Komik und Humor by Theodor Lipps
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Ein Kleines, ein relatives Nichts, dies liegt in allen diesen Wendungen,
bildet jederzeit die eine Seite des komischen Kontrastes; ein Kleines,
ein Nichts, nicht ueberhaupt, sondern im Vergleich zu demjenigen, mit dem
es kontrastiert. Die Komik entsteht eben, indem das Kleine an dem Andern,
zu dem es in Beziehung gesetzt wird, sich misst und dabei in seiner
Kleinheit zu Tage tritt.
Damit ist auch schon gesagt, dass das Kleine in der Vorstellungsbewegung,
die dem Eindruck der Komik zu Grunde liegt, jederzeit _das zweite Glied_
sein muss, d. h. dasjenige, zu dem wir in unserer Betrachtung uebergehen,
nicht der Ausgangspunkt, sondern der Zielpunkt der Bewegung. Wir moegen
immerhin das Kleine schon vorher wahrgenommen oder ins Auge gefasst
haben, klein erscheinen im Vergleich zur anderen Seite des Kontrastes
kann es doch erst, nachdem wir den Massstab, den die andere Seite
liefert, aus der Betrachtung derselben schon gewonnen haben.
Dass diese Anschauung im Rechte ist, zeigen beliebige Beispiele. Auch die
von _Kraepelin_ angefuehrten. Wir finden uns, um zunaechst ein Beispiel zu
erwaehnen, das uns bei _Kraepelin_ nicht begegnet, das aber von uns bereits
oben angefuehrt wurde, komisch angemutet, wenn wir neben einem maechtigen
Palast ein kleines Haeuschen, wohl gar ein solches, das in seiner Form den
Palast nachahmt, stehen sehen. Die komische Wirkung tritt noch sicherer
ein, wenn das kleine Haeuschen eine ganze Reihe maechtiger Bauten
unterbricht. _Kraepelins_ Fehler besteht darin, dass ihm dieser Kontrast
zwischen Gross und Klein ein Kontrast ist wie jeder andere, und dass er
die Stellung der Glieder des Kontrastes nicht beachtet. Denken wir uns
eine Reihe von maechtigen Palaesten durch einen Bau unterbrochen, dessen
Bauart eine ganz andere ist, der ihnen aber an Maechtigkeit nichts
nachgiebt, eine grosse Kirche, ein Theater oder dergleichen, dann
unterbleibt der Eindruck der Komik. Und angenommen, wir gehen erst
zwischen Reihen kleiner Haeuser und erblicken ploetzlich einen riesigen
Palast, so schlaegt er gar in den des Erstaunens um; obgleich natuerlich
der Kontrast zwischen Klein und Gross nicht kleiner ist, als der zwischen
Gross und Klein. Man vergleiche hier auch die Beispiele, die am Ende des
vorigen Abschnittes angefuehrt wurden.
In dem obigen Beispiele ist das "Kleine" ein Kleines der _Ausdehnung_.
Ein solches ist es nicht in allen Faellen. Was ich mit dem Kleinen, dem
relativen Nichts oben meinte, das ist ueberhaupt das fuer uns relativ
Bedeutungslose, dasjenige, was fuer uns, sei es ueberhaupt, sei es eben
jetzt, geringeres Gewicht besitzt, was geringeren Eindruck macht, uns in
geringerem Masse in Anspruch nimmt, oder wie sonst wir uns ausdruecken
moegen. Dergleichen Praedikate kann aber ein Objekt aus gar mancherlei
Gruenden verdienen.
Auf Eines muss ich besonders aufmerksam machen. Die Art, in der Objekte
auf uns wirken oder uns in Anspruch nehmen, pflegt der Hauptsache nach
nicht auf dem zu beruhen, was sie fuer unsere Wahrnehmung sind, sondern
auf dem, was sie uns bedeuten, oder anzeigen, woran sie gemahnen oder
erinnern. Die Wirkung der Worte liegt vor allen Dingen an dem, was sie
sagen, nicht minder die der sichtbaren Formen, sei es einzig, sei es zum
wesentlichen Teile, an den Gedanken, die sie in uns erwecken.
