Komik und Humor by Theodor Lipps
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Wie nun dieser wirkliche Widerspruch zu stande kommen koenne, darauf fuehrt
uns _Lotze_'s Erklaerung: "Nicht die Kenntnis dieser bestimmten Lage der
Umstaende schreiben wir ihm"--naemlich dem komischen Subjekte--"zu, sondern
das gravitaetische Bewusstsein, ein Wesen zu sein, welches _ueberhaupt_
Absichten zu fassen und diese unter beliebigen Umstaenden passend und
angemessen zu verwirklichen die allgemeine, bleibende, immer gegenwaertige
Befaehigung habe". Ich betone hier mit _Lotze_ das "ueberhaupt". _Sancho_
ist ein Mensch; wir beurteilen ihn darum, zunaechst wenigstens, wie wir
Menschen ueberhaupt zu beurteilen pflegen. Menschliche Handlungen nun
erheben als solche, _ganz allgemein_ und _abgesehen_ von besonderen
stoerenden Bedingungen, den Anspruch auf eine gewisse Zweckmaessigkeit; sie
erheben ihn in unserer Vorstellung, wir, unser Vorstellen "leiht" ihnen
den Anspruch. Wir leihen ihn insbesondere auch der Handlung _Sancho_'s.
Diesem Leihen aber widerspricht der Augenschein; die Handlung ist,
objektiv betrachtet, also wiederum _abgesehen_ von der Besonderheit der
Person, unzweckmaessig. Daraus entsteht in diesem Falle die Komik.
Fassen wir das Leihen mit _Lotze_ in diesem allgemeinen Sinne, bestimmen
wir zugleich den komischen Widerspruch in jenem Beispiel in
Uebereinstimmung mit unserer obigen Anschauung als Widerspruch zwischen
dem geliehenen Anspruch auf Zweckmaessigkeit und der thatsaechlichen
Unzweckmaessigkeit, dann erscheint auch uns _Jean Paul_'s "Entdeckung" in
hohem Masse wertvoll. Es bleibt an _Vischer_ und _Lotze_ dann nur noch
auszusetzen, dass sie das "Leihen" und damit die Komik auf die
Persoenlichkeit beschraenken. Wie wir sahen, ist fuer _Vischer_ der komische
Widerspruch ein Widerspruch des Selbstbewusstseins mit sich; _Lotze_
weist diesen lediglich intellektuellen Widerspruch zurueck, stimmt aber
der Definition St. _Schuetze_'s bei, das Laecherliche sei die Wahrnehmung
eines Spieles, das die Natur mit dem Menschen treibe; durch dies Spiel
komme seine vermeintliche Erhabenheit zu Fall. Der Kontrast zwischen dem
Erhabenen und Kleinen der _Ausdehnung_ wird von _Vischer_ sogar
ausdruecklich aus der Reihe der komischen Kontraste gestrichen.
Aber auch bei der Erhabenheit der Person kommt es nicht darauf an, dass
sie Erhabenheit der _Person_, sondern nur darauf, dass sie erwartete,
vorausgesetzte, beanspruchte, kurz geliehene _Erhabenheit_ ist, die
angesichts der Wahrnehmung oder in unserem Denken sofort wiederum in
Nichts zergeht. Die Komik muss darum entstehen, _wo immer_ wir ein
Erhabenes, das heisst zur Erzeugung eines Eindruckes Befaehigtes erwarten
oder voraussetzen, und ein relativ Nichtiges an die Stelle tritt und
seine Rolle spielt, die Erhabenheit oder Eindrucksfaehigkeit mag bestehen,
worin, oder sich gruenden, worauf sie will. Sie muss ueberall entstehen
genau aus demselben Grunde, aus dem sie bei der Persoenlichkeit entsteht.
Dieselben psychologischen Ursachen muessen ueberall denselben
psychologischen Erfolg haben.
