Komik und Humor by Theodor Lipps
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Mit solchen Erklaerungen scheint eben unsere Anschauung ausgesprochen.
Dagegen spricht _Kraepelin_ der Erwartung jede prinzipielle Bedeutung ab,
obgleich er doch wiederum jener _Kant_'schen Bestimmung ein gewisses
Recht zugesteht.
Zunaechst soll die Erwartung die Wirkung der Komik nur verstaerken. Was die
Wirkung eigentlich hervorbringt, ist der Vorstellungskontrast. Darnach
sind Kontrast und in Nichts aufgeloeste oder enttaeuschte Erwartung fuer
_Kraepelin_ jederzeit nebeneinander stehende Momente. Von einem solchen
Nebeneinander nun konnten wir in den oben besprochenen Faellen nichts
bemerken. Vielmehr lag eben in der Enttaeuschung der Erwartung, d. h. in
dem Kontrast zwischen dem Erwarteten und dem relativen Nichts, das dafuer
eintrat, jederzeit der ganze Grund der Komik.
Es ist, um viele Faelle in einen Typus zusammenzufassen, komisch, wenn
Berge kreissen und ein winziges Maeuschen wird geboren. Man lasse dabei
die Erwartung weg, nehme an, das Kreissen der Berge gebe zu keiner
Vermutung ueber die Beschaffenheit dessen, was daraus entstehen moege,
Anlass, so dass der Gedanke, es werde etwas Grosses geboren werden, nicht
naeher liegt als der entgegengesetzte, und die Komik ist dahin. Sie beruht
also freilich auf einem Kontrast, aber nicht auf dem Kontrast der Berge
und des Maeuschens, sondern auf dem Kontrast des Erwarteten und des dafuer
Eintretenden.
Dies wird noch deutlicher in anderen Faellen. Vor mir liege ein chemischer
Koerper, der bei einem leichten Schlage mit lautem Knall explodieren soll.
Indem ich den Schlag ausfuehre, bin ich auf den Knall gefasst. Ich hoere
aber thatsaechlich nur das Geraeusch, das der Schlag auch sonst
hervorgebracht haette: der Versuch ist missglueckt. Hier ist dasjenige, was
die Erwartung erregt, die Wahrnehmung des Schlages, an sich so
geringfuegig wie dasjenige, was folgt. Kein Kontrast irgendwelcher Art
findet statt zwischen dem leichten Schlage und dem Geraeusch. Der Kontrast
besteht einzig zwischen dem Geraeusch und der erwarteten Explosion. Hierin
also ist der Grund der Komik zu suchen.
Diesen Faellen lassen sich leicht solche entgegenstellen, in denen
lediglich darum _keine_ komische Wirkung entsteht, weil die Erwartung und
ihre Aufloesung in Nichts _fehlt_. Im Vergleich zu einem hohen Berge
erscheint jedes darauf stehende Haus klein. Das Haus ist darum doch nicht
notwendig kleiner als man erwartet, Unter dieser Voraussetzung fehlt dann
auch die Komik, trotz jenes Kontrastes zwischen Berg und Haus.
Darnach muessen wir jetzt sogar _Kraepelins_ Kontrasttheorie in einem neuen
wesentlichen Punkte korrigieren. Wir korrigieren damit zugleich uns
selbst, sofern wir uns oben die _Kraepelin_'sche Ausdrucksweise
einstweilen gefallen liessen. Der Kontrast zwischen menschlichen Zwecken
und ihrer Realisierung, zwischen lebhaften Bemuehungen und deren
Erfolglosigkeit u. s. w., auf den _Kraepelin_ die Situationskomik
gruendete, hat als solcher mit der Komik gar nichts zu thun. An seine
Stelle tritt der Kontrast zwischen der erwarteten und der thatsaechlichen
Realisierung, zwischen dem Erfolg, den wir den Bemuehungen, sie moegen
"lebhaft" sein oder nicht, naturgemaess zuschreiben, und der wirklichen
Erfolglosigkeit. Ebenso tritt bei der Anschauungskomik an die Stelle des
Kontrastes zwischen "dem angeschauten Gegenstand und Bestandteilen
unseres Vorstellungsschatzes" der Kontrast zwischen der Beschaffenheit
des Angeschauten, die wir auf Grund unseres Vorstellungsschatzes
naturgemaess voraussetzen, und derjenigen, die die Anschauung aufweist. Mit
einem Worte, der Vorstellungskontrast loest sich auf in den Kontrast
zwischen einem Erwarteten (Geforderten, Vorausgesetzten) und einem an die
Stelle tretenden Thatsaechlichen. Dies ist der eigentliche
"intellektuelle" Kontrast, den _Kraepelin_ sucht, aber nur mit diesem
Namen zu bezeichnen weiss.