Schon fuer die Komik der "leicht zu ertragenden menschlichen Gebrechen"
kommt dies in Betracht. Inwiefern, dies wird deutlich, wenn man bedenkt,
dass von Haus aus, das heisst abgesehen von den Vorstellungen und
Gedanken, die wir auf Grund mannigfacher Erfahrungen hinzufuegen, die
Bildung des menschlichen Koerpers ueberhaupt kein Gegenstand besonderen
Interesses ist. Der menschliche Koerper waere uns sogar, wenn wir alle
diese "associativen Faktoren" einen Augenblick zum Schweigen bringen
koennten, die gleichgueltigste Sache von der Welt. Er gewinnt Bedeutung,
indem mit ihm der Gedanke an ein darin waltendes koerperliches und
geistiges Leben aufs Innigste verwaechst. Er wird dadurch zum sinnlichen
Traeger der Persoenlichkeit. Nicht nur das Auge ist Spiegel des Innern,
sondern der ganze Koerper in allen seinen Teilen, wenn auch nicht ueberall
in gleichem Grade. Dies heisst nicht, wir lesen aus jeder Form des
menschlichen Koerpers ein bestimmtes, _thatsaechlich_ darin verkoerpertes
Leben in zutreffender Weise heraus. Nur dies ist mit jener Behauptung
gesagt, es werde durch jede Form auf Grund der Erfahrung die Vorstellung
eines bestimmt gearteten Lebens in uns erweckt, gleichgueltig ob die
Vorstellung jedesmal der Wirklichkeit entspricht, oder nicht. Ausserdem
muss hinzugefuegt werden, dass solche Vorstellungen uns nicht zum
Bewusstsein zu kommen brauchen, wenn das Interesse an der Form entstehen,
also die Form uns bedeutungsvoll werden soll.
Die _normalen_ Formen des menschlichen Koerpers sind es aber, mit denen
vor allem der Gedanke an _positives_, in gewisser Fuelle, Kraft,
Ungestoertheit vorhandenes koerperliches und geistiges Leben sich
verknuepft. Sie heissen eben normal, weil in ihnen ueberall das Mass von
"Leben" und Lebensfaehigkeit sich darstellt oder darzustellen scheint, das
wir allgemein fordern oder fuer wuenschenswert halten. Sie sind eben damit
fuer uns Gegenstand erheblichen _positiven_ Interesses und darum
bedeutungs- und eindrucksvoll. Mit diesem Interesse Hand in Hand geht
dann das negative Interesse, das solche abnorme Formen fuer uns haben, die
die Vorstellung eines erheblichen _Eingriffs_ in jenes koerperliche und
geistige Leben oder einer erheblichen _Herabminderung_ desselben
erwecken. Auch dies negative Interesse involviert eine entsprechende
Eindrucksfaehigkeit.
Dagegen erscheinen Abweichungen von der normalen Form, die mit keiner
derartigen Vorstellung verbunden sind, notwendig relativ "nichtssagend"
und damit psychologisch mehr oder weniger gewichtlos. Sie erscheinen
insbesondere dem Sinn und Inhalt der _normalen_ Formen gegenueber entweder
als ein Zuwenig oder als ein Zuviel oder als beides zugleich. Der
uebermaessig Hagere bleibt schon rein aeusserlich betrachtet hinter der
normalen Bildung zurueck. Aber nicht dies aeusserliche Zurueckbleiben,
sondern der damit sich verbindende Gedanke einer geringeren Kraft- und
Lebensentfaltung laesst die Form relativ nichtig erscheinen. Dasselbe gilt
von der zu kleinen Nase. Sie macht den Eindruck der Verkuemmertheit, als
habe der Organismus nicht Kraft genug gehabt, eine normale Nase zu
bilden; indem sie an die Bildung der kindlichen Nase erinnert, erweckt
sie zugleich die Vorstellung einer niedrigeren Stufe geistigen Lebens.