Freilich ist ja zuzugeben, dass es keine wirkliche oder geliehene
Erhabenheit giebt, die hoeher steht als die der Person. Andrerseits ist
sicher, dass wir ueberall der Neigung unterliegen, Ausserpersoenliches und
Aussermenschliches zu vermenschlichen; und es ist ein grosses Verdienst
_Vischer_'s und _Lotze_'s, auf diese Vermenschlichung so eindringlich
hingewiesen haben. Auch das kleine Haeuschen in der Reihe der Palaeste oder
das unbedeutende Geraeusch, das an die Stelle des erwarteten lauten
Getoeses tritt, wird unserer Phantasie nach Analogie eines menschlichen
Wesens erscheinen, das zu sein glaubt, oder gerne sein moechte, was es
nicht ist. Damit _erhoeht_ sich der Eindruck der erwarteten Erhabenheit,
und der gegensaetzliche Eindruck der Nichtigkeit; es verstaerkt sich
zugleich das Gefuehl der Komik. Darum _entsteht_ doch die Komik nicht erst
aus der Vermenschlichung.
Damit ist die oben vorgetragene Anschauung gegen _Lotze_ und _Vischer_
gerechtfertigt. Wir haben sie aber noch weiterhin zu rechtfertigen.
Ich denke hierbei speziell an die Bemerkungen, die _Heymans_ in der
Zeitschrift fuer Psychologie etc. Bd. XII meiner Theorie der Komik
hinzufuegt. Diese Bemerkungen schliessen durchweg Berechtigtes in sich.
Sie sind mir darum ein besonders erwuenschter Anlass gewisse Momente der
fraglichen Theorie genauer zu bestimmen.
"SELBSTGEFUEHL IN STATU NASCENDI". KOMIK UND LACHEN.
Zunaechst begegnen wir hier noch einmal der Identifizierung des Gefuehls
der Komik mit dem gesteigerten Selbstgefuehl. Doch ist dies "gesteigerte
Selbstgefuehl" _Heymans_' besonderer Art. Es ist genauer befreites
Selbstgefuehl. Von diesem Begriffe meinte ich schon oben, er koenne in
gewissem Sinne auf die Komik angewendet werden. Es fragt sich, ob
_Heymans_ ihn in zulaessiger Weise verwendet.
Zunaechst habe ich Folgendes gegen _Heymans_ zu bemerken. Idioten, sagt
_Heymans_, lachen aus befriedigter Eitelkeit. Nun ist die Erkenntnis
dessen, was in Idioten innerlich vorgeht, nicht immer eine sehr einfache
Sache. Aber _Heymans_ mag mit seiner Behauptung recht haben. Dann ist
doch zu bedenken, dass es uns hier nicht auf das Lachen, sondern auf die
Komik ankommt. Die Komik ist ein eigenartiges Gefuehl, oder eine
eigenartige Beschaffenheit von psychischen Erlebnissen, die ein solches
eigenartiges Gefuehl zu stande kommen lassen. Dies Gefuehl kann im Lachen
sich kundgeben. Ich kann aber auch das Lachen unterdruecken. Andererseits
kann das Lachen andere Gruende haben; bei "Idioten" vielleicht die
befriedigte Eitelkeit. Solange aber damit kein Gefuehl der Komik sich
verbindet, gehoert dies Lachen nicht hierher.
Nur im Vorbeigehen moechte ich hier die Zweckmaessigkeit der Umfrage
bezweifeln, die _Stanley Hall_ und _Allin_ zufolge einer Mitteilung des
American Journal of Psychology vol. XI, 1 angestellt haben. In dieser
Umfrage werden Beobachtungen ueber Bedingungen und Arten des Lachens
gefordert. Dagegen ist nichts einzuwenden. Aber die Urheber der Umfrage
scheinen davon unmittelbar einen Aufschluss ueber die Bedingungen der
Komik zu erwarten. Vom Lachen, diesem aeusseren Vorgang her, scheint die
Komik verbindlich werden zu sollen.
