A  /  B  /  C  /  D  /  E  /   F  /  G  /  H  /  I  /  J  /   K  /  L  /  M  /  N  /  O   P  /  R  /  S  /  T  /  U  /  V  /  W  /  X  /  Y  /  Z

Komik und Humor by Theodor Lipps

T >> Theodor Lipps >> Komik und Humor

Pages:
1 | 2 | 3 | 4 | 5 | 6 | 7 | 8 | 9 | 10 | 11 | 12 | 13 | 14 | 15 | 16 | 17 | 18 | 19 | 20 | 21 | 22 | 23 | 24 | 25 | 26



Erst wenn ich, durch das "erhabene" Objekt selbst genoetigt,--nicht meine
gegenwaertige Erhabenheit, aber eine Erhabenheit, wie ich sie in mir
finden _kann_, also eine moegliche Erhabenheit menschlichen Wesens--und
eine andere Erhabenheit giebt es fuer uns nicht--in das Objekt _hinein
verlege_, und in ihm, als etwas ihm Zugehoerigen, _wiederfinde_, oder
besser gesagt, wenn ich im Objekte, als ihm zuhoerig, die persoenlichen
Regungen, inneren Verhaltungsweisen, Wollungen wiederfinde, die das
Gefuehl der Erhabenheit begruenden, wenn mir also diese Regungen in dem
Objekte als etwas von mir Verschiedenes, "Objektives", gegenuebertreten,
kann das Objekt fuer mich zu einem erhabenen werden, oder kann mein Gefuehl
der Erhabenheit mir auf dies Objekt bezogen erscheinen. Und umgekehrt,
erscheint das Gefuehl auf das Objekt bezogen, erscheint also das Objekt
mir erhaben, so liegt darin der Beweis, dass das Objekt diesen Grund des
Erhabenheitsgefuehles in sich selbst traegt, dass nicht mein Erhabensein,
sondern der erhebende Sinn und Inhalt des Objektes das Gefuehl
bedingt.--Dass, nebenbei bemerkt, diese Erhabenheit des Objektes keine
Erhabenheit des Verstandes sein kann, leuchtet ein. Unser
Anthropomorphisieren ist kein Objektivieren unseres Verstandes, sondern
unseres Willens.

Nicht minder gehoert hierhin der ganze Grundgedanke der _Groos_'schen
Aesthetik. Freude an der Schoenheit von Objekten, oder, wie _Groos_ zu
sagen vorzieht, Freude am "aesthetischen Wert" von Objekten soll _Groos_
zufolge Freude am Spiel meiner Phantasie sein. Ich entgegne: Es ist nun
einmal thatsaechlich nicht so. Freude am Spiel meiner Phantasie
ist--Freude am Spiel meiner Phantasie. Solche Freude mag vorkommen.
Vielleicht gelingt es auch diesem oder jenem, solche Freude zu haben,
waehrend er angeblich mit einem _Kunstwerke_ innerlich beschaeftigt ist.
Ich mag vielleicht gelegentlich das Kunstwerk, dies mir objektiv
gegenuebertretende und fuer mein Bewusstsein von mir total unterschiedene
Ding, eine Zeitlang aus dem Auge lassen und auf meine Phantasiethaetigkeit
hinblicken; ich meine: auf die Phantasiethaetigkeit, die ich jetzt eben,
wo ich noch mit dem Kunstwerk beschaeftigt war, geuebt habe; und ich mag
dann an dem Spiel dieser Thaetigkeit, an diesem von mir erkannten
psychologischen Faktum, meine Freude haben. Dann freue ich mich eben an
diesem Spiel.

Und dies Spiel ist dann notwendig auch der _Grund_ meiner Freude. Ebenso
gewiss aber ist dieses Spiel _nicht_ der Grund meiner Freude, sondern der
_Gegenstand_ dieses Spieles begruendet mein Gefuehl, wenn ich das Gefuehl
innerlich auf diesen Gegenstand beziehe, wenn also das _Kunstwerk_ mir
wertvoll oder erfreulich erscheint. Ich sage: der Gegenstand des
"Spieles" ist der Grund der Freude. Dabei setze ich natuerlich voraus,
dass mein Verhalten zum Kunstwerk wirklich Spiel ist, ich nicht etwa in
allem Ernst mich dem Kunstwerk hingebe, nicht etwa das Kunstwerk mich so
erfasst und zu sich hinzwingt, dass das Spielen mit ihm ein Ende hat.