Dagegen erscheint die zu grosse Nase, soweit sie ueber das normale Mass
hinausgeht, als ein Ueberschuessiges, Zweckwidriges, zum Ganzen des
Organismus und des ihn erfuellenden Lebens im Grunde nicht mehr
Hinzugehoeriges, und insofern Sinnloses und Nichtiges. Dort ist fuer unsere
Vorstellung mit der Form zugleich der Inhalt vermindert; hier reicht der
Inhalt nicht zu fuer die Form, so dass diese teilweise inhaltlos
erscheint. Endlich vereinigen sich beide Arten relativer
Bedeutungslosigkeit beim uebermaessig Fetten. Das Fett erscheint als
kraftlose, also bedeutungslose Wucherung, zugleich hemmt es das gewohnte
Mass freier Bewegung und Lebensbethaetigung.
Unter denselben Gesichtspunkt stellt sich der Typus und die Hautfarbe des
Negers, ueber welchen der Ungebildete, und das Neue, worueber das Kind
lacht. Der Negertypus erweckt allgemein gesagt die Vorstellung einer
niedrigeren Stufe der Entwicklung; die Hautfarbe ist wenigstens dem
Ungebildeten als Farbe des menschlichen Koerpers _unverstaendlich_. An sich
besitzt ja auch die weisse Hautfarbe keine besondere Wuerde. Aber sie
gehoert fuer uns, wie die normalen Formen, zum Ganzen des Menschen, ist
Mittraeger des Gedankens an menschliches Leben geworden, auch auf sie hat
sich damit etwas von der Wuerde der menschlichen Persoenlichkeit
uebertragen. Diese Wuerde fehlt naturgemaess der schwarzen Hautfarbe, so
lange wir nicht gelernt haben, auch sie als rechtmaessige menschliche
Hautfarbe zu betrachten. Sie ist also so lange ein relatives Nichts.
Ebenso ist das Neue fuer das Kind ein relativ Bedeutungsloses, weil das
Kind seine Bedeutung, die Zugehoerigkeit zu Anderem, aus dem sich die
Bedeutung ergiebt, die Brauchbarkeit zu diesem oder jenem Zweck u. s. w.
noch nicht kennen gelernt hat. Als Unverstandenes, noch Sinnloses, und
darum Nichtiges, nicht um der Neuheit willen, ist das Neue dem Kinde
komisch,--soweit es dies ist.
Wie in den bisher besprochenen, so ist es in allen Faellen der
Anschauungskomik wesentlich, dass das relativ Nichtige als ein solches
erscheine, nicht irgendwo oder irgendwann, sondern in dem Gedanken- oder
Vorstellungszusammenhang, in den es hineintritt; oder, wie wir auch
sagen koennen, dass es nichtiger erscheine, als der Vorstellungs- oder
Gedankenzusammenhang, in den es sich einfuegt, _fordert_ oder _erwarten
laesst_. Wir erwarten, wenn wir an einer Reihe grosser Gebaeude
voruebergegangen sind, nun auch weiter grosse Gebaeude anzutreffen. Wir
fordern oder erwarten von allem dem, was nun einmal zum Menschen gehoert,
nicht bloss seinen Reden und Handlungen, sondern auch den Formen und
Farben seines Koerpers, dass sie uns den Eindruck einer gewissen
Bedeutsamkeit machen, dass in ihnen fuer unser Gefuehl oder Bewusstsein
ein gewisser--nicht ueberall identischer, auch nicht ueberall gleich
erhabener--Sinn, ein gewisses Mass von Zweckmaessigkeit, koerperlicher
oder geistiger Lebenskraft und Leistungsfaehigkeit sich ausspreche, oder
auszusprechen scheine. Wir erwarten, wenn wir unserm Freunde begegnen,
an ihm alle die Zuege der aeussern Erscheinung wieder wahrzunehmen, die
wir gewohnt sind als zu ihm gehoerig zu betrachten und die schon dadurch
eine gewisse positive Bedeutung fuer uns gewonnen haben u. s. w. Die
Komik entsteht, wenn _an Stelle_ des erwarteten Bedeutungs- oder
Eindrucksvollen und unter Voraussetzung eben des
Vorstellungszusammenhanges, der es erwarten laesst, ein fuer uns, unser
Gefuehl, unsere Auffassung, unser gegenwaertiges Verstaendnis minder
Eindrucksvolles sich einstellt.