Diese psychologische Methode nun kann zu einer vollkommenen Verkennung
des Wesens der Komik fuehren. Das Wissen davon, bei welchen Gelegenheiten
Menschen lachen, kann einen Aufschluss ueber die Bedingungen der Komik
geben, erst wenn feststeht, wieweit dies Lachen einem Gefuehl der Komik
entspringt.
Die beiden Umfrager scheinen besonders von der Thatsache des kindlichen
Lachens ueber die Komik Aufschluss zu erwarten. Dies verstehe ich nicht.
Niemand kennt bis jetzt das Geheimnis, wie man, gleichzeitig mit dem
Lachen, den begleitenden psychischen Vorgang im Kinde unmittelbar
beobachtet. Was ueberhaupt an anderen unmittelbar beobachtet werden kann,
sind Lebensaeusserungen. Bei Erwachsenen bestehen die psychologisch
wichtigsten Lebensaeusserungen in der glaubhaften Mitteilung dessen, was
sie in sich vorfinden. Dies gilt, wie ueberhaupt, so auch hier. Der
Erwachsene, der das Gefuehl der Komik kennt, und von anderen Gefuehlen zu
unterscheiden weiss, kann mir sagen, ob sein Lachen aus dem Gefuehl der
Komik entspringt. Beim Kinde dagegen hin ich auf Vermutungen angewiesen.
Ich werde sein Lachen auf ein Gefuehl der Komik deuten duerfen, wenn die
Umstaende, unter denen es geschieht, der Art sind, dass daraus, dem
allgemeinen Gesetze der Komik zufolge, dies Gefuehl sich ergeben kann,
bezw. muss. Das heisst: Das Lachen des Kindes giebt mir genau insoweit
Aufschluss ueber das Wesen der Komik, als ich dieses Aufschlusses nicht
mehr bedarf. Dass auch das Lachen des Erwachsenen, wenn mir derselbe
gleichzeitig _mitteilt_, dass er sich bei seinem Lachen komisch angemutet
fuehle, mein Wissen nicht bereichert, braucht nicht gesagt zu werden.
Das Lachen als solches ist also fuer das Verstaendnis der Komik voellig
bedeutungslos. Wir haben hier einen typischen Fall von Ueberschaetzung des
Nutzens der objektiven Methode in der Psychologie. Diese tappt hier wie
ueberall _nicht_ im Finstern, genau so weit ihr Weg durch die Ergebnisse
der subjektiven Methode erleuchtet ist. Sie ist im uebrigen die
subjektivste Methode von der Welt, d. h. sie ist eine Weise in die
Objekte, etwa die Kinder oder Tiere, Beliebiges hineinzudichten, ein
Mittel lieb gewordene Meinungen durch angebliche Thatsachen sich
bestaetigen zu lassen. _Stanley Hall_ und _Allin_ finden die bisher
aufgestellten Theorien des Komischen lamentably metaphysical in their
tendency. Von solchem metaphysischen Charakter sehe ich wenig. Oder soll
damit gesagt sein, jene Theorien verfuehren konstruktiv? Dann ist jene
"objektive" Methode, soweit sie nicht sichere Ergebnisse der subjektiven
Methode, oder der psychologischen Analyse zur Basis hat, die eigentlich
metaphysische. Sie ist eine Weise der Konstruktion, die mit dem Dache
beginnt. Leider ist in dem citierten Aufsatze eine irgend eindringende
psychologische Analyse nicht angestellt. Es gehen darum die wirklich oder
angeblich aus jener Methode gewonnenen Resultate, soweit sie nicht vom
Gebiete der feststellbaren psychologischen Thatsachen abschweifen und in
physiologische Vermutungen sich verlieren, nicht hinaus ueber die
unzureichenden und an der Oberflaeche bleibenden Bestimmungen, die wir
bereits kennen gelernt und abgewiesen haben. Dabei rede ich wiederum
ausschliesslich von der Komik, nicht vom Lachen, auch nicht von
beliebigen ausserkomischen Lustgefuehlen.