DIE KOMIK DES OBJEKTES UND MEINE UEBERLEGENHEIT.

Am auffallendsten tritt aber schliesslich die Verwechselung, auf welcher,
nach dem eben Gesagten, _Groos'_ Begruendung des aesthetischen Genusses
ueberhaupt beruht, bei _Groos'_ Theorie der Komik zu Tage. Ich sei
ueberlegen ueber die Verkehrtheit des komischen Objektes. Das komische
Objekt, oder das Verkehrte, ist dann natuerlich nicht ueberlegen, sondern
inferior. Komisch aber ist fuer mich das Objekt, nicht ich, oder meine
Ueberlegenheit. Mein Gefuehl der komischen Lust ist ein nicht auf das
ueberlegene Ich, sondern auf das inferiore Objekt bezogenes Gefuehl. Ich
kann wohl auch hier meiner Ueberlegenheit mich freuen. Das heisst, ich
kann auf die Ueberlegenheit, die mir und nur mir zukommt, achten, und
dabei ein angenehmes Gefuehl haben. Aber das, worum es sich hier handelt,
das ist ja das Gefuehl, das ich auf das von mir so deutlich als moeglich
unterschiedene Objekt und seine Inferioritaet beziehe, d. h. das Gefuehl,
das entsteht, indem ich--_nicht_ mich und meine Ueberlegenheit mir
vergegenwaertige, _nicht_ auf _diese_ Seite des Gegensatzes zwischen mir
und dem Objekte meine Aufmerksamkeit richte, sondern dem Objekte und
seiner Inferioritaet, dieser _anderen_ Seite des Gegensatzes meine
Aufmerksamkeit zuwende.

Dann kann auch der _Grund_ des Gefuehles der Komik nicht in meiner
Ueberlegenheit oder dem Bewusstsein derselben liegen. Sondern er muss in
dem Objekte, seiner Verkehrtheit, seiner Inferioritaet, kurz seiner
Nichtigkeit gesucht werden. Er muss liegen in dieser Nichtigkeit selbst,
nicht etwa in dieser Nichtigkeit sofern sie meine Ueberlegenheit
begruendet. Denn dann muesste wiederum das Achten auf mich und meine
Ueberlegenheit das Gefuehl der Komik hervortreten lassen. Dies muesste also
doch wiederum auf mich bezogen erscheinen. Es entstaende, mit anderen
Worten, von neuem der Widerspruch, der darin liegt, dass ein Gefuehl, das
ich thatsaechlich nicht auf mich, sondern auf ein von mir verschiedenes
Objekt beziehe, mit einem auf mich bezogenen Gefuehle identisch sein soll.

Es liegt aber in _Groos'_ Anschauung nicht nur eine einfache, sondern
eine doppelte Verwechselung. Das Gefuehl der Komik ist, soviel ich sehe,
nicht ein Gefuehl der Ueberlegenheit, sondern eben--ein Gefuehl der Komik.
Es ist also fuer _Groos_ nicht nur ein auf mich bezogenes Gefuehl ein aufs
Objekt bezogenes, sondern es ist auch das Gefuehl der Ueberlegenheit
identisch mit einem Gefuehl der Komik. Das Gefuehl meiner Ueberlegenheit ist
eine Art des Gefuehles der Erhabenheit, naemlich meiner Erhabenheit. Das
Gefuehl der Komik aber ist das Gegenteil jedes Gefuehles der Erhabenheit.
Fuer _Groos_ sind beide identisch. Das ist eine zu starke Zumutung.

Achten wir schliesslich auch noch--auch sonst erweist sich dergleichen
als nuetzlich--auf die objektiv gegebenen Thatsachen. Fragen wir zunaechst,
wer denn das Gefuehl der Ueberlegenheit ueber wirkliche oder vermeintliche
Verkehrtheiten zu haben, und wer andererseits dem Gefuehl der Komik
hingegeben zu sein und ueber das Komische herzlich zu lachen pflegt. Dann
erscheint _Groos'_ Theorie in demselben seltsamen Lichte.