NACHAHMUNG UND KARIKATUR.
Die Wichtigkeit dieser Bestimmung erhellt noch besonders deutlich, wenn
wir jetzt mit _Kraepelin_ innerhalb der Anschauungskomik die Fuelle der
Komik der Nachahmung und der Karikatur speziell ins Auge fassen. Wir
sehen nach _Kraepelin_ bei der Komik der Nachahmung "die eine von zwei uns
als verschieden bekannten Individualitaeten eine teilweise Uebereinstimmung
mit der andern gewinnen und werden dadurch gezwungen, jene beiden
Vorstellungen miteinander in nahe Beziehung zu setzen, ohne sie doch
natuerlich zu einer vollstaendigen Deckung bringen zu koennen." Darauf
beruht hier fuer _Kraepelin_ die Komik. Nach dieser Theorie muesste das
Gefuehl der Komik immer entstehen, wenn zwei Personen sich in gewissen
Punkten entschieden aehnlich, in andern entschieden unaehnlich sind, wenn
beispielsweise von zwei Bruedern der eine ganz die Zuege des Vaters hat,
waehrend der andere teilweise dem Vater, teilweise der Mutter gleicht.
Auch hier setzen wir ja Personen in nahe Beziehung, ohne sie zur Deckung
bringen zu koennen.
_Kraepelins_ Theorie vergisst eben auch hier wiederum die Hauptsache. Er
uebersieht in der Komik der Nachahmung die _Nachahmung_. Nachahmung ist
_Herausloesung_ von Zuegen einer Person, Eigentuemlichkeiten derselben,
Arten zu sprechen, zu handeln, sich zu bewegen, aus dem Zusammenhang, dem
sie angehoeren und in dem sie ihre Bedeutung haben.
Dabei koennen zwei Moeglichkeiten unterschieden werden. Die nachgeahmten
Eigentuemlichkeiten seien zunaechst Eigentuemlichkeiten _irgend welcher_
Art. Sofern wir sie an der Person wahrnehmen, der sie zugehoeren, sind sie
Eigentuemlichkeiten dieser Person; d. h. diese Person giebt ihr Wesen
darin nach gewisser Richtung kund; sie sind nicht bloss diese
Eigentuemlichkeiten, sondern Eigentuemlichkeiten, in denen diese Person
_steckt_. Nun werden sie von mir nachgeahmt. Damit erscheinen sie von
dieser Person losgeloest. Zugleich erscheinen sie doch fuer denjenigen, der
weiss, dass ich nachahme, nicht etwa auf mich uebertragen. Sie werden
nicht als mir thatsaechliche zukommende Eigentuemlichkeiten aufgefasst. Sie
sind also isoliert; schweben sozusagen in der Luft. Andererseits werden
sie doch immer noch als Eigentuemlichkeiten der anderen Person _erkannt_.
Man weiss, ich ahme jene _Person_ nach.