Das hier Gesagte gilt nun nicht mit Bezug auf _Heymans_. _Heymans_'
psychologische Methode ist die psychologische, also diejenige, die zum
Ziele fuehrt. _Heymans_ redet, wie wir sahen, gleichfalls vom Lachen. Aber
er redet doch der Hauptsache nach von Faellen des Lachens, in denen, im
Lachen, zweifellos ein Gefuehl der Komik sich kundgiebt. In gewissen
dieser Faelle nun mag das Gefuehl der Komik den Charakter eines
gesteigerten oder befreiten Selbstgefuehles haben. Dann ist doch auch hier
das Selbstgefuehl ein Gefuehl der Komik, nicht sofern es Selbstgefuehl ist,
sondern sofern es das Eigenartige des Gefuehls der Komik besitzt und bei
ihm die Bedingungen verwirklicht sind, die ueberall das Gefuehl der Komik
begruenden.
Kinder etwa lachen, wenn man sich von ihnen besiegen laesst. Der Wilde
stimmt ein Hohngelaechter an ueber seinen gefallenen Feind. _Heymans_
meint, mehrere dieser Faelle lassen sich in keiner Weise aus "getaeuschter
Erwartung" erklaeren. Mir scheint, diese Erklaerung liege jedesmal auf der
Hand, wenn man beachtet, was in unserer Theorie den eigentlichen Sinn der
getaeuschten, naemlich komisch getaeuschten "Erwartung" ausmacht.
Der Erwachsene erhebt fuer das Kind den Anspruch, oder das Kind "erwartet"
von ihm, dass er sich ueberlegen zeige. Dieser Anspruch zergeht, wenn der
Erwachsene sich besiegen laesst. Der Ueberlegene zeigt sich nicht
ueberlegen. Dass der Erwachsene thatsaechlich ueberlegen bleibt und das Kind
davon weiss, thut nichts zur Sache. Worauf es ankommt, das ist einzig der
Schein, die im Kinde momentan entstehende Vorstellung, dass die
Ueberlegenheit in ihr Gegenteil umgeschlagen sei.
Gleichartiges findet statt in dem anderen der beiden von _Heymans_
angefuehrten Faelle. Indem der Gegner des Wilden faellt, faellt zugleich sein
Anspruch im Kampfe standzuhalten, sein Anspruch auf Staerke, Gewandtheit,
Geschicklichkeit, vielleicht auf Tapferkeit, in nichts zusammen. Solchen
Anspruch erhob der Gegner in den Augen des Siegers, indem er zum Kampf
sich stellte oder sich wehrte, und in gewisser Weise schon einfach als
Mann.
_Heymans_ fasst schliesslich zusammen: Ueberall, wo das Selbstgefuehl in
das Gefuehl der Komik uebergeht, haben wir es zu thun mit einem
Selbstgefuehl in statu nascendi. _Heymans_ meint: mit einem Selbstgefuehl,
dem ein herabgedruecktes Selbstgefuehl voranging, also, wie ich oben sagte,
mit einem "befreiten" Selbstgefuehl. Dies wird zuzugeben sein, wenn wir
voraussetzen, dass die Herabdrueckung des Selbstgefuehles bedingt war durch
den Gedanken eines uns gegenueber Uebermaechtigen, und wenn andererseits das
Selbstgefuehl in der Wahrnehmung oder dem Schein des Zergehens dieses
Uebermaechtigen seinen Grund hat.
Im uebrigen aber kann das Selbstgefuehl in statu nascendi auch ebensowohl
der Komik voellig entbehren. Wenn ich, innerlich niedergedrueckt durch eine
scheinbar gewichtige Thatsache, auf einmal finde, dass diese Thatsache
eigentlich belanglos ist, oder gar nicht existiert, wenn eine Furcht
ploetzlich als in sich selbst gegenstandslos sich erweist, so ist dies
komisch. Wenn aber neben eine bedrueckende Thatsache in meinem Bewusstsein
mit einem Male eine andere tritt, die mich jene vergessen laesst und mich
troestet und wieder aufrichtet; oder wenn ich aus bedrueckter Lage durch
die energische Hilfeleistung eines Freundes unerwartet befreit werde, so
werde ich gewiss befriedigt aufatmen. Aber dies Aufatmen kann von jedem
Gefuehl der Komik beliebig weit entfernt sein. Es wird in allen den Faellen
gar nichts damit zu thun haben, in denen das, was mich bedrueckt, in
keiner Weise als _in sich selbst_ bedeutungslos erscheint, sondern seine
Bedeutung behaelt, aber durch ein Anderes verhindert wird, seine
niederdrueckende Wirkung weiter auszuueben.
