Komik und Humor by Theodor Lipps
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Theodor Lipps >> Komik und Humor
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Um diesen uebeln Schein von mir abzuwaelzen, muss ich mich etwas tiefer in
psychologische Thatsachen einlassen. Schliesslich fuehren psychologische
Einzelprobleme immer ziemlich tief in die Psychologie hinein, sodass im
Grunde kein psychologisches Problem isoliert sich behandeln laesst.
Es bleibt dabei, die menschliche Hautfarbe, oder, sagen wir lieber, die
menschliche Koerperoberflaeche, so wie, und soweit wir sie im allgemeinen
wahrzunehmen pflegen, ist uns eine recht gleichgueltige Sache geworden.
Auf die Frage, wie dies zugehe, wird jeder antworten, das mache die
Gewohntheit dieses Anblickes oder die Haeufigkeit der Wahrnehmung.
Aber wie kann diese eine solche Wirkung thun? Darauf sind zwei Antworten
moeglich. Die eine ist ebenso ueblich, wie psychologisch unmoeglich: Unsere
Aufmerksamkeit werde auf das Gewohnte weniger hingelenkt. Diese
Behauptung muss in ihr Gegenteil verkehrt werden. Je gewohnter etwas ist,
d. h. je haeufiger wir uns ihm innerlich zugewendet haben, um so leichter
muessen wir uns ihm innerlich zuwenden.
Aber diese Leichtigkeit der Zuwendung hat auch ihre Kehrseite. So oft
sich,--ich gebrauche hier geflissentlich einen anderen Ausdruck, als
soeben,--die psychische "Bewegung" einem Wahrnehmungsobjekte zugekehrt
hat, so oft hat sie sich auch wiederum von ihm abgewendet. Und wie aus
jener haeufigen Zuwendung eine Leichtigkeit der Zuwendung, so ergiebt sich
aus dieser haeufigen Abwendung oder diesem haeufigen Fortgang zu anderen
psychischen Inhalten eine Leichtigkeit der Abwendung oder des Fortganges.
Es entsteht das, was ich als psychische "Abflusstendenz" zu bezeichnen
pflege. Je zahlreicher und tiefer die associativen Abflusskanaele werden,
um so weniger kann die fragliche Wahrnehmung als ein Halt- oder gar
Mittelpunkt der psychischen Bewegung sich darstellen, um so mehr sinkt
sie zu einem blossen Durchgangspunkt fuer den Strom des psychischen
Geschehens herab. Die Wahrnehmung gewinnt keine "psychische Hoehe" mehr.
Der Wellenberg, den sie, abgesehen von der Abflusstendenz,
respraesentieren wuerde, hat sich geebbt. Oder ohne Bild gesprochen, die
Wahrnehmung ist nicht mehr Gegenstand der "Aufmerksamkeit", d. h. es wird
in ihr kein erhebliches Mass der allgemeinen psychischen Kraft mehr
lebendig oder aktuell. Eben damit buesst die Wahrnehmung auch ihre
psychische Wirkungsfaehigkeit ein, vor allem auch ihre Gefuehlswirkung. Mit
einem Worte, sie ist relativ gleichgueltig geworden. Fuer das Genauere
verweise ich wiederum auf meine "Grundthatsachen des Seelenlebens." Ich
bemerke noch, dass diese Theorie der Abflusstendenz, und die Erklaerung
der sogenannten abstumpfenden oder ermuedenden Wirkung der Gewohnheit auf
Grund derselben, bisher wenig Aufnahme gefunden hat. Um so mehr Aufnahme
wird sie finden muessen, wenn nicht mannigfache psychische Thatsachen
unverstaendlich bleiben sollen.