Zweitens versichert _Kraepelin_, die Erwartung sei "natuerlich" nur beim
successiven Kontrast von Bedeutung. Dagegen berufe ich mich zunaechst auf
den Sprachgebrauch, der nichts dawider hat, wenn ich sage, man erwarte
bei Menschen eine gewisse normale Koerperbildung, oder man erwarte, wenn
man einen fuer Erwachsene bestimmten Tisch sehe, dass auch die um ihn
herumstehenden Stuehle Stuehle fuer Erwachsene seien, nicht Kinderstuehle u.
dgl. Oder ist der Sprachgebrauch hier unwissenschaftlich?--Dann ziehe ich
mich aus dem Streit, indem ich sage, was ich hier unter Erwartung
verstehe. Diese Pflicht liegt ja ohnehin jedem ob, der die Erwartung zur
Erklaerung der Komik verwendet oder sie ausdruecklich davon ausschliesst.
Die Erwartung einer Wahrnehmung oder einer Thatsache ist jedenfalls ein
Zustand des Bereit- oder Geruestetseins zum Vollzug der Wahrnehmung, bezw.
zur Erfassung der Thatsache. Ein solches Bereitsein kann in unendlich
vielen Stufen stattfinden. Ich bin nicht bereit eine Wahrnehmung zu
vollziehen, wenn Anderes, das mit der Wahrnehmung in keinem Zusammenhang
steht, mich gaenzlich in Anspruch nimmt, oder gar Vorstellungen sich mir
aufdraengen, deren Inhalt dem Inhalt jener Wahrnehmung widerspricht. So
bin ich nicht vorbereitet einen Glockenschlag zu hoeren, wenn Gedanken,
die mit dem Glockenschlage in keiner Beziehung stehen, mich ganz und gar
beschaeftigen. Ich bin in noch minderem Grade vorbereitet, jemand eine
bedeutende Leistung vollbringen zu sehen, wenn seine ganze Persoenlichkeit
vielmehr den Eindruck der Unfaehigkeit zu jeder bedeutenden Leistung
macht.
Dagegen kann ich mich schon in gewisser Weise auf den Schall vorbereitet
nennen, wenn mich in dem Augenblicke, wo er eintritt, nichts besonders in
Anspruch nimmt, wenn also die Schallwahrnehmung relativ ungehindert in
mir zu stande kommen kann. Ich bin ebenso in gewisser Weise vorbereitet,
die Leistung sich vollziehen zu sehen, wenn ich hinsichtlich der
Leistungsfaehigkeit der Person kein guenstiges, aber auch kein unguenstiges
Vorurteil hege.
Doch ist in diesen Faellen die Bereitschaft noch eine lediglich negative.
Sie kann dann aber in den verschiedensten Graden zur positiven werden.
Bleiben wir bei der Leistung. Angenommen die Person, ueber deren
Leistungsfaehigkeit ich nichts weiss, habe die glueckliche Vollfuehrung
eines nicht ueber gewoehnliche menschliche Kraefte hinausgehenden, auch mit
keinen uebergrossen Schwierigkeiten verbundenen Unternehmens angekuendigt.