_Heymans_ meint, es liege in der ploetzlichen Aufhebung eines auf dem
Bewusstsein lastenden Druckes der springende Punkt, aus welchem die
komische Wirkung hervorgehe. Dies ist dann, aber auch nur dann richtig,
wenn wir unter der Aufhebung des Druckes die _besondere_ und in ihrer
Wirkung voellig _einzigartige_ Aufhebung verstehen, wie sie, um hier den
kuerzesten Ausdruck zu waehlen, mit der "Aufloesung in nichts" gegeben ist.
Dass diese Aufhebung wirklich eine besondere ist, kann ja keinem Zweifel
unterliegen. Es ist nun einmal psychologisch etwas voellig Anderes, ein
durchaus anderer psychischer Vorgang liegt vor, wenn ein mich
Bedrueckendes das eine Mal durch etwas Anderes aus meinem Bewusstsein
verdraengt wird, das andere Mal gar nicht daraus verdraengt zu werden
braucht, weil es in sich selbst zergeht. In beiden Faellen findet die
Aufhebung des Druckes statt, und in beiden Faellen kann dieselbe eine
ploetzliche sein. Aber nur im letzteren Falle tritt die komische Wirkung
ein.
KOMIK DES "NEUEN".
Wichtiger noch, als der hier eroerterte, ist mir ein zweiter Punkt, den
_Heymans_ gegen mich vorbringt. Kinder, so sagte ich selbst oben, lachen
ueber allerlei Neues, ueber das wir nicht mehr lachen, weil es uns nicht
mehr neu ist. Hier meint _Heymans_: das Neue sei als solches Gegenstand
der Aufmerksamkeit, und das Lachen des Kindes entstehe, wenn es in dem
Neuen nichts finde, das die Aufmerksamkeit festhalten koenne, wenn also
die dem Neuen als solchem zugewendete Aufmerksamkeit zergehe, wenn in
solcher Weise eine innere Spannung sich loese. Man versteht den
Streitpunkt: An die Stelle des Gegensatzes zwischen dem _inhaltlich
Bedeutungsvollen_ oder scheinbar Bedeutungsvollen und dem Nichtigen setzt
_Heymans_ den Gegensatz des _Neuen_ und durch _Neuheit_ Spannenden und
des inhaltlich Nichtigen.
Zunaechst bitte ich auch hier wiederum zu beruecksichtigen, dass unser
Problem nicht das Lachen ist, sondern die Komik. Im uebrigen gilt dies:
Neuheit ist keine Eigenschaft des Neuen. Sondern "Neuheit" eines Dinges
besagt nur, dass das Ding noch kein gewohntes geworden ist. Die
Gewohntheit stumpft die Eindrucksfaehigkeit ab. Der "Reiz" der Neuheit ist
also nichts, als die noch nicht durch Gewohntheit verminderte
Eindrucksfaehigkeit eines Dinges. Er ist die Eindrucksfaehigkeit, oder die
"Groesse", welche das Ding von Hause aus oder vermoege seiner
Beschaffenheit besitzt. Ich verweise hier auf die einschlaegigen
Bemerkungen meiner "Grundthatsachen des Seelenlebens".