Jene "Ueberlegenen", das sind die Suffisanten, die Eitlen, die Gecken.
Ihnen ist alles ein Mittel sich ueberlegen zu fuehlen. Ihnen aber fehlt
eben damit der Humor dem Komischen gegenueber, d. h. die Faelligkeit die
Komik zu geniessen. Die "Ueberlegenen" wissen nichts von herzlichem
Lachen.

Und es kann dies auch von ihnen nicht gefordert werden. Der Humor, die
Anteilnahme an der Komik des Komischen ist nun einmal ein sich Hingeben
an das Komische, oder das in ihm liegende Verkehrte. Wer ueber das
Verkehrte herzlich lacht, geht in die Verkehrtheit ein, macht sich zum
Teilhaber, sozusagen zum Mitschuldigen. Er steigt von dem Piedestal, auf
dem er sonst stehen mag, herab; betrachtet die Sache von unten, nicht von
oben. Die Komik ist zu Ende in dem Momente, wo wir wiederum auf das
Piedestal heraufsteigen, d. h. wo wir beginnen, uns ueberlegen zu fuehlen.
Das Gefuehl der Ueberlegenheit erweist sich so als das volle Gegenteil des
Gefuehls der Komik, als sein eigentlicher Todfeind. Das Gefuehl der Komik
ist moeglich in dem Masse, als das Gefuehl der Ueberlegenheit nicht aufkommt
und nicht aufkommen kann.

So verhaelt es sich, soweit Objekten der Komik gegenueber ein Gefuehl der
Ueberlegenheit ueberhaupt _moeglich_ ist. In vielen Faellen der Komik ist
aber gar nicht einzusehen, wie ein solches Gefuehl zu stande kommen
sollte. Ich will etwa ein grosses, wohlvorbereitetes Feuerwerk abbrennen.
Und der Erfolg ist: ein Zischen, ein Lichtschein, weiter nichts. Dies
wirkt auf mich komisch, falls ich den noetigen Humor habe, d. h. meinen
etwaigen Aerger unterdruecke und mich ganz der Situation hingebe.

Worueber nun fuehle ich mich hier ueberlegen? Die Verkehrtheit, die
vorliegt, besteht in der Thatsache, dass das Wohlvorbereitete aus
irgendwelchem Grunde, vielleicht weil mir ohne meine Schuld verdorbene
Feuerwerkskoerper geliefert wurden, misslingt, meine hochgespannte
Erwartung zergeht. Aber wie kann ich mich solcher Thatsache gegenueber
ueberlegen fuehlen? Wie wuerde ich wohl meine Ueberlegenheit ueber das
misslingende Feuerwerk oder ueber das Pulver, das seine Schuldigkeit nicht
that, in praxi dokumentieren?

Zum Gefuehl der Ueberlegenheit gehoert, dass ich mich mit dem Verkehrten
vergleiche. Mit mechanischen Vorgaengen aber kann ich mich nicht
vergleichen. Ich vergleiche mich auch nicht mit leblosen Dingen. Wenn
neben einem Palast ein kleines Gebaeude staende, das in seiner Form den
Palast getreu nachahmte, so koennte dies ueberaus komisch wirken. Was soll
es hier heissen, ich fuehle mich ueber eine Verkehrtheit ueberlegen. Die
Verkehrtheit besteht hier darin, dass ein Kleines aussieht, wie ein
Grosses, und doch nicht gross ist wie dieses. Habe ich hier etwa das
Bewusstsein, mir koenne dergleichen nicht begegnen?

Eher schon vergleichen wir uns mit Kindern und Tieren. Aber ein freudiges
Bewusstsein der Ueberlegenheit ueber Kinder, oder ueber das possierliche
Gebahren junger Katzen und Hunde, waere doch allzu kindisch. Kinder und
Tiere sind komisch vor allem, wenn sie sich gebaerden wie wir, und doch
wiederum nicht wie wir, zweckvoll und doch wiederum zwecklos oder
zweckwidrig, ernsthaft und nichtig und doch wiederum spielend und
nichtig. Im Bewusstsein hiervon liegt ein Vergleich. Aber doch eben ganz
und gar nicht der Vergleich, wie er in _Groos'_ Theorie vorausgesetzt
ist, kein Messen, kein Abwaegen dessen, was das Objekt der Komik ist oder
kann, und dem, was wir sind oder koennen, jedenfalls nicht ein Abwaegen mit
dem schliesslichen stolzen Bewusstsein, dass wir es in Vergleich mit den
Objekten, also den Kindern, oder den jungen Hunden und Katzen so herrlich
weit gebracht haben.