Daraus ergaebe sich schon ein erhebliches Mass positiver Bereitschaft.
Ich verstehe die Ankuendigung und bin gewohnt anzunehmen, dass derjenige,
der eine solche Ankuendigung ausspricht, nicht nur den guten Willen habe,
sie zu erfuellen, sondern auch Mittel und Wege dazu finden werde. Dieser
erfahrungsgemaesse Zusammenhang zwischen Ankuendigung und Vollfuehrung
des Unternehmens bereitet mich auf die Wahrnehmung des Unternehmens
vor, leitet die seelische Bewegung darauf hin; oder wenn man lieber
will, der Gedanke an die Ankuendigung thut dies _vermoege_ jenes
Gedankenzusammenhanges oder auf dem dadurch bezeichneten _Wege_. Dass die
Hinleitung wirklich stattfindet, erfahre ich, sobald ich die Leistung
sich wirklich vollziehen sehe. Ich erlebe den Vollzug derselben nicht nur
ohne Befremden und Ueberraschung, sondern wie etwas, das so sein muss. Ich
finde mich in das Erlebnis nicht nur ohne Widerstreben, sondern ich wuerde
mich umgekehrt nur mit einem gewissen Widerstreben in das Nichteintreten
desselben finden. Dies Streben, bezw. Widerstreben kann nur in dem
Vorhandensein eines auf die Wahrnehmung des Vollzugs der Leistung
hinleitenden oder hindraengenden Faktors seinen Grund haben.
Damit ist indessen noch nicht der hoechste Grad der Bereitschaft erreicht.
Sie steigert sich, wenn ich von der Leistungsfaehigkeit der Person die
beste Meinung habe, wenn ich zugleich an ihrer Zuverlaessigkeit nicht
zweifle, wenn endlich solche Elemente, die dem, was kommen soll,
unmittelbar angehoeren, in der Wahrnehmung oder Erfahrung bereits gegeben
sind. Ich weiss etwa, der Moment, fuer den die Leistung angekuendigt war,
ist da; ich sehe auch die Person zum Vollzug derselben sich anschicken.
Jetzt wird mein Vorstellen gleichzeitig durch alle diese Faktoren auf die
Wahrnehmung des wirklichen Vollzugs der Leistung hingeleitet. Die Energie
dieser Hinleitung nimmt zu; bis zu dem Momente, wo es sich entscheiden
muss, ob die That geschieht oder nicht. Wiederum verraet sich die
vorbereitende Kraft jener Faktoren in der unmittelbaren Erfahrung. Immer
begieriger und leichter vollziehe ich die Wahrnehmung der Leistung, wenn
sie wirklich geschieht, und immer befremdlicher finde ich mich angemutet,
wenn sie schliesslich dennoch unterbleibt.
Vielleicht freilich giebt man nicht viel auf diese unmittelbare
Erfahrung. Dann mag daran erinnert werden, dass die Wirksamkeit solcher
Faktoren auch experimentell feststeht. Psychische Messungen ergeben,
dass Wahrnehmungsinhalte um so schneller von uns erfasst werden oder zu
unserem Bewusstsein gelangen, je mehr derartige Faktoren, je mehr also
Vorstellungs- oder Wahrnehmungsinhalte, die mit der neuen Wahrnehmung in
engem erfahrungsgemaessem Zusammenhang stehen, bereits gegeben sind. So
ist die Zeit, die zwischen der Ausloesung eines Schalles und der
Wahrnehmung desselben verfliesst, kuerzer, wenn derjenige, der ihn hoert,
vorher weiss, es werde ein Schall von dieser bestimmten Beschaffenheit
erfolgen, als wenn er ihn voellig unvorbereitet hoert; sie ist noch kuerzer,
wenn dem Schall in bestimmter, dem Hoerer genau bekannter Zeit
irgendwelches Signal vorangeht. Diese successive Verkuerzung der Zeit
beweist so deutlich als moeglich die den Vollzug der Wahrnehmung
vorbereitende und erleichternde Kraft jener Faktoren.