Verhaelt es sich aber so, dann ist es unmoeglich, dass ein Objekt vermoege
seiner Neuheit die Aufmerksamkeit auf sich zieht, und dann unmittelbar
oder mit einem Male, vermoege der erkannten _Beschaffenheit_ des Objektes,
der Aufmerksamkeit wiederum verlustig geht. Es ist also auch unmoeglich,
dass die Neuheit als solche jemals die Komik bedingt. Sondern so muss es
sich verhalten, wenn ein Gefuehl der Komik entstehen soll: Das Neue muss
zunaechst, abgesehen von seiner Neuheit, als ein Bedeutungsvolles
erscheinen, dann die Bedeutung in unseren Augen einbuessen.
Dabei ist zu bedenken, dass das Neue, das Kinder erleben, nicht isoliert,
sondern in einem Zusammenhang aufzutreten pflegt. Dieser Zusammenhang
rueckt es in eine Beleuchtung. Damit wird der Gegensatz des Bedeutsamen
und des Nichtigen moeglich: Eines und dasselbe kann bedeutsam erscheinen
in einem Zusammenhange, nichtig an sich. Ich begruendete oben den Umstand,
dass Kindern so leicht Neues komisch erscheine, damit, dass ich sagte,
das Neue sei fuer sie ein noch nicht Verstandenes, also Leeres. Dies
hindert doch nicht, dass es jedesmal an der Stelle, wo es auftritt, fuer
das Kind eine Bedeutung beansprucht. Und eben weil oder sofern es dies
thut, zugleich aber diesen Anspruch nicht scheint aufrecht erhalten zu
koennen, wird es komisch.
Wie dies zu verstehen sei, zeigt wiederum am einfachsten das Beispiel der
schwarzen Hautfarbe des Negers. Sie ist dem Kinde, und dem naiven
Menschen ueberhaupt, neu, d. h. sie ist ihnen noch nicht als Farbe, die
ebensowohl wie die unsrige das Recht hat, Menschenfarbe zu sein,
verstaendlich und gelaeufig geworden. Darum erhebt sie doch auch in den
Augen des Kindes und des naiven Menschen den Anspruch auf diese besondere
Wuerde. Vielmehr sie hat diese Wuerde nach Aussage der Wahrnehmung
thatsaechlich, d. h. sie hat sie fuer den Wahrnehmenden in dem Augenblick,
in dem er der Wahrnehmung hingegeben ist. Diese Wuerde zergeht dann aber,
sobald der erste Eindruck vorueber ist, und damit die Gewohnheit, als
menschliche Hautfarbe die weisse und nur die weisse Farbe zu betrachten,
in Wirkung tritt. Jetzt erscheint die schwarze Hautfarbe nicht mehr als
zu diesem Anspruch _berechtigt_. Sie erscheint wie ein aeusserlicher
Anstrich. Damit ist die Komik ins Dasein getreten. Die komische Wirkung
unterbleibt bei uns, weil in unseren Augen jener Anspruch bestehen
bleibt.
KOMISCHE UNTERBRECHUNG.
Noch in einem zweiten Sinne laesst _Heymans_ das Neue als solches die
Aufmerksamkeit spannen, und wiederum soll hier aus der Loesung dieser
Spannung die Komik hervorgehen. Nicht um das an sich Neue, sondern um das
in einem Zusammenhang Neue handelt es sich hier. Genauer gesagt:
_Heymans_ redet von Faellen, in denen die Unterbrechung eines
Bedeutungsvollen durch ein davon voellig Verschiedenes, aber momentan die
Aufmerksamkeit auf sich ziehendes Unbedeutendes den Reiz zum Lachen
erzeugt. Durch die Aufzeigung solcher Faelle scheint _Heymans_ meiner
Behauptung entgegenzutreten, dass _Dasselbe_ bedeutungsvoll und dann
bedeutungslos erscheinen muesse, wenn die Komik zu stande kommen solle.
In dieser Bemerkung _Heymans_' liegt wiederum Richtiges. Aber auch hier
ist der Gegensatz zu mir nur ein scheinbarer.