Aber auch das Gesetz der Abflusstendenz hat wiederum seine Kehrseite. Es
giebt ein Gesetz der "psychischen Stauung". Auch hierfuer wiederum
verweise ich auf das eben citierte Werk. Ich begnuege mich hier das
fragliche Gesetz in folgender Weise zu formulieren: Ist ein Objekt ein
gewohntes, d. h. in das Gewebe unserer Vorstellungen so hineinverwebt,
dass die psychische Bewegung einerseits zwar zu ihm mit besonderer
Leichtigkeit hinfliesst, andererseits aber zugleich auch wiederum ebenso
leicht von ihm abfliesst, und wird nun dieser Fluss des Geschehens in
seinem gewohnten Ablaufe dadurch gestoert, dass das fragliche Objekt, sei
es in seiner Beschaffenheit, sei es hinsichtlich seiner Beziehung zu
anderen Objekten eine Aenderung erfaehrt, so entsteht an dem Objekt eine
psychische Stauung, d. h. die psychische Bewegung oder die aktuelle
psychische Kraft konzentriert sich auf das Objekt. Die Folge ist, dass
dies Objekt, das vorher nur Durchgangspunkt der psychischen Bewegung war,
jetzt von dieser Bewegung emporgehoben wird, oder in groesserem oder
geringerem Grade als Traeger der ganzen aktuellen psychischen Kraft sich
darstellt, die es zu gewinnen seiner Natur nach geeignet ist. Damit
gewinnt es zugleich die entsprechende psychische Wirkungsfaehigkeit,
insbesondere seine natuerliche Gefuehlswirkung wieder. Es hat aufgehoert,
gleichgueltig zu sein. Es ist hinsichtlich seiner psychischen Stellung und
Bedeutung kein Gewohntes mehr, sondern ist zu einem Neuen geworden.
Uebertragen wir dies auf unseren Fall. Dann ist damit dies gesagt: Die
menschliche Koerperoberflaeche wird durch den Umstand, dass sie in neuer
Farbe erscheint, selbst, ihrer psychischen Wirkung nach, eine neue. Dass
heisst, sie uebt wiederum die psychische Wirkung, die ihr an sich zukommt.
Sie ist nicht nur objektiv ein "Grosses", sondern sie ist auch wiederum
im psychologischen Sinne ein solches geworden. Damit wird zugleich die
Farbe dieser Koerperoberflaeche als Farbe dieses Grossen oder Bedeutsamen
zu etwas Grossem oder Bedeutsamen. Dass die "Groesse" der Koerperoberflaeche
in dem Leben besteht, was in ihr und hinter ihr waltet, und dass die
Farbe Groesse gewinnt, indem sie als Farbe der Koerperoberflaeche an dieser
Groesse teilnimmt, betone ich nicht noch einmal.
Damit loest sich der oben bezeichnete scheinbare Widerspruch: Wir koennten
freilich ihn zunaechst noch in gewisser Weise verschaerfen. Die Negerfarbe
gewinnt ihre Bedeutung, d. h. ihre psychische Wirkung als ungewohnte oder
neue. Und sie verliert ebenso diese Bedeutung als ungewohnte oder neue.
Aber dies "als ungewohnte oder neue" hat in beiden Faellen einen
verschiedenen Sinn. Nicht die neue oder ungewohnte _schwarze Farbe_
gewinnt die Bedeutung, sondern die in dieser neuen "Beleuchtung"
erscheinende _Koerperoberflaeche_ gewinnt dieselbe; und daran nimmt die
schwarze Farbe als Farbe dieser Koerperoberflaeche Teil. Dann aber verliert
die schwarze Farbe diese Bedeutung wiederum, weil sie eine neue oder
ungewohnte ist, d. h. weil wir noch nicht gewohnt sind, sie als Farbe des
Koerpers zu betrachten und zu bewerten. Oder kuerzer gesagt, die schwarze
Farbe erscheint bedeutsam als Farbe der _Koerperoberflaeche_, die
ihrerseits durch diese _neue_ Farbe ihre urspruengliche Bedeutsamkeit
wiedergewonnen hat. Sie erscheint dann bedeutungslos oder nichtig als
_schwarze_ Farbe, sofern diese als neue Farbe an der Bedeutung der
Koerperoberflaeche Anteil zu nehmen kein Recht hat. Aus diesem Gegensatze
entspringt die Komik.