Der zuletzt bezeichneten Art der Bereitschaft nun wird jedermann den
Namen der Erwartung zugestehen. Wir "erwarten" das in Aussicht gestellte
und angefangene Unternehmen sich vollenden zu sehen. Dagegen sagen wir
nicht, wir erwarten einen Schall zu hoeren, wenn die Wahrnehmung desselben
nur in dem Sinne vorbereitet ist, dass ihr kein besonderes Hindernis
entgegensteht. Wir "erwarten" auch nicht den Vollzug der Leistung, wenn
die Ankuendigung derselben uns zwar bekannt, aber im Augenblicke nicht in
uns wirksam ist, sei es dass der Gedanke ueberhaupt nicht in uns lebendig
ist, sei es dass sonstige seelische Vorgaenge ihn verhindern seine
Wirksamkeit zu entfalten.
Darnach wissen wir, worin das Wesen der Erwartung besteht. Wir sprechen
von einer solchen, und sind berechtigt davon zu sprechen, wenn die
Bereitschaft zum Vollzug einer Wahrnehmung oder zur Erfassung einer
Thatsache eine aktive ist, d. h. wenn in uns _lebendige_ Wahrnehmungen
oder Vorstellungen vermoege ihrer Beziehung zu der Wahrnehmung oder
Thatsache auf diese hinweisen oder hindraengen; und wir haben ein um so
groesseres Recht von Erwartung zu sprechen, je bestimmter und
ungehinderter die Wahrnehmungen oder Vorstellungen eben auf diese
Wahrnehmung oder Thatsache hindraengen.
Damit sehen wir in der Erwartung nicht eine besondere seelische
Thaetigkeit, oder ein ueber den associativen "Mechanismus" hinausgehendes
seelisches Geschehen. Zwei seelische Vorgaenge sind durch Association
verknuepft, dies heisst gar nichts anderes, als, sie sind so aneinander
gebunden, dass die Wiederkehr des einen auf die Wiederkehr des aendern
hindraengt; und dies Hindraengen giebt sich ueberall darin zu erkennen, dass
der zweite seelische Vorgang sich, sei es ueberhaupt vollzieht, sei es
leichter vollzieht, weil der erstere sich vollzieht oder sich vollzogen
hat; womit dann zugleich gesagt ist, dass ein jenem Vorgang
gegensaetzlicher in seinem Entstehen gehemmt werden wird. Oder kurz
gesagt, wir sprechen von Association darum und nur darum, weil wir es
erleben, dass seelische Vorgaenge sich als wirksame Bedingungen anderer,
damit natuerlich zugleich als Hemmung entgegengesetzter erweisen. Die an
sich unbekannte Beziehung zwischen Vorgaengen, welche in dieser
Wirksamkeit sich aeussert, nennen wir Association. Auch die Erwartung ist
nur ein besonderer Fall der Wirksamkeit der Associationen. An gewisse
Bewusstseinsinhalte hat sich in den besprochenen Faellen eine Wahrnehmung
oder der Gedanke an die Verwirklichung eines Geschehens erfahrungsgemaess
geknuepft. Diese Verknuepfung bethaetigt sich, indem die Wahrnehmung oder
die Erfassung des Geschehens leichter sich vollzieht, und eben damit
zugleich der Vollzug einer entgegengesetzten Wahrnehmung oder eines
widersprechenden Gedankens eine Hemmung erleidet, sobald jene
Bewusstseinsinhalte wiederum in uns lebendig werden.