Damit ist der Grund zur Komik gegeben. Die Eigentuemlichkeit, die als
Eigentuemlichkeit der Person ihren Sinn hat, buesst vermoege der Losloesung
von der Person diesen Sinn ein. Sie ist, als zur Person gehoerig
betrachtet, Ausdruck des Wesens derselben; indem ich durch die Nachahmung
gezwungen werde, sie _fuer sich_ zu betrachten, geht sie dieses Anspruches
verlustig. Sie hat, sofern sie der Person zugehoert, diese zum Inhalt oder
Substrat, jetzt kommt ihr dieser Inhalt oder dies Substrat abhanden. Sie
wird mit einem Worte zur leeren Form. Immer wieder, wenn ich sie im
Zusammenhang der Person betrachte, fuellt sich die Form mit persoenlichem
Inhalte; und jedesmal wenn ich sie in ihrer Isolierung betrachte,
schrumpft sie zur leeren Form zusammen. Ein Etwas wird zu einem Nichts.
Dies aber ist der Grund aller Komik.
Aus dem Gesagten ergiebt sich, dass die komische Wirkung der Nachahmung
umso groesser sein muss, einmal je mehr das ganze Wesen der Person in der
nachgeahmten Eigentuemlichkeit sich kund giebt, je _charakteristischer_
also die Eigentuemlichkeit fuer die Person ist, zum anderen, je weniger die
Eigentuemlichkeit zu mir passt, je weniger sie also als meine
Eigentuemlichkeit genommen werden kann.
Andererseits steigert sich die Wirkung notwendig, wenn wir die zweite der
oben gemeinten Moeglichkeiten ins Auge fassen, d. h. wenn wir annehmen die
Eigentuemlichkeit sei eine "_Eigenheit_", ich meine: ein solcher Zug der
nachgeahmten Person, der im Vergleich zum normalen menschlichen Wesen,
ebenso wie die leicht zu ertragenden Gebrechen, als ein Zuviel oder ein
Zuwenig erscheint, also in jedem Falle einen Eindruck relativer
Nichtigkeit zu machen geeignet ist. Ich sage mit Absicht: geeignet ist;
denn dass solche "Eigenheiten" an der Person selbst als Kleinheiten oder
Schwaechen erscheinen muessten, soll hier nicht gesagt sein. Sie erscheinen
dann um so sicherer als solche in der Nachahmung. Eine Art zu sprechen
etwa verraet eine gewisse Weichheit, ein Sichgehenlassen des Gefuehls. Die
Gefuehlsweichheit passt aber zur Person, ist mit anderen wertvollen
Eigenschaften derselben notwendig verbunden; wir finden sie darum an der
Person voellig in Ordnung. So finden wir ja an ganzen Gattungen von
Menschen, an den verschiedenen Geschlechtern, Lebensaltern, Staenden,
Besonderheiten in der Ordnung und fordern sie sogar, die ohne Ruecksicht
auf die besondere Natur der Traeger als Kleinheiten erscheinen wuerden.
Oder, gehoert die Eigentuemlichkeit nicht zum Wesen der Person, in dem
Sinne, dass wir gar nichts Anderes von ihr erwarten, dann haben wir uns
doch vielleicht in die Person und die Eigentuemlichkeit gefunden. Wir
haben gelernt die Persoenlichkeit als Ganzes zu fassen; und in ihrer
Ganzheit, zu der auch die Schwaeche gehoert, ist sie uns vertraut.--Indem
ich nun aber die Eigentuemlichkeit nachahme, reisse ich sie aus jenem
Zusammenhang heraus. Sie wird jetzt gewissermassen Gegenstand absoluter
Beurteilung, d. h. sie tritt statt in ihrer Beziehung zu ihrem Traeger, in
ihrer Beziehung zum Menschen ueberhaupt ins Bewusstsein. Sie wird gemessen
an dem, was man vom Menschen ueberhaupt erwartet. Und in diesem
Zusammenhang stellt sie sich als Kleinheit dar und wirkt entsprechend.
Sie wirkt komisch.