In den Faellen, die _Heymans_ anfuehrt, ist das "voellig Verschiedene" in
Wahrheit kein voellig Verschiedenes. In der That kann dasjenige, wodurch
ein Bedeutungsvolles in _komischer_ Weise unterbrochen wird, _niemals_
ein davon voellig Verschiedenes sein. Es muss immer mit dem
Bedeutungsvollen, das von ihm unterbrochen wird, einen Punkt gemein
haben. Und dieser Punkt muss derart hervortreten, dass durch sein
Hervortreten das Unbedeutende auf die Stufe des Bedeutungsvollen gerueckt
oder in die Beleuchtung eines solchen gestellt erscheint, dann aber in
seiner Bedeutungslosigkeit erkannt wird. _Heymans_ sagt: das Unbedeutende
muesse momentan die Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Damit deutet er
selbst auf diesen Sachverhalt hin. Das Unbedeutende gewinnt die
Faehigkeit, die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, eben vermoege dieser
Beziehung zu dem "wirklich Bedeutungsvollen".
Dies ergiebt sich am deutlichsten aus der Betrachtung der von _Heymans_
angefuehrten Beispiele. Das Miauen einer Katze in einer feierlichen Rede
ist eine Art der Rede, es ist die Weise, wie die Katze ihre Gefuehle zum
Ausdruck bringt. Die Katze scheint damit in ihrer Weise in das Pathos der
Rede einzustimmen, oder ihren Eindruck davon kund zu geben. Sie wirkt
darum komischer als das Knarren der Thuer, obgleich auch dies fuer einen
Moment als zur Rede gehoerig, oder als Ausdruck der Uebereinstimmung,
vielleicht auch des Widerspruches, erscheinen kann. Und Gleichartiges
gilt, wenn nach dem Schlusse eines schmetternden Finale die Stimme einer
Marktfrau hoerbar wird, die mit ihrer Nachbarin ueber den Preis der Butter
verhandelt. Die Aufmerksamkeit des Publikums ist gerichtet und mit voller
Intensitaet gerichtet auf Toenendes. Um dieses Toenende webt sich die
feierliche musikalische Stimmung. Ein solches Toenende ist auch die Stimme
der Marktfrau. Sie wird also, mit dem, was sie verkuendigt, in die Hoehe
der musikalischen Stimmung mit emporgerissen. Ihre Worte erscheinen wie
eine Art lautsprachlicher Interpretation dieser Stimmung. Dann sinken
dieselben in die banale Wirklichkeit der Butterpreise herab.
Nehmen wir dagegen an, eine solche Beziehung zwischen dem Unbedeutenden
und dem, was dadurch "unterbrochen" wird, oder auf welches das
Unbedeutende folgt, bestehe nicht, so fehlt auch die Komik. Meine Augen
koennen waehrend der feierlichen Rede oder nach dem schmetternden Finale
auf allerlei an sich Bedeutungsloses und Alltaegliches treffen. Hier
_besteht_ die "voellige Verschiedenheit" zwischen dem Unbedeutenden und
dem Bedeutungsvollen. _Heymans_ wird erwidern, hier ziehe das
Unbedeutende nicht die Aufmerksamkeit auf sich. In der That wird es so
sein. Aber der Grund dafuer liegt dann eben darin, dass das Unbedeutende
hier dem, was die Aufmerksamkeit auf sich konzentriert, so voellig _fremd_
ist.
Angenommen aber auch das Unbedeutende werde zufaellig Gegenstand der
Aufmerksamkeit. Eine architektonische Linie etwa in den Raume, in dem ich
mich befinde, weckt mein Interesse, weil sie nicht eben gewoehnlich ist.
Dann wiederum lasse ich die Linie fallen. Oder ein Lichtschein, die mit
einem Male durch die Fenster hereinfallende Sonne, zieht waehrend der
feierlichen Rede momentan meine Aufmerksamkeit auf sich, nicht weil der
Lichtschein oder die Sonnenhelle mir an sich besonders interessant waere,
sondern einfach wegen ihrer Neuheit oder wegen ihres ploetzlichen
Auftretens. Dann wende ich, eben weil die Sache an sich kein besonderes
Interesse hat, meine Aufmerksamkeit ebenso rasch wiederum davon ab. Auch
hier hat eine Unterbrechung stattgefunden. Der Faden der Rede ist mir
zerrissen. Die Spannung, in welche die Rede mich versetzte, ist geloest.