Analoges nun gilt mehr oder minder in allen Faellen der Komik; bei aller
Komik gilt in gewisser Weise unser Paradoxon: Alles Komische gewinnt und
verliert zugleich seine psychische Wirkung dadurch, dass es ein Neues,
Ungewohntes, Seltsames ist. Das heisst, bei allem Komischen gewinnt ein
an sich Bedeutsames die Faehigkeit seiner Bedeutsamkeit entsprechend uns
in Anspruch zu nehmen ganz oder teilweise dadurch, dass es in seltsamer
Beleuchtung erscheint. Und bei allem Komischen zergeht diese Wirkung in
uns, wenn wir auf dasjenige achten, was das Komische in diese seltsame
Beleuchtung rueckt. Verspricht jemand viel und leistet wenig, so wird eben
durch die geringe Leistung unsere Aufmerksamkeit erst recht auf die
grossen Versprechungen hingelenkt. Sie sind jetzt mehr als sonst eine
anspruchsvolle, d. h. uns in Anspruch nehmende Sache. Eben damit ist auch
die geringfuegige Leistung als scheinbare Erfuellung dieser Versprechungen
eine anspruchsvolle Sache geworden. Dieser Anspruch zergeht aber, wenn
uns die Leistung als das, was sie an sich ist, zum Bewusstsein kommt. In
diesem Sinne ist auch hier die Neuheit, d. h. die Seltsamkeit oder
Abnormitaet das die "Aufmerksamkeit" Spannende und zugleich das sie
Loesende.
"VERBLUEFFUNG" UND "VERSTAENDNIS".
Hiermit gelange ich wiederum zu _Heymans_ zurueck. Was ich hier oben
andeutete, ist auch _Heymans_ aufgefallen. Er drueckt es nur in etwas
anderer Weise aus und kommt so zu einem neuen scheinbaren Einwand gegen
meine Theorie der Komik. Nicht in allen, aber in gewissen Fallen der
Komik, meint er, verhalte sich die Sache so, dass ein Raetselhaftes,
Unbegreifliches ein Gefuehl der Verwunderung oder des Staunens wecke, die
Aufmerksamkeit fessle, waehrend ein schnell aufleuchtendes, an sich kein
weiteres Interesse bietendes "Verstaendnis" die Entspannung zu wege
bringe. Hiermit tritt _Heymans_ scheinbar in unmittelbaren Widerspruch zu
meiner Theorie. Ich habe diese Theorie gelegentlich auch so formuliert,
dass ich sagte, die Komik entstehe, indem ein Sinnvolles sich fuer uns in
ein Sinnloses verwandelt. Das Sinnvolle nimmt uns in Anspruch oder spannt
die Aufmerksamkeit, die Sinnlosigkeit bringt die Loesung. Diesen
Sachverhalt scheint Heymans umzukehren. Das Unbegreifliche, also fuer uns
Sinnlose spannt die Aufmerksamkeit, die Loesung ist da, indem die
Sinnlosigkeit verschwindet und das Verstaendnis, also die Einsicht in den
Sinn der Sache sich einstellt.
In Wahrheit ist, was Heymans sagt, lediglich die besondere Hervorhebung
eines Momentes im Prozess der Komik, und zwar eines Momentes, das ich im
Obigen ausdruecklich anerkannt habe. Ein Unterschied zwischen _Heymans_
und mir besteht zunaechst nur insofern, als ich, was _Heymans_ fuer
bestimmte Faelle der Komik vermeintlich gegen mich einwendet,
verallgemeinere, d. h. als fuer alle Komik mehr oder weniger zutreffend
anerkenne.