Auch der Witz soll endlich von _Groos'_ Definition getroffen werden.
Dieser Anspruch ist selbstverstaendlich, da ja der Witz eine Gattung des
Komischen ist. Man vergegenwaertige sich aber einmal etwa das zweifellos
witzige und witzig komische Raetsel _Schleiermachers_ "der Galgenstrick":

Fest vom Dritten umschlungen, so schwebt das vollendete Ganze,
Wann es die Parze gebeut, an den zwei Ersten empor.

Das Verkehrte, das hier sich findet, besteht in der abnormen oder
spielenden Form, in welcher der gar nicht verkehrte Gedanke ausgedrueckt
ist. Freilich, hier ist der Ausdruck Verkehrtheit etwas--verkehrt. Aber
_Groos_ versteht unter der Verkehrtheit so vielerlei, dass wir auch diese
Abnormitaet als Verkehrtheit--in seinem Sinne--bezeichnen koennen.

Ich frage nun: Worin besteht unser Gefuehl der Ueberlegenheit ueber dies
Abnorme, oder ueber diese witzig geistreiche Art des Ausdrucks eines
Gedankens? Trifft hier _Groos'_ Satz zu: "Wir haben bei jedem Komischen
das behagliche Pharisaeergefuehl, dass wir nicht und wie dieser Verkehrten
einer"? In der That sind wir vielleicht nicht wie dieser Verkehrten, d.
h. dieser Witzigen einer. Aber es ist zu befuerchten, dass in diesem Falle
das Pharisaeergefuehl eher in ein gegenseitiges Gefuehl umschlage. _Groos_
hat Sinn fuer Witz, vielleicht zu viel. Darum vermute ich, das er den
"Humor" des _Schleiermacher_'schen Witzes nicht etwa in dem Gefuehl der
Ueberlegenheit finden wird, das der logische Pedant der witzigen Wendung
gegenueber allerdings haben wird. Diese Ueberlegenheit ist aber die
einzige, die der witzigen Komik gegenueber moeglich ist.


UEBERLEGENHEIT UND "ERLEUCHTUNG".

Doch wir duerfen nicht uebersehen: _Groos_ kennt noch eine andere Art der
Ueberlegenheit. Und die koennte hier, wie in dem vorhin erwaehnten Falle
_Groos'_ Theorie zu retten scheinen. _Kant_ sagt, und _Groos_ zitiert, es
sei eine merkwuerdige Eigenschaft des Komischen, dass es immer etwas in
sich enthalten muesse, das auf einen Augenblick taeuschen koenne. Diese
vortreffliche Bemerkung _Kants_ wendet _Groos_ in folgender Weise zu
seinen Gunsten. Wir fallen auf das komische Objekt herein, "das komische
Objekt will uns weismachen, dass seine widersprechenden Glieder in
friedlichstem und geordnetstem Zusammenhang seien. Und erst wenn wir
diesen scheinbaren Zusammenhang zerrissen haben, kommen wir zu dem vollen
Gefuehl der Ueberlegenheit."

Offenbar handelt es sich hier um eine andere Art der Ueberlegenheit, als
diejenige ist, von der vorhin die Rede war. Es ist eine Ueberlegenheit
nicht ueber das Verkehrte, sondern eine Ueberlegenheit oder ein sich
Erheben ueber den Schein, als sei das komische das Gegenteil eines
Verkehrten, ein sich Erheben ueber die Taeuschung, der man einen Moment
unterlag, also eine Art der Ueberlegenheit ueber uns selbst. Man erinnert
sich, dass auch diese Ueberlegenheit schon bei _Hobbes_ vorkam. _Groos_
bezeichnet sie auch als "Erleuchtung" nach der "Verblueffung".