Voellig entgegengesetzte Eigenschaften koennen auf diese Weise durch
Nachahmung komisch werden. Wie die Sprechweise, die ein Sichgehenlassen
des Gefuehls verraet, so auch die besonders energische, trotzig
herausfordernde, kommandomaessige. Der Kommandoton bleibt nicht hinter dem
zurueck, was wir im allgemeinen zu erwarten pflegen, sondern geht darueber
hinaus; er laesst aber seinerseits einen entsprechenden Zweck und Inhalt
der Rede erwarten. Auch wo der fehlt, ertragen wir am Ende den Ton, wenn
die Person und Stellung dazu passen. Reissen wir ihn, nachahmend, aus
diesem Zusammenhang, so erscheint er in seiner Zweck- und Inhaltlosigkeit
und damit relativ nichtig.
Man sieht leicht, dass zwischen den beiden hier unterschiedenen Faellen
hinsichtlich des Grundes der Komik derselbe Gegensatz besteht, wie
zwischen der zu kleinen und der zu grossen Nase oder zwischen
uebermaessiger Hagerkeit und uebermaessiger Koerperfuelle. Ein Objekt wird
komisch das eine Mal, weil es selbst eine Erwartung unerfuellt laesst, das
andere Mal, weil es eine Erwartung erregt, die unerfuellt bleibt. Dieser
Gegensatz geht durch. Der Mann, der ein Kinderhaeubchen aufsetzt, und der
kleine Junge, der sich einen Cylinder aufs Haupt stuelpt, beide sind
gleich komisch. Zunaechst ist dort das Haeubchen komisch, weil man an
seiner Stelle die wuerdige maennliche Kopfbedeckung erwartet, hier das
Kind, weil wir als Traeger des wuerdigen Cylinders einen Mann erwarten.
Dann aber heftet sich die Komik auch, in jenem Falle an den Mann, in
diesem an den Cylinder, weil der Mann, indem er das Haeubchen aufsetzt,
seiner Wuerde als Mann, der Cylinder, indem er sich herablaesst das Haupt
des Kindes zu schmuecken, seiner Wuerde als maennliche Kopfbedeckung sich zu
begeben scheint.
Mit der Komik der Nachahmung ist die der Karikatur verwandt. Auch bei der
letzteren werden "Eigenheiten" herausgehoben, nicht durch Herausloesung
aus dem gewohnten Zusammenhang, aber durch Steigerung. Ich zeichne einen
Menschen im uebrigen korrekt, vergroessere aber die etwas zu grosse, oder
verkleinere die etwas zu kleine Nase, verstaerke die Hagerkeit oder die
Rundung der Person u. s. w. In jedem Falle handelt es sich um die
Hervorhebung eines relativ Nichtigen. Dies macht zunaechst die Karikatur
selbst zum Gegenstand der Komik, dann auch das Original, mit dem wir
nicht umhin koennen sie zu identifizieren.
Dass _Kraepelin_ das Wesentliche dieses Vorgangs uebersieht, verwundert uns
nicht mehr. Die Komik beruht ihm hier wie bei der Nachahmung auf
Aehnlichkeit und daneben bestehendem Kontrast: Die Karikatur laesst die
Aehnlichkeit praegnant hervortreten, sorgt aber zugleich dafuer, dass der
Kontrast mit dem Original genuegend gewahrt bleibt. Nach dieser Theorie
muesste jedes in einigen Teilen getroffene, in andern vom Original
entschieden abweichende Bildnis komisch wirken, selbst dann, wenn die
Abweichung vielmehr in einer _Vertuschung_ oder _Weglassung_ solcher
Eigentuemlichkeiten bestaende, die im Original abnorm oder komisch sind.
SITUATIONSKOMIK.