Dann freilich laesst sich _Heymans_ durch einseitige Hervorhebung jenes
Momentes zu Wendungen verleiten, die eine wirkliche Korrektur meiner
Theorie in sich zu schliessen scheinen. Auch hier aber loest sich der
scheinbare Gegensatz leicht, wenn wir _Heymans_' Aufstellungen genauer
analysieren oder eine darin liegende Zweideutigkeit beseitigen.
Das Raetselhafte, sagt _Heymans_, spannt die Aufmerksamkeit oder, mit
einem anderen, Andruck, es "verbluefft". Statt dessen sagte ich oben: Die
Neuheit, Ungewohntheit, Abnormitaet, das Seltsame des Komischen laesst erst
seine Bedeutsamkeit, sei es ueberhaupt, sei es vollstaendig, zur Wirkung
kommen. Auch damit ist eine Spannung der Aufmerksamkeit bezeichnet. Aber
diese Spannung der Aufmerksamkeit ist mit _Heymans_' "Verblueffung" nicht
ohne weiteres identisch.
Dies wird verstaendlich, wenn wir in jener Verblueffung zwei Momente
unterscheiden. Einmal die einfache Verblueffung, d. h. das erstaunte
Haltmachen bei der Seltsamkeit, etwa das erstaunte Haltmachen bei der
geringen Leistung des Grosssprechers; die Frage: Was soll das heissen.
Diese erste, voellig verstaendnislose Verblueffung ist nicht die Spannung
der Aufmerksamkeit, von der ich sage, ihr Zergehen erzeuge die Komik.
Und sie kann es nicht sein. Damit komme ich bereits auf den Punkt, in dem
ich _Heymans_ entgegentreten muss. _Heymans_ meint, er koenne sich--gegen
mich--"einfach auf das Zeugnis der Selbstwahrnehmung berufen", nach
welchem in gewissen Faellen der Komik "sich deutlich die beiden Stadien
des verbluefften Erstaunens und des aufleuchtenden Verstaendnisses, mit
letzterem gleichzeitig aber die komische Gefuehlserregung feststellen
laesst." Diese beiden Stadien leugne ich, nach Obigem, nicht, sondern
erkenne sie, und zwar fuer alle Faelle der Komik an. Aber ich leugne, dass
jede Verblueffung, der ein aufleuchtendes Verstaendnis folgt, ein Gefuehl
der Komik ergiebt. Die Komik stellt in Wahrheit nur dann sich ein, wenn
jene Verblueffung zugleich ein Moment in sich schliesst, das mehr ist als
blosse Verblueffung, naemlich Sammlung, Spannung der Aufmerksamkeit durch
ein Bedeutsames oder scheinbar Sinnvolles; und die Komik ergiebt sich
nicht aus der Loesung der Verblueffung ueberhaupt, sondern aus der Loesung
dieses zweiten Momentes der Verblueffung oder dieser besonders gearteten
Spannung.
So wie die geringfuegige Leistung des Grosssprechers mich verbluefft, so
verbluefft mich auch der Satz, der durch Ausfall eines Wortes sinnlos
geworden ist. Nehmen wir an, darauf folge sofort das aufleuchtende
Verstaendnis: Ich sehe, welches Wort ausgefallen ist. Ich ergaenze es also,
und verstehe den Satz. Ich sage: Das also ist gemeint. Ein solches
Erlebnis ist nicht komisch.
Dagegen wuerde der Ausfall des Wortes komisch, wenn sich daraus ein neuer
Sinn ergaebe. Wir wollen annehmen, der neue Sinn leuchte unmittelbar ein,
werde aber auch sofort als unmoeglich gemeint, also als Unsinn erkannt.