Mit dieser "Erleuchtung nach der Verblueffung" pfropft offenbar _Groos_
auf seine erste Theorie der Komik eine zweite, die etwas voellig Neues
giebt. Dies spricht gegen beide. Es scheint, wenn es wahr ist, dass wir
bei aller Komik jenes oben bezeichnete Pharisaeergefuehl haben, dann
beduerfen wir nicht mehr dieses beglueckenden Gefuehles, ueber unsere eigene
Verblueffung Herr geworden oder daraus siegreich hervorgegangen zu sein.
Und wenn wir ueberall dieses letztere Gefuehl haben, dann ist jenes erstere
ueberfluessig.

Aber bleiben wir bei der neuen Theorie. Soweit sie Theorie der
"Verblueffung und Erleuchtung" ist, koennte aus ihr sachlich Richtiges
herausgelesen werden. Aber der dominierende Begriff bleibt eben doch auch
hier der Begriff der Ueberlegenheit. Insofern bessert diese neue Theorie
nichts.

Es ist ja gewiss so: Eine Art des "Hereinfallens" gehoert zu jeder Komik.
Das Komische muss uns in Anspruch nehmen, als ob es mehr waere, als nur
dies komisch Nichtige. Es muss in unseren Augen den Anspruch erheben,
mehr zu _sein_. Der Witz insbesondere muss etwas Glaubhaftes an sich
tragen.

Und auch dies gehoert zur Komik, dass dieser Anspruch zergeht. Aber was
dies heisst, muss genauer gesagt werden. Und es muss in jedem Falle
anders gesagt werden, als _Groos_ es sagt. Die Einsicht, _dass_ wir
hereingefallen sind, diese "Erleuchtung" giebt an sich keinen Grund zum
Gefuehl der Komik.

Sie giebt nicht einmal ohne weiteres ein beglueckendes Gefuehl der
Ueberlegenheit. Solche Erleuchtung kann beschaemend sein. Sie kann uns auch
gleichgueltig sein. Ich frage: Wenn sie weder das eine noch das andere
ist, sondern ein beglueckendes Gefuehl der Ueberlegenheit schafft, worin
liegt dies?

Aber die Antwort auf diese Frage wuerde uns ja nichts nuetzen. Das Gefuehl
unserer Ueberlegenheit ueber das Verkehrte konnte nicht das Gefuehl der
Komik des Verkehrten sein. Ebensowenig, oder noch weniger kann das Gefuehl
der Ueberlegenheit ueber uns mit dem auf das Objekt bezogenen Gefuehl der
Komik eine und dieselbe Sache sein. _Groos_ scheint schliesslich
besonderes Gewicht zu legen auf das Momentane der Verblueffung und das
Momentane der Erleuchtung, auf den _Zeising_'schen ploetzlichen "Choc und
Gegenchoc". Aber auch damit kommen wir dem Ziel nicht naeher. Erzeugt die
Erleuchtung momentane Beschaemung, so erzeugt sie eben momentane
Beschaemung, erzeugt sie ein momentanes Gefuehl der Ueberlegenheit, so
erzeugt sie eben ein momentanes Gefuehl der Ueberlegenheit. Kein Gefuehl
wird lediglich dadurch, dass es ein momentanes ist, zu einem Gefuehle ganz
anderer Art, und ausserdem auch noch zu einem Gefuehl, das auf einen ganz
anderen Gegenstand bezogen erscheint.


DAS WESEN DER "UEBERLEGENHEIT".

Fragen wir schliesslich auch noch: Was ist doch eigentlich dies Gefuehl
der Ueberlegenheit, das _Groos_ und anderen so sehr das klare Denken
verwirrt. Es scheint fast, _Groos_ haette, der er doch einmal mit diesem
Begriffe operiert, diese Frage sich vorlegen muessen.