Sollte aus dem Bisherigen das Recht der an _Kraepelin_ geuebten Kritik und
der an Stelle der seinigen gesetzten Anschauung noch nicht voellig
deutlich geworden sein, dann wird die Betrachtung der zweiten
_Kraepelin_'schen Hauptgattung der Komik hoffentlich zu diesem Ziele
fuehren. Kraepelin bezeichnet als solche die Situationskomik. "Das
gemeinsam wirkende Element der Situationskomik ist stets ein
Missverhaeltnis zwischen menschlichen Zwecken und deren Realisierung".
Dass diese Angabe, auch wenn wir nur _Kraepelins_ Beispiele ins Auge
fassen, zu enge ist, verschlaegt uns hier um so weniger, als _Kraepelin_
selbst sie im darauf folgenden Satze wieder aufhebt und den Begriff der
Situation wesentlich erweitert: "Gerade das ist das Charakteristische der
Situation, dass sie keinen Ruhezustand zulaesst, sondern einen einzelnen
Moment aus einer Reihe von Handlungen oder Begebenheiten herausgreift".
Darnach waere die Situationskomik die Komik des Nacheinander von
Begebenheiten oder Handlungen.
Dagegen ist mir der Umstand wesentlich, dass jene Bestimmung zugleich zu
weit ist. Auch bei der Situationskomik kann nicht ein Missverhaeltnis als
solches das Gefuehl der Komik erzeugen. Auch hier entsteht dies Gefuehl
nur, indem ein Element in dem Gedankenzusammenhang, in den es
hineintritt, als ein relativ Kleines erscheint. Wiederum ist dabei
notwendig das Kleine der Zielpunkt, nicht der Ausgangspunkt der
gedanklichen Bewegung. Es ist nicht komisch, wenn Columbus, statt den
Seeweg nach Ostindien zu finden, Amerika entdeckt. Der Kontrast zwischen
"Zweck" und "Realisierung" ist hier gross genug, aber er ist nicht
zugleich ein Kontrast zwischen Gross und Klein. Dagegen waere Columbus
Gegenstand der Komik geworden, wenn er schliesslich auf irgendwelchem
Umweg in laengst bekannter Gegend gelandet waere und diese vermeintlich
entdeckt haette. Es ist nicht komisch, sondern furchtbar, wenn ein
Apotheker sich vergreift, und dem Kranken statt des Heilmittels ein
toetliches Gift giebt. Dagegen wuerde der Eindruck der Komik nicht
ausbleiben, wenn wir saehen, dass jemand seinem Feinde, in der Meinung ihn
zu vergiften, ein unschaedliches Pulver eingegeben habe. _Kraepelin_
freilich glaubt Faellen jener Art ihre Beweiskraft zu nehmen, indem er
erklaert, es duerften, wo die Komik zu stande kommen solle, "keine
Unlustgefuehle" erregt werden; aber wie es komme, dass in gewissen Faellen
statt des Gefuehles der Komik ein Gefuehl der Unlust erzeugt werde, das ist
eben die Frage, um die es sich handelt, ganz abgesehen davon, dass ja
auch nach _Kraepelins_ eigner Meinung Unlustgefuehle zur Komik
hinzugehoeren.