Ich bin jetzt fuer eine Zeitlang, naemlich so lange bis ich den Faden der
Rede wiedergefunden habe, in keiner Weise gespannt. Und die Loesung war
eine ploetzliche. Dennoch braucht darin gar nichts Komisches zu liegen. Es
fehlt eben die Bedingung. Es zergeht nicht ein Bedeutungsvolles in sich
selbst. Es offenbart sich nicht ein Bedeutungsvolles als ein solches, dem
doch auch wiederum das Moment, durch das es bedeutungsvoll schien, nicht
zukommt.
POSITIVE BEDEUTUNG DER NEUHEIT.
Trotz dem, was im Vorstehenden gegen die Bedeutung der Neuheit als
solcher fuer die Komik gesagt wurde, ist doch _Heymans_' Betonung dieses
Momentes in gewissem Sinne durchaus berechtigt. Nicht nur in den Faellen,
an die im Vorstehenden gedacht war, sondern in allen Faellen der Komik ist
in gewissem Sinne die Neuheit ein entscheidender Faktor. Und zwar
durchaus im _Heymans_'schen Sinne. Das heisst, nicht sofern das Neue ein
Inhaltleeres ist, sondern sofern das Neue die Aufmerksamkeit auf sich
zieht.
Die Hautfarbe, sagte ich, habe als menschliche Hautfarbe eine besondere
Wuerde. Aber diese Wuerde pflegt fuer gewoehnlich wirkungslos zu bleiben. Wir
sehen tausendfach Menschen mit der uns _gewohnten_ Hautfarbe, also
derjenigen, der die Wuerde menschliche Hautfarbe zu sein in unseren Augen
am sichersten zukommt, ohne dass wir doch davon einen besonderen Eindruck
erfahren. Die Eindrucksfaehigkeit, oder die "Groesse" im psychologischen
Sinne, ist es aber, die allein fuer die Komik in Betracht kommt. Ihr
Zergehen bedingt die Komik. Wenn nun der Umstand, dass eine Farbe
menschliche Hautfarbe ist, so wenig Eindruck macht, wie kann dann gesagt
werden, dieser Umstand verleihe der schwarzen Hautfarbe
Eindrucksfaehigkeit oder Groesse, und das Zergehen dieser Groesse bedinge
die Komik?
Auf diesen Einwand, den ich mir hier selbst mache, habe ich
andeutungsweise bereits frueher geantwortet. Ich sagte: Nicht darauf komme
es an, ob die Hautfarbe ueberhaupt, sondern darauf, ob sie in dem
gegebenen Falle als ein Grosses erscheine oder als solches in uns wirke.
Und dies thut die schwarze Hautfarbe, eben weil sie schwarze Hautfarbe,
d. h. ungewohnte oder neue Hautfarbe ist. Ich koennte statt dessen auch
sagen, weil sie komische Hautfarbe ist.
Damit erscheint meine Theorie des Komischen in einem fast komischen
Lichte. Die schwarze Hautfarbe, so sagte ich vorhin, erscheine,
wenigstens dem Kinde und dem Naiven, bedeutsam als Hautfarbe, nichtig als
schwarze Hautfarbe. Jetzt sage ich, sie habe, abgesehen von ihrer
Schwaerze, keine Eindrucksfaehigkeit, gewinne dagegen Groesse als schwarze
Hautfarbe. Oder gar: Ich erklaerte die Komik der schwarzen Hautfarbe
daraus, dass sie als Hautfarbe eine psychische Eindrucksfaehigkeit
besitze. Jetzt sage ich, sie habe ihre Eindrucksfaehigkeit eben als
komische Hautfarbe. Dort scheint ein Widerspruch, hier ein Zirkel
vorzuliegen.
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