Hier ist auf das erste Stadium der Verblueffung ein zweites gefolgt, auf
die Verblueffung ueber den Unsinn die Verblueffung ueber den scheinbaren
Sinn, auf das einfache Stillestehen der psychischen Bewegung, ein sich
Konzentrieren derselben auf einen bestimmten Vorstellungszusammenhang,
naemlich denjenigen, dessen Vernichtung nachher die Komik ergiebt. So
gewiss aus der unmittelbaren Loesung des ersten Stadiums, der in jedem
Sinn verstaendnislosen Verblueffung, durch das aufleuchtende Verstaendnis
die Komik sich _nicht_ ergiebt, so gewiss folgt sie _hieraus_.
Ein solches zweites Stadium der Verblueffung, oder eine solche Sammlung
oder Konzentration der Aufmerksamkeit findet nun in aller Komik statt.
Wie gesagt: Die geringe Leistung nach grossen Versprechungen "verbluefft";
dann aber folgt die Spannung der Aufmerksamkeit durch die scheinbare
Erfuellung der Versprechungen. Auf die verblueffte Frage: Was soll das
heissen? folgt die verblueffte Antwort: Das also ist die Erfuellung der
grossen Versprechungen. Und daran erst schliesst sich die Einsicht. Ich
"verstehe", d. h. ich erkenne den Grosssprecher als leeren Grosssprecher.
Bei einem solchen ist die geringe Leistung ganz in der Ordnung. Was ich
erlebe ist gar nichts, d. h. nichts, das meiner Aufmerksamkeit wert waere.
Ich habe hier in dem Stadium, das _Heymans_ als Stadium der _Verblueffung_
bezeichnet, zwei Stadien unterschieden. Man sieht aber, das zweite
Stadium der Verblueffung kann ebensowohl als erstes Stadium des
Verstaendnisses bezeichnet werden. Es ist das Stadium des verblueffenden
Verstaendnisses, des verblueffenden Sinnes oder scheinbaren Sinnes,
allgemeiner gesagt, der verblueffenden Groesse oder Scheingroesse eines
Objektes, das dann doch seiner Groesse in unseren Augen wieder verlustig
geht.
Damit ist der scheinbare Gegensatz zwischen Heymans und mir geloest. Auch
er hat mich erst verbluefft, dann sah ich die Scheingroesse, die sich aus
der scheinbaren Identitaet der _Heymans_'schen "Verblueffung" mit meiner
"Spannung der Aufmerksamkeit durch ein Scheingrosses" ergab, d. h. die
Einsicht, dass Verblueffung und Verblueffung zweierlei sei, und demgemaess
_Heymans_' Einwand mich nicht treffe.
Die Beispiele, die _Heymans_ anfuehrt, um seinem Einwand Kraft zu geben,
sind der Hauptsache nach dem Gebiete des Witzes entnommen. Insoweit
gehoeren sie nicht hierher. Schliesslich aber weist er auf einen Fall hin,
der dem Gebiete der objektiven Komik angehoert. Auch dieser widerspricht
doch meiner Theorie keineswegs.
"Ein auf einer Zwischenstation ausgestiegener Reisender antwortet auf die
dringende Aufforderung des Schaffners einzusteigen immer nur mit der
flehentlichen Bitte ihm zu sagen, in welchem Jahre Amerika entdeckt
worden sei. Indessen faehrt der Zug ab. Endlich stellt sich heraus, dass
das Kompartiment, in welchem der Reisende seine Sachen zurueckgelassen
hat, die Nummer 1492 fuehrt, und dass ein Mitreisender ihm gesagt hat, er
solle, um diese Nummer nicht zu vergessen, nur an die Jahreszahl der
Entdeckung Amerikas denken". Hier meint _Heymans_, ist die Handlungsweise
des Reisenden, dem man zu langen Erklaerungen keine Zeit laesst, keineswegs
objektiv unzweckmaessig, aber sie scheint es in hoechstem Grade zu sein, und
wird darum zuerst als unbegreiflich, dann nachdem die Sache sich
aufgeklaert hat, als komisch empfunden. Mir scheint, dass in diesem
komplizierten Falle verschiedene Momente der Komik unterschieden werden
muessen. Der Reisende wird schon vor der Aufklaerung der Sache komisch,
weil er als ausgewachsener Mensch, von dem man ein zweckmaessiges
Verhalten "erwartet", den Zug mit seinem Gepaeck wegfahren laesst, und sich
statt um seine Reise, um die Entdeckung Amerikas Sorge macht. Dazu tritt
dann ein zweites Moment, das allerdings erst nach der Aufklaerung zur
Wirkung gelangt. Man sieht jetzt, dass der Reisende Grund hatte nach dem
Jahre der Entdeckung Amerikas zu fragen. Oder vielmehr: es scheint fuer
einen Augenblick die Frage darnach sinnvoll. Dann aber erscheint das
ganze Verhalten des Menschen sinnlos. Sich eine Zahl nach der Jahreszahl
eines historischen Ereignisses zu merken hat natuerlich nur Sinn, wenn man
diese Jahreszahl kennt.