Ein Punkt nur scheint noch uebersehen: das Gefuehl des Strebens oder der
inneren Spannung, das die Erwartung begleitet. Aber dies Gefuehl ist, wie
dies schon oben gelegentlich von den Gefuehlen ueberhaupt gesagt wurde,
nicht mitwirksamer Faktor. Es ist ein Nebenprodukt, das ueberall sich
einstellt, wo der Fluss des seelischen Geschehens auf ein Ziel gerichtet
ist, dies Ziel aber nicht, oder einstweilen nicht erreichen kann; oder
anders ausgedrueckt, wo aktive, also in thatsaechlich vorhandenen
Empfindungen oder Vorstellungen bestehende Bedingungen fuer ein seelisches
Geschehen gegeben sind, ohne dass doch dies Geschehen, sei es ueberhaupt,
sei es einstweilen sich vollziehen kann. Wir werden in dem Gefuehl des
Strebens eben dieses Sachverhaltes, dieser Kausalitaet, die ihres
zugehoerigen Erfolges ueberhaupt oder einstweilen entbehren muss, inne; es
bildet den Widerschein desselben in unserem Bewusstsein.
Von den vorhin besprochenen Beispielen der Erwartung gilt nun
thatsaechlich, was _Kraepelin_ als zu aller Erwartung gehoerig anzusehen
scheint; es ist dabei das die Erwartung Erregende objektiv frueher als das
Erwartete. Besteht aber das Wesen der Erwartung in dem eben Angegebenen,
dann ist nicht einzusehen, inwiefern jenes Verhaeltnis objektiver
Succession dafuer wesentlich sein sollte. Auch wenn eine Reihe grosser
Palaeste die Erwartung in mir erregt, es werden weiter grosse Bauwerke
folgen, weist ein seelisches Geschehen, naemlich die Wahrnehmung der
Palaeste auf eine Wahrnehmung, naemlich die aehnlich grossartiger Bauwerke,
hin und bereitet sie vor. Dass hier das Erwartete, bezw. das dafuer
Eintretende kein zeitlich Nachfolgendes ist, macht psychologisch keinen
Unterschied. Die Wirkung ist dieselbe; auch das Gefuehl der Spannung
braucht nicht zu fehlen.
Nebenbei bemerke ich, dass in diesem Beispiel auch das Band, das die
"Vorbereitung" vermittelt, ein anderes ist, als in den oben angefuehrten
Faellen,--nicht erfahrungsgemaesser Zusammenhang, sondern Aehnlichkeit. Auch
dies aber aendert die Wirkung nicht. Wir kennen ja ueberhaupt zwei
wirkungsfaehige Arten des Zusammenhanges zwischen seelischen Vorgaengen,
oder zwei "Associationen", naemlich die Association, die durch Erfahrung,
d. h. durch gleichzeitiges Erleben, _geworden_ ist, und die urspruengliche
Association der _Aehnlichkeit_.
Immerhin besteht beim letzten Beispiele noch ein Verhaeltnis der
_subjektiven_ Succession. Das neue grosse Gebaeude oder das an seine
Stelle tretende kleine Haeuschen folgt wenigstens in der Wahrnehmung oder
Betrachtung auf die Reihe der Palaeste. Und diese Succession scheint
allerdings fuer die Erwartung wesentlich. Aber eine Art dieser lediglich
subjektiven Succession ist, wie wir schon wissen, auch fuer die Komik,
soweit sie bisher in Betracht kam, wesentlich.
Die Wahrnehmung der menschlichen Koerperformen, die der Neger mit uns
gemein hat, erzeugt die aktive Bereitschaft, mit dem Negerkoerper
ebendenselben Gedanken eines in und hinter den Formen waltenden
koerperlichen und seelischen Lebens zu verbinden, wie wir ihn mit unserem
Koerper zu verbinden nicht umhin koennen. Die Wahrnehmung des Negerkoerpers
weist oder draengt auf den Vollzug dieses Gedankens hin, wie die
Ankuendigung der Leistung auf die Wahrnehmung der Leistung, oder die Reihe
der Palaeste auf die Wahrnehmung eines gleich imposanten Baues. Das Band,
das den Hinweis vermittelt, ist, im Unterschied von dem letzteren Falle,
wiederum das der _Erfahrungsassociation_.