Ob der anderen Bedingung, dass das Kleine _Zielpunkt_ der Bewegung sei,
in einem gegebenen Falle genuegt sei, dies erfahren wir am einfachsten,
wenn wir wiederum, wie schon oben, den Begriff der Erwartung oder
Forderung verwenden. "Komisch wirkt die Erfolglosigkeit lebhafter
Bemuehungen." In der That ist es komisch, wenn wir den Schulmeister sich
vergeblich muehen sehen, eine Schar ungezogener Rangen zur Ruhe zu
bringen. Dagegen irrt _Kraepelin_, wenn er dieselbe Wirkung dem
"unvermuteten Erfolg geringfuegiger Bestrebungen" zuschreibt. So ist es
nicht komisch, sondern imponierend, wenn eine Person durch ihr blosses
Auftreten, einen Blick, ein Wort, eine geringfuegige Bewegung, eine grosse
Menge beherrscht und leitet. Der Unterschied beider Faelle besteht aber
eben darin, dass der Erfolg dort hinter dem zurueckbleibt, was wir nach
gewoehnlicher Erfahrung erwarten oder fordern, waehrend er hier darueber
hinausgeht. Ebenso entsteht der Eindruck der Komik, wenn viel versprochen
und wenig geleistet wird, wenn jemand stolz und selbstbewusst auftritt
und ueber kleine Hindernisse stolpert, wenn der Erwachsene redet, handelt,
denkt wie ein Kind u. s. w.; er entsteht nicht, wenn umgekehrt wenig
versprochen und viel geleistet wird, wenn jemand bescheiden auftritt und
leistet, was nach der Art seines Auftretens niemand von ihm erwartete,
wenn das Kind, ohne doch unkindlich zu erscheinen, einen Grad des
Verstaendnisses verraet, dem wir in seinem Alter sonst nicht zu begegnen
gewohnt sind.
Nur unter einer Bedingung kann auch bei Faellen dieser letzteren Art das
Gefuehl der Komik sich einstellen; dann naemlich, wenn sich in unseren
Gedanken der Zusammenhang der Facta in der Weise umkehrt, dass dasjenige,
was dem natuerlichen Gang der Dinge zufolge an die Stelle des Erwarteten
tritt, zu dem wird, was die Erwartung erregt, und umgekehrt. Angenommen
etwa, wir sehen nicht die geringe Bemuehung und auf diese folgend das
bedeutsame Ergebnis, sondern hoeren zuerst von dem letzteren, und erwarten
nun oder fordern an der Hand gelaeufiger Erfahrung, dass eine bedeutsame
Anstrengung vorausgegangen sei, oder wir sehen wohl erst die geringe
Bemuehung, und dann den grossen Erfolg, wenden aber nachher unsern Blick
von dem Erfolg wiederum zurueck zur geringen Bemuehung und finden diese
geringfuegiger als wir eigentlich glauben erwarten zu muessen,--in jedem
der beiden Faelle kann die geringfuegige Bemuehung komisch erscheinen. Aber
derartige Faelle wiederlegen nicht, sondern bestaetigen unsere Behauptung.
Nicht der objektive Zusammenhang, sondern der Zusammenhang in unserem
Denken und das Vorher und Nachher innerhalb dieses Zusammenhangs, ist ja
fuer uns das Entscheidende.
DIE ERWARTUNG.
Mit der Anschauungs- und Situationskomik ist fuer _Kraepelin_ der Umkreis
der objektiven Komik abgeschlossen. Entsprechend koennten auch wir die
Kritik der _Kraepelin_'schen Theorie abschliessen, wenn wir uns nicht
bereits in einen neuen Streit mit ihrem Autor verwickelt haetten. Wir
thaten dies durch die Art, wie wir den Begriff der Erwartung verwandten.
Die Einfuehrung dieses Begriffs geschah gelegentlich; und seine Verwendung
schien in den speziell angefuehrten Faellen wohl gerechtfertigt. Es fehlt
aber noch--nicht nur die prinzipielle Rechtfertigung, sondern sogar die
genauere Bezeichnung desjenigen, was eigentlich mit diesem Begriff gesagt
sein solle. Beides wollen wir im Folgenden nachzuholen versuchen. Dabei
wird auch erst die volle Tragweite dieses Begriffs deutlich werden.
Wie schon erwaehnt, erklaert _Kant_ die Komik aus der ploetzlichen Aufloesung
einer Erwartung in Nichts. Auch _Vischer_ laesst die Erwartung als ein
wesentliches Moment der Komik erscheinen, wenn er gelegentlich das
"Erhabene", zu dem das Nichtige in komischen Gegensatz tritt, mit dem
identifiziert, was irgend eine, wenn auch an sich unmerkliche Erwartung
und Spannung erregt. (Aesthetik I, sek. 156).
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