Hiermit meine ich alle Punkte des Gegensatzes zwischen _Heymans_ und mir
aufgeklaert zu haben. Ich werde auf _Heymans_ noch einmal, naemlich bei der
Betrachtung des Witzes und der genaueren Darlegung der Art, wie bei ihm
das Gefuehl der Komik zu stande kommt, zurueckkommen muessen. Einstweilen
nehme ich von _Heymans_' wertvollen Winken Abschied.
VI. KAPITEL. DIE SUBJEKTIVE KOMIK ODER DER WITZ.
ABGRENZUNG DER SUBJEKTIVEN KOMIK.
Wir haben im Obigen die ausdrueckliche Abgrenzung der objektiven Komik von
den sonstigen Gattungen der Komik unterlassen. Beim Witze koennen wir
diese Abgrenzung sofort zu vollziehen versuchen.
Dabei muessen wir zunaechst unterscheiden zwischen dem Witz als Eigenschaft
und dem Witz als Vorgang oder Leistung, dem Witz, den der Witzige _hat_,
und demjenigen, den er _macht_. Wenn _Vischer_ gelegentlich den Witz
definiert als die Fertigkeit mit ueberraschender Schnelle mehrere
Vorstellungen, die nach ihrem inneren Gehalt und dem Nexus, dem sie
angehoeren, einander eigentlich fremd sind, zu einer zu verbinden, so
koennen wir uns diese Definition nicht aneignen, weil sie sich auf den
Witz bezieht, den der Witzige _hat_.
Aber auch der Begriff des Witzes, der gemacht wird, laesst sich
verschieden fassen. Wenn jemand stolz auftritt und ueber eine Kleinigkeit
stolpert, so wird er Objekt der Komik. Wenn ich ihm das Hindernis _in den
Weg werfe_, so mache ich einen, wenn auch vielleicht recht schlechten
"Witz". So heisst ueberhaupt Witz jedes bewusste und geschickte
Hervorrufen der Komik, sei es der Komik der Anschauung oder der
Situation. Natuerlich koennen wir auch diesen Begriff des Witzes hier nicht
brauchen. Eines und dasselbe waere ein Fall der Anschauungs- oder
Situations-Komik und ein Witz, je nachdem wir den komischen Thatbestand
einfach fuer sich ins Auge fassten, oder zugleich auf seine Verursachung
achteten. Wir wollen aber ja hier unter dem Namen des Witzes Faelle
zusammenfassen, die _neben_ den Faellen den Anschauungs- und
Situations-Komik stehen.
Ein wesentliches Merkmal fuer den Begriff des Witzes, wie wir ihn
brauchen, haben wir indessen damit doch schon gewonnen. Gegenstand der
Anschauungskomik _wird_ man, in die Situationskomik _geraet_ man, den Witz
_macht_ man. Man macht ihn, d. h. die selbstbewusste Persoenlichkeit macht
ihn. Der Witz ist eine Art der Aktivitaet oder Betaetigung dieser
Persoenlichkeit. Vereinigen wir damit, dass wir nach oben Gesagtem auch
das, sei es noch so selbstbewusste Hervorrufen der Anschauungs- und
Situationskomik, bei der doch die Komik nur eben an dem angeschauten
Objekt oder der Situation haftet, nicht als Witz bezeichnen wollen, so
kann sich eine wenigstens vorlaeufige Abgrenzung dieses Begriffes ergeben.