Diesem Gedanken, dass der Negerkoerper, ebenso wie der unsrige,
menschliches Leben in sich schliesse, tritt nun die Wahrnehmung der
schwarzen Hautfarbe, die wir der Voraussetzung nach noch nicht als Traeger
eines solchen Lebens kennen und anerkennen, sofort negierend entgegen.
Ich kann den Neger oder die Koerperformen nicht sehen, ohne zugleich auch
diese Farbe zu sehen. Immerhin muss ich doch auch hier erst auf die
Formen, die der Neger mit uns gemein hat, geachtet haben und dadurch auf
den Vollzug jenes Gedankens hingedraengt worden sein, ehe jene Negation
als solche zur Geltung kommen, ehe also die schwarze Hautfarbe die
Vorstellung des Mangels oder des relativen Nichts in mir wecken kann. Ich
habe darnach zur Anwendung des Begriffes der Erwartung im Grunde hier
ebensoviel Recht, wie bei dem kleinen Haeuschen zwischen Palaesten. Ich
darf sagen, ich erwarte naturgemaess mit dem Bild des Negerkoerpers jenen
Gedanken verbinden zu koennen, diese Erwartung aber zergehe angesichts der
mir fremden Farbe in nichts. Die "Erwartung" besteht thatsaechlich, nur
dass sie auf ihre Entscheidung nicht zu "warten" braucht, und darum auch
ein merkliches Gefuehl der Spannung, wie es sonst die in Erreichung ihres
Zieles, der Erfuellung oder Enttaeuschung, _gehemmte_ Erwartung begleitet,
nicht entstehen kann.
Es ist nun aber gar nicht meine Absicht, hier dem Begriff der Erwartung
eine moeglichst weite Anwendbarkeit zu sichern. Mag man die Erwartung da,
wo man auf die Erfuellung oder Enttaeuschung nicht zu "warten" braucht, und
darum kein merkbares Spannungsgefuehl eintritt, trotzdem als solche
bezeichnen oder nicht, uns kommt es einzig an auf das in aller Erwartung
Wesentliche und psychologisch Wirksame, die aktive Bereitschaft also zur
Erfassung eines Inhaltes. Und diese findet sich bei aller bisher
besprochenen Komik.
DIE KOMIK ALS GROESSE UND KLEINHEIT DESSELBEN.
Es bleibt uns jetzt noch die Frage, worin diese psychologische
Wirksamkeit, dem an die Stelle des Erwarteten tretenden relativen Nichts
gegenueber, bestehe. Diese Frage versuche ich hier wenigstens
vorbereitungsweise und mit dem Vorbehalt spaeterer genauerer Bestimmung zu
beantworten. Ein wichtiger Besuch ist mir angekuendigt. In dem
Augenblicke, in dem der Besuch kommen soll, hoere ich draussen Schritte;
die Thuere oeffnet sich; es tritt jemand ein. Mit jedem dieser Momente
steigert sich die Erwartung. Die Erwartung ist aber als solche zugleich
eine der thatsaechlichen Verwirklichung vorauseilende _Anticipation_ des
Erwarteten. Die Person, die eintritt, _ist_ fuer mich, ehe ich sie sehe,
die angekuendigte; insbesondere die Wichtigkeit oder Bedeutung, welche die
erwartete Person fuer mich hat, weise ich ihr im voraus zu, und ich thue
dies um so sicherer, je bestimmter die Erwartung ist.
Nun tritt in Wirklichkeit ein Bettler ein. Dieser besitzt also im Momente
seines Eintretens fuer mich jene Bedeutung; er _ist_ die wichtige Person.
Thatsaechlich freilich kommt ihm die Bedeutung nicht zu. Aber diesen
Gedanken muss ich erst vollziehen; ich muss den Bettler als solchen
erkennen und anerkennen; ich muss ihm auf Grund dessen die Bedeutung
wieder absprechen. Mit diesem letzteren ist eine psychologische
_Leistung_ bezeichnet, eine um so erheblichere, je sesshafter der Gedanke
an die Bedeutung der eintretenden Person vorher in mir geworden ist. Ehe
ich diese Leistung vollzogen habe, im ersten Momente also, bleibt die
vorher vollzogene Vorstellungsverbindung in Kraft. Dann freilich loest sie
sich unmittelbar. Der Bettler sinkt unvermittelt in sein Nichts zurueck.