Schon oben sagte ich, das Gefuehl der Ueberlegenheit ergebe sich aus einem
Messen. Dies bestimmen wir genauer. Ein Mensch begehe Verkehrtes. Darum
ist er doch Mensch, wie ich. Mit dem Gedanken an das Menschsein verknuepft
sich also der Gedanke des verkehrten Thuns. Verkehrt sich zu gebaren ist
also menschlich. Es ist also mehr als menschlich, zum mindesten mehr als
allgemein menschlich, wenn man so vernuenftig ist, wie wir es sind oder zu
sein uns einbilden. Wir sind "Uebermenschen", mehr als unsere "Juengsten",
die sich als Uebermenschen duenken, wenn sie nichts sind als besonders
jaemmerliche Menschen.

Oder anders gesagt: Ich stehe, wenn ich jenes verkehrte Thun erlebt habe,
unter dem unmittelbaren Eindruck: Menschen koennen sich so unvernuenftig
gebaerden. Also ist mein vernuenftiges Gebaren keine so selbstverstaendliche
Sache. Waere sie etwas durchaus Selbstverstaendliches, so wuerde ich in
meinen Gedanken darueber zur Tagesordnung uebergehen, wie ueber alles
Selbstverstaendliche. Jetzt ist diese Selbstverstaendlichkeit, ich kann
auch sagen: es ist die "Gewohnheit", Menschen als vernuenftig zu
betrachten, wenn auch nur fuer einen Augenblick, durchbrochen. Es ist,
wenn ich in Ausdruecken meiner "Grundthatsachen des Seelenlebens" sprechen
darf, der freie "Vorstellungsabfluss" aufgehoben; also eine psychische
"Stauung" eingetreten. Und diese hat die Wirkung, die jede psychische
Stauung hat. Das heisst die psychische Bewegung haftet an der Stelle, wo
die Stauung geschieht, die psychische Wellenhoehe dessen, was an dieser
Stelle sich findet, wird gesteigert.

Oder wenn wir diese Ausdruecke wiederum fallen lassen: Das, was nur nicht
mehr als ein Selbstverstaendliches oder Gewohntes erscheint, faellt mir in
hoeherem Grade auf. Es wirkt wie ein Neues. Damit steigert sich auch die
Gefuehlswirkung. Meine Vernuenftigkeit wird also durch den Vergleich mit
der Unvernunft anderer fuer mich eindrucksvoller. Damit ist das
gesteigerte Selbstgefuehl, der Stolz auf meine Vernuenftigkeit, das Gefuehl
der Ueberlegenheit gegeben.

Auch aus dieser Betrachtung der Entstehungsweise des Gefuehles der
Ueberlegenheit ergiebt sich, wie wenig dasselbe mit der Komik zu thun hat.
Es ist einfach erhoehtes Gefuehl des Wertes meiner selbst, hoehere
Selbstachtung, Stolz. Und darin liegt nichts komisch Erheiterndes. Das
Gefuehl der Komik steht dazu im Gegensatz. Es wird demnach auch vermoege
eines entgegengesetzten Prozesses entstehen.

_Groos_ zitiert beim Beginn seiner Eroerterung der Komik das bekannte Wort
_Jean Pauls_: Das Laecherliche wollte von jeher nicht in die Definition
der Philosophen gehen, ausser unfreiwillig. Derselbe _Jean Paul_ sagt
auch, die Komik verwandle halbe und Viertelsaehnlichkeiten in
Gleichheiten. Auch in _Groos'_ "Definition" fehlen solche halbe und
Viertelsaehnlichkeiten nicht. Er meint Richtiges. So meinen, wie im Grunde
selbstverstaendlich, alle Theoretiker der Komik Richtiges. Aber sie meinen
oder sagen es nicht immer richtig.

Worin das Richtige bei _Groos_ besteht, wurde schon angedeutet. Es liegt
in dem von ihm uebernommenen _Zeising_'schen "Choc und Gegenchoc", oder
der "Verblueffung und Erleuchtung". Schon _Hecker_ hatte einen Kontrast
statuiert. Dass dieser Kontrast hier genauer als Kontrast zwischen
Verblueffung und Erleuchtung erscheint, bedeutet einen Fortschritt.

Und noch mehr kann zugestanden werden. Auch eine "Ueberlegenheit" findet
bei der Komik statt, nur in voellig anderem als dem _Groos_'schen Sinne,
naemlich eine Ueberlegenheit meiner Auffassungskraft ueber ein
Aufzufassendes. Und daran schliesst sich ein entsprechendes Gefuehl, wenn
nicht der "Ueberlegenheit", so doch der geloesten Spannung.