Meine Vorstellungen und Vorstellungsverbindungen, meine Willensakte und
Wertschaetzungen, das sind die Arten meiner Persoenlichkeit sich zu
bethaetigen. An ihnen also, oder vielmehr, da jene inneren Vorgaenge fuer
andere nicht Gegenstaende der Wahrnehmung sind, an den Worten, Handlungen
und Gebaerden, in welchen sie zu Tage treten, wird die Komik des Witzes,
den ich mache, haften muessen; und sie wird an den Worten, Handlungen und
Gebaerden haften muessen, _sofern_ und lediglich sofern sie einer
persoenlichen Aktivitaet oder Leistung zum Ausdruck dienen. Aktivitaet oder
"Leistung", so sage ich hier mit Bedacht. Auch in der ungeschickten und
in ihrer Ungeschicktheit komischen Bemerkung, die ich mir zu Schulden
kommen lasse, bin ich aktiv. Aber dies ist nicht die Aktivitaet, die ich
hier meine. Ich mache die Bemerkung, aber ich "mache" nicht die ihr
anhaftende Komik. Eben insofern die Bemerkung komisch ist, erscheint sie
nicht als Ausfluss meines positiven Koennens, sondern meines Unvermoegens,
ich bringe damit nichts zuwege, sondern unterliege einer Schranke meines
Wesens. Ich erscheine darum trotz aller Thaetigkeit als Gegenstand der
Anschauungs- oder Situationskomik, nicht als Urheber eine Witzes.
Andererseits muss mit der Forderung Ernst gemacht werden, dass die Komik
eben an der Aktivitaet _hafte_. Ich mache Anstrengungen, um ueber ein
hochgespanntes Seil zu springen, im letzten Momente aber schluepfe ich
unten durch, nicht aus Unvermoegen, sondern um die Zuschauer zu
belustigen. Hier bin ich durchaus aktiv und ueberlegen, aber die Komik
haftet nicht unmittelbar daran. Meinem Thun liegt thatsaechlich kein
Unvermoegen zu Grunde, aber das Gefuehl der Komik entsteht doch nur aus dem
Schein des Unvermoegens, den ich mit Absicht erzeuge. Ich werde nicht
durch irgendwelche Naturnotwendigkeit, und kein anderer wird durch mich
_Gegenstand_ der Komik, aber ich mache mich selbst dazu. Ich werde es
freiwillig, aber ich werde es fuer den Augenblick thatsaechlich.
Daraus ergiebt sich die vorlaeufige Abgrenzung des Witzes, die wir suchen.
Sie ist die Komik, die wir hervorbringen, die an unserm Thun als solchem
haftet, zu der wir uns durchweg als darueberstehendes Subjekt, niemals als
Objekt, auch nicht als freiwilliges Objekt verhalten. Oder kuerzer gesagt:
sie ist die durchaus subjektive Komik. Im Gegensatz dazu duerfen wir die
im vorigen Abschnitt gemeinte und besprochene Komik, wie wir schon gethan
haben, als objektive bezeichnen.
Jene Abgrenzung des Witzes trifft mit derjenigen zusammen, die in der
wissenschaftlichen Aesthetik thatsaechlich vorausgesetzt zu werden pflegt.
Indem wir den Witz als "subjektive" von der "objektiven" Komik
unterscheiden, stimmen wir wenigstens mit _Vischer_ auch im Ausdruck
ueberein.--Dagegen sind die vorhandenen Antworten auf die Frage nach dem
Wesen des Witzes teilweise voellig ungenuegend.