Voellig analog verhaelt es sich in zahllosen andern, und der Hauptsache
nach gleichartig in allen Faellen der Komik ueberhaupt. Der Bettler, so
koennen wir allgemeiner sagen, spielt die "Rolle" des wichtigen Besuches,
nicht in Wirklichkeit, sondern fuer mein Vorstellen; er beansprucht die
Bedeutung desselben, gebaerdet sich so, fuer mein Bewusstsein naemlich. Dann
stellt er sich unvermittelt dar als das, was er ist. Ebenso spielt das
Kinderhaeubchen auf dem Kopf des Erwachsenen die "Rolle" der maennlichen
Kopfbedeckung, der kleine Knabe unter dem maennlichen Hute die Rolle des
Mannes. Das kleine Haeuschen in der Reibe von Palaesten "gebaerdet" sich wie
einer der Palaeste; die Hautfarbe des Negers "erhebt den Anspruch", ebenso
als Traeger und Verkuendiger eines hinter ihr pulsirenden menschlichen
Lebens zu gelten, wie die unsrige. Sie spielen die Rolle und erheben den
Anspruch, um dann doch sofort wieder die Rolle fallen zu lassen und des
Anspruchs beraubt zu erscheinen.
Ob das komische Objekt den Anspruch zu erheben objektiv berechtigt ist
oder nicht, thut dabei nichts zur Sache. Hinter der Hautfarbe des Negers
pulsiert thatsaechlich dasselbe Leben, wie hinter der unsrigen; sie hat
fuer ihn dieselbe Bedeutung wie fuer uns die unsrige. Nur darauf kommt es
an, ob das Objekt erst fuer uns den Anspruch erhebt, dann ihn _fuer uns_
wieder fallen lassen muss, oder anders gesagt, ob wir ihm auf Grund
irgend welcher Vorstellungsassociation die Bedeutung erst zugestehen,
dann sie ihm auf Grund einer thatsaechlich in uns bestehenden, wenn auch
ungerechtfertigten Betrachtungsweise wiederum absprechen muessen. Immerhin
hat es Wert, diese beiden Moeglichkeiten ausdruecklich zu unterscheiden.
Zugleich duerfen wir auch das andere niemals vergessen, dass--wiederum fuer
uns oder fuer unsere Betrachtung--der Ausspruch einer "_Groesse_" erst
_entstehen_, dann _vergehen_ muss. Ich erwaehne hier noch einmal ein
Beispiel der Komik, das _Herkenrath_ anfuehrt und das wir schon oben
kennen gelernt haben. In diesem Beispiel meint _Herkenrath_, sei jener
Sachverhalt umgekehrt. Es trete in ihm nicht ein Kleines an die Stelle
eines Grossen, sondern ein Grosses an die Stelle eines erwarteten
Kleinen. Ich meine das Beispiel der in den Schrank eingeschlossenen
wuerdevollen Tante. _Herkenrath_ legt Gewicht darauf, dass die Tante an
der Stelle der Katze, die man vorzufinden erwartete, dem Blicke sich
darbietet. Aber die Komik beruht darauf, dass man von der Tante eine
wuerdevolle Situation erwartete, und eine wuerdelose findet.
Trotz dieses Einwandes meint _Herkenrath_, ich erklaere die objektive
Komik assez ingenieusement. Nur haette ich nachher Muehe, die anderen Arten
der Komik in die einmal gewonnene Theorie einzufuegen. Darauf antworte ich
schon hier, dass ich solche Muehe unmoeglich haben kann, da fuer mich alle
Arten der Komik auf demselben, hier bezeichneten Prinzip beruhen.