ZIEGLERS THEORIE.

Ich schliesse an die Kritik der _Groos_'schen Theorie unmittelbar noch
eine Bemerkung an ueber _Ziegler_, der in seiner Skizze des
Gefuehlslebens--"Das Gefuehl" Stuttgart 1898--_Groos'_ Theorie teilweise
uebernimmt, und damit die _Hecker_'sche "Schadenfreude" verbindet. Auch
bei _Ziegler_ sehe ich nicht, wie weit er sich der Uebereinstimmung mit
seinen Vorgaengern bewusst ist. Besteht keine Abhaengigkeit, so ist doch
die Identitaet der Gedanken nicht verwunderlich. Es liegt in jenen
Begriffen, wenn man gewisse besonders in die Augen springende Faelle der
Komik im _Ganzen_ nimmt, etwas Plausibles. Das Gefuehl der Komik schlaegt
in der That in gewissen Faellen leicht in das Gefuehl der Ueberlegenheit
oder der Schadenfreude um, oder es tritt zu ihm ein solches Gefuehl,
allerdings jedesmal die Komik als solche beeintraechtigend oder
zerstoerend, hinzu. Genauere Untersuchung ergiebt zwar unschwer die
Eigenart der Komik. Aber auch _Ziegler_ verzichtet auf solche genauere
Untersuchung.

Ich sagte, _Ziegler_ uebernehme teilweise die _Groos_'sche
"Ueberlegenheit". Dies thut er nicht von vornherein. _Ziegler_ operiert
zunaechst mit dem von _Groos_ in zweiter Linie herbeigezogenen Gegensatz
der Duepierung und Erleuchtung. Dass _Ziegler_ dies Moment zum Primaeren
macht, darin scheint wiederum ein Fortschritt zu liegen.

Aber es fragt sich, wie diese Begriffe verwendet werden. Wir fallen, so
erfahren wir auch hier, auf die Verkehrtheit, Zweckwidrigkeit, Unvernunft
herein, bemerken sie nicht, werden also duepiert. Dann sehen wir sie ein.
Wir lachen dann in gewisser Weise doppelt, ueber die Verkehrtheit, und
ueber uns, die wir duepiert worden sind.--Man beachte, wie hier _Groos'_
Gefuehl der Ueberlegenheit ueber uns selbst, oder _Groos'_ stolzes
Bewusstsein des Sieges zu einem Verlachen unserer selbst wird, also in
gewisser Weise sich in sein Gegenteil verkehrt.

Aber wenn bei Ziegler das beglueckende Gefuehl unserer Ueberlegenheit
wegfaellt, warum lachen wir dann, ueber das Objekt und ueber uns selbst?
_Ziegler_ meint selbst, das Verkehrte oder die Unvernunft koenne als
solche nur Unlust erregen, und indem die Unvernunft als solche sich
herausstelle, werde die Unlust nur verdoppelt. Wie kommt es dann, dass
das Verkehrte, in dem es als solches sich herausstellt, _belustigt_?

_Ziegler_ antwortet: Dies liege daran, dass die Unvernunft oder
Zweckwidrigkeit keine bedenkliche, der Schaden, der daraus erwachse, kein
grosser sei. Die ganze Sache, so sagt er, ist ein "Nichtssagendes; statt
Ernst ist alles, was daran resultiert, nur Scherz und Spiel"; es ist
"ohne erheblichen Schaden, also nicht ernsthaft, sondern nur spasshaft zu
nehmen".

Damit ist fuer _Ziegler_ die Komik erklaert. Dass das, was nur spasshaft
genommen werden kann, nur spasshaft, d. h. komisch genommen werden kann,
ist ja selbstverstaendlich. Aber die Frage ist eben die, wie das
Nichtssagende dazu _komme_, spasshaft, d. h. komisch genommen zu werden.
Oder verwandelt sich Unlust ueber einen Schaden lediglich dadurch, dass
der Schaden ein geringer ist, in "Spass", oder komische Lust? Mir scheint
vielmehr, wenn ein Schaden Unlust erzeugt, so erzeugt ein geringer
Schaden zunaechst nichts anderes als verminderte Unlust. Ist der Schaden
sehr gering, so wird die Unlust schliesslich gleich Null. Aber
verminderte oder gar nicht mehr vorhandene Unlust ist doch nicht
identisch mit heiterer Lust.

