Diese im tiefsten und hoechsten
Sinne humoristische Weltbetrachtung bezeichnen wir als ironische
Weltbetrachtung oder als Weltbetrachtung des ironischen Humors. Ich
brauche nicht zu sagen, dass dieser ironische Humor mit der "Ironie" der
romantischen Schule nicht etwa eine und dieselbe Sache ist.

Die gleichen drei Moeglichkeiten, wie bei der humoristischen
Weltbetrachtung, bestehen ruecksichtlich des Humors der Darstellung. Die
Darstellung ist harmlos humoristisch, oder wenn man will humoristisch im
engeren Sinn, d. h. nie stellt das Kleine, die Schwaechen an Menschen und
das Komische ihres Schicksals dar; zugleich tritt aus der Darstellung der
Glaube an das von der Komik umspielte Hoehere, Sittliche, Erhabene
versoehnend und erhebend heraus. Sie ist andererseits satirische
Darstellung des anmasslichen und in Geltung stehenden Nichtigen und
Verkehrten, eine Darstellung, die diesem Anmasslichen die Maske vom
Gesicht reisst, den Schein, dass es ein Recht habe, in Ansehen und
Geltung zu stehen, zerstoert, es dem Verlachen preisgiebt, aber eben
dadurch die Wuerde und einzige Hoheit der "Idee"' vor Augen stellt.

Offenbar ist hiermit dasjenige bezeichnet, was man gemeinhin oder
vorzugsweise mit dem Namen der Satire zu belegen pflegt.

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