V. KAPITEL. OBJEKTIVE KOMIK. ERGAENZUNGEN.
DAS KOMISCHE "LEIHEN".
Unser bisheriges Ergebnis ist dies. Das Gefuehl der Komik entsteht, indem
ein--gleichgueltig ob an sich oder nur fuer uns--Bedeutungsvolles oder
Eindrucksvolles fuer uns oder in uns seiner Bedeutung oder
Eindrucksfaehigkeit verlustig geht.
Das zur Feststellung dieses Satzes Vorgebrachte bedarf aber noch der
Ergaenzung oder der naeheren Bestimmung. Diese wollen wir in der Weise
gewinnen, dass wir zugleich solche andere Theorien, die gleichfalls auf
jener Grundanschauung beruhen, oder wenigstens Elemente derselben in sich
schliessen, mit in die Diskussion hereinziehen.
Schon _Lessing_ war mit dem Kontrast--zwischen Vollkommenheiten und
Unvollkommenheiten--wie ihn die _Wolff_'sche Schule der Komik zu Grunde
gelegt hatte,--nicht zufrieden, sondern forderte, dass die
Kontrastglieder sich verschmelzen lassen muessen.
Dies wiederum genuegt _Vischer_ nicht. Der Kontrast, so erklaert er, muss
zum Widerspruch werden; der komische Widerspruch aber ist erst vorhanden,
wenn dasselbe Subjekt "in demselben Punkte zugleich als weise oder stark
und als thoericht oder schwach" erscheint. Dieser Widerspruch ist "in
seiner ganzen Tiefe gesetzt" "Widerspruch des Selbstbewusstseins mit
sich". Das Subjekt muss "erscheinen als um seine Verirrung wissend und
sich in demselben Momente dennoch verirrend, oder als bewusst und
unbewusst zugleich".
Thatsaechlich freilich weiss das komische Subjekt nicht um seine Verirrung
oder braucht nicht darum zu wissen. Dann "leihen" wir ihm nach _Vischer_
dies Wissen oder schieben es ihm unter. Diesen Begriff des Leihens
entnimmt _Vischer_ von _Jean Paul_ und er findet darin eine bedeutende
Entdeckung desselben. Der Sinn des fraglichen Begriffes wird am
einfachsten deutlich aus dem _Jean Paul_'schen Beispiel, dass auch
_Vischer_ citiert: "Wenn Sancho eine Nacht hindurch sich ueber einem
seichten Graben in der Schwebe erhielt, weil er voraussetzte, ein Abgrund
klaffe unter ihm, so ist bei dieser Voraussetzung seine Anstrengung recht
verstaendig und er waere gerade erst toll, wenn er die Zerschmetterung
wagte. Warum lachen wir gleichwohl? Hier kommt der Hauptpunkt: wir leihen
seinem Bestreben unsere Einsicht und Ansicht und erzeugen durch einen
solchen Widerspruch die unendliche Ungereimtheit."
Dieses Leihen bestreitet _Lotze_, und mit gutem Rechte. Schieben wir dem
zweckwidrig Handelnden unsere ihm verborgene Kenntnis der Umstaende unter,
so wird seine Handlungsweise fuer uns "in ihrer Dummheit unbegreiflich".
Da andrerseits _Jean Paul_ recht hat, wenn er die Handlungsweise
_Sancho_'s unter der Voraussetzung, der Abgrund klaffe wirklich unter
ihm, recht verstaendig nennt, so folgt, dass wir das Verhaeltnis zwischen
Wissen und Handeln ueberhaupt nicht fuer die Komik dieses Falles
verantwortlich machen duerfen. In der That geht dies auch nach _Vischers_
Theorie nicht an. _Vischer_ fordert den Widerspruch, aber dass ich meiner
Einsicht entgegen handle, ist kein Widerspruch. Ein solcher besteht nur
zwischen Wissen und Nichtwissen, Handeln und Nichthandeln, ueberhaupt
zwischen Sein und Nichtsein _Desselben_.
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