Es ist deutlich, _Ziegler_ setzt in seiner Erklaerung genau das voraus,
was er erklaeren will. Seine Erklaerung der Komik besteht darin, dass er
andere Worte dafuer einsetzt, naemlich die Worte "Scherz" und "Spass".
Warum erscheint uns ein Objekt komisch? Weil es uns nicht ernsthaft
sondern scherzhaft erscheint. Warum erscheinen wir selbst uns komisch?
Weil die Spannung, in die wir durch das komische Objekt versetzt worden
sind, nicht ernsthaft sondern spasshaft zu nehmen ist.

Erst wo es sich um das Zweckwidrige in oder an einer von uns
verschiedenen Person handelt, begegnen wir auch bei _Ziegler_ dem Begriff
der Schadenfreude und der Ueberlegenheit. Nicht das _Wort_ "Schadenfreude"
kommt vor, aber die Sache: Es geschieht dem Verkehrten "Recht, dass seine
verschuldete Unvernunft ihm den kleinen Schaden gebracht hat." Ich habe
schon oben zugestanden, dass in der That in allerlei Faellen der Komik die
Schadenfreude zu stande kommen und ein Gefuehl der Ueberlegenheit sich
einstellen kann. Nur dass dies mit dem Gefuehl der Komik als solchem
nichts zu thun hat. Gefuehl der Komik ist Gefuehl der Komik; und Gefuehl der
Schadenfreude oder der Ueberlegenheit ist Gefuehl der Schadenfreude oder
der Ueberlegenheit.--Im uebrigen wiederhole ich nicht, was ich gegen die
Theorie der Ueberlegenheit vorhin gesagt habe.




III. KAPITEL. KOMIK UND VORSTELLUNGSKONTRAST.


KRAEPELINS "INTELLEKTUELLER KONTRAST".

Wie schon gesagt, geht _Kraepelin_ von der Betrachtung der komischen
Objekte und Vorgaenge aus. Dies Verfahren schien uns von einem Bedenken
frei, dem das _Hecker_'sche von vornherein unterlag. Aber Kraepelins Weise
der Betrachtung ist einseitig; darum das schliessliche Ergebnis durchaus
ungenuegend. Dies schliessliche Ergebnis lautet: Komisch wirkt der
"unerwartete intellektuelle Kontrast, der in uns einen Widerstreit
aesthetischer, ethischer oder logischer Gefuehle mit Vorwiegen der Lust
erweckt".

Ich betone hier zunaechst die Anerkennung der Notwendigkeit eines
Kontrastes. Diesem Elemente begegnen wir schon in der Aesthetik von _Kant_
und _Lessing_. Wir sehen dann die Aesthetiker bemueht, schaerfer und
schaerfer die Besonderheit zu bestimmen, die den komischen Kontrast vor
jedem beliebigen anderen Kontrast auszeichnet. Auch Kraepelin sucht eine
solche naehere Bestimmung. Er glaubt sie gefunden zu haben, indem er den
komischen Kontrast als intellektuellen bezeichnet.

Pages:
1 | 2 | 3 | 4 | 5 | 6 | 7 | 8 | 9 | 10 | 11 | 12 | 13 | 14 | 15 | 16 | 17 | 18 | 19 | 20 | 21 | 22 | 23 | 24 | 25 | 26

The Blackbird of Belfast Lough keeps singing
Jean Hannah Edelstein: Left-leaning Americans should welcome books from Sarah Palin and Joe the Plumber

Alison Flood: Is this the end of misery memoirs?
Inspired by a much-translated 9th-century Irish lyric, The Blackbird at Belfast Lough, the Seamus Heaney Centre for Poetry is putting on an exhibition of specially-commissioned depictions of its emblem, the blackbird

Reworked novel by Peter Matthiesson takes National book award
Alison Flood: After years at the top of bestseller lists, misery memoirs are losing their appeal. Are they about to become just a bad memory?

Copyright (c) 2007. booksboost.com. All rights reserved.