VERSCHIEDENE THEORIEN.
Ich erwaehne wiederum in erster Linie denjenigen Psychologen der Komik,
der sich von der Wahrheit am weitesten entfernt haelt. Wie wir sahen, geht
_Hecker_'s Bestimmung der Komik ueberhaupt aus von der Betrachtung des
Gefuehls der Komik, das er als beschleunigten Wettstreit der Gefuehle der
Lust und Unlust bezeichnet. Beim Witze nun entsteht fuer ihn "die Unlust
wie die Lust aus zwei Vorstellungen, deren Unvereinbarkeit und doch
wiederum moegliche Vereinbarkeit miteinander die Quelle der Gefuehle
bildet."
Diese Erklaerung ist vor allem nicht allzu ernst gemeint. An Stelle der
unvereinbaren Vorstellungen treten spaeter solche, die nichts miteinander
zu thun haben, d. h. thatsaechlich in keinem Verhaeltnis unmittelbarer
Zusammengehoerigkeit stehen. Und zu diesen gesellen sich dann solche, die
zugestandenermassen ziemlich viel miteinander zu thun haben. Ueberhaupt
wandeln sich die _Hecker_'schen Bedingungen des Witzes von Fall zu Fall,
bis schliesslich von der urspruenglichen Formel herzlich wenig mehr uebrig
bleibt. Natuerlich verfolge ich diese Wandlungen nicht. Es genuegt die
Bemerkung, dass nach _Hecker_ schliesslich jede zweifelhafte Aussage, jede
Annahme, die durch Thatsachen gestuetzt wird, waehrend andere Thatsachen
widersprechen, jede halbwahre Theorie, ja jede thoerichte Rede, der wir
den wahren Sachverhalt "substituieren", witzig heissen muesste. Als ganz
besonders witzig muesste seine eigene Theorie des Witzes und der Komik
ueberhaupt gelten, in der mit mancherlei Ansaetzen und Elementen zu einer
richtigen Anschauung so viel Unzutreffendes so eng verbunden ist.
Mit _Hecker_'s Erklaerung ist die _Kraepelin_'s verwandt. Fuer ihn ist der
Witz die "willkuerliche Verbindung oder Verknuepfung[1] zweier miteinander
in irgend einer Weise kontrastierender Vorstellungen, zumeist durch das
Hilfsmittel der sprachlichen Association". Es muss, so sagt er nachher,
irgend ein Band zwischen den Vorstellungen, es muessen associative
Beziehungen zwischen ihnen existieren, welche diese Verknuepfung
gestatten. Andererseits muss aber die Nichtzusammengehoerigkeit derselben
klar und scharf genug ins Auge springen, dass eine Kontrastwirkung zur
Entwicklung gelangen kann.
[1] So, und nicht "Erzeugung" muss es ohne Zweifel an der betreffenden
Stelle heissen.
Diese Erklaerung leidet an mehreren Fehlern. Sie stimmt nicht mit den
nachfolgenden naeheren Bestimmungen; sie ist vieldeutig; man mag sie
drehen wie man will, so schliesst sie Dinge ein, die mit dem Witze nichts
zu thun haben; sie schliesst andererseits Gattungen von Vorgaengen aus,
die thatsaechlich dem Witze zugehoeren. Sie steht endlich in direktem
Widerspruch mit einzelnen ausdruecklich angefuehrten Faellen des Witzes.
Nur auf zwei Punkte mache ich hier gleich aufmerksam. Der Witz soll eine
_willkuerliche_ Verbindung von Vorstellungen sein. Gleich nachher wird von
Witzen gesprochen, die nicht der bewusst absichtsvollen Komik angehoeren,
sondern unbewusst sind. Ich denke aber, wo das Bewusstsein aufhoert, ist
nach gemeinem Sprachgebrauch auch von Willkuer nicht mehr die Rede.
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